»Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind

miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten, da

kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der

Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in

Freud' und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn

es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte,

wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber

mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden

Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres

hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt.

Öfter geschah's auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen

eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im

Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn dann

Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles

auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern

er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe

zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum

gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut,

wie es war; aber wir ließen es so gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß

es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir's

ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und

Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres,

denn was er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi

in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn auch so

sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das allerlustigste und

aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe, und dann sann

ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders

gern habe. Es war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch mit

den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte,

wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: 'Ich

fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und

kann noch in eine schwere Schule kommen.' Diese Worte gaben mir viel zu

denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann zusammen in

den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend

zu uns herüber und wir sangen Choräle zusammen am Klavier; daran hatte

es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig

und sang sie mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude

an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den

Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes

Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen Augen hatte es

noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die Bauernmädchen im

Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe damals und war netter als

sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam

aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins

Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach er dann immer

mit mir von den vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer

bald auf das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und

schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das

Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt

längst das Wisi nie anders als so genannt hatte, nannte er es

unwandelbar das 'Wiseli', und das kam dann so ganz eigen zärtlich

heraus. Da kam denn auch ein Sonntag -- wir waren noch nicht achtzehn

Jahre alt, Wisi und ich --, als es gegen Abend bei uns eintrat und ganz

rosig aussah, und wie wir nun zusammensaßen -- Mama war auch mit uns --,

da sagte denn Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit

dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im

Dorfe wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute

Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles

festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich

war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor, daß ich kein Wort

sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz

bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte

ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem

Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch

ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe,

wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht

alles noch rückgängig gemacht werden, oder doch eine gute Zeit lang

hinausgeschoben werden und es noch bei seinem Vater bleiben könnte, es

sei ja noch so jung. Da fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja

ganz bestimmt sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die

Zeit, und dem Vater sei's recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber

das arme Wisi weinte immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und

zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir

zusammen sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne

nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen'; dann schlug

sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:

'Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.'

Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte ihm

noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache recht

traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi

seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der

Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein

Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war

noch stiller geworden als vorher, ich habe auch seither nie mehr sein

still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben

konnte.«

»Der arme Kerl!« rief Onkel Max aus; »hat er denn keine andere Frau

genommen?« -- »Ach nein, Max«, entgegnete seine Schwester ein wenig

strafend, »wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja

die Treue selbst.« -- »Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester«,

erwiderte der Bruder begütigend; »ich konnte doch nicht voraussehen, daß

dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an

sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich,

das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg

dauern.« -- »Ich merke schon, Max«, sagte die Schwester, »daß du heimlich

es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem

es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren

war.« -- »Doch, doch«, versicherte der Onkel, »ich habe ja alle Teilnahme

für den Ehrenmann; aber weiter, wie ging's mit dem Wisi, es hat doch

seine lustigen Augen nicht verweint?« -- »Doch, ich glaube manchmal

wohl«, fuhr die Schwester fort; »ich habe es nicht mehr oft gesehen, es

hatte gleich viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber

er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit

seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Er

hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie

wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben müssen, nur ein

einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines

Wiseli, es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut

drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten,

daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde, und nun ist es auch da,

eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar

keine Hoffnung mehr.« -- »Nein«, rief Onkel Max ganz erschrocken aus,

»das kann doch nicht sein, ist's wirklich so? Kann man da nichts machen,

Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.«

-- »Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen«, sagte die Schwester traurig;

»da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all' die Arbeit und

Anstrengung viel zu zart.« -- »Und was macht nun der Mann?« fragte Onkel

Max. -- »Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi

auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in

der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot

nach Hause brachte; er wurde dann ganz elend, arbeiten konnte er gar

nichts mehr; er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi

hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann

ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit

dem Kinde.« -- »Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als

ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's

doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund werden und alles

noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.« -- »Nein, nein,

dazu ist es zu spät«, entgegnete die Schwester sehr bestimmt; »das arme

Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. Aber auch hier ist es

spät geworden«, -- und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem

Gespräch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger

Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen

Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar

keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle

Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von

Dingen und Persönlichkeiten besprechen wollte; aber seine Schwester war

unerbittlich, sie hielt die Lichter in der Hand und drängte zum

Aufbruch. So half denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene

Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen

Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als

sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte

ihm friedlich auf die Schulter und sagte: »Es war nur eine leise Mahnung

von seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten.« Der Rückzug

wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Höhe ganz still im

Mondschein da, und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald

stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und

warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die

monderhellte Nacht hinaus.

