2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs.

1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste

war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und Misserfolge.

2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine

Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14

_-24-_ (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den

paulinischen Sühnegedanken beeinflusst.

3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden

sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist,

beherrschte den Leidensgedanken.

4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des

Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jünger durch

ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der

Leidensgedanke war eine Reflexion.

Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig?

=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.)

Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der

Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glücklichen

Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den

Pharisäern über die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), über die

Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und über die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3

_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen.

Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig

unzurechnungsfähig mit Gewalt nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3

_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_).

In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert

hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm

vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn

dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er

bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung vor. »Haben sie den

Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 _-25-_).

Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! Aber

sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit

der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen

selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt werden (Mt 5

_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal und Not

in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden

(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und

sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galiläische Periode

soll _=glücklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist

_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen?

Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener Zeit thut,

weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und

in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie

herabbeschwört, wo es Tyrus und Sidon noch erträglicher gehen wird als

ihnen (Mt 11 _-20-24-_)!

Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische Periode

passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen Reden um die

Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stücke aus einer

späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach

der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und

die Aussprüche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches

Gepräge, so dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische

Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen

wären.

Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts

berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jünger. Den

grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten

(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Pharisäer

verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rückgang

seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion über

die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man

von ihr verlangt. Jesus war früher mit den Hauptstadttheologen schon

viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der

Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene.

Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die »Flucht«

nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die

Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar;

ebensowenig _=begründen=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat

des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern _=wir=_ tragen in die

berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein.

Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun

das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorläufig

unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung.

Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal

von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_,

Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach

der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht in einer

litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begründet sein,

was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten

darf.

Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet,

als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der

Land und Leute an die Pharisäer verlor und zuletzt fliehen musste,

sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten

Propheten. Wenn diese jubelnden galiläischen Volksmassen es ihm

jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt die Behörde mehrere Tage zu

terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht

gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen,

haben sie es für den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen

Theologen im eigenen Land weichen musste?

Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die

_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo Jesus nach der

Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer

ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, vom Jordan nach Jerusalem

und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung

des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen

Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser

Volksbewegung zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige

»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll.

Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit

die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes führte

dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. Zunächst ist

darin ein _=ästhetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark

hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die

wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht

anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich

selbst wiederfindet.

Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten

Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird

durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite

unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht

begreiflich ist.

Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der

Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen eröffnet

er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch

die Schriftgelehrten sterben müsse. _=Das Verhältnis ist also gerade

umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem

Rätsel.

=4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der

synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.)

Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen Leidensstellen

durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich

um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen

Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen

Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst

diese schroffe Sühnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der

modern-historische Lösungsversuch nicht eingerichtet.

Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen

kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=für euch=_ (I

Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_:

Mein Leib, der _=für euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=für euch=_

vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker schreiben dafür immer:

_=für viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur

Sühne _=für viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes,

das vergossen wird _=für viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum,

welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger.

Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.

Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist

nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren Synoptikern von

den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklärung

liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem

Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu

einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn

glauben. Die Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den

geschichtlichen Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der

messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass

Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen gemeint habe.

Das altsynoptische »_=für viele=_« ist aber vom _=historischen

Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an

seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein

Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm

gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum sagt er »_=für

viele=_«. Hätte er gesagt »_=für euch=_« wie Paulus ihm zumutet, so

hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe für sie allein,

da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde geläufig war,

als Repräsentanten einer zukünftigen messiasgläubigen Gemeinschaft

fühlen konnten.

Ist aber dieses »_=für viele=_« stehen geblieben, trotzdem Paulus aus

der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »_=für euch=_«

ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches Wort

schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten Form des

altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung

anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den Synoptikern ist also

historisch. Eine Abschwächung, wie sie der modern-historische

Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.

Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche Jesu gerade

dem »_=für viele=_« gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben,

sind alle Darlegungen über die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis

RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit

der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des

historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos.

Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum

nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit Absicht

unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.

=5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.= (Dritte

Voraussetzung.)

a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung

des kommenden Reiches.

Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in

seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus

regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie

zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das

Gottesreich.

In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen Begriff des

Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grösste

im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_),

und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes

Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch

Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.

Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,

als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die

Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen

Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber

handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der

Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft in

einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwärtige von

dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grössten

gehören will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine

Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen!

Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo

die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto

höher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhört und

das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden

erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen

wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt

er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, die mit ihm

herrschen wollen!

Sowie man dieses »_=jetzt und dann=_« in Jesu Rede beachtet, tritt an die

Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung.

Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden

des Herrschens.

1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener

(V. _-43-_).

2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_

Diener (V. _-44-_).

3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung,

weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu

dienen, indem er sein Leben als Sühne für _=die Vielheit=_

dahingibt (V. _-45-_).

Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger erstreckt

sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte

Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute

kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur um eine selbstlose

_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist

ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung

im Reich verbunden ist.

Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, sondern

nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die

Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen

Streit der Jünger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen »für den

Grössten zu halten sei.«

Damit ist das »_=jetzt und dann=_« aus der Situation ausgeschieden

und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe

Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend auch in

einem unlebendigen Parallelismus. Der Grösste unter euch sei wie der

Jüngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt

aus seiner Dahingabe in den Tod für die grosse Allgemeinheit auf das

Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet

er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber

bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint

er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren

Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der

neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern

um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung

des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_.

Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel

mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und

Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig bereitet, im Reich Gottes zu

herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich geläutert und geadelt

ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden für Jesus der sittliche

Erwerb und die sittliche Bewährung für die messianische Herrschaft, die

ihm bestimmt ist.

Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der

widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht

vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen Macht sein. Träger

derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein

erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet

haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_).

Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert

Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des

Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern

mit einer übersittlichen Grösse, nämlich mit der eschatologischen

Reichsvorstellung.

b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.

Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang

zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom

vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über das Leiden führen auf eine

ähnliche Verbindung.

Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil gesprochen,

redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken des Himmels. Dabei

denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken.

Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen

sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.

Dieser logische Zusammenhang ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus

schon erweicht, indem er an die Stelle des »_=und=_« die rein zeitliche

Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von

nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er

hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.

Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie

setzt auch das Gespräch über den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8

_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schämt, wenn er Schmähung und Verfolgung

in der ehebrecherischen und sündigen Welt erduldet, dessen wird sich

auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines

Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht

in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!

Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten sein. Nach

dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem Eindruck des

Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfüllt (Mk 9

_-30-32-_) -- streiten sich die Jünger darum, wer den höchsten Platz im

Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darüber

zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von

seinem Leiden gesprochen hatte.

Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten

Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die

Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. Es handelt sich

hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhänger, denn Jesus

geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische

Erwartung muss also für die Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur

Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über die

Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden.

Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den

eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,

indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der

»_=Wiederkunft=_« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig falsch.

Jesus hat nie von seiner »_=Wiederkunft=_«, sondern nur von seiner

_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir

gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir Tod und Herrlichkeit

durch Kontrast verbinden, als bezöge sich der neue Zustand nur auf

eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere Auffassung lässt ihn sagen:

»Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_

verherrlicht werden«. Thatsächlich hat er aber gesagt: »Ich muss leiden

_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.«

Das bedeutet aber für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose --

denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische

Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen

Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. Der

_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_,

beherrscht seinen Leidensgedanken.

=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.)

Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs zu

Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken in der Form einer

ethischen _=Reflexion=_ mitteilen müssen. Sollten sie die eintretende

Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus

eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie

mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der

Ankündigung desselben, bekannt machen.

Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer

_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere

Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem »müssen«, dem Ausdruck

der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke

ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen

Lösungsversuch entgegen.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 35 / 67 题