Und ein Mädle das lacht,
Und ein See ist wie der andre
Von Wasser gemacht.«
Und Rico lachte auch und sang und sagte:
»Sing noch weiter!«
Da fing das Stineli noch einmal an und sang hintereinander; und Rico
geigte immerfort dazu, und es sang:
»Und die Schäflein, und die Schäflein,
Die springen herum,
Und sind alleweil fröhlich,
Und wissen auch nicht warum.
Und ein Bub' und ein Mädle,
Die sitzen am See,
Und tät er nichts denken,
So tät's ihm nicht weh.«
Und nun fingen sie wieder von vorne an und sangen ihr Lied
hintereinander durch und hatten ein großes Wohlgefallen daran, und wenn
sie es fertig gesungen hatten, so fingen sie noch einmal an und dann
noch einmal und sangen das Lied wohl zehnmal durch, und je mehr sie es
sangen, desto besser gefiel es ihnen.
Rico spielte dann noch einige Melodien, die er vom Vater her wußte, aber
nach einer Weile kamen sie wieder auf ihr Lied zurück und fingen aufs
neue zu singen an.
Aber mittendrin hörte Stineli auf und rief: »Jetzt kommt es mir in den
Sinn, wie du an den See hinunter kannst und doch kein Geld brauchst.«
Rico hielt plötzlich inne und schaute erwartungsvoll auf das Stineli.
»Siehst du«, fuhr es eifrig fort, »jetzt hast du eine Geige und kannst
ein Lied. Da mußt du bei jedem Wirtshaus unter die Stubentür gehen und
das Lied singen und geigen; dann geben dir die Leute etwas zu essen und
lassen dich schlafen da, denn sie sehen dann, daß du nicht ein Bettler
bist. So kannst du gehen bis an den See, und im Heimweg kannst du es
wieder so machen.«
Rico wurde ganz nachdenklich, aber Stineli ließ ihm keine Zeit zum
Staunen, es wollte gleich noch einmal singen.
Vor lauter Gesang hörten sie auch gar nichts von der Betglocke, und erst
als es zu dunkeln anfing, merkten sie, daß es Zeit war, heimzugehen, und
schon von fern sahen sie die Großmutter, wie sie ängstlich umherschaute.
Aber diesmal war Stineli zu sehr im Feuer, um von einer Besorgnis
gedämpft zu werden. Es rannte auf die Großmutter zu und rief: »Du kannst
nicht glauben, Großmutter, wie gut der Rico geigen kann, und wir haben
jetzt ein eigenes Lied, nur für uns. Wir wollen dir's gleich singen.«
Und eh' die Großmutter nur ein Wort sagen konnte, sangen sie schon mit
heller Stimme zu der Geige ihr ganzes Lied durch, und die Großmutter
hörte die frischen Stimmen gerne. Sie war auf das Holz niedergesessen,
und wie die Kinder nun zu Ende waren, sagte sie: »Komm, Rico, jetzt mußt
du mir auch noch ein Lied spielen und wir wollen es miteinander singen.
Kannst du das Lied: 'Ich singe dir mit Herz und Mund'?«
Rico hatte es vielleicht auch schon gehört, aber er wußte es nicht mehr
recht und meinte, erst müsse es die Großmutter einmal singen; dann wolle
er leise nachgeigen, nachher könne er's dann schon.
»Jetzt werd' ich noch Vorsinger mit meiner Zitterstimme«, sagte die
Großmutter, aber sie sang ganz vergnügt einen Vers durch, und wenn die
Stimme ein wenig zitterte, so war sie doch ganz richtig und Rico konnte
ihr gut die Melodie abnehmen, er hatte sie auch vorher schon gehört.
Nun fingen sie an, und vor jedem Vers sagte die Großmutter den Kindern
die Worte vor, und so sangen sie fröhlich alle miteinander:
»Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust.
Ich sing' und mach' auf Erden kund,
Was mir von dir bewußt.
Ich weiß, daß du der Brunn'n der Gnad'
Und ew'ge Quelle bist,
Daraus uns allen früh und spat
Viel Heil und Gutes fließt. --
Was kränkst du dich in deinem Sinn?
