ihn in das Zimmer hinein. Es war eine große Stube, und man sah durch die
breite Tür schön in den Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine
Bett des kranken Bübleins stand gerade der Tür gegenüber und daneben
standen nur Tische und Stühle und schöne Kasten im Zimmer, aber kein
Bett mehr, denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer
gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am Morgen trug man das
Bettchen mit dem Insassen wieder in die schöne, frohe Stube hinaus, wo
jeden Morgen die Sonne einen glänzenden Streifen über den ganzen
Fußboden hinwarf und das Herz des Bübleins fröhlich machte. Neben dem
Bettchen standen zwei kleine Krücken, und von Zeit zu Zeit nahm die
Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krücken ein
paarmal die Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch
stehen; seine Beinchen waren völlig lahm, er hatte sie nie gebrauchen
können.
Als Rico in die Tür trat, schnellte sich das Büblein empor an einer
langen Schnur, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing, denn es
konnte nicht aus eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute
das Büblein schweigend an. Es hatte ganz dünne Ärmchen und kleine magere
Finger und ein so kleines Gesicht, wie Rico nie an einem Buben gesehen
hatte, und aus dem Gesichtchen heraus schauten zwei große Augen den Rico
ganz durchdringend an, denn das Büblein, das wenig Neues vor Augen sah
und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen dürstete, schaute alles
ganz scharf an, das auf seinen einsamen Weg kam.
»Wie heißest du?« fragte das Büblein jetzt.
»Rico«, war die Antwort.
»Und ich Silvio. Wie alt bist du?« fragte es weiter.
»Bald elf Jahre alt.«
»Und ich auch bald«, sagte das Büblein.
»Ach, Silvio, was du sagst«, fiel die Mutter ein; »noch nicht völlig
vier bist du, so schnell geht's nicht.«
»Spiel wieder!« sagte nun der kleine Silvio.
Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen, und Rico
stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio
konnte es nicht genug bekommen; sobald der Rico ein Stück fertig hatte,
so ertönte sein: »Spiel wieder!«
So hatte Rico alle seine Stücke wohl sechsmal durchgespielt; da ging die
Mutter weg und kam wieder mit einem Teller voll von den goldgelben
Trauben und sagte, nun müsse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen
an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio.
Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und sah ihren Sachen nach
und war froh darüber, denn sie konnte fast gar nie von dem Bette des
Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jämmerlich; so
war es eine rechte Wohltat für die Frau, daß sie einmal hinausgehen
konnte.
Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich, denn auf
Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch konnte er sich
leicht verständlich machen, wo er etwa nicht gleich das rechte Wort
wußte, und die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter
konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die schönen
Feigenbäume im Acker und ringsum alles ansehen, ohne daß der Silvio ein
einziges Mal gerufen hätte.
Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dämmern anfing und Rico
aufstand, um fortzugehen, da schlug der Silvio einen großen Lärm an und
hielt den Rico fest am Wämschen mit beiden Händen und wollte ihn nicht
loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen wieder und
alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte
den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun
den Silvio und versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin
zu gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico könne nichts
versprechen so von sich aus, er müsse folgen.
Endlich ließ der Kleine das Wämschen los und gab Rico die Hand, und
dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wäre lieber dageblieben, wo es
so still war und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so
freundlich mit ihm waren. --
Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die Frau Menotti ganz
aufgeputzt in die »Goldene Sonne« ein, und die Wirtin lief ihr entgegen
und führte sie in den oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti
ganz höflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wäre, ihr für ein
paar Abende der Woche den Rico zu überlassen; er unterhalte ihr das
kranke Büblein so gut und sie wollte gern erkenntlich sein dafür in
jeder gewünschten Weise.
