Es war in der That Jeremias, der, seinen Hut in der Hand, den Weg von der

Colonie herauf gekommen war und jetzt auf derselben Höhe stehen blieb, auf

welcher Justus gehalten, um nach der See zurückzuschauen. Auch Jeremias

sah sich ein paar Mal um, aber es schien, als ob die Scenerie seine

Aufmerksamkeit nicht fesseln könne, denn er drehte den Kopf bald der

Richtung zu, von welcher er gekommen, bald der entgegensetzten, gerade

als ob er Jemanden erwarte und nicht wisse, von welcher Seite er kommen

würde.

»Was zum Teufel hat denn der? Auf wen wartet er denn?« flüsterte Bux,

als Justus seinen Arm ergriff, drückte und ihn durch ein Zeichen warnte,

vorsichtig zu sein. Bux sah ihn erstaunt an. Jeremias, der nicht daran

dachte, daß da oben zwischen den Steinen irgend ein menschliches Wesen

sitzen könne, schritt vorsichtig weiter und bog endlich, kurz vorher,

ehe ihn die Wendung der Straße den Nachblickenden verborgen haben würde,

in eben dieselbe Felswand ein, in der die Beiden standen.

Er mochte jetzt ungefähr hundert Schritte von ihnen entfernt sein, als

Justus sich zu Bux überbog und flüsterte:

»Bux, ich setze meinen Hals zum Pfande, daß der Schuft jetzt nach dem

heimlichen Verstecke kriecht, wo er sein Geld vergraben hat. Wenn wir

_das_ ausfinden könnten, da wäre ein Fang zu machen, und _dem_ Halunken

gönnt' ich's.«

»Glaubst Du wirklich?« zischelte Bux zurück und stieg auf einen der

nächsten Steine, um den kleinen Burschen nicht aus den Augen zu verlieren.

Es war jetzt auch gar keine Gefahr mehr, daß sie gesehen würden, denn

Jeremias drehte ihnen den Rücken zu.

»Gewiß,« sagte Justus -- »was sollte er denn sonst hier oben zwischen

den Steinen herum zu kriechen haben, und daß er Geld irgendwo vergräbt,

weiß ich ganz gewiß.«

»Komm,« winkte Bux, als Jeremias jetzt gerade hinter dem Rücken der

nächsten Abdachung verschwunden war -- »zwischen den Blöcken hier kann

er uns nicht sehen, und vielleicht bekommen wir ihn da drüben wieder

in Sicht« -- und ohne eine weitere Antwort seines Kameraden abzuwarten,

sprang er von seinem Stein herunter, und glitt wie eine Schlange zwischen

den Felsstücken hin der Richtung zu, in der Jener verschwunden war. Justus

konnte ihm in seinen engen Kleidern und besonders mit den Stegen an den

Hosen, welche ihn im Steigen hinderten, kaum folgen. Bux erwies sich

übrigens als ein vortrefflicher Spürhund, denn sein Terrain mit einer

wahren Meisterschaft benutzend und jeden Fels, jeden Baum zur Deckung

brauchend, pirschte er sich rasch und vollkommen geräuschlos weiter vor,

und sah sich nur manchmal unwillig nach Justus um, wenn dieser achtlos

auf einen dürren, knackenden Zweig trat oder an einen lockern Stein mit

dem Fuße stieß -- Dinge, die er verschiedene Mal möglich machte.

Jetzt hatte er den scharfen Kamm, welcher aber hier nicht so steil

ablief und einen Blick über die nächste enge Schlucht gestattete,

erreicht, und entdeckte auch Jeremias schon an der andern Seite

derselben, an der er in die Höhe kletterte. Die Schlucht lag übrigens

vollständig vom Wege ab und tief und sicher versteckt mitten im Walde.

Bux mußte hier abwarten, bis Jeremias wieder aus Sicht war, und Justus

kam indessen auch heran.

»Ist er da?«

Bux deutete nur einfach mit dem Arm über die Schlucht, wo die lichten

Kleider des Deutschen, der langsam an dem Hang hinstieg, deutlich hinter

den Büschen sichtbar waren, wohl einmal einen Augenblick verschwanden,

aber doch immer wieder zum Vorschein kamen.

»Wenn er noch lange macht,« flüsterte Justus, »geht die Sonne unter,

nachher wird's Nacht.«

Bux hob nur warnend die Hand, daß er schweigen solle, denn Jeremias war

stehn geblieben und bückte sich dort. Die beiden Männer schauten ihm mit

der gespanntesten Erwartung zu, aber keiner von ihnen sprach ein Wort

weiter, denn das da drüben mußte der Platz sein. Was Jeremias eigentlich

machte, konnten sie freilich nicht erkennen, aber während ihm Justus mit

größter Aufmerksamkeit zuschaute, merkte sich Bux genau die verschiedenen

Büsche, einen einzeln stehenden Baum, eine junge Palme und einen Felsblock,

an dem wie ein Teller groß ein Moosfleck wucherte.

Jeremias hatte sich etwa zehn Minuten an der Stelle aufgehalten; jetzt

richtete er sich wieder empor und schien erst vorsichtig umzuschauen, ob

er kein lebendes Wesen erkennen könne. Aber Todtenstille herrschte im

Walde, über welchem nur ein einzelner Raubvogel kreiste und dann und

wann seinen eigenthümlich schrillen Ruf ertönen ließ. Der kleine Bursche

mußte sich auch für vollkommen sicher halten, denn er stieg jetzt auf

einem andern Wege, als er gekommen, und vorsichtig von Stein zu Stein

tretend, gerade in die Schlucht hinab und der Richtung nach genau auf

die Stelle zu, wo die Beiden auf der Lauer lagen. Erwarten durften sie

ihn hier aber keinesfalls, und Bux, wieder hinter die nächsten Steine

zurückgleitend, ergriff Justus' Arm und zog ihn noch etwas weiter den

Hang hinauf hinter ein Dickicht von Lorberbäumen, wo er sich niederkauerte

und seinem Begleiter ein Zeichen gab, das Nämliche zu thun.

In dieser Stellung blieben sie etwa eine Viertelstunde, und erst als

die Sonne den obern Rücken der westlichen Gebirge berührte, hob sich

Bux wieder in die Höh und schritt auf seinen alten Stand zurück, um zu

erforschen, ob sich noch Etwas von Jeremias erkennen ließ. Dieser mußte

sich aber jedenfalls -- und für ihn auch der bequemste Weg -- die Schlucht

hinunter gewandt haben, deren Mündung wahrscheinlich unten wieder auf

den Weg oder doch wenigstens in dessen Nähe führte. Es war nicht das

Geringste mehr von ihm zu erkennen. Trotzdem zögerte Bux, hier gerade

die Schlucht hinab zu steigen, wo sie sich jedenfalls ganz offen zeigen

mußten, und zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen. Dort begünstigte

sie außerdem das Terrain ganz besonders, da sich, ein kleines Stück

weiter oben, eine Terrasse über die Schlucht hinüber zog und dadurch

einen dünnen Wasserfall bildete, mit dem sich der Bergbach den Hang

hinunter warf. Sie erreichten, außerdem fast überall durch Gebüsch

gedeckt, die andere Seite der Schlucht dadurch viel früher und konnten

nun ohne weiteres Zögern ihrem Ziel entgegen rücken, denn so lange hatte

sich Jeremias hier keinesfalls ausgehalten. Außerdem durften sie nicht

mehr viel Zeit verlieren, denn schon rötheten sich die Wolken im Westen.

Bux versäumte aber auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntniß

ließ Nichts zu wünschen übrig. Bald hatte er den einzeln stehenden Baum

und die junge Palme gefunden; dicht darüber stand der Stein mit dem

weißen Moosfleck, und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck

auch immer, gehalten hatte. Hier aber war auch der Grund so steinig,

daß er unter keinen Umständen gegraben haben konnte.

»Zum Henker auch!« brummte Justus, der sich überall umsah, »hier kann es

doch nicht sein; Du mußt Dich im Platze versehen haben; ich glaube, es

war weiter oben.«

»Dann such' Du weiter oben,« brummte Bux -- »wenn ich mir einmal einen

Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber

hier Etwas versteckt, so ist's nicht _vergraben_, sondern liegt unter

einem Steine, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprünge kommen.

Paß Du nur ein Bißchen auf, daß wir nicht etwa überrascht werden -- wir

sind freilich unser Zwei, aber -- besser ist besser« -- und ungesäumt

hob er einige der nächsten Steine auf, ohne jedoch das Geringste zu

entdecken -- unter denen konnte Nichts verborgen sein.

»Teufel noch einmal!« brummte er endlich und richtete sich wieder auf

-- »wenn hier wirklich 'was liegt, ist es verflucht schlau weggestaut,

und weiß der Henker, wie er's gemacht hat, denn den großen Felsblock da

hat er doch wahrhaftig nicht heben können. Das brächten _zwölf_ Menschen

nicht zuwege.«

»Sieh 'mal hier,« sagte Justus, der etwas mehr seitwärts stand -- »da

ist eine Spalte in dem Fels, aber so eng, daß man nicht einmal den

Finger dazwischen bringen kann.«

Bux ging zu dem bezeichneten Platze, hatte ihn aber kaum ein paar

Secunden betrachtet, als er sich zu der Platte niederbog und daran

probirte.

