Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so prächtig

glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die

herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine helle Mondnacht nach

der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschönsten

müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein, die ganze Gesellschaft

sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die

Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der Tag des Vollmonds, da mußte

es prächtig werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die

Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da die

Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger

Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt

wurde, und sie wurde gar nicht von der Begeisterung hingerissen, mit

welcher die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Tönen ihr das

Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die

Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem

ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen

könnten. Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden

Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude an

dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er würde dem

Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in seiner nächsten Nähe

bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und

wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle

Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittbahn war

unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunkeln Stellen, wo der

Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge

Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten Stimmung.

Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er und zuletzt mußte das

Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte; so hatte

es Otto eingerichtet, er konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit

einem schnellen Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun

alles so herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte

einmal der ganze Zug »anhängen«, nämlich ein Schlitten an den anderen

gebunden werden und so herunterfahren, das müßte im Mondenschein ein

ganz besonderes Juxstück abgeben. Unter großem Lärm und allgemeiner

Zustimmung ging man gleich ans Werk. Für Miezchen fand Otto die Fahrt

doch ein wenig gefährlich, denn manchmal gab es dabei einen großartigen

Umsturz sämtlicher Schlitten und Menschen darauf; das konnte er für das

kleine Wesen nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden,

der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter

dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten

langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn er war in der

Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und ohne Anstand glitt

die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter.

Mit einem Mal hörte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er kannte

die Stimme wohl, die es ausstieß, es war Miezchens Stimme. Was war da

geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende

machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß

er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinan; alle anderen hinter

ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch

sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges stand das Miezchen

neben seinem Schlitten und schrie aus allen seinen Kräften und weinte

ganze Bäche dazu. Atemlos stürzte Otto nun herzu und rief: »Was hast du?

Was hast du?«

»Er hat mich -- er hat mich -- er hat mich«, schluchzte Miezchen und kam

nicht weiter vor innerem Aufruhr.

»Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?« stürzte Otto heraus.

»Der Mann dort, der Mann, er hat mich -- er hat mich totschlagen wollen

und hat mir -- und hat mir -- furchtbare Worte nachgerufen.«

So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.

»So sei doch nur still jetzt, hör' Miezchen, tu' doch nicht so, er hat

dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich geschlagen?«

fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte Angst.

»Nein«, schluchzte Miezchen, neuerdings überwältigt; »aber er wollte,

mit einem Stecken, -- so hat er ihn aufgestreckt und hat gesagt: 'Wart

du!' Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen.«

»So hat er dir eigentlich gar nichts getan«, sagte Otto und atmete

beruhigt auf.

»Aber er hat ja -- er hat ja -- und ihr wart alle schon weit fort, und ich

war ganz allein«, -- und vor Mitleid für seinen Zustand und nachwirkendem

Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.

»Bscht! Bscht!« beschwichtigte Otto; »sei doch still jetzt, ich gehe nun

nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und wenn du nun

gleich ganz still sein willst, so geb' ich dir den roten Zuckerhahn vom

Christbaum, weißt du?«

Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Tränen weg und gab

keinen Laut mehr von sich, denn den großen, roten Zuckerhahn vom

Christbaum zu erlangen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen, er

war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen und Miezchen hatte den

Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles im Geleise war und die

Kinder den Berg hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn für ein Mann

könne gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.

»Ach was, totschlagen«, rief Otto dazwischen; »ich habe schon lange

gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den großen Mann mit

dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren Schlitten ausweichen

in den Schnee hinein, das machte ihn böse, und wie er dann hintenan das

Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an

ihm ausgelassen.«

Die Erklärung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natürlich, daß

jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward auch

die Sache gleich völlig vergessen und lustig drauf los geschlittet.

Endlich aber mußte auch dies Vergnügen ein Ende nehmen, denn es hatte

längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte. Im

Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzählen

von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen, und dann

dürften sie gar nie mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn

müsse es gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu

erzählen. Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen;

die Spuren seiner Tränen waren auch längst vergangen und konnten nichts

mehr verraten.

Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote

Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein Herz mit

einer so großen Freude, daß es jauchzte im Schlaf. Da klopfte es unten

an die Haustür mit solcher Gewalt, daß der Oberst und seine Frau vom

Tisch auffuhren, an dem sie eben in Gemütlichkeit gesessen und sich über

ihre Kinder unterhalten hatten, und die alte Trine in strafendem Tone

oben zum Fenster hinausrief: »Was ist das für eine Manier!«

»Es ist ein großes Unglück begegnet«, tönte es von unten herauf; »der

Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner Andres tot

gefunden.«

Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug

gehört, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster genähert.

Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und eilte dem Hause des

Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat, fand er schon eine Menge

Leute da; man hatte den Friedensrichter und Gemeindammann geholt, und

eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen.

Andres lag am Boden im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der

Oberst näherte sich.

»Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?« fragte er, »hier muß vor

allem der Doktor her.«

Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu machen,

meinten die Leute.

»Lauf, was du kannst, zum Doktor«, befahl der Oberst einem Burschen, der

dastand; »sag ihm, ich lass' ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.«

Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer

hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die

schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich zugetragen

hatte, ob jemand etwas Näheres wisse. Der Müllerssohn trat vor und

erzählte, er sei vor einer halben Stunde da vorbeigekommen, und da er

noch Licht gesehen in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell

fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er

habe die Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am

Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein

Goldstück entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe dann

nach Leuten gerufen, daß der Gemeindammann auf den Platz komme und wer

sonst noch dahin gehöre.

Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der Matte wohnte, war

ein völlig törichter Mensch, der damit ernährt wurde, daß ihn die Bauern

in den geringen Geschäften etwa mithelfen ließen, wo Steine und Sand

herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter Holzbündelchen zu machen

waren. Daß er boshafte Taten ausgeübt hätte, hatte man bis jetzt nicht

gehört. Der Müllerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch

der Präsident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer

Ecke, hielt seine Faust fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat

der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der

Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und beratschlagte.

Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der Oberst folgte ihm

nach. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Körper.

»Da haben wir's«, rief er auf einmal aus, »hier auf den Hinterkopf ist

Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.«

»Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?«

»Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bös dran.«

Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwämme und Weißzeug

und noch vieles, und die Leute draußen liefen alle durcheinander und

suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und

brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem,

was der Doktor brauchte.

»Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker ist«,

rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber wenn einer

eine wußte, so rief ein anderer: »Die kann nicht kommen.«

»Lauf einer auf die Halde«, befahl der Oberst, »meine Frau soll mir die

Trine herunterschicken!« Es lief einer davon.

»Deine Frau wird dir aber nicht danken«, sagte der Doktor, »denn ich

lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht von dem Bett

weg.«

»Sei nur unbesorgt«, entgegnete der Oberst, »für den Andres gäbe meine

Frau alles her, nicht nur die alte Trine.«

Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man hätte

hoffen können, denn sie stand schon lange ganz parat mit einem großen

Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer

gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, daß der Andres wirklich

tot sei, und hatte alles ausgedacht, was man brauchen könnte, um ihm

wieder aufzuhelfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl

und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen,

wie der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.

»Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze Bande zum

Haus hinauskommt!« rief er und schloß die Tür zu, nachdem der Oberst

hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen; da aber

der Oberst erklärte, nun müsse gleich alles zum Haus hinaus, so faßten

die Männer den Beschluß, für einmal müsse der Joggi eingesperrt werden,

dann wollte man weiter schreiten. Es mußten also zwei Männer den Joggi

in die Mitte nehmen, daß er nicht fortlaufen könne, und ihn so nach dem

Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging aber

ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in

seine Faust hinein.

Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge nach dem

Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer heraus und

brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum

Bewußtsein gekommen. Schon sei auch der Doktor dagewesen und habe den

Kranken über Erwarten gut getroffen; ihr aber habe er recht

eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres

dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der

Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die

Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden

und höchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurück.

