Ein Vielliebchen

Könnern verbrachte eine unruhige Nacht. Nicht etwa, daß Sarno's Warnung

irgend einen Zweifel in seiner Brust wachgerufen oder seinen Entschluß

erschüttert hätte, aber die Aufregung, daß sich mit dem morgenden Tage

sein Schicksal entscheiden sollte, ließ ihn nicht schlafen, und erst

gegen Morgen fielen ihm die müden Augen zu, nur um einer Masse von

tollen und abenteuerlichen Traumbildern Raum zu geben. Mit Sonnenaufgang

war er auch schon wieder munter und konnte die Zeit jetzt nicht erwarten,

wo er Elise endlich sehen und sprechen würde; denn heute, das hatte er

sich fest vorgenommen, ließ er sich von dem Alten nicht abweisen, mochte

daraus werden was da wollte.

Vor zehn Uhr durfte er aber keinesfalls hinüber; selbst das schien ihm

noch eine etwas frühe Stunde, aber seine Ungeduld ertrug eben nicht mehr,

und mit dem Schlage Zehn sprang er auf das schon fertig gesattelte Pferd

und trabte lustig der Richtung nach Meier's Chagra zu.

Dicht vor der Colonie überholte ihn eine kleine Cavalcade von Reitern,

die mit ihm denselben Weg ritten, und an der jungen, reizenden Dame, die

den Zug führte, erkannte er bald die Gesellschaft. Er war aber heute

Morgen nicht dazu aufgelegt, irgend eine neue Bekanntschaft anzuknüpfen,

hielt deshalb sein Pferd an, grüßte und ließ die Drei an sich vorbei

passiren, die dann auch bald in den Büschen verschwanden, welche bis zum

Fuße der nächsten Hügel herabliefen.

Da die drei Reiter übrigens mit ihm einen und denselben Weg verfolgten,

beeilte er sich nicht mehr so sehr; er wollte gern vermeiden, mit ihnen

wieder zusammenzutreffen, und ließ sein Pferd erst wieder austraben,

als er sich der Chagra näherte. Dort führte er es seitwärts auf einem

schmalen Kuhpfade in den Wald, band es fest und setzte nun von hier ab

seinen Weg zu Fuß fort.

Und wie ihm das Herz schlug! Als ob er ein Verbrechen begangen hätte und

jeden Augenblick Entdeckung fürchtete, so schlich er auf dem Wege dahin

und sah scheu hinauf und hinab, ob Niemand käme, der ihn stören könnte.

Und mit dieser Angst auf dem Herzen sollte er dem alten Mann entgegentreten

und ihn um die Hand seiner Tochter bitten? Er wagte es nicht, und zweimal

war er an der Thür und hob den Arm, und zweimal schlich er zurück in den

dichten Busch hinein, um sich erst wieder zu sammeln und das zu überdenken,

was er Elisens Vater sagen wollte.

Das zweite Mal war er der Hecke nahe gekommen, welche den Garten

umschloß, unfern von da, wo er an jenem Morgen Elisens Citherspiel

gelauscht und ihr zuletzt die beiden Waldhühner hinüber geworfen; und

überdachte er sich jetzt, daß er das Mädchen seit der ganzen langen

Zeit nicht ein einziges Mal wieder gesehen, ja, daß er eigentlich nicht

einmal einen einzigen bestimmten Grund für sich anzugeben vermochte,

nach dem er sicher schließen konnte, sie sei ihm gut, so kam ihm seine

ganze Werbung eigentlich wie halber Wahnsinn vor, und er stand sogar auf

dem Punkte, sie vollständig aufzugeben.

Was wußte sie denn von ihm? Was konnte sie von ihm wissen, das ihm ein

Recht gab, sie für sich zu fordern? Wenn sie ihm nun geradezu in's Gesicht

lachte, wenn sie ihm sagte -- -- da drangen wieder die weichen Töne der

Cither heraus an sein Ohr, und _ihre_ Stimme war es, welche sie begleitete.

_Was_ sie sang oder spielte, er hörte es nicht mehr; die Leidenschaft

der ersten heißen Liebe hatte ihn übermannt, und kaum sich dessen klar

was er selber that, kletterte er im nächsten Augenblicke schon an einer

der dünnen, schlanken Palmen nächst der Hecke empor, schwang sich dort

hinauf, ergriff den überhängenden Zweig eines im inneren Garten stehenden

größeren Baumes, welcher sich unter seinem Gewichte bog und langsam

brach, und stand nur wenige Secunden später im Garten selber, und

kaum fünfzig Schritte von der Stelle entfernt, an der Elise mit ihrem

Instrumente im Schatten eines breitästigen Mandelbaumes saß.

Das junge Mädchen hatte aber ebenfalls das Brechen und Rauschen in den

Zweigen gehört und den Kopf dorthin gewandt, und sprang erschreckt empor,

als sie die Gestalt eines Fremden bemerkte, welcher also gewaltsam in

ihr Heiligthum brach. Aber es war nur ein Augenblick; bald erkannte sie

den Eindringling, und zitternd stand sie neben ihrem kleinen Tische, als

Könnern rasch auf sie zuging und wenige Schritte vor ihr mit achtungsvollem

Gruße stehen blieb.

»Mein Fräulein,« sagte er, noch immer halb verlegen, aber doch jetzt schon

mit dem festen Entschluß, das nun Begonnene auch wacker durchzuführen

-- »vor allen Dingen muß ich tausendmal um Entschuldigung bitten, mich

auf solche rauhe Weise in Ihre Nähe gedrängt zu haben, aber ich -- konnte

mir nicht mehr helfen; ich _mußte_ Sie sprechen, und da mir Ihr Vater,

Gott weiß aus welchem Grunde, hartnäckig den Zutritt zu Ihnen weigerte,

nahm ich endlich meine Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel und --

hier bin ich jetzt.«

»Ich weiß nicht,« stammelte Elise in schüchterner Verlegenheit, während

sich der purpurne Strom über ihre Wangen und ihren Nacken ergoß und

ihren Zügen einen noch viel höheren Liebreiz gab -- »ich weiß in der

That nicht, weshalb Vater -- Sie müssen ihn entschuldigen -- er -- er

ist kränklich, und in der -- in der letzten Zeit besonders so leidend

gewesen, daß er sich scheu vor allen, selbst den ihm liebsten Menschen

zurückgezogen hat.«

»Ich zürne ihm nicht, liebes Fräulein,« sagte Könnern herzlich -- »welches

Recht hätte ich auch, Etwas von ihm zu verlangen, was er allen übrigen

Menschen eben so gut verweigert: den Zutritt zu seinem Hause -- und

dennoch bin ich hier« -- setzte er leise und zögernd hinzu, während auch

seine Züge jetzt ein leichtes Roth färbte -- »dennoch habe ich den Bann

gebrochen, der auf dem Platze liegt, und -- vielleicht Unrecht damit

gethan, aber ich konnte mir nicht helfen, Elise,« fuhr er leidenschaftlich

fort -- »ich mußte _Sie_ sprechen, ich _mußte_ Ihnen sagen, daß, seit

ich Sie zum ersten Male gesehen und gesprochen, nur der Eine Gedanke

mich erfüllt hat, Tag und Nacht -- _Sie_ -- mußte Ihnen sagen, daß ich

mir kein Leben länger denken kann fern von Ihnen, und mir die Entscheidung

meines künftigen Schicksals von Ihren eigenen Lippen holen.«

»Herr Könnern!« sagte Elise erschreckt, und jeder Blutstropfen verließ

in dem Augenblick ihre Züge.

»Sie haben Recht,« sagte Könnern abwehrend -- »es war ein tollkühner

Schritt -- ein Schritt, der in dieser Weise kaum auf Erfolg rechnen

konnte, und erst jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, wo es zu spät ist ihn

zurück zu thun, fühle ich das Ungehörige desselben in seiner ganzen

Schwere. Aber sein Sie auch versichert, Elise, daß ich ihn nicht ganz

leichtsinnig gethan, daß ich mir vorher erst ganz klar geworden, ob ich,

was mich selber betraf, die Verantwortung übernehmen konnte, Sie aus

Ihrem elterlichen Hause zu führen. Meine gesellschaftliche Stellung

im Leben ist eine ehrenvolle; ich besitze Vermögen genug, der Zukunft

sorgenfrei in's Auge zu schauen, selbst wenn ich nicht mehr die Kraft in

mir fühlte, mich durch meine Kunst zu erhalten. -- Aber das Alles sind

Eigenschaften, welche nur die Existenz selber -- nicht das Herz berühren,

und ich hatte nicht bedacht, daß Sie _mich_ ja noch gar nicht kennen,

daß Sie also auch kein Vertrauen zu mir haben können, ob ich es wirklich

so ehrlich und treu meine, wie meine Worte sagen.«

Elise athmete kaum. Der Blick, den sie im Anfange schüchtern zu ihm

aufgehoben, hatte schon lange den Boden wieder gesucht, und wenn sich

auch ihre Lippen ein paar Mal theilten, als ob sie irgend Etwas erwiedern

wollte, wurde doch keine Silbe laut. Auch Könnern schwieg jetzt und

Beide standen einander stumm, in peinlicher Pause gegenüber. Da nahm

Könnern das Wort wieder auf und sagte leise:

»Sie haben Recht, Elise -- die tolle Frage bedarf keiner Antwort. Lassen

Sie mich gehen und als einzige Erinnerung Ihr liebes Bild im Herzen mit

forttragen für die weite, öde Welt. Nur um das Eine bitte ich Sie, recht

aus Grund meiner tiefsten Seele, _zürnen_ Sie mir nicht. Vergessen Sie,

daß ich leichtsinnig und unüberlegt gehandelt, und denken Sie, daß ich

fortan nur ein einsamer, armer Wandersmann sein werde, der -- so fortfahren

wird die Welt zu durchziehen, wie er begonnen, weil er eben -- nirgends

Ruhe finden kann. Leben Sie wohl, Elise -- ich werde Ihnen nie wieder

störend in den Weg treten und -- Gottes reichster Segen über Sie!«

Mit den Worten nahm er ihre Hand, welche sie ihm willenlos überließ,

drückte einen innigen Kuß darauf, ließ sie los und wandte sich rasch ab,

um den Garten wieder zu verlassen.