»Bei Gott, die bewegt sich!« flüsterte er -- »und siehst Du, hier oben

ist auch Etwas von dem Stein abgestoßen, als ob Jemand mit einem eisernen

Instrument daran gewesen wäre.«

»Wenn man nur ein Messer dazwischen brächte.«

Bux hatte sein Taschenmesser schon heraus, und ohne die Klinge zu öffnen,

drückte er es ganz hinein und schob daran, bis sich der Stein etwas

ablöste und er die Finger dazwischen bringen konnte.

»Schieb Deinen Stock hinein, daß es mich nicht fängt.«

Justus gehorchte, und im nächsten Augenblick hob sich die Platte oben

los und zeigte einen ganz eigenthümlich geformten hohlen Raum im Innern,

der aber nur mit lockerm Gestein angefüllt schien. Es dämmerte außerdem

schon, und sie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen.

»Halte die Platte -- so -- daß ich dahinter greife!« rief Bux -- »aber

laß sie nicht fallen.« Justus hielt sie mit zitternden Händen fest, und

Bux, der keine Rücksicht auf seine Kleider zu nehmen brauchte, zwängte

sich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurück. Plötzlich

stieß er einen leisen Jubelruf aus: »Ich hab's!«

»Was?« rief Justus -- »was ist's?«

»Zieh die Platte noch ein klein Wenig zu Dir -- so -- noch ein Bißchen

-- so, jetzt geht's -- ein Sack -- ein Sack mit Geld -- hurrah, das war

geglückt!« und aus dem Gestein zerrte er einen klingenden Leinwandsack

heraus und hob ihn mit Mühe aus der Spalte mit einem Arme zu Tage.

»Jemine!« rief Justus und ließ die Platte los, die wieder in ihre

alte Lage zurücksank und so vortrefflich paßte, daß man nur mit großer

Aufmerksamkeit den Platz entdecken konnte.

»Esel!« schimpfte Bux -- »kannst Du denn den Stein nicht einmal halten,

bis man Dir's sagt? Wenn nun noch mehr drin stäke -- Du bist doch zu gar

Nichts zu gebrauchen.«

»Na, wie viel Säcke soll er denn haben,« lachte Justus -- »Junge, Junge,

in dem Beutel stecken wenigstens ihre dreihundert Milreis, wenn auch

nicht ein einziges Goldstück dazwischen wäre. Aber was machen wir jetzt

damit?«

»Wir theilen,« brummte Bux, der indessen mit einiger Mühe die Schnur

gelöst hatte, in den Sack griff, eine Hand voll Münzen herausnahm und

in seine Westentasche steckte.

»Du, laß mich auch einmal kosten,« sagte Justus -- »schmeckst Du

prächtig!«

»Komm hier fort!« sagte Bux, den Sack wieder zubindend -- hol's der

Henker, der Teufel könnte doch noch sein Spiel haben -- dort drüben im

Dickicht sind wir sicher.«

»Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden,« meinte Justus

ängstlich.

»Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf,« brummte der Bauchredner

-- »und hab' keine Angst -- _ich_ führe Dich sicher.« --

Jeremias, der einmal durch Zufall diesen wunderlichen Stein gefunden und

-- weil er keinem Menschen sein mühsam erspartes Geld anvertrauen wollte

-- zu seinem Depositorium benutzt hatte, war indessen wieder auf die

andere Seite der Schlucht hinübergestiegen und wollte derselben eben

thalabwärts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurückzukehren. Da

entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche

ziemlich frisch zu sein schienen, und er erschrak heftig darüber. War er

etwa von Jemandem bei seiner letzten Arbeit beobachtet? War sein Versteck

entdeckt worden? Doch das _konnte_ ja nicht sein. Die Fährten hier hatte

jedenfalls einer der Colonisten eingedrückt, der sich auf der Jagd in

der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten

sie eben so gut mehrere Tage alt sein -- was brauchte er sich deshalb

den Kopf zu zerbrechen. Außerdem brach auch die Nacht schon an, und er

stieg rasch den Hang hinab, um die Colonie noch vor völliger Dunkelheit

zu erreichen. Nichtsdestoweniger fühlte er sich heute Abend nicht so recht

behaglich -- es drängte ihn sogar ein paar Mal, wieder umzukehren und

sich selber zu überzeugen, ob Alles sicher sei -- wie aber konnte er

glauben, daß irgend ein Mensch der Welt -- noch dazu in der Dunkelheit

-- _die_ Stelle ausfinden sollte.

»Und ich wollte doch, ich hätte dem Director das Geld mit nach Rio

gegeben,« brummte er endlich leise vor sich hin -- zum Kuckuck, _ich_

habe den Platz gefunden und ein Anderer könnte auch einmal darüber

stolpern -- und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk

überall herumschnüffelt und spionirt -- daß die braunen Bestien alle

der Teufel hole!«

Er hatte den Weg jetzt erreicht und schlenderte langsam eine Strecke

darauf hin. Die Sonne war unter und es dämmerte schon stark. Er blieb

wieder stehen.

»Ist mir doch ganz curios heut zu Muthe,« murmelte er, indem er sich

nach den Bergen umsah, »und ich gäb' was drum, wenn ich noch eine Weile

da oben geblieben wäre -- es wurde nur gar so spät -- und in den alten

Felsblöcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.«

Er horchte erschreckt empor -- war es ihm doch fast, als ob er in der

Richtung nach seinem versteckten Schatz hin einen Ruf gehört hätte -- es

war Alles todtenstill -- die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der

See herüber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hören -- weiter

keinen Laut.

»'s ist doch merkwürdig,« dachte Jeremias, »was mir heute nur Alles in

den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die

Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menschen

genug gäbe, die da herumstreifen könnten -- und außerdem hat's in drei

Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den

Gliedern und ich möchte die ganze Nacht hier sitzen, um nur morgen früh

mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu sein. -- Dann nehm

ich's aber mit -- keine Sonne soll je wieder auf den Stein scheinen mit

meinem Geld darunter, so viel weiß ich, denn die Angst will ich nicht

noch einmal ausstehen. -- Und was hindert mich denn, daß ich's _jetzt_

noch hole? -- aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg da allein

gehen und alle die Soldaten um das Nest herum...?!«

Jeremias war vollkommen mit sich im Unklaren -- er wollte Etwas thun und

wußte nicht was. Wie machte er's am Gescheutesten?

Gerade, wo er stand, war ein Baum quer über den Weg gefallen, von einem

vorbeipassirenden Kärrner wahrscheinlich durchgehauen und eben nur

nothdürftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, daß die Räder

durchpassiren konnten -- wer die Passage breiter haben wollte, konnte

sich selber helfen. Auf den Stamm setzte sich Jeremias, seinen Hut

neben sich legend, und kratzte sich unter der rothen Perrücke in lauter

Zweifel und Ungewißheit den Kopf; es war indessen vollständig dunkel und

Nacht geworden.

Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. »Zum Schwerebrett!«

brummte er, jetzt ist's Nacht geworden -- jetzt kriecht Niemand mehr da

oben herum -- und ich auch nicht -- und morgen, eine Stunde vor Tag,

steh' ich auf, und sprenge die Bank -- hol' mich Dieser und Jener wenn

ich's nicht thue!«

Damit nahm er seine Perrücke ab, trocknete sich darunter mit einem

baumwollenen Taschentuch den Schweiß, zog sie wieder fest, drückte sich

den Hut darüber und wollte eben aufstehen und in die Stadt zurückkehren,

als er rasche und schwere Schritte auf den Steinen hörte.

»Holla, wer ist das?« fuhr er erschreckt empor. Aber die Schritte kamen

rasch näher -- es war Jemand, der aus Leibeskräften lief, und im nächsten

Momente sah er eine dunkle Gestalt auf sich zuspringen, und zwar genau

der Richtung folgend, welche die Straße selber nahm.

Das eine Ende des Baumes lag aber nach dort hinüber, da der umgestürzte

Stamm am dünnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit seinem Wagen

lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende schien den

Stamm gar nicht gesehen zu haben, bis er dicht davor war -- er wollte

einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehltritt und schlug der

Länge nach über das Holz weg. In demselben Augenblick klirrte Etwas wie

Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu dessen

Füßen das Alles vorging, sprang in die Höhe und rief überrascht aus:

»Holla! -- wen haben wir denn da?«

Der Gestürzte mußte keinesfalls die unmittelbare Nähe eines andern

Menschen geahnt haben; kaum aber hörte er die Stimme neben sich, so

stieß er einen Angstschrei aus, so hell und gellend, daß Jeremias selbst

davor zurückschreckte, raffte sich aber auch in demselben Moment empor

und war mit Einem Satze seitwärts im Dickicht verschwunden, wo er in

wilder Flucht durch Dornen und Geröll hindurchbrach.

»Na ja,« sagte Jeremias und sah verblüfft hinter ihm drein -- was hat

denn der ausgefressen, und wer war's eigentlich? -- Kam mir beinahe so

vor, als ob's der Lump, der Bux -- alle Teufel!« unterbrach er sich selber

und sprang der Stelle zu, aus der er das klirrende Geräusch gehört. Er

brauchte auch nicht lange zu suchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler

Gegenstand, während es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur seine

Hand darauf legte.

