Der Ritt am Strande

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Die Colonie.

Brasilianisches Lebensbild

von

Friedrich Gerstäcker.

Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.

Zweiter Band.

Leipzig,

_Hermann Costenoble_

1864.

Inhalts-Verzeichniss.

Seite

_Erstes Kapitel._

Künstler 7

_Zweites Kapitel._

Die Maniok-Mühle 43

_Drittes Kapitel._

Auf Santa Catharina 61

_Viertes Kapitel._

Der neue Director 93

_Fünftes Kapitel._

Die Cigarren-Fabrik 125

_Sechstes Kapitel._

Der Ritt am Strande 149

_Siebentes Kapitel._

Die Begegnung 169

_Achtes Kapitel._

Ein Vielliebchen 201

_Neuntes Kapitel._

Sarno's Abschied 227

_Zehntes Kapitel_

Bux & Comp. 244

_Elftes Kapitel._

Könnern und Elise 277

_Zwölftes Kapitel._

Verschiedene Interessen 298

1.

Künstler.

Director Sarno hatte in diesen Tagen so außerordentlich viel zu thun

gehabt, daß er sich mit seinem Gaste gar nicht oder doch nur sehr wenig

beschäftigen konnte. Alles drängte auf ihn ein -- Alles wollte von ihm

Hülfe, Rath, Lebensmittel, Colonien, Ackergeräthe und tausend andere

Dinge, die er unmöglich Jedem schaffen konnte, und doch that er was

in seinen Kräften stand, um vor allen Dingen wenigstens die Familien

unterzubringen.

Schwartzau war indessen sehr fleißig gewesen und hatte einen ziemlich

bedeutenden Landstrich vermessen, auf dem ein großer Theil der

erstgekommenen Colonisten untergebracht werden konnte. Aber das half

immer noch nicht für den ersten Augenblick, wenn sich jetzt auch

wenigstens ein Ende absehen ließ. Die neuen Colonisten mußten damit

beginnen, in den ihnen bezeichneten Gränzen einen Fleck »klar« zu

machen, um ihr Wohnhaus darauf zu setzen, blieben aber in der Zeit,

bis das geschehen, noch immer auf ihr Nachtquartier in der Colonie

angewiesen, wobei ihnen das Hin- und Herwandern noch sehr viel Zeit

fortnahm.

Die meisten der Emigranten bedurften dabei für ihren nächsten

Lebensunterhalt der ihnen versprochenen Subsidiengelder, d. h. einer

Unterstützung, die ihnen der Staat gab und die sie nur verpflichtet

waren, nach einem Zeitraume von fünf Jahren zinsfrei zurückzuzahlen.

Aber was kümmerten sich die Leute jetzt um das, was man ihnen etwa nach

fünf Jahren wieder abverlangen könne! Ihnen gehörte nur der Augenblick,

und was sie deshalb an solchen Unterstützungen aus dem Director

herauspressen konnten, hielten sie Alles für rein gewonnen und geschenkt,

wie sie es ebenfalls dem Director zur Last legten, wenn er so viel als

möglich mit den Geldern zurückhielt. Er gönnte es ihnen nur nicht,

meinten sie, und wolle es vielleicht gar für sich behalten. Daß er sie

selber davon zurückzuhalten wünschte, zu viele Schulden zu machen, fiel

ihnen gar nicht ein.

Director Sarno hatte den Kopf in der That zum Zerspringen voll, und

Könnern, der mit seinen eigenen Hoffnungen und Plänen ebenfalls reichlich

beschäftigt war, ging ihm schon so viel als möglich selber aus dem Wege.

Als er aber gefunden, daß mit der Jagd in der Nachbarschaft wenig oder

gar Nichts zu machen war, hatte er seine Mappe wieder vorgenommen, und

vor allen Dingen einen passenden Platz an den nächsten Hängen gesucht,

von wo er einen Überblick über die Colonie bekam.

Daß er dabei Meier's kleine, freundliche Plantage besonders im Auge

hatte, mochte er sich im Anfange selber nicht recht gestehen, aber es

ließ sich auch nicht lange mehr sogar vor sich selber verläugnen, denn

um _den_ Platz her suchte er den ganzen Wald ab, nur um einen Punkt zu

finden, von wo er einen Überblick in das Thal gewann, und war endlich

glücklich genug, einen vorspringenden Felsen an einem der Bergabhänge

aufzufinden, von dem aus er Meier's Besitzthum gerade überschaute,

während weiter zur Linken die Colonie Santa Clara mit ihren lichten

Gebäuden und rothen Dächern, mit den gelben, schmalen Wegen und dunkeln

Fruchtbaum- und Gebüschgruppen ein ganz freundliches und auch wirklich

malerisches Bild zeigte.

Allerdings waren ihm hier noch ein paar Palmen und Baumwipfel im Wege,

welche zum Theil die ungestörte freie Aussicht verdeckten, aber auch das

ließ sich mit geringer Arbeit beseitigen. Selber im Gebrauche der Axt

tüchtig eingeübt, stieg er am nächsten Morgen wieder mit einem solchen

Werkzeuge zu seinem Waldes-Atelier hinauf, markirte sich die im Weg

stehenden Stämme und ging dann scharf an die Arbeit, um sich freie Bahn

zu schaffen. Noch vor Dunkelwerden war das auch geschehen und die kleine

Felsplatte da oben jetzt so weit freigelegt, daß er am nächsten Morgen

seine Arbeit, von keinem Hindernisse mehr gestört, beginnen konnte.

Etwa um zehn Uhr Morgens stieg er, seine Mappe auf dem Rücken, seinen

Stock in der Hand und ein kleines Beil im Gürtel, auf einem schmalen,

zum Theil selber ausgehauenen Stege bergan, und fast unbewußt nickte

er, als er den offenen Platz erreichte und das untere Thal mit seinen

bewaldeten Seitenhängen vor sich liegen sah, freundlich nach der Stelle

hinüber, wo Meier's Chagra lag -- hatte sein Blick sie doch schon lange,

selbst durch die Büsche hin, gesucht!

So schaute er denn still und schweigend dort hinüber und sein Auge

haftete unverwandt auf dem Einen Punkte. Endlich, wie mit Gewalt die

Gedanken zurückdrängend, schüttelte er sich das wirre Haar aus der Stirn

und wollte sich eben nach dem schon ausgesuchten Platze wenden, um seine

Arbeit zu beginnen, als sein Blick auf eine dort ausgestreckte

menschliche Gestalt fiel.

Es war ein Mann in, wie es schien, anständiger Kleidung, der hier auf

der Brust, das Gesicht im Grase und den einen Arm lang ausgestreckt,

regungslos lag. -- War er todt? -- Wirres, schwarzes Haar hing ihm um

die Schläfe, daß sich die Züge nicht erkennen ließen -- und die eine

Hand -- Könnern blickte überrascht zu der Gestalt zurück, denn die Hand

war zart und weiß, als ob sie einem Mädchen gehöre. -- Die Mappe und

seinen Stock jetzt in das Gras legend, bog er sich zu dem vor ihm

Ausgestreckten nieder, um zu sehen, ob noch Leben in dem Körper

sei. Kaum berührte aber seine Hand die Schulter desselben, als der

vermeintliche Todte den Kopf hob, Könnern anstarrte und sich dann

langsam aufrichtete.

»Fehlt Ihnen Etwas?« fragte Könnern, als er die dunkeln Augen eines

jungen Mannes auf sich haften sah.

»Nein« -- lautete die Antwort -- »ich war nur müde -- gedankenmüde

geworden, und hatte mir die heiße Stirn ein Wenig kühlen wollen. Haben

_Sie_ den Platz hier ausgehauen, daß man den freien Blick über da unten

gewinnt?«

»Ja,« sagte Könnern, den Fremden noch immer halb erstaunt betrachtend,

denn er konnte aus der eigenthümlichen Erscheinung desselben nicht recht

klug werden. -- »Ich glaube, der Punkt hier eignet sich vortrefflich

dazu, um von hier aus die Colonie und ihre nächste Umgebung aufzunehmen.«

»Vortrefflich,« erwiederte der Fremde, sich mit der Hand über die Stirn

fahrend, »Sie sind Maler? Aber dort hinüber fehlt Ihnen noch ein kleiner

Theil. -- Sehen Sie da durch den Wipfel jener dünnen Palme das helle Haus

mit dem kleinen Erker oben drauf? Wollten Sie Santa Clara zeichnen und

_das_ Haus verdecken?«

Könnern wußte nicht recht, was er aus dem Benehmen des Fremden machen

sollte. Dieser aber, ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr fort:

»Ach, wie ich sehe haben Sie ein kleines Beil bei sich, damit geht es

besser als mit meinem Messer, mit dem ich schon versucht habe die Palme

zu fällen. -- Geben Sie mir das Beil -- ich mache Ihnen Raum.«

Der junge Maler mochte dem so eigenthümlich gestellten Verlangen nicht

entgegentreten, und während der Fremde mit ordentlicher Hast nach dem

Beile griff und die wenigen Schritte den Hang hinabkletterte, folgte er

ihm, damit die junge Palme nicht falsch geworfen würde und ihm vielleicht

einen andern wichtigen Punkt verdecke. Er traute dem Fremden eben nicht

viel praktische Erfahrung im Baumfällen zu.

Dieser hackte unerbittlich auf den schlanken Stamm los, und Könnern

sah zu seinem Erstaunen, daß er wirklich schon mit dem Messer tiefe

Einschnitte in die Rinde gemacht, die Arbeit aber endlich als eine zu

mühsame aufgegeben hatte.

Als die Schläge den Baum trafen, fielen die schweren Tropfen, die der

Nachtthau darauf geworfen, von den Blättern nieder. Der Fremde hielt

ein, stützte sich mit dem linken Arm gegen den Stamm und sagte traurig:

»Der Mensch ist doch eigentlich ein recht grausames Geschöpf und

vernichtet, wohin sein Fuß nur tritt, wohin er die Hand nur ausstreckt,

erbarmungslos was ihm im Wege steht. -- Sehen Sie, wie der armen Palme

die Thränen von den Wimpern fallen. So jung und schon sterben -- so

schön und in der Blüthe ihrer Jahre zu Boden geworfen werden -- zu

Boden, zwischen Gras und Lianen, die sie in wenigen Monaten bedecken

und umranken werden. -- Aber was kann's helfen,« setzte er nach einigen

Secunden rasch und fast wild hinzu, indem er das Beil wieder aufgriff

-- »weshalb soll der Baum gerade leben und im Sonnenlichte seine Arme

dem Glücke entgegenbreiten? Fort mit dir, Bursche, du stehst Anderen im

Wege! was nutzen uns deine Thränen, dein Herzblut wollen wir haben; in

dein Mark hinein wollen wir dringen, und wer der Bitte nicht nachgiebt,

ei, den zwingt zuletzt die Gewalt!« -- und mit raschen, schlecht gezielten

Schlägen hackte er wieder auf die junge Palme ein, aus der er aber doch

Spahn auf Spahn heraushieb, bis sich endlich der schwere Wipfel langsam

zu neigen begann und der Baum in das Gewirr von niederen Büschen und

Ranken hineinsank.

»Da liege und träume,« sagte der wunderliche Fremde -- »und du bist

immer noch glücklich dabei,« flüsterte er, von Könnern ungehört, dazu,

»denn du stirbst _ihret_wegen!«

Einen Augenblick stand er und schaute sinnend auf den gefällten Baum,

dann aber, wie seine Gedanken gewaltsam abschüttelnd, sprang er empor,

schwang das Beil in der Luft und rief:

»So, mein lieber Herr Maler, das letzte Hinderniß ist beseitigt, nun

können Sie ungestört an Ihre Arbeit gehen!«

Könnern hatte dem sonderbaren Wesen und Treiben des Mannes schweigend

zugesehen, und zerbrach sich dabei den Kopf, wer der Fremde wohl

eigentlich sein und was er treiben könne, denn der Anzug gab, wie er

recht gut wußte, in den Colonien nur selten den Maßstab für den Mann

selber. Die feinen, fast zarten Hände verriethen, daß er noch nie

eigentlich schwere Arbeit gethan, und die Ungeschicklichkeit, mit

welcher er den jungen Baum fällte, bezeugte das ebenfalls. -- Was

trieb er denn, um seinen Platz hier in der Colonie auszufüllen?

Der Fremde aber ließ ihm nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen und

schien sonderbarer Weise selber das größte Interesse an der Malerei zu

nehmen. Er drängte wenigstens zum Beginne derselben und half bereitwillig

Alles verrichten, was Könnern seine Arbeit erleichtern konnte.

Dann, als der junge Mann seine Mappe öffnete und seine Arbeit wirklich

in Angriff nahm, streckte er sich neben ihm auf dem moosbewachsenen

Steine aus und schaute in tiefem Sinnen lange auf die vor ihnen

ausgebreitete, wahrhaft wundervolle Landschaft.

Könnern, vollständig mit seiner Arbeit beschäftigt, hatte seine Nähe

schon fast ganz vergessen und entwarf rasch und mit kecken Strichen die

Umrisse des kleinen, freundlichen Bildes, als der junge Mann an seiner

Seite plötzlich mit leiser Stimme fragte:

»Glauben Sie an Träume?« Er hob dabei das bleiche, ausdrucksvolle

Antlitz zu dem Maler und schaute ihn mit den dunkeln Augen scharf und

forschend an.

»Nein,« lächelte Könnern, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu

lassen. Er zeichnete gerade Meier's Haus, das eigentlich den Vordergrund

zu der Skizze bilden sollte, und wieder und wieder flog sein Blick

hinüber.

»Ich dachte es mir,« erwiederte ruhig der Frager und ließ den Kopf

wieder sinken -- »die wenigsten Menschen glauben an Träume, und doch

sind sie nur zu oft das Spiegelbild unserer Seele, von der wir allein

auf diese Weise Etwas zu sehen bekommen können.«

»Das wäre ein eigenthümliches Spiegelbild,« lachte Könnern kopfschüttelnd,

»das mir Etwas zeigt, an das meine Seele das ganze Jahr nicht gedacht hat.

Ist man denn im Stande das zu träumen, was man sich ersehnt? -- nie! Wir

mögen unsern Geist den ganzen Tag mit festem und entschiedenem Willen auf

einem Punkte festhalten bis zum Schlafengehen, ja, bis sich die müden

Augen schließen, und Zehn gegen Eins, der Traum springt mit uns nach

irgend einer andern Gegend hinüber, und bringt uns die verwirrtesten,

fremdesten Bilder -- aber nie das Verlangte.«

»Aber der Geist hat mit dem Traume auch gar Nichts zu thun,« sagte der

Fremde, »sonst allerdings wäre er von diesem abhängig und müßte ihm auf

seinen Bahnen folgen. Nur mit der Seele harmonirt der Traum, und im

Gedächtnisse hat er seine besonderen Kammern, seine eigenen Örtlichkeiten,

Scenen und Handlungen, in die er den Geist nur zu Zeiten einläßt und in

denen dieser wohl hin- und herwandern, aber sie nicht festhalten darf.«

Könnern sah überrascht von seiner Arbeit zu dem Redenden nieder, der,

scheinbar ohne auf ihn Acht zu haben, mehr mit sich selber als zu ihm

sprach. Der Kopf wirbelte ihm dabei, wenn er den tollen Gedanken folgen

wollte, und er sagte endlich kopfschüttelnd:

»Aber wie kommen Sie auf solche Ideen, und was haben wir hier überhaupt

mit einem Traum zu thun? Liegt nicht die Wirklichkeit um uns her so

wunderbar schön -- viel schöner, als sie uns ein wirrer Traumgarten

bieten könnte?«

»Ach, ich träume immer so schwer!« sagte der Mann mit einem recht aus

tiefster Brust herausgeholten Seufzer, indem er mit der flachen Hand seine

Stirn preßte -- »und wenn ich dann aufwache -- aber Sie haben Recht,«

brach er kurz ab. »Zum Orkus mit den Träumen! Wir wollen uns lieber mit

der Wirklichkeit beschäftigen, die uns ja auch nur wie ein Märchentraum

umgiebt. -- Sehen Sie hier, da hat sich der dünne grüne Stiel mühsam aus

der engen Felsspalte herausgearbeitet, nur um ein einziges riesengroßes

Blatt zu treiben, und da der Cactus -- sehen Sie den Cactus an -- sind

Sie wohl im Stande, sich eine vegetabilische Katze zu denken? -- Das ist

eine. -- Sehen Sie, wie jener Cactus auf den vom Sturme geworfenen jungen

Stamm gesprungen ist und sich daran festgeklammert hat. Die Wurzel des

armen Baumes hängt noch zum Theil im Boden und er hätte daraus Jahre lang

seine Nahrung ziehen und seine Schößlinge nach oben treiben können -- wie

es mancher arme, umgeworfene Baum thun muß -- aber nein, der Cactus sprang

auf ihn; sehen Sie, wie er ihn überall mit seinen gegliederten Armen

umspannt und preßt, und da aus der Wunde, in die er sich eingebohrt, hat

er ihm den Lebenssaft langsam, aber sicher ausgesogen. Es ist merkwürdig,

daß wir selbst in dem Leben der Pflanzenwelt so häufig sprechende

Ähnlichkeiten mit den Charakteren, mit dem ganzen Treiben unserer

Menschenwelt finden -- wenn wir nur eben ein Auge dafür haben -- und

ich glaube fast, ich kenne einen ganz ähnlichen Cactus und« -- setzte er

langsamer und wie scheu hinzu -- »kenne auch den todten Baum, dem er das

Herzblut ausgetrunken.«

Könnern war mit dem Auge dem ausgestreckten Arme seines neuen Bekannten

gefolgt, und er mußte sich gestehen, daß der Vergleich ihm selber

merkwürdig treffend schien. Der junge Baum war umgeweht, und der darauf

gewachsene Schmarotzer-Cactus sah wirklich so aus, als ob er den Stamm

gierig und fest umklammert hielt, einem Raubthiere gleich, das sich auf

ein gestürztes Stück Wild geworfen.

»Und da drüben,« fuhr der Fremde fort -- »sehen Sie den schlanken

Laubholzstamm, neben dem der aus seiner Wurzel aufsteigende Schoß wie

der Sohn neben dem Vater steht? Haben Sie schon darauf geachtet, wie

starr die Äste des Alten nach allen Seiten sich ausstrecken, nur nach

der nicht, wo sein junger Auswuchs keimt? Rechts und links davon zweigt

er aus, daß keiner seiner Arme den schlanken Wuchs des Knaben stört,

aber er schützt ihn dabei von beiden Seiten und mit dem eigenen Leibe

gegen den Südsturm, der nicht selten diese Hänge fegt. -- Und dort die

Rebe, die sich an den Baum schmiegt und von ihm genährt, getragen und

gehalten wird -- es ist nicht das Bild der Liebe, wie es auf den ersten

Blick erscheinen möchte -- es ist der _falsche Freund_, der den Umgarnten

hält und in seiner treulosen Umarmung endlich erstickt. -- Aber ich halte

Sie von Ihrer Arbeit ab,« unterbrach er sich wieder -- »das war mein

Wille nicht. -- Lieber Gott, es ist doch eigentlich recht traurig, daß

ich immer und immer wieder nur allen Menschen im Wege sein muß!« -- Er

warf sich bei diesen Worten auf den Stein nieder, lehnte die Stirn auf

seinen Arm und lag viele Minuten still und regungslos.

Könnern zerbrach sich noch immer den Kopf, was er aus seiner neuen

Bekanntschaft machen solle, denn manchmal kam es ihm so vor, als ob er es

mit einem halb Wahnsinnigen zu thun habe, und dann auch wieder verwarf

er den Gedanken und hielt den Fremden nur für einen Unglücklichen, der,

in seinen Hoffnungen und Erwartungen getäuscht, Bitterkeit gegen das

ganze Menschengeschlecht im Herzen trage, diesem Gefühle aber auf seine

eigene barocke Weise Raum gebe. Es that ihm aber auch wieder leid, daß

sich der Fremde seinetwegen Vorwürfe machen solle, und er sagte

freundlich:

»Machen Sie sich deshalb keine Sorge. Sie sind _mir_ nicht im Geringsten

im Wege und stören mich gar nicht. Im Gegentheil, es ist ganz angenehm,

bei der Arbeit Jemanden zu haben, mit dem man plaudern kann, und in der

Colonie habe ich bis jetzt leider noch Wenige getroffen, mit denen es

der Mühe lohnte.«

Der Fremde richtete sich langsam auf, strich sich die Haare aus dem

Gesicht und sagte dann: »Ich danke Ihnen; Sie sind wenigstens nachsichtig

mit meinem Geschwätz. Aber ich will Ihre Geduld auch nicht mißbrauchen

-- vielleicht vertreibe ich Ihnen die Zeit auf eine andere Weise« -- und

mit den Worten selbst trat er in das nächste Gebüsch, und Könnern sah zu

seinem Erstaunen, wie er von dort eine Violine nahm und sie stimmte.

»Sie sind Musiker?« fragte er.

»Musikant -- ja,« lachte der Fremde bitter vor sich hin -- »ich darf

den Bauern zum Tanz aufspielen und den Jungen die Griffe lehren und mir

die Ohren zerreißen lassen, wenn sie mit den dicken, gefühllosen Fingern

auf allen Saiten zugleich herumtappen« -- und damit strich er wild in

die Saiten, bis sich sein Ärger in den Tönen des eigenen Instrumentes

milderte, und er zu einem weichen, meisterhaft gespielten Adagio

einlenkte.

Könnern lauschte entzückt dem Spiele des Fremden, und als dieser endlich

innehielt und sein Instrument in tiefen Gedanken neben sich auf den

Boden stemmte, sagte er freundlich:

»Sie sind mehr als Musikant, mein lieber Freund, und wie Sie sich auch

hier Ihr Brod verdienen müssen, Ihr Spiel verräth den Künstler.«

»Künstler,« lachte der Fremde und warf sich die Haare wieder aus der

Stirn -- »es ist ein wunderlicher Name, und ich habe mir schon oft den

Kopf darüber zerbrochen, weshalb man derartige Leute _Künstler_ nennt

-- doch wohl nur deshalb, weil sie sich mit einem solchen Instrumente

nur höchst künstlich am Leben erhalten und vor dem Verhungern schützen

können. Künstler -- der Name hat etwas Vogelfreies in der Bedeutung,

selbst in dem Doppelsinn des Wortes -- eine wunderliche Brüderschaft

mit ihren Auswüchsen von Seiltänzern, Taschenspielern und Bänkelsängern.

-- Man sagt, das Handwerk habe einen goldenen Boden, und was hat die

Kunst? -- Einen vergoldeten Deckel, und darunter liegt Jammer und Elend,

Hunger und Noth -- Neid und Bosheit. -- Wenn ich einen Knaben hätte, er

müßte mir ein Handwerk erlernen, und wenn er das geringste Talent zu

einer sogenannten »Kunst« verriethe, drehte ich ihm mit kaltem Blute

selber den Hals um.«

»Und doch sitzen hier oben auf dem einen alten Felsblocke zwei lebendige

Wesen, die der nämlichen vogelfreien Gilde angehören,« lachte Könnern.

»So treffen sich die Menschen in der Welt,« sagte der Fremde leise,

»wandern eine kurze Strecke eine und dieselbe Bahn und trennen sich

wieder, um an verschiedenen Orten ihr eigenes Grab aufzusuchen

-- wunderliches Leben das!« -- und wieder sein Instrument aufnehmend,

überließ er sich ganz seinen wilden Phantasien. Könnern unterbrach ihn

auch nicht darin und zeichnete fleißig weiter, bis er die erste Anlage

seiner Skizze vollständig beendet hatte und aufstand, um seine Mappe zu

schließen.

»Sind Sie fertig?« fragte der Violinspieler und sprang ebenfalls auf.

»Noch nicht, aber doch mit der Anlage. Wie finden Sie die Skizze?«

Der Fremde warf einen flüchtigen Blick darüber hin, und dann die vor

ihnen ausgebreitete Gegend mit dem Auge überfliegend, sagte er, wieder

zu der Zeichnung zurückdeutend: »Da liegt die Palme, die wir erst gefällt,

und gleich darüber, in die Blüthenbüsche hineingeschmiegt -- doch fort,

was kümmern _mich_ die Leute, und daß ich immer dorthin zurück muß, kann

ich's ändern? -- Ha, da ist das Directions-Gebäude und die Kirche, wo die

Bauern Sonntags ihre Gesangbuchsverse abbrüllen und das Andacht nennen.

Dahinter liegt der kleine, dunkelgrüne Hügel -- da das Schulhaus, wo hinein

sie _mich_ bannen wollten, wenn ich nicht eben vogel_frei_ gewesen, und

hier im Vordergrunde die Höhle des alten Mannes mit den weißen Haaren,

der vollkommen Recht hat, daß er die Menschen haßt und scheut, und nur

dabei vergißt, daß er ein anderes, junges Leben ebenfalls in seiner

Gruft vergräbt.«

»Sie kennen den alten Meier?« fragte Könnern rasch.

»Ich kenne ihn,« sagte der Fremde ruhig, »und habe ihn manchmal gesehen,

wie man den Panther sieht, wenn man durch den Wald streift -- wie einen

Lichtschein durch die Büsche, und fort! Aber das ist keine Natur die

_mir_ zusagt, ich hasse Vögel im Bauer, und nur draußen in der Freiheit

-- da -- da sehen Sie dort?!« unterbrach er sich rasch und deutete mit

ausgestrecktem Arm in die Ansiedelung hinab, »sehen Sie, wie der Schimmel

dort unten durch die Straßen fliegt? -- sehen Sie, wie die Locken der

Amazone wehen, wie ihr Auge blitzt, wie die Wangen vom scharfen Ritt

geröthet sind und die kleine Hand das Thier unter sich doch immer zu

noch schärferer, wilderer Flucht antreibt? -- Ach, _das_ ist Musik, wenn

das muthige Roß den Boden mit den Hufen schlägt -- das ist Musik, wenn

ihr fröhliches Lachen durch die Seele dringt und die Brust mit Wonne und

Jubel füllt! Das Andere, was _wir_ Musik nennen,« setzte er langsamer

und finster hinzu, »ist nur eine Art von musikalischem Lärm -- ein

Mißton in der Harmonie der Natur -- gehen Sie mir mit solcher Musik!«

Und ohne eine weitere Antwort des jungen Malers abzuwarten, ja, ohne ihn

weiter zu beachten oder Abschied von ihm zu nehmen, stieg er mit seiner

Geige mitten in das Dickicht hinein, um sich seinen Weg nach der

Ansiedelung hinab direct zu bahnen.

