schüttelte verwundert den Kopf, indem er sich an Silvios Bett
niedersetzte. Sie erzählte ihm nun die ganze Sache mit dem Stineli, und
wie der kleine Silvio sich in den Kopf gesetzt habe, es werde ihm nie
mehr wohl, wenn das Stineli nicht zu ihm komme, und wie der Rico nun
auch unvernünftig geworden sei und meine, er könne das Mädchen holen,
während er keinen Weg und Steg wisse und es ja so weit weg oben in den
Bergen wohne, wo niemand zukomme, und man gar nicht wissen könne, was
für ein erschreckliches Volk da sei. Denn man könne sich denken, wie es
da zugehen müsse, wenn ein zartes Büblein, wie der Rico, lieber den
größten Gefahren entgegenlaufe und sie bestehe, als unter solchen Leuten
zu bleiben. Wenn alles anders wäre, fügte Frau Menotti hinzu, so wäre
ihr kein Geld zu viel, so ein Mädchen kommen zu lassen, um dem Silvio
das Verlangen zu stillen und jemand für ihn zu haben, denn manchmal
werde es ihr fast zu viel mit allem, was sie zu tragen habe, und sie
meine, sie könne nicht mehr fortkommen. Und der Rico, der sonst recht
vernünftig rede, meine, kein Mensch könne ihr so gut in allem beistehen,
wie dieses Stineli. Er müsse es gut kennen, und wenn es so sei, wie er
es beschreibe, so könnte es auch noch eine Rettung sein für so ein
Mädchen, wenn es von da droben wegkomme; aber da wüßte sie ja von keinem
Menschen, der ihr einen solchen Dienst tun würde.
Der Herr Pfarrer hatte ganz ernsthaft zugehört und kein Wort gesagt, bis
die Frau Menotti fertig war. Er hätte auch nicht gut dazwischenkommen
können mit Worten, denn sie hatte ihr Herz lange nicht ausgeschüttet und
es war ihr so voll geworden, daß Frau Menotti bei dem großen Andrang der
Worte fast um den Atem gekommen war.
Als nun alles still war, nahm der Herr Pfarrer erst ganz ruhig noch eine
Prise zu der vorhergehenden; dann sagte er gelassen:
»Hm, hm, Frau Menotti, ich glaube fast, Ihr habt von den Leuten da
droben eine Meinung, die fast erschrecklich ist; es gibt doch auch noch
Christen da, und seit man so allerhand Mittel erfunden hat, um weiter zu
kommen, wird es auch noch möglich sein, daß einer ohne Gefahr dort
hinaufkommt. Das wird man etwa in Erfahrung bringen können, man muß sich
besinnen.«
Hier mußte der Herr Pfarrer sich erst wieder ein wenig stärken aus
seiner Dose, dann fügte er bei: »Es gibt allerlei Händler, die von da
oben herunter nach Bergamo kommen, Schafhändler und Roßhändler, die
müssen die Wege wissen. Man kann sich erkundigen und dann muß man sich
bestimmen; es wird etwa ein Mittel gefunden werden. Wenn Euch viel dran
liegt, Frau Menotti, so will ich mich etwa umsehen; ich komme alle Jahre
ein- oder zweimal nach Bergamo, so könnte ich die Sache ein wenig in die
Hand nehmen.«
Frau Menotti war von solcher Dankbarkeit, daß sie gar nicht wußte, wie
sie diese dem Herrn Pfarrer ausdrücken sollte. Mit einem Male waren ihr
alle die schweren Gedanken abgenommen, die sie so viele Tage und Nächte
lang verfolgt hatten, und in die sie sich immer mehr verwickelt hatte,
je mehr sie sich damit abgab, so daß sie keinen Ausweg mehr vor sich
gesehen hatte. Nun hatte der Herr Pfarrer die ganze Last auf sich
genommen, und sie konnte den Silvio von nun an auf ihn verweisen.
Silvio hatte das ganze Gespräch über mit seinen grauen Augen den Herrn
Pfarrer fast durchbohrt vor Spannung. Als dieser nun aufstand und dem
Kleinen die Hand zum Abschied bot, patschte Silvio die seinige ganz
gewaltig hinein, so als wollte er sagen: diesmal gilt's mir! Der Herr
Pfarrer versprach, Bericht zu geben, sobald er seine Erkundigungen
eingezogen hätte und wüßte, ob die Sache ausführbar wäre, oder ob Silvio
von seinem Begehren abstehen müsse.
