Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches« (Mk 4 _-11-_),
welches in den Gleichnissen vom Säemann, von der selbstwachsenden Saat,
vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt wird. Wir finden darin
gewöhnlich die Veranschaulichung einer stetigen Entfaltung, durch
welche ein kleiner Anfangszustand mit einem herrlichen Endzustand
zusammenhängt. Die gesäten Körner enthalten die Ernte schon, indem
jedes auf die Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich
daraus stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des
Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfängen.
Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen aber den
Charakter des _=Geheimnisses=_, denn die Veranschaulichung einer
stetigen Entfaltung durch die Vorgänge in der Natur ist kein Geheimnis
mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis in diesen Gleichnissen. Wir
deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen Reflexion, welche zwei
noch so verschiedene Zustände in allen Fällen durch den Begriff der
Entwicklung verbindet.
Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte Geist die
Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem sie ihm zwei
ganz verschiedene Zustände in einer Aufeinanderfolge vorführte, deren
Zusammenhang ebenso gewiss als unerklärlich war. Diese Unmittelbarkeit
spricht aus Jesu Gleichnissen. Der Begriff der Entwicklung in der
Natur, auf welchen es die moderne Erklärung abgesehen hat, wird gar
nicht hervorgehoben, sondern die Exposition geht darauf aus, die
beiden Zustände so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur
Frage gedrängt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand
hervorgehen?
1. Ein Mensch säte aus. Von der Aussaat ging ein grosser Teil durch
die verschiedensten Umstände verloren -- und doch war der Ertrag der
Körner, welche auf gutes Land fielen, so gross, dass es das Ausgesäte
dreissig-, sechzig-, ja hundertfältig wiederbrachte.
Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung dieses
Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 _-13-20-_
vorliegt, ist aus einer späteren Anschauung hervorgegangen, für die das
Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprünglich waren aber
die einzelnen Schilderungen nicht selbständig, sondern die Saat, die
auf dem Weg, auf dem steinigten Boden und unter den Dornen verloren
geht, samt der, welche die Vögel des Himmels aufpicken, bildet einen
einheitlichen Gegensatz zu der, welche auf gutes Land fiel. Für das
Gleichnis kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht.
Jesu Rede hängt, trotz der wundervoll ausgeführten Schilderung, in
einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, was
verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! -- Darin liegt
das Geheimnis.
2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, ging seinen
Geschäften nach und kümmerte sich nicht weiter um die Saat. Ehe er
sich's indes versah, stand die Ernte auf dem Feld und er konnte seine
Knechte ausschicken, sie einzuholen. Wie ging es zu, dass, nachdem die
Samenkörner in die Erde gesenkt waren, der Boden _=von selbst=_ Gras,
Halm und volle Aehre hervorbrachte? -- Darin liegt das Geheimnis.
3. Es wurde ein Senfkorn gesät; daraus sprosste eine grosse Staude
hervor, mit Zweigen, dass die Vögel des Himmels darunter wohnen
konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn so klein ist? -- Das ist
das Geheimnis.
4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen Teig. Nachher
war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch ein wenig Sauerteig ein
grosser Teig durchsäuert werden? -- Das ist das Geheimnis.
Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet und
verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hörer darauf aufmerksam
machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein Geheimnis sich
vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. _=Es sind Signale.=_
Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass jemand sagen kann, wie
es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin das Reich Gottes in Macht
sich einstellen. So klein, verglichen mit dem Zustand des Reiches
Gottes, der Kreis auch ist, welchen er um sich sammelt, so ist
nichtsdestoweniger gewiss, dass es sich in der Folge dieser so
beschränkten sittlichen Erneuerung einstellen wird, so gewiss zu
erwarten ist, dass die Saat, welche zur Zeit, da er spricht, im Boden
schlummert, eine herrliche Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf
die Ernte, sondern wartet auch auf das Reich Gottes! -- so redete
der geistige Säemann zu den Galiläern zur Zeit der Aussaat. Sie
sollten, wenn sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die
sittliche Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen,
aber unerklärlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des Reiches Gottes
stände. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle Kraft in der
Natur die Ernte erstehen lassen wird, der wird auch das Reich Gottes
erstehen lassen.
Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine Jünger aus, zu
verkünden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der
Aussendung.
Jesus war allein. Die Jünger trugen die Kunde von der Nähe des Reiches
in die Städte Israels. Während das Volk sich um ihn drängte, kamen
die Gesandten des Täufers mit ihrer Frage. Er entliess sie mit dem
Bescheid: das Reich stehe vor der Thür; man brauche nur die Sprache
der Zeichen und Wunder zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er
von der Bedeutung des Täufers und seiner Würde. Dabei entfiel ihm ein
Geheimniswort (Mt 11 _-14-_: »wenn ihr es zu fassen vermögt«, Mt 11
_-15-_: »wer Ohren hat zu hören, der höre«). Johannes ist der Elias, d.
h. die Persönlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen des Reichs
anzeigt. »Von den Tagen Johannes des Täufers bis auf diesen Augenblick
wird dem Reich Gottes Gewalt angethan und die Gewaltthätigen reissen
es an sich. Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes
geprophezeit, und wenn ihr es fassen mögt, so ist er der Elias, der
kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre« (Mt 11 _-12-14-_).
Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthält gar nicht den
Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den Eingang ins Reich
erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern geschieht das von den
Tagen des Täufers an? Das von Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich,
wenn es sich um das Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt.