Könnern, der anfangs dem ausgestreckten Arme des Fremden mit dem Blicke

gefolgt war, hatte in der von hier aus ziemlich fern gelegenen Colonie

nur eben drei Reiter erkennen können, die in voller Flucht die breite

Hauptstraße hinabsprengten. Einer von diesen ritt einen Schimmel, weiter

ließ sich aber natürlich auf solche Entfernung Nichts erkennen.

Jetzt sah er erstaunt und kopfschüttelnd seinem neuen Bekannten nach,

der ihn auf so rasche und schroffe Art verließ. Aber nicht gesonnen sich

ihm aufzudrängen, wenn er sich auch fest vornahm, unten in der Colonie

nähere Erkundigungen über ihn einzuziehen, packte er sein Zeichenbuch

ebenfalls zusammen und stieg langsam auf dem von ihm selber ausgehauenen

Weg in die Colonie zurück. --

* * * * *

In der einen Querstraße Santa Clara's, am westlichsten Ende der

Ansiedelung, wo sich der bebaute Platz schon nach den Bergen hin zu

heben begann, stand ein kleines, ziemlich ärmlich aussehendes Häuschen

mit drei Fenstern und einer Thür und unter dem Ziegeldache eine

Bodenkammer.

Ärmliche Häuser gab es nun zwar in Santa Clara genug, aber die meisten

sahen doch wenigstens reinlich aus, und wenn sie auch keinen Reichthum

verriethen, zeigten sie doch fast alle das Streben der Insassen nach

einer gewissen Wohnlichkeit, die sich auch durch das einfachste Material

herstellen läßt, wenn nur eben Alles sauber und in Stand gehalten wird.

Es bedarf nicht immer künstlich zugehauener Steine und werthvoller

Hölzer; ein Topf weiße Farbe und ein Scheuerlappen verrichten oft

vortreffliche Dienste, nur muß der gute Wille und das Gefühl dafür

vorhanden sein.

Hier schien das Alles zu fehlen. Der weiße Anputz des Hauses war lange

von Wind und Wetter heruntergewaschen, die Fensterscheiben waren an

vielen Stellen zerbrochen und an der Wetterseite mit Papier nothdürftig

verklebt. Das Staket des kleinen Gartens, in dem nur Unkraut groß gezogen

wurde, lag an mehreren Stellen niedergebrochen; im Dache fehlte hier und

da ein Ziegel, und der Regen ward durch untergeschobene Spähne an solchen

Stellen nothdürftig abgehalten, sich seinen Weg in's Innere zu bahnen.

Eben so sah es vor dem Hause selber aus. Wo fast alle anderen Ansiedler

gar nicht schwer zu erlangende Steinplatten gelegt, die wenigstens einen

trockenen und reinlichen Eingang in den Hausflur bildeten, hatte der

Besitzer dieses Hauses bequemer zu erreichendes Material verwandt und

nur einige Körbe voll Spähne, die das Feuerholz geliefert, oben auf

den weichen Lehm geschüttet und nach und nach hineintreten lassen oder

selber hineingetreten. Aber diese waren nicht einmal erneuert worden und

dadurch Stellen entstanden, die man bei nasser Witterung nur mit größter

Vorsicht passiren konnte.

Nichts desto weniger prangte über der Thür ein mächtig großes Schild, das

fast die Hälfte der Hausbreite einnahm und den Raum zwischen Thürsims

und Dach vollständig ausfüllte. Auf diesem standen mit in die Augen

springenden Buchstaben die Worte:

BEKLEIDUNGS-AKADEMIE VON JUSTUS KERNBEUTEL,

KLEIDERKÜNSTLER FÜR HERRN, UND ZIMMERMALER.

Justus Kernbeutel selber saß auch unter seinem Schilde an einem der

offenen Fenster auf seinem Zuschneidetische und hatte ein Paar alte

breitgestreifte Hosen vor sich auf dem Schooße, auf die er eben in

Ermangelung eines ähnlichen Stoffes einen violet carrirten Flicken

setzte, während in dem andern Zimmer auf einem Heerd, der eine ganze

Sammlung von schmutzigen und zerbrochenen Töpfen trug, eine zu der

ganzen Umgebung vortrefflich passende Frau das Mittagsmahl bereitete.

Meister Kernbeutel oder »Justus«, wie er in der Ansiedelung gewöhnlich

glattweg genannt wurde, schien übrigens seiner Arbeit nicht zu eifrig

obzuliegen, denn er ließ oft die Nadel ruhen, um etwa Vorübergehenden

nachzusehen oder dann und wann auch Einen oder den Andern anzurufen. In

ein ordentliches Gespräch ließ sich aber Niemand mit ihm ein, denn Jeder

hatte seine bestimmte Beschäftigung, und daß Justus keine zu haben schien,

kümmerte die Anderen eben nicht.

Justus sah übrigens auch gar nicht so einladend aus, das Haar hing ihm

noch wirr um Kopf und Schläfe, als ob er sich an dem Morgen -- etwas

sehr Wahrscheinliches -- noch nicht einmal gewaschen hätte, und ein paar

blutige Striemen in dem von Leidenschaften gefurchten und unrasirten

Gesichte dienten ebenfalls nicht dazu ihn zu verschönern.

Sein Humor schien aber dafür desto besser; er pfiff fortwährend bei

der Arbeit, aber ob aus eigener fröhlicher Laune oder vielleicht die

Vorübergehenden und die Nachbarn wissen zu lassen, daß er sich den

Henker um Einen von ihnen scheere, ließ sich nicht genau erkennen. Es

kümmerte sich auch Niemand darum.

Da kam ein einzelner Fußgänger langsam die Straße herauf. Er hatte die

Mütze, mit einem Tressenbande darum, schief und herausfordernd auf dem

linken Ohr, beide Hände in den Taschen einer alten Militärhose, die Weste

um einen Knopf zu hoch eingeknöpft und den blauen Leinwandrock fleckig

und an der Schulter eingerissen, außerdem aber eine kurze, schmutzige

Porzellan-Pfeife im Munde und einen roth und grünen Tabaksbeutel vorn im

Knopfloch hangen.

Wie er dem Hause gegenüber war, blieb er stehen und las das Schild,

besah sich dann aufmerksam den im Fenster sitzenden Eigenthümer, ging

ohne Weiteres zu ihm hinüber, lehnte beide Arme auf das Fensterbret und

sagte:

»Guten Morgen, Schneider, wie geht's?«

Es giebt in der Welt eine Physiognomik, die wie die Freimaurerei ihre

gewissen Zeichen unter sich hat, und nach der sich verwandte Charaktere

oft wie durch eine Art von Instinct zu erkennen scheinen. Im Guten wie

im Bösen zeigt sich das, und wie sich ein braver, rechtlicher Mann von

dem offenen und ehrlichen Auge eines oft ganz Fremden angezogen fühlt,

so kann der Lump oder Verbrecher gerade das offene und ehrliche Auge nicht

leiden, fühlt sich aber augenblicklich heimisch, wo er die Gewißheit

findet das zu treffen, was er selber zu seinem eigenen Wohlbehagen

braucht: Genossenschaft im Laster und ein schlechtes Gewissen. Zu dem

Ersten müßte er aufblicken, das ist ihm unbequem -- zu dem Andern sagt

er Du -- wenn auch nicht immer gleich wörtlich, doch immer gleich im

Geiste, und _die_ Gesellschaft ist ihm gerade recht.

»Guten Morgen, Schneider, wie geht's?« redete auch deshalb der Fremde

den am Fenster sitzenden Justus an, als ob sie seit Jahren Freunde

gewesen wären, und nicht erst heute oder gestern erfahren hätten, daß

sie gegenseitig auf der Welt wären -- »immer so fleißig?«

»Muß ja wohl,« lautete die für jetzt noch ausweichende Antwort des

Arbeitenden, dem der Fremde zu rasch gekommen war, um sich gleich in ihn

hinein zu finden; »wohl erst neulich angekommen?«

»Mit dem Schiff -- ja. Hübsch hier in Brasilien, wie?«

»Wem's gefällt, ja,« lautete die Antwort; »aber Donnerwetter, wie ist

mir denn? Das Gesicht sollt' ich doch kennen -- bist _Du_ denn nicht der

Bursche, Kamerad, den die vornehme Gesellschaft da neulich beim Bier

hinausfuhrwerkte? Hast wohl noch keine Zeit gehabt, Dir den Rock wieder

zu flicken?«

»Hm,« brummte der Fremde, dem die Erwähnung jener Scene eben nicht

besonders angenehm zu sein schien; »wenn zehn Lümmel über Einen

herfallen -- hübsche Gastfreundschaft hier bei Euch, das muß wahr sein;

und Du hast vielleicht auch mit angefaßt?«

»Doch nicht,« sagte Justus kopfschüttelnd -- hol' sie der Teufel, die

Canaillen, mir sind sie eben so wenig grün, und ich hab' gerade eine

solche Kreide gegen sie.«

»Oho?« lachte der Fremde, der dadurch neues Vertrauen faßte -- »aber was

hilft's? Viele Hunde sind des Hasen Tod, und wenn die Meute zusammenhält,

wer kann dagegen?«

»Deshalb muß man warten, bis man sie einmal auseinander trifft, und

nachher seine Zeit wahren -- aber wo kommst _Du_ her?«

»Vom Rhein,« sagte der mit der Tressenmütze.

»Und was hast Du für ein Geschäft oder Handwerk?«

»Keins von Beiden,« brummte der Bursche, sich bequem mit dem Kinn auf

seine beiden Arme lehnend.

»Schafskopf!« sagte auf einmal eine deutliche Stimme dicht hinter dem

Schneider, der sich rasch und erschreckt umsah und die Nadel fallen ließ,

als er keinen Menschen hinter sich erblickte.

»Nanu?« rief er ordentlich bestürzt aus und fuhr auf seinem Stuhle herum

-- »da hätt' ich denn doch darauf schwören wollen, daß Jemand dicht hinter

mir schimpfte. Hast _Du_ Nichts gehört?«

»Ich?« sagte der Fremde gleichgültig -- »gar Nichts. Was war's denn?«

»Na, das ist aber doch merkwürdig,« meinte der Schneider kopfschüttelnd

-- »ich habe ganz deutlich gehört, wie Jemand sagte...«

»Schafskopf!« ertönte die Stimme noch einmal, und der Mann fuhr von

seinem Tische herunter, als ob er auf glühendem Eisen gesessen hätte.

Jetzt hielt sich aber auch der Fremde vor dem Fenster nicht länger und

schlug ein so gellendes Gelächter auf, daß Justus sich erstaunt und halb

gereizt nach ihm umsah. Der mit der Tresse aber, noch immer lachend,

während er sich mit beiden Händen an dem Fensterbret hielt, rief:

»Beruhige Dich nur, tapferer Kamerad -- beruhige Dich nur; es ist nicht

der Geist irgend eines verschnittenen Tuchrockes, der zu Dir gesprochen,

sondern...«

»Ich war's ja selber,« rief wieder eine feine Stimme aus der

entferntesten Ecke vor.

»Ja, was beim hellen Teufel!« fluchte Justus -- »Halunke Du, bist Du denn

ein Bauchredner?«

Der mit der Tresse lachte noch immer, daß ihm die Thränen von den

schmutzigen Backen herunter liefen, und Justus, sich wieder auf seinen

Tisch setzend, fuhr jetzt selber lachend fort:

»Verfluchter Kerl! Habe wahrhaftig einen ordentlichen Schreck gekriegt.

Aber komm herein, Kamerad; die Alte wird das Essen gleich fertig haben,

und wenn Du nicht vielleicht beim Director eingeladen bist...«

»Ein recht vergnügtes und sauberes Pärchen, das muß wahr sein,« unterbrach

in diesem Augenblick eine Stimme von der Straße die Unterhaltung der

Beiden, und als sie rasch den Kopf danach drehten, ging eben Jeremias

mit einem Bündel junger Pfirsichbäume auf der Schulter, die er draußen

aus irgend einer Chagra geholt, die Straße hinab.

»_Dich_ kümmert's wohl, Du verbrannter Halunke!« rief ihm der Schneider

zu, dem beim Anblick seines Feindes die Galle rasch wieder überlief.

»Lauf', mein Junge, lauf', sie kommen!« rief in dem Momente eine Stimme

dicht hinter Jeremias, und dieser drehte rasch und verwundert den Kopf

der leeren Stelle zu.

»Lauf', mein Bursche, lauf'! Sie kommen wahrhaftig!« drängte es auf's

Neue, und Jeremias, der noch immer keinen Menschen sah, wurde es doch

jetzt unheimlich. Er dachte gar nicht mehr an den Schneider und dessen

Gesellschaft, sondern schritt schärfer aus, und als jetzt gar eine

Stimme an seiner Seite laut wurde, die rief:

»Halt still, Bursche, halt still! Ich muß eins von Deinen Ohren haben!«

fing er herzhaft an zu laufen, und stand, von dem jubelnden, wiehernden

Gelächter der Beiden verfolgt, nicht eher still, als bis er wieder in

die eigentliche Straße und zwischen mehrere Häuser kam.

Justus Kernbeutel war aber jetzt rein außer sich vor lauter Vergnügen,

seinen ärgsten Feind -- denn er haßte den fleißigen und sparsamen Jeremias

wie Gift -- so angeführt und gejagt zu sehen, und der mit der Tresse

mußte, er mochte wollen oder nicht, mit zu ihm in's Haus hinein, um an

der eben aufgetragenen Mahlzeit Theil zu nehmen.

Er fand allerdings nicht viel Appetitliches da vor, denn des Justus'

»Haushälterin« paßte zu demselben, und sie dachte nicht daran, wegen so

eines Gastes auch noch Umstände zu machen. Das Tischtuch -- ein alter

Baumwollenlappen -- sah aus, als ob es eine Zeit lang zum Fußteppich

vor der Hausthür gedient hätte, und war mit Fett übergossen, die irdene

Schüssel nur inwendig ein wenig ausgewischt, und die blechernen Löffel

trugen noch die Erinnerung an die letzte Mahlzeit. Der mit der Tresse

war aber ebenfalls nicht verwöhnt, und es ist sogar möglich, daß er

sich vor einem reinen, weißen Tischtuch unbehaglicher gefühlt hätte,

als gerade hier. Jetzt fühlte er sich gleich daheim, wischte sich ohne

Umstände seinen Löffel an dem nächsten Zipfel des Tischtuches -- wenn

auch nicht rein, doch trocken, und langte dann tapfer mit in die mitten

auf dem Tisch stehende Schüssel hinein, in der eine ziemlich reichliche

Mahlzeit von klein geschnittenen Kartoffeln und Fleischstücken aufgetragen

stand. Während des Essens wurde nicht viel gesprochen.

»Wie heißt Du denn eigentlich?« fragte der Schneider seinen Gast.

»Bux,« sagte der Mann kauend.

»Kurz genug ist der Name,« lachte der Wirth -- »und der Vorname?«

»Hab' keinen.«

»Hast keinen Vornamen? Aber Du mußt doch getauft sein?«

»Möglich; aber schon als Junge wurde ich von meinen Alten nur immer Bux

genannt und dabei blieb's. Um Weiteres hab' ich mich nimmer erkundigt,

interessirte mich nicht.«

»Und die Polizei daheim ließ sich das auch gefallen?«

»Bah, was wollte sie machen?« lachte der Bursche -- »eine Weile

fuhrwerkten sie mich per Schub im Lande herum, um zu erfahren wo ich

zu Hause sei, und meine Dokumente zu bekommen. Nachher fanden sie sich

drein, und Bux hieß ich und blieb ich.«

Die Frau trug das Essen wieder hinaus, als Alle fertig waren, ohne auch

nur eine Silbe zu sprechen -- nicht einmal guten Tag hatte sie geboten,

als sie in's Zimmer kam. Wie sie den schmutzigen Fetzen vom Tische riß

und damit verschwand, sagte Bux, hinter ihr her deutend:

»Scheint heute nicht besonderer Laune, das schöne Geschlecht.«

»Hausdrache,« meinte Justus lakonisch, »aber -- was ich Dich fragen

wollte, kennst Du den Lump, der da vorüber ging?«

»Den ich so hübsch auf den Trab brachte?« fragte Bux, indem er seine

kurze Pfeife zwischen die Zähne nahm, und aus dem roth und grünen Beutel

stopfte.

Der Schneider nickte und fuhr dann leise fort:

»Das ist der nichtswürdigste Halunke, der im ganzen Ort herumläuft, und

hat dabei« -- er warf einen Blick zurück, ob die Frau nicht im Zimmer sei

-- »ganze Säcke voll Silber im Walde vergraben.«

»Der?« sagte Bux, und hielt erstaunt mit Feuerschlagen inne -- »sieht

aber wahrhaftig nicht danach aus.«

»Und doch ist's wahr,« betätigte Justus; »der Lump ist mit allen Hunden

gehetzt, verdient Geld Hand über Hand und giebt nicht einen Pfennig

davon aus. Was er aber zusammenscharrt, steckt er in einen alten Sack

und gräbt's irgendwo draußen ein, wo es der Teufel selber nicht finden

kann.«

»Hm,« sagte Bux, indem er den dicken Qualm aus seiner Pfeife blies und

Justus dabei gerade in's Gesicht starrte -- »das wäre ein Fund für einen

ehrlichen Kerl, wenn man einmal über ein solches Nest stolperte!«

»Ja, hat sich was!« brummte der Schneider -- »an unser Einen kommt so 'was

nicht -- hol's der Böse, ich hab' einmal kein Glück!«

»Zu viel Glück in der Liebe!« lachte Bux, und Justus murmelte einen

gotteslästerlichen Fluch vor sich in den Bart, während der mit der

Tresse weiter dampfte. Beide blieben auch jetzt eine Weile mit ihren

eigenen Gedanken beschäftigt. Endlich nahm Bux das Gespräch wieder auf.

»Sollte er wirklich so dumm sein, es draußen im Walde verscharrt zu

haben?«

»Und warum dumm? Sollt' er's lieber Jemandem borgen?«

»Uns Beiden etwa?« lachte Bux.

»Draußen liegt's, das ist sicher,« fuhr Justus fort, ohne auf den

harmlosen Scherz einzugehen, »und ich -- habe auch eine entfernte

Ahnung, wo, aber allein ist mit dem Schuft Nichts zu machen. Er hat

Kräfte wie ein Bär, und ich möchte ihm nicht einzeln in der Gegend in

den Weg laufen.«

»Und muß er dabei sein? Wenn nun einmal irgend Jemand wo nach Trüffeln

gräbt?« fragte der Andere jetzt lauernd, denn sein neuer Kamerad schien

mehr zu wissen, als er anfangs selber gedacht. Justus war aber noch

nicht recht mit sich im Klaren, denn die Bekanntschaft mochte ihm doch

wohl noch zu neu erscheinen, um gleich eine so große Vertraulichkeit zu

rechtfertigen. Der mit der Tresse hatte ihn dabei viel zu rasch beim

Wort genommen, und Justus, ob er nun wirklich Nichts weiter wußte, oder

sich noch erst einmal ein derartiges Compagnongeschäft reiflicher

überlegen wollte, hielt zurück und gab ausweichende Antworten.

Bux dachte ebenfalls nicht daran, ihn zu drängen, und nur erst auf die

Spur gebracht, brauchte er vielleicht nicht einmal den Schneider zu

seiner weiteren Hülfe -- er hatte schon andere Dinge möglich gemacht.

»Bleibst Du in Santa Clara?« fragte ihn Justus jetzt.

»Vor der Hand, ja -- muß erst wieder frisches Reisegeld haben, um ein

Wenig im Lande herumzufahren; nachher lass' ich mich nieder, kaufe mir

ein paar Dutzend Mohren und werde Pflanzer.«

»Du giebst wohl Vorstellungen?« fragte der Schneider.

»Wollen sehn was zu machen ist, und ob die Leute Geld haben. Sie werden's

doch nicht _Alle_ im Wald verscharren?«

»Ne, schwerlich,« lachte Justus -- »ich wenigstens nicht.«

»Na, denn adjes, Kamerad, für jetzt -- bin gerade dabei, ein Bißchen im

Orte umher zu horchen, wie die Sache am Besten anzufangen ist. Wer

könnte Einem denn da wohl die bequemste Auskunft geben?«

»Hm,« sagte Justus nachdenkend -- »der Pfarrer.«

»Hahahaha,« lachte Bux, »da käm' ich gerade an die rechte Schmiede -- »ne,

Kamerad, mit dem _Pfarrer_ hat mein Geschäft oder meine Kunst, wenn Du

willst, Nichts zu thun.«

»Gut, da geh _nicht_ hin,« brummte Justus beleidigt -- »wenn Du mir aber

folgen willst, gehst Du gerade zum Pfarrer, und um Gotteswillen nicht zum

Director, denn mit dem wär's Nichts. Der Pfarrer ist aber ein kreuzfideles

Haus, ein Pastor, wie er im Buche steht, der seinen Spaß mitmacht, und

auch bei Gelegenheit einmal über die Schnur haut.«

»Und bist Du wirklich im Ernst?« fragte der mit der Tresse, noch immer

zweifelhaft.

»Gewiß bin ich,« sagte Justus ernsthaft; »versuch's nur einmal -- er

beißt nicht.«

»Gott straf' mich, dann geh' ich zum Pfarrer!« lachte Bux laut auf

-- »und wenn's nur des Spaßes wegen wäre, daß der und ich einmal in einem

Joche ziehen. Also auf Wiedersehen, Kamerad!« Damit drückte er seinem neu

gefundenen Freunde die Hand, rückte seine Mütze wieder auf ein Ohr und

schlenderte langsam in die Stadt zurück.

2.

Die Maniok-Mühle.

Etwa zwölf Legoas die Küste abwärts und eine volle Legoa in den Wald

hinein lag eine große, trefflich gehaltene und bestellte Chagra oder

Plantage, mit weiten Mais-, Bohnen- und besonders Maniokfeldern[1],

in welchen letzteren eine Anzahl Neger beschäftigt war, die großen,

schweren Wurzeln auszugraben oder, wo das ging, aus dem Boden zu ziehen

und auf Haufen zu werfen, während sie die holzigen Büsche ebenfalls

zusammen schleppten, um sie zu verbrennen.

[Fußnote 1: Die Maniok-Wurzel ist eine der Kartoffel nicht unähnliche

Knolle, welche mit Bohnen und Schweinefleisch das Haupt-Nahrungsmittel

der Brasilianer bildet. Sie wächst, als Wurzel eines Strauches, aber

nicht rund, sondern lang, nur _unter_ der Erde und oft bis zu Armesdicke,

mit einer dünnen, braunen Schale, wie die Kartoffel. Sonderbarer Weise

ist sie giftig, wenigstens der Saft derselben, und sie muß deshalb

zerrieben und ausgepreßt werden, wonach man das dadurch erhaltene grobe

Mehl dörrt und zu den Speisen verwendet. Eine ganz ähnliche Wurzel wie

die Maniok, und in Strauch und Knolle kaum von ihr zu unterscheiden, ist

die besonders in Peru und Ecuador angepflanzte Yuka, welche aber _kein_

Gift enthält und häufig geröstet gegessen wird.]

Dicht an den Feldern und in einem wirklichen Walde von Orangenbäumen

lagen die Häuser des Eigenthümers mit den Negerwohnungen, ohne Anspruch

auf Symmetrie nach allen Richtungen und Winkeln angebaut.

Jedenfalls war es eine sehr bedeutende und umfangreiche Plantage, aber

die Wohnungen verriethen das trotzdem nicht, denn etwas Einfacheres als

ihre Bauart und Einrichtung ließ sich nicht wohl denken oder herstellen.

Die Gebäude selber waren aus Holz und Lehm ausgeführt, mit Schindeln und

Schilf gedeckt, und wohl mit Fensterlöchern versehen, aber natürlich ohne

Rahmen und Glas. Selbst der Boden war nicht gedielt, sogar nicht einmal

in der Wohnstube des Besitzers; die Luft konnte überall frei aus und

ein, und wenn sich einmal der Morgen oder Abend außergewöhnlich frisch

zeigen sollte, so wurde nur ein großer Brazero, ein Messingkohlenbecken

mit Holzkohlen, mitten in's Zimmer gesetzt, und wer gerade darin war,

kauerte darum her.

Eben so einfach wie das ganze Haus waren die Möbel, welche allein aus

schlicht gehobeltem Holze bestanden, und statt der Betten dienten auf

ein Gestell scharf angespannte Kuhhäute, auf denen ein paar wollene

Decken und ein mit wilder Baumwolle ausgestopftes Kopfkissen lagen.

Unter _jedem_ Bett aber standen ein Paar Pantoffeln für etwa eintreffende

Fremde, denn es scheint fast, als ob sich ein Brasilianer keine Existenz

außer in Pantoffeln denken könnte. Er trägt dieselben nicht allein im

Hause, sondern auch auf seinen Spaziergängen, ja selbst auf Reisen,

und Brasilianer in Schlapppantoffeln zu Pferde sind gar nicht etwas so

Seltenes. So viel ist gewiß, so wie er ein Dampfboot betritt, zieht er

augenblicklich die ihm lästigen Schuhe aus und seine ihm weit bequemeren

Pantoffeln an, selbst wenn die übrigens rein gewaschenen Socken oft an

den Hacken sehr bedenkliche Löcher zeigen.

Für Bequemlichkeit hat deshalb der brasilianische Pflanzer wohl einen

Sinn, für Wohnlichkeit oder Häuslichkeit aber gewiß nicht, und er

verwendet sein Geld viel lieber auf ein mit schwerem Silber überladenes

Reitzeug oder Pferdegeschirr, als auf den Platz, der ihm und seiner

Familie zur Wohnung dient, der also seine Heimath sein sollte -- hat er

doch nicht einmal ein Wort für _Heimath_.

Dicht an die kleinen Häuser angebaut stand ein großer, auf Pfählen

errichteter Schuppen, ebenfalls mit Lehmwänden, einer mächtigen Thür,

durch die ein beladener Karren recht gut einfahren konnte, und im Innern

mit einer vollständigen Mahleinrichtung, die aber trotzdem kaum den

dritten Theil des Raumes ausfüllte.

Die Mühle selber war nicht ganz in der Mitte angebracht und bestand

in einem sehr einfachen Räderwerke, das weiter Nichts als ein mit

durchlöchertem Eisenblech beschlagenes Rad trieb. Das Eisenblech war in

der Art wie unsere gewöhnlichen Reibeisen, welche sich in jeder Küche

finden, nur etwas gröber ausgeschlagen, und bestrich einen kleinen

Kasten oder eine Art von Gefach, in welches die vorher nur abgeschabten

Maniokwurzeln eingeschoben wurden.