Es war ein Sack mit Geld -- genau so ein Sack, wie _er_ ihn unter dem

Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern

darüber hingriff, konnte er nicht länger im Zweifel sein, daß er sein

Eigenthum in Händen halte.

Was war geschehen -- wie hing das Alles zusammen? Die Gedanken jagten

sich ihm wirr im Kopf und die Furcht überkam ihn jetzt, daß der blos

erschreckte Räuber, vielleicht noch mit Genossen, zurückkehren und ihn

überfallen könne.

In die Stadt! war jetzt sein einziger Gedanke -- zu Menschen, zwischen

menschliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel fest unter den

Arm drückend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg

entlang, als ob ihn selber sein böses Gewissen treibe.

Selbst unterwegs aber überkam ihn die Angst, daß der Flüchtige schon

umgedreht sein könne und hinter irgend einem Busche auf ihn lauere,

und er brauchte jetzt die wunderlichsten Mittel, sich dagegen sicher

zu stellen. Wenn Jener nämlich glauben mußte, daß er nicht allein sei,

wagte er sicher nicht vorzubrechen, und Jeremias fing jetzt an zu rufen:

»Hier ist er -- da hinter dem Busche! -- Spring' da herum, daß er nicht

wieder durchbricht! -- Halt' ihn! -- Warte, Canaille, dieses Mal entgehst

Du uns nicht!« Und dabei lief er so rasch ihn seine Füße trugen, bis er,

endlich bei Justus' Haus angekommen, vor Erschöpfung und ausgestandener

Todesangst fast in die Knie brach.

Hier begegneten ihm aber Menschen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die

Straße hinauf -- ein Reiter kam die eine Querstraße herein. In den

Häusern war Licht und in den Zimmern konnte er die Leute sitzen sehen.

Vor der einen Thür saßen sogar noch ein paar junge Burschen und sangen,

und Mädchen gingen über die Straße, um Wasser zu holen. -- Er war in

Sicherheit.

11.

Könnern und Elise.

Am nächsten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden:

bei Baulens war kein Pferd gefüttert und geputzt, der Baron schimpfte

über Jeremias und seine schmutzigen Pfeifen, bei Bohlos sollte Wein

abgezogen werden und keine Flasche war rein, beim Kaufmann Rohrland

waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben,

kurz, überall suchte man Jeremias, der noch im Leben nicht so nöthig

gewesen schien als gerade heute, und gerade heute nicht gefunden werden

konnte.

Und wo war Jeremias? -- In seinem Dachstübchen, aber fest eingeschlossen,

das Schlüsselloch verstopft, so saß er auf seinem Bett, antwortete auf

kein Klopfen, und brütete über seinem Geldsack, den er wohl verborgen

unter der Matratze liegen hatte und sich nicht mehr getraute zu

verlassen.

So war es bald Mittag geworden, und er saß noch immer da, als es

plötzlich wieder, lauter als je, an seine Thür schlug. Er gab keine

Antwort; aber der Klopfer ließ sich dieses Mal nicht abweisen, und rief,

mit dem Mund an der Thür:

»Was, zum Teufel, treibst Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!«

-- Keine Antwort -- »verstelle Dich nur nicht -- ich habe Dich ja eben

nießen hören. Mach' auf, oder ich drücke wahrhaftig die Thür ein!«

Jeremias kannte die Stimme -- es war der Kaufmann Rohrland selber -- konnte

ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias stand auf und schob

den Riegel zurück.

»Aber, zum Teufel, was treibst Du denn nur hier oben?« rief ihm dieser

entgegen, ȟberall wirst Du gesucht; der Bodenlos flucht und schimpft

und der junge Graf wettert im ganzen Orte herum. Bist Du krank?«

»Zahnschmerzen,« sagte Jeremias, und hielt sich mit beiden Händen die

Backe.

»So laß ihn herausreißen -- wer quält sich denn so lange mit einem

kranken Knochen! Ist's denn jetzt besser?«

»Ja.«

»Kannst Du mir 'was besorgen?«

»Und was ist's?«

»Der neue Director war bei mir, und wollte für etwa ein Conto de Reis

Silber; ich habe aber nur ein paar Hundert Milreis im Hause -- kannst

Du einmal herumlaufen und sehen, wo Du sie auftreibst? -- Er giebt ganz

gute Banknoten dafür, die eigentlich noch eine Prämie bekommen.«

»Ganz gute Banknoten?« fragte Jeremias aufmerksam werdend.

»So gut wie Silber, oder noch besser. Ich wechselte sie ihm gern ein,

wenn ich es nur hätte.«

Jeremias sprang wie der Blitz in die Höhe und in seine Schuhe; da war

Hülfe in der Noth.

»Sieh' zu, daß Du es bekommst, und wenn es nur wenigstens ein Theil ist,

das Andere schaffen wir dann schon.«

»Ich bring' es hinüber,« sagte Jeremias, und meinte seinen Sack -- »also

gute Banknoten?«

»Ich tausche sie zu jeder Stunde wieder um, wenn ich's nur selber habe.

Kommst Du dann hinüber?«

»In einer Viertelstunde; ich -- muß mich nur erst waschen.«

»Gut,« sagte Rohrland -- »also, ich verlasse mich darauf. Hier hast Du

erst einmal fünfhundert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben

kannst, hol' Dir das Übrige -- siehst Du, es sind lauter gute Noten und

noch alle neu.«

Er zählte sie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein,

und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die

Thür wieder hinter ihm fest verriegelte und in voller Hast seinen Schatz

vorholte. -- Banknoten -- weshalb hatte er denn nicht an die schon lange

gedacht, daß er sich immer mit dem schweren Silber herumgequält und die

Angst ausgestanden hatte, es zu verlieren -- Banknoten -- die konnte er

in seinen Rock oder in seine Weste nähen, und wer wußte nachher, daß er

ein Vermögen auf dem Leibe trug? Aber zählen mußte er vorher, was er

hatte, und mit vorsichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke,

daß die Münzen nicht an einander schlugen. -- Und wie das hübsch aussah,

als da Alles in einer Reihe vor ihm lag -- aber Banknoten waren besser

-- die klimperten nicht und hatten kein Gewicht, und man brauchte nicht

draußen in den Bergen herumzukriechen, um sie einzeln zu verstecken, und

nachher alle auf einmal stehlen zu lassen. -- Wer nur der Dieb gestern

gewesen war, und wie er ihn ausgefunden hatte? Wirklich der Bux? -- Aber

wie konnte der wissen, daß er Geld im Walde versteckt gehalten? -- Es

_mußte_ jemand Anders gewesen sein -- vielleicht der Schneider, der

Justus, der ihn wie Gift haßte? -- Er hörte bei dem Gedanken ordentlich

mit Zählen auf, und brummte leise vor sich hin: »So eine Canaille, -- dem

traut' ich's zu.«

Jetzt war er fertig, aber wieder und wieder überzählte er die Summe

-- vierhunderteinundzwanzig Stück, und _seiner_ Berechnung nach fehlten

neunzehn daran -- ob die der Schuft herausgestohlen hatte? -- Es wurden

aber nicht mehr, und er packte sie endlich wieder ein und trug sie fort.

Damit schien dem kleinen Burschen aber eine wahre Last von der Seele

genommen zu sein. So wie er sein schweres Silber los war, nähte er sich

die paar Banknoten sorgfältig in seine Weste ein, und ging dann an seine

Arbeit, und pfiff und sang dabei, daß es eine wahre Lust und Freude

war. -- --

* * * * *

Wir müssen jetzt noch einmal auf die Erlebnisse des vorigen Tages

zurückspringen, und zwar zu dem Augenblick, wo Könnern und von

Schwartzau in Begleitung Helenen's den Meier'schen Garten verließen.

Noch saß der alte Mann auf dem Stuhl, die Hände gefaltet und in sich

zusammengebrochen, den Blick stier und glanzlos auf den Boden heftend.

Neben ihm stand die Tochter, den linken Arm um seine Schulter geschlagen,

ihre Stirn auf sein Haupt gelehnt, und mit der rechten Hand seinen Arm

gefaßt, und flüsterte leise:

»Väterchen -- Väterchen -- was ist Dir? So fasse Dich doch -- sieh mich

an -- ich bin ja bei Dir, Deine Elise, Dein Kind, und will Dich nie

verlassen, wenn es Dir gar so schrecklich ist. Sprich nur mit mir -- hebe

nur die Augen zu mir auf -- sage mir nur das Eine -- Eine Wort, daß Du

mir nicht böse bist!«

»Sprich mit ihr,« flüsterte die Frau, die ihre ganze Fassung wieder

gewonnen hatte, und ebenfalls zu dem Gatten getreten war -- »sprich mit

ihr und sei ein _Mann_, Franz. -- Es ist Nichts, Kind, es wird gleich

vorübergehen -- vor acht Tagen hatte er ja auch schon einmal einen solchen

Anfall gehabt, nur daß wir es Dir damals verheimlichten, damit Du Dich

nicht so sehr erschrecken solltest.«

Meier hob den stieren Blick langsam zu seiner Frau empor, und sah sie so

scharf und durchdringend an, daß sie ihre Augen zu Boden schlagen mußte.

