Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des
Messianitätsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Cäsarea Philippi
offenbart er den Jüngern sein Geheimnis. Oeffentlich bekennt er sich
erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen Würde. Seiner
Predigt vom Reiche Gottes liegt also das Messianitätsbewusstsein zwar
zu Grunde. Bei den Zuhörern setzt er aber die Kenntnis der Stellung,
welche ihm zukommt, nicht voraus. _=Der Glaube, den er verlangt, hat
nichts mit seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf die
Botschaft von der Nähe des Reichs.=_ Erst der vierte Evangelist stellt
die Geschichte so dar, als handelte es sich um die Persönlichkeit Jesu.
Nun können wir nicht ermessen, inwieweit seine Würde für solche,
die ein aufgewecktes Verständnis hatten, in seiner Verkündigung
durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach der Aussendung hat
niemand im entferntesten daran gedacht, in ihm den Messias zu erkennen.
Bei Cäsarea Philippi antworten die Jünger ihm nur, dass das Volk ihn
für einen Propheten oder für den Vorläufer Elias halte, und sie selbst
wissen nicht anders. Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine
Kenntnis nicht aus dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen,
sondern er verdankt sie einer übernatürlichen Offenbarung.
Nach dieser Fundamentalthatsache müssen die synoptischen Notizen
beurteilt werden. _=Zuerst=_ stehen dazu eine Reihe matthäischer
Stellen in Spannung.
Mt 9 _-27-31-_, in der galiläischen Parallele zur Blindenheilung in
Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen Ort mit
dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die Warnung Jesu, »dass
es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt allerdings dunkel.
Mt 12 _-23-_ raunen sich die Leute nach einer wunderbaren Heilung zu,
ob das nicht der Davidssohn sei.
Mt 14 _-33-_ fallen die Jünger nach dem Erlebnis auf der See im Schiff
vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes Sohn.«
Mt 15 _-22-_ redet die Kananäerin ihn als den Davidssohn an, während
sie bei Markus ihm einfach zu Füssen fällt und um Hülfe bittet.
In allen diesen Stellen liegt matthäisches Sondergut vor, das einer
sekundären litterarischen Schicht angehört. Für die Geschichte Jesu
haben sie keine Bedeutung, wohl aber für die Geschichte der Geschichte
Jesu. Sie zeigen uns nämlich, wie die spätere Zeit immer mehr dazu kam,
sein Leben von der Voraussetzung aus darzustellen, dass nicht nur er
sich als Messias wusste, sondern dass auch die andern diesen Eindruck
von ihm hatten.
_=An zweiter Stelle=_ handelt es sich um die _=Anrede der
Dämonischen=_. Nach Mk 3 _-11-_ warfen sich die unreinen Geister, so
oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn
an (vgl. auch Mk 1 _-24-_ und Mk 5 _-7-_). Zwar wehrte er diesen Rufen
und gebot Schweigen. Hätten wir aber nicht die unumstösslich sichere
Kunde, dass während seiner ganzen galiläischen Wirksamkeit das Volk
nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet oder der Elias sei,
so müssten wir annehmen, dass diese Dämonenrufe die Leute auf seine
Würde irgendwie aufmerksam machten. So aber ersehen wir gerade aus der
Nichtbeachtung der Dämonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon
entfernt war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem
Teufel und dem irren Gerede Besessener?
_=An dritter Stelle=_ handelt es sich um den Ausdruck
»_=Menschensohn=_«. Hat Jesus ihn vor Cäsarea Philippi als
Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine
messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen Ausdruck
auf die Persönlichkeit der Endzeit beziehen.
Als Selbstbezeichnung _=vor=_ Cäsarea Philippi verwendet ihn Jesus
bei Markus zweimal (Mk 2 _-10-_ und 2 _-28-_) und in einer Reihe
matthäischer Sonderstellen (8 _-20-_, 11 _-19-_, 12 _-32-_, 12 _-40-_,
13 _-37-_ u. _-41-_ und 16 _-13-_). Auch für die Beurteilung dieser
Stellen muss man von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jünger
bei Cäsarea Philippi gegeben ist, ausgehen.
Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. Dann sind
diese Menschensohnstellen chronologisch verfrüht oder es handelt sich
um rein litterarische Erscheinungen.
Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann muss er es in
einer solchen Weise gethan haben, dass niemand auf den Gedanken kommen
konnte, er nehme die Würde des Daniel'schen Menschensohns für sich in
Anspruch.
Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die Jünger wissen
um sein Geheimnis, aber sie dürfen es niemand offenbaren. Wie steht es
aber mit dem Volk? War diesem jetzt eine Ahnung von der messianischen
Würde Jesu aufgegangen?
Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.
1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen dreht sich in
keiner Weise um die messianische Würde Jesu, sondern es handelt sich
um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. Man hat bisher viel zu wenig
Gewicht darauf gelegt, dass weder das Volk noch die Schriftgelehrten
irgendwie zu ihm als _=der messianischen Persönlichkeit=_ Stellung
nehmen. Wie ganz anders wären die jerusalemitischen Tage gewesen,
wenn es sich darum gehandelt hätte: ist er der Messias -- ist er es
nicht? Kann er es sein -- kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist
er nur die Autoritätsperson des galiläischen Volkes, vor welche die
Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger
Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorität zu
vernichten.
2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige Tage um
sich gehabt: vom Jordanübergang bis zu seinem Tode. Während dieser
Zeit hat er ihnen keine Eröffnung über seine Messianität gemacht,
auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen konnten und mussten.
Die gedungenen Zeugen wissen nichts derartiges vorzubringen. Das
Bemerkenswerte an ihrer Aussage, worauf man auch viel zu wenig Gewicht
zu legen geneigt ist, besteht ja gerade darin, _=dass sie ihn in keiner
Weise beschuldigen, Messias sein zu wollen=_. Für sie erschöpft sich
seine frevelhafte Prätention in dem respektwidrigen Ausspruch über
den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn die
gedungenen Ankläger in Jesu Reden messianische Anspielungen auf sich
selbst entdeckt hätten!
3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass er für das Volk
in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er in Galiläa gewesen: der
grosse Prophet oder der Vorläufer, in keiner Weise aber der Messias!
Damit vertragen sich aber zwei Thatsachen nicht.
Der Einzug in Jerusalem war -- der gewöhnlichen Auffassung zufolge --
_=eine messianische Ovation=_. Also musste das Volk die Würde Jesu
ahnen.
Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, _=ob er der Messias wäre=_.
Also wusste er um Jesu Ansprüche.
Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den
jerusalemitischen Tagen als messianischer Prätendent oder nicht? Man
darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man von einem
mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache redet. Das »Ahnen
der Messianität Jesu« ist eine moderne Erfindung. Eine Volksmasse
wäre nicht von dunkelm geheimnisvollem Ahnen hin- und herbewegt
worden, sondern es hätte sich um Glauben oder Nichtglauben gehandelt.
Wer dafür hielt, er sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und
Tod gehen, der Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafür hielt, solche
Prätention bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben,
den Gotteslästerer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.
Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafür, dass Volk und Pharisäer
in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen Prätentionen
beilegten, ebensowenig wie früher. Nur bleibt dann der Einzug in
Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, ein Rätsel, und ebenso
ist es unerklärlich, wie der Hohepriester darauf kommt, ihn nach seiner
Messianität zu fragen.
Entweder verhält es sich hiermit so, wie man gewöhnlich annimmt. Dann
muss man auf jedes geschichtliche Verständnis der letzten öffentlichen
Periode Jesu verzichten. Es geht nicht an, dass er am Anfang (Einzug in
Jerusalem) und am Ende derselben (Frage des Hohenpriesters vor Gericht)
für den Messias gehalten wurde, während die dazwischen liegenden
jerusalemitischen Tage davon nicht das geringste wissen.
Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters geschichtlich
missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen Prätendenten? Sprach
der Hohepriester in seiner Frage etwas aus, worum alle wussten? Hat er
die behauptete Messianität aus Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen
-- oder wusste er vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis
Jesu, das nur den Vertrauten seit Cäsarea Philippi bekannt war?
In seiner vollen Schwierigkeit erhält das Messianitätsproblem folgende
Formulierung: Wie war es möglich, dass Jesus sich von Anfang an als
Messias wusste und dennoch seine Messianität in seiner öffentlichen
Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick nicht zur Geltung kommen
liess? Wie konnte dem Volke auf die Dauer verborgen bleiben, dass diese
Reden vom messianischen Bewusstsein aus gesprochen waren? _=Jesus war
ein Messias, der es während seiner öffentlichen Wirksamkeit nicht sein
wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, um seine Mission
zu erfüllen! So stellt die Geschichte das Problem.=_