Drittes Kapitel.

Auch noch daheim.

Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause zugingen,

rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter, denn es

wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und

das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß gewesen, daß

es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte; jetzt lief es um so

mehr drauf zu und wäre fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus

der Tür des Häuschens trat, als es hineinstürmen wollte; er ging ihm

aber ganz leise aus dem Wege, und das Wiseli sprang vorwärts in die

Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am

Fenster saß und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.

»Mutter, bist du böse, daß ich so lang nicht komme?« rief es, indem es

sie mit beiden Armen um den Hals faßte. »Nein, nein, Wiseli«, antwortete

sie freundlich; »aber ich bin froh, daß du da bist.« Jetzt fing das

Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu erzählen an, wie gut der

Otto mit ihm gewesen, und wie es zweimal mit dem allerschönsten

Schlitten hatte den Berg hinunterfahren können. Wie es dann mit seiner

Erzählung fertig war und die Mutter noch so still dasaß, fiel ihm erst

ein, daß sie das sonst nicht tat, und es fragte verwundert: »Aber warum

hast du noch kein Licht, Mutter?«

»Ich bin so müde heut' abend, Wiseli«, antwortete sie; »ich konnte nicht

aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und bring mir einen

Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.« Wiseli lief in die Küche

und kam bald zurück, in der einen Hand das Licht und in der anderen eine

Flasche, darinnen ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, daß

die durstende Kranke erfreut ausrief: »Was bringst du mir Schönes,

Wiseli?« -- »Ich weiß nicht«, sagte das Kind, »es stand auf dem

Küchentisch, sieh, wie es funkelt.« Die Mutter nahm die Flasche in die

Hand und roch daran. »O«, sagte sie, begierig wieder riechend, »es ist

wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser

dazu, Wiseli.« Das Kind goß von dem roten Saft in ein Glas und füllte es

mit Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden

Beerensaft hinunter. »O, wie das erfrischt!« sagte sie und übergab das

leere Glas dem Kinde. »Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit; mir ist,

ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese

große Erquickung gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau

Oberst.« -- »War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?« fragte das

Kind. -- Die Mutter verneinte dies. -- »Dann ist es nicht die Trine, das

weiß ich«, sagte das Wiseli bestimmt; »sie geht jedesmal in die Stube,

wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er

dies nicht mitgebracht?« -- »Ach was, Wiseli«, fiel die Mutter ganz

lebhaft ein; »was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir,

was kommt dir in den Sinn?« -- »Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier

drinnen«, beteuerte Wiseli; »gerade wie ich hereinkam, trat er so

schnell aus der Tür, daß ich fast an ihn heranrannte: hast du denn

nichts gehört?« Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte

sie: »Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte;

erst meinte ich, du seist's, und -- es ist wahr, erst nachher hörte ich

dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner Andres

war, der zu unserer Tür herauskam?« Wiseli war seiner Sache so sicher

und konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom

Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit

einem Male an ihn heranrannte, daß die Mutter auch davon überzeugt

wurde; sie sagte wie für sich: »Dann war es der Andres, er hat es

ausgedacht, was mir so gut tun könnte.« -- »Jetzt kommt mir auch etwas in

den Sinn, Mutter«, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, »jetzt

weiß ich gewiß, wer einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt

hat, von dem du so gern aßest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen;

weißt du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir

etwas Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar

nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche

gestellt.«

[Illustration: Es hielt ihre Hand fest in der seinigen]

»Das glaube ich auch«, sagte die Mutter und wischte sich die Augen. --

»Es ist ja nichts Trauriges«, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als

sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah.

»Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm

einmal, ich lass' ihm danken für alles Gute; er hat es so gut mit mir

gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran«, fuhr sie leise fort; »gib

mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein,

was ich dich gelehrt habe.«

Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft hinein,

und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte sie müde

ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu

sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus

ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter den Kopf; dann setzte es

sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in der

seinigen, und wie sie gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein

Verslein her:

»Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.«

Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Entschlafen war, sie

sagte nur noch mit leisem Ton: »Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal

keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in

deinem Herzen:

'Er wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.'«

Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli wollte sie

nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran, und bald

schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem

stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das

Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.

Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen

ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen herein, wie

sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem

Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so

sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein

wenig die Tür auf und sagte: »Was hast du, Wiseli; ist die Mutter

kränker?« Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stöhnte hervor: »Ich weiß

nicht, was die Mutter hat.«

Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte ja

nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie

war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr, wie ihr

Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute

die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zurück und sagte: »Geh

schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-Götti, er soll auf der

Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand, und es muß jemand zu der

Sache sehen; lauf recht, ich will warten, bis du wiederkommst.« Das Kind

lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen, sein Herz war

so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf

einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn

jetzt wurde es ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter

nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter,

aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen

wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine Viertelstunde

von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-Götti, wo Wiseli jetzt

eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Base stand in der Küche

und fragte kurz: »Was ist mit dir?« Wiseli sagte halblaut zwischen dem

Schluchzen durch, die Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti

schnell komme zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken,

es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst

redete, sagte sie: »Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist

jetzt nicht da.« Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück,

als es vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die

Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es

war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich

ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr gesessen

hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit sagte es

halblaut: »Mutter!« Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu

ihr hinbeugend: »Gelt, Mutter, du hörst mich wohl, wenn du jetzt schon

im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören kann.« So saß das Wiseli

noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit

vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das Stübchen, schaute sich ein

wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. »Ihr müßt die Frau

hier zurecht machen, Ihr wißt schon, wie ich meine«, sagte er, »so daß

alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da

nichts wegkommt.« Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: »Wo sind

deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein

Bündelchen, dann gehen wir.« -- »Wohin gehen wir denn?« fragte Wiseli

zaghaft. -- »Heim gehen wir«, war die Antwort; »an den Buchenrain, da

kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der Welt, als deinen

Vetter-Götti.« Das Wiseli befiel ein lähmender Schrecken, -- nach dem

Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine

große Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür

gewartet, wenn es dem Vetter-Götti etwas hatte berichten müssen, aus

lauter Angst, die Base fahre es an. Dann war der älteste Sohn im Hause,

der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die

warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.

Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. »Du mußt dich

nicht fürchten, Kleines«, sagte der Vetter-Götti freundlich; »es sind

wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger für

dich.« Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knüpfte

je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann band es sein Tüchlein um

den Kopf und stand fertig da.

»So«, sagte der Vetter, »nun gehen wir«, und schritt der Tür zu. Auf

einmal schluchzte Wiseli laut auf: »Dann muß ja die Mutter ganz allein

sein.«

Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.

Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht, wie

er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das

nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte

er nie probiert; er sagte also: »Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du

eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar

nichts.« Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem

Vetter-Götti durch die Tür nach. Nur einmal sah es noch zurück und sagte

ganz leise: »Behüte Gott, Mutter!« Dann wanderte es mit seinem

Bündelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben

als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die

Trine gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die

Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem Kinde nach.

Die Trine trat auf sie zu und sagte: »Heute bring' ich der kranken Frau

was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch,

da wird es immer spät.« -- »Und wenn Ihr auch am Morgen früh gekommen

wäret, so wäret Ihr zu spät gekommen heut', sie ist in der Nacht

gestorben.« -- »Es wird doch nicht sein«, rief die Trine erschrocken aus;

»ach du mein Trost, was wird meine Frau sagen.« Damit kehrte die Trine

um und lief stracks ihren Weg zurück.

Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und machte Wiselis Mutter

so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein liegen mußte.

Viertes Kapitel.

Beim Vetter-Götti.

Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat am

Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune hergestürzt, liefen

hinter der Ankommenden her in die Stube herein und stellten sich mitten

drin auf, und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan, das

ganz schüchtern dastand. Aus der Küche kam die Base herein und schaute

das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie es noch nie gesehen hätte.

Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: »Ich meine, man

könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk' ich, heut' noch wenig gehabt.

Komm, sitz ab«, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf

demselben Platze stand, sein Bündelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt

holte die Base Most und Käse und legte das große Schwarzbrot auf den

Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein tüchtiges Stück ab und legte einen

Brocken Käse darauf, dann schob er es vor das Kind hin: »Da, iß,

Kleines, wirst wohl Hunger haben.«

»Nein, ich danke«, sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen

herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten es so

zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum atmen konnte. Die Buben

standen immer da und starrten es an. »Mußt dich nicht fürchten«, sagte

der Vetter-Götti ermunternd, »iß nur zu.« Aber das Wiseli saß

unbeweglich und berührte sein Brot nicht. Die Base war bis jetzt auch

geblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden

Armen in die Seite gestemmt. »Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's

nur bleiben lassen«, sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in

die Küche.

Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und

sagte: »Nimm's in die Tasche, nachher kommt's dir schon, daß du essen

magst, mußt dich nur nicht fürchten.« Damit ging auch er in die Küche

hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in die Tasche

stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den

Tisch.

»Ich will dir schon helfen«, sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom

Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren aber in

die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen

tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie

erwische; in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden

und haschte den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn,

und einer fiel über den anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen

und Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange

wurde. Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die

Stube hinein: »Was ist das?« Da riefen die drei Buben am Boden alle

durcheinander, und es tönte immer wieder: »Das Wiseli wollte nicht«,

»das Wiseli hatte keinen« und »weil das Wiseli keins wollte«. Da rief

der Vater noch lauter: »Wenn das nicht aufhört da drinnen, so will ich

mit dem Lederriemen kommen!« Dann schlug er die Tür wieder zu. Das »da

drinnen« hörte aber noch nicht auf, sondern sowie die Tür zu war, ging's

erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, daß das wirksamste Mittel,

den Feind zu erschrecken, sei, ihm in die Haare zu fahren, was die

anderen sogleich auch begriffen, und so standen sie nun alle drei jeder

mit beiden Händen an den Haaren eines anderen reißend und dazu ein

fürchterliches Geschrei ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem

Schemel und schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder

zugemacht hatte, sagte sie: »Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum

hast du es gleich mit heimgenommen?«

»Es wird, denk' ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-Götti,

und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon

brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann machen. So kannst du

etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir mehr zu

tun, als eben recht.«

»Ja wegen dessen«, warf die Base hin, »das wird eine schöne Hilfe sein.

Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde

schon, daß es da ist.«

»Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh' das Kleine da war; es hat,

denk' ich, nicht viel damit zu tun«, sagte der Vetter ruhig.

»So«, entgegnete die Base eifrig, »hast du denn nicht gehört, daß sie

alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?«

»Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders«, meinte der Vetter.

»Diesem Kleinen wirst du, denk' ich, wohl noch Meister werden, es ist

kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen,

besser als die Buben.« Das war der Base fast zu viel. »Ich meine, es war

nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die Buben aufstifte«, sagte

sie, die Häute immer schneller von den Kartoffeln abreißend, »und dann

möchte ich nur das wissen, wo das Kind schlafen soll.«

Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann

sagte er geruhlich: »Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird

wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denk' ich, und das wird

es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen; heut' kann

es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. Dann kann man einen

Verschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein

Bett hineinschieben.«

»Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt und

dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört«, warf die Base hin,

»und dann möcht' ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch

bauen soll, um des Kindes willen.«

Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band · 第 9 / 14 段