1. Die Annahme einer glücklichen galiläischen Periode, auf welche
dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch nicht haltbar.
2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen
Leidensaussprüche nicht bedingt haben.
3. Nicht der ethische, sondern der überethische, eschatologische
Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.
4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der Form
einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich um ein
unbegreifliches Geheimnis, das die Jünger gar nicht zu verstehen
brauchten und auch nicht verstanden haben.
So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen
Lösungsversuchs. Mit ihnen stürzt der ganze Bau zusammen. Es ist doch
nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose zeigt sich darin,
dass man es dabei über eine Art repräsentativer Bedeutung des Todes Jesu
nicht hinausbringt. Jesus beschafft durch seine Dahingabe nichts
schlechthin Neues, weil er ja das Reich Gottes als Sündenvergebung oder
als die sich sittlich vollendende Gemeinschaft während seiner ganzen
öffentlichen Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit
seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Sühne verlangt aber
eine _=effektive=_ Bedeutung des Todes.
Darin besteht auch die Schwäche der modernen Dogmatik gegenüber der
alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um einen absolut neuen Zustand,
der zeitlich und kausal aus Jesu Tod resultiert. Die moderne Dogmatik
redet darum herum; aber sie weiss nichts anzugeben, sondern hüllt sich
in die Wolke ihrer eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar
beide. Religiös berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik ist
aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive Wirkung
des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen verlangen.
Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grösse, welche an den Tod
gebunden ist? Die synoptischen Sprüche geben darauf nur _=eine=_ Antwort:
_=die eschatologische Realisierung des Reiches=_! Von der Sühne, die Jesus
leistet, hängt das Kommen des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der
Grundzug des Leidensgeheimnisses.
Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu kann darüber
Aufschluss geben. _=An die Stelle des modern-historischen tritt nun der
eschatologisch-historische Lösungsversuch.=_
Zweites Kapitel.
Die Entwicklung Jesu.