Gerade war wieder ein Karren voll dieser Knollen bis hinein in den

Schuppen selber gefahren und dann vorn ausgekippt worden, um die Frucht

auf den Boden zu werfen. Dort kauerten augenblicklich vierzehn bis

fünfzehn Neger, doch nur wenige Männer, Frauen und Kinder, darum her, um

mit Messern und Eisen die Knollen abzuschaben, welche dann von anderen

Sclaven zu der Mühle getragen und von einem Knaben aufgeschüttet wurden.

Indessen war ein kräftiger Stier hereingeführt und mit verbundenen Augen

an den senkrecht laufenden Schaft gespannt, welcher das Hauptrad drehte

und die hineingeworfenen Wurzeln zerrieb. Das von dem giftigen Safte

noch durchdrungene Geschabe wurde dann in grob gewebte Säcke gepackt.

An der Seite des Schuppens waren für diese Säcke Pressen angebracht,

rohe, starke Holzschrauben mit Löchern zu Hebebäumen, wie sie auf

Schiffen am Gangspill sind. Unter diese kamen die Säcke, unter jede

Schraube einer, und wurden erst ein Wenig angeschraubt, daß der Saft

aus dem Gewebe herauslief, der sich dann unten in einer Rinne fing

und in eine Grube lief. Jede halbe Stunde etwa zogen besondere Leute die

Schraube fester und fester an, bis der Sack zu der Form eines kleinen

Schweizerkäses fest und hart zusammengedrückt und der letzte Saft aus

dem jetzt zu Mehl gewordenen Geschabe entfernt war.

Hinten an der Wand, auf einer Art von Backofen, stand außerdem eine

riesige eiserne Pfanne über dem Feuer. Dort hinein kam das immer

noch etwas feuchte Mehl, und ein Neger rührte und bewegte es hier

ununterbrochen, bis es vollständig ausgetrocknet, in Säcke gemessen

und in die Vorratskammer geschafft werden konnte.

Es war ein lebendiges Bild, diese Mühle, mit den fröhlich plaudernden

Gruppen der Mädchen und Kinder, mit dem geschäftigen Treiben der Sclaven,

welche in ihrer Arbeit so regelmäßig gingen wie der Stier, der die Walze

drehte, mit der halb nackten Gestalt des Negers an der heißen Pfanne,

welchem die Gluth den ohnehin schon warmen Platz noch unerträglicher

machen mußte.

Die Mühle schien aber auch zu einer gewöhnlichen Wohnstube benutzt zu

werden, denn dicht neben der Gruppe der schabenden Mädchen stand ein

langer Holztisch mit Stühlen darum her, und eine der Negerinnen kam

gerade mit dem Tischtuch herein, um für die nächste Mahlzeit zu decken.

Mitten unter den Frauen und Kindern schwarzer Abstammung saßen dazu ein

paar weiße Mädchen, mit derselben Arbeit beschäftigt, und eine alte Dame

in schwarzem Seidenkleid und schwarzer Mantille lehnte dicht daneben

in einem großen Rohrstuhl, und sah der Arbeit zu, während zwei kleine

Negerkinder von zwei und drei Jahren zu ihren Füßen spielten und ihr

auch manchmal in ihrem Muthwillen auf den Schooß kletterten.

Nur allein in der einen Ecke entfernt von den Übrigen, saß eine weiße

Frau, die in die ganze Umgebung nicht zu passen schien. Sie trug

augenscheinlich eine fremde Tracht, und auch die lichten Locken stachen

gegen die Rabenhaare der übrigen Bewohner auffallend ab. Ihr Gesicht

ließ sich aber nicht erkennen, denn sie hatte es mit ihrem Tuche bedeckt

-- weinte sie? Die Negermädchen unterbrachen manchmal ihre Fröhlichkeit,

sahen scheu nach ihr hinüber und flüsterten dann mit einander. Ernste

Gedanken konnte aber dieses leichtherzige Geschlecht nicht lange von

seinem Muthwillen ablenken, und irgend ein hingeworfener Scherz riß

wieder Alle rasch zu lauter Fröhlichkeit hin.

Ein alter Herr in einem dunklen, langen Rock, aber einen Panamahut

auf, betrat jetzt die Mühle. Er war jedenfalls ein Geistlicher und der

Eigenthümer der Plantage, schien auch die Frau in der Ecke bei seinem

Eintritt gar nicht gesehen zu haben, sondern ging zuerst zu den Arbeitern,

um sich zu überzeugen, daß die Beschäftigung ohne Störung verliefe,

und trat dann zu dem Stuhl der alten Dame, neben dem er sich ebenfalls

niederlassen wollte, als eine Handbewegung derselben seine Aufmerksamkeit

auf die Fremde lenkte.

Langsam drehte er sich nach ihr um, betrachtete sie wohl eine Minute

schweigend, schritt dann auf sie zu und legte seine Hand leicht auf

ihren Kopf. Die Frau hob die rothgeweinten Augen zu ihm auf und sah ihn

an, und der alte Herr sagte freundlich:

»Aber meine liebe Senhora, was geben Sie sich immer und immer wieder

diesen trüben Gedanken hin? Den Schritt, den Sie gethan, haben Sie aus

eigener fester Überzeugung und mit freiem Willen gethan; die Gesetze

dieses Landes wie die Kirche selber schützen Sie darin, weshalb also nun

noch diese Traurigkeit? Frohlocken sollten Sie eigentlich, daß Sie, wenn

auch spät, doch endlich zu der rechten Erkenntniß gelangt sind, denn die

Bahn liegt jetzt offen vor Ihnen, welche Sie zu Glück und Frieden führen

kann.«

»Ach, Sie haben ja wohl Recht, ehrwürdiger Herr,« sagte die Frau in

ziemlich gutem Portugiesisch -- »ich hab' es ja Alles aus freiem Willen

gethan -- es hat mich kein Mensch dazu gezwungen, aber nun, da es

geschehen ist, kommt mir doch immer noch manchmal ein Gedanke, als

ob ich doch am Ende unrecht, als ob ich schlecht gehandelt hätte.«

»Und kann eine Handlung schlecht sein, die Gesetz und Religion auf ihrer

Seite hat?« fragte der Mann.

»Ach nein, nein,« sagte die Frau rasch -- »es sind ja auch nur manchmal

die albernen dummen Gedanken. Sprechen Sie mir nur Trost und Zuversicht

ein, lieber Herr, nachher wird schon Alles gut werden. Es ist -- es ist

mir nur noch Alles hier so neu, so fremd, und ich sollte eigentlich

recht, recht glücklich sein, denn mein -- früherer Mann darf mich jetzt

nicht mehr auszanken und schlagen, und -- ich werde die alte vergangene

Zeit ja auch bald vergessen.«

»Das werden Sie, liebes Kind,« sagte der Brasilianer, »und sich außerdem

auch noch vollkommen ruhig und sicher fühlen können, denn gleich nach dem

Essen werden die Pferde kommen, welche Sie nach Santa Catharina bringen

sollen. Dort hat Ihr Herr Gemahl eine sehr hübsche Besitzung, und Sie

werden dort alles Leid, alle Sorgen bald und schnell -- vergessen,«

setzte er langsamer hinzu und horchte nach der Thür hinüber, von der ein

merkwürdiges Geräusch herschallte. Es war fast, als ob Jemand um Hülfe

riefe, und in demselben Augenblicke stürzte auch ein Negerjunge herein,

auf seinen Herrn zu und rief:

»Senhor -- fremder Mann hat andern fremden Herrn gepackt -- _hier_,«

erklärte er deutlicher und griff sich selber nach dem Halse -- »so fest.

Eine Senhor schreit und andere....«

»Was ist da vorgegangen?« rief der Brasilianer erstaunt, aber die Frau

war todtenbleich geworden. Eine Ahnung der Wahrheit schoß ihr durch die

Seele, und mit gefalteten Händen emporspringend, rief sie aus.

»Schützen Sie mich um Gottes willen; das ist mein Mann, der mich

aufgefunden hat!«

»Hm,« sagte der brasilianische Geistliche -- »_das_ wäre möglich, aber

haben Sie keine Furcht. Hier kann Ihnen Nichts geschehen, denn Sie sind

unter _meinem_ Dache.«

Er behielt aber keine Zeit weiter, sie zu beruhigen, denn durch die Thür

herein flogen noch ein paar Negerjungen, und dicht hinter ihnen erschien

eine Gruppe, vor welcher die Mädchen erschreckt von ihrer Arbeit

aufsprangen und die allerdings mit der bisherigen freundlichen Ruhe

des Platzes im grellsten Widerspruche stand.

In dem breiten Thore, durch welches erst vor wenigen Minuten wieder der

Karren geschoben war, welcher den neuen Vorrath in die Mühle gebracht,

erschien unser alter Bekannter, der Colonist Pilger aus Santa Clara, aber

nicht mehr der ruhige, stille Mann, wie wir ihn dort gesehen, sondern

mit erhitztem Gesichte, zornfunkelnden Augen, die dunkelbraunen Haare

wirr um die Schläfe hangend, das Hemd durch das Raufen vorn aus einander

gerissen: so trat er ein und seine rechte Hand hatte sich fast krampfhaft

in die Halsbinde des früheren Delegado von Santa Clara gekrallt, den er,

weiter gar nicht mehr seiner achtend, hinter sich herschleifte.

Der arme Delegado sah bös aus. Seine beiden hübschen Pantoffeln hatte er

unterwegs verloren und war in bloßen Strümpfen durch die oft schmutzigen

Stellen der Straße hergeschleppt; sein Rock hing ihm nur noch in Fetzen

vom Leibe, sein Hemd war zerrissen, sein Hut ebenfalls verloren und im

Gesichte blutete er an drei bis vier verschiedenen Stellen.

Die Neger, die ebenfalls herbeigesprungen waren, starrten dabei von der

Gruppe zu ihrem Herrn, denn sich in den Kampf zweier Weißen zu mischen,

schien ihnen nicht räthlich; aber der Eine von diesen war doch der Gast

des Herrn selber, und dessen Befehl erwarteten sie jetzt. Ehe dieser aber

nur einen solchen geben, ja, vielleicht selber einen Entschluß fassen

konnte, hatte Pilger's wild umherschweifender Blick die Frau erspäht. In

dem Moment war der Gefangene, war seine ganze Umgebung vergessen, und

den Portugiesen loslassend, der in Angst und Scham hinter dem Geistlichen

Schutz suchte, eilte er auf sie zu und rief:

»Margareth! Margareth! und muß ich Dich _hier_ finden?«

Er wollte auf sie zugehen und ihre Hand fassen, der Brasilianer aber,

der indessen mit ruhigem Blick das Ganze überschaut hatte und den

Zusammenhang vollkommen gut begriff, trat zwischen ihn und Margareth,

und den Arm gegen ihn hebend, sagte er ruhig:

»Halt, lieber Freund -- dies ist _mein_ Haus -- hier ringsum stehen meine

Leute, mir Ordnung zu halten, wenn Jemand dieselbe gegen meinen Willen

stören wollte, und ich bitte Sie deshalb jetzt, mir ganz leidenschaftslos

zu sagen, was Sie hier wünschen, was Sie hergeführt und weshalb Sie

meinen Freund, Dom Franklin, auf so rohe Weise mißhandelt haben.«

»Was ich will? Was mich hergeführt?« sagte Pilger, erstaunt zu dem

Brasilianer aufsehend, »fragen Sie die Frau da, welche ohne einen

Blutstropfen im Gesichte hinter Ihnen steht und sich mit ihren Augen in

den Boden eingraben möchte. _Wissen_ Sie, was die Beiden verschuldet,

die Frau da und jener blutige Schuft, der dort scheu in die Ecke

gekrochen ist?«

»Mein Herr,« sagte der Brasilianer ruhig -- »Sie häufen da schwere

Anklagen auf zwei Leute, welche, was auch _früher Ihre_ Anrechte

gewesen sein mögen, _jetzt_ vollkommen unabhängig unter dem Schutz der

brasilianischen Gesetze stehen und von keinem Menschen, am Wenigsten von

einem fremden Protestanten, beleidigt werden dürfen. Bedenken Sie das,

oder vielmehr, Sie hätten es früher bedenken sollen, ehe Sie die Hand an

einen brasilianischen Bürger legten.«

»Und in niederträchtiger Weise hat er mich überfallen!« rief der Delegado

jetzt hinter dem Geistlichen vor; »langsam kam ich den Weg entlang, der

hier nach der Hacienda führt, als dieser Mensch wie ein Bär über mich

her stürzte, mich zu Boden schlug, würgte und mich dann hieherschleppte.

Da müßte ja doch keine Gerechtigkeit mehr in Brasilien sein, wenn sich

ein brasilianischer Bürger so von einem hergelaufenen Lump behandeln zu

lassen brauchte.«

Pilger erwiederte kein Wort, aber der Blick, mit dem er auf den

zurückweichenden Delegado zuschritt, schien diesem einen neuen und

vielleicht gefährlicheren Angriff zu versprechen, als der erste gewesen.

Ein Wink des Hausherrn brachte aber die Neger auf diese Seite herüber,

hinter denen der Delegado Schutz fand, und Pilger, nur noch einen

verächtlichen Blick nach dem feigen Patron hinüber werfend, sagte in

deutscher Sprache:

»Was ärgere ich mich auch noch mit dem Schuft! Komm, Grethe -- Du hast

hier Nichts mehr zu thun. Wir Beide wollen gehen, und unser Herr Pfarrer

daheim mag nachher die Sache in Ordnung bringen. Du scheinst Dich mit

mir nicht länger glücklich zu fühlen -- gut -- ich will und werde Dich

nicht zwingen bei mir zu bleiben. Aber Deinen Eltern habe ich versprochen,

wie ein ehrlicher Mann an Dir zu handeln -- was Du versprochen hast, weißt

Du selber am Besten -- und so will ich Dich ihnen wenigstens zurück nach

Deutschland schicken, daß sie sehen, ich habe mein Wort gehalten. Nun?«

fuhr er erstaunt fort, als er sah, daß sich Margarethe gar nicht regte und

nicht einmal das Auge aufschlug -- »eine volle Woche bin ich in wahrer

Todesangst Deinetwegen in der Gegend hier herum gefahren und habe gehungert

und gedurstet, nur mit dem Gedanken an Dich -- Dich zu retten aus dem

Verderben, in das Dich jener Bube gelockt, und jetzt -- jetzt hast Du

nicht einmal einen Blick für mich, Grethe?«

»Ich weiß nicht, was Sie Beide noch in Deutsch zu verhandeln haben,«

mischte sich hier der Brasilianer ein, »denn ich verstehe die Sprache

nicht; erlauben _Sie_ mir aber, zu bemerken, mein Herr, daß Sie mit

dieser Frau Nichts weiter im Geheim verhandeln _dürfen_, so lange _ich_

wenigstens dabei bin, und unter meinem Dache -- Sie haben mich doch

hoffentlich verstanden?«

»Mit _meiner_ Frau nicht?« lachte der Deutsche bitter -- »das wäre nicht

übel. Außerdem werde ich Sie nicht länger hier belästigen; daß auch _Sie_

mir aber noch Rechenschaft geben sollen, eine ihrem Manne weggelaufene

Frau versteckt zu haben, darauf können Sie sich verlassen. Komm, Grethe,

mir wird die Luft zu schwül hier; ich muß fort!«

»Niemand hält Sie,« sagte der Brasilianer kalt -- »so viel aber diene

Ihnen außerdem zu wissen, daß diese Frau nicht mehr die Ihrige ist,

sondern daß ich sie vorgestern schon mit Dom Franklin Brasileiro Lima

nach dem Ritus unserer Kirche verbunden habe.«

»_Sie?_ _Meine_ Frau mit _dem_ da?« rief Pilger, kaum seinen Ohren

trauend.

»Ich bin Geistlicher,« sagte der Brasilianer, sich hoch emporrichtend,

»und nachdem Ihre frühere Frau den katholischen Glauben angenommen hat,

habe ich sie mit Dom Franklin nach dem Ritus _unserer_ Kirche zu

unlöslicher Verbindung zusammengegeben.«

»Eine _verheirathete Frau_?« rief Pilger wieder, dem sich fast die Sinne

bei dem eben Gehörten verwirrten.

»Eine protestantische Ehe ist nach unseren Gesetzen kein canonisches

Hinderniß,« sagte der Geistliche kalt, »und wenn Sie in ein fremdes Land

kommen, müssen Sie sich auch den da bestehenden Gesetzen fügen.«

»Bin _ich_ denn wahnsinnig, oder wollen Sie mich erst dazu machen?« sagte

Pilger, und hielt sich mit beiden Händen seine Stirn -- »die Freiheit

unserer Religion ist uns vom Staate zugesichert, und alle protestantischen

Ehen sollten ungültig sein?«

»Vor dem Gesetze, ja,« sagte der Brasilianer, und ein spöttisches Lächeln

zuckte um seine Lippen -- »als Concubinat lassen wir sie gelten, als

weiter Nichts. Doch das ist eine Sache, die ich nicht länger hier mit

Ihnen verhandeln möchte. Sie werden nach dem Vorhergegangenen begreifen,

daß Ihre weitere Gegenwart hier für beide Parteien nur unangenehm sein

kann.«

»Und _Du_, Margareth?« sagte Pilger jetzt mit fast gebrochener Stimme,

»Du hast _so_ handeln können? Fühlst Du denn die Schande und Schmach gar

nicht, die Du mir und Dir dabei angethan?«

Die Frau stand regungslos in ihrer Ecke, die Augen fest und scheu auf

den Boden geheftet, aber sie sprach kein Wort, und der Brasilianer, der

dieser Scene unter jeder Bedingung ein Ende machen wollte, rief:

»Jetzt ist's genug, Senhor -- die Frau steht hier unter dem Schutze

meiner Schwester und ihres rechtmäßigen Gatten. Glauben Sie wirklich

noch Rechte an sie zu haben, so wenden Sie sich an die Gerichte des

Landes, die Ihnen sagen werden, was Sie zu hoffen haben. Jetzt aber

verlassen Sie dieses Haus, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, mir mit

Gewalt Ruhe und Frieden auf meinem Eigenthum zu verschaffen.«

»Gut,« sagte Pilger ruhig -- »ich gehe; ich sehe überhaupt wie es hier

steht, denn die Frau da hat Scham und Ehre abgeschworen, und ist doch

eines braven Mannes nicht mehr werth. _Wenn_ aber noch Gesetz und

Gerechtigkeit in Brasilien zu finden ist, so wollen wir doch sehen,

ob ein solcher Schurkenstreich ungestraft verübt werden darf!«

»Joao! Pablo! Pedro!« rief der Brasilianer, bei dem jetzt auch der Zorn

die Oberhand gewann -- »werft mir diesen Fremden einmal hinaus auf die

Straße!« und drei oder vier Neger sprangen vor, dem Befehl zu folgen.

Pilger aber, ein breites, schweres Messer aus seinem Gürtel reißend,

sagte ruhig:

»Kommt, meine Burschen! Aber Gott verdamm' mich, den Ersten, der einen

Arm nach mir ausstreckt, hacke ich in Stücke!« Und damit wandte er sich

und ging festen Schrittes der Thür zu.

»Santa Maria!« schrieen die Neger, erschreckt vor dem Stahl zurückprallend,

und sprangen dann ebenfalls nach ihren Messern und rissen die Bäume aus

den Schraubenpressen, um Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Der Brasilianer

wollte es aber doch nicht zum Äußersten kommen lassen, und da der Fremde

jetzt selber ging, winkte er die Schwarzen zurück. Er sollte den Platz

unbelästigt verlassen.

3.

Auf Santa Catharina.

Etwa vier Wochen waren seit den in den letzten Kapiteln beschriebenen

Vorgängen verflossen, ohne daß in der Provinz Santa Clara etwas Besonderes

vorgefallen wäre.

Herr von Schwartzau hatte indessen fleißig gearbeitet und einen großen

Theil des zur Colonisation bestimmten Landes ausgemessen, und der Director

dann, so rasch das möglicher Weise anging, den darauf wartenden Colonisten

ihre für sie bestimmten Plätze angewiesen. Aber das allein genügte oft

nicht einmal, denn er mußte auch noch hinter den Leuten her sein, daß

sie nun auf ihrem eigenen Grund und Boden wirklich zu arbeiten anfingen,

denn die lange, faule Zeit die sie verlebt, lag ihnen noch so in den

Gliedern, daß es einiger Anstrengung bedurfte, ehe sie wieder in Gang

kamen. -- Die Männer wenigstens hätten sich eben so gern wie bisher noch

vier Wochen länger von der Regierung füttern lassen, denn daß sie durch

das vorgestreckte Geld in Schulden kamen, machte ihnen vor der Hand noch

keine Sorge. Sie besaßen ja selber kein Eigenthum, was konnte ihnen die

Regierung denn da abnehmen?

Herr von Schwartzau hatte übrigens mit einem seiner Instrumente Unglück

gehabt, denn ein junger Baum war beim Fällen in einer Schlingpflanze

hängen geblieben, dadurch in eine andere Richtung gekommen und schlug im

Sturz seine beste Bussole zusammen.

Auf Santa Catharina hatte er indessen noch mehr Instrumente stehen, von

denen Einiges kommen zu lassen schon lange sein Wunsch gewesen, und da

die Regierung, auf des Directors Ansuchen, ein doch vorbeikommendes

kleines Dampfboot beordert hatte, in der Mündung des Flusses Santa Clara

anzulegen, um die durch den betrügerischen Agenten hierhergeschickten

Einwanderer wenigstens bis Santa Catharina zu schicken, von wo sie mit

dem gewöhnlichen Postdampfer (unentgeltlich) weiter gebracht werden

konnten, so beschloß Herr von Schwartzau diese Gelegenheit zu benutzen,

und selber nach der Insel zu fahren.

Vom Director bekam er dazu außerdem noch den Auftrag, im Namen der

Colonie die Klage gegen den Delegado und den brasilianischen Geistlichen

anhängig zu machen, der eine protestantisch verheirathete Frau, ohne

selbst eine Scheidung für nöthig zu halten, anderweit getraut hatte,

wenn sich Sarno selber auch wenig Erfolg von diesem Schritte versprach.

Er kannte die Geistlichkeit Brasiliens und ärgerte sich nur über die

entsetzliche Gleichgültigkeit, mit welcher die deutschen Protestanten

diesen Fall aufnahmen, der, wenn etwas Derartiges überhaupt geschehen

_konnte_, alle Familienbande in Frage stellte. Jeder pflichtvergessene

Mann, jede treulose Frau brauchte sich an ihre gültig geschlossene Ehe

gar nicht mehr gebunden zu halten, und die Folgen blieben unabsehbar.

Nichtsdestoweniger nahmen es die Protestanten außerordentlich kaltblütig.

Der Geistliche -- ein guter Freund des Dom Franklin -- wollte gar Nichts

damit zu thun haben und behauptete, es sei einfach eine Sache, welche

die Gerichte anginge und von diesen schon bestraft werden würde, und

die Colonisten schimpften wohl und schlugen im Wirthshause mit der Faust

auf den Tisch -- aber dabei blieb es. Selbst ein Circular, das der

Director zur Unterschrift herumschickte, wurde von den Wenigsten

unterschrieben, denn der deutsche Bauer setzt nicht gern seinen

Namen unter irgend ein Schriftstück, es mag enthalten, was es will

-- ausgenommen eine Quittung.

Pilger selber war wie gebrochen. Er arbeitete wieder, verkehrte aber

fast mit keinem Menschen. Machte er sich in seinem Herzen Vorwürfe, daß

er die Frau, seine Margareth, wohl auch manchmal rauher behandelt hatte,

als recht war -- brannte ihm das jetzt auf der Seele, daß er selber

vielleicht den ersten Anlaß zu diesem Schritte gegeben, der jetzt sein

ganzes Lebensglück zerstörte? Wenn dies auch der Fall war, so sprach

er doch mit Niemandem darüber, und die Nachbarn dauerte der fleißige,

ordentliche Mann, der jetzt bleich und hohlwangig so allein in seinem

Hause saß.

Indessen fuhr Schwartzau auf dem kleinen Regierungs-Dampfer mit

günstigem Wind und Wetter gen Santa Catharina, und am dritten Tag Abends

bekamen sie die kleine reizende Insel in Sicht, die sich, nur wenige

Meilen vom festen Lande entfernt, an der Küste entlang dehnte.

Und das war früher der Verbannungsort Portugals, wie auch die Hauptstadt

noch immer Desterro heißt; hierher wurden die Verbrecher, besonders

viele Juden transportirt, als Strafe für begangene Missethat, oder

vielleicht auch nur, um unbequeme Persönlichkeiten aus dem Wege zu

schaffen -- ein sehr leichtes und von manchem Staate oft angewandtes

Mittel. Aber _die_ Zeit ist vorbei, und wie die Bewohner jetzt nicht

einmal gern mehr hören, daß der Ort früher zu solchem Zwecke benutzt

worden, ist Santa Catharina gegenwärtig der Schlüssel zu vielen

vortrefflichen brasilianisch-deutschen Colonien geworden, und eine

große Anzahl von Deutschen sind sogar dort geblieben und haben sich

als Geschäftsleute oder Handwerker in der Hauptstadt niedergelassen.

Desterro ist fast zur Hälfte ein deutsches Städtchen.

Günther von Schwartzau kannte den Ort schon, aber trotzdem weilte sein

Auge mit Entzücken auf dem wahrhaft wundervollen Bilde, das sich vor ihm

ausbreitete, als sie die, den eigentlichen Hafen gegen die Nordwinde

schützende Landspitze umfuhren und jetzt die kleine, freundliche Stadt,

terrassenförmig von Bäumen, Büschen und Palmen umschlossen, vor sich

liegen sahen. Prachtvolle Gebäude fesselten allerdings nicht den Blick

oder gaben dem Hafen einen Anstrich von Glanz und Reichthum, wie das z.

B. bei Rio de Janeiro der Fall ist: aber so lauschig und versteckt lag

jede einzelne Wohnung in dem sanften Grün der Gärten, so ruhig plätscherte

dazu die See und so wolkenrein spannte sich der blaue Himmel darüber

hin, daß man sich da wohl fühlte, ehe der Fuß nur das Land betreten.

Als freilich der Anker in die Tiefe schoß, war der Friede auch an Bord

gestört. Der Flaggen-Telegraph hatte die Ankunft eines Dampfers vom

Norden schon gemeldet, und eine Anzahl von Booten und jenen trefflich

gearbeiteten Canoes -- die man in der ganzen Welt nicht zierlicher

und praktischer gebaut findet, als in Brasilien -- kam langseit. Die

Bootsleute aber faßten, wie an anderen Orten, so auch hier, ohne Umstände

auf, was sie an Gepäck fanden, um es in ihre kleinen Fahrzeuge zu schaffen

und sich die dazu gehörigen Passagiere zu sichern.