Nun vergingen die Wochen eine nach der anderen, aber der Silvio hielt
sich gut. Er hatte eine bestimmte Hoffnung vor Augen, und dazu war der
Rico auf einmal so unterhaltend und lebendig geworden, wie noch nie. In
den war es gefahren wie ein zündender Freudenfunke, als er den Ausspruch
des Herrn Pfarrers vernommen hatte, und seither war ein neues Leben in
ihm. Er wußte dem Silvio mehr zu erzählen als je, und nahm er seine
Geige zur Hand, so kamen so herzerquickende Töne und Weisen daraus
hervor, daß die Frau Menotti gar nicht mehr aus dem Zimmer weg mochte
und sich nicht genug verwundern konnte, woher der Rico das alles nahm.
Rico hatte auch nur in dieser Stube rechte Freude an seiner Geige; in
dem weiten, hohen Raum tönte es so schön und da war es so still und
luftig, da war kein Tabaksqualm und kein Menschentumult, und er mußte
nicht bei den Tänzen bleiben, sondern konnte spielen, was ihn freute.
Mit jedem Tage kam auch Rico lieber in das Haus, und oft, wenn er
eintrat, dachte er: so ist es wohl einem zumute, der heimkommt. Aber er
war ja doch nicht daheim, er durfte nur für ein paar Stunden kommen und
mußte immer wieder gehen.
In der letzten Zeit war aber etwas in den Rico gefahren, das die Wirtin
manchmal in große Verwunderung setzte. Wenn sie etwa das schmutzige,
zerbrochene Abfallbecken vor ihn hinstellte und sagte: »Da, Rico, bring
es den Hühnern!« -- so stellte er sich etwas auf die Seite und legte die
Hände auf den Rücken, zum Zeichen, daß er das Becken nicht berühren
möge, und sagte ruhig: »Ich wollte lieber, das täte jemand anders!«
Und wenn sie die alten Schuhe hervorbrachte und Rico in die Hand geben
wollte, daß er sie zum Schuhflicker hintrage, so tat Rico wieder
desgleichen und sagte: »Ich wollte lieber, es ginge ein anderer.«
Die Wirtin aber war eine kluge Frau und hatte ihre Augen im Kopfe, um
damit zu sehen, was vorging, und so war es ihr nicht entgangen, wie Rico
sich seit einiger Zeit verändert hatte und wie er aussah. Frau Menotti
hatte ihn immer gut gekleidet, seit sie die Verpflichtung dazu
übernommen hatte; da aber dem Rico alles gut stand und er immer mehr
aussah wie ein Herrensöhnchen, so hatte die Frau Menotti ihre Freude
daran und kleidete ihn in gute Stoffe, und Rico ging sorgsam und
ordentlich damit um, denn er mochte gern, was schön anzusehen war, und
Schmutz und Unordnung war ihm zuwider wie der Lärm. Das sah die Wirtin
alles an, und dazu war ihr wohlbewußt, wie der Rico ganz so, wie er das
erste Mal getan, immer noch wenn er von den Tanzbelustigungen aus der
Umgegend zurückkehrte, seine Tasche vor ihr ausleerte und das Geld
hinrollen ließ, ohne eine Miene zu machen, als ob er nur etwas davon
begehrte.
Er brachte auch immer mehr, denn er war nicht nur Tanzgeiger, wie die
anderen; man wollte auch immer noch seine Lieder hören nach dem Tanzen
und allerhand Melodien, die er wußte. So war der Wirtin daran gelegen,
den Rico willig zu erhalten, und sie ließ ihn in Ruhe mit den Hühnern
und den alten Schuhen und begehrte diese Dienste nicht mehr von ihm.
Über all' diesen Ereignissen waren an die drei Jahre dahingegangen, seit
der Rico der Peschiera erschienen war. Er war nun ein vierzehnjähriger
aufgeschossener Junge geworden, und wer ihn ansah, der hatte sein
Wohlgefallen an ihm.
