Eine gar eigenthümliche Scenerie bildet das Land, das sich zwischen dem
Meeresstrande und den nächsten bewaldeten Hügeln ausdehnt. Zuerst und
nächst dem unmittelbaren hartgepeitschten Strande liegen flache, durch
einander gewühlte und gewehte Haufen lockern, hellen Sandes. Je weiter
man sich aber vom Meere entfernt, desto höher werden diese, da ihnen
fortwährend mit der scharfen Seebrise neue Deckung zugetragen wird, bis
sie endlich in ihrer dritten Reihe zu wirklichen Hügeln anschwellen, und
hier und da einen kleinen, mit hartgrünem Laube bedeckten Busch auf
ihrer Kuppe tragen. Dazwischen zeigt sich dann und wann eine kleine,
dürftige Lagune mit einem Versuche zu Grasboden rings umher.
Hinter _diesen_ Hügeln beginnt, freilich immer noch dürftig, die
Vegetation, denn der Sand ist ein schlechter Dünger, und nur einzelne
angewehte Pflanzenfasern schufen mit der Zeit eine Art von Humus, dessen
Schößlinge sich noch schüchtern und verkümmert über die nackten Hänge
ziehen. -- Hier erscheinen die ersten Büsche, die an dem Westhange der
Hügel schon entschiedener auftreten und anfangen _Schatten_ zu geben.
Noch weiter hin liegt eine lange Reihe zwar niedriger, aber besonders am
Westhange dicht bestandener Hügel, deren Boden zwar noch ausschließlich,
wenigstens an der Oberfläche, aus weißem Sande besteht, doch schon an
ein tragfähiges, mit der üppigsten Vegetation bedecktes Thal anstößt, in
dem ein schmaler Bach lustig dahinfließt, und von da an verändert sich
auch der Boden und mischt sich mit einem röthlich gelben Lehm von oft
bedeutender Fruchtbarkeit. Wirkliches Gestein, Porphyr und Granit, tritt
aber erst in der nächsten Hügelreihe auf, wo oben der erste Gebirgszug
beginnt, und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß vor Tausenden von
Jahren dort die See brandete und erst nach und nach, mehr und mehr Sand
herauswerfend, für sich selber einen breiten Damm aufbaute, der ihre
Gränzen jetzt lange Strecken weit zurückverlegt.
Erst dort, wo der Lehmboden beginnt, lassen sich natürlich die Colonisten
nieder, denn erst auf solchem Boden können sie hoffen, ihrer Arbeit
einen Lohn abzuringen. Der reine Sand giebt nur jenen kleinen, trockenen
Büschen und sonderbarer Weise auch einer niedern, wilden Dattelpalme
(die #Putia#-Palme) Nahrung, die kaum mehr als acht oder zehn Fuß hoch
wird, ja oft so niedrig ist, daß man die nicht unangenehm schmeckenden
Früchte mit der Hand erreichen kann.
Doch die dürre, sandige Wüste lag jetzt hinter dem Reiter. Schon
berührten die Hufe seines Thieres wieder den festen Grasboden; ein
kleines Dickicht von lorbeerartigen Bäumen und Palmen lag noch zwischen
ihm und der Ansiedelung, und jetzt lichtete sich dieses; ein freier
Weidegrund wurde sichtbar, auf dem sich etwa ein Dutzend tüchtiger
Pferde umhertummelten, und gleich darauf konnte er von der kleinen
Erhöhung, die er hier erreicht, die kaum noch dreihundert Schritt
entfernten Gebäude der Chagra liegen sehen.
Hier schon standen einzelne fruchttragende Orangenbäume, die
wahrscheinlich früher einmal eine jetzt abgebrochene Hütte beschattet
hatten. Als er hinanritt, um sich ein paar davon nach dem scharfen
Ritt zu pflücken, bemerkte er eine menschliche Gestalt, die unter einem
der Bäume saß und sich mit dem Rücken an den Stamm desselben lehnte.
Günther würde nicht weiter auf den Mann geachtet haben, denn daß sich
die Brasilianer Morgens unter einen Baum legen und solcher Art ihre
Tagesarbeit beginnen, ist gerade nichts Seltenes; er hielt aber ein bei
den Brasilianern sehr außergewöhnliches Instrument, eine Violine, in der
Hand, und mußte schon deshalb ein Landsmann sein, obgleich Günther nicht
gleich herausbekommen konnte, zu welcher Classe derselben er gehören
mochte -- wenigstens war er nicht wie ein Bauer gekleidet und hätte als
solcher hier auch wahrlich nicht den schönen Morgen müßig verträumt.