Und grämst dich Tag und Nacht?
Nimm deine Sorg' und wirf sie hin
Auf den, der dich gemacht.
Er hat noch niemals was versehn,
In seinem Regiment,
Nein, was er tut und läßt geschehn,
Das nimmt ein gutes End'.
Ei nun, so laß ihn ferner tun
Und red' ihm nicht darein,
So wirst du hier im Frieden ruhn
Und ewig fröhlich sein.«
»So«, sagte die Großmutter zufrieden, »das war ein rechter Abendsegen,
jetzt könnt ihr in Frieden zur Ruhe gehen, Kinder.«
Neuntes Kapitel.
Ein rätselhaftes Ereignis.
Als Rico in das Häuschen eintrat, später als sonst, denn über dem Gesang
war wohl noch eine halbe Stunde vergangen, schoß ihm die Base entgegen.
»Fängst du jetzt so an?« rief sie. »Das Essen stand eine Stunde lang auf
dem Tisch, jetzt ist's fort. Geh nur gleich in deine Kammer, und wenn du
ein ganzer Vagabund und Lump wirst, so bin ich nicht schuld; ich wollte
lieber ich weiß nicht was tun, als einen Buben hüten, wie du einer
bist.«
Rico hatte nie ein einziges Wörtlein geantwortet, wenn die Base ihn
schmähte; aber an dem Abend schaute er sie an und sagte: »Ich kann Euch
schon aus dem Wege gehen, Base.«
Sie schob den Riegel an der Haustür vor, daß es klatschte, dann fuhr sie
in die Stube hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Rico ging in
seine dunkle Kammer hinauf. --
Am folgenden Tage, als drüben die ganze große Haushaltung, Eltern,
Großmutter und alle Kinder beim Abendessen saßen, kam die Base
herübergelaufen und rief in die Stube hinein: ob sie etwas vom Rico
wüßten; sie wisse nicht, wo er sei.
»Der wird schon kommen, wenn's ans Abendessen geht«, antwortete der
Vater geruhlich.
Nun kam aber die Base ganz in die Stube hinein, denn sie hatte gedacht,
sie könne den Buben nur herausrufen, er werde wohl da sein. Nun
erzählte sie, er sei schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum
Mittagessen nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen, das sei noch
wie gestern Abend, und sie glaubte fast, der sei schon am frühesten
Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen, denn der Riegel sei
schon inwendig von der Haustür weggeschoben gewesen, als sie auftun
wollte; sie habe aber zuerst gemeint, sie habe vor Ärger vergessen, ihn
zu stoßen, denn es wisse kein Mensch, was sie für Ärger habe.
»Dem hat's etwas gegeben«, sagte der Vater unentwegt. »Er wird etwa in
eine Spalte hineingefallen sein am Berg oben; das gibt es manchmal mit
so schmalen Buben, die überall herumklettern. Ihr hättet es ein wenig
früher sagen sollen«, fuhr er langsam fort, »man wird ihn etwa suchen
müssen, und des Nachts sieht man nichts.«
Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren Lärm. Sie habe wohl
gedacht, man werde ihr noch Vorwürfe machen wollen; so gehe es immer,
wenn man schon jahrelang so viel ertragen und dazu geschwiegen habe.
»Es glaubt es kein Mensch« -- rief sie aus und sagte damit eine große
Wahrheit --, »was für ein heimtückischer, hinterlistiger, verstockter
Bube der ist, und wie er mir das Leben schwer gemacht hat seit vier
Jahren; ein Vagabund wird er, ein Landstreicher und schädlicher Lump!«
Die Großmutter hatte schon lange zu essen aufgehört. Sie war vom Tisch
aufgestanden und vor die Base hingetreten, die immer noch lärmte.
