Dem Rico hatte man ein Bett zurecht gemacht, oben in der Dachkammer; da

schleppte er seine Sachen hinauf, denn erst morgen wollte er alles

auspacken. Wie nun am folgenden Tage, am hellen, schönen Sonntag, alle

um den Tisch saßen, da kam Rico und schüttete gerade vor das Urschli und

den Peterli hin einen solchen Haufen von Pflaumen und Feigen, wie sie in

ihrem ganzen Leben noch keinen gesehen hatten, und Feigen hatten sie

auch noch gar nie gegessen; und seine Masse Würste und Fleisch und Eier

stellte er mitten auf den Tisch. Und nachdem das große Erstaunen darüber

ein wenig nachgelassen hatte, ging eine Schmauserei an, wie sie da noch

nicht stattgefunden hatte, und bis zum späten Abend knupperten die

Kinder im höchsten Vergnügen an den süßen Feigen herum.

Achtzehntes Kapitel.

Zwei frohe Reisende.

Am Montag mußte die Reise erst am Abend vor sich gehen, das hatte der

Roßhändler dem Rico deutlich alles gesagt, so daß dieser nun perfekt

seinen Weg wußte. Nachdem nun der Abschied genommen war, wanderten Rico

und Stineli gegen Sils hin, und am Häuschen stand die Mutter und alle

die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging

neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug Rico

auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider hatten

gerade beide angefüllt.

Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: »Wenn uns die Großmutter noch

sehen könnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico?« Er

wollte gern und sagte Stineli, daß er schon dagewesen wäre und sie nicht

gefunden hätte; aber Stineli wußte schon, wo die Großmutter lag.

Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter:

»Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter müssen? Ich habe schon

gestern nachgefragt!«

Der Roßhändler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: »Hier

herauf, die anderen haben gefroren, der Wagen ist voll, ihr seid jung.«

Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen,

und nahm eine dicke Roßdecke hervor, die deckte und stopfte er um die

beiden, daß sie ganz eingewickelt dasaßen, und nun ging's vorwärts.

Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saßen nun Rico und

Stineli allein beieinander und konnten sich ungestört erzählen von

allem, was sie in den ganzen drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie

nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden

Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf die ganze Nacht

vor lauter Genuß und Vergnügen. Am Morgen kamen sie auf den See, und

gerade um dieselbe Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so

langten auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu. Aber Rico

wollte nicht, daß das Stineli den See sehe, bis es an seinem Plätzchen

angekommen war. So führte er es nun zwischen den Bäumen durch, bis sie

auf einmal bei der kleinen Brücke herauskamen ins Freie.

Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und Stineli saßen an der

niederen Halde hin und schauten hinüber. So wie ihn Rico geschildert

hatte, so war er, aber noch viel schöner, denn solche Farben hatte

Stineli noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten

Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzücken: »Er

ist noch schöner als der Silsersee.«

Rico hatte ihn aber auch noch nie so schön gesehen als jetzt, da er mit

dem Stineli dran saß.

Im stillen hatte Rico noch eine Freude; -- wie konnte er den Silvio und

seine Mutter überraschen! Kein Mensch hatte gedacht, daß er so bald

zurücksein könnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und

nun saßen sie schon da am See. Bis die Sonne unter war, blieben sie an

der Halde sitzen. Rico mußte dem Stineli zeigen, wo die Mutter stand,

wenn sie wusch am See und er dasaß und auf sie wartete, und er mußte

erzählen, wie sie miteinander über die schmale Brücke kamen und sie ihn

an der Hand hielt.

»Aber wo seid ihr dann hingegangen?« fragte Stineli. »Hast du nie das

Haus gefunden, wo ihr hineingegangen seid?«

Rico verneinte es. »Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die

Schienenbahn hinauf, dann ist's auf einmal, als sei ich da mit der

Mutter gestanden und habe auf einem Tritt gesessen und vor uns die roten

Blumen gesehen; aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf kenne ich

nicht, den habe ich nie gesehen.«

Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu; Rico trug den Sack und

Stineli den Korb. Wie sie in den Garten eintraten, mußte Stineli

überlaut ausrufen: »O wie schön, o die schönen Blumen!«

Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder. Er schrie aus

Leibeskräften: »Der Rico kommt mit dem Stineli!«

Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie warf ihre Sachen

dahinten im Kasten, wo sie herumkramte, alle übereinander und kam

herbeigelaufen.

In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter die Tür, und vor

Schrecken und Freude hätte es die gute Frau fast umgeworfen, denn bis

auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten

Befürchtungen ausgestanden, das Unternehmen könnte dem Rico doch ans

Leben gehen.