Als Günther sein Pferd aber unter den Baum lenkte, unter welchem der
Träumer lag, hob dieser den Kopf empor und sah den Fremden lange und
starr an.
Es war ein edles, von einem leicht gekräusten schwarzen Barte
beschattetes Gesicht, aus dem Günther ein Paar große dunkle Augen
wie fragend entgegen leuchteten, und fast unheimlich traf ihn der
schwermüthige Schein derselben. Das Gesicht, so weit es der volle Bart
erkennen ließ, hatte auch kaum einen deutschen Schnitt; trotzdem grüßte
Günther in seiner Muttersprache und sagte freundlich: »Guten Morgen,
Landsmann! Ich hoffe, ich habe nicht gestört; wollte mir nur ein paar
Orangen pflücken, da ich heute schon eine gute Zeit im Sattel bin.«
Der Fremde wandte noch immer kein Auge von ihm und sein Blick haftete
stier und ernst auf Günther's Zügen. Eben so wenig erwiederte er den
Gruß, und als Günther schon glaubte, er habe sich in der Abstammung des
wunderlichen Menschen doch geirrt, und statt des geglaubten Deutschen
irgend einen Portugiesen oder Brasilianer vor sich, sagte der Fremde
mit leiser, aber deutlicher Stimme. »Günther von Schwartzau! -- Wie das
Schicksal doch die Menschen wunderlich umherwirft, auseinander reißt und
wieder zusammenführt -- Günther von Schwartzau! Ich hätte nie geglaubt,
daß ich Dir je in _Brasilien_ begegnen würde!«
Günther schaute den Fremden in sprachlosem Erstaunen an, denn nicht
allein kannte er seinen Namen, sondern redete ihn auch mit _Du_ an, und
trotzdem waren ihm _seine_ Züge vollkommen fremd -- oder deckte nur der
Bart vielleicht das Gesicht eines Freundes? Dem Fremden aber konnte das
Erstaunen Günther's nicht entgehen, und tief aufseufzend fuhr er mit
wehmüthigem Lächeln fort:
»Ja, Du hast Recht -- ich bin nicht allein alt, ich bin Dir auch fremd
geworden; meine Züge hat die Zeit gefurcht, und der sonst jugendlich
frische Felix ist wenigstens innerlich zum Greise zusammengetrocknet.
-- Felix -- überhaupt ein ominöser Name für einen Erdenbewohner, und
Eltern sollten es sich vorher wohl überlegen, ehe sie einen Knaben
#felix# nennten.«
»Felix?« rief Günther überrascht vom Pferde springend und zu dem
Sprecher tretend -- »Felix? Beim ewigen Gott, Felix von Rottack
-- Mensch -- Bruder -- wie kommst Du hieher und was treibst Du hier?«
Und mit den Worten hatte er den Freund gefaßt, umschlungen und geküßt
und warf sich neben ihn in's Gras, seine Hand haltend und in das jetzt
freundlich auf ihm haftende Auge schauend.