»Hört auf, Nachbarin, hört auf«, hatte die Großmutter zweimal gesagt,
bevor die andere nachgab. »Ich kenne den Rico auch; seit man das Büblein
seiner Großmutter brachte, habe ich es immer gekannt. Wenn ich aber an
Eurer Stelle wäre, so würde ich kein Wörtlein mehr sagen, aber ein wenig
nachsinnen, ob das Büblein, dem ein Unglück begegnet sein kann und das
vielleicht schon da droben steht vor dem lieben Gott, ob es da niemanden
anzuklagen hat, der in seiner Verlassenheit noch schweres Unrecht an ihm
getan hat mit bösen Worten.«
Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie Rico sie am Abend
angeschaut und gesagt hatte: »Ich kann Euch schon aus dem Wege gehen.«
Sie hatte auch so furchtbar gelärmt, um diese Gedanken zu übertönen. Sie
durfte die Großmutter nicht ansehen und sagte, sie müsse gehen,
vielleicht sei der Rico doch nun heimgekommen, was sie jetzt gern genug
gesehen hätte.
Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort gegen den Rico vor der
Großmutter, aber auch sonst nicht mehr viele. Sie glaubte, wie alle
anderen Leute auch, er sei tot, und war froh, daß niemand wußte, was er
am letzten Abend zu ihr gesagt hatte.
Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater in die Tenne hinaus und
suchte eine Stange; er hatte gesagt, er wolle ein paar Nachbarn rufen,
man müsse doch den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher hinein und
oben bei den Rüfenen.
Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte: »Es ist recht,
komm, hilf mir suchen, du kannst besser in die Winkel hinein als ich.«
Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte es: »Aber, Vater,
wenn der Rico vielleicht der Straße nach gegangen wäre, dann könnte er
doch in nichts hineingefallen sein?«
»Freilich kann er«, entgegnete der Vater. »Solch' unvernünftige Buben
kommen vom Wege ab und in die Rüfenen hinein, sie wissen gar nicht wie;
und der war sonst ein wenig ein Verstaunter.«
Daß der Rico dies war, wußte Stineli besser als irgend jemand, und von
dem Augenblick an kam eine große Angst in sein Herz und wuchs mit jedem
Tage, so daß es vor Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr
schlafen konnte und alle Arbeit tat, als wäre es nicht dabei.
Der Rico wurde nicht gefunden; kein Mensch hatte etwas von ihm gesehen.
Man suchte ihn nicht mehr, und bald fanden die Leute einen Trost und
sagten: »Es ist dem Waisenbüblein wohl geschehen, es war doch verlassen
und hatte niemand mehr.«
Zehntes Kapitel.
Ein wenig Licht.
Aber Stineli wurde stiller und magerer von Tag zu Tag. Die kleinen
Kinder schrieen: »Das Stineli will nichts erzählen und lacht nicht
mehr.« Die Mutter sagte zum Vater: »Siehst du's denn nicht? Es ist ja
nicht mehr das gleiche.« Und der Vater sagte: »Es kommt vom Wachsen, man
muß ihm ein wenig Geißmilch geben am Morgen im Stall.«
Aber als drei Wochen so vergangen waren, da nahm die Großmutter eines
Abends das Stineli in ihre Kammer hinauf und sagte: »Sieh, Stineli, ich
kann es wohl begreifen, daß du den Rico nicht vergessen kannst; aber du
mußt doch denken, daß der liebe Gott ihn weggenommen hat, und wenn es so
sein mußte, so war es gut für den Rico, das werden wir dann einmal
sehen.«
Da fing das Stineli so zu weinen an, wie es die Großmutter nie an ihm
erlebt hatte, und es schluchzte überlaut: »Der liebe Gott hat es ja
nicht getan, ich habe es getan, Großmutter; darum muß ich fast sterben
vor Angst, denn ich habe den Rico aufgestiftet, an den See hinabzugehen,
und nun ist er in die Rüfenen hineingefallen und ist tot, und es hat ihm
noch so weh getan, und ich bin an allem schuld.« Und Stineli weinte und
schluchzte zum Erbarmen.
Der Großmutter war wie eine schwere Last vom Herzen gefallen; sie hatte
den Rico verloren gegeben und heimlich hatte sie der quälende Gedanke
verfolgt, das arme Büblein sei der bösen Behandlung entlaufen und liege
vielleicht drüben im Wasser, oder sei im Wald zugrunde gegangen. Jetzt
stieg auf einmal eine neue Hoffnung in ihr auf.
