»Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du

brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten.

Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen.« Damit stieß der

Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine

Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis an die Kniee

in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: »Ich wollte nur

zusehen!« Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee

hinein, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er

fast vom Schlitten herunterfuhr. »Wart du!« rief er außer sich vor

Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte,

und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da

stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt

zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und

sagte: »Probier's!« Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto

Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen

hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so

breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren,

daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen

welche der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber

die geballte Faust hielt er immer in die Höhe und wuterfüllt rief er:

»Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!« -- »Aber ich mit

dir«, entgegnete Otto kriegerisch. »Was brauchst du das Wiseli

dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl

gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren

kann.« Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich

dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte.

»Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli«, sagte Otto beschützend. »Siehst

du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und

hast nur zusehen müssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter,

schnell, siehst du, da fahren sie schon.« Das bleiche, schüchterne

Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es

zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten saß, und

gedacht: »Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte«,

wo schon drei auf einem Schlitten saßen. Nun sollte es allein

hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem

Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war

und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz

unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu

prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz

abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so

schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu erfassen;

es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto

mahnte: »Mach, mach, Wiseli, fahr ab«, so gehorchte es, und hinunter

ging's, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit hörte Otto die

ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: »Wiseli,

bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu;

nachher müssen wir gehen.« Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal

hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es

seinen Schlitten und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit

den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon.

Otto fühlte sich sehr befriedigt. »Wo ist das Miezi?« rief er in die

sich zerstreuende Gesellschaft hinein. »Da ist es«, ertönte eine

fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes,

rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger

Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen Hause

zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit des

Schlittens war ziemlich lange überschritten.

Zweites Kapitel.

Daheim, wo's gut ist.

Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur

hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in

die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. »So, endlich!«

sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. »Die Mutter hat schon lange

nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat's

geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit.« Die alte Trine war

schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur

Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause und fühlte sich durchaus

als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung

war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder

ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften;

das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber

Entrüstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung.

»Schuhe aus, Pantoffeln an!« rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der

Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort

kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte,

und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand

unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst

nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein

paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte

auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und

rührte sich nicht. »Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann

trocknen die Schuhe von selbst«, sagte die Trine, auf ihren Knieen

harrend. »Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehört; wer ist in der großen

Stube?« fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die

Höhe. »Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht

hinein. Jetzt wag's und sitz nieder«, mahnte Trine. Aber anstatt zu

sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: »Jetzt hab' ich's wieder

gehört, so lacht der Onkel Max.« -- »Was?« schrie Otto und war mit einem

Satz bei der Tür. -- »Wart! wart!« schrie Miezchen nach und wollte gleich

mit zur Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl

gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den

zappelnden Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen

zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf den

Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun ein großer

Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und

in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es

währte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die

Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder

war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der

Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und

kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den

Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er für wunderbar

herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war gar mit

nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft.

Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde

umher und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.

Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die

dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die aufgeregten

Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit

mitgebracht. »So«, sagte der Papa, über den Tisch hinüberblickend, wo an

der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete, »so, so, heut'

hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch hab' ich keinen

Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.«

Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte:

»Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt will ich

gleich --«, und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück;

aber der Papa rief: »Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung. Da gib die

Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir nachher bestellen; so

ist's recht, Miezchen.« -- »Wie hat man eigentlich das Kind getauft,

Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon,

welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?«

sagte der Onkel lachend. »Wirklich warst du dabei, Max«, entgegnete

seine Schwester, »da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den

Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den

Namen noch recht unnütz vervielfältigt.« -- »O nein, Mama, wirklich nicht

unnütz«, rief Otto ernsthaft herüber. »Siehst du, Onkel, das geht nach

ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und

sanftmütig ist, dann nenn' ich es Miezchen; das geschieht aber selten,

und im gewöhnlichen Leben nenn' ich es daher Miezi. Wird es aber bös,

dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt

werden, der Miez.«

»Ja, ja, Otto«, tönte es nun zurück, »und wenn du bös wirst, dann siehst

du ganz aus wie ein -- wie ein --« »Wie ein Mann«, ergänzte Otto, und da

dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt

um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. »Das

Miezchen behält recht«, rief er; »seinen Geschäften obliegen ist besser,

als auf Schmähungen antworten.« »Aber, Kinder«, setzte er nach einer

Weile hinzu, »nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr

habt mir noch gar nichts erzählt; was habt ihr denn alles erlebt

unterdessen?« Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der

Kinder: so wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die

eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt,

wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich

doch noch zu zwei Fahrten kam. »So ist's recht, Otto«, sagte der Papa;

»du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt

du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?« -- »Du kannst das Kind

und seine Mutter kaum kennen«, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt;

»aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch

noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er

hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im

Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die Erinnerung

daran wieder?«

Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die

alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: »Der Schreiner Andres

möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.«

Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der

Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem

Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: »Um Entschuldigung,

ihr Herren!« und ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen

Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er

fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der

Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun

mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: »Laß los,

Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.«

»Wohin denn, Miezchen?«

»Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!«

»Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass' ich

dich los.«

»Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der

Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.« Nun stürmte auch das

Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug

ein helles Gelächter auf und rief: »Wer ist denn der Schreiner Andres,

um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint?«

»Das mußt du besser wissen als ich«, entgegnete der Oberst; »es wird

wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird

auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es

die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner

Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht

und entschieden auseinandergehen würde, sollte dem Hause dieser Halt

entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe

in der Bedrängnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgerät, von dem

sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht,

-- der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht

Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus los, -- der

Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken

und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, --

der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter

das sämtliche Hausgeräte entzwei, -- der Schreiner Andres leimt es wieder

zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die stützende

Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir

alle in Trümmer.«

Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten

schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend.