Hinter dem Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen

Gesicht, daß es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war

eine Frau von schnellen Eindrücken. Erst mußte sie aber dem Rico beide

Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli

schnell an das Bettchen heran und begrüßte den Silvio, und es legte

seinen Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm ganz

freundlich ins Gesicht, so, als hätten sie sich schon lang gekannt und

gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz

auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein

Geschenk aufs Bett, das es in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es

gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von

jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in

jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht

eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen von

Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figürchen zappelten aber so lustig

gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rötel und Kohle so

feurig bemalte Gesichter, daß der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.

Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, daß er

sicher und glücklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli

und begrüßte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit

seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht

italienisch und mußte sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es

konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich

zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich

mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich

kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu

erraten gab.

Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man

zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die

Früchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich

der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so

erstaunlich flink, daß der Frau Menotti gar nichts mehr übrig blieb zu

tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu

denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett,

verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mußte, und die

rasche Bedienung gefiel dem Silvio.

Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht

gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und iß mit uns.«

Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, so als hätten sie immer

zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing

der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf

und räumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wußte

nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz

nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern,

so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte

der Silvio hell auf und rief aus: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine

Spinne mit langen Beinen!«

So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines

begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr

schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wußte, daß er nun gehen mußte;

es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte

kurz: »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und

im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht

traurig werden, Rico; es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht

sagen, wie es mir gefällt und wie froh ich bin, und das habe ich alles

dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich

nicht, Rico?«

»Ja«, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, »und alle

Abende, wenn's am schönsten ist, muß ich fort und weg und gehöre zu

niemandem.«

»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli; »nun haben

wir doch immer zueinander gehört und ich habe mich drei Jahre lang immer

darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn

es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein

wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico

sein könnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so

gekommen, daß ich gar keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du

dich gar nicht mit mir freuen, Rico?«

»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er

gehörte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins

Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann

ging der Rico zum Garten hinaus!

Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung dem

Silvio »Gute Nacht« sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte

es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: »Das

Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt

lustige Worte und lacht mit den Augen.«

Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: »So halt du

jetzt das Stineli fest die ganze Nacht, daß es nicht schlafen kann, dann

ist es morgen krank wie du und kann nicht aufstehen und du siehst es

nicht mehr für lange Zeit.«

Da ließ Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte,

und sagte:

»Geh, schlaf, Stineli; aber komm früh am Morgen wieder!«

Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti ihm ein sauberes

Kämmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher

Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg. --

Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen Silvio unentbehrlicher;

wenn es nur zur Tür hinausging, so sah er das für ein Unglück an. Dafür

war er aber auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat alles,

was es ihn hieß, und plagte seine Mutter gar nicht mehr. Es war auch,

als ob das nervöse Büblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine großen

Schmerzen verloren habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an

seinem Bette saß, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen seit

jenem ersten Abend, da es erschienen war.

Stineli hatte aber auch eine unerschöpfliche Fundgrube von

Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand nahm, und was es tat

und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil für den Silvio, denn das

Stineli hatte sich von ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten

müssen und immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit

Worten und Händen und Blicken und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung.

So war Stineli unbewußt in seinem Sein und ganzen Wesen schon die

allerangenehmste Unterhaltung, die es für ein kleines, empfindliches, an

sein Bettchen gefesseltes Büblein nur geben konnte. Das gelehrige

Stineli hatte auch bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und

schwatzte ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die Worte noch

verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspaß daran, und die Sache war

für ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergnügen.

Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten sehen, ohne daß sie

ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und

wann es ihr gefiel, und sie mußte ihn noch ein wenig auf die Seite

nehmen, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe,

wie glücklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen

Leben noch nie, und wie sie nur gar nicht begreife, daß es ein solches

Mädchen geben könne: mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so,

als habe es selbst die größte Freude an den Dingen, die dem Büblein

Kurzweil machten; mit ihr könne es so vernünftig reden und habe eine

Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit

sie dieses Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe

alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht genug Worte

finden, um das Stineli in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu

loben, und der Rico hörte ihr gern zu.

Wenn sie dann alle drinnen beisammensaßen und immer eins das andere

freundlicher ansah, so als wollte keines mehr gern vom anderen

weggehen, dann hätte man denken müssen, das seien die glücklichsten

Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend

wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwärzer,

sobald es zehn Uhr schlug, und wenn es auch Frau Menotti in ihrer frohen

Stimmung nicht merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich

bekümmerte es sich und dachte: »Es ist, wie wenn ein Gewitter kommen

wollte!«

Neunzehntes Kapitel.