So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem Hause

des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas

mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und

Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie ihren

kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da war immer noch keine

Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch durchaus unentbehrlich, wurde

auch täglich vom Doktor gelobt für ihre sorgfältige Pflege. Nach Verfluß

der acht Tage schlug der Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun

einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein

würde, denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden

durfte, und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber

befragen, was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse. Andres

hatte große Freude, dem Herrn Oberst die Hand drücken zu dürfen, er

hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt für

sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die

Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte aber nur folgendes zu

sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jährlich dem Herrn Oberst

zur Verwahrung brachte; diese wollte er noch einmal überzählen, um

seiner Sache sicher zu sein. Er hatte am späten Abend sich hingesetzt,

den Rücken gegen die Fenster und die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte

er jemand hereinkommen; eh' er aber aufgeschaut hatte, fiel ein

furchtbarer Schlag auf seinen Kopf; von da an wußte er nichts mehr. --

Also hatte Andres eine Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber

gar nichts mehr gesehen worden, als das einzige Stück in Joggis Hand. Wo

könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der

Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun

eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.

»Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi«, sagte er; »der tut

ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen.«

Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten

Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen Menschen, der

ihm so etwas hätte antun wollen.

»Es kann auch ein Fremder gewesen sein«, bemerkte der Doktor, indem er

die niedrigen Fenster ansah; »wenn Ihr da beim hellen Licht einen Haufen

Geld auf dem Tische liegen habt und zählt, so kann das von außen jeder

sehen und Lust zum Teilen bekommen.«

»Es muß sein«, sagte der Andres gelassen, »ich habe nie an so etwas

gedacht, es war immer alles offen.«

»Es ist gut, daß Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres«, bemerkte der

Oberst. »Laßt's Euch nicht zu Herzen gehen; das beste ist, daß Ihr

wieder gesund werdet.«

»Gewiß, Herr Oberst«, erwiderte Andres, ihm die Hand schüttelnd, die er

zum Abschied hinhielt, »ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir

ja sonst schon viel mehr gegeben als ich brauche.«

Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte der

Doktor: »Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen

wollte.«

Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle Buben in

der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch Otto

brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal wiederholen,

denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue einen

großen Eindruck. Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus

gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstück abzugeben

an einen seiner Führer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber

klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.

Aber die beiden waren stärker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die

Faust auf, und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi

erhalten hatte während der Arbeit, sagte, als er das Goldstück endlich

in Händen hatte: »So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn

bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir's dann schon zeigen.«

Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn

er glaubte, er werde geköpft, und seither aß er nicht und trank nicht

und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht und Angst vor dem

Köpfen verfolgte ihn beständig. Schon zweimal war der Präsident und der

Gemeindammann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles

sagen, was er getan habe, er werde nicht geköpft. Er wußte nichts zu

sagen, als er habe beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am

Boden gelegen; er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig

gestoßen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen sehen in einer

Ecke und habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann

noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu stöhnen

an und hörte nicht mehr auf.

Siebentes Kapitel.

Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.

Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau

auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken

zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile

lang an sein Bett hin zu einer gemütlichen kleinen Unterhaltung und

freute sich jedesmal über die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon

waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei

Stärkungen zugetragen, und Andres sagte ganz gerührt zu der Trine: wenn

selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen.

Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache, und als er

eben einmal beim Herauskommen auf den hereintretenden Oberst traf, sagte

er zu ihm:

»Es geht vortrefflich. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen,

die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte für eine kleine Zeit noch

jemand da sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl muß doch

essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht weiß

deine Frau Rat.«

Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen setzte

seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres und sagte:

»Jetzt muß ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?«

»Gewiß, gewiß, mehr als recht«, erwiderte er und stützte seinen Kopf auf

den Ellbogen, um recht zuhören zu können.

»Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so ordentlich

geht«, fing die Oberstin an.

»Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir«, fiel der Andres ein, »ich wollte

sie jeden Tag heimschicken; ich weiß ja wohl, wie sie Ihnen mangeln

mußte.«

»Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt hätte«, fuhr

die Frau Oberst fort; »aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie

entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte, jemand solltet Ihr

haben, wenigstens noch für ein paar Wochen, der Euch das Essen bereitet

oder doch bei mir holt, und für allerlei kleine Hilfsleistungen. Ich

habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr für diese Zeit das Wiseli zu Euch

nehmen würdet.«

Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von seinem

Ellbogen auf und in die Höhe schoß.

»Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht«, rief er und wurde ganz

rot vor Anstrengung; »so etwas können Sie nicht denken. Ich sollte hier

drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte das schwache

Kindlein für mich arbeiten! Ach um's Himmels willen, wie dürfte ich noch

an seine Mutter unter dem Boden denken, wie würde sie mich ansehen, wenn

sie so etwas wüßte. Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber

nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen, als so etwas tun.«

Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er sich

auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie beruhigend:

»Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt jetzt

nur ruhig ein wenig nach. Ihr wißt ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meint

Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte Arbeit?

Recht tüchtig muß es dran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu.

Würdet Ihr ihm etwa auch keine geben? Wißt Ihr, was Wiselis Mutter tun

würde, wenn sie jetzt neben uns stände? Mit Tränen würde sie Euch

danken, würdet Ihr das Kind jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage

hätte, das weiß ich schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die

kleinen Dienstleistungen für Euch täte.«

Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte

sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:

»Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben es gewiß

nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.«

»Es ist jetzt schon gut, kümmert Euch nicht weiter, Andres«, sagte die

Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel auf; »ich will nun

selbst sehen, wie's geht, denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin

am Herzen.«

Damit nahm sie Abschied von Andres; als sie aber schon unter der Tür

war, rief er ihr noch einmal ängstlich nach:

»Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau

Oberst!«

Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen,

oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den Berg

hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte sogleich

versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte.

Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem

Vetter-Götti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er begrüßte

sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim

Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei, und wie sehr sie

hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege ihr viel daran, daß

das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne, was es schon zu tun imstande

sei. Da die Base in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch

herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er

erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich,

das sei schon nichts, von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe

erwarten. Da sagte aber der Mann: was recht sei, müsse man gelten

lassen; das Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen

Geschäften; er würde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei

folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dawider

haben, daß es den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl

wieder auf sein, daß es heim könne, denn länger könnte es dann nicht

fort sein, dann kommen schon so allerhand Geschäfte, die ihm zukommen,

denn da müsse man schon für den Frühling rüsten.

»Ja, ja«, setzte jetzt die Frau ein, »es kommt mir nicht in den Sinn,

immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles mit

Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur selber eins

anziehen, wenn er eins braucht.«

»Ja, wegen vierzehn Tagen«, sagte der Mann beschwichtigend, »da wollen

wir auch nichts sagen, man muß einander etwas zu Gefallen tun.«

»Ich danke Euch für den Dienst«, sagte nun die Frau Oberst, indem sie

aufstand; »der Andres wird Euch gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich

das Wiseli gleich mit mir nehmen?«

Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der Mann

fand es am besten so. Je schneller es gehe, je früher sei es wieder da,

meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab. Wiseli wurde

herbeigerufen, und der Vetter-Götti sagte ihm, es solle schnell sein

Bündelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts. Wiseli gehorchte

sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein Bündelchen in das

Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr verflossen; es war nichts

Neues hinzugekommen, als sein schwarzes Röcklein, das hatte es an, es

war aber nun fertig getragen und hing wie ein Fetzchen an dem Kinde

herab, und Wiseli schaute ein wenig scheu die Frau Oberst an, als es nun

mit seinem leichten Bündelchen dastand. Sie verstand den schüchternen

Blick und sagte:

»Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so.«

Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem

Vetter-Götti die Hand gab, sagte er:

Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band · 第 12 / 14 段