Es schmeichelte der Wirtin, daß die wohlangesehene Frau Menotti sie so
um einen Dienst zu bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, daß Rico
an jedem freien Abend kommen würde, und Frau Menotti übernahm dagegen,
für Ricos Bekleidung zu sorgen, so daß die Wirtin überaus befriedigt war
mit der Einrichtung; denn nun hatte sie keinen Heller für den Knaben
auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide
in der größten Zufriedenheit voneinander. --
So vergingen für Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so geläufig
italienisch, als hätte er es immer gekonnt. Und einmal hatte er es auch
gekonnt; so fiel ihm eins nach dem anderen ohne Mühe wieder ein, und er
hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein völliger Italiener, so daß sich
alle Leute darüber verwundern mußten. Die Wirtin konnte ihn so gut
brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte, denn seine Geschäfte
machte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst manches nicht machen
konnte, denn sie hatte die Geduld nicht, und wenn etwas mußte
aufgerüstet werden zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mußte es
Rico tun, denn er wußte, was schön war, und konnte es machen. Wenn er
seine Aufträge ausrichten mußte, so war er wieder da, ehe die Wirtin nur
denken konnte, er sei am Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur
Unterhaltung. Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte er sich auf
der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie
es bemerkte, und es flößte ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen,
daß sie ihn selbst nicht ausfragte, und so kam es, daß eigentlich
niemand wußte, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es hatte sich
eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an, daß er als ein
verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bös
behandelt worden, da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden
auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht
so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die
Wirtin die Geschichte erzählte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen:
er verdiene es auch, daß es ihm so gut gegangen sei und er den Schutz
unter ihrem Dache gefunden habe.
Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der »Goldenen
Sonne« so erstaunlich viele Leute, daß man gar nicht wußte, wo sie alle
untergebracht werden könnten, denn jeder wollte den kleinen fremden
Musikanten sehen und hören, und diejenigen, die ihn schon gehört hatten
am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen.
Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glänzte, als wäre
sie selbst zur »Goldenen Sonne« geworden, und wenn sie auf ihren Mann
traf, so sagte sie jedesmal siegreich: »Hab' ich's nicht gesagt?«
Rico hörte erst einen Tanz an von den drei Geigern, die gekommen waren,
und die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, daß er gleich
nachher mitspielen konnte, und nun wußte er den Tanz für immer. So kam
es, daß er am späten Abend, als man aufhörte zu tanzen, alle Tänze
mitspielen konnte, die überhaupt gespielt wurden, denn jeden hatte man
zu öfteren Malen durchgenommen.
Am Ende mußte auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico
begleitet, und war schon den ganzen Abend ein Lärm gewesen, so kamen nun
die Gemüter erst noch recht ins Feuer und es ging zu, daß Rico ein
paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und schlagen sich alle tot.
Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Und ihm selbst wurde eine so
ohrenzerreißende Anerkennung gespendet, daß er nur immer dachte: wenn's
doch bald fertig wäre, denn nichts war dem Rico so tief zuwider, wie ein
großer Lärm.
Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: »Hast's gesehen? Schon das
nächste Mal brauchen wir nur noch zwei Geiger.«
Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: »Man muß dem Buben etwas
geben.«
Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde auch mit
den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Es war
da derselbe Lärm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht
mußte gesungen werden, so ging es nun über anderen Dingen ganz gleich
laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: »Wenn's nur fertig
wäre!«
Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das ließ er alles ungezählt
auf den Tisch hinausrollen, als er zurückkam, denn es gehörte der
Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schönes Stück Apfelkuchen vor
ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drüben in Riva, und
diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort drüben über dem See,
wo dieser von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht, um die
herum die freundlichen weißen Häuser lagen und herüberschimmerten.
Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag über den goldenen See im
offenen Kahn unter dem blauen Himmel hin, und Rico dachte: »Wenn ich so
mit dem Stineli hinüberfahren könnte! Wie müßte es staunen über den See,
an den es nicht glauben wollte!«
Aber drüben ging derselbe Lärm los und Rico wünschte wieder
fortzukommen, denn von drüben herüber Riva anzusehen im stillen
Abendschein, war so viel schöner, als hier mittendrin im Tumult zu
sitzen.
Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem
kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich
der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war
seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale
Steinbrücke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war
der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Da
kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch
daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und
hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am
See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn
an und sagte ihm liebevolle Worte, und er saß auf demselben Plätzchen,
wo er jetzt saß. Das alles wußte er so genau. Da ging er immer mit Zwang
weg, aber er wußte, daß Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den
Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das
stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit
ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl; sie hatte ein großes Mitleid
mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die
Geschichte auch gehört von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie
etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur
traurige Erinnerungen. Sie fühlte auch, daß der Rico nicht die Pflege
hatte, die ein Büblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft
hätte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es
anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte
mitleidig: »Du armes Waislein!«
Dem kleinen Silvio wurde der Rico täglich unentbehrlicher; schon am
Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn
seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht
mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so
fließend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle
der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzählen.
Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzählen, und da ihm
selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er
dabei so lebendig und so unterhaltend, daß er nicht mehr zu kennen war.
Er wußte hundert Geschichten zu erzählen, wie das Stineli einmal den
Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte,
und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus
schreien mußte, während der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz
langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und
ohne Not. -- Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli
Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen.
Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren,
weil sie dann vergaßen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte.
Und dann erzählte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann
schön war, und seine Augen leuchteten dann so zündend und der ganze Rico
wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam
und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief
er gleich: »Erzähl wieder vom Stineli!« Eines Abends aber kam Silvio in
die alleräußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte,
morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen.
Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge
mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten
hereingestürzt kam, rief er immer zu: »Der Rico darf nie mehr ins
Wirtshaus, er muß dableiben. Er muß immer da sein. Du mußt dableiben,
Rico, du mußt, du mußt!«
Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.«
Die Frau Menotti war in großer Verlegenheit; sie wußte wohl, was der
Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter
keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte,
und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes
Waislein!«
Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch
ein Waislein sein!«
Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach Silvio, willst
du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, daß
keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim
ist.«
Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer
schwärzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an
den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab.
Rico schlich leise zur Tür hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei
so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht
werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und
sagte: »Hör, Silvio, ich will dir's erklären und dann mußt du diesen
Lärm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur
so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so
könnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann könntest du den Garten
und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen,
wo das Roßgeschirr hängt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat
dir's ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?«
»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr
still und legte sich aufs Ohr.
Rico ging durch den Garten und über die Straße weg hinab an den See. Da
setzte er sich auf sein Plätzchen nieder und legte seinen Kopf in beide
Hände und sagte in trostlosem Ton: »Jetzt weiß ich's, Mutter; auf der
ganzen Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!«
Und so saß er bis in die Nacht hinein in seiner großen Traurigkeit und
wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mußte er
endlich doch wieder zurückkehren.
Fünfzehntes Kapitel.
Silvio wünscht mit Nachdruck.
In dem kleinen Silvio arbeitete aber die Aufregung weiter, und als er
nun wußte, daß der Rico zwei Tage hintereinander keinen Augenblick
kommen würde, fing er schon am frühen Morgen an mit Grimm auszurufen:
»Nun kommt der Rico nicht! Nun kommt der Rico nicht!« und fuhr mit
kleinen Zwischenpausen so fort bis zum Abend, und am folgenden Tag fing
er wieder an beizeiten. Am dritten Tage aber hatte ihn diese Tätigkeit
so ausgetrocknet, daß er war wie ein Häuflein Stroh, das ein kleiner
Funke gleich in helle Flammen bringen kann.