Wolken am schönen Gardasee.

Es kam ein schöner Herbstsonntag, und drüben in Riva sollte am Abend

Tanz sein und Rico hinüberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag

nicht mit Stineli und den anderen zubringen; das war schon mehrmals

verhandelt worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis für alle,

wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles mögliche hervor, um der

Sache noch eine gute Seite abzugewinnen: »Du fährst dann im Sonnenschein

über den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurück, und wir

denken die ganze Zeit an dich«, hatte es ihm gesagt, als er zuerst

anzeigte, daß ein Tanzsonntag folge.

Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn Stinelis größte Freude

war sein Spiel. Rico spielte schöne Weisen, eine nach der anderen, aber

sie waren alle traurig, und es war auch, als machten sie ihn wieder

traurig, denn er schaute auf seine Geige mit einer Düsterkeit, als tue

sie ihm das größte Leid an.

Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen

hatte, und sagte: »Ich will gehen.«

Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel.

Stineli hatte ihn immer angesehen, während er spielte; jetzt sagte es

nur: »Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.«

»Nein!« rief Silvio, »geh nicht fort, bleib da, Stineli!«

»Ja, ja, Stineli«, sagte Rico, »bleib du nur da und laß mich gehen!«

Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer weg dem

Holzstoß zu kam und sagte: »Es ist alles verloren!«

Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: »Sei brav, Silvio; morgen

erzähl' ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach

jetzt keinen Lärm.«

Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem Rico nach. Als

sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die

erleuchtete Stube, die so wohnlich aussah vom Garten her, und sagte:

»Geh wieder, Stineli; dort gehörst du hinein und bist daheim dort, und

ich gehöre auf die Straße, ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es

immer sein; darum laß mich nur gehen!«

»Nein, nein, so lass' ich dich nicht gehen; Rico, wo gehst du jetzt

hin?«

»An den See«, sagte Rico und ging der Brücke zu. Stineli ging mit. Als

sie an der Halde standen, hörten sie unten die leisen Wellen flüstern

und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico:

»Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wärst, so ginge ich gleich fort,

weit fort, aber ich wüßte auch nicht wohin. Ich muß doch immer ein

Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang so in Wirtshäusern geigen,

wo sie lärmen, wie wenn sie von Sinnen wären, und in einer Kammer

schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du gehörst nun zu

ihnen in das schöne Haus, und ich gehöre nirgends hin. Und siehst du,

wenn ich da hinabsehe, so denke ich: hätte mich doch die Mutter hier

hineingeworfen, ehe sie sterben mußte, so wäre ich kein Heimatloser

geworden.«

Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugehört; aber wie er diese

letzten Worte sagte, da bekam es einen großen Schrecken und rief aus: »O

Rico, so etwas darfst du gar nicht sagen. Du hast gewiß lange dein

Unser-Vater nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bösen Gedanken

gekommen.«

»Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.«

Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort.

»O, wenn das die Großmutter wüßte, Rico«, rief es jammernd aus, »sie

müßte noch einen rechten Kummer für dich ausstehen. Weißt du, wie sie

gesagt hat: 'Wer sein Unser-Vater vergißt, dem geht es schlecht!' O

komm, Rico, du mußt es wieder lernen, ich will dich's gleich lehren. Du

kannst es bald wieder.«

Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme seines Herzens

zweimal hintereinander dem Rico das Unser-Vater vor. Wie es nun so tief

beteiligt den Worten folgte, so bemerkte Stineli, daß da gerade für den

Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte es:

»Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehört, so

kann er dir schon noch eine Heimat finden, und ihm gehört auch alle

Kraft, daß er sie dir geben kann.«

»Jetzt kannst du sehen, Stineli«, entgegnete Rico, »wenn der liebe Gott

eine Heimat in seinem Reich für mich hätte und auch die Kraft hat, daß

er mir sie geben könnte, so _will_ er nicht.«

»Ja, aber du mußt auch etwas bedenken«, fuhr Stineli fort, »der liebe

Gott kann auch bei sich selbst sagen: 'Wenn der Rico etwas von mir will,

so kann er auch einmal beten und kann mir's sagen.'«

Dagegen wußte Rico nichts mehr einzuwenden. Er schwieg eine kleine

Weile, dann sagte er:

»Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will's wieder lernen.«

Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico wieder und hatte

sich's recht eingeprägt. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine

Seite, und Rico mußte noch immer an das Reich und die Kraft denken.