»Es ist _Nichts_ -- gar Nichts?« sagte er leise. -- »Und war er nicht

hier -- hat er nicht...«

»Unsinn!« rief aber die Frau jetzt ärgerlich; »schwatze dem Kinde Nichts

vor, daß es sich ängstigen muß.«

Noch immer haftete des alten Mannes Blick fest auf seiner Frau, und an

dem Arm der Tochter hob er sich empor, bis er aufgerichtet vor ihr stand

-- dann seine Hand auf Elisens Schulter legend, und sich zu ihr wendend,

während nur noch ein scheuer Blick nach der Frau hinüberschweifte,

flüsterte er:

»Glaub' ihr nicht, Elise, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat sie mich

eingeschläfert und mein Gewissen erdrückt, daß es nicht ausbrechen konnte

an freie Luft. Jetzt ist's vorbei, jetzt ist's vorbei! Er ist gekommen,

der Rächer, und die Schuld muß gesühnt werden.«

»Vater!« rief Elise in furchtbarer Angst -- ist geschehen -- was hast

Du?«

»Er spricht im Fieber,« rief die Mutter erbleichend -- »hör' nicht auf

ihn -- lauf', Elise -- spring' hinaus und schick' das Mädchen nach einem

Arzt!«

»Zurück!« rief der alte Mann, indem er Elisen's Arm jetzt krampfhaft

hielt -- »zurück Versucher, Deine Zeit ist um. -- Länger ertrag' ich's

nicht -- hat mir so schon das Herz fast abgedrückt die langen, langen

Jahre über -- zurück!« Und das Mädchen wieder an sich ziehend, flüsterte

er ihr rasch und ängstlich zu: »Komm mit auf mein Zimmer, Elise -- komm

mit -- Du sollst Alles -- Alles wissen -- Dir will ich beichten -- in

Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer

ausschütten -- dann wird mir wohl -- dann wird mir wohl werden!«

»Franz,« rief die Frau, mit krampfhaft gefalteten Händen zu ihm

aufschauend -- »um Gottes willen bedenke was Du thust! Willst Du das

Kind vom Herzen der Mutter reißen?«

»Du _hast_ kein Herz!« stöhnte aber der alte Mann, die zitternde Hand

gegen sie schüttelnd -- »geh' -- geh' -- geh'! Laß mich mit dem Kind

allein, ich _muß_ sprechen -- muß endlich sprechen und für meine Seele

Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen soll. Komm',

Lieschen, komm -- ich _will_ reden,« und mit zitternder Hast zog er

die Tochter in sein Zimmer. Die Frau aber wankte zum Sopha, warf sich

darauf, barg ihr Gesicht fest, fest in den Händen und lag dort stumm und

regungslos.

Das war ein trauriger Tag in dem Hause. Die Dienstleute gingen herum und

wußten nicht, was mit der Herrschaft geschehen sei. Das Frühstück war schon

unberührt auf dem Tisch stehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen,

zum Mittagsessen wurde gar nicht gedeckt. Das Dienstmädchen ging ein paar

Mal zur »Madame« hinein, um zu fragen ob Niemand Etwas verlange -- aber

sie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem

Sopha und regte kein Glied, und nur an dem schweren Athmen konnte man

sehen, daß sie noch lebe, und Elise war, als sie den Vater verließ, auf

ihr Zimmer gegangen, und hatte sich dort eingeschlossen.

So kam der Abend heran, und als es anfing zu dämmern, erhob sich die

Frau langsam von ihrem Lager, stand auf, und verließ das Haus und den

Garten, und schritt langsam den schmalen Weg zum Thal hinab. Karl sah

sie gehen, und schüttelte den Kopf, denn wie selten war die Frau hinaus

vor die Gartenthür gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden -- wo

wollte sie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hinein

gehen sollte und es dem Herrn sagen; aber der hatte seinen Riegel inwendig

vorgeschoben, und das Fräulein war eben so wenig zu sprechen. Er ging

dann selber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da draußen

auszuschauen -- aber sie war nirgends zu sehen, und es fing an, ihm

selber ganz unheimlich dabei zu werden.

Endlich kam Elise herunter, um ihre Mutter zu sprechen. -- Das Mädchen

kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzählen, daß die Frau fort sei, und

so gar schrecklich bleich ausgesehen habe, wie sie gegangen, und so gar

große und glänzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch hatte sie mitgenommen,

keinen Hut -- ruhig und langsam war sie hinausgeschritten auf die Straße

und dort hinab.

Elise seufzte tief auf und faßte krampfhaft ihr armes, gequältes Herz

-- die Ahnung von etwas Furchtbarem kam über sie; aber so viel war schon

geschehen -- so Entsetzliches, daß der Eine Schlag nicht betäubender

wirken konnte als der andere. Das Mädchen durfte auch nicht ahnen was

geschehen -- wenigstens jetzt noch nicht, denn lange ließ es sich ja

doch nicht mehr geheim halten.

»Wo ist der Karl?« fragte sie ruhig.

»Hier, Fräulein,« sagte der junge Bursche, der schüchtern an der Thür

gestanden.

»Geh' hinunter in die Stadt und suche die Mutter -- sie ist krank

-- benachrichtige auch zugleich den Arzt, daß sie in einem heftigen

Fieberanfall das Haus verlassen habe. Wenn Du sie allein nicht gleich

findest, so schick' andere Leute nach allen Richtungen aus -- Du wirst

aber schon von ihr hören -- Menschen werden sie schon hier oder da

gesehen haben -- lauf', Karl -- sei geschwind, und -- wenn Ihr sie

gefunden habt, schick' mir rasch einen Boten voraus, daß ich Euch

entgegen komme.«

Karl nickte stumm mit dem Kopfe, und seine Mütze nehmend lief er in die

Stadt hinab, so rasch ihn seine Füße trugen -- aber der Abend verstrich

und er kehrte nicht zurück, und Elise ging still und allein in dem öden

Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf

sein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor

dem Fenster stand; Elise sah es nicht -- die Augen auf den Boden geheftet,

wanderte sie die halbe Nacht mit schweren, sorgenvollen Schritten, bis

sie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthür gehen hörte und wußte, daß

jetzt Karl zurückgekehrt sei. Sie schritt zur Thür, und rief: »Karl!«

»Ach, Fräulein, sind Sie noch auf?«

»Hast Du keine Spur gefunden?«

»Wir haben Alles abgesucht -- in allen Häusern nachgefragt, sie kann

-- sie kann sich nirgends aufgehalten haben.«

»Sie war in der Stadt?«

»Ja -- des Liebel's Mädchen hat sie gesehen, wie sie dort am Haus, aber

hinten am Garten vorbeigegangen ist, auf dem kleinen Wege -- der --«

»Der?«

»Der nach dem Fluß führt.«

»Nach dem Fluß?« wiederholte Elise, und sie fühlte, wie ihr das Blut

im Herzen stockte, aber gewaltsam raffte sie sich empor und fuhr leise

fort: »Und weiter hat sie Niemand gesehen?«

»Der Mann, welcher die Fähre unten hält, behauptet, es sei eine Frau

in einem weißen Kleide an seinem Hause vorbeigegangen, immer den Weg

entlang; unten, wo die Soldaten liegen, will sie aber Niemand gesehen

haben.«

»Ihr habt nicht ordentlich nachgefragt.«

»Gewiß, Fräulein -- aber es wurde so spät -- die Leute schliefen schon

alle. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder in der Stadt und -- bringe

Ihnen gewiß gute Nachricht.«

»Es ist gut; leg' Dich nieder -- Du wirst auch müde sein.«

»Ach, gar nicht, bestes Fräulein, wenn ich nur...«

»Leg' Dich nieder, Karl, und sei morgen früh wieder auf.«

»Ehe es nur grau im Osten wird, bin ich in der Stadt unten.«

Es mochte etwa zehn Uhr am nächsten Morgen sein, als ein einzelner

Reiter am Gartenthor hielt, sein Pferd dort befestigte und an das Thor

pochen wollte; aber er sah, daß dieses nur angelehnt sei, und betrat den

Garten. Es war Könnern, und sein erster Blick flog nach dem Mandelbaum

hinüber, an dem er gestern Elisen getroffen. Der Cithertisch stand noch

dort mit der Cither, wo sie vergessen und dem Nachtthau ausgesetzt gewesen

war -- ein kleines Halstuch, das Elise getragen und abgenommen, als es

ihr zu warm wurde, lag daneben auf dem Tisch.

Könnern seufzte tief auf; die Brust war ihm so beklommen, er konnte

kaum athmen; aber er faßte sich gewaltsam, und schritt auf das Haus zu.

Unten traf er das Mädchen, das in der Küche neben dem Heerde saß und

roth geweinte Augen hatte.

»Ist Ihr Fräulein zu Hause?« fragte er leise.

»Ja -- drin im Zimmer,« sagte die Magd, scheu zu dem Fremden aufsehend,

denn das war ja Einer von Denen, die gestern dagewesen, wonach das

Unglück über ihr Haus hereingekommen.

