den Unterhalt geben«, erklärte der Vetter; »ich nehme es dann noch immer
billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm auch am wohlsten
bei uns.«
Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief noch
zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig für die Base,
sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag
ausrichten wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht, vom
lautesten Kriegsgeschrei begleitet. »Es nimmt mich nur wunder, daß du
dem so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst«, warf die Base dem
Wiseli hin, das sich scheu an die Wand drückte und sich kaum rühren
durfte. Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden
anderen liefen ihm nach. »Kannst du stricken?« fragte dann die Base das
Wiseli; es sagte schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. »So nimm
die«, sagte die Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen
Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. »Du bist
am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den
Vetter-Götti.« Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich
auf die Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß
zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände
herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. Es
hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als die Base wieder
hereinkam. »Du kannst jetzt herauskommen in die Küche«, sagte sie; »du
kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen
nach und nach.« Wiseli gehorchte und sah draußen der Base zu, so viel es
konnte; aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann
sah es nichts mehr, denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der
Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer
wieder streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es
nicht herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast
meinte, es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: »Gib acht! so
weißt du's nachher.« Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche
herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz
erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte: »Mach
schnell die Tür auf, sie kommen«; denn der Lärm kam vom Vetter und den
Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli
machte die Tür nach der Stube auf und die Base hob eine große Pfanne vom
Feuer und fuhr eilends damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen
Haufen geschwelter Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete.
Dann lief sie zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch
herein und sagte: »Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so
können sie zusitzen.« Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen
fünf Löffel und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der
Abendtisch fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und
saßen gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am
Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und sagte:
»Es kann, denk' ich, dort sitzen, oder nicht?«
»Freilich«, sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte
auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde darauf
still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und saß
geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief sie von
neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja
ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn der Vetter einmal sagte:
»Sitz doch und iß einmal«, so kam sie erst recht in die Eile und sagte,
sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache draußen werde wohl
jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweiten Male hereingeschossen
kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf,
das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. »Warum issest du
nicht?« fuhr sie es an. »Es hat keinen Löffel«, sagte Rudi, der auf der
anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden
hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange
noch etwas da ist. »Ja so«, sagte die Base; »wem wäre es aber auch in
den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß, man
brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum
kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl wissen, daß man zum
Essen einen Löffel braucht.« Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.
Es schaute die Base scheu an und sagte leise: »Es ist gleich, ich
brauche keinen, ich habe keinen Hunger.« -- »Warum nicht?« fragte die
Base; »bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu ändern.« -- »Es
ist, denk' ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man
muß es nicht zu fürchten machen«, sagte der Vetter-Götti
beschwichtigend; »es kommt schon besser.« Nun ließ man das Wiseli in
Ruh', die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine gute Zeit lang fort.
Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch
einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte,
denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der
Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den
Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel
abgewaschen, und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli
gewandt: »Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst du von nun an
tun.« Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er
hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es
konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu sitzen, auf
dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
»Du wirst auch etwas tun können«, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm
hinüber, »du bist nicht das Geschickteste in der Schule.« Wiseli wußte
nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und
es wußte nicht, was zu tun war, es war ja überhaupt ganz aus aller
Ordnung und Fassung. »Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann
tu' ich's auch nicht«, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich
mäuschenstill. »So, dann ist's recht«, fuhr Chäppi lärmend fort, »so tu'
ich keinen Strich mehr an der Arbeit.« Damit warf er seinen Griffel weg.
»So, so, dann tu' ich auch nichts«, rief der Hans aus und steckte ganz
erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war
ihm das Bitterste, das er kannte. -- »Ich will es schon dem Lehrer sagen,
wer an allem schuld ist«, fing Chäppi wieder an, »du kannst dann nur
sehen, wie es dir geht.« So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem
bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall
zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der
Achsel herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. »Mach Platz«,
sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und
den Kopf darauf. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen,
noch einmal und noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte
das Paket darauf hin. »So«, sagte er befriedigt, »das ist gut! Und wo
hast dein Bündelchen, Kleines?« Wiseli holte es aus einer Ecke hervor,
wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der
Vetter-Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank
hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.
