Günther schüttelte mit dem Kopfe. --

»Und Du bist hier -- bei dem Brasilianer eingetreten?« fragte er

endlich.

»Eingetreten?« lächelte Graf Felix; »suche nicht nach einer Umschreibung

für mich, alter Freund; ich _diene_ hier, ist das richtige und passende

Wort, und zwar seit einem vollen Monat, für den ich mich Anfangs

verpflichtet hatte. Heute nun haben die Katholiken einen Feiertag, und

-- will ich recht aufrichtig sein -- so hatte ich heute Morgen meine

Scrupel, ob ich meinen zweiten Monat antreten sollte oder nicht; denn

als ich herauskam, um wieder einmal eine halbe Stunde mit meinem alten,

treuen Instrumente hier zu plaudern, fand ich, daß mir die Finger steif

und ungelenkig geworden waren und es nicht mehr ging -- aber was thut's.

Es ist der Fluch des Arbeiters, daß er keine einzige Freude haben soll

als die, die er sich mit sauerm Schweiße verdient. Mag es darum sein

-- _so_ brech' ich mit der Vergangenheit, und die Zukunft -- hol' sie

der Böse, sie mag bringen was sie freut -- ich fürchte sie nicht!«

Und mit den Worten, ehe Günther eine Ahnung hatte was er beabsichtigte,

nahm er das gute Instrument und schlug es höhnisch lachend gegen

den Stamm des Orangenbaumes, daß es mit einem dumpfen Wehelaut der

zusammenlaufenden Saiten in Splitter flog.

»Felix,« rief Günther erschreckt -- »was hast Du gethan?«

»Die letzte Brücke hinter mir abgebrochen, die mich zum Träumer machte,«

sagte der junge Graf finster -- »ich will wieder ein Mensch werden!«

»Und was hat das arme Instrument gethan?«

»Es hat mich verrückt gemacht!« rief der junge Mann in düsterm Brüten.

-- »Günther Günther,« fuhr er plötzlich auf und ergriff des Freundes

Arm -- »weißt Du wohl daß es eine Classe von Menschen giebt, die an

der Gränze des Wahnsinns, inmitten unserer geregelten bürgerlichen

Verhältnisse, unbelästigt durch dieses Leben gehen, weil der Dämon,

der in ihnen lauert, noch nie Gelegenheit bekam auszubrechen? Die Welt

verkehrt mit ihnen und ahnt nicht, wie der geringste Zufall wie ein

Funke den Brennstoff zünden könnte, der in der Brust noch eingeschlossen

ruht -- Arm in Arm gehen sie mit ihnen, und geht Alles gut -- sterben

sie im regelmäßigen Lauf der Zeit in ihrem Bette, so sagen die Bekannten

vielleicht: Schade um den Menschen, er war eine gute Haut, nur ein Bißchen

excentrisch manchmal, ein wenig launisch und wunderlich. -- Fällt aber

der Funke an den rechten Platz, dann....«

Felix war aufgesprungen und hatte Günther's Arm dabei so fest gehalten,

daß er diesen schmerzte, und sein Auge stierte wild in das seine.

Günther begegnete dem Blicke freundlich, aber ruhig, und sagte endlich:

»Und weshalb quälst Du Dich mit solchen Träumen?«

Felix sah ihn noch einen Augenblick stier an; dann drehte er den Kopf

ab, ließ Günther's Arm los und strich sich mit der Hand das wirre Haar

aus der Stirn.

