5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu.

So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt Jesu mit der

Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken der Entwicklung in

Beziehung gesetzt wird, ist auch die Korrelatgrösse zur Vollendung des

Reichs modern, nämlich »_=die sittliche Menschheit als Gesamtheit=_«.

Man mutet dann Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue

sittliche Gemeinschaft, die er gründet, sich immer weiter ausbreitet,

ganz Israel ergreift -- hier bricht aber der Gedanke Jesu ab;

universalistische Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die

Aussendungsrede zeigt, dass er für die sittliche Erneuerung nicht über

die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 _-5-_ u. _-6-_: Ziehet

auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; gehet aber

vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses Israel.

Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; das

Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen von

Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom Abend«. Das Geschlecht,

das ein Wunder verlangt, wird ein solches erleben: Die Niniviten

werden am Tage des Gerichts aufstehen und es verdammen, weil sie Busse

gethan haben auf die Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn

Jonas«. Auch die Königin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als

Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit Salomos

zu hören, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 _-41-42-_).

Für das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen dem

Partikularismus in der Verkündigung des Reiches und dem Universalismus

in der Vollendung desselben unüberwindbar, weil es sich alles durch

den Begriff der Entwicklung denkt. In dem Geheimnis des Reiches Gottes

aber gehen Partikularismus und Universalismus mit einander auf. Das

Reich ist universalistisch, denn es ersteht aus dem kosmischen Akt,

bei welchem Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Völker zur

Herrlichkeit erweckt. Die Herbeiführung des Reiches hingegen fusst auf

dem Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der

Volksgenossen Jesu herbeigenötigt. Das Heil kommt aus Israel.

6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und

zum Staat.

Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er

erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu

binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder

nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. Diese Frage war für

ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam

es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den

Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf;

denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung

trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand übergesetzlich und

überethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch für

seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte für ihn

nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt.

Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den

jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. Als er

den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins

geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhänger Stellung

zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen

aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen.

Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft.

Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man

der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie

eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des

Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 _-17-_) -- dieses Wort ist

mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die Pharisäer, die so

wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage für sie

bildet. Sie sind gerade so thöricht in den Sachen des Reiches Gottes,

wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal

verheiratete Weib bei der Auferstehung gehören wird, denn auch sie

lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 _-24-_).

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 43 / 67 题