»So, da kannst du schlafen«, sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend;
»frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst
du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's
auch Zeit ins Bett, hurtig!« Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und
ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür
kehrte er sich noch einmal um und sagte: »So schlaf wohl. Mußt nicht
mehr nachsinnen heut', denn es kommt dann schon besser.« Dann ging er
hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der
Hand und beschaute sich das Lager. »Kannst du liegen da?« fragte sie.
»Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu
erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß
du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!« -- »Gute Nacht!«
sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls nicht
gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte,
und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in
der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte
keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster
herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war,
darauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich auf
sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter verlassen hatte,
war es nun allein und konnte sich besinnen, was mit ihm war. Die ganze
Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte
ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit
es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht,
nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da,
zum ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und
deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen werde,
daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf
einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm
gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt,
und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz
allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und über das Wiseli kam ein
solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz
bitterlich zu weinen anfing und trostlos einmal über das andere sagte:
»Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?« Aber
die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm
gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im
Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen,
wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das
kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß es wieder auf und
schluchzte laut: »Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist
mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!« Und so betete es
zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger; es
gab ihm einen Trost ins Herz, nun es fühlte, daß doch der liebe Gott im
Himmel noch da sei, zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht
ganz, ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die
Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: »Wenn du einmal keinen Weg mehr
vor dir siehst und es dir ganz schwer wird« -- so war es jetzt schon
gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte,
als die Mutter so sagte --, dann, hatte sie gesagt, solle es daran
denken, wie es heiße in seinem Liede:
»Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«
Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte bedeuteten, die
es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch nie in der Angst
gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor
sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm stand gar
nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick in des
Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz,
wie es wieder und wieder so sagte:
»Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«
So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im
Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem
mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte es gewußt, wie wohl das tun
kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von
vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott
sagen und zu ihm hinauf beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem
ganzen Herzen, wie nie vorher:
»Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«
Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen; nachdem
es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es
seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief augenblicklich ein.
Jetzt träumte es dem Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor sich,
ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter
roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend anzusehn, daß man
gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. Und neben dem Wiseli
stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und
dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: »Sieh, Wiseli, das ist dein
Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
'Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann'?«
Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traume, und auf seinem
Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bette.
Fünftes Kapitel.
Wie es weiter geht und Sommer wird.
Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurückkam, daß Wiselis
Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-Götti geholt
worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Hause. Die Mutter konnte sich
des Klagens und Jammerns nicht erwehren darüber, daß sie den Besuch bei
der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit
einigen Tagen bestimmt vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt,
daß das Ende der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrübt
und ergriffen.
Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das Zimmer
auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere aus: »Es ist
eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm
etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zählen, wie
manche davon noch ganz ist!«
»Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?« unterbrach
die Mutter den eifernden Sohn.
»Vom Chäppi«, erwiderte er; »was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es
mit ihm zusammenwohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll
es nur probieren --.« Hier wurde Otto wieder unterbrochen, indem ein
wiederholtes, heftiges Stampfen seine Stimme übertönte.
»Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter dem
Ofen!« rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach dieser Seite
wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit
großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, seine Füße wieder in
die völlig nassen Stiefel hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor
kurzer Zeit mit der größten Mühe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr
schwierig, und feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: »Du
kannst sehen, daß ich so tun muß; kein Mensch kann in diese Stiefel
hineinkommen ohne Stampfen.«
»Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie gerade
eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien? möchte ich
wissen«, sagte die Trine, die noch im Zimmer stand.
»Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli zu
uns, es kann mein Bett haben«, erklärte das Miezchen entschlossen.
Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen
zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl und
zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg, fand aber
doch für gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen, indem sie zustimmend
sagte: »Schon recht! Schon recht! Aber ich will's schon für dich
besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe
dafür durchzumachen. Dein Bett kannst du schon geben, du kannst dann nur
in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug.« Aber
das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, daß es
sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach
befreien könne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend nämlich,
gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung war, erscholl auf
einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten
jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die waren peinlich und
dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte,
so war mit einem Male allem abgeholfen, denn da war keins mehr
vorhanden, und Miezchen konnte für immer aufbleiben. Diese Aussicht
beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf
gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine
nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden,
ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt
mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung entdeckte, fing
es einen so mörderlichen Lärm an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und
die Mutter ernstlich einschreiten mußte. Sie versprach dann dem
Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst
wieder zu Hause sein würde, denn er war an dem Morgen dieses Tages mit
Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten
Freund zu machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause
wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem
Ausfluge zurück, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit dem
Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis Verwaistsein
und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich beschlossen, der Vater
sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu
beraten, was etwa für Wiseli getan werden könnte. Dies wurde denn
ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am vergangenen
Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet
hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben,
und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für
das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der
Vetter-Götti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei sich zu
behalten, da er einen Akt der Wohltätigkeit an ihm auszuüben gedachte.
Er war als ein rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so
billig war, wurde ihm von dem Vorstand das Kind sehr bereitwillig
zuerkannt, und so war es denn fest und unabänderlich, daß Wiselis neue
Heimat das Haus des Vetter-Götti geworden war.
»Es ist eigentlich gut so«, sagte der Oberst zu seiner Frau; »das Kind
ist wohlversorgt da; was hätte man auch mit ihm machen wollen, es ist ja
noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle
elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen, du müßtest denn
ein Waisenhaus gründen.« Seine Frau war ein wenig bestürzt über die
Nachricht, daß schon alles festgesetzt sei; sie hatte gehofft, es würde
sich noch ein anderes Unterkommen für das Kind finden, denn das zarte
Wiseli in dem Hause zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte,
tat ihr sehr leid; doch hätte auch sie keinen bestimmten Rat gewußt, und
nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und
sich etwa nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und
Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal
ein Sturm los; Otto erklärte Wiselis Versorgung für die Versorgung eines
Daniel in der Löwengrube und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch,
offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken wirken zu
lassen. Das Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für
Wiseli, teils aus Teilnahme für sich selbst und seine vereitelten
Hoffnungen auf ein glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft.
Aber auch diese Aufregung ging vorüber wie jede andere, und die Tage
gingen wieder ihren gewohnten Gang.
Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in dem
Hause des Vetter-Götti. Sein Bett war angekommen, es schlief nicht mehr
auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte, in einem
Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Vetters und der
Base und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatte gerade sein Bett
Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf welche es
steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein
Raum mehr. Sich zu waschen am Morgen, mußte es an den Brunnen gehen, und
wenn es etwa gar kalt war, so sagte die Base, das könne es bleiben
lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei.
Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich
recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so
aussehen, wie es die Mutter ungern sehen würde. Freilich daheim war es
anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte
fertig machen können, und sie dabei immer so freundliche Worte zu ihm
geredet hatte und dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide
nebeneinander saßen, und es fröhlich seine Brocken aß, ehe es zur Schule
mußte. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes
Leben vom Morgen bis am Abend so anders, daß oft, oft beim Erinnern an
die Mutter und an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser
in die Augen schoß, und es ihm so das Herz zusammenschnürte, daß es
meinte, es könne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn der
Vetter-Götti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war, und die
Base schmälte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden. Am
liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen
Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen
konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen
schönen Traum und war ganz sicher, daß der liebe Gott ihm einen Weg
suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Wenn ihm dann auch etwa in
den Sinn kam, wie viele Menschen es auf der Welt gibt, für die der liebe
Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der
Zweifel aufstieg, ob er es vielleicht vergesse über all' den vielen,
dann kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im
Himmel sei und gewiß den lieben Gott daran erinnere, daß er auch seinen
Weg nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und
froh, und es wurde nie mehr so unglücklich, wie am ersten Abend auf der
Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz frohen Zuversicht
im Herzen ein:
»Er wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«
So verging der Winter und der sonnige Frühling kam. Die Bäume wurden
grün und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und weißer Anemonen,
und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, warme Lüfte zogen durch
das Land und machten alle Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern
leben mochte.