gehört hier drinnen im Wagen, und ich habe es auch mit den Schafen zu
tun wie du; siehst du, ich bin ein Schafhändler, und weil du so schön
von den Schafen singen kannst, mußt du von mir auch etwas haben.« Damit
legte er ein schönes Stück Silbergeld in Ricos Hand, denn die Kappe war
indessen geleert und alles in die Tasche gesteckt worden.
Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz und Rico wurde vom
Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben; dann ging's wieder davon.
Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten immer gleich
Musik haben, und Rico spielte alle Melodien, deren er sich nur erinnern
konnte vom Vater her, und zuletzt spielte er noch: »Ich singe dir mit
Herz und Mund.«
An dieser Melodie mußten die Studenten ganz sanft entschlafen sein, denn
es war alles still geworden, und nun schwieg die Geige auch, und der
Abendwind kam milde herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am
Himmel eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico hinsah.
Und er dachte an Stineli und die Großmutter, was sie nun tun, und es
fiel ihm ein, daß um diese Zeit die Betglocke läutete und die beiden
ihr Vaterunser beteten. Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn
er bei ihnen wäre, und Rico faltete die Hände und betete unter dem
leuchtenden Sternenhimmel andächtig sein Vaterunser.
Zwölftes Kapitel.
Es geht noch weiter.
Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, daß ihn der Kutscher
packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus und herunter, und
die drei Studenten kamen noch auf den Rico zu und schüttelten ihm die
Hand und wünschten ihm viel Glück auf seine Reise. Und einer rief: »Grüß
uns auch freundlich das Stineli!«
Dann verschwanden sie in einer Straße und Rico hörte, wie sie noch
einmal anstimmten: »Und die Schäflein, und die Schäflein.«
Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo
er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, daß er nicht
einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren
lassen, und er wollte es gleich noch tun.
Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war
dunkel ringsum: nur drüben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu.
Sie hing an der Stalltür, wo die Pferde eben hineingeführt wurden.
Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien auf den Kutscher
zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete desgleichen.
Der Schafhändler mußte ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt haben;
auf einmal sagte er erstaunt: »Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo
mußt du denn deine Nacht zubringen?«
»Ich weiß nicht, wo«, antwortete Rico.
»Das wäre der Tausend! um elf Uhr in der Nacht ein solches bißchen von
einem Buben wie du, und im fremden Lande --«
Der Schafhändler mußte seine Worte völlig herausblasen, denn in der
Erregung kam er nicht gut zu Atem; er endigte aber seinen Satz nicht,
denn der Kutscher kam aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu
und sagte: »Ich habe Euch noch danken wollen, daß Ihr mich mitgenommen
habt.«
»Das ist gerade gut, daß du noch kommst, jetzt hätte ich dich über den
Rossen vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten übergeben. Eben
wollte ich Euch fragen, guter Freund«, fuhr er, zum Schafhändler
gewandt, fort, »ob Ihr nicht das Büblein mitnehmen würdet, weil Ihr doch
ins Bergamaskische hinabgeht. Es muß an den Gardasee hinunter,
irgendwohin; es ist so eins von denen, die so hin und her -- Ihr versteht
mich schon.«
Dem Schafhändler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und
verlorenen Kindern vor Augen, er schaute Rico im Schein der Laterne
mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: »Er sieht auch so aus,
als ob es nicht sein rechtes Futteral wäre, in dem er steckt. Er wird
wohl in ein Herrenmäntelchen hineingehören. Ich nehme ihn mit.«
Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen, nahmen
die beiden Abschied voneinander, und der Schafhändler winkte Rico, daß
er mit ihm kommen solle.
Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein Haus und unmittelbar in
eine große Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederließ.
»Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen«, sagte er zu Rico, »daß
wir wissen, was sie erleiden mag. Wohin mußt du unten am See?«
»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos unveränderliche Antwort. Er zog
nun seine Geldstücke alle hervor, ein artiges Häuflein kleiner Münzen
und oben darauf das größere Silberstück.
»Hast du nur das eine gute Stück?« fragte der Händler.
»Ja, nur das, von Euch hab' ich's«, entgegnete Rico.
Das gefiel dem Mann, daß er allein ein großes Stück gegeben hatte und
daß es der Junge gut wußte; er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu
geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der
behäbige Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: »Das bezahl' ich und
das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus mit deinem Vermögen.«
Rico war so müde von all dem Singen und Geigen und Fahren den ganzen
Tag, daß er kaum mehr essen konnte, und in der großen Kammer, wo er
zusammen mit seinem Beschützer die Nacht zuzubringen hatte, war er kaum
in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank.
