»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller
möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört fortzusetzen,
ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa
verstossen möchte, sondern sie für sich allein, so viel man kann, wahr
und vollständig zu vollführen. Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt,
dass, wenn man diese Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der
Hälfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen
sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange
aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, bis es
vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen
zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rücksicht auf jene Lehren,
ohne Parteilichkeit und Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden
hatte[1].«
KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die
Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem
praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu zu seiner
Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen
Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei.
Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu
suchen und dafür seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in
den Hintergrund zu drängen. Entschliesst man sich aber, dieses in
unserem Wesen so tiefbegründete und so berechtigte Interesse für einen
Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie
zur Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die
Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die letztere
in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen
wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei
Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie
vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich
in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nämlich durchaus
modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die
religiös-sittliche Erneuerung hin, welche die Gläubigen leisten, das
Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist
also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_
Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser
ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb
eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte
Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den Endsieg des Guten
weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthält das Geheimnis
der christlichen Weltanschauung überhaupt. Die ethische Eschatologie
Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche
Weltanschauung in die Geschichte eintrat!