Wieder leuchteten die goldenen Herbsttage über den Gardasee und der
blaue Himmel lag auf der stillen Flut. Im Garten hingen die Trauben
golden an den Ranken und die roten Oleanderblumen funkelten im lichten
Sonnenschein. In Silvios Stube war es ganz still; denn die Mutter war
draußen, um Trauben und Feigen zum Abend hereinzuholen. Silvio lauschte
auf Ricos Tritt, denn es war die Zeit, da er gewöhnlich kam. Jetzt ging
das Pförtchen auf am Zaun; Silvio schoß auf. Ein langer schwarzer Rock
kam hereingewandert, es war der Herr Pfarrer. Diesmal kroch Silvio nicht
ins Loch; er streckte seine Hand, so weit er konnte, dem Herrn Pfarrer
entgegen, lange eh' dieser nur halbwegs im Garten angekommen war. Der
Empfang gefiel ihm aber; er trat gleich in die Stube ein und an Silvios
Bett hin, obschon er die Mutter hinten im Garten sah, und sagte: »So
ist's recht, mein Sohn, und wie steht es mit der Gesundheit?« -- »Gut«,
entgegnete Silvio schnell. Er schaute in höchster Spannung den Herrn
Pfarrer an und fragte dann halblaut: »Wann kann der Rico gehen?«
Der Herr Pfarrer setzte sich an dem Bett nieder und sagte mit
feierlichem Ton: »Morgen um fünf Uhr wird der Rico reisen, mein
Söhnchen.«
Frau Menotti war eben eingetreten, und nun ging es an ein Fragen und
Verwundern von ihrer Seite, daß der Herr Pfarrer Mühe hatte, sie zu
beschwichtigen, damit er ungestört seinen Bericht auseinanderlegen
könnte. Es gelang ihm endlich, und Silvio hielt seine Augen auf ihn
geheftet wie ein kleiner Sperber, als nun die Erzählung kam.
Der Herr Pfarrer kam eben von Bergamo her, wo er zwei Tage zugebracht
hatte. Da hatte er mit Hilfe seiner Freunde einen Roßhändler ermittelt,
der kam schon seit 30 Jahren jeden Herbst nach Bergamo und kannte alle
Wege und Gegenden von da bis noch weit über die Berge hinaus, wo Rico
hin mußte. Er wußte auch, wie man in die Berge hinaufkommen konnte, ohne
nur auszusteigen und zu schlafen unterwegs. Den Weg machte er selbst und
wollte den Rico mitnehmen, wenn er am Morgen mit dem ersten Zuge in
Bergamo ankomme. Der Mann kannte auch alle Kutscher und Kondukteure und
wollte für die Rückkehr den Jungen und seine Begleiterin den Leuten
übergeben und anempfehlen, so daß sie sicher reisen würden.
So fand der Herr Pfarrer, man könne nun den Rico in Frieden ziehen
lassen, und gab seinen Segen zu der Reise.
Als er aber schon am Gartenzaun stand, kehrte die Frau Menotti, die ihn
begleitet hatte, noch einmal um und fragte voller Besorgnis: »Ach, Herr
Pfarrer, wird auch sicher keine Lebensgefahr dabei sein, oder daß der
Rico auf den verirrlichen Wegen sich verlieren könnte und dann in den
wilden Bergen umherirren müßte?«
Der Herr Pfarrer beruhigte die Frau nochmals, und nun ging sie zurück
und bedachte, was nun alles für den Rico zu tun sei. Dieser trat eben in
den Garten ein, und das Freudengeschrei, welches ihm Silvio nun
entgegensandte, war so erstaunlich, daß Rico in drei Sprüngen an dem
Bett war, um zu sehen, was sich da ereignet habe.
»Was hast du? was hast du?« fragte Rico immerzu, und Silvio rief in
einem fort: »Ich will's sagen! Ich will's sagen!« vor lauter Angst, die
Mutter komme ihm zuvor. Diese ließ aber nun die Buben mit ihrer Freude
allein und ging ihrem Geschäfte nach, denn das war nun das Wichtigste.
Sie holte einen Reisesack hervor und stopfte unten hinein ein ungeheures
Stück geräuchertes Fleisch und einen halben Laib Brot und ein großes
Paket gedörrter Pflaumen und Feigen und eine Flasche Wein, gut in ein
Tuch gewickelt, und dann kamen die Kleider, zwei Hemden, ein Paar
Strümpfe und ein Paar Schuhe und Taschentücher, und bei alledem war der
Frau nicht anders zumute, als reiste Rico nach dem fernsten Weltteil,
und sie merkte nun erst recht, wie lieb ihr der Rico war, so daß sie
ohne ihn fast nicht mehr sein konnte.
