Jetzt trat der Rico in den Garten; er mußte ja heut' Nachmittag fort,

und so den ganzen Tag, ohne einmal zu kommen, konnte er's nicht gut

aushalten. Als er gerade nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau

Menotti und sagte:

»Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer weiß, wie lange wir hier

noch nebeneinander sitzen werden!«

Rico erschrak.

»Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht fort?«

Nun mußte Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte sie nicht

erzählen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli ihr gestern Abend vom Rico

gesagt hatte; sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfüllt gewesen,

daß sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig

zu wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam.

»Sag einmal, Rico«, fing sie an, »warst du denn früher schon einmal da,

daß du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern das Stineli erzählt

hat?«

»Ja, wie ich klein war«, sagte Rico, »dann kam ich fort.«

»Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?«

»Hier kam ich auf die Welt.«

»Was, hier? Was war denn dein Vater, daß er aus den Bergen hier

herunterkam?«

»Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!«

»Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?«

»Doch, er war von hier.«

»Das hast du alles nicht erzählt, das ist ja so merkwürdig! Du hast doch

keinen Namen von hier; wie hieß denn dein Vater?«

»Wie ich hieß er: Enrico Trevillo.«

Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall.

»Was sagst du da, Rico«, rief sie, »was hast du gerade jetzt gesagt?«

»Meines Vaters Namen«, sagte Rico ruhig.

Frau Menotti hatte nicht mehr zugehört, sie war an die Tür gelaufen.

»Stineli, gib mir ein Halstuch«, rief sie hinein. »Ich muß zum Herrn

Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle Glieder.«

Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.

»Komm ein paar Schritte mit mir, Rico«, sagte Frau Menotti im Weggehen;

»ich muß dich noch etwas fragen.«

Zweimal noch mußte Rico sagen, wie sein Vater hieß, und zum dritten Male

fragte Frau Menotti ihn noch an der Tür des Pfarrers, ob er auch sicher

sei. Dann trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurück und war

verwundert über den Zustand der Frau Menotti.

Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wußte, daß es dem Stineli

jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam. Als er nun damit in der Stube

anlangte, traf er den Silvio und das Stineli in der besten Stimmung;

denn Stineli hatte seinem Versprechen gemäß die Geschichte vom Peterli

erzählt und damit sich und den Silvio in die größte Heiterkeit versetzt.

Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: »Nun wollen wir

singen, mit dem Stineli wollen wir die Schäflein singen.« Stineli hatte

sein Lied nie mehr gehört, seit es entstanden war; denn Rico spielte

jetzt viele schöne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied

gedacht. Daß aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte,

überraschte es sehr, denn es wußte nicht, wie viele hundert Male Rico es

ihm vorgesungen hatte in den drei Jahren. Stineli hatte die größte

Freude, daß es das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und

nun ging's an, und richtig: Silvio sang aus allen Kräften mit, und ohne

daß er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Tone nach

behalten durch das viele Anhören. Aber diesmal war das Lachen am

Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich

aus, daß es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie nun der Silvio

das Stineli so mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an,

und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, daß das Stineli noch

mehr lachen mußte, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein:

»Schäflein hinunter«.

So tönte schon von weitem das singende Gelächter der Frau Menotti

entgegen, als sie sich ihrem Garten näherte, und sie konnte nicht recht

fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends

kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein; sie mußte sich

gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken und die

Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie

überwältigt, und sie mußte erst zu sich kommen. Die Sänger waren

verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich

gesammelt.

»Rico«, sagte sie, feierlicher als sonst, »Rico, sieh um dich! Dieses

Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen und nicht sehen

kannst von oben bis unten, das gehört alles dir; du bist der Besitzer,

es ist dein väterliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht im

Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines

Mannes nächster Freund.«

Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen und

unaussprechliche Freude überstrahlte sein Gesicht. Rico saß wie

versteinert auf seinem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber der

Silvio, große Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief:

»O jetzt gehört auf einmal das Haus dem Rico! Wo muß er schlafen?«

»Muß? Muß? Silvio!« sagte die Mutter. »In allen Stuben kann er sein, wo

er will; er kann uns alle drei heut' noch da hinausstellen, wenn er

will, und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.«

»Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus«, sagte Rico.

»Ach, du guter Rico!« rief Frau Menotti aus; »wenn du uns da drinnen

haben willst, wie bleiben wir so gern! Siehst du, ich habe mir schon im

Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen könnten. Ich könnte dir

das halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem Land; so gehörte

die eine Hälfte von allem dir und die andere dem Silvio.«

»Dann geb' ich meine Hälfte dem Stineli«, rief Silvio.

»Und ich die meine auch«, sagte Rico.

