_=Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu auf seine öffentliche
Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt
handelt.
Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich zusammen.
Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches Reich gepredigt hätte,
wäre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias
kenntlich zu machen; er hätte damit beginnen müssen, sich vor dem Volk
als Messias zu legitimieren.
Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollständig
ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias
zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_
Wenn Jesus dennoch messianische Ansprüche hatte, so lag dieser
Gedanke dem Volk vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss
auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die
Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.
Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die
Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit in der
dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei der Aussendung an,
dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Städten Israels
zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk
das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen
des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von
dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner
Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_).
Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi und der
Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche Beziehung
zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach,
statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben für
die Hörer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war,
_=der Menschensohn=_, zwei vollständig verschiedene Persönlichkeiten.
Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der
ihn verkündigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt
seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine Predigt des Reiches
Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkündiger des Kommens des
Menschensohnes, unter allen Umständen bekennt, der wird am Gerichtstag
als zum Reich gehörig erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott
und vor dem Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt
10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm
nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u.
_-38-_). Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht
entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk
10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für ihn einstehen,
damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden werde. Doch hofft er von
der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum
Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht
für ihn eintreten kann, nicht sicher ist, »das ewige Leben zu ererben«
(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft
sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h.
bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehören (Mk 8 _-37-_). Darum
preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um
seinetwillen Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie
die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt
sind (Mt 5 _-11-_ f.).
Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität zwischen
Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rätsel,
denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er
kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu
sein. Anders war es für das Volk und die Jünger vor der Offenbarung
zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so
selbstbewussten, souveränen Weise den Menschensohn mit ihm selbst für
absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk
zur Reflexion über seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen
Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen
Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche
sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses
Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen
Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? Nur
_=einer=_ Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für sich
in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorläufer=_; denn seine
Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon
und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafür, Jesus sei
der Elias. Darin sprach sich die höchste Würdigung aus, welche seine
Persönlichkeit den Massen abnötigen konnte. Es handelte sich dabei
nicht um eines der in der sekundären evangelischen Geschichtserzählung
so beliebten Missverständnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu
Auftreten und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil über ihn
kommen.