»Kann ich sie sprechen?«

»Ich weiß nicht -- sie wird wohl Niemand sprechen wollen -- das arme

Kind -- ach, bei uns geht's zu!«

»Sind die Eltern bei ihr?«

»Der alte Herr ist in seinem Zimmer und schreibt,« antwortete das Mädchen,

sich die Augen abtrocknend -- »er hat die ganze Nacht geschrieben und

ist in kein Bett gekommen -- und die Frau ist fort -- kein Mensch weiß

wohin, und sie suchen sie schon seit gestern Abend vergeblich überall.

Sie haben 'was Schönes angerichtet, und Gott im Himmel verzeih' Ihnen

die Sünde!«

»Ich muß das Fräulein sprechen -- gehen Sie hinein -- sagen Sie ihr, daß

ein Freund da sei, der ihr Trost brächte.«

»Den könnte sie brauchen,« seufzte das arme Mädchen, und erhob sich

von der Küchenbank, als die Thür des Zimmers aufging und Elise auf der

Schwelle stand. Sie sah todtenbleich aus, war aber vollkommen ruhig und

sagte leise: »Kommen Sie herein, Herr Könnern, ich habe Ihre Stimme

gehört -- ich muß mit Ihnen reden.«

»Elise, meine arme, arme Elise!« rief Könnern, als er das Zimmer betreten

hatte und ihre Hand ergriff -- »welch ein kalter Reif ist auf Dein junges

Leben gefallen!«

Elise barg ihr Antlitz in den Händen und stand eine Weile schweigend vor

ihm. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich -- sie duldete es;

endlich richtete sie sich wieder empor, machte sich von ihm frei und

flüsterte:

»Ich danke Ihnen, Herr Könnern, daß Sie mich noch einmal aufgesucht

haben -- der Gedanke wäre mir schrecklich gewesen, auch Sie in jener

furchtbaren Stunde so verloren zu haben. Jetzt ist Alles gut, jetzt kann

ich ruhig mit Ihnen sprechen -- ruhig von Ihnen Abschied nehmen...«

»Elise,« bat Könnern, und wollte wieder ihre Hand ergreifen, die sie ihm

aber entzog.

»Lassen Sie mich ausreden,« bat sie -- »meine Gedanken sind ohnedies

verwirrt, mein Kopf ist mir wüst und leer -- so lassen Sie uns denn

wenigstens diese schwere Stunde abkürzen -- es könnte sonst meine Kräfte

übersteigen.«

»Mein armes, armes Kind!« flüsterte Könnern.

»Sie wissen Alles, wie ich voraussetzen darf, nicht wahr?« fuhr Elise

fort, und sah scheu zu ihm auf.

»Alles,« hauchte Könnern -- »Herr von Schwartzau hat mir gestern Abend

Alles erzählt, denn ich _mußte_ es wissen, wenn ich rathen und helfen

soll.«

»Gott sei Dank,« seufzte Elise, »dann wird mir das wenigstens erspart!

Ich hatte mich davor gefürchtet.«

»Und hat Dein Vater, Elise...«

»Er hat mir sein ganzes Herz ausgeschüttet,« sagte die Tochter -- »seine

ganze, furchtbare Schuld bekannt und -- mich noch viel Furchtbareres

ahnen lassen, was ihn dazu getrieben« -- setzte sie leise und scheu

hinzu. »Das Unglück ist aber so plötzlich über uns hereingebrochen, daß

es mir selber manchmal noch wie ein böser, furchtbarer Traum vorkommt,

aus dem ich endlich erwachen müsse, weil es ja gar nicht möglich sein

könne, daß er wahr -- daß er wirklich sei. Und doch ist er wahr und

wirklich; -- ich wache -- ich lebe bei vollem Bewußtsein, und darf mir

das Entsetzlichste -- meine Mutter -- noch nicht einmal denken, wenn

ich die armen, gequälten Sinne zusammenhalten will. -- Doch jetzt fort

mit Allem, was mich stören oder hindern könnte -- _der_ Schmerz ist

_mein_ -- und ich will ihn allein tragen.«

»Und verschmähst Du die Hand, die sich ausstreckt, Dir tragen zu

helfen?«

»Lassen Sie mich ausreden,« bat Elise, »denn der Weg, den ich mir

vorgezeichnet habe, liegt so klar und offen vor mir, daß kein Irren

davon möglich ist. -- Ich will auch nicht den Vater -- die Eltern

entschuldigen -- das Furchtbare ist geschehen, und die Folgen brechen

herein. Nichts bleibt uns jetzt übrig, als gut zu machen was noch

möglich ist -- und das soll geschehen. Mein Vater hat die ganze Nacht

damit zugebracht, seine Papiere zu ordnen -- ich habe ihn heute Morgen

gesprochen -- bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig sein, und

läßt bis dahin Ihren Freund bitten, sich zu ihm her zu bemühen.«

Könnern schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf.

»Er wird ihm,« fuhr Elise fort, und Könnern sah, welche Gewalt sie

sich anthun mußte, ruhig zu bleiben -- »Alles übergeben was wir haben

-- _Alles_,« setzte sie rasch hinzu, »selbst das Letzte, und morgen

-- verlassen wir dann die Colonie.«

»Elise, das geht nicht -- das geht bei Gott nicht!« rief Könnern

erschreckt.

»Es geht nicht?« rief das junge Mädchen, und ihre ganze Gestalt

zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geöffnet, mit stieren

Blicken streckte sie die Arme nach Könnern aus und bat mit vor innerer

Angst fast erstickter Stimme: »Und soll auch noch das Furchtbarste über

uns hereinbrechen? Soll der arme, alte Mann, dessen Leben schon durch

seine Gewissensbisse zerstört und vergiftet wurde, auch noch in den

Kerker müssen? Soll ich den Vater hinter Eisenstäben sterben sehen,

während die Mutter...« Sie konnte nicht mehr, der schwache Körper hatte

das Übermenschliche ertragen, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte sie

nicht Könnern in seinem Arm aufgefangen.

»Elise,« flehte der junge Mann in Todesangst, »woher diese schrecklichen

Gedanken -- quäle Dich nicht unnöthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater

kann _frei_ hinziehen, wohin er will -- Günther von Schwartzau ist ein

Ehrenmann und mein treuer Freund, und was in _seinen_ Kräften steht, Dein

hartes Geschick zu mildern, wird er mit Freuden schon meinetwegen thun.«

»O, Dank -- tausend, tausend Dank für diesen Trost!« schluchzte Elise,

ergriff Könnern's Hand und preßte sie an ihre Lippen, ehe er es verhindern

konnte -- »dann ist Alles gut -- Alles gut -- und mit der Angst von sich

genommen, die seine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben

beginnen. Ich bin ja auch jung und kräftig,« fuhr sie lebhafter fort

-- »ich will und kann arbeiten, und Gott wird uns nicht verlassen, wenn

er die wahre Reue des Schuldigen sieht.«

»Elise,« rief Könnern, der sich nicht länger halten konnte -- »Du

zerreißest mir das Herz mit solchen Reden -- »bin ich Dir gar Nichts

mehr? Sind die lieben Worte, welche Du gestern zu mir gesprochen, schon

verhallt und todt? Elise, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir

gegeben -- _was_ auch geschehen, was verschuldet ist, nicht Du -- nicht

ich trage die Schuld davon, und wir dürfen deshalb nicht darunter leiden.

Du bist mein -- mein für immer, und auf Händen will ich Dich tragen mein

ganzes Leben lang!«

Er hatte noch seinen Arm um sie geschlungen, und preßte sie fest und

leidenschaftlich an sich, und Elise duldete die Umarmung und lehnte ihr

Haupt müde an seine Brust. Dann machte sie sich leise von ihm los und

sagte, indem sie ihn mit einem rührenden Blick voll Liebe und Dankbarkeit

ansah:

»So -- jetzt ist mir wohl -- ich habe _ein_mal an diesem treuen Herzen

geruht, und die Erinnerung dieses Augenblicks wird mir ein Trost mein

ganzes, langes Leben sein -- und jetzt, Bernard, laß uns scheiden.«

»Elise...«

»Rede mir nicht zu,« sagte das Mädchen, indem jetzt wieder Leichenblässe

ihre Züge entfärbte -- »mein Entschluß steht fest -- unerschüttert fest

-- ich kann und darf Dir nicht angehören -- ich kann und will das Opfer

nicht von Dir annehmen, Dich an das Leben eines Verbrechers zu ketten.

Aber das Kind gehört zum Vater, und wie mich Gott geschützt, daß ich den

Augenblick überstanden, in dem ich Dir das gesagt -- wird er mich auch

weiter schützen auf meiner langen, dornenvollen Bahn. Ja, Bernard,« fuhr

sie wie verklärt fort, als er stumm vor Schmerz vor ihr stand -- »ich

habe Dich geliebt mit meiner ganzen Seele -- mit jedem Athemzug, den ich

gethan, mit jedem Schlage meines armen Herzens -- ich liebe Dich noch

und werde Dich immer lieben, aber -- ich darf nicht Dein sein -- darf

nicht -- kann es nicht. Leb' wohl! Möge Dir Gott den Frieden geben,

welchen Dein reines Herz verdient -- mögen Dich dereinst wieder süße

Bande fesseln, die nicht von Schuld und Sünde getrübt sind; _mein_ Segen

begleite Dich auf allen Deinen Wegen, denn Du hast mir mehr gegeben, als

die ganze Welt -- _einen_ glücklichen Augenblick an Deinem Herzen. Und

nun leb' wohl, Bernard -- leb' ewig wohl -- Gott schütze Dich!« Und ihr

Antlitz zu ihm hebend, bot sie ihm selber den Abschiedskuß -- aber ihre

Lippen waren kalt und bleich, und wie sie sich von ihm wandte und die

Thür ihres Zimmers hinter sich schloß, war es, als ob ein Geist aus

einer andern Welt zu ihm gesprochen und vor seinen Augen in Duft und

Nebel zerstoben sei.