Am frühen Morgen wurde Rico von einer kräftigen Hand aus seinem festen
Schlaf aufgerüttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter
stand schon reisefertig da mit dem Stock in der Hand.
Es währte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur Abreise bereit,
die Geige im Arm. Erst traten die beiden in die Wirtsstube ein und Ricos
Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur
recht viel davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt und
eine solche, die Appetit mache.
Als das Geschäft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen die Reisenden aus,
und nach einer Strecke Wegs kamen sie um eine Ecke herum, und -- wie
mußte Rico da die Augen auftun -- auf einmal sah er einen großen,
flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: »Jetzt kommt der
Gardasee.«
»Noch lange nicht, Bürschlein; jetzt sind wir am Comersee«, erklärte
sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden
lang dahin. Und Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die
blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. -- Jetzt legte er mit
einem Male sein Silberstück auf den Tisch.
»Was, was, hast du schon zuviel Geld«, fragte der Schafhändler, der, mit
beiden Armen auf seinen Stock gestützt, erstaunt dem Unternehmen zusah.
»Heute muß ich bezahlen«, sagte Rico, »Ihr habt's gesagt.«
»Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber
sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch, gib mir's einmal her.«
Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er
aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher
Silberstücke war, denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da
konnte er's nicht übers Herz bringen, des Bübleins einziges Stück
herzugeben, und er brachte es wieder zurück samt der Karte und sagte:
»Da, du kannst's morgen noch besser brauchen; jetzt bist du noch bei mir
und wer weiß, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst
und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du
hinein mußt?«
»Nein, ich weiß kein Haus«, antwortete Rico. Der Mann hatte ein großes
heimliches Erstaunen zu bewältigen, denn des Bübleins Geschichte kam ihm
sehr geheimnisvoll vor. Er ließ aber nichts merken und fragte auch nicht
weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der Kutscher müsse
ihm dann einmal Aufschluß geben, der wisse wohl mehr von allem, als das
Büblein selbst. Mit diesem hatte er großes Mitleid, denn es mußte nun
bald noch seinen Schutz verlieren.
Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: »So
verlier' ich dich nicht und du kommst besser nach, denn jetzt heißt's
gut marschieren; die warten nicht.«
Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen. Er schaute weder
rechts noch links und auf einmal stand er vor einer langen Reihe ganz
sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem
Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben auf
einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der
Schafhändler auf und sagte: »Jetzt kommt's an mich, da sind wir in
Bergamo, und du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn
ich habe alles eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.«
»Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?« fragte Rico. Das bestätigte
sein Beschützer. Nun bedankte sich Rico recht schön, denn er hatte wohl
verstanden, wie viele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so
schieden sie und es tat jedem leid, daß er vom anderen wegkam.
Rico saß nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zum Staunen, denn
es bekümmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei
Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt,
wie schon mehrere Male.
Jetzt trat ein Wagenführer herein, nahm den Rico beim Arm und zog ihn in
Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhöhe
hinab und sagte: »Peschiera«, und im Nu war er wieder im Wagen droben
und verschwunden, der Zug sauste weiter.
Dreizehntes Kapitel.
Am fernen, schönen See.
Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug
angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weiße Haus, der kahle
Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd
vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich:
»Ich bin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter, den Weg hinab,
zwischen den Bäumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico
stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd
im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen
Ufern, und drüben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die
sonnige Bucht, und die freundlichen Häuser daran schimmerten herüber.
Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da,
diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz
nah; es war nicht da.
Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut, und dort
schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern; da mußte
auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über den Ausfluß vom See,
dort war er so oft hinübergegangen; man konnte sie nicht sehen.
Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf
die Straße und hinüber, da war die kleine Brücke -- er wußte alles --, da
war er darübergegangen und jemand hielt ihn an der Hand -- die Mutter.
Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie
er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm
gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico
übernahm es, wie noch nie in seinem Leben.
Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und
schluchzte laut: »O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?«
So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen, und es war,
als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem
Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.
Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein
goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und
ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico seinen See im
Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war alles, nun
er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so
dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das
alles dem Stineli zeigen könnte!«
Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico
stand auf und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von
der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am
anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein
ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bäume und
Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen.
Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür, und im
Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große
goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.
Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen
könnte!« und stand lange unbeweglich am Zaun.
Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger,
und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst.«
Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico war es ganz
sonderbar dabei; er verstand, was er hörte, aber er hätte nicht so
sprechen können. Er trat in den Garten ein, und der Bursche wollte mit
ihm reden; wie er aber sah, daß Rico nicht antworten konnte, deutete er
auf die offene Tür und machte dem Rico verständlich, daß er dort spielen
solle.
Rico näherte sich der Tür, sie führte gleich in ein Zimmer hinein. Da
stand ein Bettchen darin und daneben saß eine Frau und machte etwas aus
roten Schnüren. Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied
zu spielen und zu singen:
»Ihr Schäflein hinunter.«
Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein bleicher Kopf von
einem Knaben, der rief heraus:
»Spiel noch einmal!«
Rico spielte eine andere Melodie.
»Spiel noch einmal«, tönte es wieder.
So ging es hintereinander fünf- bis sechsmal und immer wieder ertönte
aus dem Bett: »Spiel noch einmal!«
Nun wußte Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte
fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: »Bleib da, spiel wieder,
spiel noch einmal!« Und die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her.
Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wußte erst nicht, was sie
wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, daß Stineli gesagt hatte:
wenn er an einer Tür geige, so gäben ihm die Leute etwas. Dann fragte
die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte nicht
antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? da nickte er
Nein; ob er allein sei? er nickte Ja; wohin er jetzt gehen wolle so am
Abend? Rico schüttelte unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an
mit dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei und befahl ihm,
er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur »Goldenen Sonne« gehen,
da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn
er sei lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den Knaben über
Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn auch morgen auf den rechten Weg
stellen, wohin er müsse, er sei ja noch so jung -- »nur ein paar Jahre
älter als der meinige«, setzte sie mitleidsvoll hinzu --, und er solle
ihm auch etwas zu essen geben.
Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: »Er muß noch einmal spielen«, und
ließ nicht ab, bis die Mutter sagte: »Er kommt ja morgen wieder, jetzt
muß er aber schlafen und du auch.«
Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser wußte nun wohl, wohin er
komme, er hatte die Worte der Frau verstanden.
Es war gute zehn Minuten bis zum Städtchen hin. Da mitten in einem
Gäßchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine große
Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch und eine Menge Männer
saßen an den Tischen herum.
Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: »Es ist
gut«, und die Wirtin kam auch gleich herbei und beide sahen sich den
Rico von oben bis unten an. Wie aber die Gäste, die am nächsten Tische
saßen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: »Da gibt's
Musik«, und einer rief: »Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig!« Und sie
riefen alle so durcheinander, daß der Wirt kaum fragen konnte, was der
Rico für eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in
seiner Sprache, daß er über den Maloja heruntergekommen sei, und daß er
alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden könne. Der Wirt
verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen und sie
wollten noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn
die Gäste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben.
Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem
Liede, und sang dazu. Aber von den Gästen verstand keiner ein Wort von
dem Gesang, und die Melodie kam den Zuhörern wohl ein wenig einfach vor.
Die einen fingen an zu schwatzen und zu lärmen, die anderen riefen, sie
wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schönes.
Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn er es einmal angefangen
hatte, dann sang er es durch. Wie er nun fertig war, besann er sich:
einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der
Großmutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen;
jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an:
#»Una sera
In Peschiera« --#
Kaum waren die ersten melodischen Töne dieses Liedes erklungen, so
entstand eine völlige Stille, und mit einem Male ertönten von da und
dort und von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so
schön wie Rico nie einen gehört hatte, daß er ganz in Begeisterung kam
und immer feuriger spielte, und die Männer alle sangen immer eifriger,
und war ein Vers zu Ende, so fing Rico gleich mit festem Zuge den neuen
an, denn er wußte noch wohl von dem Vater her, wo es aufhörte. Und wie
nun der Schluß kam, da brach aber nach dem schönen Gesang ein solcher
Lärm los, wie Rico noch keinen gehört hatte. Alle die Menschen riefen
und schrieen durcheinander und schlugen vor Freuden die Fäuste auf den
Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Gläsern auf den Rico los, und
aus jedem sollte er trinken, und zwei schüttelten ihm die Hände und
einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn an und machten
vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst und bange, daß er immer
blässer wurde. Er hatte aber ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das
nur ihnen gehörte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es
fest und rein gespielt, als wäre er einer von Peschiera; das konnten die
lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht genug aussprechen und sich
freuen über den Wundergeiger und Brüderschaft mit ihm trinken.
Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem
großen Stück Huhn oben darauf; sie winkte dem Rico und sagte es den
Leuten, sie sollten ihn in Ruh' lassen, er müsse nun essen, er sei ja
kreideweiß vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen
kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte ihn,
brav zu essen, das könne einem so mageren Bürschchen nur gut tun.
Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit dem Kaffee am
frühen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten
hatte er so viel erlebt heute!
Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor
Müdigkeit. Der Wirt war auch an den Tisch getreten und lobte den Rico
für sein Spiel und fragte ihn, wem er angehöre und wohin er wolle. Rico
sagte, indem er seine Augen mit Mühe offen hielt, er gehöre niemandem,
und er wolle nirgendshin.
Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Kummer schlafen
gehen, morgen könne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn
hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und könne ihn
vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse, wohin.
Aber die Wirtin riß den Mann immer noch am Ärmel, so als ob er nicht
sagen sollte, was er sagte; er redete aber doch fertig, denn er begriff
nicht, was sie wollte.
Nun fingen die Männer an den Tischen wieder zu lärmen an, sie wollten
noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief aber die Wirtin: »Nein,
nein, am Sonntag dann wieder; er fällt ja um vor Müdigkeit.« Damit nahm
sie den Rico an der Hand und führte ihn hinauf in eine große Kammer, da
hing das Roßgeschirr an der Wand, und in der einen Ecke war Korn
aufgeschüttet, und in der anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten
lag Rico darin und schlief tief und fest.
Später, als in dem Hause alles still geworden war, da saß der Wirt noch
an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm -- denn
sie war noch am Aufräumen -- und sagte mit Eifer: »Den mußt du der Frau
Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches Bürschchen kann ich gerade
gebrauchen zu allerhand Geschäften, und hast du denn nicht bemerkt, wie
er geigen kann? Sie wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt
einen Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und Tänze spielen
lernt der schon, dann hast du ihn für nichts an allen Tanztagen und
kannst ihn noch ausleihen. Den mußt du gar nicht mehr aus der Hand
lassen, er sieht manierlich aus und gefällt mir; den behalten wir.«
»Es ist mir auch recht«, sagte der Wirt und sah ein, daß seine Frau
etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.
Vierzehntes Kapitel.
Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.
Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und hielt ihre
Umschau über das Wetter und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da
kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr
und Knecht auf dem schönen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er
verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles
selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend.
Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein
und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter
sei, so solle er zur Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn
noch einmal geigen hören.
»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert«, sagte
die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß
sie nicht in der Eile sei. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem
guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Der
Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn
er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen für gut;
denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin, und nun
ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.
Der Bursche ging mit seinem Auftrag.
Die Wirtin ließ den Rico ganz fertig schlafen, denn sie war eine
gutmütige Frau, nur dachte sie zuerst an den eigenen Profit und dann
nachher an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte
er alle Müdigkeit ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter.
Da winkte ihm die Wirtin in die Küche hinein und stellte ein großes
Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schönen, gelben
Maiskuchen daneben. Dann sagte sie:
»So kannst du's alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend
noch viel besser, denn da kocht man für die Gäste und da bleibt immer
etwas übrig. Dann kannst du für mich auslaufen und daneben geigen,
wenn's nötig ist, und kannst bei uns daheim sein, und hast deine eigene
Kammer und mußt nicht mehr in der Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur
sagen, ob du willst.«
Da antwortete Rico zufrieden: »Ja, ich will«, denn so viel konnte er
ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.
Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus und durch die Scheune
und den Stall und in den Krautgarten und zum Hühnerhof, und von all den
Plätzen aus erklärte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum
Krämer ging und zum Schuhmacher und noch zu mehreren anderen wichtigen
Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prüfen, schickte die Wirtin
ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie Öl,
Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn sie hatte bemerkt,
daß Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte.
Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl und gegen Abend
sagte sie: »Nun kannst du mit der Geige zur Frau Menotti gehen und dort
bleiben, bis es Nacht wird.«
Darüber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem See vorbei und
nachher zu den schönen Blumen.
Am See angekommen, lief er nach der kleinen Brücke und saß ein wenig
nieder, denn da lag wieder alle die Schönheit vor ihm, das Wasser und
die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.
Aber er tat es doch, denn er wußte, daß er nun tun mußte, was ihn die
Wirtin hieß, weil er dafür bei ihr wohnen durfte.
Als er in den Garten trat, hörte ihn schon das Büblein -- denn die Tür
stand immer offen -- und es rief: »Komm und spiel wieder!«