»Könnern,« rief da Elise mit leiser, zitternder Stimme -- »gehen Sie

nicht so!«

»Elise -- darf ich glauben, daß Sie mir nicht zürnen?« bat der junge

Mann, welcher sich ihr bei dem Laute rasch wieder zudrehte.

»Zürnen?« flüsterte das junge Mädchen, den Kopf traurig zu Boden gesenkt

-- »_zürnen_? wiederholte sie, »wo es das erste Freundeswort ist, das

ich seit langen, langen Jahren gehört? Gehen Sie, Könnern, gehen Sie in

Ihre Welt hinein, welche ich nicht kenne -- welche ich nie kennen soll,

aber nehmen Sie die Versicherung mit, daß Sie einer Unglücklichen einen

lieben, lieben Trost gebracht, daß Sie ihr einen Augenblick des Glückes

geschaffen haben, an dem sie, mag er so kurz gewesen sein wie er will,

noch lange Jahre freudig zehren wird. Gehen Sie, Könnern, mein Vater

wird mir nie erlauben, mich von ihm zu trennen -- er könnte auch nicht

ohne mich leben, aber denken auch Sie manchmal freundlich eines armen

Mädchens, das....«

Könnern hielt sich nicht länger. Mit frohlockendem Herzen hatte er den

Worten des lieben Kindes gelauscht -- die Hindernisse, welche sie ihm in

den Weg warf, er achtete ihrer nicht, er hörte sie kaum, und jetzt rasch

zu ihr zurückkehrend, rief er jubelnd aus:

»Elise -- _meine_ Elise -- Du bist mir gut? Du zürnest nicht dem kecken

Fremden, der es wagte, an Dein Herz zu pochen, Du läßt mich hoffen, daß

ich Dich gewinnen kann? O, nun ist Alles gut, Alles gewonnen, denn der

Vater wird und muß Dich mir geben. O, wenn ich Dir jetzt nur mit Worten

sagen könnte, wie herzlich ich Dich liebe; wie all mein Sehnen und

Trachten, all' meine Gedanken die ganze lange Zeit, in der wir uns

nicht gesehen, gesprochen, nur Dir gehört, nur Dein gedacht! Sieh mich

an, Elise, o, laß mich in Deinen lieben treuen Augen das Glück auch

lesen, das Du mir mit Deinen herzlichen Worten gegeben, laß mich darin

die Bestätigung finden, daß ich nicht mehr allein stehe auf der Welt und

ein Herz gefunden habe, das mein sein will in Lust und Leid, in Sorge

und in Glück.«

Elise schlug das thränengefüllte Auge zu ihm auf und lehnte ihr Haupt

dann schwer und seufzend an seine Brust.

»Es kann nicht sein,« flüsterte sie -- »ich darf nicht glücklich werden

-- werd' es nicht!«

»Du wirst es -- mit diesem Kusse gewinn' ich Dich zur Braut, und wie

mich Gott verlassen soll in meiner letzten Stunde, wenn ich je von Dir

lasse, so vertraue auch mir! Leg' Dein Geschick getrost in meine Hände,

und steht uns auch noch eine Prüfung bevor, sollten uns auch noch

Hindernisse in den Weg treten, laß Dich nicht entmuthigen. Was es auch

sei, wir werden's überwinden, und wie ich jetzt mein ganzes Leben Dir

zu eigen gebe, so sei versichert, daß Dein künftiges Glück in guten und

treuen Händen ist.«

»Und wenn uns der Vater trennt?«

»Er kann, er darf es nicht, Herz,« sagte Könnern, wieder und wieder

ihre Stirn küssend, denn sie hielt das Antlitz noch fest an seiner Brust

geborgen -- »er wird auch in der Kinder Glück das eigene wieder finden,

wieder vergessen lernen, was ihm die Welt vielleicht zu Leid gethan, und

so nur können wir auch ihn dem Leben wieder gewinnen, dem er jetzt ja

fast vollständig entsagt. Fürchtest Du Dich _noch_?«

»In Deiner Nähe nicht,« flüsterte die Jungfrau -- »hier an Deiner Brust

ist mir wohl -- o, so möcht' ich sterben. Wenn ich aber weiter denke

-- wenn ich glauben muß, daß uns ein böses Geschick je wieder trennt -- o,

gehe nicht von mir,« bat sie, ihn leidenschaftlich umschlingend -- »laß

mich nicht wieder allein, denn jetzt erst, in diesem Augenblicke erst

fühl' ich, was ich mein ganzes Leben lang entbehrt -- Liebe! -- Liebe!

-- Liebe!«

Ein lindernder Thränenstrom machte ihrem Herzen Luft, und zitternd,

weinend lag sie lange in Könnern's Armen. Endlich rang sie sich gewaltsam

von ihm los, und ihre Thränen trocknend, sagte sie, mit einem gar so

lieben wehmüthigen Lächeln zu ihm aufschauend:

»Bin ich nicht ein Kind, daß ich dem ersten Glück entgegenweine -- und

doch -- der Allwissende dort oben sieht es -- trage ich es mit bitter

schwerem Herzen -- o, Bernard, willst Du mich _nie_ vergessen, wenn uns

auch -- das Schicksal wieder auseinander reißt?«

»Nie, nie soll das Eine noch das Andere geschehen!« rief leidenschaftlich

der junge Mann -- »und jetzt banne die trüben Gedanken aus Deiner Seele,

Du süßes Lieb -- oder« -- fuhr er leise flüsternd und lächelnd fort

-- »soll ich Dich daran erinnern, daß Du -- Dein Vielliebchen gefunden

hast? Wie hieß doch der letzte Vers, Schelm?«

Elise barg das erröthende Antlitz wieder an seine Brust und sagte:

»Wie Du mich damals erschreckt hast!«

»Und Du wußtest, von wem es kam?«

Sie antwortete nicht, aber er fühlte, wie sie leise mit dem Kopfe nickte

und sich dem Versuche hartnäckig widersetzte, ihr Antlitz zu dem seinen

emporzuheben.

»Du wußtest, was es bedeutete?« flüsterte er so leise, daß sie die Worte

kaum verstand, und wieder nickte sie und schmiegte sich fester an ihn

-- und, o der Seligkeit dieser Stunde, in der sich zwei Herzen fanden

und verstanden und des reinen Glückes inne wurden, nur in sich selber

Eins zu sein! Was kümmerte sie auch jetzt die Außenwelt, was Sorge und

Gefahr der nächsten Stunde? Könnern's muthiges Herz setzte sich leicht

darüber weg und Elise selbst war zu selig, um nicht dem Augenblicke auch

sein Recht zu gönnen.

Könnern führte die Geliebte jetzt zu der kleinen Bank unter dem

Mandelbaume, vor welchem ihr Cithertisch stand, und Hand in Hand, Auge

in Auge saßen die jungen Leute und plauderten und fanden des Himmels

Seligkeit in der Liebe Glück.

Da tönte vom Hause her ein kleines Horn, und erschreckt fuhr Elise

empor. Das war das Zeichen zum Frühstück, und sie mußte fort aus dem

Garten.

»Die Mutter ruft,« sagte sie ängstlich -- »ich darf nicht länger säumen,

und -- großer Gott, es ist so spät geworden und der Vater jetzt auch

schon im Garten -- wenn er Dich sieht....«

»Fürchtest Du Dich, Elise? Fürchtest Du Dich an meiner Seite,« sagte

Könnern herzlich -- »und haben wir denn etwas Böses gethan, daß wir

den Blick der Eltern zu scheuen hätten? Offen will ich vor sie treten

-- jetzt, in diesem Augenblick, nicht im Geheimen mag ich zu ihrem Kinde

schleichen und mir dessen Liebe stehlen, wie ein unrecht Gut! Nein, ich

habe sie mir ehrlich gewonnen und will sie ehrlich wahren, als meinen

höchsten und theuersten Schatz.«

»Aber der Vater....«

»Früher oder später müßte er doch wissen, daß wir einander angehören

wollen für das ganze Leben; weshalb dann eine Zeit in Angst und Sorge

verleben, die nur dem reinsten Glück gehören sollte? Glaube mir, mein

süßes Herz, Dein Vater ist lange nicht so schlimm, wie Du zu denken

scheinst. Auch er hat einst mit treuer Liebe um Deine Mutter geworben,

und _der_ Zeit mag er gedenken, wenn ich vor ihn trete. Außerdem stehe

ich selbstständig in der Welt, und der Director Sarno, welcher meine

Familie genau kennt, mag ihm bezeugen, daß er um die Zukunft seiner

Tochter nicht besorgt zu sein braucht. Fürchtest Du noch, daß er Dich

mir verweigern wird?«

»Ja,« hauchte Elise, während ihre Züge wieder erbleichten -- »trotz alle

dem; Du kennst den Vater nicht.«

»Und Deine Mutter?«

Elise stand unschlüssig vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Endlich

schlug sie die treuen Augen zu ihm auf und sagte mit einem gar so

rührenden Blick voll Vertrauen und Liebe:

»So geh' zu ihm, Bernard -- sprich mit ihm -- ich vertraue Dir ganz! Wie

Dir mein Herz von jetzt allein gehört, will ich mich auch von _Deinem_

Herzen leiten lassen. Ich fühle Du hast Recht; wir dürfen kein Geheimniß

vor den Eltern haben -- ich wenigstens nicht, nach Allem, was sie schon

für mich gethan. Gehe zu ihnen und Gott möge des Vaters Sinn lenken,

daß er das Glück des Kindes, zum ersten Mal wo es in seine Hand gelegt,

nicht selbst zerstört. Aber noch Eins, Bernard,« fuhr sie fort, als

er sie mit sich dem Hause zu ziehen wollte -- »_was_ auch der Vater

beschließt -- wie auch sein Urtheil lautet -- und wenn mein eigen Herz

darüber brechen müßte -- ich kann und darf nicht ungehorsam sein.«

»Elise!«

»Ich bleibe Dir treu,« bat die Jungfrau -- »nie wird sich diese Hand in

eines andern Mannes Rechte legen, aber wenn mich des Vaters Gebot an

seine Seite zwingt, so werd' ich bleiben, was auch mit mir geschehe.«

»Es sei,« sagte Könnern nach einer kurzen, peinlichen Pause -- »wie

leicht ich aber auch vorher, als ich mich Deiner Liebe versichert wußte,

dem entscheidenden Schritt entgegen ging, so schwer gehe ich jetzt, wo

ich fürchten muß Dich wieder zu verlieren, in demselben Augenblick, wo

ich Dich mein auf immer geglaubt. Aber die erste Bitte kann und will ich

Dir nicht abschlagen -- ich fühle, daß ich Dich nicht zwingen darf, wenn

ich damit nicht Deinen Frieden für spätere Zeiten zerstören sollte. Ich

will allein _Dein_ Glück -- und daß ich nur _das_ will, kann ich Dir

jetzt beweisen.«

»Ach, Bernard,« sagte das junge Mädchen traurig -- »nur an Deiner Seite

find' ich das, und gehst Du von mir, ist es doch vorbei -- aber trotzdem

danke ich Dir -- danke ich Dir recht von Herzen für Deine Liebe, welche

Du mir jetzt stärker als vorher gezeigt -- und nun zum Vater, daß wir

unsere Bitten dort vereinen.«

Schon vor einiger Zeit hatten sie draußen vor dem Garten wildes

Pferdegestampfe und Stimmen gehört, aber, zu sehr mit sich selber

beschäftigt, nicht weiter darauf geachtet. Jetzt eben hatte sich das

wiederholt, und sie blieben horchend stehen. Könnern dachte an sein

eigenes Pferd, ob sich das vielleicht losgerissen haben könnte, aber

das war fest und sicher angebunden -- vielleicht waren es trunkene

Colonisten, die hier dem Städtchen zujagten -- was kümmerte es sie

-- Seite an Seite, Könnern seinen rechten Arm um der Geliebtem Schulter

geschlagen, schritten sie langsam den Kiesweg an der Hecke entlang hin,

welcher dem Hause zuführte. Kaum aber waren sie in der Nähe der Thür

angelangt, die hinaus in's Freie führte und stets sorgfältig verriegelt

gehalten wurde, als ein paar heftige Stöße dagegen erfolgten und eine

Stimme draußen, welche Könnern bekannt schien, um Einlaß bat.

»Was ist das?« sagte Elise, ängstlich seinen Arm ergreifend -- »wir

dürfen nicht öffnen.«

»Es ist ein Unglück geschehen!« rief Könnern »sollen wir nicht

nachsehen?«

»Ein Unglück?« wiederholte das junge Mädchen erschreckt.

»Ich halte eine Ohnmächtige hier im Arme!« rief da Günther's Stimme

wieder -- »wollt Ihr sie hier im Wege sterben lassen?«

»Eine Ohnmächtige?! Gleich, gleich!« rief Elise, jede weitere Furcht bei

Seite setzend -- »der dürfen wir ja doch unsere Hülfe nicht versagen«

-- und zu der Thür springend, schob sie die beiden großen Riegel zurück.

Könnern drückte zugleich das breite Schloß auf, das nach außen keine Klinke

hatte, und sah erstaunt den Freund mit seiner Bürde.

»Günther!« rief er überrascht aus -- »Sie hier und mit einer Dame im

Arm?«

»Ich könnte, glaub' ich, so ziemlich dieselbe Frage an Sie richten,

Könnern,« lachte der Freund, »wenn wir jetzt Zeit zur Unterhaltung

hätten, aber die Arme sind mir schon erlahmt -- mein Fräulein, dürft'

ich Sie bitten, sich der armen Dame anzunehmen?«

»O, das Haus ist nur wenige Schritte von hier entfernt,« rief Elise,

welche mit gefalteten Händen vor der bleichen Fremden stand -- »ach,

das bildschöne, unglückliche Kind -- kommen Sie rasch mit mir, dort ist

Alles was ihr Hülfe bringen kann« -- und mit flüchtigen Schritten flog

sie ihnen voran, den Gang hinauf. Könnern hatte indessen, dem Freunde

die Last zu erleichtern, den Oberkörper der Bewußtlosen in seinen Arm

genommen, so daß sie rasch der Jungfrau folgen konnten, und unterwegs

erzählte ihm Günther mit kurzen Worten, was draußen vor dem Garten

geschehen.

Jetzt hatten sie das Haus erreicht, und stiegen die wenigen Stufen zu

dem untern Gartensaale hinauf -- die Mutter war schon durch ein paar

flüchtige Worte Elisens von dem Unfall unterrichtet und in ihr Zimmer

gegangen, englisches Salz zu holen -- nur Elise erwartete sie am Eingang,

und die beiden Freunde legten die Ohnmächtige jetzt auf das an der

entgegengesetzten Wand stehende Sopha.

Günther hatte ihre Kleider etwas geordnet, und richtete sich eben auf,

als die Thür links geöffnet wurde, und Meier eilig hereintrat.

»Was geht denn hier vor?« rief er bestürzt -- »was ist geschehen? Das

ist ja ein Lärm« -- sein Auge begegnete Günther's fest und erstaunt auf

ihm haftenden Blick, und Könnern, welcher sich eben bei ihm entschuldigen

wollte, bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der alte Mann zurückschrak,

als ob er einen Geist gesehen hätte.

Noch standen sie sich so gegenüber, während Elise mit der Bewußtlosen

beschäftigt war und ihr das Kleid zu öffnen suchte, als die andere Thür

aufging, und Elisens Mutter mit dem herbeigeholten Fläschchen eintrat

-- nur Einen Blick aber warf sie auf die Gruppe der beiden Männer, als

auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel.

»Mutter, liebe, beste Mutter!« rief Elise, zu dieser springend -- »es

ist Nichts -- nur eine Ohnmacht -- sie schlägt die Augen schon wieder

auf.«

»Herr _Sellbach_!« sagte Günther mit ruhiger, kalter Stimme -- »ich

hatte allerdings keine Ahnung, daß wir so lange schon nahe Nachbarn

gewesen waren, und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier

zusammenführt.«

Der alte Mann stand wie zu Stein erstarrt -- seine Lippen hatten sich

getheilt, aber er sprach kein Wort; seine Augen, vor denen er heute

nicht die blaue Brille trug, schienen aus ihren Höhlen drängen zu wollen,

und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgestreckt.

»Sie kommt zu sich!« rief Elise, welche das ihr entgegengerollte Flacon

aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte -- »Gott sei Dank! Beruhige

Dich, liebe Mutter, und Vater« -- sie wandte sich, während sie sprach,

dem Vater zu und stieß einen Angstschrei aus, als sie den Zustand sah,

in welchem er dem Fremden gegenüber stand.

»Vater!« rief sie -- »lieber, bester Vater -- um des barmherzigen Gottes

willen, was ist geschehen?« und in Windeseile war sie an seiner Seite und

umschlang ihn mit ihren Armen. Erst die Berührung schien den Zauber zu

lösen, von dem er befangen war. -- »O, mein Gott!« stöhnte er -- »endlich!

endlich!« und wäre jetzt zu Boden gesunken, hätte ihn die Tochter nicht

in ihren Armen gehalten und zu dem nächsten Stuhl geführt, in den er, in

einander gebrochen, zusammensank.

»Um Gottes willen, was geht hier vor?« rief Könnern, des Freundes Arm

ergreifend -- »welch' Geheimniß lagert zwischen Euch?«

»Hier ist jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklären,« drängte Günther

-- »das Fräulein richtet sich auf und -- braucht eben nicht zur Mitwisserin

gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, daß sie die Fremde in ihr

Zimmer führt, bis sie sich vollständig erholt hat und das Haus verlassen

kann. Wir werden draußen auf sie warten, um sie sicher nach Hause zu

geleiten.«

»Aber ich begreife gar nicht!«

»Thun Sie, wie ich Ihnen sage. Alles Andere nachher.«

»Aber wir können die Familie doch nicht jetzt, nicht in diesem Zustande

verlassen?«

»Wir können ihr keinen größeren Gefallen thun. Folgen Sie mir nur dieses

Mal, Könnern -- des jungen Mädchens wegen, wenn Sie sonst nicht wollen!«

Helenens starke Natur hatte indessen vollständig die augenblickliche

Schwäche abgeschüttelt. Möglich, daß sie beim Sturze doch vielleicht

mit dem Kopf auf einen Stein getroffen und davon nur betäubt gewesen

war; aber sie richtete sich empor und sah erstaunt auf ihre Umgebung.

Günther, der in diesem Augenblick für Alle zu denken schien, benutzte

den günstigen Augenblick, und auf sie zutretend, bot er ihr seinen Arm.