12.

Verschiedene Interessen.

In dem Zimmer der Frau Gräfin stand Helene am Fenster, sah hinaus und

trommelte dabei ungeduldig mit den Fingern an der Fensterscheibe.

Die Gräfin hatte noch nicht Toilette gemacht -- sie saß in ihrem

Lehnstuhl, ein Buch in der Hand, ohne jedoch darin zu lesen, den rechten

Fuß, von welchem der Pantoffel heruntergefallen war, über den linken

geschlagen, in einem weißen, nicht frisch gewaschenen Morgengewand, auch

die Haare noch nicht in Ordnung und außerdem nicht in der besten Laune.

Helene selber dagegen sah aus, wie der frische, junge Morgen da draußen

vor den Fenstern. Die Wangen geröthet von einem Frühritt, den sie schon

gemacht, ein paar duftende Orangenblüthen und eine Rose im Haar stand

sie da, und selbst in den Augen, wie der funkelnde Thau da draußen noch

auf den Blüthen lag, ein paar blitzende Tropfen, die aber mehr der

Unmuth als der Schmerz ausgepreßt haben mußte und die sie zu stolz war

wegzuwischen, damit die Mutter die Bewegung nicht etwa sah.

»Laß nur um Gottes willen das schreckliche Fenstertrommeln,« sagte die

Mutter endlich -- »Du machst mich noch ganz nervös, und -- schicke mir

dann die Dorothea herein, denn ich _muß_ mich jetzt anziehen -- es ist

wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei.«

Helene hörte allerdings mit ihrem Marsch auf der Fensterscheibe auf,

aber sie rührte sich nicht von der Stelle und sagte endlich erregt:

»Du treibst mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner

gränzenlosen Ruhe und Gleichgültigkeit.«

»Gleichgültigkeit?« fragte die Gräfin zurück -- »Du nennst das

Gleichgültigkeit, was vorsichtige Überlegung und Berechnung ist -- und

was _kannst_ Du überhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben ist ein

anständiger, hübscher, junger Mensch aus guter und wohlhabender Familie

er liebt Dich leidenschaftlich und ist in seinen Forderungen auch nicht

unbescheiden. Er will ja gar nicht, daß die Hochzeit _gleich_ sein soll

-- er will nur die feste Zusicherung Deiner Hand -- nur eine vorläufige

Verlobung, weiter Nichts, und -- lieber Gott -- nachher könnt Ihr ja

noch immer thun, was Ihr wollt. Es ist schon manche Verlobung rückgängig

geworden, ohne daß beide Theile darüber gestorben sind.«

Helene drehte sich rasch und scharf nach der Mutter um.

»Und wenn ich mich weigere?« sagte sie, und der Blick, mit dem sie die

Mutter dabei ansah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe.

»Es ist ganz vernünftig,« sagte die Gräfin ruhig, ohne jedoch zu ihr

aufzusehen, »daß wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wissen

dann Beide gleich besser, woran wir sind. Wenn Du Dich also weigerst,

wird Herr von Pulteleben augenblicklich ausziehen und das Geschäft

aufgeben -- das versteht sich von selbst. So wie _er_ aber aus dem Hause

ist, kannst Du auch versichert sein, daß unsere Gläubiger wie ein

Rabenschwarm über uns herfallen, und das Resultat ist dann sehr einfach:

wir müssen ausziehen -- wohin? wirst Du vielleicht angeben können

-- unsere Möbel und Sachen werden öffentlich verauctionirt und Deine

Mutter verläßt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in

dem sie bis jetzt wenigstens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich

Recht oder nicht?«

»O wärest Du mir nur gefolgt!« rief Helene leidenschaftlich -- »hätten

wir uns nur eingeschränkt wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem

Wenigen, was wir hatten, Haus gehalten, es wäre nie und nimmer so weit

gekommen!«

»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte die Gräfin ungeduldig mit

dem Kopf schüttelnd, -- »wir mußten standesgemäß leben, oder die Leute

hätten den Augenblick gemerkt, daß wir -- mit unserem Einkommen beschränkt

sind. Es giebt gar kein mißtrauischeres Volk als diese Bauern.«

»Aber _kann_ es denn auf die Länge der Zeit verheimlicht bleiben?«

»Zeit gewonnen. Alles gewonnen,« ist ein altes, gutes Sprüchwort, und wir

_haben_ Alles gewonnen, wenn Du nur, Deiner Mutter zu Liebe, nachgiebst

und nicht mit dem alten Starrkopf Recht behalten willst.«

»Aber ich liebe den Mann nicht!« rief Helene, ihre Augenbrauen zogen sich

dabei fest zusammen und ihre kleine Hand ballte sich.

»Liebe -- Liebe,« sagte die Frau Gräfin, sich hin und her wiegend -- »in

unserem Stand wird selten eine Heirath aus _Liebe_ geschlossen. _Hast_ Du

eine andere Wahl, so nenne sie -- hast Du sie nicht, so sei vernünftig.«

»Warum läßt Du mich nicht Stunden geben?« fragte Helene rasch -- »ich habe

Dich so oft darum gebeten.«

»Damit könntest Du Dich _selber_ am Leben erhalten, und was wird dann

aus _mir_, was aus Oskar? Aber thu' es -- thu' es nur -- was kümmerst Du

Dich um Deine Mutter; die mag dann untergehen und verkümmern, wie sie

will -- es ist ja nur die _Mutter_!«

Helene hatte sich auf den Stuhl an's Fenster gesetzt, stützte den Kopf

auf ihre linke Hand und sah, von ihren Gedanken gequält, hinaus in's

Leere. Endlich stand sie auf, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust, und

sie sagte leise:

»Thu', was Du willst, Mutter -- _den_ Vorwurf sollst Du mir wenigstens

nicht machen können.«

»Und morgen Abend haben wir die Gesellschaft?« fragte die Gräfin, und

ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre Züge.

»Richte es ein wie Du willst,« wehrte Helene ab -- »ich sage Dir ja,

ich füge mich Allem, aber -- quäle mich nicht weiter!« und mit raschen

Schritten verließ sie das Zimmer, um ihre eigene Stube aufzusuchen. --

Herr von Pulteleben saß oben, eine Treppe höher, noch in seinem

Morgenanzuge vor dem geöffneten Koffer und überzählte seinen

Cassenbestand.

»Das weiß doch der Henker,« murmelte er dabei vor sich hin -- »ob ich

mich um fünfzig Milreis verzählt habe, oder wo sie hingekommen sind

-- die Frau Gräfin hat doch den Schlüssel gehabt und das Schloß war

unbeschädigt -- na ja, das fehlte auch noch, daß das Geld auf _die_

Weise weggeht, es wird _so_ dünn genug, und wenn die versprochenen

Wechsel jetzt nicht bald eintreffen, so sitzen wir hier Alle mit einander

auf dem Trocknen. Verfluchte Geschichte mit der Cigarrenfabrik -- ganz

verfluchte Geschichte, und ich will nur wünschen, daß die Leute bald

anfangen sich um unsere Producte zu reißen, sonst steh' ich für Nichts.«

Er stützte seinen Ellbogen auf's Knie und schaute lange in tiefen Gedanken

in den Koffer hinein. Endlich sagte er, diesen zuschließend und wieder

aufstehend:

»Aber was thut's -- Thorheit! -- ich habe noch die alte Ängstlichkeit

von Europa mitgebracht, welche sich erst hier in Brasilien verlieren

muß. Eine kleine Weile hält's noch aus -- bis dahin kommen ebenfalls

Gelder ein, und da meine gnädige Schwiegermutter #in spe# ihr Capital

für das Rittergut mit dem nächsten fälligen Dampfer schon erwartet, so

wär' ich ja ein wahrer Thor, wenn ich mir ganz unnöthiger Weise Sorgen

machen wollte. Glück muß ein junger Mensch haben, und der Zufall -- oder

vielmehr dieser verzweifelte Jeremias, der mir heute Morgen meine Kleider

_noch_ nicht rein gemacht hat -- scheint mich in dieser Familie dem

Glück mitten in den Schooß geworfen zu haben; daß ich das aber beim

Schopf ergreife, versteht sich von selber.«

»Der Jeremias ist aber wirklich ein Lump,« fuhr er in seinem

Selbstgespräche fort, indem er seinen Rock hernahm und ihn selber

ausbürstete -- »nicht der geringste Verlaß mehr auf den Menschen, und

wenn ich ihm nicht wirklich so viel Dank schuldig wäre, ich jagte ihn

heutigen Tages zum Teufel!«

Draußen an seiner Thür klopfte es an.

