»Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen.«

Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem

Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten

Feldweg hinschritt, so, als befürchtete sie, man könnte sie samt dem

Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr zu

sehen war, da kehrte sie sich um und stand still.

»Wiseli«, sagte sie freundlich, »kennst du den Schreiner Andres?«

»Ja freilich«, antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl schoß aus des

Kindes Augen, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war ein wenig

erstaunt.

»Er ist krank«, fuhr sie fort; »willst du ihn ein wenig verpflegen und

für ihn tun, was nötig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?«

Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: »Ja, gern!« sagte der Frau

Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenröte übergossen

wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mußte sie sich verwundern, daß

Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie wußte nichts von seinem

Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte es nie vergessen. Sie

gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau Oberst

noch bei:

»Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß du so gern zu ihm

gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergiß es nicht.«

»Nein, nein«, versicherte das Kind, »ich denke schon daran.«

Nun waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst für

gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach allem, was

sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie

verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am Morgen werde sie

wieder herunterkommen und sehen, wie es ihm gehe in dem neuen Haushalt,

und wenn der Schreiner Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle

es zu ihr kommen. Wiseli schritt nun getrost durch das Gärtchen und

machte die Haustür auf; es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer

liege hinter der Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war

niemand drin, aber es war schön aufgeräumt noch von der alten Trine her.

Es schaute alles gut an, wie es sein müsse. An der Wand hinten in der

Stube stand schön geordnet und zu einem rechten Bett aufgerüstet das

große hölzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast

zugezogen darüber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und

sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt klopfte es

leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat es ein und blieb

ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete sich auf in seinem

Bett, zu sehen, wer da sei.

»Ach, ach«, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, »bist du es,

Wiseli? Komm, gib mir die Hand.« Wiseli gehorchte.

»Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?«

»Nein, nein«, antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner

Andres war noch nicht beruhigt.

»Ich meine nur, Wiseli«, fuhr er wieder fort, »du wärest vielleicht

lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast

ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.«

[Illustration: So trat es leise in die Stube ein]

»Nein, nein«, versicherte Wiseli noch einmal, »sie hat gar nicht gesagt,

daß es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen wolle,

und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern hingegangen, wie zu

Euch.«

Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte nichts

mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und schaute stumm das

Wiseli an; dann mußte er sich auf einmal umkehren und ein Mal über das

andere seine Augen wischen.

»Was muß ich jetzt tun?« fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht

umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten Tone:

»Ich weiß es gewiß nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du nur

ein wenig bei mir bleiben willst.«

Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum

letzten Male gehört, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war

gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres' Worten

und Weise. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so wie es oft

die Mutter gefaßt hatte, und so stand es eine Weile an dem Bett, und es

war ihm so wohl, daß es gar nichts sagen konnte, aber es dachte: »Jetzt

weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«

Gerade so dachte der Andres mit stillem Glück in seinem Herzen: »Jetzt

weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«

Dann sagte auf einmal das Wiseli:

»Jetzt muß ich Euch gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag. Was

muß ich kochen?«

»Koch du nur, was du willst«, sagte der Andres. Aber dem Wiseli war es

darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und es fragte so

lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse: eine gute

Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war, und dann bestand

er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei für sich kochen. Es

wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich etwas

gelernt bei der Base, wenn auch unter harten Worten; das konnte es doch

nun gut gebrauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und

der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben

ihm sitze zum Essen, daß er es auch sehen könne und wisse, daß es noch

da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen,

und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu Ende waren, stand

das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern und sagte:

»Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben, oder

wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?«

»Nein, gewiß nicht«, versicherte Wiseli; »aber nach dem Essen muß man

immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell hinaufräumen.«

»Ich weiß schon, wie man's macht«, gestand Andres; »ich habe gedacht,

heute nur, so zum ersten Male, könntest du ja nur alles zusammenstellen

und dann etwa morgen einmal aufwaschen.«

»Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode

schämen«, und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner

Versicherung.