»Ich sehe zu meiner Freude, daß Sie sich erholt haben, Comtesse;

erlauben Sie mir, Sie an die frische Luft zu führen, die wird Ihnen

wohler thun, als alle Medicamente der Welt.« Leise setzte er dann hinzu:

»Die alten Leute sind außer sich über Ihre Ohnmacht, die sie für weit

gefährlicher hielten als sie war. Zeigen Sie sich kräftig, daß wir sie

beruhigen.«

»Ich _bin_ kräftig,« sagte das junge Mädchen, aber ich begreife nur

nicht wo ich bin, wie ich hierher gekommen.«

»Ich erzähle Ihnen die Geschichte unterwegs,« lachte Günther, ihren Arm

ohne weitere Umstände in den seinen ziehend. »Könnern, thun Sie mir

den Gefallen, und sehen Sie draußen nach dem Pferd, daß kein weiteres

Unglück geschieht -- Sie können ja dann zurückkehren, wenn Sie wollen,«

flüsterte er ihm zu.

Könnern war wie betäubt. Er sah wohl, daß etwas Außergewöhnliches -- etwas

Furchtbares hier vorgegangen sei, aber er begriff nicht was; Elise war

dazu, ohne auch nur weiter seiner zu achten, mit dem Vater beschäftigt,

und ehe er selber zu einem recht klaren Bewußtsein gekommen war, hatte

Günther, während er an dem rechten Arme Helenen führte, mit der Linken

ihn ergriffen, und zog den keinen Widerstand mehr Versuchenden mit sich

hinaus in's Freie, durch den Garten und auf die Straße, wo er ohne Weiteres

die Thür hinter sich in's Schloß warf, und ihnen dadurch Allen den Rückzug

vollkommen abschnitt.

Hier aber half ihnen Helenens Bruder aus der augenblicklichen Verlegenheit,

was sie mit der jungen Dame anfangen sollten. Als sie auf den Weg

hinaustraten, kam er, da er indeß seines Pferdes wieder Herr geworden,

zurückgesprengt, um die Schwester zu suchen.

Allerdings fürchtete Könnern, daß sie sich noch nicht allein im Sattel

halten könne, und bat sie, das Pferd, welches noch an dem Lasso befestigt

stand, lieber zur Stadt führen zu lassen. Helene schlug das aber lächelnd

aus.

»Ich bin an derlei Abenteuer gewöhnt,« sagte sie freundlich; »nur Eins

beunruhigt mich: so ganz ohne einen Dank von der Familie zu scheiden,

die mir so gütige Hülfe geleistet, und die ich dafür so erschreckt und

gestört habe.«

»Ich werde Sie entschuldigen,« wehrte Günther ab, »und Sie können ihr

immer später einen Besuch abstatten. Jetzt halte ich es selber für

besser, daß Sie so rasch als möglich nach Hause zurückkehren und sich

dort erst vollständig ausruhen. Die Folgen eines solchen Zufalls fühlt

man gewöhnlich erst später, und es ist immer besser, sich etwas

vorzusehen.«

Günther setzte seinen Willen durch. Könnern holte den Schimmel; der

Stamm eines umgestürzten Baumes machte es ihr leicht, in den Sattel zu

kommen -- und bald hielt sie den Zügel wieder fest in der Hand.

Von dem Moment an aber, als sie wieder die Straße betreten, hatte

Helene, als ob sie Jemanden suche, auf und ab gesehen, und selbst ihr

Bruder, der jetzt neben ihr hielt, bemerkte dies.

»Suchst Du Freund Pulteleben?« fragte er lachend; »dem bin ich vorher in

einem traurigen Zustand zu Fuß begegnet, und ihn selber hat der Rappe

bös zwischen Dornen und Geröll abgesetzt. Wenn er es hindern könnte,

ließ er sich gewiß vor keinem Menschen sehen, ehe er frische Toilette

gemacht hat; er ist bitterböse zugerichtet.«

»War nicht noch ein anderer Herr mit Ihnen?« wandte sich Helene aber an

den noch neben ihr stehenden Günther, ohne die Leidensgeschichte von

Pulteleben's weiter zu beachten -- »derselbe -- wenn ich nicht irre

-- der sich meinem Pferd entgegenwarf?«

»Allerdings,« erwiederte der Gefragte -- »sein eigenes Thier war ihm

aber indeß davongelaufen, und er wird wohl nachgegangen sein, um es zu

suchen.«

»Ich bin Ihnen zu vielem Dank verpflichtet!« sagte das junge schöne

Mädchen herzlich.

»Mir nicht im Geringsten,« wehrte Günther lächelnd ab; »ich habe kein

Verdienst, als daß ich Sie in's Haus getragen habe, und das -- trug

schon seine eigene Belohnung in sich selbst.«

Helene erröthete, aber sagte freundlich: »Und darf ich hoffen Sie

wiederzusehen, wenn Sie hier auf frischer That meinen Dank verschmähen?«

»Wenn Sie mir erlauben, werde ich sicher morgen bei Ihnen nachfragen,

ob der kleine Unfall, wie ich fest hoffe, keine weiteren nachtheiligen

Folgen für Sie gehabt.«

»Und« -- sagte Helene, aber sie hielt das Wort zurück, neigte sich

gegen die beiden Freunde und rief: »Auf Wiedersehen denn!« als der

Schimmel schon den Druck ihrer Hacken fühlte und mit ihr in scharfem

Trab der Colonie zuflog. Oskar hielt sich an ihrer Seite, und Günther

nahm Könnern's Arm, und führte den, wenn auch im Anfang Widerstrebenden

trotz seinem Sträuben mit sich die Straße hinab, die Jene vorangeritten

waren.

9.

Sarno's Abschied.

Könnern folgte dem Freunde wie in einem halben Traume. Die letzten

Scenen waren so rasch auf einander gefolgt, daß er sie kaum von einander

zu scheiden vermochte, und des Freundes sonderbares Betragen mußte noch

mehr dazu beitragen ihn zu verwirren. Dieser sollte ihm aber jetzt Rede

stehen, denn er fühlte daß Elise in diesem Augenblick seiner Hülfe

bedurfte, und er _mußte_ wissen, weshalb Günther so darauf drang, sie

gerade jetzt sich selber zu überlassen.

Mit diesem Entschlusse stehen bleibend, hielt er Günther's Arm und sagte

vorerst: »Nicht einen Schritt weiter geh' ich mit Ihnen, bis Sie mir Ihr

Betragen erklären, Günther, bis Sie mir das Geheimniß lichten, das Sie

und jenen alten Mann verbindet.«

»Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine, Könnern?« fragte Günther

herzlich, der Beantwortung der Frage für jetzt noch ausweichend.

»Ja, das glaube ich fest.«

»Gut, dann folgen Sie mir auch jetzt in die Colonie. Wir müssen Beide

mit einander berathen, was zu thun, und ehe das nicht geschehen, dürfen

Sie jenes Mannes Haus nicht betreten.«

»Nicht betreten?«

»Nein -- doch Sie sollen Alles hören -- nur zuerst beantworten _Sie_ mir

eine Frage: Wie stehen Sie mit jenem jungen Mädchen? Glauben Sie um

Gottes willen nicht, daß es bloße Neugier sei!«

»Sie brauchen keine Entschuldigung und ich kein Geheimniß für einen

ehrlichen Handel,« sagte Könnern erröthend. »Ich liebe Elisen von ganzer

Seele -- heute Morgen habe ich ihr das Geständniß meiner Liebe abgelegt

und bin ihrer Gegenliebe sicher -- wir waren auf dem Wege zum Hause, um

die Einwilligung ihrer Eltern einzuholen, als Sie an die Thür

klopften.«

»So haben Sie mit Elisens Eltern noch nicht gesprochen?« rief Günther

rasch.

»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, Günther,« erwiederte Könnern ruhig

-- »welcher Art auch Ihr Geheimniß sei, ich halte mich fest gebunden an

das Mädchen, dem ich mit Leib und Leben zugehöre!«

Günther seufzte tief auf und schwieg für wenige Augenblicke; endlich

sagte er herzlich: »Sie haben mir einfach und wahr geantwortet, Bernard,

und es soll Sie nicht gereuen. Eben so klar und aufrichtig will ich

Ihnen jetzt Alles mittheilen -- aber lassen Sie uns zu unseren Pferden

gehen; _wollen_ Sie nachher unmittelbar zurückkehren, steht es ja immer

in Ihrer Macht.«

»Und was wollten Sie mir sagen?« fragte Könnern, der jetzt an des Freundes

Seite, ihre Pferde am Zügel führend, langsam den Weg hinabschritt -- »Sie

müssen begreifen können, in welche Unruhe mich jene eben erlebte Scene

versetzt hat.«

»Ich begreife es,« sagte Günther ruhig, »und will dabei so kurz als

möglich sein, denn nur die Umrisse meiner Mittheilung haben Interesse

für Sie. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen früher einmal erzählte,

wie ich in Deutschland mein ganzes Vermögen durch den Bankerott eines

Kaufmannes verlor?«

»Ich erinnere mich dessen.«

»Eben im Begriffe, zu heirathen, zertrümmerte dieser furchtbare Schlag

alle meine Hoffnungen. Meine Braut war arm, ich selber besaß Nichts mehr

auf der weiten Welt als meine Kenntnisse, die mich aber in Europa nicht

über Wasser gehalten hätten. So nahm ich den Kampf mit dem Leben auf und

ging nach Brasilien, um hier von vorn zu beginnen. Wie ich hier gearbeitet

habe wissen Sie, und ich stehe jetzt im Begriff, mit meinem erworbenen

kleinen Capital nach Deutschland zurückzukehren und mein wackeres

Mädchen, das treulich für mich ausgeharrt hat, zu heirathen.«

»Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?«

»Der Bankerott jenes Banquiers,« sagte Günther finster, »wurde durch

die Flucht seines Cassirers herbeigeführt. In jener Zeit, wo fast kein

Geschäft sicher war und die Kaufleute Alles einziehen mußten, was sie an

Geld ausstehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh

er eines Tages mit der Casse -- man behauptet, mit mehr als hunderttausend

Thalern -- und konnte trotz der größten Mühe, die man sich gab, nicht

wieder eingeholt werden. Einige der Gläubiger setzten damals Alles in

Bewegung, um wenigstens den Ort zu erfahren, wohin sich der Verbrecher

gewandt -- es blieb Alles umsonst. Wir kamen allerdings einmal auf eine

Spur, die nach Brasilien und sogar in diese Gegend führte, und ein

Agent, der jenen Menschen kannte, wurde herüber geschickt, um die

genauesten Nachforschungen anzustellen -- aber ohne Erfolg. Da endlich

heute...«

»Heute?« -- wiederholte Könnern und fühlte, daß ihm das Blut wie Eis zum

Herzen zurücktrat.