»Du hast Recht,« sagte er -- »Träume sind es, weiter Nichts; aber sie

quälen mich manchmal, wie uns die furchtbarste Wirklichkeit nicht ärger

quälen könnte. O, daß ich ein Mittel wüßte sie zu bannen!«

»Schließe Dich nicht in Dich selber ab,« bat Günther freundlich, »mische

Dich unter die Menschen, die doch nicht so schlecht sind, wie Du zu

glauben scheinst -- und all' diese trüben Gedanken werden von selbst

schwinden.«

»Nicht so schlecht, wie ich zu glauben scheine?« lachte statt aller

Antwort Felix bitter vor sich hin -- »mein lieber Freund, Du bist wie

ein Mann, der mit einer Fackel in den Wald geht und überall, wohin er

sich dreht, nur die _Lichtseite_ der Bäume sieht. _Die_ drehen sie Dir

zu, alles Andere ist dunkel und Nacht.«

»Ich schlage Dich mit Deinem eigenen Beispiel,« lächelte Günther. »Alle

Menschen sind von Herzen wirklich gut, nur, Gott sei Dank, sehr selten

findest Du eine Ausnahme, die wirklich absichtlich Freude am Bösen hat

-- leuchte sie nur mit Deiner Fackel ordentlich an, rund herum, wenn Du

willst, und sie werden Dir überall die lichte Seite zeigen. Mag auch

Haß und Unfriede zwischen Einzelnen bestehen, nicht gegen Alle zeigen

sie sich so, und gerade Diejenigen oft, welche _Dir_ falsch und treulos

scheinen, sind die besten Familienväter oder Mütter, und sorgen für die

Ihrigen mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte.«

»Bah, so viel für Deine Lobpreisungen des Menschengeschlechts,« sagte

Felix finster -- »sie sind falsch und treulos, glaube mir, und wo Du

ihnen wirklich ein Herz entgegenbringst, triffst Du nur auf Spott und

kalten Hohn!«

»Und wo hast Du alle diese bitteren Erfahrungen gemacht, armer Freund?«

fragte Günther herzlich.

»Wo nicht?« lautete die düstere Antwort -- »jetzt erst wieder in Santa

Clara, wo ich endlich glaubte mein Ideal gefunden zu haben, wo ich -- aber

Du lachst mich aus, wollte ich Dir alle den Unsinn erzählen, den ich

getrieben, und bei Gott, ich verdiente es auch nicht besser. -- Ein

Mädchen lebt dort -- schön wie ein Engel -- mit Allem ausgestattet, was

die Natur nur verschwenderisch über eines ihrer Lieblingskinder schütten

kann, mit einer Seele für Musik, eine kecke, ja, wilde Reiterin, ein

Wesen, wie ich es kaum versuchen könnte Dir zu schildern!«

»Die junge Comtesse Baulen?« sagte Günther fragend.

»Comtesse?« -- wiederholte verächtlich der junge Mann -- »eine Betrügerin,

die unter falschem Namen ihr Netz nach einem jungen Laffen, der den

Baronstitel trägt, ausgeworfen und den Gimpel darin gefangen hat.«

»Also Eifersucht,« sagte Günther lächelnd, »und weil Dich ein Mädchen

getäuscht, darum zürnst Du der ganzen Welt?«

»Weil _sie_ eben die ganze Welt für mich war und ich jetzt wieder -- aber

zum Teufel mit den Gedanken, die mir wieder und wieder das Herz vergiften!