Sie mußte auch zwischen dem Packen immer wieder niedersitzen und denken:
»Wenn es nur auch kein Unglück gibt!«
Nun kam sie herunter mit dem Sack und ermahnte den Rico, jetzt gleich
hinzugehen und der Wirtin alles gut zu erklären und sie zu bitten, daß
sie ihn auch gehen lasse und nichts dagegen habe, und den Sack könne er
gleich auf die Bahn bringen.
Rico war zum höchsten erstaunt über sein Gepäck; er tat aber folgsam,
wie ihm geheißen wurde, und ging dann zur Wirtin. Er erzählte dieser,
daß er in die Berge hinauf müsse und das Stineli herunterholen, und es
komme vom Herrn Pfarrer her, daß er gleich morgen um fünf Uhr fort
müsse. Das flößte der Wirtin schon ein wenig Respekt ein, daß der Herr
Pfarrer mit der Sache zu tun habe. Sie wollte aber wissen, wer das
Stineli sei und was es im Sinn habe; sie dachte gleich, das könnte etwas
für sie sein. Sie brachte aber nur in Erfahrung, daß das Stineli ein
Mädchen sei, das Stineli heiße, und daß es zur Frau Menotti komme. Da
ließ sie die Sache gehen, denn der Frau Menotti wollte sie nichts in den
Weg legen; sie war zufrieden genug, daß diese den Rico ihr so ruhig
überlassen hatte. Sie nahm auch an, das Stineli sei natürlich Ricos
Schwester, er sage es nur nicht, wie er überhaupt nie etwas von seinen
Familienverhältnissen gesagt hatte.
So erzählte sie auch noch denselben Abend allen Gästen, die ins Haus
kamen, der Rico hole morgen seine Schwester herunter, denn er habe
erfahren, wie gut man es hier unten haben könne.
Nun wollte sie aber auch zeigen, wie sie es mit dem Rico meinte. Sie
holte einen großen Korb vom Estrich herunter und steckte ihn ganz voller
Würste und Käse und Eier und Brotschnitten mit fingerdicker Butter
dazwischen und sagte:
»Auf der Reise mußt du keinen Hunger haben, und das übrige kannst du
schon dort oben brauchen; da wirst du nicht zu viel finden, und im
Heimweg mußt du auch noch etwas haben. Denn du kommst doch wieder, Rico,
sicher?«
»Sicher«, sagte Rico, »in acht Tagen bin ich wieder da.«
Nun trug Rico noch seine Geige zur Frau Menotti, denn die hätte er sonst
niemandem anvertraut, und nun nahm er Abschied für acht Tage, denn nach
Verfluß dieser Zeit konnte er wohl wieder da sein, wenn alles gut ging.
Siebzehntes Kapitel.
Über die Berge zurück.
Am Morgen lang vor fünf Uhr stand Rico fertig auf der Station und konnte
kaum erwarten, daß es vorwärts ging. Nun saß er im Wagen wie vor drei
Jahren, aber nicht mehr so furchtsam in die Ecke gedrückt, mit der
Geige in der Hand; jetzt brauchte er eine ganze Bank, denn neben ihm
lagen Sack und Korb, die nahmen einen guten Platz ein. In Bergamo traf
er richtig mit dem Roßhändler zusammen und nun reisten sie ungestört
weiter, noch ein gutes Stück in demselben Wagen, dann über den See. Dann
stiegen sie aus und wanderten gegen ein Wirtshaus hin, da standen schon
die Pferde angespannt an dem großen Postwagen. Da erinnerte sich Rico
deutlich, wie er hier gestanden in der Nacht, ganz allein, nachdem die
Studenten dorthinüber gegangen waren, und drüben sah er die Stalltür, wo
er die Laterne hangen gesehen und dann den Schafhändler wiedergefunden
hatte. Es war schon Abend und bald bestieg man den Postwagen und fuhr
den Bergen zu. Diesmal saß Rico mit seinem Begleiter im Wagen, und kaum
hatte er sich auch recht in seine Ecke gesetzt, als ihm die Augen
zufielen, denn vor Aufregung hatte er die vorhergehende Nacht keine
Stunde geschlafen. Nun holte er es nach; ohne nur einmal zu erwachen,
schlief Rico fort, bis die Sonne hoch am Himmel stand und der Wagen ganz
langsam fuhr, und als er seinen Kopf aus dem Fenster steckte, erblickte
Rico zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung, daß der Wagen die
Zickzackstraße hinauffuhr, die auf den Maloja führt und die er so wohl
kannte.