Günther fuhr natürlich sogleich mit an Land, denn der Aufenthalt auf

diesen kleinen brasilianischen Dampfern ist nicht angenehm genug, um

den Reisenden länger, als unumgänglich nöthig ist, darauf zu fesseln,

und ging dann gleich an der Wohnung des Präsidenten vor, wo er sich

wenigstens anmelden wollte. Er hatte sich kaum Zeit genommen, nur die

nothwendigste Toilette zu machen, aber die Abende sind in allen jenen

Ländern überhaupt _die_ Zeit, in der man Besuche macht oder empfängt.

Der Deutsche fand übrigens heute ausnahmsweise eine größere Gesellschaft

versammelt, und als die Frau Präsidentin seinen Namen hörte, ließ sie

ihn bitten augenblicklich einzutreten. Kam er doch von Santa Clara, und

sie nahm selber das größte Interesse daran, von dieser Colonie Näheres

und Neues zu hören.

Günther wurde in das große Empfangszimmer geführt und fand hier schon

sechs oder acht Herren und eben so viele Damen versammelt.

Der Präsident selber saß in einem Lehnstuhle etwas bei Seite, es war ein

kleiner ältlicher Herr, mit einem unendlich gutmüthigen Gesichte und ein

Paar großen, klugen Augen; aber er schien sehr leidend. Er sah blaß und

angegriffen aus, mit eingefallenen Wangen und einem eigenen schmerzlichen

Zuge um den feingeschnittenen Mund.

»Ah, mein lieber Eswartsau[2],« nickte er ihm freundlich zu und streckte

ihm die dünne, fast durchsichtige Hand entgegen; »schon fertig in Santa

Clara? Das ist rasch gegangen.«

[Fußnote 2: Portugiesen und Spanier können nie ein Sp, St oder Sch mit

einem Consonanten dahinter am Anfang eines Wortes aussprechen, und setzen

jedes Mal ein E vor.]

»Noch nicht, Senhor,« sagte Günther, die Hand nehmend und herzlich

drückend -- »ich muß wieder zurück und erzähle Ihnen nachher, weshalb

ich herüber gekommen bin -- Senhora, erlauben Sie, daß ich Sie begrüßen

darf.«

»Es freut uns sehr,« sagte die Dame mit huldvollem Lächeln, »Sie wieder

einmal auf Santa Catharina zu sehen. -- Aber setzen Sie sich. Sie kommen

wie gerufen, um uns recht viele Neuigkeiten von Ihrer Colonie zu erzählen

-- es soll ja fürchterlich da zugehen!«

»Fürchterlich?« lächelte Günther; »davon habe ich nun allerdings Nichts

gemerkt.«

»_Nichts?_ -- Aber erlauben Sie mir, Sie meinen Freunden vorzustellen.«

-- Und die Senhora machte jetzt die gewöhnliche Formel der Introduction

durch, die einen Fremden zur Verzweiflung bringen könnte, wenn die Sache

an sich selbst nicht so unbedeutend wäre. Eine Masse von fremden Namen

wurden ihm genannt, die er zum großen Theil nicht einmal verstand oder

doch in demselben Moment wieder vergaß; die Leute verbeugten sich gegen

einander und die Sache war damit abgemacht.

Nur _ein_ Name war Günther aufgefallen, und zwar der eines deutschen

Barons von Reitschen. Er gehörte einem ältlichen Herrn von stattlichem

Aussehen, mit schon etwas grau gemischten Haaren, aber vollkommen glatt

rasirtem Gesicht und einer sehr zierlichen goldenen Brille, der aber,

anstatt den Landsmann etwas herzlicher zu begrüßen, sich ebenfalls damit

begnügte nur aufzustehen, und eine steife Verbeugung zu machen.

»Und wie weit sind Sie mit Ihrer Vermessung gekommen, lieber Freund?«

fragte der Präsident, als die langweilige Ceremonie vorüber war. »Schon

Etwas ausgerichtet?«

»Allerdings, Senhor,« erwiederte Günther; »mit Hülfe des Directors

Sarno, der mich wacker dabei unterstützte, haben wir es möglich gemacht,

genügendes Land für sämmtliche sich jetzt dort befindliche Einwanderer

zu vermessen. Ich kehre von hier aber gleich wieder nach Santa Clara

zurück, um noch einen andern District in Angriff zu nehmen; denn da

jeden Tag ein neues Schiff eintreffen kann, wird es immer besser sein

einige vermessene Strecken in Vorrath zu haben.«

Der Präsident nickte beistimmend mit dem Kopfe, schwieg aber, und die

Frau Präsidentin sagte:

»Also hat sich der Herr Director doch endlich herbeigelassen, wenigstens

in _dieser_ Hinsicht seine Pflicht zu thun. Da muß ihm das Feuer tüchtig

auf den Nägeln gebrannt haben!«

»Ich weiß nicht,« sagte Günther, während er einem der mit Erfrischungen

herumgehenden Diener ein Glas Limonade abnahm -- »in welcher Beziehung

Director Sarno seine Pflicht versäumt haben kann, Senhora; so lange ich

mich aber in der Colonie aufgehalten, kann ich ihm nur das rühmlichste

Zeugniß geben, da er sich der Einwanderer mit wahrhaft eisernem Fleiße

angenommen. Sarno scheint mir ein sehr tüchtiger Mann, und besitzt

außerdem auch die nöthige Energie, etwaigen Übergriffen fest entgegen zu

treten.«

»Energie!« lächelte die Dame; »er ist der reine Unterofficier, und wir

haben von der ganzen Colonie Klagen auf Klagen hören müssen, die zuletzt

selbst die Geduld eines Heiligen ermüden könnten!«

»Klagen über Sarno?« sagte Günther erstaunt.

»Sie glauben es wohl etwa nicht?« lachte die Dame, indem sie ein Papier

von dem nächsten Tische nahm; wollen Sie so gut sein und _das_ einmal

lesen.«

Günther nahm das Papier und überflog es flüchtig. Es waren in der That

eine Menge Anklagen gegen den Director, in denen besonders sein rauhes

und rücksichtsloses Betragen »gegen den gebildeten Theil der Gesellschaft«

hervorgehoben und zuletzt gebeten wurde, den Director seiner Stelle zu

entheben und einen würdigeren dafür hinzusenden. Unterschrieben war das

Document von einer Anzahl ihm unbekannter Namen: einige davon kannte er

aber doch, und unter den erstgezeichneten standen die Frau Gräfin Baulen,

Baron Jeorgy, Pastor Beckstein und Arno von Pulteleben. Ein Name

besonders fiel ihm seiner Kürze und Anspruchslosigkeit wegen auf: Bux,

Künstler.

»Nun,« sagte die Dame, während er das Papier langsam wieder zusammenfaltete

und zurückgab, »was sagen Sie _nun_?«

»Daß es in jeder Colonie eine Menge unzufriedenes Volk giebt,«

erwiederte Günther, »das sich mit _keinem_ Director wird befreunden

können, es sei denn, er befriedige alle _ihre_ Wünsche. Ich halte Sarno

für den passendsten Mann für einen solchen Posten, den Sie in ganz

Brasilien finden könnten.«

»O, Sie sind wahrscheinlich ein besonderer Freund von ihm!« lachte die

Frau Präsidentin.

»Ich weiß nicht, ob ich auf den Titel Anspruch machen darf,« sagte

Günther ruhig; »bei meinem Aufenthalt in Santa Clara habe ich mit dem

Director allerdings freundschaftlich, aber nur in meinen Geschäften

verkehrt. Wen auch immer ich aber über ihn gesprochen, war der Meinung,

daß er für die Stelle passe.«

»So?« lächelte die Dame geringschätzig -- »freilich die Bauern müssen

das am Besten beurtheilen können. Was halten Sie aber von einer Colonie,

in der Gewaltthätigkeiten, Raub und Plünderung zu den allergewöhnlichsten

Dingen gehören?«

»Von einer solchen Colonie würde ich sehr wenig halten, gnädige Frau,«

lächelte Günther -- »ich kann aber doch nicht vermuthen, daß Sie glauben

ein solches Verhältniß finde in Santa Clara statt; denn während der fünf

Wochen, die ich mich dort aufhielt, ist nichts dem Ähnliches vorgefallen,

und ich habe sogar nicht einmal von einem einzigen solchen Falle sprechen

hören -- eine Entführungs-Geschichte ausgenommen.«

»Wenn Sie im Wald bei Ihrer Arbeit waren, mein lieber Herr von Schwartzau,«

mischte sich Herr von Reitschen in das Gespräch, »so ist es wohl

erklärlich, daß Sie die einzelnen Vorfälle in der Stadt selber nicht

beachten konnten. Sie hatten dafür zu viel zu thun. Der Herr Präsident

hier hat aber so authentische Nachrichten über derartige wirklich

geschehene Dinge erhalten, daß sogar der Entschluß gefaßt ist, mit

diesem zurückgehenden Dampfer Militär nach Santa Clara zu schicken.«

»Militär nach Santa Clara?« rief Günther erstaunt -- »eingeborene

Soldaten, um etwa einmal eine gelegentliche Streitigkeit zwischen den

Deutschen zu schlichten? Das ist denn doch wohl nur ein Irrthum!«

»Nicht allein der Streitigkeiten wegen, lieber Freund,« mischte sich

hier der Präsident in die Unterhaltung, obgleich ihm das Sprechen schwer

zu werden schien; »es sollen sich auch neuerdings wieder Indianer in

der Nachbarschaft gezeigt haben, und es ist immer besser, bei Zeiten

Vorkehrungen zu treffen, damit man sich nicht später Vorwürfe über eine

versäumte Pflicht zu machen habe.«

»Aber, bester Herr,« versicherte Günther, »Sie scheinen da wirklich ganz

falschen Bericht über die Colonie erhalten zu haben, denn ich gebe Ihnen

mein Wort, daß auch nicht die Spur einer Gefahr von Indianern für Santa

Clara existirt. Habe ich ja doch vor kurzer Zeit selbst drei Monate an

dem noch viel weiter im Innern gelegenen Chebaja zugebracht, und selbst

da hat man seit Jahren Nichts mehr von den Wilden gehört oder gar einen

von ihnen zu sehen bekommen.«

»Wenn Sie von ihnen hören oder sie sehen, ist es nachher gewöhnlich zu

spät, sich noch gegen sie zu schützen,« sagte der Präsident. »Übrigens

glaube ich selber...« Ein heftiger Hustenanfall unterbrach ihn, und die

Frau Präsidentin sagte:

»Die Colonisten können meinem Mann nur dankbar sein, daß er selbst im

Voraus für ihre Sicherheit sorgt.«

»Ich zweifle ja keinen Augenblick,« erwiederte Günther, »daß der Herr

Präsident alles Das mit der besten Absicht angeordnet hat; glauben Sie

aber mir, Senhora, der ich schon viele dieser deutschen Colonien nicht

allein gesehen, sondern genau kennen gelernt habe, die brasilianischen

Soldaten dieser Districte, von denen selbst die besten wenig mehr als

Gesindel sind, vertragen sich nicht mit den Colonisten, und wenn sie

noch so gute Officiere haben; häßliche Reibereien können nie und nimmer

vermieden werden.«

»Ich glaubte, Ihre Bewohner von Santa Clara wären so friedfertiger

Natur?«

»Kleine Häkeleien fallen bei _allen_ Nationen vor,« sagte Günther

achselzuckend, »besonders aber bei den Deutschen, und es gehört nur ein

verständiger und entschiedener Mann dazu, der entweder gütig vermittelt,

oder auch einmal im Nothfalle ein Machtwort spricht, und den haben die

Leute jetzt, wie ich fest glaube, an dem gegenwärtigen Director Sarno.«

»Ja, der sie im Nothfalle die Treppe hinunter wirft, nicht wahr,« sagte

die Frau Präsidentin, »und sich mit den einzelnen Colonisten selber

sogar prügelt!«

»Aber, gnädige Frau...«

»Lassen Sie es gut sein,« unterbrach ihn die Dame. »Über _geschehene_

Dinge ist es nicht nöthig viele Worte zu verlieren, und daß sie eben

nicht _wieder_ geschehen, dafür hat mein Mann Sorge getragen. Ob der

Director auch daran schuld ist, daß selbst Streit und Unfrieden fast

in allen Familien herrschen und Frauen gezwungen sind, wie das selbst

vorgekommen, bei den Brasilianern Schutz gegen die Mißhandlungen daheim

zu suchen, weiß ich nicht, es bleibt sich jetzt aber auch gleich. Einem

solchen Zustande _mußte_ abgeholfen werden, und ich stelle Ihnen hiermit

in einem Landsmanne von Ihnen, dem Herrn Baron hier, unsern neuen

Director der Colonie Santa Clara vor.«

Wieder stand Herr von Reitschen auf und verbeugte sich höflich gegen

Herrn von Schwartzau, und diesem kam es fast so vor, als ob dabei ein

leises, spöttisches Lächeln um seine Lippen zucke. Er neigte sich auch

nur leicht gegen ihn und sagte:

»Ich stehe der Sache allerdings zu fern, um auch nur ein einiger Maßen

werthvolles Urtheil in dieser Angelegenheit fällen zu können, und hoffe

nur, daß Herr von Reitschen im Stande sein wird, allen jenen furchtbaren

Übelständen abzuhelfen, die er, dem Anscheine nach, in der unglücklichen

Colonie vorfinden soll. Was aber den einen Fall anbetrifft, auf den Sie

eben anspielten, gnädige Frau -- ich meine den, wo eine deutsche Frau

gezwungen war, bei einem Brasilianer Schutz zu suchen -- so bin ich

zufälliger Weise ganz genau davon unterrichtet, und habe sogar die

Klage des Directoriums gegen jenen würdigen Brasilianer für den Herrn

Präsidenten mitgebracht. Jener Lump...«

»Entschuldigen Sie einen Augenblick,« unterbrach ihn die Dame rasch

-- »Sie erinnern sich doch, daß ich Ihnen den Betheiligten, Dom Franklin

Brasileiro Lima hier, als meinen Gast mit vorstellte -- oder haben Sie

es vielleicht überhört? Erlauben Sie, daß ich es wiederhole: Dom Franklin,

Herr von Eswartsau. -- Bitte, fahren Sie fort -- Sie sprachen von dem

Ehemanne, der seine Frau mißhandelt hat, nicht wahr?«

Die übrige Gesellschaft, der das Wohl oder Wehe der deutschen Colonie

nicht im Geringsten am Herzen lag, hatte sich unterdessen unter einander

unterhalten und einer der Herren eine auf dem Clavier liegende Guitarre

aufgenommen, mit der er halblaut eines der kleineren brasilianischen

Lieder begleitete. Nur Dom Franklin war dem Gespräche, ohne jedoch den

Kopf nach Günther umzudrehen, mit Spannung gefolgt, und während er

mit einer neben ihm sitzenden Dame scheinbar ein Gespräch unterhielt,

horchte er jedem Worte, das über die, ihn besonders interessirende

Colonie gesagt wurde. Bei Günther's Anklage zuckte er auch wohl einen

Moment zusammen, fand sich jetzt aber nur noch mehr bewogen, das eben

Besprochene gar nicht gehört zu haben, und drehte sich erst, scheinbar

überrascht, gegen Herrn von Schwartzau um, als die Frau Präsidentin

seinen Namen nannte.

Günther fühlte wie er erröthete, denn wenn er den Brasilianer auch

verachtete und keinen Augenblick würde gezögert haben, ihm die Anklage

mit den schärfsten Worten in's Gesicht zu schleudern, so war es ihm doch

äußerst fatal, wenn auch unwissentlich, gegen die Regeln des Anstandes

verstoßen und in einer Gesellschaft einen Gast beleidigt zu haben.

-- Und hatte der Brasilianer seine Worte gehört? Es schien nicht so,

denn mit dem freundlichsten Wohlwollen leistete er der zweiten Vorstellung

Folge. -- Die Dame hatte zeitig genug parirt, einer sehr unangenehmen

Scene vorzubeugen, und nur der Präsident mußte in seinem Stuhle Zeuge

des Ganzen gewesen sein, denn er lächelte leise vor sich hin.

Wenn aber auch Günther an _dieser_ Stelle natürlich Streit mit diesem

Menschen vermeiden wollte, verachtete er ihn doch viel zu sehr,

Freundlichkeit gegen ihn zu heucheln. Nur kalt verneigte er sich gegen

ihn und fuhr dann zu der Dame gewendet fort:

»Ich habe allerdings keinen speciellen Auftrag für den Herrn selber, von

dem ich keine Ahnung hatte, daß er sich in Santa Catharina aufhielt.

Hier ist aber unter solchen Umständen keineswegs Ort und Zeit, eine

derartige, für beide Parteien unangenehme Sache zu verhandeln, und der

Herr Präsident erlaubt mir vielleicht, ihm die Papiere morgen früh

vorzulegen.«

»Mit großem Vergnügen,« erwiederte der Angeredete; »aber ich fürchte,

wir werden an der Sache nicht viel ändern können.«

»Sie glauben doch nicht, daß...«

»Morgen früh, lieber Freund, morgen früh,« winkte der Präsident mit der

Hand, »ich bin heute Abend zu angegriffen.«

Herr von Schwartzau verbeugte sich, und die Frau Präsidentin, die sich

indessen leise mit Herrn von Reitschen unterhalten hatte, stand jetzt

auf und kam auf Günther zu.

»Lassen wir die fatalen Sachen heute Abend,« sagte sie freundlich,

»und spielen Sie uns lieber Etwas auf dem Pianoforte. Sie sind doch

musikalisch?«

»Ich muß unendlich bedauern, gnädige Frau,« sagte Herr von Schwartzau

achselzuckend, »aber ich kenne nicht einmal die Noten.«

»So spielen Sie Etwas aus dem Kopfe.«

»Ich habe nie eine Taste angerührt.«

»So spielen Sie wahrscheinlich die Violine oder Guitarre?«

»Eben so wenig.«

»Aber die Flöte gewiß?«

»Ich muß zu meiner Beschämung gestehen,« lächelte von Schwartzau, »daß

ich bei Allem, was Musik betrifft, einzig und allein zum Zuhören zu

verwenden bin.«

»Das ist merkwürdig,« sagte die Senhora »Sie sind der erste Deutsche,

den ich kennen lerne, der nicht _wenigstens_ die Flöte spielt. Unser

Baron hier ist Meister auf diesem Instrumente.«

»In der That?« sagte Günther, der sich auch selbst nicht dafür

interessirte.

»Gnädige Frau sind zu gütig,« sagte der Baron; »ich bin weiter Nichts

als ein Dilettant. In solchen wilden Ländern aber, in denen ich mich

die letzten zwölf Jahre herumgetrieben habe, ist die Flöte wirklich das

einzige Instrument, das man leicht überall mit hinnehmen kann, und man

vertreibt sich doch manche müßige Stunde angenehm damit.«

»Sie haben sie bei sich, nicht wahr?« fragte die Dame.

»Gnädige Frau hatten mir ja befohlen, sie mitzubringen.«

»O, dann begleiten Sie das Lied jener jungen Dame, bitte!« sagte die

Präsidentin -- »wir müssen ein wenig Musik haben, damit Leben in die

Gesellschaft kommt. Ich weiß gar nicht, so wie nur diese unglückselige

Colonie Santa Clara genannt wird, ist es auch gleich, als ob ein schwarzer

Schleier über die ganze Unterhaltung geworfen würde. Nun, hoffentlich

wird sich das ändern, wenn wir Sie erst einmal dort haben.«

»Gnädige Frau können sich darauf verlassen,« sagte der Baron wieder mit

einer halben Verbeugung, »daß ich nach Kräften arbeiten werde, Ihnen

jede unangenehme Nachricht zu ersparen.«

»Deß bin ich überzeugt -- aber wir müssen beginnen; die Dame präludirt

schon und wird sonst ungeduldig.«

Der größte Theil der Gesellschaft gruppirte sich jetzt um das Instrument,

und auch Günther ließ sich in einen der leer stehenden Sessel nieder;

aber er hörte nicht das Geringste von der Melodie, denn seine Gedanken

arbeiteten an dem eben Gehörten.

Also Sarno war abgesetzt -- bei Seite geworfen, nur um einem Günstlinge

der Frau Präsidentin Raum zu machen, dem zu genügen dann die vagen Gerüchte

den Vorwand geben mußten -- der Delegado ebenfalls hier und als Gast im

Hause, und der Präsident noch dazu von Allem unterrichtet -- aber was

zum Henker kümmerte _ihn_ auch das Alles? Er vermaß das Land, weiter

Nichts, und _wen_ sie nachher darauf setzten oder _wie_ das geschah,

konnte _ihm_ doch wahrhaftig gleichgültig sein. Er warf das rechte Bein

über das linke und betrachtete sich indessen den Raum, in dem er sich

befand.

Mit der Hälfte der Möbel, die in dem Saale standen, hätte er wohnlich,

ja sogar elegant genannt werden können, so aber glich er eher einem

Möbel-Magazin, in welchem einige Dutzend Stühle mit Sophas und Tischen

zum Verkaufe ausgestellt waren. Die Gesellschaft hatte fast ausschließlich

auf den in der Mitte stehenden Sesseln und auf einigen Sophas Platz

genommen, aber Stuhl an Stuhl, nur manchmal die lange Reihe von einem

anderen leeren Sopha unterbrochen, standen die Wände entlang, und ein

halbes Dutzend Tische -- alles von Mahagoniholz -- waren in zwei Reihen

in der Mitte aufgestellt, während jedes andere Stück, wie Secretär,

Schreibtisch etc., fehlte. Es ist das aber Sitte in ganz Süd-Amerika,

und man würde ein Zimmer oder einen Salon für ärmlich möblirt halten,

wenn sich beim ängstlichsten Zusammenrücken auch nur noch Raum genug für

einen einzigen Stuhl gezeigt hätte.

Dagegen waren die Wände vollkommen kahl, und die mattgraue, sehr elegante

Tapete wurde von keinem einzigen Bilde freundlich unterbrochen. Nur

zwei große und gewiß sehr theure Spiegel hingen in breiten, blinkenden

Goldrahmen einander gegenüber, und auf den Tischen standen eine Anzahl

Porzellanvasen, aber ohne Blumen, unter außerordentlich hohen und viel

zu großen Glasglocken.

Ein gewisser Reichthum ließ sich in der ganzen Einrichtung nicht

verkennen, aber jede Gemüthlichkeit, jeder Geschmack fehlte, und der

Fremde besonders würde sich hier nie haben behaglich fühlen können.

Günther sah wieder eine ganze Zeit lang träumend vor sich nieder, als

ihn eine Stimme an seiner Seite aus seinen Gedanken aufstörte. Es war

der Baron, der ihn fragte:

»Wann gedenken Sie nach der Colonie zurückzukehren, Herr von Schwartzau?

Sie entschuldigen, wenn ich Sie störe,« setzte er lächelnd hinzu, als

Günther bei der Anrede ordentlich in die Höhe schrak.

»So bald als möglich,« erwiederte der junge Mann, den Fragenden jetzt

erst bemerkend; »meine Geschäfte hoffe ich wenigstens morgen oder

übermorgen sicher abmachen zu können, und werde dann die erste sich

bietende Gelegenheit benutzen. Wie ich höre, geht der Dampfer leider

schon morgen früh ab.«

»Wenn ich Ihnen etwas nach Santa Clara besorgen kann...«

»Sie sind sehr gütig.«

»Sie kennen Herrn Director Sarno näher?« nahm der Deutsche nach einigem

Zögern das Gespräch wieder auf.

»Nur von der kurzen Zeit, die ich mich dort aufgehalten habe.«

»Wollen Sie einen guten Rath von mir annehmen?«

»Man soll nie einen guten Rath zurückweisen.«

»Gut -- dann vertheidigen Sie Herrn Sarno nicht zu lebhaft der Frau

Präsidentin gegenüber.«

»Herr Baron,« sagte Günther, erstaunt zu ihm aufsehend.

»Verstehen Sie mich nicht falsch,« erwiederte dieser ruhig; »dem Herrn

Sarno können Sie Nichts mehr nutzen, denn er _ist_ seines Dienstes

factisch entlassen, und sich selber nur dabei schaden, da die Frau

Präsidentin den Herrn nun einmal nicht leiden kann, und auch wohl ihre

gewichtigen Gründe dafür hat.«

»Und Sie werden seine Stelle einnehmen?« fragte Günther.

»Lieber Gott,« sagte der Baron achselzuckend, indem er mit den Berloques

an seiner Uhrkette spielte, »ich habe mich dagegen gesträubt, wie ich

konnte, aber da nun einmal eine Änderung unter allen Umständen eintreten

_sollte_, so gab ich endlich den Bitten des Präsidenten nach. Sie sind

nicht lange genug in der Colonie gewesen, und Herr Sarno wird sich auch

Ihnen gegenüber wohl zusammengenommen haben; die Zustände dort scheinen

aber in der That für die armen Colonisten unerträglich zu werden, und da

ich glaube, den Anforderungen, die man an eine solche Stellung knüpft,

genügen zu können, so habe ich es auch gewissermaßen für meine Pflicht

gehalten, die jedenfalls sehr undankbare Arbeit zu übernehmen, unsere

deutschen Holzköpfe da drüben ein wenig zur Raison zu bringen.«

»Es wird das allerdings eine sehr undankbare Arbeit werden,« sagte Günther

kalt, denn die ganze Art und Weise des Mannes gefiel ihm nicht, hätte er

selbst nicht Sarno in seinem Herzen für einen ehrlichen und auch vollkommen

tüchtigen Mann gehalten. Er suchte auch das ihm unangenehme Gespräch

über diesen Gegenstand so bald als möglich abzubrechen, und empfahl sich

dann bald dem Präsidenten, um an diesem Abend noch einige Bekannte in

der Stadt zu besuchen.

Am nächsten Morgen ziemlich früh suchte er denselben aber wieder auf und

hatte gehofft, die Unterredung da allein mit ihm haben zu können, weil

die Frau Präsidentin doch wohl ihre Toilette noch nicht so bald beendet

haben würde. Darin irrte er sich jedoch, denn er war kaum gemeldet und

angenommen, als die Senhora auch schon in's Zimmer trat und sich an dem

einen Fenster in einem Lehnstuhl niederließ. Der Präsident schien Nichts

mehr ohne seine Frau, oder diese vielmehr Alles ohne ihn zu thun.

»Sie sprachen gestern von einer Klage, lieber Freund,« sagte Se.