»Heute,« fuhr Günther leise fort -- »begegnete ich ihm. Zu fest hatten

sich seine Züge meinem Gedächtniß eingeprägt, denn daheim war ich oft in

seinem Hause, an seinem Tische gewesen. -- Auch er erkannte mich wieder

-- Sie sahen sein Erschrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das

Antlitz so weiß färbte, wie sie in ihrem Bewußtsein sein Haar gebleicht

hat. Hätte es übrigens noch einer Bestätigung bedurft, so lieferte seine

Frau dieselbe. Auch sie -- die, wie man damals allgemein behauptete,

die größte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein

verleitet haben soll -- erkannte mich wieder, und wenn sie auch Beide

kaum ahnen, _wie_ elend sie mich damals gemacht haben, trieb doch die

_Furcht_ vor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die

Kraft aus ihren Sehnen.«

»Entsetzlich, entsetzlich!« stöhnte Könnern und barg sein Angesicht in

den Händen -- »und meine arme, arme Elise!«

»Das arme Mädchen dauert mich!« fuhr Günther leise fort -- »sie kann

auch keine Ahnung von dem Verbrechen haben, denn sie war damals noch ein

Kind. Der Schlag wird sie jetzt, mit dem vollen Bewußtsein der Schuld,

um so furchtbarer treffen.«

»Und was wollen Sie thun?« fragte Könnern, rasch zu ihm aussehend.

»Ich weiß es selber noch nicht,« erwiederte Günther leise -- »das Ganze

brach so überraschend schnell herein, daß mir noch gar nicht Zeit

geblieben, zu überlegen, zu denken. -- Ich -- wollte das eigentlich auch

mit Ihnen besprechen, Könnern.«

»Mit _mir_?«

»Gerade mit Ihnen. Der alte Sünder verdient allerdings keine Schonung,

denn er hat damals viele Menschen unglücklich gemacht, nicht mich allein

-- aber des Mädchens wegen die...«

»Und wird Elise dadurch den Schlag weniger furchtbar fühlen, wird sie

weniger unglücklich sein?«

»Lassen Sie mir Zeit zum Überlegen,« bat Günther, nachdem sie wieder

schweigend eine Zeit lang ihren Weg verfolgt hatten; »lassen Sie mir

Zeit zu überdenken, wie sich Alles am Besten richten lasse. Aber Sie

müssen selber fühlen daß jetzt, in diesem Augenblick, Ihre Gegenwart da

draußen überflüssig war. Der _Fremde_ in einem solchen Kreise hätte das

Furchtbare der Situation nur noch erhöht, davon ganz abgesehen, daß es

für Sie selber peinlich gewesen wäre.«

»Aber die Ungewißheit ihres Schicksals wird jetzt noch so viel

entsetzlicher auf den Armen lasten!«

»Das haben sie reichlich verdient,« sagte Günther düster, »und das

Schwerste was sie treffen könnte, wöge das Elend das sie gestiftet, noch

nicht zum tausendsten Theile auf!«

Könnern seufzte tief und starrte vor sich nieder, als Günther den Arm um

seine Schulter legte und sagte:

»Armer Freund -- auch Sie sind schwer, schwer getroffen, denn es muß

hart, recht hart sein, der Liebe erste Blüthe so geknickt zu sehen!«

»Und glauben Sie, daß ich Elise je verlassen könnte?« rief Könnern,

rasch zu ihm aufschauend -- »soll das Kind die Schuld der Eltern büßen,

dem alttestamentarischen Rachespruche nach? Was würde aus ihr, wenn sie

allein stände in der Welt mit dem Gedanken, daß sich selbst _der_

treulos von ihr abgewandt, dem sie ihr ganzes, reiches Herz zu eigen

gab?«

»Das ist schön und edel von Ihnen gedacht,« sagte Günther seufzend;

»aber wollen Sie Ihre _Frau_ der Bosheit des Leumunds aussetzen, wenn

Sie nach Deutschland zurückkehren? Halten Sie die Abstammung Ihrer Frau

so geheim Sie wollen, ein unglücklicher Zufall kann sie stets verrathen,

und könnten Sie -- selbst nur mit dem Bewußtsein solcher Gefahr -- Ihres

Lebens auch nur einen Augenblick froh werden?«

»Und was kümmert _mich_ das Urtheil der Menge,« rief Könnern trotzig,

»die ja immer nur Freude an dem Unglücke des Nächsten hat?«

»Sie vielleicht nicht, aber glauben Sie, daß Ihre Frau die Verachtung

der Gesellschaft ertragen könnte, ohne sich wenigstens unglücklich und

elend zu fühlen?«

»Dann kehren wir zurück nach Brasilien!« rief Könnern aus. »Verweigert

mir die Heimath das Glück, das ich in ihr genießen könnte, dann hat sie

auch kein Recht, meine weitere Liebe zu fordern, und die Fremde mag

dann mein Vaterland werden und bleiben. Verlieren Sie kein Wort weiter

darüber, Günther -- ich weiß, Sie meinen es gut und haben in Ihrer Art

vielleicht auch Recht -- aber Sie thun mir nur weh und sind nicht im

Stande, Etwas an meinem festen Entschlusse zu ändern.«

»Genug davon, mein lieber Könnern,« sagte Günther, ihm die Hand reichend

und die seine herzlich drückend; »ich ehre Ihr edles Herz, und diese Stunde

wird uns fortan nur fester binden! Vielleicht läßt sich auch Alles noch

günstiger gestalten, als wir jetzt glauben. Noch weiß Niemand um das

Geheimniß, als wir Beide, denn glücklicher Weise haben wir die Comtesse

noch zur rechten Zeit beseitigt. Was aber jetzt geschehen muß, kann hier

nicht auf offener Straße besprochen werden -- zu übereilen ist außerdem

Nichts, und wir wollen Beide die Sache ruhig beschlafen. Morgen sehen

wir Alles mit kälterem Blute und können dann ruhig beschließen, was

geschehen soll. Hier nähern wir uns überdies auch der Colonie, und es

ist besser wir sitzen auf. Der neue Director ist schon angekommen, nicht

wahr? Ich sehe da wenigstens seine würdigen Untergebenen, ein paar

betrunkene Soldaten, die sich jetzt müßig in der Stadt herumtreiben und

Nichts als Unheil anstiften werden.«

»Allerdings -- schon vor einigen Tagen, und es ist sogar möglich, daß

Sarno heute Abend die Colonie verläßt, um mit dem Dampfer nach Rio

hinauf zu fahren. Jedenfalls wird er im Laufe des morgenden Tages

abreisen.«

»Dann lassen Sie uns ein wenig rascher austraben,« sagte Günther, »denn

ich möchte ihn gern noch sprechen« -- und seinem Pferde die Sporen

gebend, sprengte er im Galopp die Straße entlang. -- Unterwegs sah er

sich wohl nach Felix um, denn er hatte sich mit ihm kein Rendez-vous

gegeben und wußte gar nicht, wohin er sich heute Abend gewandt haben

konnte. Aber Santa Clara war auch nicht so groß, daß er lange nach ihm

hätte suchen müssen, und im Laufe des Tages war er ziemlich sicher ihn

irgendwo zu treffen.

Sarno fanden sie zu Hause und eifrig mit Packen beschäftigt. Als sie zu

ihm in's Zimmer traten, drehte er sich nach Günther um und rief lachend:

»Beinahe hätten Sie mich hier gar nicht mehr gefunden. Alle Wetter, die

Frau Präsidentin hat Eile gehabt!«

»Wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie _gar_ nicht,« sagte Günther.

»Der Präsident hat kein Recht, Sie so ohne Weiteres, ohne wichtige

Gründe Ihres Dienstes zu entlassen. Bleiben Sie hier und schicken Sie

mich mit dem Dampfer nach Rio. Ich garantire Ihnen, daß ich einen

Gegenbefehl bringe.«

»Ich danke Ihnen, Herr von Schwartzau,« sagte Sarno trocken -- »aber ich

habe nicht Lust, mich hier mit dem Herrn Director herum zu zanken, nur

der unter solchen Umständen sehr zweifelhaften Ehre wegen, Director zu

bleiben. Außerdem hat der Herr sich auch gleich eine Abtheilung Soldaten

mitgebracht und würde nicht säumen, selbst gewaltsamen Besitz von dem

Directionsgebäude zu nehmen.«

»Darauf ließe ich es ankommen.«

»Ich nicht. Mit diesem Präsidenten, oder vielmehr seiner Frau Gemahlin

an der Spitze danke ich außerdem für den Posten. Ja, wäre _da_ eine

Änderung getroffen, dann von Herzen gern, aber wie die Verhältnisse

jetzt stehen, _nicht_. Ich bin fest entschlossen, mit dem Dampfer nach

Rio zu fahren.«

»Gut, dann aber folge ich Ihnen. In kurzer Zeit kann ich meine sämmtlichen

Arbeiten hier beendet haben, und dann sprechen wir ein weiteres Wort über

diese Präsidialwirthschaft, der unter jeder Bedingung ein Ende gemacht

werden muß. Ich habe haarsträubende Dinge in Santa Catharina gehört und

Beweise dafür in Händen, mit den achtbarsten Leuten der Insel zu Zeugen.

