Rico erzählte nun alles, wie es gegangen war bei dem Lehrer,

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_Heimatlos._

Zwei Geschichten für Kinder

und

auch für solche, welche die Kinder lieb haben.

Von

Johanna Spyri.

Siebzehnte Auflage.

_Mit vier Bildern._

Gotha.

_Friedrich Andreas Perthes_ A.-G.

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt.

Seite

Am Silser- und am Gardasee 1

Wie Wiselis Weg gefunden wird 129

Am Silser- und am Gardasee.

[Illustration: Frontispiz]

[Illustration: Das Büblein schaute mit den großen, dunklen Augen lange

hinaus dem Vater nach]

Erstes Kapitel.

Im stillen Hause.

Im Ober-Engadin, an der Straße gegen den Maloja hinauf, liegt ein

einsames Dörfchen, das heißt Sils. Da geht man von der Straße

querfeldein, und hinten, ganz nahe an den Bergen, liegt ein kleiner Ort,

der heißt Sils-Maria. Da standen zwei Häuschen einander gegenüber, ein

wenig abseits im Felde. Die hatten beide uralte hölzerne Haustüren und

ganz kleine Fenster tief in der Mauer drinnen. Beim einen Haus war ein

kleines Stück Garten, da wuchs Kraut und Kohl und es standen auch vier

Blumenstöcke darin, die sahen aber mager aus und aufgeschossen wie das

Kraut. Beim anderen Häuschen war gar nichts als ein kleiner Stall neben

der Tür; da krochen zwei Hühner aus und ein. Dies Häuschen war noch

ziemlich kleiner als das andere, und die hölzerne Tür war schwarz vor

Alter.

Aus dieser Tür trat jeden Morgen um dieselbe Zeit ein großer Mann, der

mußte sich bücken, um hinauszukommen. Der große Mann hatte ganz

glänzend schwarze Haare und schwarze Augen, und unter der schön

geformten Nase fing gleich ein so dichter, schwarzer Bart an, daß man

vom übrigen Gesichte nichts mehr sah als die weißen Zähne, die zwischen

den Barthaaren durchblitzten, wenn der Mann einmal sprach; aber er

sprach sehr wenig. Alle Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand

nannte ihn bei einem Namen, er hieß bei allen nur »der Italiener«. Er

ging regelmäßig den schmalen Weg querüber gegen Sils hin und den Maloja

hinauf. Dort wurde viel an der Straße gebaut, und da hatte der Italiener

seine Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er hinunter,

dem Bade St. Moritz zu; dort baute man Häuser, und er fand auch seine

Arbeit. Da blieb er den Tag über und kehrte erst am Abend wieder ins

Häuschen zurück. Gewöhnlich, wenn er am Morgen aus der Tür trat, stand

hinter ihm ein Büblein; das stellte sich auf die Türschwelle, wenn der

Vater draußen war, und schaute mit den großen, dunklen Augen lange

hinaus dem Vater nach, oder sonst wohin, man hätte nicht sagen können,

wohin, denn es war, als ob die dunklen Augen über alles wegschauten, was

vor ihnen lag, und auf etwas hin, das niemand sehen konnte.

Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, dann traten die beiden auch

manchmal miteinander aus dem Häuschen und gingen nebeneinander her die

Straße hinauf. Und wenn man sie so ansah, so sah man ganz dasselbe vor

sich in den zwei Gestalten, nur bei dem Büblein alles im kleinen, aber

es war ganz wie vom Vater abgeschnitten, bis auf den schwarzen Bart, den

hatte es nicht, sondern ein schmales, bleiches Gesichtchen war da zu

sehen, mit dem schöngeformten Näschen in der Mitte, und um den Mund

herum lag etwas Trauriges, wie wenn er nicht lachen möchte. Das konnte

man beim Vater nicht sehen vor dem Bart.

Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen, dann sagte keiner ein

Wort zu dem anderen; meistens summte der Vater leise ein Lied, manchmal

auch lauter, und das Büblein hörte zu. Wenn es aber regnete am Sonntag,

dann saß der Vater daheim im Häuschen auf der Bank am Fenster, und das

Büblein saß neben ihm, und sie sagten wieder nichts zueinander. Aber der

Vater zog eine Mundharmonika hervor und spielte eine Melodie nach der

anderen, und das Büblein hörte aufmerksam zu. Manchmal nahm er auch

einen Kamm oder ein Baumblatt und lockte Melodien daraus hervor, oder er

schnitt ein Stück Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied. Es war, als

gäbe es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken könnte. Aber

einmal hatte er eine Geige mit nach Hause gebracht, die hatte das

Büblein so entzückt, daß es sie nie wieder vergessen konnte. Der Vater

hatte viele Lieder und Melodien darauf gespielt und das Büblein

unverwandt zugeschaut, nicht nur zugehört; und wie der Vater die Geige

weggelegt hatte, da hatte sie das Büblein leise genommen und probiert,

wie man die Melodien herausbringe. Und es mußte es so gar schlecht nicht

gemacht haben, denn der Vater hatte gelächelt und gesagt: »So komm!« und

hatte seine großen Finger auf die kleinen gelegt mit der linken Hand,

und mit der rechten die Hand des Bübleins mitsamt dem Bogen in die

seinige genommen, und so hatten sie eine gute Zeitlang fortgegeigt

allerlei Melodien.

Die folgenden Tage, wenn der Vater fort war, hatte das Büblein fort und

fort probiert und gegeigt, bis es eine Melodie herausgebracht hatte;

aber da war auf einmal die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder

zum Vorschein. Zuweilen, wenn sie so zusammensaßen, fing der Vater auch

an zu singen, erst nur leise und dann immer deutlicher, wenn er einmal

daran war. Dann sang das Büblein auch mit, und wenn es die Worte nicht

recht mitsingen konnte, so sang es doch die Töne; denn der Vater sang

immer italienisch, und es verstand vieles, aber es war ihm nicht so

recht bekannt und geläufig zum Singen. Da aber war eine Melodie, die

konnte es besser als alle anderen, denn der Vater hatte sie

vielhundertmal gesungen.

Sie gehörte zu einem langen Lied, das fing so an:

#»Una sera

In Peschiera« --#

Es war eine ganz wehmütige Melodie, die einer zu der kurzweiligen

Romanze gemacht hatte, und sie gefiel dem Büblein besonders wohl, so daß

es sie immer mit Freuden und ganz andächtig absang, und es tönte gut,

denn das Büblein hatte eine helle, glockenreine Stimme, die floß so

schön mit des Vaters kräftigem Baß zusammen. Auch jedesmal, wenn dieses

Lied zu Ende gesungen war, klopfte der Vater den Kleinen freundlich auf

die Schulter und sagte: #»Bene, _Encrico,_ va bene.«# So nannte aber nur

der Vater den Knaben, bei allen anderen Leuten hieß er nur »Rico«. Da

war auch noch eine Base, die mit in dem Häuschen wohnte, die flickte und

kochte und alles in Ordnung hielt. Im Winter saß sie am Ofen und spann,

da mußte Rico immer nachdenken, wie er seine Gänge einrichten könne,

denn sobald er die Tür aufmachte, sagte die Base: »Laß doch einmal diese

Tür in Ruh', es wird ja ganz kalt in der Stube.« Er war dann oft lange

allein mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten im Tale

Arbeit und blieb viele Wochen lang fort.

Zweites Kapitel.

In der Schule.

Rico war bald neun Jahre alt und hatte schon zwei Winter hindurch die

Schule besucht, denn im Sommer gab es da droben in den Bergen keine

Schule; da hatte der Lehrer seinen Acker zu bebauen und zu grasen und zu

hauen wie alle anderen Leute, zur Schule hatte dann niemand Zeit. Das

tat aber dem Rico nicht besonders leid, er wußte sich schon zu

unterhalten. Wenn er sich am Morgen dort auf die Schwelle gestellt

hatte, so blieb er stehen, schaute hinaus mit träumenden Augen und

bewegte sich nicht, und so konnte er stundenlang stehen, wenn nicht

drüben am anderen Häuschen die Türe aufging und ein kleines Mädchen

herauskam und lachend zu ihm herüberschaute; dann lief Rico schnell

hinüber, und die Kinder hatten sich schon wieder viel zu sagen seit

gestern Abend, wo sie sich zuletzt gesehen hatten, ehe Stineli ins Haus

gerufen wurde. Stineli hieß das Mädchen und war gerade so alt wie Rico;

sie hatten miteinander angefangen in die Schule zu gehen und waren in

derselben Klasse, und schon von jeher waren sie immer beieinander

gewesen, denn es war ja nur ein schmaler Weg zwischen ihren Wohnungen

und sie waren die allerbesten Freunde.

Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft, denn mit den Buben

ringsherum hatte er keine Freude, und wenn sie sich prügelten und auf

dem Boden herumwarfen und sich auf die Köpfe stellten, dann ging er

davon und schaute nicht einmal zurück. Wenn sie aber riefen: »Jetzt

wollen wir einmal den Rico abprügeln«, dann stand er still und stellte

sich geradeauf hin und machte gar nichts; aber er schaute sie mit den

dunkeln Augen so merkwürdig an, daß ihn keiner packte.

Aber beim Stineli war's ihm wohl zumute. Es hatte ein lustiges

Stumpfnäschen und darüber zwei braune Augen, die lachten immerfort, und

um den Kopf hatte es zwei dicke, braune Zöpfe gebunden, die sahen sehr

sauber aus, denn das Stineli war ein ordentliches Mädchen und wußte sich

zu helfen; es war auch in einer guten Schule Tag für Tag. Stineli war

wohl kaum neun Jahre alt, aber es war die älteste Tochter und mußte der

Mutter überall helfen, und da war viel zu tun. Denn nach dem Stineli

kamen noch: das Trudi und der Sami und der Peterli, und das Urschli und

das Anne-Deteli und der Kunzli, und dann noch das Ungetaufte. Immerfort

rief man nach dem Stineli aus allen Ecken, und es war dabei so flink

geworden, daß ihm alles aus der Hand lief wie von selbst. Den Kleinen

hatte es immer schon drei Strümpfe und zwei Schuhe angezogen und

festgebunden, eh' das Trudi dem einen, dem es helfen sollte, nur die

Beine dazu in die rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube

die kleinen Kinder und in der Küche die Mutter miteinander dem Stineli

riefen, dann rief der Vater noch aus dem Stall herüber, er hatte dort

die Kappe verlegt oder die Peitsche war verknüpft, und das Stineli mußte

ihm helfen, denn es fand die Kappe immer gleich, sie war meistens auf

dem Futterkasten, und seine gelenkigen Finger brachten die

Peitschenschnur gleich auseinander. So war das Stineli immerfort im

Laufen und am Arbeiten, aber es war ganz lustig und munter dabei, und im

Winter war es froh über die Schule, denn dann wanderte es dahin und

wieder heim mit dem Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen. Und

im Sommer war es wieder froh, da gab es schöne Sonntagabende, da es

hinaus durfte; dann zog es aus mit dem Rico, der schon lange drüben

unter der Tür gewartet hatte, und sie liefen Hand in Hand über die große

Wiese hin nach der bewaldeten Anhöhe drüben, die weit in den See

hinausgeht wie eine Insel. Dort oben saßen sie unter den Tannen und

schauten in den grünen See hinunter und hatten einander so viel zu

erzählen und zu fragen, und es war ihnen so wohl, daß das Stineli sich

die ganze Woche und durch alles durch freute, denn es wurde immer wieder

Sonntag.

In dem Häuschen aber war noch jemand, der dann und wann nach dem Stineli

rief, das war die alte Großmutter. Die rief aber nicht, damit es ihr

noch helfe, sondern sie hatte ihm etwa einen Blutzger zu geben, der ihr

in die Hand kam, oder sonst etwas, denn Stineli war ihr Liebling und sie

sah es mehr als sonst irgend jemand, wie viel das Stineli schon tun

mußte für sein Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie ihm

gern etwas, daß es auch wie andere Kinder am Jahrmarkt etwas kaufen

könne, etwa ein rotes Bändeli oder ein Nadelbüchsli. Die Großmutter war

auch gegen Rico sehr gut und sah die Kinder gern beisammen und tat auch

manchmal etwas für das Stineli, daß es mit dem Rico noch ein wenig

draußen bleiben durfte.

An den Sommerabenden saß sie immer vor dem Häuschen auf dem Holzstumpf,

der da lag; und oft standen Stineli und Rico bei ihr und sie erzählte

ihnen etwas. Wenn dann die Betglocke zu läuten anfing vom Türmchen, so

sagte sie: »Jetzt müßt ihr jedes ein Vaterunser beten, und das dürft ihr

nie vergessen, daß man am Abend sein Vaterunser beten muß; dazu läutet

die Betglocke.«

»Und seht, Kinder«, sagte die Großmutter von Zeit zu Zeit einmal wieder,

»ich habe schon lange gelebt und viel gesehen, und ich kenne nicht

einen, der nicht einmal in seinem Leben sein Vaterunser nötig gehabt

hätte, aber manchen, der es mit Angst gesucht und nicht mehr gefunden

hat, wenn die Not da war.« Dann standen Stineli und Rico ganz andächtig

da und jedes betete ein Vaterunser.