Ebenso unverständlich bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung
des Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht
das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; zweitens datiert
der Anfang dieser Nötigung dann nicht vom Täufer, sondern von Jesus.
Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, darum der
Hinweis: wer Ohren hat zu hören, der höre. Er kommt nur noch bei
den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches Gottes und als Beschluss
apokalyptischer Sprüche vor (vgl. den Gebrauch des Ausdrucks in der
Apokalypse: 2 _-7 11 17 29-_, 3 _-6 13 22-_). Die Busse und sittliche
Erneuerung auf das Reich Gottes hin sind gleichsam ein Druck, der
ausgeübt wird, _=um es zu zwingen, in die Erscheinung zu treten=_.
Diese Bewegung hat eingesetzt mit den Tagen des Täufers. Darum wird von
da an dem Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthätigen, die es an
sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung leisten.
Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.
Das Wort in der Rede über den Täufer und die Gleichnisse des Reiches
Gottes erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die Gleichnisse heben
vor allem _=das Unangemessene=_ in dem Verhältnis der geleisteten
sittlichen Erneuerung zur eintretenden Vollkommenheit des Reiches
Gottes hervor, während das Bild in dem Ausspruch nach der Aussendung
mehr _=den zwingenden Zusammenhang=_ zwischen beiden herausarbeitet.
3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen und
jüdischen Zukunftserwartungen.
Jesu Ethik hängt mit der altprophetischen zusammen, da sie, wie
jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung bedingt ist,
welchen Gott heraufführen wird. Aber auch das Geheimnis des Reiches
Gottes, wonach die sittliche Erneuerung das übernatürliche Kommen des
Reiches herbeiführt, entspricht dem prophetischen Grundgedanken. Bei
den Propheten ist das Verhältnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche
sie herbeiführen wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott am
Tage des Gerichts heraufführen wird, kein rein zeitliches, sondern es
beruht auf einem übernatürlichen kausalen Zusammenhang. Das gottwidrige
Verhalten zieht den Tag des Gerichts und der Verdammnis herbei. Darum
züchtigt Gott das Volk und gibt es in die Hand seiner Bedränger. Wenn
es sich aber zur sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gläubigem
Vertrauen bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und
Wahrheit unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen
vor seinen Bedrängern und seine Herrlichkeit wird aufgehen über Israel,
dem die Völker dienstbar werden. An jenem Tage wird dann der Friede
über die ganze Welt und auch über die Natur ausgegossen werden.
Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom Gesetz
weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand
von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern die Gesamtheit wirkt
durch das Gesetz auf Gott. Diese generelle Betrachtungsweise ist die
primäre, die individualistische erst die sekundäre. »Israel würde
erlöst werden, wenn es nur zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührte«
(Schabbath 118^b. WÜNSCHE, System der altsynagogalen palästinensischen
Theologie 1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke
in gesetzlicher Veräusserlichung.
Im allgemeinen herrschte aber später die individualistische Betrachtung
vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten überhaupt waren nur die
Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. An Stelle der
lebendigen generellen prophetischen Auffassung trat eine individuelle,
unlebendige. _=Die Eschatologie wurde Rechenexempel und die Ethik
Kasuistik.=_
Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen
Zeit zurückgriff, handelte es sich für ihn nicht um reine
Zukunfts_=erwartung=_. Spätjüdisch an ihm ist nur die Form, in der er
sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst es nicht mehr
unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens Gottes in die Völkergeschichte,
wie die Propheten, sondern unter dem der kosmischen Endkatastrophe.
Seine Eschatologie ist Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch
den Menschensohn herbeigeführt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels
erscheint (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_).
_=Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die Synthese eines
souveränen Geistes zwischen der altprophetischen Ethik und der
Daniel'schen Apokalyptik.=_ Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner
Zeit und steht doch so hoch über ihr. Für die Zeitgenossen handelte es
sich um _=Erwartung=_ des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen aller
Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung darauf, für
Jesus um die _=Herbeiführung=_ des erwarteten Ereignisses durch die
sittliche Erneuerung. _=Aus der eschatologischen Ethik wird ethische
Eschatologie.=_
4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glücklichen
galiläischen Periode.
Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten des Reiches
unabhängig von der Allgemeinheit des Erfolgs der Predigt Jesu. Er
betont ja gerade, dass die Beschränktheit des Kreises, welcher die
sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem Verhältnis steht zu der
allumfassenden Grösse des Reichs, das auf Grund ihres Verhaltens
eintritt. Es genügt, dass ein geringer Teil der Aussaat auf das gute
Land fällt -- und die überreiche Ernte ist da, durch Gottes Macht.
Nicht durch die Menge, sondern durch die Gewalttätigen wird das Reich
herbeigenötigt.
Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme einer
erfolgreichen galiläischen Periode ganz überflüssig. Jesus kann sich
der Erwartung der baldigen Realisierung des Reichs hingeben, auch wenn
er die grössten Misserfolge erlebt und ganze Ortschaften sich seiner
Predigt verschliessen. Sie halten damit das Reich Gottes nicht auf,
sondern sie überliefern sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich
tritt notwendig ein auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die
sich um Jesu sammeln.
Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches Gottes zeigt
sich also darin, dass sie eine zur Erklärung des Lebens Jesu sonst
absolut unumgängliche, historisch aber in keiner Weise zu begründende
Annahme unnötig macht.