»Viele Fragen auf einmal, Freund,« sagte dieser, traurig den Kopf
schüttelnd, »und ich weiß kaum, ob ich eine einzige zur Genüge
beantworten kann. _Wie_ ich hieher komme, ist außerdem eine lange
Geschichte und möchte Dich ermüden, wenn Du sie von Anfang an hören
solltest -- seit wie viel Jahren bist Du von Deutschland fort?«
»Seit sechsen fast, und mit dem Entschlusse, in kurzer Zeit dahin
zurückzukehren.«
»Seit sechs Jahren -- ja, sie fliegen, und doch zählen wir oft die
_Stunden_ -- thörichte Menschenkinder die wir sind! Seit sechs Jahren
-- das ist freilich eine lange Zeit, und was sich indessen mit _mir_
begeben, hast Du nie gehört? -- doch um eine lange Sache kurz zu machen,
so bist Du vielleicht einmal zufällig in den Zeitungen einem Artikel
begegnet, nach dem eine sehr hochstehende Person von einem -- Wahnsinnigen
angefallen und mißhandelt worden -- errinnerst Du Dich nicht?«
»Doch -- dunkel,« sagte Günther, »aber wenn ich nicht irre, waren keine
Namen genannt.«
»Natürlich,« lachte Felix bitter vor sich hin, »wenn ich ein Handwerker
und mein sehr ehrenwerther und hochstehender Onkel ein Gewürzkrämer oder
etwas Derartiges gewesen wäre, hättest Du Dich darauf verlassen können,
die vollen Namen in den Blättern zu lesen, aber in der #haute volée# mußte
man einen Skandal vermeiden; die Demokraten hatten außerdem Ärgerniß genug
durch eine Reihe von Aufzählungen skandalöser Geschichten aus diesen
bevorzugten Kreisen gegeben. -- Genug, der Schuft, mein sehr hochstehender
Herr Onkel, verweigerte mir die von ihm geforderte Satisfaction, und als
ich ihm bald darauf einmal auf der Straße begegnete -- doch das sind alte,
lang überlebte Geschichten. Natürlich _mußte_ ich wahnsinnig sein, um
Hand an einen solchen Ehrenmann zu legen, und -- Tod und Teufel -- sie
glaubten, daß eine Cur in einer Privat-Irrenanstalt von den segenreichsten
Folgen für mich sein würde.«
»Sie wagten doch nicht?« rief Günther erschreckt.
»Was?« sagte der Fremde ruhig, »mich einzusperren? -- Dabei war nicht
viel zu wagen. Der Fürst selber gab den Befehl, denn mein guter Onkel
hatte ja in _seinem_ Namen gehandelt, um -- eine Scheußlichkeit für
_ihn_ auszuführen. Ich wurde allerdings in Sicherheit gebracht, aber
Geld, lieber Freund, regiert die Welt. Ich wiederholte einfach ein
altes, schon oft versuchtes und gelungenes Spiel, nahm meinen Wärter mit
und wanderte aus.«
»Verbannt aus der Heimath?« rief Günther traurig.
»Nicht so ganz,« sagte der Fremde ruhig »der alte Schuft, mein Onkel,
starb bald darauf; meine Familie verwandte sich natürlich für mich, und
ich wurde aufgefordert nach Hause zurückzukehren -- aber weshalb? -- Dem
widerlichen Treiben dort von Neuem zuzuschauen? Von Neuem eine Faust
in der Tasche zu ballen und ewig und ewig Zeuge zu sein, wie elendes
Geschmeiß, das kein Verdienst weiter hat, als seinen Rücken zur rechten
Zeit krümmen zu können, über den Nacken des Volkes schreitet und den
Ehrenmann zu Boden tritt? -- Nein, geh' mir mit Deutschland -- glaubst
Du, daß ich je wieder Freude an den Miniaturkämpfen unserer Kammern
haben, je wieder mit ruhigem Gewissen um des Kaisers Bart streiten
könnte, während der faule Kaiser selber unten in seinem Berge liegt
und träumt? Ich komme mir vor wie ein Thier der Wildniß, das im Käfig
aufgezogen wurde und keine Ahnung, keine Erinnerung von der Freiheit
hatte, zu der es geboren wurde, bis es der Zufall einst hinaus in die
Steppe wirft. Glaubst Du, daß es zurückkehren wird, weil es zu faul ist
sich sein Futter selbst zu suchen? -- Nein, beim ewigen Gott! Wenn ich
je nach Deutschland zurückkehren sollte, müßte ich auch wissen für was,
aber mich _allein_ wieder dort in der Öde der Gesellschaft herumtreiben
-- nie!«
»Und was treibst Du _hier_?«
»Was ich treibe? -- weiß ich's doch selber nicht. Will ich aufrichtig
sein, so habe ich hier einfach vegetirt und ein Leben geführt, wie es
bei uns daheim nur eben Vagabunden oder -- Künstler führen. Aber ich
will mich bessern -- ich habe hier schon den Anfang gemacht -- und werde
jetzt sehn, ob Graf Felix von Rottack nicht im Stande ist, sein Brod als
Bauer eben so gut zu verdienen, wie einer der Bauernlümmel, die daheim
zwischen Mistgabeln und Dreschflegeln groß geworden!«