Ich _will_ nicht mehr an sie denken!«

»Und die Frau Gräfin Baulen wäre also wirklich gar keine Gräfin?« fragte

Günther, der sich für diese Neuigkeit besonders interessirte, da gerade

_sie_ die Beschwerdeschrift gegen Sarno zuerst unterzeichnet hatte

-- »weißt Du das gewiß und könntest Du Beweise dafür bringen?«

»Gewiß?« lachte Felix höhnisch -- »sie war die Kammerjungfer meiner

Mutter, der Gräfin Rottack, Mademoiselle Baulen -- ihren Namen hat sie

wenigstens nicht geändert, und ich erinnere mich noch recht gut der

Zeit, wo sie ihren Dienst quittiren mußte, weil meine Mutter erfuhr,

daß sie einen Sohn hatte -- von einer Tochter wußten wir nie ein Wort.«

»Und wie viele Jahre können das etwa sein?«

»Wie viele Jahre? -- Ich weiß es nicht -- die Zeit ist wie ein Rad über

mich hingegangen und hat mir das Gedächtniß zermalmt, daß ich kaum noch

denken kann.«

»Und ist Dir diese Frau Gräfin einmal begegnet?«

»Ja, aber ohne daß sie _mich_ gesehen; ich sah nur _sie_, und bis jetzt

hat sie noch keine Ahnung, daß ein Mensch in Brasilien ihr Geheimniß

kennt.«

»Und daß die Mutter ein falsches Spiel gespielt, hat, wie es scheint,

auch die Neigung zur Tochter in Dir ertödtet? -- Siehst Du, daß Du doch

selber auch noch an den alten Vorurtheilen hängst!«

»Vorurtheilen?« rief Felix rasch; »glaubst Du, daß ich _das_ Mädchen

weniger liebte, und wenn sie die Tochter eines Tagelöhners wäre? -- O,

mit welcher Seligkeit wollte ich für sie schaffen und arbeiten, im

Schweiße meines Angesichts mein Brod verdienen und glücklich sein, wenn

mich ein Lächeln ihrer lieben Augen lohnte. -- Aber die Betrügerin, die

mit der Mutter gemeinschaftlich einen Rang gestohlen, den Beide jetzt

nicht die Mittel haben zu behaupten, nur um nicht ehrlich zu arbeiten

-- nein, Günther, _so_ toll ist meine Liebe nicht, oder war sie nicht,

wenn ich sonst auch nicht in Allem für mich einstehen möchte. Aber Du

ahnst gar nicht, mit welcher Leidenschaft ich das Mädchen geliebt, wie

ich mein Leben mit Wonne hätte wegschleudern können, nur um ein Lächeln

aus diesen seelenvollen Augen zu gewinnen! Selbst das Gerücht, welches

mir zu Ohren kam, sie wolle sich dem faden Burschen verbinden, der in

ihr Haus gezogen, konnte mich nicht beirren -- ich glaubte es eben nicht,

denn eine Helene _konnte_ den nicht lieben! Wie ein böser Zauber zog es

mich dabei immer zu ihrem Hause zurück, und halbe Nächte lang habe ich

gelegen, ihr Fenster beobachtet, bis das Licht erlosch, und dann

geträumt -- geträumt...«

»Da -- eines Tages begegnete ich zufällig auf der Straße ihr und ihrer

Mutter -- Helene erkannte mich -- ich sah es an ihrem leichten Erröthen;

wenn sie auch noch nie ein Wort zu mir gesagt, meine alte Violine da

-- armes Ding, wie sie jetzt aussieht! -- hatte oft zu ihr gesprochen,

wie ich die Antwort verstanden, die mir zurück durch ihre Lieder kam

-- aber ich sah sie kaum -- mein Auge hing an der aufgeputzten Närrin,

die an ihrer Seite ganz im aufgeblasenen Gefühl ihrer Würde schritt und

den armen Colonisten, für den sie mich hielt, keines Blicks würdigte.«

»Aber war denn das auch gewiß ihre Mutter? -- Kann sie nicht eben so gut

mit einer Fremden gegangen sein?«

»Das glaubte ich auch und fragte Leute auf der Straße, die sie kannten:

das ist die Gräfin Baulen mit ihrer Tochter, die bald den Herrn von

Pulteleben heirathen wird -- so lautete die Antwort, die ich erhielt,

und als ich ihr Haus von da an wie ihr eigenes böses Gewissen umschlich,

sah ich sie wieder und wieder am Fenster und in ihrem Garten. Nein,

Freund, der Sache bin ich gewiß, und -- laß sie jetzt todt und begraben

sein -- ich _will_ nicht weiter an sie denken!«

Günther schüttelte mit dem Kopfe. -- »Und daß sich irgend ein dünkelhaftes

Frauenzimmer, von Stolz und Hochmuth oder aus sonst einem Beweggrunde

getrieben, einen höheren Rang anmaßt, als ihr gebührt -- was außerdem

Tausende von _Männern_ jeden Tag ungestraft thun --, dadurch läßt Du

Dich aus Deinem Leben reißen? Dem magst Du nicht begegnen und flüchtest

vor Dir selbst in eine Stellung, die _Dir_ eben so wenig gebührt, als

_ihr_ der Grafentitel? -- Felix, Felix, Du warst im Begriff in den

nämlichen Fehler zu fallen, den sie begangen hat, denn ich kann mir

kaum denken, daß Du unter Deinem eigenen Namen Knecht bei einem Bauer

geworden.«

»Du wirst mir doch nicht einreden wollen,« rief Felix, aber doch leicht

erröthend, »daß es nicht etwas ganz Anderes ist, wenn _ich_

incognito...«

»Bah,« unterbrach ihn Günther, »treibe keine Sophisterei! Große Herren

reisen incognito, um lästigen Empfangsfeierlichkeiten zu entgehen; wenn

_Du_ Dich aber Deines Namens unter solchen Verhältnissen begiebst, so

geschieht es, weil Du Dich Deiner neuen Thätigkeit _schämst_, und deshalb

allein nicht gekannt sein willst!«

»Günther!«

»Sei mir nicht böse, daß ich das Kind beim rechten Namen rufe; Du weißt

ja doch, daß ich es ehrlich mit Dir meine, und der Arzt muß mit der

schmerzenden Sonde in die Wunde fahren, wenn er im Stande sein soll sie

zu heilen. -- Hast Du nie nach Hause geschrieben?«

»Ich? -- ja,« sagte der junge Mann zögernd; »ich -- muß gestehen, daß

ich schwach genug war, mich nicht von allen Banden losreißen zu können,

die mich noch daheim fesseln -- an meine Schwester.«

»Merkwürdiger Mensch,« sagte Günther seufzend, »er schämt sich alles

Dessen, was gut und edel in ihm ist!«

»Und machst _Du_ mir einen Vorwurf daraus, daß ich mir ehrlich, mit

meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will?«

»Ich? Bei Gott nicht! Aber Du sollst Dir dafür eine Sphäre suchen, die

Deiner mehr würdig ist. Selbst der Handwerker setzt einen Stolz darein,

nicht als Tagelöhner zu dienen, weil er etwas Besseres versteht. Willst

Du Dich weniger als er dünken?«

»Und was anders _könnte_ ich ergreifen?« sagte der junge Graf finster;