Excellenz, als Günther nach den ersten Begrüßungen Platz genommen hatte

-- »es wäre mir viel lieber, wenn sie in Santa Clara die Sache nicht

weiter aufgerührt hätten, denn es wird wenig daran zu thun sein -- meinst

Du nicht?«

»Daran zu thun sein,« sagte die Senhora achselzuckend -- »was soll daran

zu thun sein? Die frühere Ehe war nach unseren Gesetzen vollkommen

ungültig, bestand also gar nicht, und wenn kein Hinderniß vorliegt und

zwei Leute sich gern haben und einander heirathen wollen, wer kann es

ihnen verwehren? Außerdem hat die Frau ein ganz unverdientes Glück mit

Dom Franklin gemacht.«

»Kein Hinderniß vorliegt, gnädige Frau?« rief Günther, wirklich erstaunt

-- »ich kann doch wahrhaftig nicht glauben, daß _Sie_ eine geschlossene

Ehe als kein Hinderniß, sich anderweitig zu verheirathen, betrachten

würden.«

»Ich hoffe nicht,« sagte die Dame stolz, »daß Sie _unsere_ Ehen mit

einem solchen »Contracte« vergleichen werden. Übrigens ist die Sache

abgemacht und eine Klage also ganz nutzlos, wo die höchste Behörde schon

entschieden hat.«

»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief Günther -- »danach würde

ja die Regierung muthwillig ihre ganzen protestantischen Unterthanen

demoralisiren und dem Verbrechen mit eigener Hand die Thür öffnen.

Gnädige Frau irren sich jedenfalls darin.«

»Irr' ich mich? So -- bitte, nehmen Sie einmal das zusammengefaltete

Papier, das da neben Ihnen auf dem Tische liegt -- nein, das andere dort

-- das da, und nun sein Sie so gut und lesen Sie den Entscheid unseres

Bischofs -- lesen Sie ihn laut. Sie werden sich dadurch jedenfalls

zufrieden gestellt fühlen, daß die Sache als vollkommen erledigt

betrachtet werden kann.«

Günther nahm kopfschüttelnd das Papier, entfaltete es und las:

»_Emmanuel_ durch Gottes Erbarmen und des Apostolischen Stuhles Gnade,

Bischof von Santa Sebastiao oder Rio de Janeiro.

»Wir bezeugen andurch auf Verlangen, daß Frau Margarethe Pilger, vormals

Protestantin und als solche verheirathet nach dem Ritus der evangelischen

Gemeinde mit Herrn Gottlieb Pilger unter'm 15. November, sich kürzlich

mit der Bitte an mich wandte, die protestantische Ketzerei abzuschwören

und den katholischen Glauben anzunehmen, welchem Verlangen ich mit bestem

Willen genügte und in Person den Widerruf des Irrglaubens entgegennahm,

gemäß dem Gebrauche der Römischen Kirche.

»Besagte Frau Margarethe Pilger bat mich hierauf um Erlaubniß, sich mit

Herrn Franklin Brasileiro Jansen Lima, römischem Katholiken, zu welchem

sie sich hingezogen fühlte, zu verheirathen, und auch diese Erlaubniß

gab ich ihr durch Bescheid vom 27. Januar, da nach Einhaltung des

üblichen Verfahrens kein canonisches Hinderniß zwischen Franklin und

Margarethe sich gezeigt hatte und die Heirath Letzterer mit Pilger

augenscheinlich ungültig ist, als gefeiert gegen die Form des im

Kaiserreiche publicirten und immer beobachteten Tridentiner Concils.

»Palast der Conceicao, 5. Februar 1857.

»(Unterz.) + _Manoel_, Bischof, Graf Capellao-Môr.«[3]

[Fußnote 3: Der obige Erlaß ist _wörtlich_, nur mit Änderung

des deutschen Namens, und erst in allerneuester Zeit sind _rein

protestantische_ Ehen durch das neue Ehegesetz auch für gültig in

Brasilien erklärt worden.]

»Nun,« sagte die Senhora, »sind Sie überzeugt? Der ehrwürdige Bischof

selber, der sich gerade zufällig auf einer seiner Hacienden in dieser

Provinz befand, hat die Ehe geschlossen. Dom Franklin ist ihm eng

befreundet -- glauben Sie also jetzt noch Etwas mit einer Klage des

Herrn Directors Sarno ausrichten zu können?«

»Nein, gnädige Frau,« sagte Günther ruhig, »Sie haben vollkommen Recht.

Es ist übrigens gut, daß ein solcher Thatbestand bekannt wird, denn in

einem ähnlichen Falle wäre der geschädigte Theil ein Thor, noch auf

Schutz und Gesetz in Brasilien zu warten, und weiß dann gleich, daß er

sich sein Recht selber zu verschaffen hat.«

»Sie predigen Revolution!« rief die Senhora streng.

»Ich predige das, was ich selber ausführen würde,« sagte Günther kalt;

»unter solchen Umständen möchte ich denn auch Ihre werthvolle Zeit nicht

länger in Anspruch nehmen.«

»Aber Sie wollten mir noch Etwas über die Colonie sagen,« rief der

Präsident, der unruhig auf seinem Stuhle hin und her gerückt war.

»Das wollte ich allerdings,« erwiederte Herr von Schwartzau, »aber nach

dem eben Gehörten wird auch das Nichts fruchten.«

»Und was war es?«

»Ich wollte Sie bitten, Senhor, Ihren Entschluß, das Directorium der

Colonie zu ändern, noch _nicht_ auszuführen, bis Sie nicht wenigstens

genauere Erkundigungen über die dortigen Verhältnisse eingezogen.

Director Sarno...«

»Kommen Sie uns nicht mit dem Unterofficier!« sagte die Präsidentin

ungeduldig -- »mein Mann will Nichts von ihm hören.«

»Sarno war Officier,« entgegnete Günther, »und gehört _meiner_ Überzeugung

nach zur besten Classe dieser Herren. Daß er derb ist und gerade durch

geht, sollte ihm eher zum Lobe gereichen.«

»Die Sache ist schon abgemacht,« sagte die Senhora.

»Aber so laß ihn doch ausreden, mein Kind,« bat der Präsident.

»Ich bin schon fertig, Senhor,« sagte Günther aufstehend -- »die Sache

scheint allerdings abgemacht, und alles Weitere wäre nur Wortverschwendung.

Allein der Colonie zu Liebe möchte ich Sie bitten, kein Militär dorthin

zu legen. Es thut nicht gut, und Sie selber haben die Verantwortung zu

tragen, wenn Sie den Frieden der jetzt vollkommen ruhigen Verhältnisse

dort nicht allein stören, nein, förmlich vernichten.«

»Wir werden die Verantwortung zu tragen haben, Senhor,« sagte die

Präsidentin gemessen -- »übrigens machen Sie sich keine Sorge weiter

deshalb, denn das sind Dinge, welche eigentlich die Regierung am Besten

zu beurtheilen versteht.«

Herr von Schwartzau verbeugte sich kalt, und das Gespräch über diesen

Gegenstand vollkommen abbrechend, legte er dem Präsidenten nur einige

Papiere vor, welche rein geschäftlicher Natur waren, und sich auf seine

bereits vollendeten, wie die dort noch nöthigen Arbeiten bezogen. In

einer halben Stunde war das Alles erledigt, und der Ingenieur empfahl

sich dann sehr förmlich wieder dem Präsidenten und seiner Gattin. Er war

fest entschlossen, sie nicht weiter zu belästigen.

An demselben Morgen ging aber der Regierungsdampfer wieder nach Santa

Clara und von da nach Rio de Janeiro zurück, und Günther war Zeuge,

daß vierzig Mann brasilianischer Truppen, _ohne_ Officier, auf ihm

eingeschifft wurden, um, wie das Gerücht ging, die Colonie Santa Clara

gegen in deren Nähe herumstreifende Indianerhorden zu schützen.

4.

Der neue Director.

Die Colonie Santa Clara befand sich indessen in einer Art von Gährung,

zu der nicht allein alte Unzufriedenheit, sondern auch neu eingetretene

Elemente nicht wenig beigetragen hatten. Die Bittschrift an den

Präsidenten, den Director Sarno abzusetzen, war in der That von hier

ausgegangen, und zwar, so unglaublich das scheinen mag, durch erste

Veranlassung jenes nichtswürdigen Burschen mit dem Tressenstreifen,

mit dem sich kein anständiger Mensch in der Colonie abgeben mochte.

Größere Dinge werden aber in unserer wunderlichen Welt gar nicht etwa so

selten durch noch schlechtere Hebel in Bewegung gesetzt, wenn man auch

oft, nachdem sie geschehen, schwer im Stande ist, auf ihren Ursprung

zurückzugehen. Die Sache war jedenfalls angeregt worden, die Gräfin hatte

zufällig davon gehört, Herr von Pulteleben war Feuer und Flamme für die

Idee, denn der Director hatte ihn ja nicht einmal angenommen, und da es

galt eine große Zahl von Unterschriften zusammen zu bringen, so vereinigte

sich in dem Schriftstücke -- Dinge, die ebenfalls sogar in unserem

civilisirtesten Leben manchmal möglich gemacht werden -- Aristokratie

und Proletariat gegen einen Mann und ein System, der und das beiden

Theilen unbequem war, weil er eben weder der einen, noch der andern

Seite Zugeständnisse machen wollte.

Der Bursche mit der Tresse übte überdies einen schlimmen Einfluß aus,

denn wo er nur konnte, suchte er Unzufriedenheit zu erregen, und wenn

man ihn selber auch bald als einen Lump kennen lernte, fielen doch seine

Worte nur zu häufig auf fruchtbaren Boden. Die Menschen sind ja leider

nur zu gern gewillt, Böses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen

anzuhören und zu glauben, mag die Quelle, aus welcher sie es schöpfen,

noch so unrein sein. Außerdem trat er übrigens dem Director auch in

offener Opposition entgegen, und wurde darin von einem neu eingewanderten

Individuum, das von Santa Catharina mit einem kleinen Schooner gekommen

war, unterstützt.

Dieser Mann hieß Buttlich, und begann damit, ein Grundstück in der Stadt

mit einem kleinen Hause zu kaufen, wo er mit eingeführten Waaren einen

Laden aufsetzte, und in der unteren Eckstube eine Wirthschaft eröffnete.

Er hatte dazu gleich die specielle Erlaubniß des Präsidenten mitgebracht,

und schien von diesem auch in mancher andern Art begünstigt zu werden.

Bux war unter der Zeit bei dem Director eingekommen, ein kleines Haus,

das jetzt nicht mehr benutzt wurde, zur Verfügung gestellt zu bekommen,

um darin Vorstellungen in der Bauchredekunst zu geben, aber augenblicklich

abschlägig beschieden worden. Der Director ließ ihm sagen, sie brauchten

Ackerbauer in der Colonie und fleißige Handwerker, aber kein Meßgesindel

aus der alten Welt.

Damit begnügte sich indessen Bux natürlich nicht, und wenn der neue

Wirth auch im Anfange Nichts mit dem liederlichen Gesellen zu thun haben

mochte, fand er doch kaum, daß sich dieser als Mittel gegen den Director

gebrauchen ließ, als er ihm seine Hülfe zusagte, und ihm auf seinem

eigenen Grundstück eine Ecke zuwies, in der er sich eine Art von Bude

aus Pfählen und Reisig, oder wie er sonst wollte, herrichten konnte; ja,

er unterstützte ihn sogar dabei mit Geld.

Bux ging nun auch scharf an die Arbeit, und nach einigen Wochen

schon überraschte die Bewohner von Santa Clara die allerdings nur

_geschriebene_ Anzeige an verschiedenen Ecken der Stadt und in Bohlos'

wie Buttlich's Wirthsstuben, daß am nächsten Sonntag Abend die erste

große Vorstellung des berühmten Ventriloquisten Bux aus Paris mit

außerordentlichen Productionen der Wunderkinder Guido und Isabella

stattfinden solle.

Der Director schickte zu Buttlich und ließ die Vorstellung verbieten.

Buttlich sandte aber die Abschrift eines Dokumentes zurück, worin ihm

der Präsident erlaubte, auf seinem Grundstücke, vollkommen unabhängig

von irgend einer Behörde, zu treiben was ihm beliebe, vorausgesetzt

nur, daß es keine feuergefährlichen, oder sonst den Gesetzen des Staates

zuwiderlaufende Dinge seien. Damit war die Sache an dem Tage -- an einem

Samstage -- abgemacht. Am Sonntag Abend war die Vorstellung, und man kann

sich etwa denken wie erstaunt -- weniger die Colonisten, denn diese hatten

Derartiges ja schon in Deutschland gesehen -- aber besonders die Kinder

derselben und der junge Nachwuchs waren. Vor Staunen beinahe sprachlos

standen sie, als Sonntag gegen Abend die Vorbereitungen begannen, und

Bux plötzlich in fleischfarbenen, etwas schmutzigen Tricots, nur allein

mit einer flittergestickten, himmelblauen Schwimmhose und ein Paar eben

solchen Schuhen an, auf dem etwas erhöhten Entrée seiner rauh genug

hergestellten Bude erschien.

Vorher schon hatte seine Frau, das bleiche, abgehärmte Gesicht von

einer verdrückten Rosenguirlande entstellt, die müden Glieder in ein

fleckiges, oft und oft ausgebessertes Seidenkleid gesteckt, an einem

kleinen Tische vor dem Eingange ihren Sitz genommen, um die Billete für

die Zuschauer auszugeben, und Isabella, ihre Tochter, in einem sehr

kurzen weißen Kleide, ebenfalls mit fleischfarbenen Tricots, eine Menge

Blumen im Haar und die Wangen unnatürlich roth geschminkt, trat zu ihr

und lehnte ihren Kopf an der Mutter Schulter.

»Du, Wilhelm -- was ist denn das?« fragte ein junger Bursche von

vielleicht zwanzig Jahren, der hier in Brasilien geboren worden, seinen

Kameraden, indem er mit offenem Munde auf die Gruppe zeigte -- »wo kommen

die Leut' her und was wollen die hier? Sind das vielleicht deutsche

Indianer?«

»Gott weiß es!« sagte der Angeredete, der kein Auge von Bux verwandte

-- »sieh' nur, der Kerl geht ganz nackigt -- oder hat er sich die Beine

nur so angestrichen?«

»Und wie sich die Frau herausgeputzt hat,« flüsterten ein paar junge

Mädchen mit einander -- »und sieh nur, was das Kleid für Flecken hat,

und da am linken Ärmelbesatz sitzt ein blauer Streifen, der eingeflickt

ist.«

»Und das Kind haben sie roth angestrichen,« antwortete die Freundin

-- »was mag denn nur los sein, daß sie solchen Unsinn treiben!«

»Immer herein, meine Hörrschaften!« rief da der Ventriloquist mit seiner

scharfen Stimme über die sich mehr und mehr sammelnden Zuschauer hin, von

denen sich aber noch Keiner getraut hatte, den Platz selber zu betreten

-- »immer herein, immer herein! _Hür_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes

sehen und erleben werden, _hür_ ist die Gelegenheit, die Wunder des

menschlichen Geistes und Körpers zu erkennen! _Hür_ ist der Ort, wo der

berühmte Bux Ihnen zeigen wird, was Sie bis jetzt noch nicht gewußt haben,

und der junge Athlete Guido seine Kraft und Gelenkigkeit entwickeln

soll, während Mademoiselle Isabella in Grazie und jugendlicher Unschuld

einige Tänze aus der alten griechischen Heidenzeit aufzuführen die Ehre

haben wird! Immer herein, meine Hörrschaften, immer herein! Keiner ist

genöthigt da draußen stehen zu bleiben, und es kostet gar Nichts -- nur

fünfhundert Reis die Person, Kinder unter zwölf Jahren die Hälfte,

Säuglinge frei; immer herein, meine Hörrschaften, immer herein -- jetzt

gerade wird der Anfang beginnen!«

»Herr Gott, hat der Kerl ein Maulwerk am Kopfe!« sagte einer der

Außenstehenden -- »wie ein Mühlwerk geht's und klappert auch gerade so.«

Bux stolzirte indessen auf dem schmalen Raume, welcher ihm zum Entrée

diente, auf und ab, und zwar mit einem großen rothbaumwollenen Taschentuch

in der Hand, das ihm Guido aus der Thür herausreichen mußte. Er hatte

den Schnupfen, in seinem gegenwärtigen Costüm aber leider keine Tasche,

und der rothe geblümte Lappen paßte eigentlich nicht recht zu den

himmelblauen gestickten Schwimmhosen und dem Goldreif um den Kopf.

»Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie da plötzlich eine andere

Stimme, die unserm Freunde Jeremias gehörte. Dieser war nämlich durch

den Lärm ebenfalls angelockt worden und hatte der Versuchung nicht

widerstehen können, dem aufgeputzten Burschen, den er haßte, einen

Streich zu spielen -- »immer nur herein -- _hür_ werden Sie sehen, wie

man Sie auf geschickte Weise um Ihr Geld bringt -- _hür_ werden Sie

schauen, wie sich Jammer und Elend mit Blumen herausstaffirt und ein

paar aufgeputzte Kindergerippe auf einem Beine tanzen -- _hür_ werden

Sie sehen....«

»Du hast einen silbernen Löffel gestohlen!« rief es plötzlich neben

Jeremias, aber auf der entgegengesetzten Seite von der, wo Bux stand,

welcher den neuen Ausrufer vollkommen ruhig betrachtete.

»Is nich wahr!« schrie Jeremias, und drehte sich rasch und wüthend nach

der Seite, wo er aber zu seinem Erstaunen Niemand sah.

»Hast 'en ja in der Tasche!« sagte da die Stimme wieder, und Jeremias

lief es kalt über den Rücken.

»Lügenhund, verdammter!« schrie er, wobei er fast unwillkürlich in die

rechte Tasche griff, und Bux wollte sich jetzt auf seinem Stande vor

Lachen ausschütten.

»Na, was ist denn das? Was geht denn hier vor?« riefen Andere und

drängten näher.

»Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie da Bux wieder, den für ihn

günstigen Moment benutzend -- »das gehört Alles mit zum Spaß -- da drinn

wird's jetzt losgehen, immer herein -- immer herein!« und während er

dem kleinen Mädchen einen Wink gab, ihm zu folgen, verschwand er in der

Thür, und gleich darauf begann darin die schon von ihm bestellte Musik,

zwei Trompeten, eine Trommel und eine Clarinette, einen lustigen Walzer

aufzuspielen.

»Ei, zum Henker, fünfhundert Reis wend' ich dran,« sagte da ein junger,

schlanker Bauer, der gerade eine Ladung Bohnen in die Stadt geschafft

hatte -- »sie werden Einen ja doch nicht beißen!« und mit entschlossenem

Schritt trat er auf den Tisch zu, legte das Geldstück darauf und tauchte

dann ebenfalls in die niedere Thür ein. Ein paar andere Colonisten, die

derartige Dinge schon von daheim kannten, folgten, und bald trieb die

Neugierde wohl fünfzehn oder zwanzig Personen mehr nach, welche sich in

dem innern Raume auf roh genug eingerichteten Bänken sammelten.

Das Innere der Hütte war, so gut das eben anging, bühnenartig eingerichtet,

mit einem etwas erhöhten Podium aus ungehobelten Brettern, und einem

freilich sehr dürftigen, von Kattunresten zusammengeflickten Vorhange.

Dieser verrichtete aber doch wenigstens den Dienst, die Zuschauer etwas

Geheimnißvolles ahnen zu lassen, was hinter demselben vorgehen könnte,

und genügte deshalb vollkommen.

Die Ouverture -- jener Walzer -- war beendet, der Vorhang wurde durch

den dazu abgerichteten Hausknecht Buttlich's aufgezogen, und den

Zuschauern zeigte sich eine von der Hand des kunstfertigen Schneiders

gemalte, außerordentlich merkwürdige Decoration, welche vollkommen im

Dunkeln ließ, ob die Phantasie ersucht wurde sich in einen Wald, oder

in eine Tempelhalle hineinzudenken.

Das Publicum zerbrach sich aber darüber gar nicht den Kopf, denn Bux

erschien mitten auf dem Schauplatze, auf den er eine kurze Leiter und

eine Stange mitbrachte, und begann jetzt, als Herkules und Athlet, eine

Anzahl von Productionen auszuführen, wie wir sie Deutschland nur zu

häufig auf Märkten und Messen in kleinen Winkelbuden oder auch gar auf

offener Straße zu sehen bekommen. Der Beifall, den er damit erntete, war

freilich sehr gering; das Publicum lachte ein paar Mal, wenn ihm Etwas

mißglückte, das war Alles; applaudiren wollte Niemand, was wußten

die Leute auch davon, und er ging dann zu dem zweiten Theil seiner

Vorstellung -- der höheren Bauchredekunst -- über, bei welcher er aber

ebenfalls einen weit geringeren Erfolg erzielte, als er erwartet haben

mochte.

Bux war darin wirklich nicht ungeschickt, aber sein ganzer Triumph

scheiterte an der Gleichgültigkeit der Zuschauer, welche sich eben nicht

wollten überzeugen lassen, daß er wirklich allein die bald von da, bald

von dorther schallenden Töne hervorbrachte.

Ach, da hinten oder da drüben steckt _auch_ Jemand, sagten die Leute,

und als er sich mit einem Wesen unterhielt, welches angeblich unter

einer verkehrt auf dem Tische stehenden Papierdüte stak, sagten sie,

»das klang so natürlich, als ob Jemand da drunter wäre,« und damit war

die Sache abgemacht.

Wieder war eine Pause, und einzelne der Zuschauer gingen schon hinaus,

weil sie sich zu langweilen anfingen, dann kamen die Kinder, Guido und

Isabella, welche sich produciren sollten, und hier scheiterte das Ganze.

Die kleine »Isabella« trat kaum vorn auf die Bühne heraus, als die

Frauen unter den Zuschauern, mehr aus einer gewissen Art von Instinct,

als weil sie sich des Entwürdigenden solcher Darstellung für das

Kindesalter klar bewußt gewesen wären, Mitleid mit der kläglich genug

aussehenden Erscheinung fühlten.

»Ach, das arme Wurm,« sagte eine alte Frau, die vorn auf der zweiten

Bank saß -- »wie sie das Kind angestrichen und geputzt haben, und halb

verhungert ist's dabei!«

»Und der Vater prügelt's noch außerdem zu Hause,« sagte ein junges

Mädchen, welches neben ihr saß -- »ich hab' es oft gesehen, und jetzt

soll das arme Ding tanzen.«

»Und der Junge könnte auch was Gescheiteres thun,« meinte ein alter

Bauer, der auf der ersten Bank saß, als Guido jetzt, ebenfalls in

Tricots und geschminkt, neben seiner Schwester erschien und anfing zu

tanzen -- »'s ist ein Skandal, daß Kinder zu so 'was auferzogen werden,

wo sie sich überall im Lande ihr Geld auf ehrliche Art erwerben können!«

Die Musik machte gerade jetzt eine Pause, um Herrn Bux Gelegenheit

zu geben, ein Gestell mit papierüberklebten Reifen auf die Bühne zu

schaffen, und dann bei dem neuen Beginne mit so viel mehr Nachdruck

einfallen zu können, als eine tiefe, ruhige Stimme laut sagte:

»Die Kinder fort! Ich leide nicht, daß die hier zu solcher Schlechtigkeit

gebraucht werden. Die Brasilianer sind den Deutschen so schon aufsässig

genug; wir wollen ihnen nicht auch noch hier im Lande selber solche

Früchte heranziehen!« -- Als sich die Zuschauer erstaunt nach der Stimme

umsahen, erkannten sie den Director Sarno, der eben einem Polizeidiener

oder Wächter den Befehl gab, das weitere Auftreten der Kinder zu

verhindern. Dieser schritt auch ohne Weiteres der Bühne zu und beorderte

»Guido und Isabella«, sich zurückzuziehen, als Bux wüthend auf ihn

eindrang und sein Recht behaupten wollte, hier in seinem Locale und

_mit_ seiner Familie zu treiben, was ihm beliebe.

Der Schneider, welcher seinen Platz auf der ersten Bank hatte, war rasch

aufgesprungen als er den Director hörte, um Buttlich herbeizurufen, und

der Wirth erschien auch fast augenblicklich, den Künstler, kraft seines

Freibriefes, gegen die »Willkürlichkeiten des Directors« in Schutz zu

nehmen. Jetzt aber mischte sich das Publicum in die Verhandlungen, und

besonders waren es die Frauen, die zuerst des Directors Partei nahmen.

»Er hat Recht, der Herr Director,« riefen sie; »es ist ein Skandal und

sollte nicht erlaubt werden! Schickt die armen Kinder in die Schule

oder auf eine Chagra, daß sie 'was lernen, was sie zum Leben brauchen!«

»Ich kann mit meinen Kindern machen was ich will,« schrie Bux dazwischen,

»und kein Mensch hat mir ein Wort zu sagen!«

»So, mein Bursche?« rief der alte Bauer -- »das ist aber doch vielleicht

ein Irrthum; denn wenn wir hier frische Leute und Kräfte in's Land

bekommen, so liegt uns auch daran, daß sie uns keine Schande machen, und

wo wir merken, daß das doch geschehen könnte, da wär's doch sonderbar,

wenn wir nicht auch noch ein Wort mit drein zu reden hätten!«

»Ich kann meine Kinder tanzen lassen, wo ich will,« schrie Bux wieder,

durch den neuen Widerspruch gereizt.

»Das weiß ich nicht,« sagte der alte Bauer, indem er ruhig von seinem

Sitze aufstand; »ich denke mir aber, wenn Dir Niemand weiter zusieht,

wirst Du's von selber bleiben lassen. Deshalb, Landsleute, wenn Ihr

meinem Rathe folgt, so laßt Ihr den Menschen hier seinen Unfug treiben,

seht ihm aber nicht auch noch zu. Ich wenigstens habe die Sprünge und

Dummheiten satt, und wenn ihn Niemand mehr dafür bezahlt, bekommen die

armen Kinder schon von selber Ruhe!« -- und damit setzte er seinen Hut

auf und schritt dem Ausgange zu.

»Das ist wahr, das ist recht!« riefen die Frauen und einige junge

Burschen; »es ist eine Schande, nur dabei zu sitzen!«

»Ihr werdet Euch doch nicht von einem Polizeidiener in's Bockshorn jagen

lassen?« schrie jetzt der Schneider dazwischen, der das Weglaufen der

Leute auch theilweise mit als eine Beleidigung gegen _sich_ betrachtete,

weil _er_ ja die Decoration gemalt hatte. »Wir sind hier in unserem

Rechte, und ich will Den sehen, der uns Etwas hier zu sagen oder zu

befehlen hat!«

»Du kannst da bleiben, Schneider,« sagte der Bauer ruhig, indem er

den Kopf über die Schulter nach Justus Kernbeutel hindrehte, »von Dir

erwartet es auch Niemand anders!« -- und mit den Worten verließ er das

Haus.