»Ja ja, du hast recht«, beschwichtigte nun Andres. »Mach nur alles, wie

du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.«

Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete,

daß alles glänzte in seiner Küche. Dann stand es einen Augenblick still

und schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: »So, nun kann die Frau

Oberst kommen.« Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf einen

fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett auf der Kutsche hinter dem

Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es

schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es

alles hineinräumen, was ihm angehöre. Es legte nun die Sachen aus seinem

Bündelchen alle ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es

war wenig darin, und nun ging es und setzte sich voller Freuden wieder

an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob

es noch nicht komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: »Habt

Ihr auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?«

»Nein, nein«, antwortete Andres, »du hast ja jetzt gearbeitet, und wir

wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden über allerlei.«

Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergeßlicher

Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten, die

auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu hören. Es

sagte ganz überzeugt:

»Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber

ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander.«

Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli von

neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen Strumpf könne es auch

holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den

seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin, und es hatte

recht gehabt, es konnte gut reden und stricken miteinander. Der

Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, das dem

Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von der Mutter zu

reden begonnen, und Wiseli hatte so gern fortgefahren, denn noch nie und

mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter reden können, und es

dachte doch immer an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun

wollte der Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr,

und das Wiseli wurde immer wärmer und erzählte fort und fort, als könne

es nicht mehr aufhören, und so hörte der Andres zu mit gespannter

Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten nicht mehr

aufhören zuzuhören.

In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. Für

jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, als ob

es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte, und was es nur tat, gefiel dem

guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in wenig Tagen so

frisch und munter bei der Pflege, daß er durchaus aufstehen wollte, und

der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit ihm ging und wie fröhlich

und wohlgemut auf einmal der Schreiner Andres aussah. Er saß nun den

ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach

auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie genug sehen könnte, wie

es einen Kasten aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den

Händen alles so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie

gesehen hatte, oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli

aber war es so wohl in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte

hörte, und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten,

daß es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu Ende

sein würden und es wieder nach dem Buchenrain zurückkehren mußte.

Achtes Kapitel.

Es geschieht etwas Unerwartetes.

In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und dem

Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachzusehen, wie es

bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte sie wieder einen

erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle zusammen in die

freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen machten einen Plan, wie ein

großes Genesungsfest müßte gefeiert werden in des Schreiners Andres

Stube, aber noch solange Wiseli da war; das sollte eine Hauptfreude und

für Andres und Wiseli eine große Überraschung werden. Es mußte aber noch

ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag,

und schon am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen

erfundene Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages

war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich hatten

Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer Erwartung aller der

Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen auch Vater und Mutter, und

das frohe Mahl nahm seinen Anfang. Nachdem das erste Gericht

vergnüglich verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel; das

war entschieden das Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und

ein prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im

Garten geholt.

»Das ist ja eine prächtige Blume«, sagte der Vater, »die muß man loben.

Aber eigentlich«, fuhr er etwas enttäuscht fort, »suchte ich etwas

anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man die nicht

auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe Marie, ich schaue

an gedeckten Tischen nach keinem anderen Gerichte so aus, wie nach

Artischocken.«

Mit einem Male schrie das Miezchen auf:

»Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und _so_

hat er den Stecken aufgehoben und _so_« -- und Miezchen fuhr ganz

aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum --, aber urplötzlich schwieg

sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und

war ganz blutrot geworden, und ihr gegenüber saß Otto mit zornigen Augen

und schoß flammende Blicke zu Miezchen hinüber.

»Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstages?«

fragte der Vater mit Staunen. Ȇber den Tisch hin schreit meine Tochter,

als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch durch versetzt mir

mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken bekomme.

Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme Unterhaltung gelernt

hast.«

Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare

hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige deutliche

Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den unrechten

Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters Bein in erstaunlicher

Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt; er durfte nicht mehr

aufschauen.

»Nun Miezchen«, fing der Vater wieder an, »was ist denn aus deiner

Räubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also

'Artischocke' hat der furchtbare Mann dich genannt und den Stecken

erhoben und dann?«

»Dann, dann«, stotterte Miezchen kleinlaut -- denn es hatte begriffen,

daß es auf einmal alles verraten hatte, und daß der Otto den Zuckerhahn

zurückfordern würde --, »dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.«

»So, das war eine Artigkeit von ihm«, lachte der Vater, »und dann

weiter?«

»Dann weiter gar nichts mehr«, wimmerte Miezchen.

»So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der Stecken

bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach Hause.

Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle wohlgeratenen Artischocken und

auf des Schreiners Andres Gesundheit!«

Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte ein. Es

standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in jedem waren

allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater blieb

unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre

an. Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke

und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen wieder im

Mondschein schlitten würden und er nie mehr dabei sein dürfte, denn er

wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten würde. Miezchen kroch

ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf das Schemelchen

nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig,

daß es ihn zum letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang

stumm und sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen

hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschäftigen mußten,

denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen, und plötzlich

verließ sie es und lief hierhin und dahin, nach dem Miezchen suchend.

Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf dem Schemel sitzend, in

seine traurigen Betrachtungen versunken.