Aus dem Fenster konnte er nicht viel sehen, nur von Zeit zu Zeit eine
Wendung der Straße; aber jetzt hätte er so gern alles gesehen ringsum.
Nun hielt der Wagen still, man war auf der Höhe angekommen. Da stand das
Wirtshaus, da am Wege hatte er sich hingesetzt und mit dem Kutscher
gesprochen. Alle Reisenden stiegen einen Augenblick aus, den Pferden
wurde ein Futter gegeben. Rico stieg auch aus dem Wagen; er ging zum
Kutscher hin und fragte ganz demütig: »Darf ich mit Euch auf dem Bock
fahren bis nach Sils?«
»Steig auf«, sagte der Kutscher.
Und nun stieg alles wieder ein und auf und im lustigen Trab ging es
abwärts und die ebene Straße dahin. Jetzt kam der See. Dort lag die
waldige Halbinsel, und dort -- das waren die weißen Häuser von Sils, und
drüben lag Sils-Maria. Das Kirchlein schimmerte in der Morgensonne, und
dort gegen den Berg hin sah er die beiden Häuschen.
Jetzt fing Ricos Herz stark zu klopfen an. Wo konnte Stineli sein? Nur
noch wenige Schritte, und der Postwagen hielt an in Sils.
Stineli hatte seit Ricos Verschwinden viele harte Tage erlebt. Die
Kinder wurden größer, und es gab immer mehr Arbeit und das meiste fiel
auf Stineli; denn es war das älteste von den Kindern und neben den Alten
war es doch das Jüngste; so hieß es bald: »Das Stineli kann dies tun, es
ist ja alt genug«, und dann gleich nachher: »Das kann Stineli
verrichten, denn es ist noch jung.« Die Freude konnte es mit niemandem
mehr recht teilen, seit der Rico fort war, wenn es noch einen Augenblick
Zeit dazu gehabt hätte.
Vor dem Jahre war dann die gute Großmutter gestorben, und von da an gab
es für Stineli auch keine freien Augenblicke mehr; denn vom Morgen bis
am Abend war da so viel Arbeit zu tun, daß man nie fertig wurde, sondern
nur immer mittendrin war.
Aber Stineli hatte seinen guten Mut nie verloren, obschon es um die
Großmutter stark hatte weinen müssen und jetzt noch jeden Tag ein
paarmal dachte: ohne die Großmutter und den Rico sei es nicht mehr so
schön auf der Welt, wie es einmal gewesen war. An einem sonnigen
Samstagmorgen kam es mit einem großen Bündel Stroh auf dem Kopfe hinter
der Scheune hervor; es wollte schöne Strohwische machen zum Fegen am
Abend. Die Sonne schien schön auf den trockenen Weg gegen Sils hin und
es stand still und schaute hinüber. Da kam ein Bursche des Weges, den es
nicht kannte, das war kein Silser, das sah es sogleich. Und wie er näher
kam, stand er still und schaute das Stineli an, und es schaute ihn auch
an und war verwundert; aber mit einem Male warf es sein Strohbündel weit
weg und sprang auf den Stillstehenden zu und rief: »O Rico, bist du noch
am Leben? Bist du wieder da? Aber du bist groß, Rico! Zuerst habe ich
dich gar nicht mehr erkannt; aber wie ich dir ins Gesicht sah, da habe
ich dich gleich erkannt; es hat ja kein Mensch sonst so ein Gesicht wie
du!«
Und Stineli stand ganz glühend rot vor Freude vor dem Rico, und der Rico
stand kreideweiß vor innerer Erregung und konnte zuerst gar nichts sagen
und schaute nur das Stineli an. Dann sagte er: »Du bist auch so groß,
Stineli, aber sonst bist du noch wie vorher. Je näher ich dem Hause kam,
je mehr wurde es mir angst, du seiest vielleicht anders geworden.«
»O Rico, daß du wieder da bist!« jubelte das Stineli, »o wenn das die
Großmutter wüßte! Aber du mußt hereinkommen, Rico, die werden sich alle
verwundern!« Stineli lief voraus und machte die Tür auf, und Rico ging
hinein. Die Kinder versteckten sich sogleich immer eins hinter das
andere, und die Mutter stand auf und grüßte den Rico fremd und fragte,
was ihm gefällig sei. Weder sie, noch eins der Kinder hatte ihn mehr
erkannt. Jetzt traten auch Trudi und Sami in die Stube und grüßten im
Vorbeigehen.
