1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste
war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und Misserfolge.
2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine
Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14
_-24-_ (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den
paulinischen Sühnegedanken beeinflusst.
3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden
sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist,
beherrschte den Leidensgedanken.
4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des
Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jünger durch
ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der
Leidensgedanke war eine Reflexion.
Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig?
=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.)
Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der
Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glücklichen
Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den
Pharisäern über die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), über die
Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und über die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3
_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen.
Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig
unzurechnungsfähig mit Gewalt nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3
_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_).
In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert
hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm
vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn
dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er
bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung vor. »Haben sie den
Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 _-25-_).
Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! Aber
sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit
der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen
selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt werden (Mt 5
_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal und Not
in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden
(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und
sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galiläische Periode
soll _=glücklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist
_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen?
Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener Zeit thut,
weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und
in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie
herabbeschwört, wo es Tyrus und Sidon noch erträglicher gehen wird als
ihnen (Mt 11 _-20-24-_)!
Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische Periode
passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen Reden um die
Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stücke aus einer
späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach
der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und
die Aussprüche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches
Gepräge, so dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische
Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen
wären.
Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts
berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jünger. Den
grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten
(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Pharisäer
verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rückgang
seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion über
die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man
von ihr verlangt. Jesus war früher mit den Hauptstadttheologen schon
viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der
Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene.
Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die »Flucht«
nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die
Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar;
ebensowenig _=begründen=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat
des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern _=wir=_ tragen in die
berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein.
Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun
das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorläufig
unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung.
Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal
von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_,
Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach
der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht in einer
litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begründet sein,
was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten
darf.
Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet,
als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der
Land und Leute an die Pharisäer verlor und zuletzt fliehen musste,
sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten
Propheten. Wenn diese jubelnden galiläischen Volksmassen es ihm
jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt die Behörde mehrere Tage zu
terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht
gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen,
haben sie es für den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen
Theologen im eigenen Land weichen musste?
Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die
_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo Jesus nach der
Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer
ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, vom Jordan nach Jerusalem
und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung
des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen
Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser
Volksbewegung zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige
»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll.
Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit
die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes führte
dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. Zunächst ist
darin ein _=ästhetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark
hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die
wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht
anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich
selbst wiederfindet.
Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten
Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird
durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite
unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht
begreiflich ist.
Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der
Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen eröffnet
er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch
die Schriftgelehrten sterben müsse. _=Das Verhältnis ist also gerade
umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem
Rätsel.
=4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der
synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.)
Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen Leidensstellen
durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich
um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen
Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen
Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst
diese schroffe Sühnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der
modern-historische Lösungsversuch nicht eingerichtet.
Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen
kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=für euch=_ (I
Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_:
Mein Leib, der _=für euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=für euch=_
vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker schreiben dafür immer:
_=für viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur
Sühne _=für viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes,
das vergossen wird _=für viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum,
welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger.
Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.
Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist
nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren Synoptikern von
den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklärung
liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem
Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu
einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn
glauben. Die Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den
geschichtlichen Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der
messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass
Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen gemeint habe.
Das altsynoptische »_=für viele=_« ist aber vom _=historischen
Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an
seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein
Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm
gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum sagt er »_=für
viele=_«. Hätte er gesagt »_=für euch=_« wie Paulus ihm zumutet, so
hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe für sie allein,
da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde geläufig war,
als Repräsentanten einer zukünftigen messiasgläubigen Gemeinschaft
fühlen konnten.
Ist aber dieses »_=für viele=_« stehen geblieben, trotzdem Paulus aus
der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »_=für euch=_«
ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches Wort
schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten Form des
altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung
anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den Synoptikern ist also
historisch. Eine Abschwächung, wie sie der modern-historische
Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.
Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche Jesu gerade
dem »_=für viele=_« gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben,
sind alle Darlegungen über die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis
RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit
der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des
historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos.
Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum
nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit Absicht
unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.
=5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.= (Dritte
Voraussetzung.)
a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung
des kommenden Reiches.
Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in
seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus
regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie
zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das
Gottesreich.
In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen Begriff des
Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grösste
im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_),
und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes
Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch
Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.
Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,
als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die
Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen
Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber
handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der
Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft in
einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwärtige von
dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grössten
gehören will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine
Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen!
Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo
die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto
höher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhört und
das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden
erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen
wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt
er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, die mit ihm
herrschen wollen!
Sowie man dieses »_=jetzt und dann=_« in Jesu Rede beachtet, tritt an die
Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung.
Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden
des Herrschens.
1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener
(V. _-43-_).
2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_
Diener (V. _-44-_).
3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung,
weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu
dienen, indem er sein Leben als Sühne für _=die Vielheit=_
dahingibt (V. _-45-_).
Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger erstreckt
sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte
Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute
kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur um eine selbstlose
_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist
ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung
im Reich verbunden ist.
Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, sondern
nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die
Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen
Streit der Jünger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen »für den
Grössten zu halten sei.«
Damit ist das »_=jetzt und dann=_« aus der Situation ausgeschieden
und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe
Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend auch in
einem unlebendigen Parallelismus. Der Grösste unter euch sei wie der
Jüngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt
aus seiner Dahingabe in den Tod für die grosse Allgemeinheit auf das
Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet
er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber
bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint
er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren
Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der
neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern
um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung
des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_.
Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel
mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und
Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig bereitet, im Reich Gottes zu
herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich geläutert und geadelt
ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden für Jesus der sittliche
Erwerb und die sittliche Bewährung für die messianische Herrschaft, die
ihm bestimmt ist.
Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der
widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht
vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen Macht sein. Träger
derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein
erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet
haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_).
Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert
Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des
Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern
mit einer übersittlichen Grösse, nämlich mit der eschatologischen
Reichsvorstellung.
b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.
Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang
zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom
vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über das Leiden führen auf eine
ähnliche Verbindung.
Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil gesprochen,
redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken des Himmels. Dabei
denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken.
Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen
sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.
Dieser logische Zusammenhang ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus
schon erweicht, indem er an die Stelle des »_=und=_« die rein zeitliche
Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von
nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er
hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.
Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie
setzt auch das Gespräch über den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8
_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schämt, wenn er Schmähung und Verfolgung
in der ehebrecherischen und sündigen Welt erduldet, dessen wird sich
auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines
Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht
in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!
Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten sein. Nach
dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem Eindruck des
Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfüllt (Mk 9
_-30-32-_) -- streiten sich die Jünger darum, wer den höchsten Platz im
Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darüber
zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von
seinem Leiden gesprochen hatte.
Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten
Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die
Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. Es handelt sich
hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhänger, denn Jesus
geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische
Erwartung muss also für die Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur
Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über die
Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden.
Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den
eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,
indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der
»_=Wiederkunft=_« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig falsch.
Jesus hat nie von seiner »_=Wiederkunft=_«, sondern nur von seiner
_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir
gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir Tod und Herrlichkeit
durch Kontrast verbinden, als bezöge sich der neue Zustand nur auf
eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere Auffassung lässt ihn sagen:
»Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_
verherrlicht werden«. Thatsächlich hat er aber gesagt: »Ich muss leiden
_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.«
Das bedeutet aber für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose --
denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische
Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen
Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. Der
_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_,
beherrscht seinen Leidensgedanken.
=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.)
Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs zu
Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken in der Form einer
ethischen _=Reflexion=_ mitteilen müssen. Sollten sie die eintretende
Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus
eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie
mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der
Ankündigung desselben, bekannt machen.
Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer
_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere
Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem »müssen«, dem Ausdruck
der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke
ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen
Lösungsversuch entgegen.