Ein paar der jungen Leute zögerten noch; sie hatten ihr Geld bezahlt,

und wollten doch eigentlich auch noch gern genießen, was hier zu sehen

war; da aber alle Anderen gingen, mochten sie auch wieder nicht allein

zurückbleiben, und ehe zehn Minuten vergangen waren, hatten sämmtliche

Zuschauer den Platz geräumt, und in der That den Schneider allein als

Publicum in dem öden Raume zurückgelassen. Selbst der Polizeidiener war

gegangen, als er sah daß die Colonisten die Sache selber in die Hand

nahmen.

Director Sarno hatte ebenfalls die Hütte verlassen, sobald er nur den

Befehl gegeben, die Kinder von der Bühne zu entfernen, und wollte gerade

nach seiner eigenen Wohnung zurückgehen, als ihn Jeremias einholte und,

ohne weitere Umstände seinen Arm ergreifend, sagte:

»Der Teufel ist los, Herr Director, und die Bombe ist geplatzt!«

»Und was giebt's nun wieder?« fragte Sarno ruhig, und dann nach der

Landung hinunter horchend, fuhr er fort -- »was ist denn das für ein

Lärm da unten, Jeremias?«

»Das ist ja eben die Bombe,« sagte der kleine Bursche -- »der neue

Director mit einem ganzen Schwarm brauner und schwarzer Soldaten, die

man bei uns zu Hause alle für Geld könnte sehen lassen.«

»Der _neue_ Director,« lächelte Sarno -- »und woher weißt _Du_ das?«

»Eben ist das Dampfschiff hereingekommen,« versicherte Jeremias -- »gerade

von Santa Catharina -- und der Director ist mit den Booten unten von

der kleinen Barre heraufgekommen, weil der Fluß jetzt so niedrig ist,

und der Bodenlos hat einen Bekannten dabei getroffen, einen Deutschen,

und der hat ihm die Geschichte erzählt. Der neue Director logirt bei

dem Baron, und die Soldaten sind mitgeschickt, daß uns die Indianer hier

nicht die Hälse abschneiden sollen.«

»So?« sagte Sarno ruhig und schritt auf sein Haus zu -- »komm' mit,

Jeremias, vielleicht giebt es Etwas zu besorgen« -- und ohne weiter eine

Frage an seinen Begleiter zu richten, setzte er seinen Weg fort. -- Der

neue Director? Er hatte etwas Ähnliches schon lange erwartet, wenn auch

freilich in anderer Weise, und lange schon gewünscht, dieses lästigen,

undankbaren Postens enthoben zu sein, und trotzdem war es ihm doch ein

bitteres Gefühl, sich zu denken, daß er für so vollkommen entbehrlich

gehalten wurde, seine Arbeit ohne weitere Umstände durch einen Andern

-- er wußte ja noch nicht einmal, durch wen -- fortgeführt und sich bei

Seite geworfen zu sehen.

Er stand, mit diesen Gedanken beschäftigt, vor seinem Hause, ehe er

selbst recht wußte, wie er dahin gekommen. Die Entscheidung ließ aber

auch nicht lange auf sich warten, denn selbst vor seiner Thür fand er

einen der brasilianischen Soldaten in blauer Uniformjacke, Sommerhosen

und bloßen Füßen, der ein Schreiben in der Hand hielt und auf Jemanden

zu warten schien.

»Zu wem willst Du?« fragte er ihn.

»Senhor Sarno.«

»Der bin ich selber.«

»Brief abzugeben,« sagte der Soldat und reichte ihm das Schreiben.

»Weiter Nichts?«

Der Bursche hielt es nicht einmal der Mühe werth zu antworten,

schüttelte nur mit dem Kopf und schlenderte dann pfeifend die Straße

wieder hinab.

Jeremias sah ihm nach und sagte dann kopfschüttelnd:

»Hübsche Kerle -- jetzt können wir nur unsere Häuser und Kasten

zuschließen, denn wo _die_ Bande hinkommt, hört der Friede auf.«

Sarno war vor ihm her in sein Zimmer gegangen, und brach dort das

Schreiben auf. Es enthielt, wie Jeremias schon ganz richtig gemeldet

hatte, seine einfache Entlassung als Director der Colonie Santa Clara,

ohne irgend welchen Grund dafür anzugeben, wie außerdem die Anzeige,

daß Baron von Reitschen als neuer Director von dem nämlichen Tage an,

an welchem er die Colonie betreten, in seine Stellung einrücken würde.

Weiteres werde Herr von Reitschen selber mit ihm besprechen, und Acten

wie Casse von ihm übernehmen.

»Also abgesetzt,« lachte Sarno bitter vor sich hin, als er das Papier

auf den Tisch warf -- »und mit verwünscht wenig Umständen, wie es

scheint.«

»Das ist Alles bei der Frau Gräfin gekocht,« sagte da Jeremias, der, von

dem Director vollkommen unbeachtet, diesem in das Zimmer gefolgt war

-- »dorten haben sie's gebraut.«

Sarno sah sich rasch nach dem Redenden um.

»Gebraut? Was?«

»Die Eingabe nach Santa Catharina und die ganze andere Geschichte. Der

Herr von Pulteleben hat's geschrieben und vorgelesen, und nachher wurd'

es unterzeichnet und fortgeschickt, im ganzen Orte herum. Selbst der

Lump, der Justus, und der Schuft, der seine Frau und Kinder immer

prügelt und mit dem Bösen im Bunde steht, hat seinen Namen mit drauf

setzen müssen.«

»Neben den der Frau Gräfin?« lächelte Sarno.

»Nun, ein Stückchen weiter unten,« sagte Jeremias -- »und mich wollten

sie auch dazu haben, aber ich denke, der Herr von Pulteleben bleibt

künftig bei seinen Cigarren und läßt _mich_ ungeschoren.«

»Die Fabrikation geht gut?« lächelte Sarno.

Jeremias pfiff blos leise vor sich hin, schob beide Hände in die Taschen

und verließ, seinen Hut noch immer unter den Arm geklemmt, das Zimmer,

kehrte aber augenblicklich wieder zurück und meldete: »'s ist ein

fremder Herr draußen, der den Herrn Director zu sehen wünscht,« und

dabei überreichte er Sarno eine Karte, auf der nur die Worte standen:

Ferdinand von Reitschen.

»Wird mir sehr angenehm sein,« sagte Sarno, die Karte auf den Tisch

werfend.

»Der _Neue_, nicht wahr?« fragte Jeremias, indem er Sarno mit den Augen

zublinzelte. Dieser lächelte und nickte, und der kleine Bursche ließ

gleich darauf den Baron von Reitschen in das Zimmer.

»Mein werther Herr,« sagte dieser, indem er rasch auf Sarno zuging und

seine Hand ergriff -- »ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, Sie

noch in meinen Reisekleidern aufgesucht zu haben, aber die eigenthümlichen

Umstände, unter denen ich hier...«

»Bitte, machen Sie keine Umschweife,« unterbrach ihn Sarno ruhig, indem

er ihm einen Stuhl hinrückte -- »dem eben erhaltenen Schreiben nach habe

ich das Vergnügen, in Ihnen den neuen Director der Colonie zu sehen, und

da ich von dem Augenblicke Ihres Eintreffens an, mein Amt in Ihre Hände

niederlege, so versteht es sich von selbst, daß wir alles Geschäftliche

so rasch wie irgend möglich erledigen. Aus diesem Grunde schon kann ich

Ihnen nur dankbar sein, eine für beide Theile nicht angenehme Sache, so

bald es eben angeht, zu beseitigen.«

»Ich bitte, mich um Gottes Willen nicht falsch zu verstehen!« rief Herr

von Reitschen rasch -- »Sie glauben doch sicherlich nicht, daß ich schon

in der ersten Stunde auf etwas Derartiges dringen wollte. Nehmen Sie sich

ja Zeit, mein lieber Herr -- nein, ich kam eigentlich heute Nachmittag

nur her, um Sie um Ihren Rath und wo möglich Ihren -- Beistand zu bitten.«

»In was, wenn ich fragen darf?«

»Sie wissen, daß Se. Excellenz eine kleine Abtheilung Militär hieher

beordert hat.«

»Ich habe es wenigstens heute erfahren, wenn ich auch eigentlich nicht

recht begreife, zu welchem Zweck.«

»Die Indianer haben sich in der letzten Zeit wieder so frech gezeigt.«

»Hier bei uns?«

»Nun, doch in der Nachbarschaft,« sagte Herr von Reitschen etwas

verlegen -- »wenigstens liefen dahin lautende Berichte bei dem

Präsidenten ein.«

»Dahin lautende Berichte hätten doch eigentlich von _mir_ ausgehen

müssen« sagte Sarno ruhig -- »und ich weiß Nichts davon.«

»Sie haben sich in der Nähe sehen lassen, so viel ist sicher, und Sie

wissen selber, daß es zu spät ist Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wenn

sie erst da sind.«

»Ihre Excellenz ist sehr besorgt um das Wohl der Colonie und hat uns

davon schon viele Beweise gegeben.«

»_Ihre_ Excellenz?« sagte Herr von Reitschen etwas verblüfft.

»Oder _Seine_, das bleibt sich ja gleich; doch bitte, zur Sache, denn

Sie wissen ja doch, daß ich weder mit den Indianern noch mit den Soldaten

weiter Etwas zu thun habe.«

»Es handelt sich jetzt darum, sie unterzubringen, bis passende Wohnungen

für sie gebaut werden können,« sagte Herr von Reitschen, dem selber daran

lag, das Gespräch abzubrechen -- »ich bin hier noch zu fremd, und Sie

können mir gewiß am Besten die Mittel und Wege...«

»Da bedauere ich doch sehr,« unterbrach ihn Sarno ruhig -- »ich selber

halte brasilianisches Militär hier zwischen den deutschen Colonisten

nicht allein für ganz überflüssig, sondern sogar noch für vollkommen

verderblich, und würde _nie_ die Hand oder meine Hülfe dazu bieten, es

hier unterzubringen, selbst _wenn_ ich noch Director wäre.«

»Aber der bestimmte Befehl des Präsidenten.«

»Sie vergessen, verehrter Herr,« lächelte Sarno, »daß _mir_ Se. Excellenz

Nichts mehr zu befehlen hat.«

»Mißverstehen Sie mich nicht,« sagte Herr von Reitschen rasch -- »in

dieser Angelegenheit würde ich es nur als eine mir persönlich erwiesene

Gefälligkeit betrachten.«

»Ich bedaure dann recht sehr, Ihnen diese nicht leisten zu können,«

sagte Sarno kalt; »kann ich Ihnen vielleicht mit etwas Anderm dienen?«

»Ich danke Ihnen; mit Nichts was ich augenblicklich wüßte,« sagte Herr

von Reitschen, und hielt seine Unterlippe mit den Zähnen.

»Dann ersuche ich Sie nur,« fuhr Sarno fort, »sich morgen um zehn Uhr zu

mir zu bemühen, um die Directionspapiere zu übernehmen. Sie wohnen?«

»Bei Baron Jeorgy.«

»Es ist sonst«, lächelte Sarno, »bei einer Entlassung von Dienstboten

wohl Sitte, ihnen eine vierwöchentliche Kündigungsfrist zu stellen, ich

werde aber dieses »Dienstbotenrecht« nicht für mich beanspruchen, Herr

Baron, und hoffe, Ihnen das Directionsgebäude übermorgen früh zur

Verfügung stellen zu können.«

»Aber solche Eile ist ja gar nicht nöthig.«

»Doch vielleicht -- bis wann verläßt der Dampfer Santa Clara wieder?«

»Er -- hat Ordre, zu warten, bis Sie bereit seien, falls Sie ihn zur

Abreise benutzen wollten.«

»Nun, sehen Sie,« sagte Sarno, indem ein ironisches Lächeln um seine

Lippen zuckte -- »ich darf die Güte der Regierung doch nicht mißbrauchen

-- der Dampfer ist nach Rio bestimmt?«

»Ja«

»Sehr schön; in einigen Tagen denke ich ihn zu benutzen, übermorgen aber

werde ich jedenfalls hier ausziehen, und meine Wohnung indessen im

Gasthofe nehmen.«

»Es ist das wirklich nicht nöthig -- ich bin bei dem Baron vortrefflich

aufgehoben.«

»Ich glaube, die Sache ist damit abgemacht.«

»Wenn Sie es nicht anders wollen -- so habe ich die Ehre, mich Ihnen

gehorsamst zu empfehlen.«

Sarno verbeugte sich höflich, aber kalt gegen den Baron, und dieser

verließ rasch das Zimmer, hatte aber kaum die Treppe betreten, als ein

Brett unter seinen Füßen nachgab und er polternd die ziemlich steilen

achtzehn Stufen mit einem furchtbaren Lärm hinab kollerte.

»Der Herr scheinen die neuen Colonietreppen noch nicht gewöhnt zu sein,«

sagte Jeremias, der unten an der Treppe stand und mit einer seiner

zierlichsten Verbeugungen den Hut abnahm -- »haben sich doch nicht etwa

Ihre werthen Arme oder Beine gebrochen?«

»Verfluchte Treppe!« brummte Herr von Reitschen, indem er sich kaum vom

Boden zu heben vermochte, ohne daß ihm Jeremias jedoch die geringste

Hülfe geleistet hätte -- »eine schöne Ordnung hier im Hause, daß man

nicht einmal sicher die Stiege betreten kann!«

»Schade um die hübsche Hose,« sagte Jeremias, auf das zerrissene

Kleidungsstück deutend -- »aber wenn's Bein nur ganz ist.«

Der neue Director hörte ihn nicht mehr und verließ hinkend das Haus,

Jeremias aber stieg, vergnügt vor sich hin pfeifend, die Treppe wieder

hinauf, holte dort einen Hammer und Holzstift, welcher letztere genau in

die Stelle paßte, wo einer im Seitenbret fehlte, und hatte den Schaden

in wenigen Minuten vollständig ausgebessert.

Der nächste Tag war ein lebendiger in der Colonie, denn während Sarno mit

Herrn von Reitschen in dem Directionsgebäude arbeitete und wirthschaftete,

schien indessen jede wirkliche Beschäftigung in dem Städtchen aufgegeben

zu sein, und die Männer schlenderten in den Straßen herum oder saßen in

den Wirthshäusern, theils die neuen Soldaten zu betrachten, theils sich

ihre Bemerkungen über diesen, Keinem willkommenen Zuwachs mitzutheilen.

Und was war jetzt der neue Director für ein Mann, und weshalb hatte man

ihnen den alten eigentlich nicht gelassen? Jetzt, da sie ihn verlieren

sollten, fiel ihnen auf einmal Allen ein, daß er doch ein ganz tüchtiger

und braver Mann gewesen, der es mit den Colonisten wirklich gut gemeint,

und wie sich der neue zu diesen stellen werde, wußte man ja noch gar

nicht. Außerdem war er ein Baron, kein Bürgerlicher, wie Sarno, und

hatte sich auch gleich bei dem Baron Jeorgy einquartiert -- weshalb

ging er nicht in's Gasthaus, meinte Bohlos, denn wozu wären denn die

Gasthäuser eigentlich da, wenn die Fremden nicht darin wohnen wollten?

Die vorläufige Unterbringung der Soldaten hatte ebenfalls ihre

Schwierigkeit, denn kein Deutscher wollte diese Burschen, die nirgends

in dem besten Rufe stehen und außerdem entsetzlich schmutzig und roh

sind, in Quartier nehmen. Es blieb also zuletzt in der That nichts

Anderes übrig, als sie vor der Hand in das Auswanderungshaus zu legen,

obgleich hier schon zwei aus einer andern Colonie herübergekommene

Familien einquartiert lagen. Den Colonisten wurden indessen von Herrn

von Reitschen bedeutet, daß es nur für ganz kurze Zeit sei, da die Leute

selber schon am nächsten Tage daran gehen sollten, Hütten für sich in

der Nähe des Flusses zu errichten.

Nachmittags vier Uhr hatte Sarno seine Geschäfte mit dem neuen Director,

so weit das bis zur vollständigen Übernahme geschehen konnte, beendet,

als Könnern, der einen kleinen Ausflug in das innere Land gemacht, vor

seiner Thür hielt, abstieg und zu Sarno hinauf ging.

»Sie kommen gerade recht,« rief ihm dieser lachend entgegen, »um Ihr

eigenes Gepäck zusammen zu packen und mit mir auszuziehen. Wir sind

Beide auf die Straße gesetzt.«

»Also ist es wirklich wahr?« sagte Könnern kopfschüttelnd -- »ich hatte

schon draußen vor dem Orte davon gehört, und der Herr, der mir da eben

in der Thür begegnete...«

»Ist der neue Director, Herr von Reitschen.«

»Sein Gesicht gefällt mir nicht besonders -- doch was thut das -- _ich_

werde mit dem Herrn in keine nähere Berührung kommen. Aber ist Schwartzau

noch nicht zurück?«

»Noch nicht, doch kann er jeden Tag eintreffen, denn wir haben die letzten

drei Tage einen festen Süder gehabt, der eine ganze kleine Flotte von

Schoonern in den Fluß gebracht -- und geschrieben hat er, daß er kommt.

Apropos, Könnern, gehen Sie mit nach Rio?«

»Wann?«

»Jetzt -- morgen oder übermorgen.«

Könnern hatte die Arme untergeschlagen und ging mit langsamen Schritten

im Zimmer auf und ab; er beantwortete auch eine Zeit lang die Frage

nicht; endlich sagte er leise: »Ich kann nicht -- ich kann wenigstens

jetzt noch nicht, bis sich mein Schicksal hier entschieden hat.«

»Könnern, Könnern, nehmen Sie sich in Acht!«

»Ihre Warnung kommt zu spät,« sagte der junge Mann, indem er vor Sarno

stehen blieb und ihm treuherzig in's Auge sah.

»Und sind Sie schon so weit?«

»Weit?« seufzte Könnern; »ich stehe an der nämlichen Stelle, wo ich vor

vier Wochen stand -- ich habe Elisen seit jenem Tage, an dem ich zum

ersten Male ihren Garten betrat, nicht wieder gesehen, also auch _nie_

allein sprechen können, denn der Alte hütet sie ordentlich vor mir, und

hat mich schon ein Dutzend Male von seiner Thür zurückgewiesen. Aber ich

bin jetzt entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich glaube daß Elise

mich wieder liebt, und ist dem so, dann können die Eltern keinen Grund

haben, sie mir zu verweigern; ich bin vollkommen unabhängig und kann

eine Frau ernähren.«

»Sie wissen, daß Meier ausverkaufen und von hier fortziehen will?«

fragte Sarno.

»Kein Wort!« rief Könnern rasch.

»Er steht schon über seine Chagra in Unterhandlung, und zwar durch eine

Mittelsperson, mit jenem Pulteleben, der bei der Frau Gräfin wohnt. Ich

weiß es genau, und glaube jetzt fest, daß _Sie_ die Ursache sind, die

ihn hier forttreibt.«

»Es wäre entsetzlich wenn Sie Recht hätten!« sagte Könnern scheu; »und

doch fürchte auch ich fast, daß dem so ist, denn welcher andere Grund

könnte den Mann aus seiner freundlichen Häuslichkeit treiben.«

»Es wäre das wenigstens ein Zeichen, daß das Mädchen auch Sie liebt, und

etwas Ähnliches den Eltern vielleicht erklärt hat. Sonst weiß ich nicht,

weshalb eine solche Maßregel nöthig wäre. Ein Vater kann doch nicht

immer gleich die ganze Gegend verlassen, wenn Jemand um seine Tochter

anhält, der ihm aus dem einen oder andern Grunde nicht genehm ist.«

»Ich muß hin -- ich muß noch heute hin!« sagte Könnern, seinen Spaziergang

im Zimmer wieder fortsetzend -- »ich muß wissen woran ich bin, und wenn

mich Elise wirklich liebt, dann _dürfen_ mir die Eltern ihre Hand nicht

verweigern; sie _dürfen_ ihr Kind nicht unglücklich machen um der Laune

eines menschenscheuen Mannes wegen!«

»Mein lieber Könnern,« sagte Sarno ruhig, »wenn die Sache so steht, und

Sie bis über die Ohren in die junge Dame wirklich verliebt sind, so

werde ich natürlich meine Zeit nicht länger mit Bitten vergeuden, mich

zu begleiten. Bleiben Sie hier und thun Sie, was Sie eben nicht lassen

können. Um eins aber _muß_ ich Sie bitten, schon Ihres Bruders wegen:

handeln Sie nicht unüberlegt und wie ein junger, tollköpfiger Bursche

von zwanzig Jahren. Heute Abend sind Sie aufgeregt -- thun Sie keinen

Schritt in der ersten Aufwallung, der Sie nachher vielleicht gereuen

könnte und nie wieder gut zu machen ist. Beschlafen Sie die Sache;

denken Sie mit kaltem Blute darüber nach, und wenn Sie morgen nach dem

Frühstück noch genau derselben Meinung sind wie heute, gut, dann thun

Sie was Sie wollen!«

»Aber welchen Grund könnten Sie haben, einen solchen Schritt für

unüberlegt zu halten? Elise...«

»Ist ein Engel, wie ich keinen Augenblick zweifle,« unterbrach ihn

lächelnd Sarno; »aber,« setzte er ernster hinzu -- »man heirathet zu

Zeiten nicht allein die Geliebte, sondern auch die Schwiegereltern

mit, und -- mein Rath geht eben _nur_ dahin, sich vorher über _deren_

Verhältnisse doch ein wenig genauer zu unterrichten. Ich muß Ihnen

aufrichtig gestehen, daß mir der alte Meier _nicht_ besonders gefällt,

denn _daß_ er sich so ängstlich von jedem Menschen zurückhält, _kann_

recht gut einfache Scheu vor einem geselligen Umgange -- es kann aber

auch etwas Anderes sein, und ich habe in den zwölf Jahren, in denen

ich mich in den Colonien herumtreibe, schon ganz merkwürdige und oft

wunderliche Erfahrungen gemacht.«

»Sie glauben doch nicht das alberne Geschwätz Zuhbel's?«

»Zuhbel ist ein Schwätzer, und wenn Alles wahr wäre was er sagt, so

verdiente _ich_ zum Beispiel gehängt zu werden.«

»Und hat jener Meier in der Zeit seines hiesigen Aufenthalts irgend

Etwas gethan, was...«

»Nichts -- gar Nichts -- er hat sich stets als einen fleißigen,

anständigen Menschen gezeigt.«

»Dann überlassen Sie mich auch meinem Schicksal,« sagte Könnern

freundlich. »Ich will Ihrem Rathe folgen und erst morgen früh

hinüberreiten -- alles Andere mag sich aber dort entscheiden.«

5.

Die Cigarrenfabrik.

In dem Hause der Frau Gräfin Baulen hatte sich indessen, und in dem

kurzen Zeitraum von wenigen Wochen, außerordentlich viel verändert. Das

ganze Haus war eigentlich auf den Kopf gestellt, und so still es sonst

gewesen, glich es jetzt einem Bienenstock, in dem eine Menge von fremden

Menschen täglich ein und aus schwärmte -- wenn sie auch eben keinen

Honig eintrugen.

Der sogenannte »Gartensalon« unten, wie man früher das größte Zimmer

genannt, war nämlich in eine Werkstätte verwandelt worden, in der sieben

kleine Tische mit eben so vielen Stühlen standen, während auf jedem ein

dickes, viereckiges Brett aus hartem Holz und ein kleines Messer lagen.

Fünf von diesen waren mit Arbeitern in Hemdsärmeln besetzt, die Haufen

von Tabaksblättern neben sich liegen und ein Kistchen oder einen Korb

dabei stehen hatten, in denen fertige und noch feuchte Cigarren

aufgeschichtet lagen, und in der Stube selber, an eingeschlagenen

derben Nägeln waren Seile ausgespannt, auf denen breite Deckblätter

zu oberflächlichem Abtrocknen aufgehangen waren.

Die Fenster waren geöffnet, theils um die milde Luft herein, anderntheils

um den dichten Tabaksqualm hinaus zu lassen, denn die fünf Cigarrenmacher

rauchten die eben gewickelten und noch biegsamen Cigarren mit einer wahren

Leidenschaft. Allerdings hatte ihnen das die Frau Gräfin im Anfange nicht

gestatten wollen, und in den ersten Tagen war es nur Oskar und Herrn von

Pulteleben erlaubt gewesen, im Hause zu rauchen. Da sich die Leute aber

zu arbeiten weigerten, wenn sie nicht ihre Cigarre dabei rauchen dürften,

und sogar die Bibelstelle mit dem dreschenden Ochsen und dem Maulverbinden

citirten, sah sich die Frau Gräfin genöthigt, in ihrer Strenge

nachzulassen. Es hatte überdies Mühe genug gekostet, Leute aufzutreiben

die im Cigarrendrehen erfahren waren, und es hing jetzt Alles davon ab,

eine größere Quantität fertig zu bringen und auf den Markt zu werfen.

Die beiden jetzt leer stehenden Tische im unteren Zimmer verriethen vor

den übrigen eine kleine Auszeichnung. Erstlich standen Rohrstühle davor,

und dann hatten die auf dem Brette liegenden Messer Perlmuttergriffe.

Hier sollten oder wollten Herr von Pulteleben und Oskar arbeiten, und in

der ersten Woche waren sie auch in der That die Ersten und Letzten dabei

gewesen. Dieser Eifer aber verrauchte freilich bald, und Oskar erklärte

schon am Montag Morgen der zweiten Woche, daß er nicht nach Brasilien

gekommen wäre, um »wie ein Sclave zu schanzen«, er hätte sich sonst

gleich von vorn herein schwarz anstreichen lassen.

Herr von Pulteleben hielt länger aus; er ging wenigstens ab und zu in

die Fabrik, um einestheils die Arbeiter zu überwachen, anderntheils

aber auch einmal ein paar Dutzend Cigarren fertig zu bringen, die aber

freilich alle noch eine solche außergewöhnliche Form hatten, daß er sie

selber rauchen mußte und nur einzeln zwischen die regelrecht gefertigten

der Arbeiter einschieben konnte. Mit dem Wickeln selber ging es noch so

ziemlich, aber er brachte die Spitze nicht zu Stande, die sich in die

verschiedensten phantastischen Formen drehte und manchmal lang und dünn

auslief, oft aber mit Kleister zum Zusammenhalten gezwungen werden mußte.

Selbst in die Zimmer der Frau Gräfin waren die unnatürlichen Auswüchse

der Cigarrentische gedrungen, und diese selber gab sich hier mit Helenen

derselben Beschäftigung hin. Helene entwickelte vor allen Anderen

einen wahrhaft eisernen Fleiß in diesem neuen und ihr wahrlich

fremden Wirkungskreise. Mit der ihr in allen anderen Dingen eigenen

Geschicklichkeit hatte sie rasch gelernt, nicht allein rauchbare,

sondern auch gut aussehende Cigarren in regelmäßiger Form anzufertigen,

und schon nach drei Wochen arbeitete sie kaum weniger rasch, als irgend

einer der angestellten Gehülfen.