»denn ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich, sobald ich meine

Sphäre verließ, zu der Überzeugung kam, daß ich weit weniger wisse als

ein Handwerker. Den Platz aber, welchen ich hier einnehme, fülle ich

aus, und mit dem festen Willen führ' ich's durch.«

»Und bist Du _gezwungen_ solche Arbeit zu thun? -- Fehlt es Dir hier an

Geld? -- Ich kann mit Leichtigkeit...«

»Bah,« lachte der junge Mann verächtlich, »ich habe Geld genug bei mir,

um drei solcher Bauern auszukaufen, wie der ist, bei dem ich jetzt um

Monatslohn arbeite. Nein, was mich hieher trieb, war der Ekel an dem

ganzen geselligen Treiben der Menschen, und vielleicht auch das Bewußtsein,

daß ich selber eigentlich zu Nichts nütze sei auf der Welt. -- Ich

wollte versuchen, ob ich nicht im Stande sei mich selber am Leben zu

erhalten und -- selbst _wenn_ ich einmal nach Deutschland zurückkehren

sollte, doch wenigstens das Gefühl mitzunehmen, _daß_ ich im Stande war

mich zu erhalten. Kannst Du mich deshalb tadeln?«

»Ich wahrhaftig nicht,« sagte Günther; »aber so weit wirst Du doch der

Vernunft Gehör geben, daß Du Dich nicht gerade darauf capricirst

Tagelöhner zu bleiben, wenn Du in einer andern, Dir mehr zusagenden

Laufbahn das nämliche Ziel mit den nämlichen Mitteln erreichen kannst?«

»Und welche wären das?«

»Höre mir zu, und in wenigen Worten mache ich Dir unsere beiderseitige

Stellung klar. Nach dem schleswig-holsteinischen Kriege wie viele meiner

Kameraden aus meiner Stellung geworfen, außerdem durch den Bankerott des

Hauses, in dem ich mein ganzes Vermögen liegen hatte, um Alles gebracht

was ich mein nannte, verließ ich Deutschland -- aber nicht mehr als

freier Mann -- ich liebte. -- Daheim lebt mir ein Wesen, dem mein Herz

gehört und das treu zu mir gehalten hat die lange, lange Zeit, während

ich hier für uns Beide arbeitete, unsere Zukunft zu sichern. _Jetzt_

habe ich mein Ziel erreicht -- vierzehn Tage höchstens noch, und meine

Arbeit ist hier vollendet; dann kehre ich nach Deutschland zurück, zu

meiner Braut, um das an ihrer Seite zu genießen, was ich mir hier, Gott

weiß es, mit Mühe, Arbeit und Entbehrungen genug zusammengespart und was

unser Beider Zukunft mit bescheidenen Ansprüchen sichert. Das Geschäft

eines Landvermessers ist aber in Brasilien ein lohnendes, wenn man es

eben ordentlich und geschickt angreift. Du hast, wie ich recht gut weiß,

alle die nöthigen Vorkenntnisse dazu, und willigst Du ein, so lehre ich

Dich in den wenigen Wochen auch den praktischen Betrieb so weit, daß Du

recht gut in meine Stelle treten kannst. Dieselbe Dir zu verschaffen,

laß meine Sorge sein, und Du hast dabei nicht etwa eine todte Anstellung,

die ihren Mann nährt, sondern mußt Dir, was Du bekommst, Vara bei Vara

durch schwere Arbeit verdienen. Nur die Plätze bekommst Du von der

Regierung angewiesen, wo Du vermessen sollst, in jeder andern Weise

bist Du Dein eigener Herr -- willigst Du ein?«

»Laß mir Zeit zur Überlegung, Günther,« sagte Felix überrascht, »Dein

Antrag kommt so plötzlich -- so unerwartet...«

»Hast Du hier noch Verbindlichkeiten?«

»Keine -- gestern war mein Monat abgelaufen, und wie ich Dir schon

vorher gesagt, überlegte ich mir eben, ob ich den neuen an dieser Stelle

antreten solle oder nicht.«

»Und Du gehst mit?«

»Du bist ein wunderlicher Dränger, Freund,« lächelte Felix, »daß Du Dich

so eifrig bemühst, Dir eine vielleicht fatale Last aufzubürden.«

»Wenn ich Dir aber nun versichere, daß ich vielleicht weit mehr Egoist

als irgend etwas Anderes bin, und Dir möglicher Weise den Vorschlag nur

gemacht habe, um mir selber aus einer Verlegenheit zu helfen?«

»So würde ich Dir nicht glauben.«

»Und doch ist dem so. Eigentlich bin ich der Regierung gegenüber noch

einige Verbindlichkeiten eingegangen, die Vermessungen in einer andern

Colonie zu beenden, und wenn ich mich auch davon losmachen könnte, würde

das doch immer mit Schwierigkeiten verbunden sein. Alles regulirt sich

aber mit der größten Leichtigkeit, wenn ich Dich als meinen Stellvertreter

zurücklassen kann, und während Du selber in eine vortheilhafte

Beschäftigung eintrittst, ist uns zu gleicher Zeit Beiden geholfen.