»Wer ist da?«

»Ich bin's,« sagte die Dorothea -- »ich bringe das zerrissene Zeug

wieder -- der Schneider ist die Nacht nicht nach Haus gekommen -- er

ist auf einen Ball über Land -- soll ich's zu einem Andern tragen?«

»Aber das versteht sich doch von selbst!« rief Herr von Pulteleben

ärgerlich -- »so gescheidt hätten Sie doch gleich sein können.«

»Na, dann mag's auch unten liegen bleiben, bis der Jeremias kommt,«

brummte die Alte leise vor sich hin, indem sie die Treppe wieder hinunter

stieg -- »ich hätte Zeit, den ganzen Morgen in der Stadt herum zu laufen!«

»Schöne Wirthschaft das bei den Handwerkern,« dachte indessen Herr von

Pulteleben, indem er seinen Rock anzog und dann in die noch ungewichsten

Stiefel fuhr -- »muß ihnen doch hier verwünscht gut gehen, daß sie so

übermüthig werden -- die Nacht auf einem Ball über Land -- es wird

wahrhaftig alle Tage besser! --«

* * * * *

Es war Abend geworden -- die Sonne neigte sich schon den westlichen

Gebirgen zu, und in seinem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Könnern

bereits Stunden lang mit untergeschlagenen Armen auf und ab, jedesmal

an's Fenster springend, wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Straße

hörbar wurde. -- Und Günther kam noch immer nicht, trotzdem, daß er seit

zehn Uhr Morgens fort war, und oft schon hatte der junge Mann selber in

den Hof gewollt, um sein eigenes Pferd zu satteln und ihm entgegen zu

reiten, jedoch immer wieder seine Ungeduld bezähmt. Jetzt litt es ihn

nicht länger mehr; er griff seinen Hut auf und wollte eben fort, als die

Thür aufging und der längst Ersehnte eintrat.

»Endlich, endlich!« rief Könnern ihm entgegen -- »wo sind Sie nur so lange

geblieben -- und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehört?«

»Ich bin zu Fuß gekommen.«

»Zu Fuß? Und ist Alles geordnet?«

»Das war ein böser Nachmittag, Freund,« seufzte Günther, seinen Hut auf

den Tisch werfend -- »und wär' es nicht _Ihnen_ zu Liebe gewesen, ich

hätte mich dem im Leben nicht unterzogen. Aber welchem Fremden hätten

wir es anvertrauen können, ohne den Klatsch augenblicklich durch die

ganze Colonie getragen zu haben. Nun -- jetzt ist es Gott sei Dank

überstanden und Sellbachs -- oder Meiers, wenn Sie wollen -- sind

abgereist.«

»Abgereist?« rief Könnern, erschreckt seinen Arm fassend.

»Fort!« sagte Günther ruhig -- »und -- es war das Beste, was sie thun

konnten. Wir bekamen heute außerdem die _Gewißheit_, daß sich die

unglückliche Frau noch in der nämlichen Nacht in den Strom gestürzt,

und ihrem Leben dadurch auf gewaltsame Weise ein Ende gemacht hat;

die Leiche wird natürlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen

Alligatoren darin machen das hoffnungslos.«

»Und Elise?« sagte Könnern leise und scheu.

»Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte,« fuhr

Günther fort -- »Sie haben Recht, Könnern, das Mädchen ist ein Engel

und jeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer fast

unheimlichen Gewalt bezwang sie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich

ihr erklärte, daß ich selber nicht den geringsten Auftrag, und für mich

selber keineswegs die Absicht habe, gegen ihren Vater des Geschehenen

wegen vorzugehen -- daß er selber, wenn er wolle, ein Abkommen mit

seinen Gläubigern in Deutschland treffen möge, ja, daß ich ihm, wenn er

dies wünsche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittlung bieten würde,

wies sie Alles ruhig aber fest zurück. Sie behauptete dabei, daß sie im

bestimmten Auftrage ihres Vaters handle, der seine Schuld allerdings

nicht mehr ungeschehen machen könne, wie er aber die That bereue, so

auch Alles thun wolle, was jetzt noch in seinen Kräften stehe, den

erlittenen Verlust zu ersetzen. Er _könne_ freilich Nichts weiter thun,

als Alles hergeben was er habe, und sie bäte mich daher, nicht allein

Haus und Grundstück mit Allem was es enthielt, sondern auch noch eine

sehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu übernehmen, welche sie mir

einhändigte. Das Einzige, was sie bat mitnehmen zu dürfen, sei das

Nothwendigste für sich und den Vater an Wäsche.

»Ich versuchte Alles, sie zu überreden, sich nicht von allen Mitteln zu

entblößen -- ich stellte ihr vor, daß, wenn ich als Stellvertreter der

Gläubiger hier handeln solle, um ihr Vermögen zu übernehmen, ich auch

das Recht haben müsse, zurückzuweisen, was ich für überflüssig halte

-- umsonst! Sie sei jung und kräftig, erwiederte sie mir, und könne und

wolle arbeiten, und kein Milreis, auf dem ein Fluch hafte, solle in

ihrem Besitze bleiben, um ein neues Leben damit zu beginnen. Das Einzige,

was ich sie endlich anzunehmen vermochte -- und das auch nur nach

stundenlanger Überredung und ihres Vaters wegen, der einen langen

Marsch nicht ausgehalten hätte -- war mein eigenes Pferd -- und vor

zwei Stunden etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bündel

Gepäck hinter sich, die Jungfrau zu Fuß an seiner Seite -- so zogen

die Unglücklichen in den Wald hinein.«

Könnern der, bleich wie ein Todter, die Augen von Thränen gefüllt, dem

einfachen Bericht gelauscht, sank jetzt auf einen Stuhl, barg sein

Gesicht in den Händen und saß lange stumm und regungslos. -- »Und darf

ich sie ziehen, darf ich sie ihrem Schicksale _so_ überlassen?« stöhnte

er endlich -- »es kann -- es kann nicht sein!«

»Wie ich das Mädchen heute habe kennen lernen,« sagte Günther ernst, »so

würden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmerzen des

Abschiedes bereiten -- weiter Nichts -- und das arme Kind hat Leid und

Schmerzen genug gehabt. Sein Sie nicht grausam; Anderes würden Sie nicht

damit bezwecken.«

»Und ohne Mittel -- ohne das Nöthigste, sich am Leben zu erhalten, auf

fremde Menschen -- auf ihrer eigenen zarten Hände Arbeit angewiesen

-- Hände, die nie gewohnt waren, eine schwere Arbeit zu verrichten, mit

einem Körper, der solchen ungewohnten Anstrengungen erliegen muß, selbst

wenn ihr Geist das Furchtbare erträgt -- Günther, Günther, der Gedanke

allein kann mich zur Verzweiflung treiben! Und wenn sie nun krank, nun

selber hülfsbedürftig wird, wer soll ihr beistehen, wo der alte Mann ja

selber Hülfe und Pflege für sich gebraucht?«

»Das Einzige was wir thun können,« sagte Günther, »ist, unter der Hand

nachzuforschen. Ein so auffälliges Paar kann in unseren Colonien nicht

spurlos verschwinden; man wird immer in der Nähe Nachricht von ihnen

bekommen können, und sollte dann Hülfe nöthig sein, so läßt sie sich

vielleicht indirect und ohne daß Elise Etwas davon weiß, vermitteln.

Nahen dürfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben

wollen, das ist meine feste Überzeugung. -- Aber gönnen Sie mir eine

Stunde Zeit; ich muß diese Papiere ordnen und gleich nach Hause berichten,

denn übermorgen früh bin ich gezwungen, meine Arbeiten wieder zu beginnen

und zu beenden. Morgen werde ich deshalb die Auction der Sellbachschen

Sachen halten, und dafür ist es nöthig, gleich noch ein paar Anzeigen

für die Gasthäuser und öffentlichen Plätze zu schreiben. Der Jeremias,

dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heute

Abend übernehmen. In einem solchen Neste, wie dies, ist ein derartiges

Ereigniß gleich allgemein bekannt, und wir haben das unglückselige

Geschäft dann abgemacht, ehe das Publicum nur Zeit gehabt hat, sich

seine Vermuthungen mitzutheilen -- es muß Alles Schlag auf Schlag folgen.

Die Eincassirung der in der Auction gelösten Gelder werde ich dann hier

dem Kaufmann Rohrland übertragen. Apropos,« setzte er hinzu, als er eine

Anzahl Papiere aus seiner Tasche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche

Karten auf den Tisch warf -- »da hat mir der Jeremias auch ein paar

Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Gräfin mitgebracht. Sie giebt,

glaub' ich, eine Art Soirée, oder etwas Derartiges. Es ist auch eine für

Sie dabei.«

»Für mich? Ich kenne die Frau Gräfin gar nicht,« sagte Könnern

gleichgültig.