Denen wird die Regierung in Rio ihr Ohr nicht verschließen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Bemühungen, aber es wird Nichts

helfen,« sagte Sarno achselzuckend -- »hier in Brasilien geht nun einmal

Alles seinen gewohnten Schlendrian, und nur wer keine schmutzigen Hände

scheut, kann sich allein emporarbeiten. Ich passe aber zu derlei Intriguen

nicht, und werde ruhig wieder meine Vermessungen beginnen, bei denen ich

doch wenigstens nur Arbeit und keinen Ärger habe.«

»Aber Sie bleiben, bis ich komme, in Rio?«

»Ich werde unter fünf oder sechs Wochen nicht von dort wegkommen.«

»Desto besser -- dann treffen wir uns jedenfalls. Sie wohnen?«

»Im Hotel Pharoux.«

»Schön; weiter brauche ich Nichts.«

»Und Könnern?« fragte Sarno und sah lächelnd zu seinem jungen Freunde auf

-- »haben Sie reussirt? Aber zum Henker, Mann, Sie sehen so melancholisch

aus! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie einen Korb nach Hause bringen?«

»Elise wird mein Weib,« sagte Könnern fest.

»Und dabei schneiden Sie ein Gesicht,« lachte Sarno, »als ob Ihnen das

größte Unglück begegnet wäre. Sie haben Etwas auf dem Herzen...«

»Ja« sagte Könnern zögernd -- »es ist -- Etwas vorgefallen, das mein

Glück nicht stört, aber doch hinausschiebt; gestatten Sie mir jedoch,

daß ich jetzt noch darüber schweige.«

»Mein lieber, bester Freund!« rief Sarno gutmüthig -- »Sie glauben doch

um Gottes willen nicht, daß ich Sie habe aushorchen wollen?«

»Sie sollen Alles erfahren, denn ich bin es Ihnen schuldig,« erwiederte

Könnern, »aber -- ich muß erst selbst mit mir im Klaren sein. Ehe Sie

Rio verlassen, sehe ich Sie jedenfalls dort, denn auch mich werden bis

dahin meine Geldgeschäfte nöthigen, die Hauptstadt zu besuchen. Wen habe

ich denn auch noch in Santa Clara, wenn Sie Beide den Ort verlassen?«

»Dann treffen wir uns also Alle in Rio, und nun kommen Sie her und helfen

Sie mir ein Wenig mit packen, daß ich die verwünschten Kisten und Koffer

in Ordnung kriege. Das weiß der Böse, was man für eine Quantität Gepäck

zusammenbringt, wenn man sich erst einmal ein paar Jahre an einem Platze

aufgehalten! Ein Glück nur, daß mir Herr von Reitschen -- durch einen

Unterhändler natürlich -- meine Möbel hat abkaufen lassen, ich müßte

sonst wahrhaftig eine Auction anstellen.«

Könnern wie Günther halfen jetzt Beide dem Freunde seine Sachen ordnen,

da die Abfahrt des Dampfers auf heute Abend festgesetzt war, und Sarno

sich gegen vier Uhr, um die rückgehende Fluth zu benutzen, einschiffen

mußte. Eine Menge Leute, und zwar die achtbarsten der Colonie, kamen

auch heute noch, ihrem bisherigen Director Adieu zu sagen und ihm zu

versichern, wie leid es ihnen thue, daß er sie verließe. Dann kam der

Transport des Gepäcks zum Boote, welchen Jeremias übernommen hatte, und

mit seinem Handkarren wahre Wunder leistete.

Der Weg zur Landung war allerdings nicht so nahe, aber er ging von der

Thür des Directionsgebäudes an immer leise bergab, und der kleine kräftige

Bursche lud enorme Quantitäten von Koffern und Kisten auf, mit denen er

dann im scharfen Trabe und in Schweiß förmlich gebadet, aber immer guter

Laune, seinem Bestimmungsorte zueilte.

Der letzten Fuhre folgten die drei Freunde zusammen, und unten an der

Bootlandung lagen sämmtliche Soldaten faul ausgestreckt im Schatten und

sahen zu, »wie der alte Director fortgeschickt wurde.« Sie lachten auch

unter einander und machten ihre frechen Bemerkungen, aber keiner der

Drei achtete auf sie. Die verschiedenen Colli wurden an Bord genommen,

und Sarno wandte sich jetzt erst noch einmal zu seinem bisherigen treuen

Factotum, Jeremias, welcher sich bescheiden zurückgezogen hatte und

neben seinem leeren Karren stand.

»Hieher, alter Freund,« sagte er zu ihm -- »Du bist der Letzte, der noch

eine Forderung an mich hat.«

»Wenn Sie's nur gar nicht erwähnen wollten, Herr Director,« sagte

Jeremias, und die Thränen standen ihm dabei in den Augen -- »hol's der

Teufel, ich wollte -- es wäre der Andere, den ich hätte herunterkarren

müssen! Hurrje, mit welchem Vergnügen wäre das geschehen -- aber Gott

straf' mich, wenn er hier in der Colonie eine Stunde seines Lebens froh

werden soll! _Da_ ist er, das ist richtig, aber er wird froh sein, wenn

er den Platz hier erst wieder mit dem Rücken ansieht!«

»Mach' keine dummen Streiche,« warnte ihn Sarno, »und gebt dem Herrn

keine gegründete Ursache zur Klage; Ihr habt es Euch sonst selber

zuzuschreiben, wenn er Euch das Leben sauer macht.«

»Ja, aber...«

»Schon gut, Jeremias -- hier ist eine Kleinigkeit für Deinen letzten

Monat und die heutige Arbeit...«

»Aber Herr Director!« rief Jeremias ordentlich erschreckt, als ihm Sarno

eine ganze Hand voll Milreis in den Hut warf -- »das kann ich ja gar nicht

nehmen -- ich bin so den letzten Monat schmählich faul gewesen -- das

müßte mir ja auf der Seele brennen!«

»Dann betrachte es als Strafe,« lächelte Sarno -- »und nun Adieu, Ihr

lieben Freunde, die Ihr noch bis zuletzt bei mir ausgehalten habt. Adieu,

Könnern, Adieu, Schwartzau, auf Wiedersehen in Rio!« und in das Boot

springend, gab er das Zeichen zum Abstoßen. Die Ruderer ließen ihre

Riemen einfallen; der Bug des trefflich gebauten Bootes fiel vom

Lande ab, und während noch ein freundliches Lebewohl herüber- und

hinübergewinkt wurde, schoß das kleine Fahrzeug seine Bahn entlang

dem Dampfer zu.

Hinter ihm aber folgte ein anderes kleineres, von vier Soldaten

gerudert, welches den Befehl gehabt zu warten, bis der bisherige

Director unterwegs sei. Es brachte die Briefe und Depeschen des neuen

Directors an Bord.

Herr von Reitschen hatte sich dem Abschied von seinem Vorgänger

entzogen.

10.

Bux & Comp.

Könnern und Günther waren zusammen Arm in Arm in der Richtung nach

Bohlos' Hotel, wo sie jetzt wohnten, zurückgegangen, und Jeremias

folgte ihnen in einiger Entfernung mit dem leeren Karren. Er hatte das

erhaltene Silber in seine Hosentasche gesteckt und fühlte von Zeit zu

Zeit danach, sah sich auch wohl manchmal in der Straße um, ob ihm das

Gewicht nicht etwa die Tasche zerrissen hätte und er jetzt, zum Besten

der Colonisten, Milreis auf den Weg streue. Unterwegs aber, als er sich

ziemlich allein sah, blieb er stehen, hob seine Tasche etwas mit der

rechten Hand und sagte leise vor sich hin:

»Verwünscht schwer geworden heute -- kann's wahrhaftig nicht mehr länger

so am Beine herumtragen und muß wieder einmal damit auf die »Bank« gehen

-- und kann ich abkommen? Hm! Bei meinem jungen Herrn Grafen die Pferde

abreiben, denn die werden wieder schön abgehetzt nach Hause gekommen sein

-- aber das kann warten -- thu' ich hernach beim Füttern -- bei Bodenlos

sollte ich heute Flaschen spülen -- das hat auch bis morgen Zeit -- beim

Baron die Pfeifen rein machen -- er mag heute noch einmal aus einer alten

rauchen -- und beim Tischler Bitter -- Donnerwetter, der hat heute

Kindtaufe und dem sollt' ich den Kuchen vom Bäcker holen, das hab' ich

doch in den Boden hinein vergessen! Na, jetzt ist's doch zu spät und er

wird sich ihn nun wohl selber geholt haben, der Kindtaufsvater -- man

kann ja auch nicht an Alles denken, und heute ist's überhaupt zugegangen

wie in Sodom und Gomorrha. Also abgemacht -- zuerst geh' ich auf die

Bank und deponire meine Capitalien -- dann müssen vor allen Dingen die

Pferde besorgt werden, und nachher -- ach was, nachher ist Feierabend

und morgen noch ein Tag!« -- und damit hakte er sein Tragband wieder ein

und zog den Karren pfeifend die Straße hinauf und der Stelle zu, wo er

ihn gewöhnlich unterstellte -- in einem von Bohlos' Schuppen. -- --

Oben vor seinem Hause stand Justus Kernbeutel, und zwar heute, mitten

in der Woche, in seinem Sonntagsstaat, einem blauen Frack mit gelben

Knöpfen, einem Paar großcarrirter Hosen, gelber Piquéweste, einer

hellblauen seidenen Halsbinde und einem zwar etwas abgetragenen, aber

doch wieder sorgfältig abgebürsteten Hut auf, ein kleines spanisches

Rohr mit einem großen geschliffenen Glasstein als Knopf unter dem Arm,

und jedenfalls gerade im Begriff, irgend einen wichtigen Besuch zu

machen -- denn zu einem Spaziergang brauchte er sich nicht so

anzuziehen.