Wie sich aber die Arbeit bei ihr förderte, schien auch ein anderer,

besser Geist über sie zu kommen; sie schien heiterer, glücklicher zu

werden, und wenn sie sich des Gedankens vielleicht selber nicht ganz

klar wurde, war es doch wohl nur ein Gefühl größerer Selbstständigkeit,

das sie durchzuckte, wenn sie sich bewußt wurde, ihr Brod im Nothfall

selber verdienen zu können.

Jeder wirklich edle Charakter _hat_ dieses Gefühl, mag ihn das Schicksal

in eine Stellung geworfen haben, in welche es wolle -- jeder _sollte_ es

wenigstens haben, denn es ist die einzige »Lebensversicherung«, die uns

der Zukunft darf getrost in's Auge schauen lassen.

Helene, mit einem empfänglichen Herzen für alles Schöne und Gute, das

selbst durch die schlaffe, leichtsinnige Erziehung ihrer Mutter nicht

in ihr ertödtet werden konnte, hatte schon lange schmerzlich den Kampf

empfunden, den diese gegen das Leben ankämpfte, nur um eine leere,

äußere Erscheinung aufrecht zu erhalten, und wenn sie sich bis dahin

selber machtlos gefühlt, das zu ändern, eröffnete plötzlich diese neue

Beschäftigung ihr dazu die Aussicht. Daß ihre Mutter nur durch die

äußerste Nothwendigkeit zu einem solchen Schritte getrieben war, sah sie

recht gut ein; aber sie dankte Gott dafür, und nur manchmal beschlich

sie, nach Andeutungen die jene fallen ließ, ein eigenes dunkles Gefühl,

daß von der sonst so stolzen Gräfin dieses Mittel, sich eine Stellung

im Leben zu erzwingen, nicht ernstlich gemeint sei, ja, nur als

augenblickliche Aushülfe betrachtet werde und einem andern, tiefer

liegenden Zwecke dienen solle. Und welchem? Comtesse Helene preßte die

feingeschnittenen Lippen fester zusammen und ihr Auge nahm wieder jenen

alten, zornigen Trotz an, den die letzten Wochen fast daraus verbannt

hatten -- aber sie dachte den Gedanken nie aus und arbeitete dann nur um

so rüstiger weiter, um die ihr noch so nöthige Fertigkeit in ihrer neuen

Beschäftigung zu erlangen.

Die Frau Gräfin selber hatte wohl auch ein paar Mal begonnen Cigarren

zu machen, aber es war stets nur bei einem leider nicht mit Erfolg

gekrönten Versuche geblieben. Selbst Jeremias weigerte sich, die von ihr

angefertigten Cigarren zu rauchen, weil er behauptete, er bekäme die

Schwindsucht dabei und zöge sich die Seele aus dem Leibe. Das Fabrikat

mußte stets wieder zu Einlagen für andere verwendet werden.

Jeremias hatte übrigens in der neuen »Fabrik« eine nicht unbedeutende

Wichtigkeit erlangt, da sich sehr bald herausstellte, daß _er_ die

einzige Person im Hause sei, die wirklich Etwas von Tabaksblättern

verstand und eingesandte Proben beurtheilen konnte. So oft man aber auch

versuchte, ihn zu thätiger Mitwirkung bei der allgemeinen Leidenschaft

zu veranlassen, so oft schlug er jedes solches Anerbieten auf das

Entschiedenste aus, und nahm sich nur die Interessen seines Gutachtens

in fertiger Waare, besonders von Oskar's Tische, der auch nur für

eigenen Bedarf zu arbeiten schien.

Herr von Pulteleben war außer Helenen noch der Fleißigste der Familie,

zu der er sich jetzt vollkommen zu zählen schien, und besonders

veranlaßte ihn dazu wohl die schon merkliche Abnahme seines kleinen

Capitals, das noch dazu nicht Alles in den Ankauf von rohem Tabak und

die Bezahlung der Arbeiter gesteckt war.

Die Frau Gräfin hatte, da der schon so lange erwartete Wechsel angeblich

noch immer nicht eingetroffen (er war in der That angekommen, aber auch

augenblicklich verausgabt worden, um nur die dringendsten Gläubiger

zu befriedigen), einige kleine Anlehen gemacht, um, wie sie Herrn von

Pulteleben sagte, besonders Helenens Garderobe in Etwas zu restauriren

und dann einige andere höchst nöthige Verbesserungen in ihrer Wirthschaft

zu treffen, und die Einnahme der fertigen, aber noch nicht abgelagerten

Cigarren stellte sich außerdem als viel geringer heraus, als man im

Anfang erwartet haben mochte.

Herr von Pulteleben begann nachzudenken. Die ersten Zweifel stiegen

in ihm auf, ob er hier auf brasilianischem Boden wohl auch gleich die

richtige Speculation getroffen habe, in sehr kurzer Zeit ein reicher

Mann zu werden, und zwar ohne fremde Hülfe, aus eigener Geistesfähigkeit

und Ausdauer -- denn das mitgebrachte und ebenfalls nicht selber verdiente

Geld rechnete er natürlich gar nicht. Hinter dem Allem aber schwebte

freilich das Bild Helenens, deren Reize einen unwiderstehlichen Zauber

ausübten und ihn noch immer nicht recht zur Besinnung kommen ließen.

Hatte er sich gleich im ersten Augenblick von ihrer lieblichen Erscheinung

gefesselt gefühlt, so festigte sich das Band, das ihn zu ihr hinzog,

mit jedem Tage mehr und mehr, trotzdem ihm das schöne Mädchen nicht

die geringste Ermuthigung gab, an eine gegenseitige Neigung glauben zu

dürfen. Sie war stets mehr höflich und artig als freundlich gegen ihn;

sie ging, so muthwillig sie auch sonst sein konnte, nie auf die Scherze

ein, die Oskar oft in kindischer Ungezogenheit mit ihrem neuen Hausgast

trieb, denn Oskar war nicht gewohnt, irgend eine Verbindlichkeit gegen

Jemanden in der Welt anzuerkennen, selbst nicht einmal gegen seine eigene

Mutter. Helene aber wußte, daß sie Alle dem Fremden Dank schuldig seien,

sie, wenn auch nur für den Augenblick, aus einer Lage befreit zu haben,

in die sie die unbedachte und zwecklose Verschwendung ihrer Mutter

gebracht; aber sie fühlte sich dadurch gedrückt, denn Herr von Pulteleben

war keine Persönlichkeit, der sie mit freudigem Herzen Etwas hätte danken

mögen.

Arno von Pulteleben legte aber selbst diese oft nur kalte Höflichkeit

stets zu seinen Gunsten und seinen eigenen Wünschen gemäß aus, denn er

besaß eine vortreffliche Meinung von sich selber, und hatte ihn der

_Rangesunterschied_ bei dem ersten Begegnen auch etwas schüchtern

gemacht, so schwanden diese Bedenken immer mehr und mehr, als er erst

einmal die Überzeugung gewann, daß die gräfliche Familie, vor der Hand

wenigstens, nicht die ihrem Rang entsprechenden Mittel besaß, und die

Frau Gräfin selber auf das Herablassendste seine pecuniäre Hülfe in

Anspruch nahm.

Die Sache hatte aber trotzdem ihren Haken; denn wenn sie mit

ihrem Geschäfte wirklich nicht reussirten, ehe der fabelhaft lange

ausbleibende Wechsel der Frau Gräfin ankam, so konnte er in eine Lage

kommen, die ihm viel zu fremd war, um sich vor der Hand auch nur selber

hineinzu_denken_; denn was er auch immer der Gräfin von dem seiner

daheim noch wartenden Vermögen erzählt haben mochte, selber hegte er

keineswegs die großen Erwartungen, die er in ihr erregt hatte. Desto

fester aber glaubte er an eine freundliche Mythe, die, in dem Kopfe der

Frau Gräfin entsprungen, ein sehr bedeutendes Rittergut in Ungarn zur

Basis hatte, das jetzt durch ihren Anwalt verkauft wurde, und dessen

Ertrag dann ohne Weiteres an sie übermacht werden sollte.

Die Frau Gräfin hatte ihm das eines Tages, als sie allein beisammen

waren, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, denn Helene

sollte nichts von dem Verkaufe wissen, weil sie kindischer Weise noch

zu sehr an dem alten Stammgut hing.

_Bis_ diese Gelder aber ankamen, mußte mit dem noch vorhandenen und

allerdings schon sehr zusammengeschmolzenen Capital gewirthschaftet

werden, und obgleich er selber Nichts in der Welt weniger als

Geschäftsmann war, konnte er sich doch nicht verhehlen, daß ihre

Ausgaben mit ihren Einnahmen auch nicht in dem geringsten Verhältniß

standen. Ging die Sache also noch lange so fort, so _mußte_ die Zeit

eintreten, in welcher seine Baarschaft verausgabt war -- und was dann?

Er beschloß deshalb, ganz ernsthaft mit der Frau Gräfin zu reden -- er

war ihr das ja sogar schuldig -- und sie konnten dann gemeinsam einen

Plan entwerfen, wie -- ja, er wußte eigentlich selber noch nicht recht,

über was -- aber das ergab sich dann ja auch schon in der Unterhaltung.

Es waren, wie schon gesagt, heute Morgen wieder frische Proben von

Blättertabak eingesandt worden, und während Helene allein in ihrer

Stube, mit ihrer Arbeit und ihren Gedanken beschäftigt, saß, hatte die

Frau Gräfin mit Jeremias den Tabak geprüft und die Sorten ausgesucht,

welche sie für die besten zur Bearbeitung hielten. Damit im Reinen,

wurde Herr von Pulteleben gerufen, um zu einer abgemachten Sache seine

Zustimmung und dann, die Hauptsache, die schriftliche Ordre zum Ankaufe

zu geben, da die Frau Gräfin die etwas unangenehme Erfahrung gemacht

hatte, ihre eigene Handschrift in der Geschäftswelt nicht besonders

respectirt zu sehen.

Oskar lag auf dem Sopha, rauchte eine von ihm selbst gewickelte Cigarre

und pfiff in den Pausen eines von Helenens Liedern. Was kümmerten _ihn_

die Geschäfte!

_Vor_ dem Zimmer stand ein Tausend Cigarren, das Oskar übernommen gehabt

hatte, schon gestern Abend zu dem Geistlichen zu befördern und das Geld

dafür mitzubringen, und Herr von Pulteleben ärgerte sich, daß der junge

Bursche nicht allein zu gar Nichts zu bringen war, sondern sogar noch

wie zum Hohn hier ausgestreckt auf dem Sopha lag.

»Ach, lieber Baron,« sagte die Gräfin, als er eintrat, und ohne seinen

auf Oskar geschleuderten, eben nicht freundlichen Blick zu beachten

-- »wir haben hier den Tabak ausgesucht -- sehen Sie, diese beiden Sorten

-- von der einen zwölf Aroben zu Einlage und drei Aroben von der andern

zu Deckblatt -- ich denke, das wird vorläufig genug sein, und wir können

erst einmal mit der kleinen Quantität versuchen, wie sich die Cigarren

machen werden. Von wem ist der Tabak, Jeremias?«

»Von Köhler's Chagra,« sagte der Angeredete, indem er sich von dem

Tische ebenfalls eine Cigarre nahm und sie abbiß -- »er hat aber gesagt,

er gäb' ihn für _den_ Preis nicht anders, als um »baar Geld lacht« -- die

landesübliche Münzsorte.«

»Ich denke, daß ihm sein Geld bei uns sicher ist,« sagte die Frau

Gräfin, ärgerlich den Kopf zurückwerfend.

»Kann wohl sein,« meinte Jeremias, die abgebissene Spitze in die Ecke

spuckend -- »er denkt's aber nicht, und ist dumm genug, das Geld lieber

in der eigenen Tasche wie bei fremden Leuten zu haben -- mit Erlaubniß

-- damit ging er an das Feuerzeug und wollte sich ohne Weiteres seine

Cigarre anzünden; die Frau Gräfin schien aber nicht gesonnen, ihm _alle_

Freiheiten zu gestatten.

»Sie wissen doch, Jeremias,« sagte sie streng, »daß ich Niemandem

gestatte, in _meinem_ Zimmer zu rauchen -- meinem Sohne ausgenommen,«

fuhr sie fort, als sie bemerkte, wie Jeremias einen halb lächelnden

Blick nach Oskar hinüber warf -- »ich dulde keine Unverschämtheit.«

»Reden wir nicht weiter davon,« sagte Jeremias, indem er die Cigarre

in die Tasche schob und mit dem Fuße den neben ihm liegenden Haufen

Blättertabak etwas lockerte -- »Sie können wahrscheinlich den Tabaksgeruch

nicht vertragen. Soll ich dem Köhler das Geld gleich mit hinauf nehmen?

denn er wollte sofort Antwort haben, weil jetzt gerade Gelegenheit ist,

den Tabak nach Rio Grande zu schicken.«

»Kommen Sie nachher wieder herauf,« sagte Herr von Pulteleben, die

Antwort umgehend -- »ich habe augenblicklich mit der Frau Gräfin noch zu

reden.«

»Hm,« sagte Jeremias, aus einer etwas engen Uhrtasche eine riesige, beinahe

kugelrunde Taschenuhr herauszwängend und den silbernen Deckel derselben

öffnend -- »jetzt ist's in sechs Minuten zehn; um halb elf muß ich

spätestens fort, wenn ich zu Mittag wieder da sein will. Wäre mir lieb,

wenn ich bei der Gelegenheit auch gleich meinen rückständigen Lohn

bekommen könnte, um meine eigenen Rechnungen zu bezahlen« -- und mit den

Worten schlenderte er langsam zur Thür hinaus.

»Der Bursche wird mit jedem Tage unverschämter!« sagte die Gräfin, als

er das Zimmer kaum verlassen hatte -- »und wenn Du seine Übergriffe

duldest, Oskar, so habe ich nicht Lust, dem noch länger ruhig zuzusehen.

Entweder er muß sich seiner untergeordneten Stellung fügen, oder das

Haus verlassen.«

»Und wo willst Du einen Andern herbekommen?« sagte Oskar, ein Bein über

das andere legend.

»Mein lieber Oskar,« fiel hier Herr von Pulteleben ein, »es ist nicht

allein Jeremias, der sich ändern muß, wir werden Alle unsern Beruf ein

wenig mehr in's Auge fassen müssen, wenn wir es wirklich zu Etwas

bringen wollen.«

»Puh,« sagte Oskar, den Dampf zu gleicher Zeit ausblasend -- »wollen

Sie einmal wieder Moral lesen? Verderben Sie uns den schönen Tag nicht.«

»Moral gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben piquirt -- »aber ein klein

Wenig müssen Sie doch auch mit zufassen, wenn nicht Alles rückwärts

gehen soll. Die Cigarren zum Beispiel, die Sie schon gestern Abend an

den Pfarrer Beckstein besorgen und das Geld dafür eincassiren wollten,

stehen noch immer draußen, und wenn es auch nur zwanzig Milreis sind,

so brauchen wir sie doch, um die laufenden Ausgaben zu decken.«

»Aber weshalb, zum Henker, schicken Sie da nicht den Jeremias?« -- rief

Oskar mit gerunzelter Stirn -- »glauben Sie, daß _ich_ Ihren Laufburschen

machen soll?«

»Mein lieber Baron,« sagte die Frau Gräfin, »Oskar hat da wirklich

Recht. Ich sehe auch nicht ein, weshalb das Jeremias nicht eben so gut

besorgen kann.«

»Aber Jeremias,« meinte Herr von Pulteleben, »kann die wenigen Stunden,

die er überhaupt hier ist, viel nützlicher beschäftigt werden, und Oskar

hat auf der Gottes Welt Nichts zu thun....«

»Als _Ihnen_ aufzuwarten, nicht wahr?« rief der junge Bursche, ärgerlich

vom Sopha aufspringend -- »es wird doch wahrhaftig alle Tage besser,«

und das Zimmer verlassend, schlug er die Thür hinter sich zu, daß die

Scheiben klirrten.

Herr von Pulteleben blieb mit der Frau Gräfin allein zurück, und zwar in

der peinlichsten Verlegenheit, denn wenn er sich auch in seinem vollen

Recht wußte und nicht das geringste Unbillige verlangt hatte, fühlte er

doch, daß die Frau Gräfin selber einen andern Standpunkt einnahm, und

mochte um Alles in der Welt ihr nicht feindlich entgegen treten. War sie

nicht Helenens Mutter und mußte er nicht schon Helenens wegen in allen

solchen, doch eigentlich Nichts bedeutenden Kleinigkeiten nachgeben?

Und doch hatte er gerade heute Morgen mit der Frau Gräfin über ihre

beiderseitige, sich schwieriger gestaltende Situation sprechen wollen,

wenn die Frau Gräfin nur gerade nicht in diesem Augenblick so entsetzlich

stolz und vornehm ausgesehen hätte.

Ob diese etwas Ähnliches vermuthete? Dann war sie jedenfalls augenblicklich

im Vortheile, und nicht die Frau, einen solchen unbenutzt zu lassen.

»Sie haben Oskar ganz unnöthiger Weise gereizt, lieber Freund,« sagte

sie, zu ihrem Schreibtische gehend und ein Flacon öffnend, an das sie

mehrmals roch -- »diese Scenen greifen meine Nerven an -- Sie müssen

doch bedenken, daß er noch ein ganz junger Mensch ist, der nicht die

reifere Erfahrung des Alters haben kann, und das Leben stets von einer

leichten, ich will nicht läugnen, oft _zu_ leichten Seite betrachtet.

Mit guten und freundlichen Worten ist er aber zu Allem zu leiten.«

»Frau Gräfin,« stammelte von Pulteleben verlegen, »ich will nicht

abstreiten, daß ich vielleicht zu rauh gewesen bin, aber -- aber

die Schwierigkeit -- die Ungewißheit unserer augenblicklichen

Verhältnisse....«

»Schwierigkeit? -- Ungewißheit?« sagte die Gräfin erstaunt -- »ich

verstehe Sie nicht.«

»Sie werden mir zugeben, daß« -- fuhr Herr von Pulteleben verlegen fort,

und stak dann fest.

»Zugeben? Was?« fragte die Gräfin ruhig.

»Daß unser Unternehmen doch noch keineswegs gesichert ist,« setzte der

junge Mann mit einer Art von verzweifeltem Entschluß hinzu -- »meine

Aus-- _unsere_ Ausgaben sind sehr bedeutend und die Einnahmen bis diesen

Augenblick noch außerordentlich gering gewesen.«

»Und ist das _meine_ Schuld?« fragte die Gräfin streng.

»Um Gottes willen, verstehen Sie mich nicht falsch,« bat Herr von

Pulteleben in Todesangst -- »ich meine ja nur, daß wir bis jetzt

entsetzlich wenig für die Cigarren gelöst haben. Die viertausend Stück,

welche der Wirth, Herr Bohlos, bekommen hat, wurden nicht bezahlt, weil

der Mann eine Gegenrechnung brachte, die Oskar....«

»Ja, leider, einer seiner jugendlichen Streiche,« sagte die Gräfin

seufzend, -- »ich habe ihm aber auch meine Meinung darüber gesagt und es

wird nicht wieder geschehen.«

»Unglücklicher Weise traf es sich auch, daß unser erster Ankauf des

Tabaks so gänzlich mißlang.«

»Lieber Gott,« sagte die Dame achselzuckend, »das wissen Sie ja selber,

daß man in jeder Sache erst einmal Lehrgeld bezahlen muß. Ich glaubte

einen ganz ausgezeichneten Kauf zu machen, glaubte mit einem ehrlichen

Manne zu thun zu haben, und wurde auf das Schändlichste betrogen. Der

nächste Tabak war dagegen vortrefflich, und dieser Herr Buttlich hat

unsere Kundschaft für immer verloren.«

»Der Bäckermeister -- wie heißt er gleich« -- fuhr Herr von Pulteleben

seufzend fort -- »hat ebenfalls dreitausend Cigarren nicht bezahlt,

weil er es von der Miethe abziehen will.«

»_Das_ ist so gut wie baar Geld,« lächelte die Gräfin -- »denn wir

müßten es ihm sonst ja wieder herauszahlen.«

»Und der Kaufmann oben an der Ecke, von woher Sie Ihren Bedarf gezogen

haben --«

»Aber, bester Freund,« sagte die Gräfin gereizt, »das sind ja lauter

Gegenrechnungen, bei denen wir nur gewinnen, daß wir einen solchen

Betrag in unserem Fabrikat bezahlen können. Werfen Sie mir vor, daß wir

leben?«

»Ich? Aber ich bitte Sie, Frau Gräfin!« rief Herr von Pulteleben bestürzt

-- »ich erwähne diese einzelnen Posten ja nur, um Ihnen zu beweisen,

daß wir schon eine ziemliche Quantität von Cigarren verarbeitet, durch

ungünstige Umstände aber kein baares Geld dafür einbekommen haben. _Mein_

an sich eben nicht übergroßes Capital schmilzt dabei mehr und mehr

zusammen, und ich hielt es nur für meine Pflicht, Sie von dem Umstande

in Kenntniß zu setzen, damit wir nicht plötzlich einmal in -- in

Verlegenheit geriethen. Ein Geschäftsmann sollte doch eigentlich auf

alle Zufälligkeiten gefaßt sein.«

»Sie sind zu ängstlich,« lächelte die Gräfin, welche sich noch nie im

Leben Sorgen gemacht hatte, wenn sie nur die unmittelbare Gegenwart

gesichert wußte -- »aber ich billige vollkommen Ihre Vorsorge etwa

möglicher Eventualitäten. Wir wollen auch mit aller Umsicht zu Werke

gehen, und daß wir es dabei nicht an _Fleiß_ fehlen lassen,« setzte

sie mit einem Blick auf ihren heute freilich noch nicht berührten

Cigarrentisch hinzu, »werden Sie mir ebenfalls bezeugen können.«

»O, gewiß -- deß bin ich sicher überzeugt,« stammelte Herr von Pulteleben,

von der Güte der Frau Gräfin so entzückt, daß plötzlich die Idee in ihm

aufstieg, den Moment zu benutzen und einen kühnen Schritt zu seinem

künftigen Lebensglücke zu wagen -- »Sie kennen mich ja aber jetzt auch,

Frau Gräfin -- Sie wissen, daß ich mit allem Eifer...«

»Ich weiß es,« sagte die Dame freundlich, »und die nächste Zeit wird

Ihnen den Beweis bringen, wie rasch wir das jetzt vielleicht etwa

Versäumte wieder eingeholt haben. Der neue Tabak ist vortrefflich und

wir werden brillante Geschäfte damit machen. -- Aber da fällt mir gerade

ein, daß Jeremias unten auf den Bestellzettel wartet -- ich habe ihn

hier schon geschrieben -- bitte, unterzeichnen Sie ihn nur noch -- als

unser Geschäftsführer,« setzte sie lächelnd hinzu -- »das Geld können

Sie ja dann vielleicht dem Jeremias gleich mitgeben -- der Betrag ist

hier ausgefüllt. -- Der alberne Bauer hat es sich nun einmal in den Kopf

gesetzt, nur gegen baares Geld zu verkaufen.«

»Mit Vergnügen,« stotterte Herr von Pulteleben, der in diesem Augenblicke

wirklich gar nicht mehr an den Tabak dachte -- »aber -- werden Sie mir

auch nicht zürnen, wenn ich« -- die Gräfin sah ihn erwartungsvoll an,

und Herr von Pulteleben, welcher über und über roth geworden war, fuhr

schüchtern fort: »wenn ich mit einer -- mit einer recht großen Bitte vor

Ihre Thür käme?«

»Mit einer Bitte?«

»Sie sind immer so sehr gütig gegen mich gewesen.«

»Und die Bitte?«

»Und Comtesse Helene ebenfalls,« stammelte Herr von Pulteleben, und sein

Gesicht sah in dem Augenblick aus, als ob ihm das Feuer heraus schlagen

wollte -- »Sie -- Sie können wohl denken, Frau Gräfin, daß das -- daß

das längere Beisammenleben mit einem so liebenswürdigen Wesen -- ich

muß zwar gestehen, daß ich eigentlich gar nicht daran denken dürfte,

ein solches Glück zu verdienen -- eigentlich ist _Glück_ gar nicht der

passende Name -- Seligkeit sollte man sagen -- und -- und wenn ich nur

hoffen dürfte, daß....«

Er stak wieder vollständig fest, und die Gräfin hatte seine

unzusammenhängenden Worte, als sie nur erst deren Sinn ahnte, auch mit

keiner Silbe weiter unterbrochen. Jetzt nickte sie leise lächelnd mit

dem Kopf und sagte dann freundlich:

»Mein lieber Herr von Pulteleben, ich habe fast gefürchtet, daß Ihnen

das tolle Mädchen den Kopf verdrehen würde. Überlegen Sie sich aber die

Sache wohl, denn Helene ist....«

»Ein Engel!« unterbrach sie der junge Mann, der seiner überströmenden

Gefühle nicht länger Meister war -- »ich wäre selig, wenn ich nur hoffen

dürfte, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig bin.«

Die Gräfin lächelte wieder freundlich vor sich hin und sagte dann in

gütigem, aber immer noch abwehrendem Tone:

»Nun, wir wollen sehen; ich werde mit meiner Tochter sprechen -- ich

glaube, daß wir zu einander passen, und wenn Sie auch noch etwas jung

sind....«

»Ich werde mit jedem Tage älter!« rief Herr von Pulteleben, der vor

lauter Glückseligkeit schon gar nicht mehr wußte was er sagte.

»Nun gut,« lachte die Gräfin jetzt herzlich -- »da Sie diesen Fehler

also täglich verbessern, so läßt sich ja vielleicht über die Sache

reden. Ich kann Ihnen natürlich ohne meine Tochter keine _bestimmte_

Zusicherung geben.«

»Sie heben mich in den siebenten Himmel!« rief von Pulteleben.

»Aber ich will doch sehen was sich thun läßt,« fuhr die Gräfin fort,

»und kann Ihnen wenigstens versprechen, daß ich ein gutes Wort für Sie

einlegen werde. Aber unsere Geschäfte dürfen wir darüber nicht

versäumen.«

»In zwei Minuten soll Jeremias abgefertigt sein,« rief der junge Mann,

seinen Hut ergreifend.