Jetzt war es Mai und eine kleine Zeit mußte die Schule noch dauern,

lange konnte es nicht mehr sein, denn es grünte unter den Bäumen und

große Strecken waren ganz frei von Schnee. Rico stand schon unter der

Tür seit einer guten Weile und stellte diese Betrachtungen an. Dabei

schaute er immer wieder nach der Tür drüben, ob sie noch nicht aufgehen

wollte. Jetzt ging sie auf und Stineli kam herausgesprungen.

»Bist du schon lang dagestanden? Hast du wieder gestaunt, Rico?« rief es

lachend. »Siehst du, heut' ist es noch früh, wir können langsam gehen.«

Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten der Schule zu.

»Denkst du immer noch an den See?« fragte Stineli im Gehen.

»Ja gewiß«, versicherte Rico mit ernstem Gesicht, »und manchmal träumt

es mir auch davon und ich sehe so große, rote Blumen daran und drüben

die violetten Berge.«

»Ach, das gilt nicht, was es einem träumt«, sagte Stineli lebhaft; »es

hat mir auch einmal geträumt, der Peterli kletterte ganz allein auf die

allerhöchste Tanne hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein saß, da

war's nur noch ein Vogel, und er rief herunter: 'Stineli, zieh mir die

Strümpf' an.' Jetzt siehst du doch, daß das nichts sein kann.«

Rico mußte stark nachdenken, wie das sei, denn sein Traum konnte doch

sein und war nur wie etwas, das ihm wieder in den Sinn kam. Aber jetzt

waren sie nahe beim Schulhaus angelangt und ein ganzer Trupp Kinder

lärmte von der anderen Seite daher. Sie traten alle miteinander ein, und

bald nachher kam auch der Lehrer. Der war ein alter Mann mit dünnen,

grauen Haaren, denn er war schon undenklich lang Lehrer gewesen, so daß

ihm darüber die Haare grau geworden und ausgefallen waren. Es ging nun

an ein strenges Buchstabieren und Syllabieren, dann kam das Einmaleins

an die Reihe und zuletzt kam der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte

Geige hervor und stimmte sie, und nun ging es an und alle sangen aus

voller Kehle:

»Ihr Schäflein hinunter

Von sonniger Höh'«,

und der Lehrer geigte dazu.

Nun schaute aber der Rico so gespannt auf die Geige und des Lehrers

Finger, wie dieser die Saiten griff, daß Rico darüber ganz das Singen

vergaß und keinen Ton mehr von sich gab. Jetzt fiel mit einem Male die

ganze Sängerherde einen halben Ton hinunter, da wurde die Geige auch

unsicher und fiel nach, und die Sänger fielen noch tiefer, und man kann

gar nicht wissen, wie tief hinunter alles miteinander gefallen wäre, --

aber jetzt warf der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erzürnt:

»Was ist das für ein Gesang! Ihr unvernünftigen Schreier! Wenn ich doch

wissen könnte, wer mir so falsch singt und einen ganzen Gesang

verdirbt!«

Da sagte ein kleiner Bube, der neben Rico saß: »Ich weiß schon, warum es

so gegangen ist; allemal geht es so, wenn der Rico aufhört zu singen.«

Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, daß die Geige am

sichersten ging, wenn Rico fest mitsang.

»Rico, Rico, was muß ich hören«, sagte er ernsthaft, zu diesem gewandt.

»Du bist sonst ein ordentliches Büblein, aber Unachtsamkeit ist ein

großer Fehler, das hast du jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer

Schüler kann einen ganzen Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal

anfangen, und daß du aufpassest, Rico!«

Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, und die Geige folgte

nach, und alle Kinder sangen aus allen Kräften mit, so daß es ganz

herrlich anzuhören war bis zum Schluß. Da war der Lehrer sehr zufrieden

und rieb sich die Hände und tat noch ein paar feste Striche auf der

Geige und sagte vergnüglich: »Es ist auch ein Instrument danach.«

Drittes Kapitel.

Des alten Schullehrers Geige.

Vor der Tür hatten sich Stineli und Rico bald aus dem Rudel

herausgemacht und zogen zusammen ihren Weg.

»Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen, Rico?« fragte jetzt

Stineli. »Ist dir etwa auf einmal der See in den Sinn gekommen?«

»Nein, etwas anderes«, sagte Rico; »ich weiß jetzt, wie man spielt: 'Ihr

Schäflein hinunter'. Wenn ich nur eine Geige hätte!«

Der Wunsch mußte Rico schwer auf dem Herzen liegen, denn er kam mit

einem tiefen Seufzer heraus. Stineli war gleich ganz voller Teilnahme

und unternehmender Gedanken.

»Wir wollen eine kaufen zusammen«, rief es plötzlich in großer Freude

über die Hilfe, die ihm in den Sinn gekommen war. »Ich habe ganz viele

Blutzger von der Großmutter, etwa zwölf; wie viele hast du?«

»Gar keinen«, sagte Rico traurig; »der Vater hat mir ein paar gegeben,

ehe er fortging. Aber die Base hat gesagt, ich mache nur unnützes Zeug

damit, und hat sie genommen und ganz hoch hinauf in den Kasten gelegt;

man kann sie nicht mehr erlangen.«

Aber Stineli ließ sich nicht so bald entmutigen. »Vielleicht haben wir

doch genug Geld, und die Großmutter gibt mir schon noch ein wenig«,

sagte es tröstend; »weißt du, Rico, eine Geige kostet nicht so viel; es

ist nur altes Holz und vier Saiten darüber gespannt, das kostet nicht

viel. Du mußt nur morgen den Lehrer fragen, was eine Geige kostet, und

nachher suchen wir eine.«

So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, es wolle daheim tun, was es

nur könne, und ganz früh aufstehen und das Feuer anmachen, eh' nur die

Mutter auf sei; denn wenn es so immerfort etwas tat von früh bis spät,

steckte ihm gewöhnlich die Großmutter einen Blutzger in den Sack.

Am folgenden Morgen, als die Schule aus war, ging Stineli allein hinaus

und an der Ecke vom Schulhaus stand es still hinter dem Holzhaufen und

wartete auf den Rico, der jetzt den Lehrer fragen sollte wegen der

Geige. Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer wieder mit

Ungeduld hinter dem Holze hervor, aber es waren nur die anderen Buben,

die noch da und dort herumstanden. Aber jetzt -- richtig, Rico kam um den

Holzhaufen herum. Da war er.

»Was hat er gesagt, was kostet sie?« rief Stineli mit angehaltenem Atem

vor Erwartung.

»Ich habe nicht fragen mögen«, antwortete Rico verzagt.

»O, wie schade!« sagte Stineli und stand ganz verblüfft da, aber nicht

lange. »Es ist gleich, Rico«, sagte es wieder fröhlich und nahm ihn bei

der Hand zum Heimgehen, »du kannst nur morgen fragen. Ich habe auch

schon wieder einen Blutzger bekommen heute früh von der Großmutter, weil

ich schon auf war, als sie in die Küche kam.«

Nun ging es aber am folgenden Tage wieder ganz gleich und am dritten

auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde lang vor der Wohnstube des

Lehrers stehen und mochte nicht hineingehen und seine Frage tun. Da

dachte Stineli heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann

frag' ich. Aber am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich und

zaghaft an der Tür stand, ging diese plötzlich auf, und der Lehrer trat

eilig heraus und stieß so gewaltig gegen den Rico an, daß das

federleichte Büblein ein gutes Stück rückwärts flog. In großem Erstaunen

und ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. »Was ist das, Rico?« fragte

er jetzt, als der Kleine wieder am Platze stand. »Warum kommst du an

eine Tür und klopfest nicht an, wenn du da etwas zu verrichten hast;

wenn du aber nichts da zu verrichten hast, warum entfernst du dich

nicht? Solltest du mir aber etwas zu berichten haben, so kannst du's

gleich hier sagen. Was wolltest du?«

»Was kostet eine Geige?« stürzte Rico vor lauter Angst in voller Hast

heraus.