Die Straße herauf kam ein junger Mann im Schritt angeritten; er war in

die gewöhnliche Tracht der dortigen brasilianischen Farmer gekleidet,

mit breitrandigem Strohhut auf, und gerade als sich Justus zum Gehen

wandte, rief er ihn an: »He -- holla -- halt, Freund!«

Justus drehte sich um und wartete auf ihn, und als er herankam, sagte er

weiter Nichts als: »Und?«

»Ihr wollt ausgehen?« fragte der junge Mann -- »da komme ich gerade zur

rechten Zeit. Ist mein Rock fertig?«

»Morgen,« sagte Justus in größter Gemüthsruhe -- »nur noch die Knöpfe

anzusetzen.«

»Ei zum Henker, Mann, das hättet Ihr dann aber auch noch vorher thun

können! Ich brauche den Rock heute Abend und werde nun schon drei Wochen

immer von Tag zu Tag darauf vertröstet. Wenn Ihr nicht arbeiten wollt,

so sagt's doch lieber gleich heraus und habt die Leute nicht zum Narren.«

»Hoho,« rief Justus, »nur nicht so vornehm, Herr Köhler -- hier in

Brasilien thut Jeder, was ihn freut, und ein Künstler läßt sich nun

einmal gar keine Vorschriften machen.«

»Ach was, Künstler,« rief Köhler ärgerlich, »wenn die Schneider auch noch

Künstler werden, nachher hörts auf!«

»Ich verbitte mir alles Schimpfen!« rief Justus und wurde ganz roth im

Gesichte.

»Holla, zankt Euch nur nicht,« lachte ein Vorübergehender, der Wirth

Buttlich; »Ihr Deutschen sollt ja _einig_ sein, wißt Ihr denn das nicht?

Ist ja eine ganz alte Geschichte --« und vergnügt vor sich hinpfeifend,

schlenderte er in eine Nebenstraße hinein.

»Zanken,« brummte Justus vor sich hin, »wer zankt sich denn? Ich will ja

gern meine Kunden befriedigen, wenn sie nur höflich sind. Das ist das

Wenigste, was ein Künstler außer der Bezahlung verlangen kann.«

»Und wann soll ich den Rock haben?«

»Morgen früh bestimmt, auf Ehre!« rief Justus; »mehr kann ich nicht

sagen, das ist mein höchster Schwur.«

»Und um wie viel Uhr kann ich herunterschicken?«

»So früh Sie wollen, und wenn's um neun Uhr ist.«

»Gut; aber was ist denn das, Kernbeutel, seid Ihr irgendwo zu Gevatter

gebeten, daß Ihr Euch so furchtbar herausgedonnert habt? Ihr glänzt ja

ordentlich wie ein neuer Knopf.«

»Hm,« schmunzelte Justus, an seinen carrirten Beinen hinuntersehend,

»heute ist #Thé dansant# und Concert bei Zuhbel, zur Feier des neuen

Directors -- wenigstens dazu, daß wir den alten los sind, und da muß man

sich doch anständig anziehen.«

»Hm, da hättet Ihr auch etwas Besseres feiern können,« meinte der junge

Mann. »Der alte Director war ein Ehrenmann, und ich will zu Gott hoffen,

daß der neue eben so gut einschlägt, glaub's aber nicht. Wenn Ihr übrigens

nach Zuhbels hinaufgeht, so haben wir, wenigstens ein kurzes Stück,

_einen_ Weg, denn ich will nach Barthel's Chagra hinüber.«

»Da reiten Sie aber doch näher die Straße, die hier hinüberführt.«

»Es ist dort eine Colonie ausgemessen, die ich mir einmal ansehen wollte,«

sagte Köhler -- »der Bach läuft durch, und vielleicht ließe sich dort

eine Mühle anlegen.« -- Und die beiden Männer, Justus neben dem Pferde

her, hielten zusammen die Straße hinauf, bis sie ein Stück im Walde

waren; dann bog Köhler links ab an dem Hange hin und Justus Kernbeutel

setzte seinen Weg allein fort.

Es ging hier eine kurze Strecke ziemlich steil hinauf, und Justus, der

nicht wünschte, sich in Schweiß zu bringen, stieg sehr langsam bergan.

Die Sonne war noch eine halbe Stunde hoch, und er konnte, ohne sich zu

übereilen, Zuhbel's Chagra recht gut vor oder wenigstens mit

Dunkelwerden erreichen.

Als er die Höhe des Weges gewonnen hatte, an der rechts ein steiler,

aus rauhen Blöcken bestehender Felshang emporragte, drehte er sich um,

theils um auszuruhen, theils um einen Blick auf die sich hier weit

ausdehnende Scenerie zu werfen, die am Horizont sogar durch das Meer

begränzt wurde. Das Städtchen selber konnte er von hier oben aus nicht

sehen, da es hinter dem dichten Gebüsche und Unterholze versteckt lag.

Justus war übrigens, wie man danach vielleicht hätte glauben können,

keineswegs ein großer Verehrer von Naturschönheiten, und wenn er einen

großen Berg hinaufstieg, fluchte er gewöhnlich leise vor sich hin, bis

er oben war; aber er versäumte nie, auf allen den Punkten gewissenhaft

anzuhalten, von wo aus er das Meer sehen konnte, und auch nicht etwa,

weil er es liebte -- Gott bewahre -- nein, nur um sich zu freuen, daß er

nicht mehr darauf war und festen Boden unter seinen Füßen hatte.

Auf der ganzen Seereise war er nämlich, von dem Augenblicke an wo er

sich in Bremerhaven eingeschifft, bis zu dem Moment wo er in die Mündung

des Santa Clara mehr wie ein Sack, als wie ein lebendiger Passagier

hineingerudert worden, so seekrank gewesen, daß ihm noch bis auf den

heutigen Tag übel wurde, wenn er nur Theer roch und dadurch wieder

lebhaft an seinen Aufenthalt an Bord erinnert wurde. Sah er aber so

recht von Weitem aus die endlose blaue Fläche, oder konnte er gar die

weißen Kämme überstürzender Wellen erkennen, dann erfaßte ein eigenes

inneres Wohlbehagen seine Seele, er rieb sich die Hände, stampfte mit

den Füßen, schnalzte mit der Zunge und machte oft die wunderlichsten

und außergewöhnlichsten Capriolen, um sein unbändiges Vergnügen

auszudrücken.

Heute fühlte er sich dazu in ganz besonders günstiger Stimmung -- war

es die Aussicht auf den vergnügten Abend, war es der neue Anzug, den er

trug und den er, in Ermangelung eines Modejournals in Santa Clara, einem

Theil der Bevölkerung vorzuführen dachte; war es vielleicht die frische,

kühle Abendluft, die hier draußen wehte, oder auch die Wirkung einiger

Gläser Cognac, die er vorher zu sich genommen, kurz, er blieb stehen,

nahm den Hut ab, machte dem einige Meilen entfernten Meere eine sehr

formelle, ehrerbietige Verbeugung und sagte:

»Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst, sehr verehrtes Brechmittel,

Salzwasserpfütze verfluchte, die Einen herumschlenkert, daß man am Ende

gar nicht einmal mehr weiß, wo Einem der Kopf oder wo die Füße sitzen.

Hier, hier komm' her, wenn Du dazu Courage hast -- hier auf dem Felsen

schaukele mich einmal, wenn Du kannst, und wirf mich herüber und hinüber,

wie einen schlechten Groschen -- ääh!« setzte er hinzu, eine Grimasse

gegen das Meer ziehend -- »so viel für Dich und alle das dumme Gesindel,

das sich auf Dir jetzt herumschütteln läßt, um nach Brumsilien zu kommen

-- hei, wie die Kerle torkeln und wie hundeschlecht ihnen ist -- wie sie

würgen und ächzen -- wenn ich sie nur sehen und meine Freude an ihnen

haben könnte! -- Hurrah für festen Boden -- hurrah hoch für soliden

Steingrund!« -- und seinen Hut in die Luft werfend, machte er selber

einen Sprung und schlug dabei mehrere Mal die Füße zusammen.

»Na, Gott straf' mich,« sagte da plötzlich eine Stimme dicht an seiner

Seite, »wenn das nicht über den grünen Klee geht!«

Erschreckt fuhr Justus herum, denn er hatte vorher keinen Menschen

bemerkt, und ein unheimliches Grausen lief ihm über den Rücken, als er

auch jetzt noch Niemanden neben sich sah, denn der Weg war vollkommen

leer.

»Bux!« -- der Gedanke schoß ihm plötzlich durch's Hirn, als er laut den

Namen rief -- »das ist kein Anderer, als der verfluchte Bux -- wo nur

der Himmelhund steckt?«

Ein lautes, ordentlich wieherndes Gelächter antwortete ihm von einem der

Felsen unweit der Straße, und als er hinaufsah, saß der Bauchredner da

oben, schnitt aber jetzt schon wieder ein so finsteres Gesicht, daß

Justus ordentlich unsicher wurde, ob nun nicht eben Jemand neben ihm

durch den Bauch gelacht und es nur so geschallt hätte, als ob der Ton

von da oben käme.

