Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen
Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der schwersten Probleme
der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie können sich in _=einem=_ Denken
zwei so verschiedene, in manchem diametral entgegengesetzte
Weltanschauungen vereinigen?
Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen Gefühl, dass
beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie T. COLANI (Jésus-Christ et
les croyances messianiques de son temps 1864, S. 94 ff., 169 ff.) und G.
VOLKMAR (Die Evangelien 1870, S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie
überhaupt aus Jesu Vorstellungskreis zu _=eliminieren=_. Danach wären alle
derartigen Aussprüche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der
späteren Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der
Hartnäckigkeit der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehören zu
den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet einen Gewaltakt.
Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des Problems durch
_=Sublimierung=_ der Eschatologie, als hätte Jesus die realistischen
Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige übersetzt, indem er sie im Bilde
anwandte. Auf diesem Gedanken beruht die Studie von ERICH HAUPT (Die
eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895).
Nichts berechtigt uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem
uneigentlichen Sinn gemeint, während seine Zuhörer sie aus der
zeitgenössischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. Für
ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle Erklärung,
sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.
So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier
Weltanschauungen zu erklären sei, in voller Schärfe bestehen. Die
einzige Lösung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung zu
liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch gewesen. Er habe
die Realisierung des Reiches Gottes von der Ausdehnung und Vollendung
der sittlich-religiösen Gemeinschaft erwartet, die er zu gründen
unternahm. Als aber der Widerstand der Weltmacht die organische
Vollendung des Reiches in Frage stellte, habe sich die eschatologische
Vorstellung ihm aufgedrängt. Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen,
die Vollendung des religiös-ethischen Ideals, welche er bisher an den
Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung
verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe zu erwarten, in
welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss bringen sollte, was er
unternommen hatte.
Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber
die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das
Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme des eschatologischen
Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll,
bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit,
wobei jede Entwicklung aufhört. Denn, wenn man mit dem eschatologischen
Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er
verträgt keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er
erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung.
Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht,
aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergänzend
zum Uneschatologischen hinzutrat.
Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der
eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist
die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch
nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgängliche Voraussetzung
jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische
Gedanke sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen haben,
_=sondern er muss von Anfang an=_, auch in der ersten galiläischen Periode
_=seiner Predigt zu Grunde gelegen haben=_!