Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach dem Buchenrain
zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn
es mußte nun streng arbeiten: jeder Augenblick, der neben der Schule
übrig blieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden, und manchen
halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte gar nicht zur
Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der Vetter-Götti
und hauptsächlich die Base sagten. Die Frühlingsarbeiten hatten im Felde
begonnen und im Garten war allerhand zu tun, da mußte es mithelfen, und
wenn die Base draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr
abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die
Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der
Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie
wußte, wenn es fertig war. Den ganzen Tag durch hieß es an allen Ecken,
wo es etwas zu tun gab: »Das kann das Kind machen, es hat ja sonst
nichts zu tun«, so daß es dem Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde,
weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie fertig werden. Es wußte
auch wohl, daß, wenn es damit anfing, daß es mit dem Kartoffelsamen nach
dem Acker rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base
sicher schmälen würde, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer zum
Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor das
Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in
seinem Wamsärmel hatte flicken können, er hatte es ihm ja schon lang
gesagt, und jedes rief ihm zu: »Warum machst du denn das nicht, du hast
ja sonst nichts zu tun!« So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule
gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun
mußte, und dazu war es auch der Ort, wo es noch freundliche Worte bekam,
denn jedesmal, wenn die Zeit der Pause kam, oder beim Heraustreten aus
der Schule, kam der Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und
brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am
Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele zusammen
machen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am Sonntag mußte es
den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem
einzigen Tag, da es ihr etwas helfen könne, wie sie sagte. Aber es tat
doch dem Wiseli sehr wohl, daß Otto es immer wieder einlud, und nur
schon, daß er freundliche Worte zu ihm redete, es hörte deren sonst von
niemand mehr. Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule
ging; es mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres
vorbei; da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke
immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu
sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das
hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war
Wiseli zu schüchtern, es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen
Schritt zu tun, auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er
so still war und es nur immer, wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich
angesehen, aber fast nie etwas, oder nur so ein flüchtiges Wort zu ihm
gesagt hatte. Noch hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken
können, wie oft es auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm
ausgeschaut hatte.
Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren gekommen, da
es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle Arbeit so heiß macht.
Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Vetter hinausgerufen wurde und
mit einem großen schweren Rechen das Heu zusammenbringen mußte, oder mit
der breiten hölzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, daß es an der
Sonne trockne. Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am
Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte.
Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein;
aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann rief
ihm der Chäppi gleich zu: »Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben,
wie ich; du meinst, du müssest nichts tun, und in der Schule kannst du
ja nie etwas.« Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern recht fleißig
alles gelernt und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es
alles gut begreifen und erlernen könnte, wie viele andere, und es wußte
recht wohl, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft
unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar
nicht, was die Aufgaben für die Schule waren. Wenn es dann so ohne
Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte,
schämte es sich so sehr und besonders, wenn der Lehrer ihm dann so vor
allen Kindern sagte: »Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du
warst immer am geschicktesten.« Dann meinte es oft, es müsse in den
Boden hineinkriechen vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen
Heimweg. Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht,
was machen, sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die Base
hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine
Nachlässigkeit vorwarf. Dann zerdrückte das Kind manchmal seine Tränen
und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen, und
sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm so, als
hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch
auf der Welt kümmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte es oft
lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber zu keiner Ruhe und konnte
nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie
mit Andacht hatte sagen können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht
recht im Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an
einem schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am
Tisch, als die Buben sich zur Schule rüsteten; es wagte nicht, zu
fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Base schien keine Zeit zu einer
Antwort übrig zu haben und der Vetter war schon zur Tür hinausgegangen.
Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene
Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und über
ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen.
Die Base hatte eine große Wäsche vorbereitet, mußte es wohl diese Woche
am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche.
Jetzt rief auch der Vetter-Götti seinen Namen; er stand am Brunnen und
sah es am Fenster. »Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja
weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!«
Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es
seinen Schulsack und flog zur Tür hinaus.
»Sag dem Lehrer«, rief der Vetter nach, »es gebe jetzt eine Zeitlang
keine Absenzen, er soll's nicht so genau nehmen, wir haben streng mit
dem Heu zu tun gehabt.« Wiseli lief ganz glücklich davon; so mußte es
denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze Woche in die Schule
gehen. Wie war es so schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel,
und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeritli
und die gelben Glisserli. Wiseli konnte nicht stille stehen, es war
keine Zeit dazu, aber es fühlte wohl, wie schön es war, und lief voller
Freuden mittendurch.
