7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.

»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller

möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört fortzusetzen,

ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa

verstossen möchte, sondern sie für sich allein, so viel man kann, wahr

und vollständig zu vollführen. Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt,

dass, wenn man diese Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der

Hälfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen

sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange

aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, bis es

vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen

zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rücksicht auf jene Lehren,

ohne Parteilichkeit und Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden

hatte[1].«

KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die

Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem

praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu zu seiner

Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen

Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei.

Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu

suchen und dafür seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in

den Hintergrund zu drängen. Entschliesst man sich aber, dieses in

unserem Wesen so tiefbegründete und so berechtigte Interesse für einen

Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie

zur Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die

Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die letztere

in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen

wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei

Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie

vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich

in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nämlich durchaus

modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die

religiös-sittliche Erneuerung hin, welche die Gläubigen leisten, das

Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist

also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_

Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser

ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb

eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte

Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den Endsieg des Guten

weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthält das Geheimnis

der christlichen Weltanschauung überhaupt. Die ethische Eschatologie

Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche

Weltanschauung in die Geschichte eintrat!

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 44 / 67 题