»Miezchen«, sagte die Mutter, »jetzt erzähl mir recht, wo und wann ein

Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat.«

Miezchen erzählte, was es wußte, es kam aber nicht viel mehr heraus, als

es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der

Papa über Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das

Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging gleich zu ihm heran und sagte in

erregtem Ton:

»Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher

vor.«

Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an.

»Siehst du«, fuhr diese fort, »die Szene am Tisch hat mir mit einem Male

einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je fester

gestaltet er sich vor meinen Augen.«

»Setz dich doch und teil mir ihn mit«, sagte der Oberst, ganz neugierig

geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort:

»Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt

worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht Spaß gewesen:

darum ist es klar, daß er das Kind nicht 'Artischocke' genannt hat. Wird

er es nicht viel eher 'Aristokratin' oder 'Aristokratenbrut' genannt

haben? Du weißt, wer uns vorzeiten diesen Titel nachrief, meinem Bruder

und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall

sich an dem Abend ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der

Schlittbahn waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen

gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden, und im

ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht die

Gewalttätigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas zuleide

getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?«

»Wahrhaftig, da könnte was dran sein«, entgegnete der Oberst

nachdenklich; »da muß ich sofort handeln.«

Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten nachher fuhr

er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden

Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien.

Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend und seine Frau noch an

Miezchens Bett verweilte, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr

Wichtiges zu erzählen. Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst

teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf seine

Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht,

und er war ohne große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß

kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf

gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst nur

nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern

herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er

zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende

Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er dachte,

der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er

gerade auf ihn geraten hätte, da er frisch aus neapolitanischen

Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem

kleinen Kinde angeworfen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte

er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu

schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut

werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann,

er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als

er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute

Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres

niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht

gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der

größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden; diese wurde ihm

abgenommen und dann der Jörg in den Turm gesetzt.

Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im

ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch gar nicht

vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam alles aus der

Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der aufregenden

Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da er beständig

da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer Umstand von der

Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht

kam er aber so nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte,

erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort

hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen wollte.

Endlich konnte er sie in Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis

dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf

hatte immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man

hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die Kammer zu

verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt,

er hatte aber so geschrieen und getan, daß alle Leute herbeiliefen, und

dann hatte er sich noch mehr gefürchtet, und auf einmal, nachdem er

herausgekommen, war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste

Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz

zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein

Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er

so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald

aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.

»Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder«, sagte die Mutter,

als Otto fertig erzählt hatte. »Der arme Joggi! Was muß er nun leiden in

seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was

man ihm erklären könnte, und der arme, gutmütige Joggi ist ja ganz

unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis

erzählt, als ihr am Abend von der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen

hat recht Trauriges zur Folge gehabt. Könnten wir doch den armen

Menschen trösten und wieder fröhlich machen.«

Das Miezchen war ganz weich geworden. »Ich will ihm den roten Zuckerhahn

geben«, schluchzte es.

Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verächtlich:

»Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt

du den nur für dich.« Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu

erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen, er hatte gar

nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang.

Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb geholt und

Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg

hinunter, dem Stalle zu.

Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi hinten im

Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig näher. Otto

zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen Korb und sagte:

»Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen.«

Joggi bewegte sich nicht.

»Komm doch, Joggi«, mahnte Otto weiter, »siehst du, sonst kommt der

Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.«

Joggi stieß einen erschreckten Ton aus und krümmte sich noch enger

zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch.

Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, hielt

den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: »Komm du nur mit mir, Joggi,

sie dürfen dich nicht köpfen, der Papa hilft dir schon, und siehst du,

das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht«; und

Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte

ihn dem Joggi zu.

Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. Der

Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann schaute er auf

seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an zu lachen, was er seit

vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und nun ging

Otto voran aus dem Stall heraus, dann kam das Miezchen und ihm folgte

der Joggi auf dem Fuß. Draußen aber, als Otto dem Joggi sagte: »Das

kannst du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort hinunter«, --

da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So

gingen alle drei weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen,

dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde

ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen

herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort

vergnüglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und

hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand

und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tische saß, legte es

alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte beschützend: »Iß du jetzt

nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.« Da

lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze Brot und

das ungeheure Stück Käse ganz fertig und dann noch die Krumen. Den roten

Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand und

schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnüglich,

denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen roten

Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geschenkt.

Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller Freuden schauten die

Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt seinen Zuckerhahn bald in

der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte seinen

Schrecken gänzlich vergessen. --

Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht

besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar

nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja ruhig

sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und besorgt und dazu auf

dem besten Wege der Genesung war.

Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band · 第 13 / 14 段