Des Lehrers mißbilligendes Erstaunen wuchs sichtlich. »Rico, was muß ich

von dir denken?« fragte er mit gestrenger Miene; »kommst du extra an die

Tür deines Lehrers, um unnütze Fragen an ihn zu tun? oder hast du eine

Absicht? Was hast du damit sagen wollen?«

»Ich habe nichts sagen wollen«, entgegnete Rico schüchtern, »nur fragen,

was eine Geige kostet.«

»Du hast mich nicht verstanden, Rico; paß jetzt auf, was ich dir sage:

ein Mensch spricht etwas aus und denkt sich dabei einen Zweck; oder er

denkt sich nichts dabei, das sind unnütze Worte. Nun paß auf, Rico: hast

du soeben diese Frage getan aus gar keinem Grunde, oder aus Neugierde,

oder hat dich jemand geschickt, der gern eine Geige anschaffen wollte?«

»Ich wollte gern eine kaufen«, sagte Rico ein wenig herzhafter; aber er

erschrak sehr, als der Lehrer mit einem Male in hellem Zorn ihn anfuhr:

»Was? Was sagst du da? So ein -- verlorenes, unvernünftiges, welsches

Büblein, wie du eins bist, eine Geige kaufen? Weißt du denn, was eine

Geige ist? Weißt du, wie alt ich war und was ich gelernt hatte, eh' ich

eine Geige anschaffen konnte? Lehrer war ich, fertiger Lehrer,

zweiundzwanzig Jahre alt und stand in meinem Beruf! Und dann so ein

Büblein, wie du eins bist! Und jetzt will ich dir sagen, was eine Geige

kostet, so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte Gulden habe

ich bezahlt dafür; kannst du dir die Summe vergegenwärtigen? Wir wollen

sie gleich einmal in Blutzger auflösen: Enthält ein Gulden 100 Blutzger,

so enthalten sechs Gulden 6 x 100 gleich? -- gleich? -- Nun Rico, du bist

sonst keiner von den Ungeschickten, -- gleich?«

»Gleich 600 Blutzger«, ergänzte Rico leise, denn der Schrecken versagte

ihm die Stimme, nun er die Summe überschaute und Stinelis zwölf Blutzger

damit verglich.

»Und dann, Büblein«, fuhr der Lehrer im Zuge weiter fort, »was meinst

du? Meinst du, es nimmt einer eine Geige nur in die Hand und spielt? Da

muß einer anders dran, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein«

-- und der Lehrer machte die Tür auf und nahm die Geige von der Wand --;

»da, nimm sie einmal in den Arm und den Bogen in die Hand; so, Büblein,

und wenn du mir nun #c d e f# herausbringst, so geb' ich dir gleich

einen halben Gulden.« Rico hatte wirklich die Geige im Arm; seine Augen

leuchteten auf wie Feuer. #c d e f# -- spielte er fest und völlig

korrekt. »Du Erzblitzbub«, rief der Lehrer vor Bewunderung aus, »woher

kannst du das? Wer hat dich's gelehrt? Wie kannst du die Töne

finden?«

[Illustration: Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und

freudestrahlenden Augen]

»Ich kann noch etwas, wenn ich's spielen darf«, sagte Rico und schaute

mit Verlangen auf das Instrument in seinem Arm.

»Spiel's!« bedeutete der Lehrer. Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit

und freudestrahlenden Augen:

»Ihr Schäflein hinunter

Von sonniger Höh',

Der Tag ging schon unter,

Für heute ade!«

Der Lehrer hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und die Brille

aufgesetzt. Er schaute mit ernster Prüfung jetzt auf Ricos Finger, dann

auf seine funkelnden Augen, dann wieder auf die Finger. Rico hatte

fertig gespielt.

»Komm hier zu mir her, Rico!«

Der Lehrer rückte seinen Stuhl ins Licht, und Rico mußte sich gerade vor

ihm aufstellen. »So, nun muß ich ein Wort mit dir reden. Dein Vater ist

ein Welscher, Rico, und siehst du, dort unten gehen allerhand Dinge, von

denen wir hier in den Bergen nichts wissen. Nun sieh mir in die Augen

und sag mir aufrichtig und der Wahrheit gemäß: Wie bist du dazu

gekommen, diese Melodie ohne Fehler auf meiner Geige zu spielen?«

Rico schaute den Lehrer mit ganz ehrlichen Augen an und sagte: »Ich habe

sie Euch abgelernt in der Singschule, wo wir sie so viel singen.«

Diese Worte gaben der Sache eine ganz andere Wendung. Der Lehrer stand

auf und ging einige Male hin und her. So war er selbst der Urheber

dieser wunderbaren Erscheinung; da waren also keine Schwarzkünste dabei

im Spiel. Mit versöhntem Gemüte zog er jetzt seinen Beutel hervor: »Da

ist ein halber Gulden, Rico, er gehört dir mit Recht. Nun fahr so fort

und sei recht aufmerksam auf das Geigenspiel, solange du zur Schule

gehst, so kannst du's zu etwas bringen, und in zwölf bis vierzehn Jahren

wird die Zeit da sein, da du auch eine Geige anschaffen kannst. Jetzt

kannst du gehen.«

Rico warf noch einen Blick auf die Geige, dann ging er mit der

allertiefsten Betrübnis im Herzen.