Onkel Max lachte, daß es schallte.

»Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!« sagte die Mutter. »Ich weiß schon, was

ich an dem Schreiner Andres habe.«

»Und ich auch«, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.

»Und ich auch!« behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem

Platze saß.

»Und ich auch!« brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste von seinem

Sturz über den Stuhl hin.

»So, nun sind wir alle einer Meinung«, bemerkte die Mutter, »nun können

die Kinder in Frieden zu Bette gehen.« Auf diese Anzeige hin drohte dem

Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die alte Trine stand

schon vor der Tür und wachte, daß die Hausordnung nicht überschritten

werde. Die Kinder mußten abtreten, und gleich nachher verschwand die

Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß

die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.

Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren

zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.

»Endlich«, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde

hinter sich. »Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner

Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrig

bleibt.«

»Und siehst du, Max«, sagte die Mutter lachend, »wenn mein Mann noch so

arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir

alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch für dich noch

einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und

bittet um deinen Beistand.«

»Das ist wahr«, sagte der Oberst; »einen ordentlicheren, fleißigeren,

zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und

Hab' und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der

ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit

darüber hinaus.«

»Jetzt siehst du, Max«, sagte die Frau lachend; »ich konnte doch nicht

mehr sagen.« Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst

unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: »Nun habt ihr mir alle so

viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte,

woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht

gesehen hier?«

»Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max«, entgegnete seine Schwester;

»du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule

gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben

Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter

Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum

stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse

zusammen, in welcher du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß

Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er

konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit

Schneeballen, und rief uns überall nach: 'Aristokratenbrut!'«

»O der, der«, rief Onkel Max lachend, »ja, nun weiß ich auf einmal

alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns beständig nach; ich

möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein

widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren

Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich aber, dafür rief er

mir wohl zwölfmal nach: 'Aristokratenbrut!' Ach, nun weiß ich auch auf

einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein

Bruder, das ist gewiß euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit

den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh' ich schon die dicke

Freundschaft«, lachte Onkel Max auf's neue auf. -- »Was Veilchen, das muß

ich wissen«, fiel der Oberst ein. -- »O, die Geschichte ist mir auf

einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen«, sagte der Onkel ganz

angeregt von seinen Erinnerungen; »die muß ich dir erzählen, Otto. Du

weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen

glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der

fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und

alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden

könnten. So war er genötigt, sehr viel zu prügeln, um den einen oder

andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal

nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun

so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres

laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die

kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in

die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von

ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tür zu. Einen

Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr

nach: 'Wo läufst du hin?' Marie kehrte sich um; die hellen Tränen liefen

ihr über die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will

heimgehen und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir', rief jetzt der

Schullehrer in großer Überraschung und stürzte vom Andres weg auf die

kleine Marie los; die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm

und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch

einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan; auch der

Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen

Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen,

und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von

dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz und

durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer

Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den

prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren,

und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die

Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun

angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.« -- Der

Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen

und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen:

»Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch,

Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich

das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld

und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir

miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in

die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer öfter

nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann

dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich

darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen

wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als

ein tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem

sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es

aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben und

Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber wir kannten

ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er

hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.« -- »Nein, wahrhaftig nicht«,

fiel hier der Oberst ein; »der brave Andres hat längst sein Gut

vollständig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit

eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich

ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen.

Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein

Besitztum jährlich sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen

Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein

Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen

kann.« -- »Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterböse

Jörg schließlich hingekommen?« fragte Onkel Max weiter. -- »Nein, er hat

gar niemanden«, antwortete die Schwester, »er lebt völlig allein,

wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte

erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß alle Lust benommen

hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg hat erst hier einige Jahre

herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch

furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er,

endlich doch noch sein Glück zu machen, und als ihm dies nicht gelang,

auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und

allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er

verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war froh, daß

er nur fort war.« -- »Was war denn die traurige Geschichte, Marie?«

fragte der Bruder; »die muß ich auch noch wissen.« »Und ich auch«, sagte

der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre

an.

»Aber Mann«, bemerkte die Frau Oberst, »dir habe ich dieses Erlebnis

wohl schon sechsmal erzählt.« -- »So?« entgegnete ruhig der Oberst; »es

gefällt mir, wie es scheint.« -- »So fang an!« ermunterte der Onkel. --

»Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern können, Max«, begann seine

Schwester, »von dem ich heut' abend schon einmal gesprochen habe, das

ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber

an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten,

wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und

hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß

Aloise.« -- »In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt«, warf Onkel

Max ein. -- »O, ich weiß schon warum«, fuhr seine Schwester fort, »wir

nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum

Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du

selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und

es so leise tönte: 'Man muß das Wisi holen, sonst geht's nicht?'« --

Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis

auf; er lachte hell heraus und rief: »O, das ist's, das Wisi, ja gewiß,

das Wisi kenn' ich wohl, ich seh' es deutlich vor Augen mit dem lustigen

Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich

mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr:

die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich 'Wisi'

sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.«

»Freilich hast du«, bemerkte die Schwester, »denn jedesmal sagte die

Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu

machen.« -- »Das habe ich wohl jedesmal überhört«, meinte Onkel Max;

»aber wo ist denn das Wisi hingekommen?«

Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band · 第 8 / 14 段