2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.

»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 _-7-_) -- dieses

Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, fasst seine ganze

bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die

Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung gemeint ist, darüber

gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss.

Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der

Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlässt, ein

merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er

daran, den Kreis seiner auf die Gründung des Gottesreiches gerichteten

Thätigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen

für die missionierende Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten.

Man müsste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue

Verhältnis zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches

predigen sollen.

Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung

der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht

gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkündigung durch

Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nähe des

Gottesreiches überall ertönen zu lassen -- damit alle gewarnt sind und

Busse thun können. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen

sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht

aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels

fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet.

»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: _=Einbrechen des Reiches Gottes

mit Macht=_.

Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich

ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein,

bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 _-23-_). Versteht man die

Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jünger sagen lassen, dass

nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu

verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer

Block inmitten blühender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der

Reichsnähe eschatologisch auf, dann fügt sich das Wort einem grossen

Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von

diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren Zeit

eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische

Aussagen in die Tage der Aussendung.

Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut,

wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt über

die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken

heilen (Mt 10 _-1-_); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass

es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des

Gottesreiches anbricht. Das gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer

ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich

Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und

Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden

ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor

andern begnadet waren -- und sie waren doch nicht in sich gegangen, was

doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan hätten (Mt 11 _-20-24-_).

Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den

Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass.

Die Jünger sollten also predigen _=vom Reich, von der Busse und

dem Gericht=_. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, so nahe

war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf

das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nämlich auf _=das letzte

Aufbäumen der Weltmacht=_. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um

nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie

entlässt! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande

lösen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden

(Mt 10 _-34-36-_). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will,

der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem

Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10

_-37-_ u. _-38-_). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung über

sie bringen (Mt 10 _-17-31-_). Man wird sie zur Verantwortung ziehen

und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den

Bruder, der Vater das Kind dem Tod überantworten, und die Kinder werden

wider die Eltern aufstehen und den Tod über sie bringen. Nur wer in

diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt,

der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott für

ihn eintritt (Mt 10 _-32-_ u. _-33-_).

In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die Wehen des

anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien

mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit aufweisen. Dadurch

wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeinträchtigt. Es

handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thätigkeit _=nach seinem

Tode=_; über eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische

Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die

sieghafte Verkündigung der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten.

Darum dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander

von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder

eschatologischen Weltanschauung.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 38 / 67 题