Stineli kam hinter dem Holzstoß hervorgerannt: »Diesmal bist du aber

lang geblieben, hast du gefragt?«

»Es ist alles verloren«, sagte Rico, und seine Augenbrauen kamen vor

Leid so nah zusammen, daß _ein_ dicker, schwarzer Strich war über die

Augen hin. »Eine Geige kostet sechshundert Blutzger, und in vierzehn

Jahren kann ich eine kaufen, wenn schon lange alles tot ist; wer wollte

noch am Leben sein in vierzehn Jahren. Da, das kannst du haben, ich

will's nicht.« Damit drückte er den halben Gulden in Stinelis Hand.

»Sechshundert Blutzger!« wiederholte Stineli voller Entsetzen. »Aber

woher hast du das viele Geld hier?«

Rico erzählte nun alles, wie es gegangen war bei dem Lehrer, und endete

wieder mit dem Worte des größten Leides: »Jetzt ist alles verloren.«

Stineli wollte ihm wenigstens seinen halben Gulden aufdringen als einen

ganz kleinen Trost; aber er war ganz ergrimmt über den unschuldigen

halben Gulden und wollte ihn nicht ansehen.

Da sagte Stineli: »So will ich ihn zu meinen Blutzgern tun und dann

wollen wir das Geld alles miteinander teilen und alles gehört uns

zusammen.«

Diesmal war auch Stineli sehr niedergeschlagen; als es aber mit Rico um

die Ecke kam, wo es ins Feld hineinging, lag der schmale Fußweg so schön

trocken in der Sonne bis zur Haustür hin, und dort flimmerte das

Plätzchen davor auch ganz weiß und trocken, und Stineli rief:

»Sieh, sieh, nun wird's Sommer, Rico, und wir können wieder in den Wald

hinauf; dann freut's dich auch wieder. Wollen wir schon am Sonntag

gehen?«

»Es freut mich gar nichts mehr«, sagte Rico; »aber wenn du gehen willst,

so will ich schon mitkommen.«

An der Tür wurde es noch ganz ausgemacht, am Sonntag wollten sie

hinübergehen auf die Waldhöhe, und dem Stineli kam schon wieder die

Freude obenauf. Es tat auch noch die Woche durch, was es nur vermochte,

und es gab viel zu tun; der Peterli und der Sami und das Urschli hatten

die Röteln, und im Stall war eine Geiß krank, der mußte man öfter heißes

Wasser bringen, und Stineli mußte da- und dorthin laufen und überall

Hand anlegen, sobald es nur aus der Schule kam, und am Samstag den

ganzen Tag lang, bis spät am Abend, da mußte es noch den Stalleimer

fegen. Da sagte aber auch der Vater am Abend: »Das Stineli ist ein

handliches.«

Viertes Kapitel.

Der ferne, schöne See ohne Namen.

Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte, hatte es eine große

Freude im Herzen und wußte zuerst gar nicht warum, bis es sich besann,

daß es Sonntag war und die Großmutter noch am Abend spät gesagt hatte:

»Morgen mußt du Sonntag haben, den ganzen Nachmittag; er gehört dir!«

Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller weggetragen und

den Tisch abgewaschen hatte, rief der Peterli: »Komm zu mir, Stineli«,

und die zwei anderen im Bett schrieen: »Nein, zu mir!« Und der Vater

sagte: »Das Stineli muß nach der Geiß sehen.«

Aber nun ging die Großmutter in die Küche hinaus und winkte dem Stineli

nach. »Geh du jetzt in Frieden«, sagte sie, »der Geiß und den Kindern

will ich schon nachgehen, und wenn's Betglocke läutet, kommt ordentlich

heim.« Die Großmutter wußte schon, daß ihrer zwei waren.