-- Komm mit!«

»Und hast Du die feste Überzeugung, Günther, daß ich im Stande bin, die

Stellung mit Ehren auszufüllen?«

»Ja -- ich würde Dir sonst nicht dazu rathen.«

»Topp dann,« rief Felix und schlug in die ihm dargebotene Hand des

Freundes -- »ich bin der Deine!«

»Und wann kannst Du fertig sein, mich zu begleiten?« fragte Günther.

»Mein Bündel ist in zwei Minuten geschnürt,« lächelte der junge Mann,

»und wenn ich von meinem bisherigen »Brodherrn« Abschied genommen habe,

bin ich fertig.«

»Desto besser; und nun zum Hause, daß wir das rasch besorgen, denn ich

möchte so bald als möglich in Santa Clara sein.«

»In Santa Clara?« rief Felix und sah rasch zu ihm auf; »willst Du

_dorthin_ zurück?«

»Fürchtest Du Dich vor dem Platz?« lachte Günther; »die Frau Gräfin hat

Dir doch am Ende imponirt.«

»Du hast Recht,« sagte Felix finster -- »wen hätte ich zu scheuen? Also

vorwärts zu einem neuen Leben -- was es auch bringen mag, es soll mich

vorbereitet finden!« -- Und seinen Hut vom Boden greifend und das lockige

Haar aus der Stirn werfend, schritt er dem Freunde voran dem Wohngebäude

zu, wo dasjenige, was sie zu thun hatten, allerdings rasch abgemacht war.

Nur darauf, daß sie noch bei ihm frühstücken sollten, bestand der

Brasilianer, und auf zwei frischen Pferden -- da Günther das an der

Mündung des Santa Clara geborgte von hier aus wieder zurückschickte

-- trabten sie bald darauf der Colonie zu.

Der Weg war ziemlich rauh, da sie einen der kleinen Höhenzüge zu passiren

hatten, und der Reitpfad steil den Hang hinanlief. Wo sich aber ein

kleines Thal oder eine Ebene bildete, lagen auch überall freundliche

Wohnungen mit blühenden Orangenhecken und breitblätterigen Bananen, von

Palmenwipfeln malerisch überragt, und mitten dazwischen, im Schatten der

Fruchtbäume und Palmen, kleine, freundliche, weißangestrichene Häuser

mit rothen Ziegeldächern und blanken Fenstern, durch die Sauberkeit

der ganzen Umgebung, den kleinen Garten, die Reben am Hause und die

schattige Laube deutlich die Wohnung _deutscher_ Colonisten verkündend.

Jetzt näherten sie sich der Colonie. Im Wege, der hier oben auf dem

Hügelrücken hin von anderen Colonien herüberführte, überholten sie

deutsche Fuhrwerke, die sich, von kräftigen Pferden gezogen, mühsam auf

der noch immer nicht ganz abgetrockneten Straße durcharbeiteten; auch

ein paar Maulthiere mit einem Sacke querüber und einem unverkennbar

deutschen Jungen oben drauf.

Hier am Wege trafen sie aber auch die Schneußen, die Günther bei seiner

Vermessung durch den Wald gehauen, und einer von diesen folgten sie jetzt,

indem sie dadurch nicht allein dem etwas zerfahrenen Wege auswichen,

sondern auch ein tüchtiges Stück nach der Colonie zu abschnitten.

In der Schneuße selber mußten sie allerdings hinter einander reiten;

bald aber erreichten sie wieder einen betretenen Weg, und hier hielt

Felix sein Pferd an und schaute zurück.

»Alle Wetter,« sagte er, »ich glaube wahrhaftig wir haben uns verirrt,

denn das hier kann doch nicht der Weg zur Colonie sein!«

»Ein Landmesser und verirren,« lachte Günther, »das wäre nicht übel!