Sie beruhigte das Stineli so weit, daß es ihr die ganze Geschichte von
dem See erzählen konnte, von der sie gar nichts wußte: wie der Rico
immer von dem See gesprochen und es ihn dahin gezogen hatte und wie
Stineli den Weg auffand. Es war ganz sicher, daß Rico sich dahin auf den
Weg gemacht hatte; aber des Vaters Worte von den Rüfenen hatten das
Stineli ganz um alle Hoffnung gebracht.
Die Großmutter nahm das Kind bei der Hand und zog es zu sich heran.
»Komm, Stineli«, sagte sie liebreich, »ich muß dir nun etwas erklären.
Weißt du, wie's in dem alten Liede heißt, das wir noch mit dem Rico
gesungen haben am letzten Abend?
'Denn was er tut und läßt geschehn,
Das nimmt ein gutes End'.'
»Siehst du, wenn nun auch der liebe Gott es nicht selbst getan hat, so
wie wenn er den Rico gleich in seinem Bette hätte sterben lassen, so war
doch die Sache in seiner Hand, als du etwas Verkehrtes tatest, denn
einem solchen kleinen Stineli wäre er schon noch Meister geworden. Und
daß du etwas recht Verkehrtes getan hast, wirst du jetzt für dein Lebtag
wissen, und was da herauskommen kann, wenn Kinder in die Welt
hinauslaufen und Sachen unternehmen wollen, die sie gar nicht kennen,
und niemandem ein Wort davon sagen, keinen Eltern und keiner Großmutter,
die es gut mit ihnen meinen. Aber nun hat das der liebe Gott so
geschehen lassen, und nun dürfen wir bestimmt hoffen, daß alles noch ein
gutes Ende nehmen kann.
»Jetzt denk daran, Stineli, und vergiß nie mehr, was du da erfahren
hast. Weil es dir aber recht von Herzen leid ist, so darfst du jetzt
auch gehen und den lieben Gott bitten, daß er doch noch etwas Gutes
mache aus dem verkehrten Zeug, das ihr da angestellt habt, du und der
Rico. Dann darfst du auch wieder fröhlich sein, Stineli, und ich bin es
mit dir, denn ich glaube zuversichtlich, daß der Rico noch am Leben ist,
und daß ihn der liebe Gott nicht verläßt.«
Von dem Tage an wurde Stineli wieder munter, und wenn ihm auch der Rico
auf jedem Schritt mangelte, so hatte es doch keine Angst und keine
Vorwürfe mehr im Herzen, und Tag für Tag schaute es nach der Straße
hinüber, ob nicht etwa der Rico dort vom Maloja herunterkomme. So ging
die Zeit dahin, aber vom Rico hörte man nichts mehr.
Elftes Kapitel.
Eine lange Reise.
Rico hatte sich an jenem Sonntagabend in seiner dunkeln Kammer auf
seinen Stuhl gesetzt. Da wollte er bleiben, bis die Base zu Bett
gegangen war.
Nachdem Stineli die Entdeckung gemacht hatte, wie die Reise nach dem See
auszuführen wäre, kam Rico die Sache so leicht vor, daß er sich nur noch
besinnen wollte, wann er am besten gehen könne, denn er hatte ein Gefühl
davon, die Base würde ihn vielleicht zurückhalten, wenn er schon wußte,
daß er ihr nicht stark mangeln würde.
Als sie dann beim Heimkommen so auf ihn losschalt, dachte er: »So will
ich gleich auf der Stelle gehen, sobald sie im Bette ist.«
Als er nun so im Dunkeln auf seinem Stuhl saß, dachte er nach, wie
angenehm es sein werde, wenn er nun viele Tage lang die Base nie mehr
werde schelten hören, und welche große Büschel von den roten Blumen er
dem Stineli mitbringen wolle, wenn er zurückkomme. Und dann sah er die
sonnigen Ufer und die violetten Berge vor sich und war entschlafen.
