2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.

Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser

modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen

inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst von jeder

geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten ethischen Gedanken

aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch besteht ein grosser

Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik

ist »unbedingt«, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst

heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur

Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern

die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des

Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser

Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation

hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt

sich, dass die christlich-moderne Ethik von

hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem

Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht.

Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie in

unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich

eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre

jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der

prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine

Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur

Erklärung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die

prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere

mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die

Ethik Jesu verselbständigt, während sie durchaus nach der erwarteten

übernatürlichen Vollendung orientiert ist.

Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach

durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische Aussprüche

thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und

macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so

ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus

kleinen Anfängen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des

Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes

Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht

ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen können.

Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner

historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung

hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu

erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Für Jesus und die Propheten war

sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen

Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine

Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut

und Böse; es wird herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch

welche das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen

Massstäbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine übersittliche Grösse.=_

Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das moderne

Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte

alt geworden. Für das historische Verständnis der Ethik Jesu ist sie

aber die unerlässliche Voraussetzung.

Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts denken, an die

kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen

werden. Jesu Blick geht rückwärts. Für ihn setzt sich das Reich zusammen

aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu

einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn eine Ethik

der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den

Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche nach der grossen

Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt nicht mehr geben

wird, sondern »dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels« (Mk 12

_-25-_)?

Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet sein, führt

also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während jeglicher Pfad

verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht

man keinen.

Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der

Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt.

Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus

einem absolut ethischen Idealismus, welcher für den erwarteten

Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch

sind. In unserer verselbständigten Ethik aber setzen wir den Kampf

zwischen Gut und Bös, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für

immer voraus. Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem

lebendigen Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des

absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die

Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern

sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines ethischen Idealismus.

In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem

Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung

der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher Wert

herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhältnis

des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. Dass aber die sittliche

Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als

solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung

des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem

ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er

arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade

deswegen sträubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches

Gottes seiner Verkündigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil

man sich dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen

sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich

eintretenden Reich organisch verbunden denkt.

Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. Der

Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die

neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand

aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und

Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne

geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollständig fremd.

Wenn er aber auch unsere Erklärung nicht vorausgesetzt haben kann,

das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem

organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er

aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete,

war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen,

_=sondern es war ein göttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu

den Vorgängen in der Natur aussprach.

Viertes Kapitel.

Das Geheimnis des Reiches Gottes.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 41 / 67 题