»Was, zum Teufel, machst Du denn da auf der Kanzel oben?« rief er ihm

erstaunt zu.

»Gerade das Entgegengesetzte von dem, was Du thust,« sagte Bux mürrisch

-- »ich gucke 'nunter und Du 'rauf. Aber komm' her, ich habe was mit Dir

zu reden.«

»Ja, komm' her, das ist leicht gesagt,« meinte Justus, »aber wie kann ich

hinauf? Komm' Du hieher, das ist bequemer.«

»Wenn Du nicht willst, läßt Du's bleiben,« brummte der mit der

Silbertresse -- »so behalt' ich's für mich.«

»Hm,« sagte Justus, neugierig werdend -- »ich zerreiße mir die neuen

Hosen und will noch in Gesellschaft.«

Bux antwortete ihm nicht und pfiff gleichgültig in's Blaue hinein, und

Justus, der jetzt eine Stelle entdeckt zu haben glaubte, an der er ziemlich

bequem aufwärts steigen konnte, kletterte mit einigen Schwierigkeiten,

denn seine »Strupfen« genirten ihn, über das rauhe Gestein empor, wobei

er besonders ängstlich den Dornen auszuweichen hatte. Als er übrigens

unterwegs einmal nach oben sah, war Bux verschwunden, und erst als er den

Stein selber erreichte auf dem er gesessen, entdeckte er den Bauchredner

hinter den Felsen dort, wo er von dem Wege aus gar nicht gesehen werden

konnte. Er hatte sich auf ein kleines Fleckchen Grasboden geworfen und

schien die Ankunft seines neuen Freundes ruhig zu erwarten.

»Was, zum Henker, machst Du denn hier?« sagte Justus, als er den Platz

endlich erreicht hatte und sich dabei das linke Knie rieb, das er sich

gegen einen Felsen gestoßen. »Das ist ja ein ganz verfluchter Weg hier

herauf.«

»Ich überlege mir eben,« sagte Bux ruhig, »ob ich mich am Liebsten hängen

oder ersäufen soll, denn so viel Geld habe ich nicht mehr, um mir eine

Ladung Pulver und eine Kugel zu kaufen, und zum Hängen kann man Bast

nehmen. Aber ich glaube, das Ersäufen sagt meiner Natur besser zu.«

»Und um Dich zu ersäufen, bist Du hier oben auf den Berg geklettert,«

lachte Justus, »wo nicht einmal so viel Wasser ist, um sich die Finger

naß zu machen zum Banknoten zählen? Das ist nicht so übel.«

Bux antwortete nicht; er lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen, hielt

sein linkes Knie mit beiden Händen umspannt und schaute finster vor sich

nieder.

Justus sah ihn eine Weile an, dann fragte er: »Was war denn das, was Du

mir sagen wolltest?«

»Jetzt sitz' ich drin,« brütete Bux weiter, ohne die Frage zu beantworten

-- »mit den Vorstellungen ist es Nichts mehr. Gestern Abend waren drei

Personen drin, von denen zwei nicht einmal bezahlt hatten, und ich brauche

zwölf, um nur Beleuchtung und Miethe zu bezahlen. Die gottverfluchten

Schufte wollen mich zwingen, daß ich die Kinder nicht soll tanzen lassen,

und wozu hab' ich denn da die blutigen Rangen. -- Verhungern _will_ ich

aber nicht -- Gott straf' mich!« rief er, sein Knie loslassend und seine

Faust in die andere Hand schlagend -- »und wenn sie mich dazu

treiben....«

Seine Augen blickten stier und wild, und in den schmutzigen, gemeinen

Zügen glühte ordentlich Haß und tückische Bosheit.

»Ei, zum Wetter,« sagte Justus, der immer noch solidere Ansichten vom

Leben hatte -- »wenn's mit der »Kunst« nicht geht, dann versuch's einmal

eine Weile mit der Arbeit -- verding' Dich bei einem Bauer und....«

»Daß ich mich schinde und plage für ein paar Milreis, nicht wahr, nur um

der Heulliese, meiner Frau, und den Rangen die Bäuche zu füllen? Verdammt,

wenn ich's thue -- da versuch' ich noch wenigstens erst, ob nicht auf

andere Weise 'was zu machen ist -- he, Schneider!« sagte er plötzlich

und sah zu Justus mit einem scharfen, forschenden und doch mißtrauischen

Blick auf -- »bist Du ein Kerl, auf den man sich verlassen kann?«

»Nanu?« sagte Justus und sah erstaunt zu ihm nieder.

»Ich meine,« fuhr Bux fort, »ob Du das Herz auf dem rechten Fleck hast,

wenn es einmal gilt. Du bist auch arm wie eine Kirchenmaus, wenn Du auch

jetzt die paar bunten Lappen um Dich herum hängen hast; die Schulden

fressen Dich bald auf, und eh' das Jahr um ist, jagen sie Dich so zum

Platz hinaus -- halt's Maul, ich weiß Alles, und mir brauchst Du Nichts

weis zu machen, aber -- _wenn_ Du Dir nun mit _einem_ Griff helfen und

Alles wieder in's Reine bringen könntest?«

»Donnerwetter!« sagte Justus, und seine Augen wurden immer größer -- »was

hast Du nur? _Weißt_ Du einen Fleck, wo ein Haufen Gold liegt -- aber

warum hast Du ihn Dir da nicht schon lange selbst geholt?«

»Weil Einer allein Nichts ausrichten kann,« knurrte Bux, »und mit meiner

Vettel von Weib Nichts anzufangen ist. Doch ich will nicht länger hinterm

Busche halten, denn Du verräthst mich nicht, so viel weiß ich -- dächtest

Du daran, bei Höll' und Teufel, ich risse Dir das Herz lebendig aus dem

Leibe!«

»Aber was hast Du nur?« rief Justus wirklich erschreckt.

»Hör' zu,« sagte Bux, sich selbst auf diesem abgelegenen Platz scheu

umsehend, ob sie Niemand höre -- »Du weißt, daß der neue Director

angekommen ist.«

»Jedes Kind weiß das,« brummte Justus -- »wir feiern's heute.«

»Du weißt aber nicht, daß er einen Haufen Geld mitgebracht hat,« fuhr

Bux fort, »um eine Menge Leute abzulohnen, welche der frühere Director

angestellt hatte.«

»Und was hilft _uns_ das?«

»Von Buttlich weiß ich's, »fuhr Bux fort, ohne sich stören zu lassen

-- »und ich selber habe gesehen, wie der schwere Koffer hinauf getragen

wurde. Buttlich hat mir aber ebenfalls erzählt, daß nächster Tage eine

große Gesellschaft oder ein Ball bei der Frau Gräfin ist -- dahin geht

der Director jedenfalls, und das Haus ist oben leer -- Justus, hast Du

Courage?«

»Ne,« sagte dieser, ganz entschieden mit dem Kopf schüttelnd -- »zu so

'was nicht -- hol's der Teufel, das klingt im Anfang ganz gut, aber

nachher wird's auf einmal faul, und dann sitzt man drin. Ne, Bux, das

wollen wir doch lieber _nicht_ machen.«

»Memme!« knirschte der Bursche zwischen den Zähnen durch -- »habe mir's

bald gedacht, daß Du zu Nichts zu gebrauchen bist.«

»Und wenn sie uns erwischen?«

»Wenn wir's so dumm machen, verdienen wir's nicht besser!«

»Ne,« sagte Justus noch einmal nach einer kleinen Pause, in welcher er die

Sache hin und her erwogen hatte -- »ich verdiene gern einen Thaler Geld

und -- bin auch nicht übereigen, _wie_, aber auf _die_ Art -- nachher in

Eisen nach Rio hinauf geschafft werden und dort in _das_ Loch, wo man erst

am gelben Fieber stirbt, ehe man gehangen wird -- Gott soll mich bewahren,

da -- ernähr' ich mich lieber von meiner Kunst, wenn's auch ein Hundeleben

ist!«

»Esel!« grinste da Bux plötzlich vor sich hin -- »Du bist doch, Gott

straf' mich, zu dumm, daß Du glaubst, ich dächte an so 'was. Sitzt der

Kerl auf -- hahahahaha!«

Justus sah ihn erstaunt an.

»Also war's nur Spaß?« fragte er verdutzt.

»Na, Du glaubst wohl ich wär' ein Einbrecher im Ernst?« lachte Bux -- »ne,

Justus, für dumm hab' ich Dich immer gehalten, aber für _so_ dumm doch

wahrhaftig nicht.«

»Du machtest aber so ein ernsthaftes Gesicht dabei.«

Bux war aufgestanden und sah über den Felsen hin nach dem Weg hinüber.

Sein scharfes Ohr hatte einen Schritt auf dem harten Boden gehört, und

es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann den Weg kam, der anscheinend

die Richtung nach Zuhbel's Chagra einschlug.

»Kommt Jemand?« fragte Justus.

»Ist das nicht der Lump, der Jeremias?« sagte Bux, der nur eben mit

seinen Augen über den Stein hinausschaute -- Justus nahm seinen Hut ab

und sah ebenfalls vorsichtig hinüber.

»Ja wohl,« flüsterte er, »das ist die rothköpfige Canaille, seine Perrücke

leuchtet ja wie Feuer durch den Wald. Wo will denn der noch heute Abend

hin? zu Zuhbel's doch wahrhaftig nicht, denn der würf' ihn den Augenblick

aus dem Hause.«

»Und wie er sich immer umguckt,« flüsterte Bux zurück, »genau so, als ob

er ein bös Gewissen hätte.«

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band. · 第 4 / 7 题