Die synoptischen Stellen bieten keine Erklärung, wie der Leidensgedanke
sich Jesu aufdrängte und was er für ihn bedeutete. Die apostolische
Predigt in den Petrus- und Paulusreden betrachtet das Leiden unter dem
Gesichtspunkt der göttlichen Notwendigkeit, welche in der Schrift
geweissagt ist. Auch die paulinische Theorie hat nichts mit der
Geschichte zu thun.
Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung des Lebens
Jesu über den Leidensgedanken ausgeführt wird, ist nicht von der
Geschichte direkt dargeboten, sondern aus ihr erschlossen. Es handelt
sich immer nur um eine notwendige und unvermeidliche _=historische
Konstruktion=_, deren Richtigkeit in dem Masse feststeht, als sie Ordnung
und Klarheit in die synoptischen Notizen bringt.
Sämtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem Interesse
begegnen sich in einem Lösungsversuch, den wir als den
historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse,
Geschichte zu erklären, modern die psychologische Nachempfindung, mit
deren Hülfe nachgewiesen wird, wie unter dem Einfluss bestimmter
Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte und von ihm religiös
gewertet wurde. Die Grundgedanken dieses Lösungsversuchs sind folgende.
Es konnte sich für Jesus nicht um Beschaffung der Sündenvergebung
handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des Vaterunsers
zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe Gottes. Nun erinnert
der Gedanke der Sühne (Mk 10 _-45-_) an die paulinische Sühnetheorie mit
ihrem juridischen Charakter. Diese bezieht sich allerdings auf die
Sündenvergebung. Es ist daher anzunehmen, dass, wie der Gedanke der
Sündenvergebung, so auch die juridische Sühnevorstellung Jesu fremd war,
da sie in seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprüche
über die Wertung seines Leidens sind also in der überlieferten Form
irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.
Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthält der historische
Ausspruch (Mk 10 _-45-_) den Gedanken der dienenden Dahingabe in der
höchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, wo der gesteigerte Begriff
des Dienens zum Begriff der Sühne führt. Der Wert dieser Dahingabe für
die andern besteht darin, dass das von Jesus übernommene Todesleiden
gleichsam der Inauguralakt ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des
Gottesreiches und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. Diese
That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von Umgestaltungen,
deren übernatürlichen Abschluss seine »Wiederkunft« in Herrlichkeit
bildet, wo der Neue Bund, den er mit seinem Blute besiegelt hat, durch
ihn sich vollendet.
Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen konnte
und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung des Gottesreiches. Dies
hatte er zunächst in kleinen Grenzen während seiner galiläischen
Wirksamkeit unternommen. Durch seine Predigt von der neuen Sittlichkeit
auf Grund des Glaubens an den göttlichen Vater und unter dem Eindruck
der Kraft, die von ihm ausging, entwickelten sich die Anfänge dieses
Reiches. Es war eine glückliche, erfolgreiche Zeit: »der _=galiläische
Frühling=_,« wie sie KEIM genannt hat. Den Höhepunkt dieser Periode
bildete die Aussendung der Jünger. Durch ihre Predigt sollte die
herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm bei der
Rückkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf aus, der den
Sieg für schon gegenwärtig hielt (Mt 11 _-25-27-_).
Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus wurde der
Widerstand insceniert (Mk 7 _-1-_). Früher hob ihn die Zuneigung
des Volks über die Reibereien mit den Behörden hinweg. Jetzt aber,
da die Sache planmässig betrieben wurde, fielen auch seine Anhänger
von ihm ab. Es war verhängnisvoll, dass in der Diskussion über die
Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit der gesetzlichen Ueberlieferung
zu Tage trat (Mk 7 _-1-23-_). Ehe der Frühling wieder ins Land kam,
hatte er Galiläa verlassen müssen. Hoch im Norden, in der Stille und
in der Einsamkeit sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu
kommen.
Für die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein Weg offen: der
Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk entgegensetzte. Er war
entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst hineinzutragen. Dort sollte
sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht fiel ihm der Sieg zu. Aber,
wenn auch in der Reihe des irdischen Geschehens das Todesschicksal
unentrinnbar seiner wartete: sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm
wies, so bedeutete dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die
Leistung, durch welche sein Werk gekrönt wurde. Es war dann Gottes
Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die höchste sittliche
That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken zog er nach
Jerusalem -- um Messias zu bleiben.