An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer war, betete er von

Herzen demütig, denn er fühlte, daß er im Unrecht war, zu denken, der

liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar

nie darum gebeten.

Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog bei sich selbst,

ob es über alles mit der Frau Menotti reden wollte; vielleicht könnte

sie für den Rico eine andere Beschäftigung finden, als dies Geigen zum

Tanz in den Wirtshäusern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, die

Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, verging ihm,

als es in die Stube eingetreten war. Silvio lag glühendrot auf seinem

Kissen und atmete heftig und ungleich, und am Bette saß die Mutter und

weinte ganz kläglich. Silvio hatte einmal wieder einen seiner Anfälle

und große Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, daß das Stineli fort

war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so

niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich

endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie:

»Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich möchte dir etwas sagen.

Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, daß ich manchmal

meine, ich könne es fast nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber

du bist ein vernünftiges Mädchen und hast schon viel gesehen, und ich

meine, es würde mir schon leichter werden, wenn ich mit dir darüber

reden könnte. Du siehst ja, wie es mit dem Silvio ist, mit meinem

einzigen Söhnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner

Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich muß oft bei mir selbst

sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut

behalten haben und genießen, wenn wir es schon nicht an uns ziehen und

behalten wollten. Ich will dir's aber von Anfang an erzählen.

»Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich -- er hatte mich von Riva

herübergeholt, wo mein Vater noch ist --, da hatte Menotti hier einen

guten Freund, der wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war,

denn er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein Häuschen und einen

großen Acker und Feld, nicht besonders gutes Land, aber eine große

Strecke. Da wollte er, daß mein Mann alles übernehme, und sagte, das

Land trage ja nicht so viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das

Haus dazu, bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten es die

Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und machten nichts aus

wegen Zinsen. Mein Mann sagte: 'Du mußt deine Sache recht haben, wenn du

wiederkommst', denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf

den Landbau, und sein Freund wußte es wohl und überließ ihm alles. Aber

gleich ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut, das Häuschen mußte

weg mit dem Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht

darüber. So löste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und

kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus,

alles aus dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier

unten, so daß wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal

zu meinem Mann: 'Es gehört uns doch nicht, und wir leben im Überfluß aus

dem Gut eines anderen; wenn wir nur wüßten, wo er wäre!' Aber mein Mann

beruhigte mich und sagte: 'Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er

kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite gelegt, muß er

auch seinen Teil haben.'

»Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte, daß das Büblein

elend war, da mußte ich mehr und mehr zu meinem Mann sagen: 'Wir leben

von unrechtem Gut, es ist eine Strafe über uns.' Und manchmal war es mir

so schwer, daß ich fast lieber arm gewesen wäre und ohne Obdach. Aber

mein Mann tröstete mich wieder und sagte: 'Du wirst sehen, wie er mit

mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.' Aber er kam nie. Da starb mein

Mann schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden und

muß immer denken: wie kann ich nur dem unrechten Gut abkommen ohne

Unrecht, denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund

wiederkommt, und dann denk' ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend

wäre und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und weiß nichts

von ihm.«

Stineli hatte ein großes Mitleid mit der Frau Menotti, denn es konnte

sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht

vorwarf, das sie nicht ändern konnte. Und es tröstete die Frau Menotti

und sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es so gern gut

machen möchte, dann dürfe man recht zuversichtlich den lieben Gott

bitten, daß er helfe, denn er könne schon etwas Gutes machen aus dem,

was wir verkehrt gemacht haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um

das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der Großmutter her,

denn es habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewußt und eine große

Angst ausgestanden.

Dann erzählte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt, und

wie es schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefürchtet habe, er

sei ums Leben gekommen. Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl

geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott überlassen habe,

und Frau Menotti müsse es nun auch so machen, dann werde es ihr ganz

leicht werden ums Herz, denn sie könne dann immer fröhlich denken:

»Jetzt hat der liebe Gott die Sache übernommen.« Die Frau Menotti wurde

ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und sagte, sie wolle nun in

Frieden zur Ruhe gehen, es habe ihr recht wohl gemacht mit seiner

Zuversicht.

Zwanzigstes Kapitel.

In der Heimat.

Als der goldene Sonntagmorgen über den Garten mit den roten Blumen

leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am

Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier

die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die vollen

Feigenbäume und die goldenen Weinranken dazwischen, -- da sagte sie leise

für sich: »Gott weiß, ich wäre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen

genommen würde; aber so schön, wie es hier ist, würde ich's nirgends

mehr finden.«

Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band · 第 6 / 14 段