Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser
modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen
inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst von jeder
geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten ethischen Gedanken
aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch besteht ein grosser
Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik
ist »unbedingt«, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst
heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur
Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern
die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des
Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser
Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation
hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt
sich, dass die christlich-moderne Ethik von
hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem
Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht.
Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie in
unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich
eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre
jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der
prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine
Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur
Erklärung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die
prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere
mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die
Ethik Jesu verselbständigt, während sie durchaus nach der erwarteten
übernatürlichen Vollendung orientiert ist.
Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach
durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische Aussprüche
thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und
macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so
ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus
kleinen Anfängen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des
Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes
Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht
ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen können.
Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner
historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung
hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu
erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Für Jesus und die Propheten war
sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen
Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine
Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut
und Böse; es wird herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch
welche das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen
Massstäbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine übersittliche Grösse.=_
Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das moderne
Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte
alt geworden. Für das historische Verständnis der Ethik Jesu ist sie
aber die unerlässliche Voraussetzung.
Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts denken, an die
kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen
werden. Jesu Blick geht rückwärts. Für ihn setzt sich das Reich zusammen
aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu
einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn eine Ethik
der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den
Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche nach der grossen
Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt nicht mehr geben
wird, sondern »dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels« (Mk 12
_-25-_)?
Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet sein, führt
also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während jeglicher Pfad
verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht
man keinen.
Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der
Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt.
Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus
einem absolut ethischen Idealismus, welcher für den erwarteten
Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch
sind. In unserer verselbständigten Ethik aber setzen wir den Kampf
zwischen Gut und Bös, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für
immer voraus. Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem
lebendigen Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des
absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die
Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern
sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines ethischen Idealismus.
In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem
Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung
der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher Wert
herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhältnis
des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. Dass aber die sittliche
Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als
solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung
des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem
ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er
arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade
deswegen sträubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches
Gottes seiner Verkündigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil
man sich dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen
sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich
eintretenden Reich organisch verbunden denkt.
Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. Der
Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die
neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand
aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und
Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne
geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollständig fremd.
Wenn er aber auch unsere Erklärung nicht vorausgesetzt haben kann,
das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem
organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er
aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete,
war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen,
_=sondern es war ein göttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu
den Vorgängen in der Natur aussprach.
Viertes Kapitel.
Das Geheimnis des Reiches Gottes.