Das Gestampfe ungeduldiger Pferde unter dem Fenster wurde in diesem

Augenblick hörbar, und als Herr von Pulteleben, von einer plötzlichen

Ahnung ergriffen, hinaus sah, bemerkte er, wie sich Helene in den Sattel

schwang und dann, als sie ihn am Fenster erblickte, hinauf rief: »Reiten

Sie mit?«

»Wenn Sie nur einen Moment auf mich warten wollen,« rief dieser hinab, und

sich dann zu der Gräfin wendend, sagte er bittend: »Ich bin heute nicht

mehr im Stande, zu arbeiten -- das Herz ist mir zu voll! Hier haben Sie

meinen Schlüssel -- bitte, theuerste Frau Gräfin, besorgen Sie das

Nöthige,« und mit zwei Sätzen war er die Treppe hinunter und im Stalle,

und wenige Minuten später bei den Geschwistern draußen, mit denen er in

flüchtigem Galopp die Straße hinab sprengte.

6.

Der Ritt am Strande

Günther von Schwartzau hatte indessen seine Geschäfte in Santa Catharina

rascher besorgt, als er im Anfange selbst geglaubt, und da ihn Nichts

weiter an den Platz fesselte, so benutzte er die erste sich ihm bietende

Gelegenheit, auf einem der kleinen brasilianischen Schooner die Rückreise

nach Santa Clara anzutreten.

Die Reisen auf diesen Fahrzeugen sind freilich nur sehr unsicher, denn

so gut sie gebaut und seetüchtig sie sein mögen, so ängstlich werden sie

von den brasilianischen Seeleuten behandelt. Gegen den Wind verstehen

diese gar nicht zu kreuzen, weil sie so erbärmlich und unregelmäßig

steuern, und selbst bei etwas starkem, wenn auch günstigem Winde getrauen

sie sich nicht in die offene See hinaus. Kommt nun noch dazu, daß der

Aufenthalt auf einem solchen Schooner, was Bequemlichkeit und Reinlichkeit

betrifft, ein höchst trauriger ist, so läßt es sich denken, daß sich

nicht gern Jemand der Gefahr aussetzt, vielleicht zwei oder drei Wochen

in solche Verhältnisse eingepfercht zu werden, wenn man irgend

Gelegenheit hat, in anderer Weise fortzukommen.

Eben so unregelmäßig ist aber auch selbst die brasilianische

Dampfschifffahrt an jener Küste, und da jetzt gerade ein günstiger

Südwind eingesetzt hatte, und sich Günther nicht der Gefahr aussetzen

wollte, vielleicht acht, ja vierzehn Tage hier liegen zu bleiben, ehe

der nächste Dampfer von Rio Grande eintraf, beschloß er, die sich gerade

bietende Gelegenheit zu benutzen, und schiffte sich auf einem dieser

kleinen Küstenfahrer ein.

Die Reise war auch in der That eine günstige, aber der Schmutz in der

engen Cajüte so furchtbar, daß ihm selbst die wenigen Tage zu einer fast

unerträglichen Plage wurden, und er dankte Gott, als der Schooner am

Abend des fünften Tages, nach einer ungewöhnlich raschen Reise, die

Mündung des Santa Clara-Flusses sichtete.

Leider war jetzt gerade Ebbe, und die Barre zu seicht, mit dem ziemlich

schwer geladenen Fahrzeuge den Übergang zu riskiren. Der »Capitain«

kannte auch vielleicht nicht einmal den Canal der Einfahrt genau, und

zog es vor, unter dem Schutze der südlich vorspringenden Landzunge,

unter welcher er in fast ruhigem Wasser lag, vor Anker zu bleiben. Damit

versäumte er aber auch die ganze Nacht und die nächste Fluth, und da die

zweitnächste erst wieder Morgens zehn Uhr eintrat, und Günther unter

keiner Bedingung noch eine Nacht an Bord bleiben wollte, so beschloß er,

sich an Land setzen zu lassen.

Er kannte dort, von einer früheren Vermessung her, jeden Fuß breit Boden.

Gar nicht weit vom Strande lag die Chagra eines Brasilianers, auf

welcher er leicht ein Pferd geborgt bekommen konnte, und ritt er dann

kaum zwei Legoas auf dem harten Sand des Strandes hinauf, und schnitt

nachher quer in die Hügel, von einer andern Chagra aus, hinein, so

erreichte er Santa Clara selber wenigstens drei oder vier Stunden

früher, als der Schooner den Biegungen des Flusses stromaufwärts folgen

konnte.

Der Abend war indessen schon zu weit vorgerückt, heute noch an einen

Ritt in stockfinsterer Nacht zu denken. Günther nahm deshalb gern die

gastliche Einladung des Brasilianers an, bei ihm den Morgen zu erwarten.

Mit Tagesgrauen sollte dann ein Pferd für ihn bereit stehen, mit dem er

die Colonie recht gut bis etwa elf Uhr Morgens erreichen konnte.

Die hier angelegte Chagra war nicht unbedeutend, denn in den zunächst

den Sanddünen liegenden Hügeln fanden mehrere Heerden vortreffliche

Weide, während ein kleines Stück weiter im Lande drinnen ein rother,

fruchtbarer Lehmboden Bohnen, Mais, Maniok, ja selbst Zuckerrohr reichlich

gedeihen ließ. Der Brasilianer hielt auch zur Bearbeitung des Landes

und zur Beaufsichtigung seiner Heerden sechszehn bis achtzehn Sclaven

beiderlei Geschlechts, und den zahlreichen Gebäuden nach zu urtheilen,

unter denen besonders ein stattliches Herrenhaus hervorragte, mußte er

sich in vortrefflichen Umständen befinden. Nichts desto weniger lebte

er aber so einfach, wie nur ein Mensch in der Welt leben kann, welcher

keine Ahnung von irgend einer möglichen Bequemlichkeit hat -- Luxus gar

nicht einmal gerechnet.

Das große Zimmer des Haupthauses, in welchem für die Familie heute Abend

der Tisch gedeckt wurde, war nicht einmal gedielt. Die hohen Fenster

hatten keine Gardinen, Tische und Stühle bestanden aus einfachem, weichen

Holz, und das jetzt aufgelegte Tischtuch war nur ein schlechter,

baumwollener Stoff, und deckte weder die volle Länge noch Breite des

Tisches selber. Nur an den Wänden hatte der Eigenthümer sich einem ganz

wunderbaren Luxus hingegeben, der von den Händen des Schneiders und

Zimmermalers Justus Kernbeutel herrührte, und in einem außerordentlich

kühn gehaltenen Entwurfe der brasilianischen Geschichte, in Farben

ausgeführt, bestand.

Das erste Bild sollte wahrscheinlich die Entdeckung Brasiliens vorstellen.

Vorn, gleich rechts neben der Thür, stand wenigstens eine einzelne Palme,

und an beiden Seiten daneben befand sich ein Indianerpaar, welches

staunend alle vier Arme emporhob, weil ihnen gegenüber auf dem hellblauen

Meere ein großes Schiff angeschwommen kam, das eine Besatzung von weißen

Riesen, mit Hintansetzung jeder Perspective, an Bord hatte. Eigentlich

sah diese Abtheilung aus wie ein Besuch des Columbus bei Adam und Eva.

Die zweite Abtheilung, welche eine ganze breite Wand einnahm, beschäftigte

sich mit der Unterjochung der Indianer, welche man überall von Leuten, mit

dreieckigen Hüten und Federbüschen auf, verfolgt und auf das Entsetzlichste

umgebracht sah. Säbel fuhren stets bis an's Heft in den getroffenen

Leib und an der entgegengesetzten Seite an einer vollkommen unmöglichen

Stelle wieder heraus, Flintenkugeln sausten wie Hagel, und ein halbes

Dutzend braune Leichen, welche ganz vorn lagen, hätten, wenn nicht die

Wunden schon tödtlich gewesen wären, allein in ihrem eigenen Blute

ertrinken müssen. Glücklicher Weise war aber gerade dieses Bild mit so

vollkommen räthselhafter Zeichnung und Farbenverschwendung ausgeführt,

daß man erst nach einem längern Anschauen herausbekommen konnte, was

eigentlich ein Baum und was ein Mensch sein sollte, es hätte sich sonst

auch nie eine friedliche Familie dicht darunter zu Tisch setzen können.

Das dritte Bild stellte wieder einen Kampf vor, aber dieses Mal unter

Weißen, wahrscheinlich eine Anspielung auf die letzte Revolution. Hierbei

schien es aber blutlos herzugehen. Justus Kernbeutel war Demokrat durch

und durch -- ein Mann in einem großen Barte, wahrscheinlich Garibaldi,

sprengte auf einem keinesfalls schon entdeckten Ungethüm Brasiliens

hinter den flüchtigen Truppen her, unter denen sich ein Mann, wieder

mit einem dreieckigen Hute und einer Krone oben darauf, was vielleicht

den Kaiser darstellen sollte, auszeichnete. Der seiner Regierung

zugethane Brasilianer ahnte wahrscheinlich gar nicht den Sinn dieses

republikanischen Albumblattes.

Die vierte Wand sollte -- über die Folgen der Revolution hinweggehend

-- Brasilien in seinem jetzigen Zustande darstellen. Kaffeebau,

Zuckerrohr, Reis, Mais, Maniok, Alles war auf einem unglaublich kleinen

Raume lebensgroß zusammengedrängt, und vorn saß, inmitten aller dieser

tropischen Erzeugnisse, ganz gemüthlich ein guter deutscher Bauer in

Pelzmütze und Leinwandjacke, die mit besonderm Fleiße gemalte kurze

Pfeife im Munde, aus welchem der Qualm einem arbeitenden pechschwarzen

Neger gerade in's Gesicht stieg.

Gunther unterhielt sich vortrefflich damit, die wunderbare Fresco-Malerei

zu betrachten, bis sein Wirth wieder hereinkam und diesem eine Anzahl

von Sclaven mit dem Abendbrod, auf dem Fuße folgte.

Die Mahlzeit selber, an welcher der Brasilianer mit seiner Frau und zwei

sehr schweigsamen jungen Damen Theil nahm, war äußerst reichlich, aber

auch eben so einfach, und bestand als erster Gang aus einem halben aber

kalten Hammel, der in voller Länge aufgetragen wurde und von welchem

sich die Herrschaft nur die besten Theile herunterschnitt, um das

Übrige jedenfalls der Dienerschaft zu lassen.

Der zweite Gang war das gewöhnliche brasilianische Gericht, gekochtes

Schweinefleisch, etwas sehr fett, mit schwarzen Bohnen und Maniokmehl,

eine außerordentlich nahrhafte und auch wirklich wohlschmeckende Kost,

mit der sich Günther auch schon lange befreundet hatte. Dazu wurde

Wasser getrunken.

So lange die Mahlzeit dauerte, sprach fast Niemand ein Wort, das

ausgenommen, was sich unmittelbar auf das Essen bezog, und erst als die

aufwartenden Mädchen die Schüsseln wieder hinausgetragen und den Kaffee

hereingebracht hatten, zündeten sich die Männer ihre Cigarettos an, und

der bisher so schweigsame Brasilianer schien aufzuthauen. Aber er sprach

auch nur über das, was ihn speciell interessirte: das Land, das in seiner

Nachbarschaft lag, und über das ihm sein Gast allerdings die beste Auskunft

geben konnte; über die Vermessung des Coloniebodens, über günstige

Lagen, welche man etwa ankaufen könne, über neue Ansiedelungen, die

vielleicht nächstens in Angriff genommen würden, und die Nothwendigkeit

guter Verbindungswege für das Fortbestehen und Wachsen der Colonien.

Die Frauen saßen still dabei oder unterhielten sich unter einander

flüsternd, und erst als der Gast Zeichen von Müdigkeit gab, wurde ihm

sein einfaches Lager angewiesen, auf welchem er seinen Kampf mit den

Flöhen für die Nacht beginnen konnte.

Günther war aber nicht der Mann, sich durch solche Kleinigkeiten im

Schlafe stören zu lassen. An alle Arten von Lagern schon seit manchen

Jahren gewöhnt, rollte er sich in seine Decke, schlief augenblicklich

ein und erwachte erst wieder, als er Morgens eine Hand auf seiner

Schulter fühlte.

Noch war es stockdunkel, da aber Günther am Abend vorher den Wunsch

geäußert hatte, eine Stunde vor Tag aufzubrechen, hatte der Brasilianer

seinen Negern Befehl gegeben, zu der Zeit Kaffee für den Gast und ein

gesatteltes Pferd bereit zu halten, was auch pünktlich befolgt war, und

fünfzehn Minuten später saß der Deutsche schon auf und ritt, als eben im

Osten der Tag zu grauen begann, den schmalen Pfad entlang, welcher nach

dem Strande führte.

Schon hörte er, gar nicht weit mehr entfernt, das dumpfe Schlagen und

Donnern der Brandung, die ihre Wogen gegen den Strand schleuderte, und

nach kaum einer Viertelstunde scharfen Rittes in der kühlen prachtvollen

Morgenluft, sah sich Günther unmittelbar am Rande des atlantischen

Meeres, welchem er, nach Norden zu, hier ziemlich anderthalb Legoas

folgen mußte. Noch war aber glücklicher Weise Ebbe, oder die Fluth hatte

doch erst seit ganz kurzer Zeit wieder begonnen zu steigen, so daß er

seine Bahn auf dem sonst vom Meere gepeitschten und dadurch hart und

fest gewordenen Sande halten, und sein Pferd tüchtig austraben lassen

konnte.

Was für ein merkwürdiges Gefühl das ist, so unmittelbar am Rande

der bäumenden Wogen, im ungewissen, dämmernden Lichte des Morgens

hinzureiten, und wie wunderbar das Meer selber aussieht, das mit seinen

weiten, weißen Wogenkämmen sich wie eine lebendige Mauer gegen den

Wanderer heranwälzt!

Dieser ganze Theil der brasilianischen Küste bietet bis Rio Grande

hinunter, mit Ausnahme weniger Flußmündungen, keinen einzigen Platz,

wo ein Schiff geschützt liegen oder ankern könnte. Alles ist seichter

Sandboden, welcher sich viele Hundert Schritte, oft halbe Legoas weit

in das Meer hinausdehnt, und über den Untiefen rollt und bricht die See

und wirft ihre Wogen schäumend und donnernd gegen den nackten Strand.

Und wie das Meer leuchtet und wühlt und glüht und zischt, zurückweicht

und wieder vorspringt und seine züngelnden Arme dem dahinsprengenden

Thier oft bis unter die Hufe wirft!

Aber das Pferd, welches Günther ritt, war am Meeresstrande groß geworden.

Trotzdem, daß es oft schien, als ob die nächste Woge Roß und Reiter

bedecken müsse, trotzdem, daß ihm eine schwerere Woge manchmal die

klare, zischende Fluth bis über die Fesseln jagte, kümmerte es sich

nicht das Geringste darum, schnob wohl einmal und warf den Kopf wie

unwillig auf und nieder, schlug aber gleich darauf den wieder frei

gewordenen Sand nur desto kräftiger mit den ausgreifenden Hufen.

Und jetzt dämmerte der Morgen. Über die See herüber stahl sich das

mattgraue, erste Licht des Tages und gab den aufgeworfenen Sanddünen

zur Linken jene eigene gelbe Färbung, welche aus sich selber heraus zu

leuchten schien. Breiter und breiter wurde der lichte Streifen im

Osten, schon erglühten zur Linken die ferngelegenen und bewaldeten

Gebirgsrücken, die sich in malerischen, kühn geschnittenen Ketten gen

Norden zogen, und plötzlich, ehe die Nacht noch recht geschwunden,

stieg wie glühendes Gold in riesenhaftem Umfang die Sonnenscheibe

aus dem Meer empor und sandte ihre Strahlen über die erwachte Erde.

Und mit der Sonne begann das rege Leben der Thierwelt. Kleine

langschnäblige Strandläufer kamen in ordentlichen Schwärmen von irgend

einem Inlandwasser, an dem sie die Nacht verbracht, um sich ihre Nahrung

in an den Strand gespülten Insecten zu suchen; eine gar wunderliche Art

schnepfenähnlicher Vögel mit langen, zinnoberrothen Schnäbeln spazierte

ebenfalls am Strande herum, als ob sie nur die Morgenpromenade zu ihrem

Vergnügen machten, ärgerten sich über einige leichtsinnige Möven,

welche von See aus zu ihnen herüber kamen, um sich ihrer Gesellschaft

anzuschließen, und trieben sie augenblicklich wieder in die Flucht,

während sie nur mitnahmen, was ihnen von Miniaturmuscheln und Seethieren

gerade in den Weg kam.

Vor Günther am Strande strich ein einzelner großer Geier ein, der

sogenannte »brasilianische Adler«, und schien sich ebenfalls sein

Frühstück auf dem nackten Sande zu suchen. Aber er sah sich nicht

lange und nutzlos nach angespülten Muschelthieren um, sondern ging

gleich frisch an die Arbeit, das was er brauchte, aus dem Boden

herauszugraben.

Mit den scharfen Fängen riß er den feuchten Sand auf und grub sich

tiefer hinein, bis er, etwa vier Zoll unter der Oberfläche, auf eine

dort eingesenkte Muschel traf. Der ansprengende Reiter störte ihn dabei

nur wenig; er drehte den Kopf nach ihm um, hob dann die Muschel mit

dem Schnabel heraus, setzte einen seiner Fänge darauf und riß sie

auseinander, verspeiste den leckern Bissen, und flog dann um den

indessen herangekommenen Reiter dicht herum, wo er sich gleich hinter

dem Pferde wieder niederließ, um sein Frühstück in Ruhe zu beenden.

Wie wunderbar die Natur für ihre Geschöpfe sorgt und eines mit dem

andern erhält; so hier den Geier mit dem Schaalthier, der sonst auf den

weiten Sanddünen und im wilden Walde wohl nicht immer seine nöthige

Nahrung fände! Und hilft ihm dabei der _Instinct_, zu welchem viele

Menschen allein den wirklichen Verstand der Thiere gern herabdrücken

möchten, um für sich selber etwas Apartes zu haben? Gott bewahre! Mit

dem Instinct allein sollte er lange und oft vergebens graben, ehe er

die kleinen, sicher versteckten Thiere tief im Sande fände, aber jede

Muschel, die sich dort, um ihrer eigenen Nahrung nachzugehen, in den

Sand hineingewühlt, braucht zu ihrer Existenz die _Luft_, und um die zu

behalten, führt eine kleine Röhre an die Oberfläche, die zum Verräther

ihres Aufenthalts wird. Der Geier nicht allein, vielleicht noch manche

andere Bewohner der Seeküste wissen an den kleinen Löchern im Sande

augenblicklich, was darunter steckt, und selbst der Mensch sucht in der

Ebbe diese Stellen auf, um sich eine Quantität der wohlschmeckenden und

mit leichter Mühe zu gewinnenden Muscheln zu sammeln.

Günther hatte das Alles freilich schon oft und oft gesehen. Wenn aber

auch selber kein Jäger, interessirte er sich doch für das rege Leben und

Treiben dieser kleinen, geschäftigen Thierwelt um sich her. Und wie viel

todte Penguins lagen am Strande -- man trifft so selten im Walde ein

selber verendetes Thier, und hier, auf dem nackten Sande, lag fast alle

zwei- oder dreihundert Schritt einer dieser wunderlichen Vögel todt und

durch die Fluth auf's Trockene hinaufgeschoben. Waren sie in den Stürmen

umgekommen, die neulich hier gewüthet? Der Penguin taucht aber wie ein

Fisch. Möglich, daß sie der lang anhaltende Südwind zu weit nach Norden

und in ein ihnen nicht mehr behagendes warmes Klima hineingejagt, denn

keiner der Vögel zeigte Spuren, daß er von einem andern Thiere getödtet

worden.

Und über die See zogen düstere Nebelstreifen, deckten den Strand und

verhüllten die kaum erhobene Sonne, als ob es noch einmal Nacht werden

wollte. Und wie das die ganze Scenerie so rasch und wunderbar veränderte:

die niederen Hügel der Sanddünen hoben sich zu hohen, schattenhaften

Gebirgszügen; die bäumenden Wogen zur Rechten wuchsen riesenhaft empor,

als ob sie das ganze Land überfluthen wollten, und dem Reiter schien es,

als ob sich der harte Strand, auf welchem sein Roß dahinflog, vor seinen

Füßen selbst zu einem steil niederführenden Hange abdache, daß er sich

fast unwillkürlich im Sattel zurücklehnte, um ein Rückgewicht gegen die

niedertretenden Hufe des Pferdes zu haben.

Und immer massenhafter lagerten sich die Schwaden über den öden Strand,

immer dichter umgaben sie den Reiter mit ihrer feuchten, kalten Hülle.

Da hob sich vor ihm ein lebendiger Gegenstand. Es waren zwei mächtige,

weiße Schwäne, die vor ihm herstrichen eine lange Zeit, und dann nicht

weit voraus, wie Schatten, wieder mitten zwischen die schäumenden

Brandungswellen einfielen. Jetzt kam die Woge heran und überschlug sich;

aber dicht vor dem zerfließenden Gischt schaukelten die majestätischen

Vögel, und hoben sich erst wieder, als der Reiter sich ihnen nahte, um

weiter nach vorn dasselbe Spiel zu wiederholen.

Weiter sprengte das Pferd, der Stelle auf's Neue nahend, wo sie schwammen

und auf den Wogen schaukelten. Jetzt hoben sie sich noch einmal, aber

kaum so hoch, daß sie die nächste Brandungswelle überfliegen konnten,

und mit den breiten Schwingen strichen sie gerade gen Osten in das

offene Meer und den Nebel hinaus, in dem sie spurlos, wie geisterhafte

Schatten, verschwanden.

Günther hielt unwillkürlich sein Pferd an und sah ihnen nach, so lange

er sie noch mit seinem Blicke verfolgen konnte. Ein eigenes, unheimliches

Gefühl beschlich ihn; es war, als ob ihn selber in diesem Augenblicke,

mit den verschwimmenden Gestalten der Schwäne, ein Verlust betroffen,

als ob das nicht wilde, gleichgültige Thiere wären, welche ihn da flöhen,

sondern liebe, traute Freunde, und er sie nun nie, nie in diesem Leben

wiedersehen solle.

Und hat _Euch_ noch nie im Leben ein solches Gefühl erfaßt? Ist Euch

noch nie plötzlich das Blut zum Herzen zurückgetreten, als ob ein großes

Unglück Euch bedrohe oder befallen habe, ohne daß man sich auch nur

denken konnte, wo, wie und wann? Der Mensch _hat_ solche Augenblicke, wo

eine Geisterhand seine Nerven berührt, und seine Pulse selber stocken

macht. Sie kommen und gehen, und wohl Dem, welchem sie nicht den kalten

Reif zurücklassen auf seines Lebens Blüthen.

Lange, lange schon waren die Schwäne in dem düstern Nebel verschwunden,

und noch immer starrte Günther in den leeren Raum, bis er sich ordentlich

gewaltsam aus seinen Träumen riß. Das Pferd fühlte dabei die Sporen, und

auf den Hinterbeinen herumfahrend, flog es gleich darauf in scharfem

Galopp den Strand entlang.

»Unsinn!« murmelte der Reiter dabei vor sich hin, und schüttelte ärgerlich

mit dem Kopfe; »wie man so tolle Dinge in's Hirn kriegen kann über ein

paar Schwäne -- und was die überhaupt hier im Salzwasser zu thun haben

-- hatte immer geglaubt, die hielten sich nur auf Flüssen und Binnenseen

auf -- ach, ich wollte, die Sonne schiene wieder und scheuchte die

feuchten Schwaden fort, die Einem ordentlich mit Bleischwere auf der

Seele lasten! Der Teufel hole die Gedanken!«

Und zu immer schärferem Ritte spornte er sein Pferd, daß dessen Hufe den

Sand kaum berührten, als es mit ihm die ebene Bahn entlang flog, -- aber

die Gedanken ritten mit und trugen ihn hinüber in die Heimath, trugen

ihn zu Allem, was er daheim verlassen und lieb und theuer im Herzen

wahrte, daß er den Nebel nicht mehr sah und die riesenhaften Umrisse der

Dünen und die brandenden Wogen auf dem grauen Strande. Und wie der Nebel

plötzlich so rasch sich zertheilte, wie er gekommen, als ob ihn das

wogende Meer aufgesogen hätte, die Sonne wieder hell und klar an dem

vollkommen wolkenreinen Himmel stand, und ihre jetzt schon warmen

Strahlen niedersandte, fühlte er selbst das nicht, und das Herz war

ihm so schwer, so schwer und gedrückt, daß er kaum Athem holen konnte.

Und immer noch flog der Rappe die Bahn entlang, von den Sporen des

Reiters unbewußt gestachelt, wenn er nur einen Moment in seiner Flucht

nachlassen wollte, als plötzlich der zwar schmale, aber doch tiefe

Ausfluß einer Lagune den wilden Reiter in ziemlich rauher Weise zur

Besinnung brachte. Günther nämlich, gar nicht auf seinen Weg achtend,

fand sich auf einmal dicht am Rande des Wassers, und im nächsten

Augenblicke auch mitten darin, daß ihm die salzige Fluth über dem Sattel

zusammenschlug, während sein keuchendes Thier wacker dem andern Ufer

entgegenarbeitete. Erschreckt fuhr er ihm in den Zügel, aber es war zu

spät, um jetzt noch die seichteste Stelle zum Durchritt auszusuchen;

schon befand er sich inmitten des schmalen Ausflusses, und wenige

Minuten später sicher am andern Ufer.

Doch was that's? Die Sonne schien warm, und seinem freilich etwas

erhitzten Pferde hatte das frische Bad auch gewiß Nichts geschadet, denn

diese halb wild aufwachsenden Thiere sind ja an derartige Dinge schon

gewöhnt. Er stieg deshalb nur ab, entkleidete sich und rang das meiste

Wasser aus seinem Anzuge sowohl, wie aus den Satteldecken des Pferdes,

stieg dann wieder auf, um das weitere Trocknen der Sonne und der

Seebrise zu überlassen, und trabte jetzt, aber bedeutend langsamer als

vorher, den immer schmaler werdenden Strand entlang, wo er voraus schon,

hinter den Dünen her, den blauen Rauch der nächsten Ansiedelung konnte

aufsteigen sehen.

Es war auch Zeit daß er diese erreichte, denn wenn die Fluth zu voller

Höhe angewachsen ist, deckt sie vollkommen den harten Boden, und zwingt

den Reiter in den weichen, lockern Sand der höher liegenden Dünen hinein,

welcher sein Pferd gar bald ermüdet, daß es die schweren Hufe kaum

weiter ziehen kann.

Etwa eine halbe Stunde später erreichte er wieder ein kleines, aber

vollkommen seichtes Wasser, das sich nur mühsam durch den Sand dem Meere

entgegenarbeitete, und diesem aufwärts folgend die Chagra des andern

Brasilianers, von der aus er, quer durch die Hügel schneidend, die

kleine Colonie Santa Clara bald erreichen konnte.

7.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band. · 第 1 / 7 题