2. Jesus der Elias, durch die Solidarität mit dem Menschensohn.

_=Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu auf seine öffentliche

Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt

handelt.

Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich zusammen.

Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches Reich gepredigt hätte,

wäre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias

kenntlich zu machen; er hätte damit beginnen müssen, sich vor dem Volk

als Messias zu legitimieren.

Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollständig

ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias

zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_

Wenn Jesus dennoch messianische Ansprüche hatte, so lag dieser

Gedanke dem Volk vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss

auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die

Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.

Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die

Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit in der

dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei der Aussendung an,

dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Städten Israels

zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk

das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen

des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von

dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner

Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_).

Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi und der

Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche Beziehung

zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach,

statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben für

die Hörer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war,

_=der Menschensohn=_, zwei vollständig verschiedene Persönlichkeiten.

Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der

ihn verkündigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt

seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine Predigt des Reiches

Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkündiger des Kommens des

Menschensohnes, unter allen Umständen bekennt, der wird am Gerichtstag

als zum Reich gehörig erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott

und vor dem Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt

10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm

nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u.

_-38-_). Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht

entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk

10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für ihn einstehen,

damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden werde. Doch hofft er von

der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum

Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht

für ihn eintreten kann, nicht sicher ist, »das ewige Leben zu ererben«

(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft

sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h.

bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehören (Mk 8 _-37-_). Darum

preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um

seinetwillen Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie

die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt

sind (Mt 5 _-11-_ f.).

Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität zwischen

Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rätsel,

denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er

kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu

sein. Anders war es für das Volk und die Jünger vor der Offenbarung

zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so

selbstbewussten, souveränen Weise den Menschensohn mit ihm selbst für

absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk

zur Reflexion über seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen

Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen

Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche

sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses

Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen

Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? Nur

_=einer=_ Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für sich

in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorläufer=_; denn seine

Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon

und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafür, Jesus sei

der Elias. Darin sprach sich die höchste Würdigung aus, welche seine

Persönlichkeit den Massen abnötigen konnte. Es handelte sich dabei

nicht um eines der in der sekundären evangelischen Geschichtserzählung

so beliebten Missverständnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu

Auftreten und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil über ihn

kommen.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 47 / 67 题