»Ich auch nicht,« lachte Günther; »die Einladung ist wahrscheinlich eine

Art von Erkenntlichkeit für den Dienst, den wir ihrer Tochter vorgestern

Abend geleistet haben. Wie doch oft kleine, unbedeutende Ursachen so

furchtbare Wirkungen haben -- dachten wir damals daran, daß das

durchgehende Pferd in zweimal vierundzwanzig Stunden ein Menschenleben

kosten und eine Familie von Haus und Hof treiben könnte?«

»Kann ich Ihnen bei Ihren Papieren helfen?«

»Nein; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollten, so könnten Sie

sich einmal nach meinem neugefundenen Freund und neuen Kameraden, dem

jungen Grafen Rottack umsehen. Er ist wahrscheinlich hier im Hause, und

ich habe mit ihm zu reden. Für ihn ist übrigens auch eine Einladung

gekommen; da sie aber seinen Namen nicht wußten, steht er mit auf meiner

Karte.« --

* * * * *

Die Sonne ging unter, und die Straße von Zuhbel's Chagra herein kam

unser alter Bekannter Köhler und hielt an des Schneiders Justus' Haus.

Es war finster in der Arbeitsstube Kernbeutel's; aber der junge Mann

ritt dicht an das Fenster und klopfte mit der Hand an eine der Scheiben.

Niemand antwortete, und er klopfte stärker. Endlich ging in der Stube

eine Thür auf und die Frau kam herein.

»Na,« sagte sie, »was giebt's? Wer klopft da?«

»Ist der Justus zu Hause?«

»Der Liedrian!« keifte die Frau; »wer weiß; wo der die Nacht trunken

gelegen hat und jetzt seinen Rausch ausschläft. O, Du mein Herrgott,

wie oft habe ich die Stunde schon verschworen, wo ich das nichtsnutzige

Mannsbild zum ersten Mal mit Augen gesehen habe -- aber ich mag die

Wirthschaft auch nicht länger mit ansehen und gehe aus dem Hause!«

»Was, der ist noch nicht von seinem Ball zurück?« rief Köhler ärgerlich.

»Da ist mein Rock auch _noch_ nicht fertig, und er hat sich verschworen,

daß ich ihn heute Morgen haben sollte.«

»Wer hätt' ihn sollen fertig machen -- ich?« knurrte die Frau -- »weiter

fehlte auch Nichts mehr; die Schinderei hab' ich so schon allein, soll

ich auch noch die Arbeit für den Lumpen thun?«

»Ist er denn bei Zuhbels oben?«

»Ja, was weiß ich, wo er sich herumtreibt!« sagte die Frau und schlug

ärgerlich die Thür wieder hinter sich zu.

»Schöne Wirthschaft, das,« brummte Köhler vor sich hin, als er sein

Pferd wieder zurück auf die Straße und heimwärts lenkte; »aber soll mich

Dieser und Jener holen, wenn ich bei dem liederlichen Halunken auch je

wieder ein Stück arbeiten lasse!« --

* * * * *

In dem kleinen Käfterchen, das Bux in Buttlich's Hause mit seiner Familie

bezogen, saß die Familie Bux beim Abendbrod. Die Frau hatte das jüngste

Kind, das wieder recht unruhig war, an der Brust und saß auf einer kleinen

Kiste neben der Holzlade, die zum Tisch dienen mußte, während an dem

andern Ende Bux selber rittlings Platz genommen. Rechts und links von ihm

kauerten die beiden älteren Kinder, und ein Stück gekochtes Rindfleisch

mit schwarzen Bohnen, wie außerdem eine Flasche Schnaps, der Bux schon

ziemlich lebhaft zugesprochen, standen in der Mitte.

»So freßt Euch heute einmal satt!« lud Bux die Familie ein; »wer weiß,

wann's wieder Fleisch in den Topf giebt. Und Du, bring einmal den Balg

zum Schweigen, oder ich werf' es, Gott straf' mich, vor die Thür hinaus

-- und Dich mit!«

Bux hatte nicht seinen #beau jour#; er sah wüst und wild um die Augen

aus, deren eines roth unterlaufen war, wie nach einer Schlägerei. Auch

ein paar Schrammen trug er in dem ungewaschenen Gesicht, und um die

linke Hand einen schmutzigen Lappen gebunden. Der häufig genossene

Branntwein war ihm dazu schon etwas in den Kopf gestiegen, und immer

wieder auf's Neue hob er die Flasche an die Lippen.

»Ach Du lieber Gott!« stöhnte die Frau, indem sie von ihrem langersehnten

Mahl aufstand und das Kind in der Stube herumtrug -- denn es wollte

die Brust nicht mehr nehmen, die ihm ja doch keine Nahrung bot -- »ich

wollte, Du würfst uns Beide nur hinaus und gleich in's Wasser, da wärst

Du uns mit Einem Mal los, und uns -- wär's auch wohl da unten!«

»Halt's Maul und mach' mir den Kopf nicht wild,« schrie der Mann -- »heute

wollen wir lustig sein, und ich will die Heulerei nicht haben! Hast Du

mich verstanden?«

Die Frau schwieg und suchte das Kind zu beschwichtigen, das jetzt, so

lange es auf und ab getragen und geschüttelt wurde, auch ruhiger war,

und der Mann fuhr, seine Gabel vor sich hin auf die Lade werfend, mit

zusammengebissenen Zähnen fort:

»Gott verdamm' mich, nicht einmal das Bißchen Fressen kann man in Ruhe

verzehren, mit so einer himmelhundischen Last am Bein! Macht mir den Kopf

nicht warm, das sag' ich Euch, denn ich _bin_ heute gerade guter Laune

und will mir den Abend nicht verderben lassen!« -- Und dabei sprach er

wieder fest der Flasche zu. Dann aber schnitt er das Fleisch in kleine

Stücke und schob es den Kindern hin, die scheu und stumm darüber herfielen,

denn der Vater saß ihnen zu nahe, als daß sie hätten wagen dürfen ein

Wort einzuwerfen. Auch die Frau kam endlich wieder herzu, denn das Kind

war ihr im Arm eingeschlafen, und sie legte es leise auf die im Winkel

zusammengeschobenen Lumpen, die ihm zum Bettchen dienten.

»Da, trink' einmal,« sagte der Mann endlich und schob ihr, als die

Mahlzeit schon fast beendet war, die Flasche hin.

»Ich kann nicht,« lehnte die Frau ab -- »der Schnaps ist mir zu scharf

-- er brennt mir den Hals entzwei und -- möchte auch dem Kinde schaden.«

»Kinde schaden,« brummte der Mann unwirsch -- »so laß es bleiben -- soll

Dir's auch wohl noch eingießen, die Gottesgabe« -- und er hob die Flasche

an den Mund und leerte den noch darin befindlichen Rest auf Einen Zug.

Die Frau sah ihm ängstlich zu, sagte aber kein Wort; sie wußte recht gut,

daß sie ihn in diesem halbtrunkenen Zustande nicht reizen durfte, und

Bux schien wirklich heute Abend guter Laune, denn er schob die Flasche

zurück, nahm seinen Pfeifenstummel aus der Tasche, stopfte sich denselben

und legte sich dann, den blauen Dampf in das Dunkel hineinqualmend, in die

Ecke auf sein Lager.

»Ist der Junge beim Justus drüben gewesen und hat ihn eingeladen, uns zu

besuchen?« fragte er endlich; »hätt's beinahe ganz vergessen, und von dem

Lumpengesindel sagt Einem auch keines Antwort, wenn man einmal 'was

bestellt.«

»Ich war drüben, Vater,« sagte der Knabe, »aber der Mann war noch nicht

nach Haus gekommen; wenn er käme, wollt's ihm die Frau bestellen.«

»So? -- hm -- hahaha,« lachte Bux vor sich hin -- »liederlicher Strick,

wo der sich wieder einmal herumtreibt! -- Sonst war Niemand da, der nach

mir gefragt hätte, wie ich da vorhin lag und schlief?«

»Niemand als der Fleischer, der sein Geld haben wollte,« sagte die Frau.

»Soll zum Teufel gehen!« brummte der Mann und qualmte immer stärker.

Dann war Alles ruhig. Die Frau räumte die Lade ab und stellte das

Geschirr in einen Winkel, um morgen mit Tagesanbruch wieder aufzustehen

und es auszuwaschen. Sie hätte den Mann gern gefragt, ob er heute Morgen,

als er aus war, irgend eine Beschäftigung oder Aussicht auf Erwerb

gefunden, denn vorgestern schon war das letzte Stück Geld ausgegeben

gewesen, und jetzt schien er doch wieder Etwas bekommen zu haben; aber

sie wagte es nicht. Das Kind schlief gerade, und wenn er böse wurde und

auffuhr, konnte er es wieder wecken und sie dann die halbe Nacht mit ihm

im Zimmer herumlaufen, wie gestern und vorgestern.

Der Mann war auch ruhig. Das starke Getränk übte seine betäubende

Wirkung. Er hatte die Pfeife ausgeraucht und hielt sie noch leer in der

Hand, während er schon schwerfällig mit dem Kopfe zu nicken anfing. Ein

paar Mal fuhr er wieder in die Höh und sah sich scheu um, dann sank

sein Kopf zurück auf das Kissen; er begann zu schnarchen, und die Frau

winkte den Kindern, vorsichtig zu Bett zu gehen, löschte das Licht aus

und legte sich dann selber neben dem Kleinsten nieder, um dieser Nacht

vielleicht ein paar Stunden Schlaf abzuringen.

Ende des zweiten Bandes.

Druck von G. _Pätz_ in Naumburg.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band. · 第 5 / 7 题