1. Die neue Sittlichkeit als Busse.

Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des Reichs die

Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fällt seine ganze Ethik unter

den Begriff der auf das Kommen des Reichs vorbereitenden _=Busse=_. Uns

scheint dieser Begriff zu eng, um auf den ganzen Umfang seiner

sittlich-religiösen Verkündigung angewandt werden zu können. In unserer

Sprache hat nämlich dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es

hauptsächlich die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt.

Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse ([Greek:

metanoia]) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur eine

sittliche Wiederherstellung im Rückblick auf einen zurückliegenden

sündigen Zustand, sondern -- und dieser Charakter prävaliert -- _=auch

eine sittliche Erneuerung im Hinblick auf eine bevorstehende allgemeine

sittliche Vollendung=_.

So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven

ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie der

lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei Amos, Hosea,

Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung im Hinblick

auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: »Waschet euch, reinigt euch;

entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen. Fraget nach Recht,

steuert dem Gewaltthätigen; richtet die Waise, schaffet Recht der

Witwe« (Jes 1 _-16-_ u. _-17-_). Gerade diesen alttestamentlichen

Begriff der Busse, welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben

legt, muss man gegenwärtig haben, um die synoptische Busse richtig zu

erfassen. Beide sind nach vorwärts orientiert, beide sind durch den

Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den Gott durch sein

Gericht heraufführen wird. Für die altprophetische ist es der Tag des

Herrn, für die synoptische der Anbruch des Reiches.

Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, welche

hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes entdeckt, macht geschickt

zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten kommen ins Gottesreich: das stand

für alle fest. Wer also die Nähe des Reiches predigte, musste auch die

Gerechtigkeit auf das Reich hin lehren. Darum verkündet Jesus die neue

Gerechtigkeit, die höher ist als das Gesetz und die Propheten, denn

diese gehen nur bis auf den Täufer. Seit den Tagen des Täufers steht man

aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.

Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung vorzuweisen;

nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan hat, der wird in das

Gottesreich eingehen (Mt 7 _-21-_). Keine Berufung auf Anhängerschaft

Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die in seinem Namen verrichtet wurden,

kann diese neue Gerechtigkeit ersetzen (Mt 7 _-22-_ u. _-23-_).

Darum schliesst die Bergpredigt mit der Ermahnung, in Erwartung der

gewaltigen Ereignisse einen festen Bau aufzuführen, der in Sturm und

Wetter standhält (Mt 7 _-24-27-_).

Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen (Mt 5

_-3-12-_). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich

berechtigende sittliche Verfassung. So erklärt sich das Präsens und

das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmütigen, die

nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die

reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig Armen, die in der

Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, weil sie in diesem

Verhalten die Gewähr haben, beim Erscheinen des Reiches Gottes als dazu

gehörig erfunden zu werden.

Eine Reihe von Gleichnissen enthält denselben Gedanken. So wird in den

Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der köstlichen Perle (Mt 13

_-44-46-_) geschildert, wie der Mensch alles daran setzen muss, wenn

ihm das Reich Gottes in Aussicht gestellt wird, wie er alle andern

Güter dahingeben muss, um dieses in Aussicht stehende höchste Gut zu

erwerben.

Wir finden also in der Ethik der galiläischen Periode schon das

»jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 _-45-_) zu

Grunde liegt. _=Als Busse auf das Reich Gottes hin ist auch die Ethik

der Bergpredigt Interimsethik.=_ Die sittliche Unterweisung Jesu

ist sich also darin vom ersten Tag seines Auftretens bis zu seinen

letzten Aussprüchen gleichgeblieben, denn die Erniedrigung und das

Dienen, welche er den Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt,

entsprechen genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der

Bergpredigt entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur

bilden sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie

geschickt machen zum _=Herrschen=_ daselbst.

Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal in dem Epilog

zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen Tage. Nur die Bewährung

der neuen Sittlichkeit in allen Verhältnissen des Lebens gewährleistet

den Eintritt in das Reich. Darum kann Jesus zu dem Pharisäer, der dem

Grundgesetz dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen

Liebesgebot ausgedrückt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes

(Mk 12 _-34-_). Das will nicht heissen, dass der Pharisäer durch seine

Gesinnung beinahe schon die Höhe der »Sittlichkeit des Gottesreiches«

erklommen hat. Wenn nämlich das Doppelgebot der Liebe die Sittlichkeit

des _=Gottesreiches=_ ausmachte, müsste er ihm, da er diesem Gebote

vollständig zustimmt, sagen: Du gehörst dem Gottesreiche an. So aber

ist das »nicht fern« rein zeitlich zu verstehen, nicht von einer

kleinen Vervollkommnung, die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem

Reich Gottes, weil er die sittliche Qualität besitzt, durch welche

er als ein Genosse desselben erfunden werden wird, wenn es in Kürze

erscheint. Das »nicht fern« enthält also dasselbe Gemisch von Präsens

und Futurum wie die Seligpreisungen.

Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, den

Begriff des Lohnes auf dieses Verhältnis zwischen der Zugehörigkeit

zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. Damit wird jedoch

der Gedanke Jesu nicht vollständig wiedergegeben, da es sich für ihn

vor allem um die _=Unmittelbarkeit=_ des Uebergangs aus dem Zustande

der sittlichen Erneuerung in den der übersittlichen Vollendung des

Gottesreiches handelt. Wer beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz

der sittlichen Erneuerung ist, der wird als ein Glied desselben

erfunden werden. Dies ist der adäquate Ausdruck für das Verhältnis der

Sittlichkeit zum kommenden Gottesreich.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 40 / 67 题