»Oho, nun gehört alles dem Stineli!« frohlockte der Kleine aus seinem

Bett heraus, »der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die

Stühle und die Tische und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen

wir wieder singen!«

Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffaßte, kam sie dem Rico

nicht vor. Er hatte unterdessen über die Worte der Frau Menotti

nachgedacht und fragte nun zaghaft:

»Aber wie könnte das sein, daß das Haus von Silvios Vater mein wäre,

darum, daß mein Vater sein Freund war?«

Da fiel es der Frau Menotti erst ein, daß ja der Rico von dem ganzen

Hergang der Sache noch nichts wußte, und sie fing gleich an und erzählte

die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitläufiger, als sie am

Abend vorher alles dem Stineli erzählt hatte. Und wie sie zu Ende war,

da hatten die drei alles völlig begriffen, und bei allen dreien ging ein

unbeschreiblicher Jubel los, denn da war gar kein Hindernis mehr, daß

Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.

Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico:

»Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so muß ja nun gar nichts anders

werden in dem Hause; ich komme nun auch und bin daheim hier, und wir

bleiben so zusammen, und Ihr seid unsere Mutter.«

»O Rico, daß du es bist, daß du es bist! Wie hat doch der liebe Gott das

alles so schön herausgeführt! Daß ich es alles dir zu übergeben habe und

doch dableiben kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine

Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon lieb wie ein

eigenes Kind. Jetzt mußt du mich auch Mutter nennen, und das Stineli

auch, und wir sind die glücklichste Haushaltung in ganz Peschiera.«

»Jetzt müssen wir unser Lied fertig singen«, rief der Silvio, dem es so

ums Singen und Jauchzen war, daß er einen Ausweg haben mußte, und Rico

und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der größten Fröhlichkeit,

denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie aber damit fertig

waren, sagte Stineli:

»Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für

eines?«

»Ja, ich weiß es«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten;

wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an

und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte,

und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:

»Er hat noch niemals was versehn

In seinem Regiment,

Und was er tut und läßt geschehn,

Das nimmt ein gutes End'.

Ei nun, so laß ihn ferner tun

Und red ihm nicht darein,

So wirst du hier im Frieden ruhn

Und ewig fröhlich sein.«

Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte

ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine veränderten

Verhältnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich

heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico,

und er eilte gleich fort. Die Wirtin hörte ihm mit der größten

Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig

war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und

wünschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von

Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit

den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den »Drei Kronen« fahnde auf den Rico

und mache ihn ihr noch abspenstig; das hätte sie nicht ertragen. Nun war

der gefürchteten Tat der Riegel gestoßen, und daß der Rico ein Gutsherr

geworden war, mochte sie ihm gönnen, denn sie hatte ihn immer wohl

gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er

hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nie

in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So

nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die

Wirtin unter der Tür noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch

für alle Fälle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anlaß von seinem

Haus aus zu geben hätte. Noch an demselben Abend wußte ganz Peschiera

die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann

noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glück gönnen, und

einer sagte zum anderen: »Er paßt gerade als Herr auf sein Gütlein, als

wäre er eigens dazu geschaffen worden.«

Die Mutter Menotti aber wußte nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut

genug machen wollte in seinem Hause. Sie rüstete das große Zimmer auf

mit den zwei Fenstern über den Garten und auf den See hinab; von der

Wand schauten schöne weiße Marmorfigürchen herunter, auf den Tisch kam

ein duftender Blumenstrauß, und das ganze Zimmer sah so sauber und

festlich aus, daß der Rico unter der Tür stehen blieb vor Erstaunen, wie

er jetzt, vom Stineli geführt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn

empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster

führte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten

Bergen hinübersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, daß es ihm

vor Freude und Dank übervoll wurde und er nur leise sagen konnte:

»O wie schön! nun darf ich daheim sein!«

In der wohnlichen Stube mit den offenen Türen auf den Blumengarten wurde

von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier

Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Fröhlichkeit und

ungetrübtem Glücke verlebt, daß keines von allen bemerkte, wie rasch die

Zeit dahinging.

Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den

Feigenbäumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mußte er

nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst:

»Ich kann freilich mehr als mein Meister«, und der Hochmut stieg ihm ein

wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der

erleuchteten Stube so schöne und herzgewinnende Weisen in den Garten

hinaus, daß der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang

lauschte, denn Musik ging ihm über alles. Dann sagte er zu sich: »Mein

Meister kann doch mehr als ich«, und bekam einen großen Respekt vor ihm.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Sonnenschein am Gardasee.

So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag genußreicher als der

andere. Da wußte Stineli, daß nun die Zeit seiner Abreise gekommen war,

und es mußte stark mit sich kämpfen, daß es nicht den Mut verlor, denn

fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste

Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war. Auch der Rico wußte,

was nun sein sollte, und er sagte manchen Tag lang nur noch die

notwendigsten Worte. Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich

zumute und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn sie hatte

schon lange vergessen, daß das Stineli sollte konfirmiert werden. Als

nun diese Besorgnis herauskam, sagte die Mutter Menotti beruhigend: »Man

kann schon noch ein Jahr warten«, und so lebten alle in Freuden ein

Jahr weiter.

Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen

aus den Bergen herunter, der habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu

nehmen. Nun mußte es sein; der kleine Silvio gebärdete sich wie ein

Besessener, aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht

aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander

nur immerzu: »Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er

will, wenn er dich nur wieder gehen läßt.«

Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli ab, und von dem

Tage an lag es über dem Hause wie eine graue, schwere Wolke, wenn

draußen die Sonne noch so schön schien. So blieb es vom November an bis

zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause blieb es

ganz still. Und als das Fest vorüber war und draußen im Garten alles

blühte und duftete, viel schöner als je, da saß eines Abends Rico neben

dem Silvio und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und

machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertönte

aus dem Garten eine Stimme dazwischen: »Rico, Rico, hast du keinen

fröhlicheren Empfang für mich?«

Der Silvio schrie auf wie außer sich. Rico warf die Geige auf das Bett

und sprang hinaus. Die Mutter stürzte mit Schrecken herbei. Da erschien

auf der Schwelle mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder in

die Stube hereinlachten -- da war der langverlorene Sonnenschein

zurückgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich

keins von allen hatte vorstellen können in der Trennung. Da saßen sie

wieder am Tisch bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erzählen

und Berichten und wieder an ein Frohlocken über das Ende der schweren

Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend, daß man hätte denken

können, diesen vier Menschen könne gar nichts mehr mangeln zu einem

fertigen Glück. Aber dem Rico mußte es ganz anders sein. Mitten in der

Fröhlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie vorzeiten; doch

währte es nicht so lange wie damals, er mußte ziemlich bald einen

befriedigenden Endpunkt gefunden haben, denn plötzlich war das Staunen

vorbei, und mit der größten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:

»Das Stineli muß auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt es uns

noch einmal fort, wir halten es nicht aus.«

Der Silvio geriet sogleich in die äußerste Begeisterung für dieses

Unternehmen, und es währte gar nicht lange, so waren alle einig darüber,

daß es so sein müsse und gar nicht anders sein könnte. --

Am schönsten Maitage, der je über Peschiera geleuchtet hatte, bewegte

sich ein langer Festzug von der Kirche her der »Goldenen Sonne«

entgegen. Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten,

an seiner Seite das frohäugige Stineli mit einem frischen

Blumenkränzlein auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem Wägelchen,

von zwei fröhlichen Peschierabuben gezogen, der kleine Silvio,

freudeglänzend wie ein Triumphator, darauf folgte die Mutter Menotti,

ganz gerührt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr

der Bursche mit einem Blumenstrauß, der ihm die ganze Brust bedeckte;

und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn

das schöne Paar wollten alle sehen und mit feiern. Es war wie ein

allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und

wiedergekehrte Peschierianer daranging, sein festes Haus zu gründen in

seiner Heimat.

Die Siegesfreude der Wirtin zur »Goldenen Sonne«, als sie den Zug vor

ihrem Hause ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher

von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie

mit Überlegenheit:

»Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der 'Goldenen Sonne'!«

In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren;

aber Stineli sorgte auch dafür, daß das Unser-Vater nie wieder vergessen

wurde, und jeden Sonntagabend ertönte das Lied der Großmutter im hellen

Chor den Garten hinaus.

Wie Wiselis Weg gefunden wird.

[Illustration: Auf dem Schlittweg]

Erstes Kapitel.

Auf dem Schlittweg.

Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann

hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig

beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf

der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner

Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt »Auf der

Halde«. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen

Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, -- dort hat die Frau des

Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas

weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen,

und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch

ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar

Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit

einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da

immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg

wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße,

die der Aare entlang geht ins Land hinaus.

Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten

Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang

konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn

war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz

einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne

Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. Diese unvergleichliche

Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglück einer großen Schar von

Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete,

sich herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof

bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden

verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man immer im

Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nächste

Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum

großen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war,

denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte

dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man

schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein

einziges Mal, und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das

Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da

war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren,

während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle

abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und

Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch

allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen

Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen

wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die

Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee

nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf

fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle

glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den

ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks

umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte Eile; drüben stand

schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon

geläutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: »Noch einmal! Noch

einmal!« Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es

eine Verwirrung und einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf

demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur

einen Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander

auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so

gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee

hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und fühlte, daß er unter

ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn beim Gedanken, daß die

anderen nun abfahren möchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf

ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand; es war

ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer

zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen

Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein,

seine Wut daran auszulassen.

Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band · 第 7 / 14 段