-- Kennst Du den Platz hier nicht? -- Gleich dort drüben liegt die Chagra

jenes wunderlichen Menschen, jenes Meier, der sich wie ein Einsiedler in

seinem Hause vergraben hat, und das wahre Muster eines Maulwurfs sein

muß.«

»Ach richtig, jetzt erinnere ich mich wo wir sind -- aber warst Du nie

bei ihm?«

»Bei Meier? -- ich nie, obgleich ich sein Land sogar vermessen habe;

aber er ist nicht ein einziges Mal herausgekommen, um sich die Gränzen

anzusehen, und ich selber hatte weder Zeit noch Lust dazu, mich ihm

aufzudrängen...«

Günther schwieg und sah die Straße hinauf, die nach dem erwähnten Hause

führte; auch Felix wandte den Kopf dorthin, ja selbst die Thiere spitzten

die Ohren und schauten nach jener Richtung, denn wildklappernde Hufschläge

wurden laut, und im nächsten Moment flog ein reiterloses Pferd, von einem

andern, auf dem sich der bügellose Reiter noch krampfhaft festhielt,

dicht gefolgt, wie ein Sturmwind an ihnen vorüber, daß sie kaum Zeit

behielten, auszuweichen.

»Ein paar durchgegangene Pferde,« rief Günther, der Mühe hatte, das

eigene Thier vom Folgen abzuhalten -- »ruhig, Alter, mußt Du denn auch

alle Dummheiten mitmachen?«

»Das war der junge Baulen,« sagte Felix, ohne auf den Freund weiter

zu achten -- »und da kommt noch ein Thier -- bei Gott, und mit seiner

Reiterin!« Und noch während er sprach, sprang er aus dem Sattel, sein

Pferd vollkommen rücksichtslos sich selber überlassend.

Er hatte Recht; mit vorgestrecktem Kopf und schnaubenden Nüstern folgte

der Schimmel den vorangeeilten Kameraden, und mit flatternden Haaren,

das Antlitz marmorbleich, aber keine Spur von Furcht verrathend, saß

Helene auf seinem Rücken, und klammerte sich an dem Sattel fest, während

das eine Ende des zerrissenen Zügels den Hals des Pferdes peitschte.

»Hab' Acht, Felix,« schrie Günther, der mit Besorgniß sah, wie sich der

Freund dem wild heranbrausenden Thiere entgegenwarf -- »Du kannst es

nicht halten!«

Aber Felix hörte ihn nicht. Der Weg war hier eng, denn das Dickicht an

beiden Seiten mit ein paar aus der Bahn geschobenen umgestürzten Bäumen

hemmte ihn ein; das durchgehende Pferd _konnte_ nicht ausweichen. Als

es aber die mitten im Wege wartende Gestalt des Menschen erblickte,

parirte es plötzlich und bäumte in die Höhe. In demselben Moment griff

des Unerschrockenen linke Hand in sein Gebiß, und während es zur Seite

schreckte, verlor Helene das Gleichgewicht und stürzte in Felix' linken

Arm. Allerdings konnte er ihren Fall nicht hindern, denn das Pferd,

welches er nicht losließ, riß ihn zur Seite, aber er brach doch die

Schwere des Sturzes, so daß das junge Mädchen mehr zu Boden glitt als

fiel, und Felix jetzt nur den Schimmel von ihr zurückdrängte, damit sie

nicht durch dessen Hufe beschädigt würde.

Aber die Aufregung war zu viel für sie gewesen. So stark und besonnen

sie sich bis dahin, trotz des zerrissenen Zügels, im Sattel gehalten

hatte, vergingen ihr jetzt die Sinne, und als der ebenfalls abgestiegene

Günther hinzusprang, um wo möglich noch Hülfe zu leisten, lag sie

ohnmächtig vor ihm im Wege.

Das Ganze war natürlich das Werk nur weniger Secunden gewesen, und noch

war Felix mit dem nicht so leicht beruhigten Schimmel beschäftigt, um

ihn aus dem Wege zu halten, als Günther schon die ohnmächtige Jungfrau

aufgehoben hatte und sie in seinen Armen hielt.