»Kennt ihr ihn denn alle nicht?« brach nun das Stineli aus; »es ist ja
der Rico!«
Jetzt ging das Verwundern von allen Seiten an, und man war gerade noch
daran, als der Vater eintrat zum Essen.
Rico ging ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der Vater nahm sie und
schaute den Jungen an.
»Ist's etwa einer von den Verwandten?« sagte er dann, denn er kannte
diese nie so genau, wenn sie etwa kamen.
»Jetzt kennt ihn der Vater auch nicht«, sagte Stineli ein wenig empört.
»Es ist ja der Rico, Vater!«
»So, so, das ist recht«, bemerkte der Vater und schaute ihn nun noch
einmal an, von oben bis unten, dann fügte er bei: »Du darfst dich sehen
lassen, hast du etwas von einer Hantierung gelernt? Komm, sitz zu mit
uns, da kannst du's erzählen, wie es mit dir gegangen ist.«
Rico setzte sich nicht gleich, er schaute immer wieder nach der Tür;
endlich fragte er zögernd: »Wo ist die Großmutter?« Der Vater sagte, sie
liege drüben in Sils, nicht weit vom alten Lehrer weg. Rico hatte wohl
mit der Frage gezögert, weil er die Antwort fürchtete, da er die
Großmutter nirgends sah. Er setzte sich nun zu Tisch mit den anderen,
aber erst war er ganz still und essen konnte er auch nicht; er hatte die
Großmutter so lieb gehabt.
Aber nun wollte der Vater etwas erzählen hören, wo der Rico hingekommen
sei an jenem Tage, da sie nach ihm in der Rüfe herumstocherten, und was
er in der Fremde erlebt habe. Da erzählte denn Rico alles, wie es ihm
ergangen war, und kam so bald auf die Frau Menotti und den Silvio zu
sprechen und erklärte nun deutlich, warum er hierher gekommen sei, und
daß er mit dem Stineli nach Peschiera zurückkehren wolle, sobald es dem
Vater und der Mutter recht sei. Das Stineli machte die Augen ganz weit
auf während Ricos Erzählung, es hatte ja von allem noch gar kein Wort
gehört. Wie ein Freudenfeuer leuchtete es auf in seinem Herzen: mit dem
Rico an seinen schönen See hinuntergehen und wieder alle Tage mit ihm
zusammensein bei der guten Frau und dem kranken Silvio, der so nach ihm
begehrte.
Erst schwieg der Vater eine Zeitlang, denn er überstürzte nie ein Ding,
dann sagte er: »Es ist recht, wenn eins unter die Fremden kommt, es
lernt etwas; aber das Stineli kann nicht gehen, von dem ist keine Rede.
Es ist nötig daheim; es kann ein anderes gehen, etwa das Trudi.«
»Ja ja, so ist's besser«, sagte die Mutter; »ohne das Stineli kann ich
es nicht machen.« Da hob das Trudi seinen Kopf vom Teller auf und sagte:
»So ist es mir auch recht, es ist doch nur immer ein Kindergeschrei bei
uns.«
Das Stineli sagte kein einziges Wort; es sah nur ganz gespannt den Rico
an, ob er nichts mehr sagen werde, weil der Vater so bestimmt abgesagt
hatte, und ob er nun das Trudi mitnehmen wolle. Aber der Rico sah den
Vater unerschrocken an und sagte:
»Ja, so geht es nicht. Der kranke Silvio will präzis das Stineli haben
und kein anderes, und er weiß schon, was er will; er würde nur das
Trudi wieder heimschicken, dann hätte es den Weg vergebens gemacht. Und
dann hat mir die Frau Menotti auch noch gesagt: wenn das Stineli mit dem
Silvio gut auskomme, so könne es alle Monate seine fünf Gulden
heimschicken, wenn man es so begehre; und daß der Silvio und das Stineli
gut zusammen fertig werden, weiß ich im voraus so gut, wie wenn ich es
gerade vor mir sähe.«
Der Vater stellte seinen Teller beiseite und setzte die Kappe auf. Er
war fertig mit Essen, und zum strengen Nachdenken hatte er gern die
Kappe auf dem Kopf; es war so, wie wenn sie ihm die Gedanken besser
zusammenhielte.