Er war aber nicht in einer sehr bequemen Lage, denn die Geige hatte er
nicht aus der Hand gelegt; so erwachte er wieder nach einiger Zeit, es
war aber noch ganz dunkel. Nun kam ihm aber gleich alles klar in den
Sinn. Er war noch in seinem Sonntagswämschen, das war gut; seine Kappe
hatte er noch von gestern her auf dem Kopf, die Geige nahm er unter den
Arm, und so ging er leise die Treppe hinunter, schob den Riegel weg und
zog in die kühle Morgenluft hinaus.
Über den Bergen fing es schon leise an zu tagen und in Sils krähten die
Hähne. Er ging tüchtig drauf los, damit er von den Häusern weg und auf
die große Straße komme. Nun war er da und wanderte vergnügt weiter, denn
da war ihm alles so wohl bekannt, er war oft mit dem Vater da
hinaufgegangen. Wie lang es aber ging, bis man auf den Maloja kam, wußte
er nicht mehr so recht, und es kam ihm lange vor, als er schon mehr als
zwei gute Stunden immerfort gewandert war.
Aber nun kam nach und nach der helle Tag, und als er nach noch einer
guten Stunde auf dem Platze vor dem Wirtshaus oben am Maloja angekommen
war, da, wo er oft mit dem Vater die Straße hinuntergeschaut hatte, da
lag ein sonniger Morgen über den Bergen und die Tannenwipfel waren alle
wie von Gold. Rico setzte sich an den Rand der Straße nieder, er war
schon recht müde, und nun merkte er auch, daß er nichts mehr gegessen
hatte seit dem vorhergehenden Mittag. Aber er war nicht verzagt, denn
nun ging es bergab und nachher konnte unversehens der See kommen. Wie er
so dasaß, kam der große Postwagen herangerasselt; den hatte er schon oft
gesehen, wenn er bei Sils vorbeifuhr, und immer dabei gedacht, das
höchste Glück auf Erden genieße ein Kutscher, der immerfort mit einer
Peitsche auf einem Bock sitzen und fünf Rosse regieren könne. Nun sah
er einmal den Glücklichen in der Nähe, denn der Postwagen hielt still,
und Rico verwandte nun kein Auge von dem merkwürdigen Manne, der von
seinem hohen Sitz herunterkam, ins Wirtshaus eintrat und mit mehreren
ungeheuren Stücken Schwarzbrot, über welchen ein gewaltig großer Brocken
Käse lag, wieder aus dem Hause trat.
Nun zog der Kutscher ein festes Messer hervor und zerstückte sein Brot,
und einem Pferd nach dem anderen steckte er einen guten Bissen ins Maul.
Zwischenein kam er selbst an die Reihe, auf sein Stück Brot kam aber
immer ein markiges Stück Käse. Wie sie nun alle zusammen so vergnüglich
aßen, schaute der Kutscher ein wenig um sich, und mit einem Male rief
er: »He, kleiner Musikant, willst du auch mithalten? Komm her!«
Erst seit Rico das Essen vor sich gesehen, hatte er gemerkt, wie sehr er
Hunger hatte. Er folgte gern der Einladung und trat zu dem Kutscher
heran. Der schnitt ihm ein ganz erstaunlich großes Stück Käse ab und
legte dieses auf ein noch viel dickeres Stück Brot, so daß Rico kaum
wußte, wie er die Dinge bewältigen konnte.
Er mußte seine Geige ein wenig auf den Boden legen. Der Kutscher schaute
wohlgefällig zu, wie Rico in sein Frühstück biß, und während er selbst
sein Geschäft fortsetzte, sagte er:
»Du bist noch ein kleiner Geiger, kannst du auch etwas?«
»Ja, zwei Lieder, und dann noch das vom Vater«, antwortete Rico.
»So, und wo willst du denn hin auf deinen zwei kleinen Beinen?« fuhr der
Kutscher fort.
»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos ernsthafte Antwort.
Jetzt entfuhr dem Kutscher ein so kräftiges Gelächter, daß der Rico ganz
erstaunt zu ihm aufschauen mußte.