Rico erschien am Abend noch ganz angewidert von dem Tanzlärm, bei dem er
gewesen war. Seit er nun wußte, daß er nirgends daheim war, hatte der
Gedanke an das Stineli eine neue Gewalt bekommen, und er sagte bei sich:
»Da ist nur das Stineli auf der ganzen Welt, zu dem ich gehöre und das
sich um mich bekümmert.« Und es kam ein großes Heimweh nach dem Stineli
über ihn. Er saß auch kaum an Silvios Bett, so sagte er: »Siehst du,
Silvio, nur einzig beim Stineli ist es einem wohl und sonst gar
nirgends.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so schnellte sich der
Kleine augenblicklich in die Höhe und rief mit aller Kraft: »Mutter, ich
will das Stineli haben. Das Stineli muß kommen; einzig nur beim Stineli
ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
Die Mutter war herzugetreten, und da sie oft Ricos Erzählungen vom
Stineli und seinen kleinen Geschwistern mit vieler Befriedigung zugehört
hatte, wußte sie schon, von wem die Rede war, und sagte: »Ja, ja, mir
wär' es schon recht, ich könnte ein Stineli schon brauchen für dich und
mich; wenn ich nur eins hätte!«
Aber auf diese unbestimmte Auslassung ging Silvio gar nicht ein, denn er
war völlig Feuer und Flamme für seine Sache.
»Jetzt kannst du gleich eins haben«, rief er weiter; »der Rico weiß, wo
es ist, er muß es holen; ich will das Stineli haben alle Tage und
immerfort; morgen muß es der Rico holen, er weiß, wo es ist.«
Wie nun die Mutter sah, daß der Kleine sich alles ausdachte und ganzen
Ernst aus der Sache machen wollte, fing sie an, ihn auf alle Weise
abzumahnen und auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals
erzählen hören, was für unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner Reise
zu bestehen hatte, und wie es das größte Wunder sei, daß er lebendig
habe bis nach Peschiera herunterkommen können, und was für ein
schreckhaft wildes Volk dort oben in den Bergen lebe. So wußte sie ja,
daß kein Mensch so ein Mädchen herunterholen würde, am wenigsten ein
zartes Bürschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde gehen,
wenn er so etwas beginnen würde, und dann hätte sie die Verantwortung
auf sich. Das wollte sie nicht auch noch, sie hatte schon genug.
Sie stellte dem Silvio die ganze Unmöglichkeit der Sache vor und sprach
ihm von vielen schreckhaften Ereignissen und bösen Menschen, die den
Rico verfolgen und umbringen könnten. Aber diesmal half alles nichts.
Der kleine Silvio mußte sich die Sache in den Kopf gesetzt haben, wie
noch nichts in seinem Leben; denn was die Mutter auch vorbrachte und wie
sehr sie in Eifer geriet vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte
Silvio: »Der Rico muß es holen, er weiß, wo es ist.«
Da sagte die Mutter: »Und wenn er's auch weiß, meinst du denn, der Rico
wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen hinauslaufen, wenn er es
haben kann wie hier und gar zu keinen bösen Menschen mehr gehen muß?«
Da sah Silvio den Rico an und sagte: »Du willst schon gehen und das
Stineli holen, Rico, oder nicht?«
»Ja, ich will«, antwortete Rico fest.
»Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden, jetzt wird mir der
Rico auch noch unvernünftig!« rief die Mutter ganz erschrocken. »So weiß
man sich ja gar nicht mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel
und sing etwas, ich muß in den Garten«, und damit lief Frau Menotti
eilends unter die Feigenbäume hinaus, denn sie nahm an, der Silvio
vergesse am schnellsten seinen Einfall wieder, wenn er nicht mehr an ihr
zwingen könne.
Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht und sangen nicht,
sondern brachten sich gegenseitig ganz ins Fieber mit allerhand
Vorstellungen, wie das Stineli geholt werden müsse und wie es dann
nachher zugehen werde, wenn es da sei. Rico vergaß gänzlich,
fortzugehen, obschon es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam
absichtlich noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe dann
vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico ging gleich, aber mit
Silvio hatte sie noch einen schweren Stand. Er wollte durchaus nicht die
Augen zumachen, bis die Mutter versprechen würde, der Rico müsse das
Stineli holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam Silvio
zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: »Sei nun zufrieden, über Nacht
kommt dann alles in Ordnung.« Denn sie dachte, über Nacht vergesse er
sein Begehren, wie schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den
Sinn.
Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter hatte sich
verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum recht erwacht, so rief Silvio
aus seinem Bettchen herauf: »Ist alles in Ordnung, Mutter?«
Als sie dies unmöglich bejahen konnte, ging ein solcher Sturm los, wie
sie desgleichen an dem Büblein noch nie erlebt hatte, und den ganzen Tag
ging das Unwetter fort bis zum späten Abend, und am Morgen darauf fing
Silvio gerade so wieder an, wie er am Abend aufgehört hatte.
Eine solche Beharrlichkeit auf demselben Begehren hatte Silvio noch nie
an den Tag gelegt. Wenn er schrie und lärmte, konnte sie's noch
ertragen; aber wenn nun die Stunden der großen Schmerzen kamen, da
wimmerte Silvio fortwährend in der kläglichsten Weise: »Nur beim Stineli
ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
Das schnitt der Mutter ins Herz und war ihr wie ein Vorwurf, so als
wollte sie nicht tun, was ihm wohlmachen könnte; aber wie hätte sie auch
nur daran denken können, sie hatte ja den Rico selbst auf Silvios
Frage: »Weißt du auch den rechten Weg zum Stineli?« antworten hören:
»Nein, ich weiß keinen Weg, aber ich finde ihn dann schon.«
Von Tag zu Tag hoffte sie, durch einen glücklichen Umstand komme dem
Silvio eine neue Forderung in den Sinn, denn so war es sonst immer
gewesen; sie konnte darauf rechnen: hatte er etwas begehrt, wenn ihm
wohl war, so verwarf er es sicher, sobald seine Schmerzen kamen. Aber
diesmal war es anders, und es hatte seinen guten Grund. Ricos
Erzählungen und Aussprüche über das Stineli hatten in dem empfindlichen
Gemüte des kranken Silvio die feste Überzeugung hervorgebracht, daß ihm
nie mehr etwas weh tun würde, wenn das Stineli bei ihm wäre. So
gebärdete sich Silvio jammervoller von Tag zu Tag, und seine Mutter
wußte nicht, wo sie Rat und Beistand finden könnte.
Sechzehntes Kapitel.
Ein Rat zur Freude für viele.
In diesem Zustande der Unruhe war es für die Frau Menotti ein rechter
Trost, als sie einmal wieder nach langer Zeit den wohlmeinenden alten
Herrn Pfarrer im langen schwarzen Rock durch den Garten kommen sah, der
von Zeit zu Zeit den kleinen Kranken besuchte. Sie sprang auf von ihrem
Stuhl und rief erfreut: »Sieh, Silvio, da kommt der gute Herr Pfarrer!«
und ging ihm entgegen. Silvio aber in seinem Groll über alle Dinge
rief, so laut er konnte, der Mutter nach: »Ich wollte lieber, das
Stineli käme!«
Dann kroch er aber eilends unter die Decke, damit der Herr Pfarrer nicht
wissen könne, woher die Stimme kam. Die Mutter war sehr erschrocken und
bat im Eintreten den Herrn Pfarrer, er solle doch den Empfang nicht übel
nehmen, er sei auch nicht so ernst gemeint. Silvio rührte sich nicht, er
sagte nur ganz heimlich unter der Decke: »Doch, es ist mir sicher
ernst.«
Der Herr Pfarrer mußte geahnt haben, woher die Stimme kam; er trat
gleich an das Bett heran, und obwohl er kein Haar von Silvio sah, sagte
er: »Gott grüß' dich, mein Sohn, wie steht es mit der Gesundheit, und
warum verkriechst du dich in unterirdische Höhlen wie ein kleiner Dachs?
Komm hervor und erkläre mir: was verstehst du unter einem Stineli?«
Nun kroch Silvio hervor, denn er hatte Respekt vor dem Herrn Pfarrer, da
er nun so nah war. Er streckte schnell seine kleine magere Hand zum
Gruße aus und sagte: »Dem Rico sein Stineli.«