Jetzt überdachte er im stillen, wie er sich abmühen mußte, bis er nur
einen einzigen baren Gulden in die Hand bekam, und dann sagte er zu
sich: »Fünf Gulden jeden Monat bar in die Hand, ohne auch nur einen
Finger aufzuheben!« Dann schob er die Kappe auf die eine Seite und dann
auf die andere, dann sagte er: »Es kann gehen; es wird ein anderes auch
etwas tun können im Haus.«
Stinelis Augen leuchteten. Die Mutter sah aber ein wenig seufzend alle
die kleinen Köpfe und Teller, denn wer sollte das alles säubern helfen?
Und das Trudi gab dem Peterli einen Ellbogenstoß und sagte: »Sitz einmal
still!«, obschon er diesmal völlig ruhig seine Bohnen aß.
Der Vater hatte aber noch einmal an seiner Kappe gerutscht, es war ihm
noch etwas in den Sinn gekommen. »Das Stineli ist aber noch nicht
konfirmiert«, sagte er; »es wird, denk' ich wohl, noch konfirmiert sein
müssen.«
»Ich werde erst in zwei Jahren konfirmiert, Vater«, sagte Stineli
eifrig; »so kann ich ganz gut jetzt für zwei Jahre fortgehen, und dann
kann ich ja wieder heimkommen.«
Das war ein guter Ausweg, nun waren auf einmal alle zufrieden. Der Vater
und die Mutter dachten: wenn alles krumm gehe ohne das Stineli, so sei
es doch nur für eine Zeit, die werde auch umgehen, und nachher sei es
wieder da, und das Trudi dachte: »Sobald es wieder da ist, gehe ich, und
dann können sie sehen, wann ich wiederkomme.« Aber der Rico und das
Stineli sahen einander an, und die helle Freude lachte ihnen aus den
Augen.
Da der Vater die Sache nun als abgemacht ansah, stand er vom Tische auf
und sagte: »Sie können dann morgen gehen, so weiß man, woran man ist.«
Aber die Mutter schlug einen großen Jammer auf und sagte, so schnell
werde es ja nicht sein müssen, und jammerte immerfort, bis der Vater
sagte: »So können sie am Montag gehen«, denn weiter hinaus wollte er es
nicht verschieben, weil er dachte, es töne nun so fort, bis das Weggehen
vorbei sei.
Für Stineli gab es nun Arbeit; das begriff der Rico wohl und er machte
sich an den Sami und sagte ihm, er wolle sehen, ob es in Sils-Maria noch
sei wie früher; und dann sollte er noch einen Sack und einen Korb von
Sils herüberholen, da könnte ihm der Sami tragen helfen. So zogen sie
aus. Zuerst stand Rico vor seinem ehemaligen Häuschen still und schaute
die alte Haustüre an und den Hühnerstall; es war noch alles ganz gleich.
Er fragte den Sami, wer drin wohne, ob die Base noch ganz allein sei.
Aber die Base war schon lange fortgezogen, hinauf nach Silvaplana, und
kein Mensch sah sie mehr, denn in Sils-Maria zeigte sie sich nie mehr.
In dem Häuschen wohnten Leute, von denen Rico nichts wußte. Überall, wo
er mit Sami hinkam, vor den alten bekannten Häusern und aus den Scheunen
starrten ihn die Leute fremd an, kein einziger kannte ihn mehr. Wie sie
am Abend nach Sils hinübergingen, da schwenkte Rico gegen den Kirchhof
ein; er wollte auf das Grab der Großmutter gehen, aber Sami wußte nicht
recht, wo es war.
Mit Sack und Korb beladen, kehrten die beiden, als es dunkelte, zum
Hause zurück. Da stand Stineli noch am Brunnen und fegte den Stalleimer
zum letzten Male, und als nun der Rico neben ihm stand, sagte es
strahlend vor Freuden und Fegeifer: »Ich kann es noch fast nicht
glauben, Rico!«
»Aber ich«, sagte dieser so sicher, daß ihn das Stineli erstaunt ansehen
mußte. »Aber weißt du, Stineli«, fügte er hinzu, »du hast es auch nicht
so lange ausdenken können wie ich.«
Aber Stineli mußte sich noch ein paarmal wundern, daß der Rico so
bestimmt etwas sagen konnte; das hatte es früher nicht an ihm gekannt.