»Du bist ein guter Fuhrwerker, du«, lachte der Kutscher noch einmal;
»weißt du denn nicht, wie weit das ist, und daß ein schmales
Musikäntlein, wie du eins bist, sich beide Füße mitsamt den Sohlen
durchlaufen würde, bevor es noch einen Tropfen Wasser vom Gardasee
gesehen hätte? Wer schickt dich denn dort hinunter?«
»Ich gehe selber aus mir«, sagte Rico.
»Ein solcher ist mir noch nicht vorgekommen«, lachte der Kutscher
gutmütig. »Wo bist du daheim, Musikant?«
»Ich weiß es nicht recht, vielleicht am Gardasee«, erwiderte Rico völlig
ernsthaft.
»Ist das eine Antwort!« Jetzt schaute der Kutscher den Knaben vor sich
genau an. Wie ein verlaufenes Bettelbüblein sah der Rico nicht aus. Der
schwarze Lockenkopf über dem Sonntagswämschen sah ganz stattlich aus,
und das feine Gesichtchen mit den ernsthaften Augen trug einen edlen
Stempel und man schaute es gern noch einmal an, wenn man es gesehen
hatte.
Dem Kutscher mochte es auch so gehen, er schaute den Rico fest an und
dann noch einmal erst recht, dann sagte er freundlich: »Du trägst deinen
Paß auf dem Gesicht mit, Büblein, und es ist kein schlechter, wenn du
schon nicht weißt, wo du daheim bist. Was gibst du mir nun, wenn ich
dich neben mich auf den Bock nehme und dich weit hinunterbringe?«
Rico staunte, als wäre es fast nicht möglich, daß der Mann diese Worte
wirklich ausgesprochen habe. Auf dem hohen Postwagen ins Tal hinunter
gefahren, ein solches Glück hätte er nie für sich möglich gehalten. Aber
was konnte er dem Kutscher geben?
»Ich habe gar nichts als eine Geige, und die kann ich Euch nicht geben«,
sagte der Rico traurig nach einigem Besinnen.
»Ja, mit dem Kasten wüßte ich auch nichts anzufangen«, lachte der
Kutscher. »Komm, nun sitzen wir auf, -- und du kannst mir ein wenig Musik
machen.«
Rico traute seinen Ohren nicht; aber wahrhaftig! der Kutscher schob ihn
über die Räder auf den hohen Sitz hinauf und kletterte nach. Die
Reisenden waren wieder eingestiegen, der Wagen wurde zugeschlagen und
nun ging's die Straße hinunter, die bekannte Straße, die Rico so oft
sich von oben her angeschaut und verlangt hatte, da hinunter zu kommen.
Nun war die Erfüllung da und in welcher Weise! Hoch oben zwischen Himmel
und Erde flog der Rico dahin und konnte immer noch fast nicht glauben,
daß er es selber sei.
Den Kutscher wunderte es nun doch ein wenig, wem denn das Büblein neben
ihm gehören könnte.
»Sag mir einmal, du kleine, fahrende Habe, wo ist denn dein Vater?«
fragte er nach einem festen Peitschenknall.
»Der ist tot«, antwortete Rico.
»So, und wo ist deine Mutter?«
»Die ist tot.«
»So, und dann hat man noch etwa einen Großvater und eine Großmutter, wo
sind diese?«
»Die sind tot.«
»So, so, aber etwa einen Bruder oder eine Schwester hast du ja sicher;
wo sind die hingekommen?«
»Sie sind tot«, war Ricos fortwährende traurige Antwort.
Da nun der Kutscher sah, daß da alles tot war, ließ er die
Verwandtschaft in Ruhe und fragte nur: »Wie hieß dein Vater?«
»Enrico Trevillo von Peschiera am Gardasee«, erwiderte Rico.
Nun legte der Mann sich die Dinge ein wenig zurecht und dachte bei sich:
das ist ein verschlepptes Büblein von da unten herauf, und es ist gut,
daß es wieder an seinen Ort kommt. Damit ließ er die Sache liegen.