»Und was nun?« rief er halb verlegen, halb lachend; »das ist eine

vortreffliche Situation für ein paar Junggesellen! Was fangen wir mit

der Ohnmächtigen an? -- Hier können wir sie doch nicht liegen lassen!«

Der Schimmel stand endlich; er schnaubte zwar noch und warf den Kopf

herüber und hinüber, aber die Gefahr war vorbei, und er wußte, daß er

sich wieder in der Gewalt seiner Herren befand. Felix führte ihn ruhig

heran und sagte:

»Meier's Haus ist ja, wie Du sagst, dicht bei -- da drüben kann ich sogar

die Pinie erkennen, die in der Ecke seiner Umzäunung steht -- trage die

junge Dame dorthin, indessen ich hier den Zügel des Pferdes wieder in

Ordnung bringe. In dem Hause findet sie auch weibliche Hülfe und kann

später, wenn sie sich erholt hat, in die Colonie zurückkehren.«

»Aber sie werden mich nicht einlassen.«

»Klopf' nur an die Thür; einem solchen Unfall kann der alte Misanthrop

sein Haus nicht verschließen!« -- Und ohne sich weiter um die Bewußtlose

zu kümmern, ja, ohne sie anzusehen, schritt er, den Schimmel noch immer

am Gebiß haltend, zu Günther's Pferd, dessen Zaum sein Reiter über einen

Ast geworfen hatte, löste den Lasso, der um dessen Hals befestigt war,

mit der rechten Hand, und sicherte sich dann den Schimmel, indem er das

andere Ende durch den Ring seines unter dem Zaum sitzenden Halfters zog.

Günther war indessen, weil er selber keinen besseren Rath wußte, mit

seiner schönen Bürde Meier's Chagra zugeschritten. An der Gartenthür

angelangt, hörte er Stimmen im Garten, und mit dem Fuße gegen das Holzwerk

tretend, bat er, ihm zu öffnen, da er eine ohnmächtige Dame trage, die

Hülfe verlange. Zuerst antwortete Niemand; dann aber auf seine wiederholte

Bitte rief eine weibliche Stimme von innen: »Gleich, gleich!« -- Der

Riegel wurde zurückgeschoben, die Thür ging auf, und Günther sah sich im

nächsten Augenblick Könnern und Elisen gegenüber.

Graf Felix indessen, ohne sich weiter darum zu kümmern was aus der

jungen Dame wurde, befestigte den Schimmel mit dem Lasso an eine der

jungen Palmen, knüpfte den Zügel wieder fest, daß er wenigstens den Ritt

hinunter hielt, und schritt dann, da ihm sein eigenes Pferd ebenfalls

davon- und den anderen nachgelaufen war, zu Fuß in die Colonie hinab.

Eine Viertelstunde mochte er wohl den Platz verlassen haben, als eine

klägliche Gestalt denselben Weg herabgehinkt kam, den vorher die Pferde

genommen hatten. Es war Herr von Pulteleben, sein Gesicht blutig und

mit einigen Rissen, die Dorn oder Stein darauf zurückgelassen, seinen

Rock beschmutzt und zerfetzt, und das Gewicht seines Körpers einzig und

allein seinem rechten Beine vertrauend.

Er hielt einen Augenblick, als er zu der Stelle kam wo der Schimmel

angebunden stand, und schüttelte den Kopf. Er mochte sich wohl nicht

recht erklären können, wie der hierher gekommen, und wo die Reiterin

geblieben; aber er schien auch nicht in der Stimmung, sich lange bei

Vermuthungen aufzuhalten, denn in diesem Zustande konnte er doch

Niemandem seine Hülfe anbieten -- er sah zu unanständig aus, und mit

einem Seufzer seine unteren Kleidungsstücke betrachtend, setzte er sehr

betrübt seinen Weg nach der Colonie fort.

8.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band. · 第 3 / 7 题