FUSSNOTE:

[1] Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.

Fünftes Kapitel.

Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.

In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal Gleichnisse

vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes (Mt 21 _-33-46-_). Die

königliche Hochzeit (Mt 22 _-1-14-_). Der wachende Knecht (Mt 24

_-42-47-_). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 _-1-13-_). Die anvertrauten

Pfunde (Mt 25 _-14-30-_).

Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom

Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind reine

_=Lehrgleichnisse=_, aus denen eine Moral zu ziehen ist. Das Reich

Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehörig erfunden

werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten darauf einrichten.

Dafür enthält aber die zweite Periode _=das Geheimnis des

Leidensgedankens=_. Wie wir gesehen haben, führen die Aussprüche Jesu

auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung zwischen dem Leiden und dem

Eintreten des Reichs, weil die Eschatologie und der Leidensgedanke

immer nebeneinander auftreten und die Zukunftserwartungen der Jünger

jedesmal durch seine Leidensankündigung aufs höchste gesteigert werden.

_=Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also das Geheimnis des

Reiches Gottes wieder auf und setzt es fort.=_ Zu der sittlichen

Erneuerung, welche dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge auf das

Eintreten des Reiches eine nötigende Gewalt ausübt, _=tritt die

sühnende Todesleistung Jesu hinzu=_. Sie vollendet die Busse derer,

die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus den

Gewaltthätigen, die das Reich herbeinötigen, zur Seite. Die Gewalt, die

er dabei anwendet, ist die denkbar höchste -- er gibt sein Leben hin.

Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses vom Reich

Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, von den andern

begriffen zu werden, als die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches

Gottes. Es handelt sich beidemal um eine nicht weiter zu ergründende

Thatsache.

Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und dem Geheimnis

des Reiches Gottes garantiert die Kontinuität in Jesu Gedankenwelt.

Alle Konstruktionen, die man unternommen hat in der Absicht, diese

Kontinuität herzustellen, waren unvermögend, das Geforderte zu leisten.

Die Aufnahme des Leidensgedankens bedeutete in allen Fällen eine

totale Veränderung seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber

den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses des

Reiches Gottes, so ist die Kontinuität natürlich gegeben. Der Gedanke

der übernatürlichen Herbeiführung des Reiches Gottes durchzieht Jesu

ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke nur die Formulierung desselben

in der zweiten Periode darstellt.

Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die Form des

Leidensgeheimnisses an?

Warum muss die Sühne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung und zur

Busse der reichsgläubigen Gemeinschaft hinzutreten?

Inwiefern kommt dem Sühnetod Jesu eine Einwirkung auf das Eintreten des

Reiches zu?

Sechstes Kapitel.

Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 45 / 67 题