Als nun nach der ersten steil abwärts gehenden Strecke der Bergstraße
der Weg etwas ebener wurde, sagte der Kutscher: »So, Musikant, nun spiel
einmal ein lustiges Liedlein auf.«
Da nahm Rico die Geige vor und war so wohlgemut da oben auf seinem
Thron, unter dem blauen Himmel hinfahrend, daß er mit der hellsten
Stimme anfing und kräftig darauflos sang:
»Ihr Schäflein hinunter von sonniger Höh'.«
Nun saßen zuoberst auf dem Postwagen drei Studenten, die machten eine
Ferienreise, und wie nun das Lied weiterging und Rico mit aller Lust und
Fröhlichkeit Stinelis Verse sang, da gab es auf einmal oben auf dem
Wagen ein lautes Hallo und Gelächter und die Studenten riefen: »Halt,
Geiger, fang noch einmal an, wir singen auch mit.«
Da fing Rico wieder an, und nun fielen die Studenten ein und sangen mit
aller Macht:
»Und die Schäflein, und die Schäflein« --
und dazwischen lachten sie so ungeheuer, daß man nichts mehr hörte von
Ricos Geige, und dann sangen sie wieder und einer sang zwischenein ganz
allein:
»Und tät' er nichts denken,
So tät' ihm nichts weh!«
Dann fielen die anderen wieder ein und sangen, so laut sie konnten:
»Und die Schäflein, und die Schäflein« --
und so ging es eine ganze Weile lang fort, und wenn Rico einmal etwas
innehielt, so riefen sie: »Weiter, Geiger, nicht aufhören!« und warfen
ihm kleine Geldstücke zu, immer wieder, daß er einen ganzen Haufen in
der Kappe hatte.
Drinnen im Wagen machten die Reisenden alle Fenster auf und steckten die
Köpfe heraus, um den frohen Gesang zu hören. Dann fing Rico von neuem
an, und die Studenten brachen von neuem los und teilten das Lied in Soli
und Chöre. Da sang die Solostimme ganz feierlich:
»Und ein See ist wie ein andrer
Von Wasser gemacht« --
und dann wieder:
»Und tät' er nichts denken,
So tät' ihm nichts weh« --
und dazwischen fiel der Chor ein, und sie sangen mit aller Kraft:
»Und die Schäflein, und die Schäflein« --
und nachher wollten sie sich wieder totlachen und konnten eine ganze
Weile nicht fortfahren vor Gelächter.
Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es mußte ein Halt
gemacht und ein Mittagessen eingenommen werden. Als er den Rico
hinunterschwang, hielt er ihm sorgfältig seine Kappe fest, denn da war
all das Geld drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu halten.
Der Kutscher war ganz vergnügt, als er die Kappe in Ricos Hand abgab und
sagte: »So ist's recht, nun kannst du auch Mittag haben.«
Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen, und alle
wollten nun den Geiger sehen, denn sie hatten ihn nicht recht sehen
können von ihrem Sitze aus, und als sie nun das schmächtige Männlein
sahen, da ging die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an;
sie hätten der guten Stimme nach einen größeren Menschen erwartet, nun
war der Spaß doppelt groß. Sie nahmen das Büblein in ihre Mitte und
zogen mit Gesang ins Wirtshaus ein. Da mußte denn an dem schöngedeckten
Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie sagten, er sei
nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander jeder ein Stück auf
den Teller, denn keiner wollte ihm weniger geben, und ein solches
Mittagessen hatte Rico in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen.
»Und von wem hast du dein schönes Lied, Geigerlein?« fragte nun einer
von den dreien.
»Vom Stineli, es hat es selbst gemacht«, antwortete Rico ernsthaft.
Die drei sahen sich an und brachen in ein neues, schallendes Lachen aus.
»Das ist schön vom Stineli«, rief der eine, »nun wollen wir es gleich
hoch leben lassen.«
Rico mußte auch anstoßen und tat es ganz fröhlich auf Stinelis
Gesundheit.
Nun war die Zeit um, und als man wieder zum Wagen herantrat, kam ein
dicker Mann auf Rico zu, der hatte einen so gewaltigen Stock in der
Hand, daß man denken mußte, er habe einen jungen Baum ausgerissen. Er
war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von oben bis unten.