An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in
den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer
ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: »Wer hat die Woche?«
»Der Otto, der Otto!« rief die ganze Schar und stürmte davon.
»Otto«, sagte der Lehrer in ernstem Ton, »gestern ist hier nicht
aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber laß mich dies
nicht zum zweiten Male erfahren, sonst müßte die Strafe folgen.«
Otto schaute einen Augenblick auf all' die Nußschalen und Papierfetzen
und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und sollten aufgelesen sein;
dann wandte er eilends den Kopf weg und lief ebenfalls zur Tür hinaus,
denn der Lehrer war auch schon durch seine Tür verschwunden. Draußen
stand Otto auf dem sonnigen Platz still und schaute in den goldenen
Abend hinaus und dachte: »Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte
ich die Kappe voll Kirschen, und dann könnte ich auf dem Braunen ins
Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich
drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?« -- und Otto wurde
durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz grimmig vor sich hin
sagte: »Ich wollte, es käme gerade jetzt der jüngste Tag, und das
Schulhaus und alles miteinander flöge in tausend Stücken in die Luft
hinauf!« Es blieb aber ringsum still und ruhig und von dem alles
beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich
Otto wieder der Schultür zu mit einem furchtbaren Grimm auf seinem
Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen
werden, oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die
wollte er nicht an sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten
Schritt blieb er verwundert stehen: völlig aufgeräumt lag die Schulstube
vor ihm, kein Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen; die
Fenster standen offen und lieblich strömte die Abendluft in die geputzte
Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner Stube und
schaute verwundert um sich und auf den starrenden Otto. Dann ging er zu
diesem hin und sagte ermunternd: »Du darfst wirklich dein Werk
anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schüler,
aber im Aufräumen hast du heute alle übertroffen, was sonst bei dir
nicht der Fall war.« Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch
mit einem letzten Blick überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor
sich sah, sprang er vor Freuden in zwei Sätzen die Treppe hinunter und
über den Platz weg, stürmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter
das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich
wohl so begeben hatte.
»Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben«, sagte die
Mutter; »hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig für dich
aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte.«
»Ich weiß es«, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte.
»Ja, wer denn?« rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.
»Der Mauserhans«, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, »weil du ihm
einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr.«
»Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen
habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder
von einem Miez.« Damit rannte Otto davon, denn jetzt war's die höchste
Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.
Unterdessen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg hinunter,
vorbei an des Schreiners Andres Gärtchen, und tat noch ein paar Sprünge,
dann machte es aber plötzlich Kehrum und tat die letzten Sprünge wieder
zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken offen
gesehen in dem Garten, die mußte es noch einmal ansehen, wenn es schon
ein wenig spät war; es dachte: »Den Buben komme ich doch nach, die
machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben.« Die Nelken leuchteten
in der Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere
Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle fort
konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner
Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam gerade auf das
Wiseli zu. Er bot ihm die Hand über die Hecke und sagte ganz freundlich:
»Willst du eine Nelke, Wiseli?«
»Ja, gern«, antwortete es, »und dann sollte ich Euch auch noch etwas
ausrichten von der Mutter.«
»Von der Mutter?« fragte der Schreiner Andres im höchsten Erstaunen und
ließ die Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.
Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf; dann sah es zu dem
Manne auf, der ganz still dastand, und sagte: »Ja, noch zuallerletzt,
als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem schönen Saft
getrunken, den Ihr in die Küche gestellt hattet, und er hat ihr so
wohlgetan, und dann hatte sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie
danke Euch vielmal dafür und auch noch für alles Gute, und sie sagte
noch: 'Er hat es gut mit mir gemeint.'« Jetzt sah Wiseli, wie dem
Schreiner Andres große Tränen über die Wangen hinunterliefen; er wollte
etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli stark
die Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein.
Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter
geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es niemand sah,
denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der
Base durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da,
dem kamen die Tränen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem
Wiseli wurde es so zumut', als wäre der Schreiner Andres sein liebster
Freund auf der Welt, und es faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte
es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain
angelangt, und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem
Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.
An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar nicht
begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar keine
Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott
hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken, heute
hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim Einschlafen sah
Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres vor sich mit den
Tränen drin.
Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollständig
dieselbe überraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte sich
nicht enthalten können, mit den anderen aus der Schulstube
hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch diesen und
jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrücktem Gemüte an seine Arbeit
gehen wollte und die Tür aufmachte -- siehe, da war schon alles getan und
die Stube in bester Ordnung. Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde
zu stacheln; auch hatte er einen so lebendigen Dank im Herzen für den
unbekannten Wohltäter, daß es ihn drängte, den auszusprechen. Am
Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die
Schulstunden zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen
Augenblick nachdenklich an seinem Platz, er wußte nicht recht, wo er am
besten dem Wohltäter aufpassen konnte. Aber mit einem Male faßte ihn
eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und
die Stimmen riefen durcheinander: »Komm heraus! Heraus mit dir! Wir
machen Räuber, du bist der Anführer.« Otto wehrte sich ein wenig. »Ich
habe ja die Woche«, rief er. »Ach was«, scholl es zurück, »wegen einer
Viertelstunde. Komm!« Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ
er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der
Strafe schützen würde; er fand es unbeschreiblich angenehm, ein solche
Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als
eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er keuchte nach der
Schulstube, um sein Schicksal zu vernehmen, und stieß dabei die Tür mit
solchem Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins
Lehrzimmer heraustrat. »Was hast du gewollt, Otto?« fragte der Lehrer.
»Nur noch einmal nachsehen«, stotterte Otto, »ob auch sicher alles in
Ordnung sei.«
»Musterhaft«, bemerkte der Lehrer. »Dein Eifer ist löblich, aber die
Türen halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig.« Otto ging sehr
wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu
räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn nur noch der
Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine Haupträumerei. »Otto«,
rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, »trag mir
schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Schriften zurück;
in fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.« Das war Otto nicht
ganz recht, aber er mußte gehen, auch konnte er ja gleich wieder da
sein. In wenig Sprüngen war er im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch
jemandem Bescheid zu geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten
hinaus, er mußte ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und
dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland, und
dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu der
Kommission gekommen war, und was ihm der Lehrer sonst noch aufgetragen
habe. Endlich hatte dann Otto seine Papiere erhalten und pfeilschnell
war er drüben, riß die Tür der Schulstube auf: -- alles in Ordnung, alles
still, kein menschliches Wesen zu sehen.
»Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den
grausigen Fetzen bücken müssen«, dachte Otto befriedigt; »aber wer hat
das Schauerliche nur tun können, ohne daß er mußte?« Das wollte er nun
um jeden Preis wissen.
Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ alle
Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da ging er vor
die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken daran; so
mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen wolle, denn damit
wollte er lieber beginnen, als mit der schweren Arbeit. Er stand und
stand -- es kam niemand. Er hörte die Uhr halb zwölf schlagen -- es kam
niemand. Auf den Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte früh
Mittag gemacht werden heut', er sollte so schnell wie möglich zu Hause
sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte die
Tür auf -- da -- Otto starrte noch mehr als das erste Mal -- wahrhaftig es
war so, es war alles getan, schöner als je. Dem Otto wurde es ganz
eigentümlich zumut', es schwebte ihm etwas wie eine Geistergeschichte
vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür hinaus. Gerade in
diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Küche
herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm;
beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde über und über
rot, so, als hätte es der Otto auf einem Unrecht erwischt. Jetzt ging
diesem ein Licht auf.
»Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli«, rief
er aus; »das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht muß.«
»Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst«, gab
Wiseli zur Antwort.
»Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann
keinen Menschen auf der Welt freuen«, sagte Otto überzeugt.
»Doch gewiß, gewiß«, versicherte Wiseli, »ich habe die ganze Zeit lang
mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und
während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil
ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig
und ist froh.«
»Aber wie kam es dir denn in den Sinn, daß du das für mich tun
wolltest?« fragte Otto noch immer verwundert.
»Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon immer
gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben könnte, wie du
mir den Schlitten, weißt noch? Aber ich hatte gar nie etwas.«
»Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich
jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli«, und
Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude
wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn
wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis
alle Kinder draußen waren.
»O ich bin gar nicht hinausgegangen«, sagte Wiseli; »ich verbarg mich
schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch ein wenig
hinaus, wie jeden Tag vorher.«
»Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?« wollte Otto
noch wissen.
»Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich schon hinaus,
ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich nicht sicher war,
ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die Frau Lehrerin, ob sie
etwas zu verrichten habe, sie gibt mir manchmal einen Auftrag
auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort; gestern war ich
gerade hinter der Küchentür, als du in die Schulstube hineinranntest.«
Jetzt wußte Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli noch
einmal die Hand. »Danke, Wiseli«, sagte er herzlich; und dann lief eins
da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz wohl zumute.
Sechstes Kapitel.
Das Alte und auch etwas Neues.
Der Sommer war vergangen und auch die schönen Herbsttage waren wohl zu
Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten Wiesen
fraßen die Kühe das letzte Gras ab, und hier und da flackerten auf den
Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und
wärmten sich die Hände.
An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heimgerannt
und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache,
denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in die Schule gekommen,
wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und
eilte fort. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustür am
Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach
der anderen zerbeißen.
»Wo ist das Wiseli?« fragte Otto.
»Draußen«, war die Antwort.
»Wo draußen?«
»Auf der Wiese.«
»Auf welcher Wiese?«
»Ich weiß nicht«, und Rudi knackte weiter an seinen Birnen.
»Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein«, bemerkte Otto und ging aufs
Geratewohl die große Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den Wald
hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum
und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die Birnen
zusammenzulesen, dort saß der Chäppi rittlings auf seinem Birnenkratten,
und zuhinterst lag der Hans rücklings über den vollen Korb hin und
schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden Augenblick umzustürzen
drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte bei jedem Rucke.
Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer Sonnenschein auf
sein Gesicht. »Guten Abend, Wiseli«, rief er von weitem, »warum bist du
so lange nicht in die Schule gekommen?« Wiseli streckte ganz erfreut dem
Otto die Hand entgegen. »Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich
nicht kommen«, sagte es; »sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich muß vom
Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann.«
»Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe«, bemerkte Otto; »bah, hier
ist's nicht gemütlich, frierst du nicht, wenn du so naß bist?«
»Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß
vom Auflesen.« In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen
solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte; der Hans,
der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin.
»Oh, oh!« sagte Wiseli kläglich, »nun muß man die alle wieder
zusammenlesen.«
»Und die auch«, rief Chäppi und lachte heraus, als die Birne, die er
geworfen hatte, dem Wiseli an die Schläfe fuhr, daß es ganz bleich wurde
und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum hatte Otto das
gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt seinem Kratten umwarf
und ihn fest im Genick packte. »Hör auf, ich muß ersticken«, gurgelte
der Chäppi; jetzt lachte er nicht mehr. -- »Ich will machen, daß du daran
denkst, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli
verfährst«, rief Otto zornglühend. »Hast du genug? Willst du daran
denken?« -- »Ja, ja, laß nur los!« bat Chäppi, mürbe gemacht. Nun ließ
Otto los. »Jetzt hast du's gespürt«, sagte er; »wenn du dem Wiseli noch
einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, daß du noch einen
Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli.«
Damit kehrte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause.
Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schüttete seine ganze
Empörung vor ihr aus, daß das Wiseli eine solche Behandlung erdulden
müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer
zu gehen und den Vetter-Götti und seine ganze Familie anzuklagen, daß
man ihnen das Wiseli entreiße. Die Mutter hörte ruhig zu, bis Otto sich
ein wenig abgekühlt hatte, dann sagte sie:
»Sieh, lieber Junge, das würde gar nichts nützen, das Kind würde man dem
Vetter-Götti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hörte. Er
meint es selbst nicht böse mit dem Kinde, und es ist kein genügender
Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich weiß wohl, daß das arme Kind
jetzt ein hartes Brot ißt, ich habe es auch gar nicht vergessen, ich
schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg auftue,
da dem Kinde in einer gründlichen Weise könnte geholfen werden; die
Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du
unterdessen das Wiseli schützen und den rohen Chäppi ein wenig zähmen
kannst, ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit
einverstanden.«
Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, daß die Mutter doch auch
immerfort nach einem anderen Wege für das Wiseli ausschaute. Er selber
dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft
hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, daß das Wiseli da nicht
darauf wandeln konnte, und als er dann zu Weihnachten seine Wünsche
aufschreiben durfte, da schrieb er ganz desperat mit ungeheuren
Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, auf
sein Papier: »Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli befreie.«