Jetzt schoß Stineli davon wie ein Vogel, dem man die Käfigtür aufgemacht

hat, und drüben stand Rico, der hatte lange schon gewartet. Nun zogen

sie aus über die Wiese hin, der Waldhöhe zu. Die Sonne schien an allen

Bergen und der Himmel lag blau darüber. Auf der Schattenseite mußten sie

noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf, aber da kam die Sonne von

vorn und flimmerte über den See, und da waren schöne, trockene Plätzchen

am Abhang, steil über dem Wasser. Da saßen die Kinder hin; es pfiff ein

scharfer Wind über die Höhe und sauste ihnen um die Ohren. Stineli war

lauter Freude und Genuß. Ein Mal über das andere rief es aus:

»Sieh, sieh, Rico, die Sonne, wie schön! Jetzt wird's Sommer; sieh, wie

es glitzert auf dem See. Es kann gar keinen schöneren See geben, als der

ist«, sagte es jetzt zuversichtlich.

»Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen, den ich meine!«

und Rico schaute so verloren über den See hin, als finge, was er ansehen

wollte, erst dort an, wo man nichts mehr sah.

»Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit Nadeln, da sind so

glänzende, grüne Blätter und große, rote Blumen, und die Berge stehen

nicht so hoch und schwarz und so nah, nur weit drüben liegen sie ganz

violett, und am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still und

warm; da tut der Wind nicht so und die Füße hat man nicht so voll

Schnee, dann kann man immer so am sonnigen Boden sitzen und zuschauen.«

Stineli war bald hingerissen; es sah schon die roten Blumen und den

goldenen See vor sich, das mußte doch so schön sein.

»Vielleicht kannst du wieder einmal dahin gehen an den See und alles

wieder sehen; weißt du den Weg?«

»Man geht auf den Maloja. Dort bin ich schon mit dem Vater gewesen: da

hat er mir die Straße gezeigt, die geht den ganzen Weg hinunter, immer

so hin und her, und weit unten ist der See, aber noch so weit, daß man

fast nicht hinkommen kann.«

»Ach, das ist ganz leicht«, meinte Stineli, »du müßtest nur immer weiter

gehen, so kämst du sicher zuletzt dahin.«

»Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt; siehst du, Stineli: wenn man

auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus hineingeht und ißt und schläft da,

so muß man immer bezahlen, da muß man wieder Geld haben.«

»O, Geld haben wir jetzt so viel«, rief Stineli triumphierend. Aber Rico

triumphierte nicht mit.

»Das ist gerade so viel wie nichts, das weiß ich noch von der Geige

her«, sagte er traurig.

»So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch daheim so schön.«

Eine Weile lang saß Rico nachdenklich da, seinen Kopf auf den Ellbogen

gestützt, und seine Augenbrauen kamen wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte

er sich wieder zu Stineli, das unterdessen von dem weichen, grünen Moos

ausrupfte und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die

wollte es dem kranken Urschli bringen. »Du sagst, ich soll nur daheim

bleiben, Stineli«, sagte er mit gefalteter Stirne; »aber siehst du, mir

ist es gerade so, wie wenn ich nicht wüßte, wo ich daheim bin.«

»Ach, was sagst du«, rief Stineli und warf vor Erstaunen eine ganze Hand

voll Moos weg. »Hier bist du daheim, natürlich. Da ist man immer daheim,

wo man seinen Vater und seine Mutter --«; hier hielt es plötzlich inne:

Rico hatte ja gar keine Mutter, und der Vater war schon so lang wieder

fort, und die Base? -- Stineli kam der Base nie zu nah, sie hatte ihm nie

ein gutes Wort gegeben; es wußte gar nicht mehr, was sagen. Aber Stineli

konnte in einem so unsicheren Zustande nicht lange bleiben. Rico hatte

wieder zu staunen angefangen; auf einmal faßte es ihn am Arm und rief:

»Nun möchte ich doch etwas wissen, wie heißt der See, wo es so schön

ist?«

Rico besann sich. »Ich weiß es nicht«, sagte er, selbst verwundert

darüber.

Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie er heißen könne;

denn wenn Rico doch einmal viel Geld hätte und gehen könnte, so müßte er

ja den Weg erfragen und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu

beraten, wen man fragen könnte; den Lehrer oder die Großmutter. Da fiel

es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen; den wollte er fragen,

sobald er heimkomme.

Unterdessen war die Zeit vergangen und auf einmal hörten die Kinder ganz

in der Ferne ein leises Läuten. Sie kannten den Ton, es war die

Betglocke. Sie sprangen gleich beide vom Boden auf und rannten

miteinander Hand in Hand durch Gestrüpp und Schnee die Halde hinunter

und über die Wiese hin, und es hatte noch nicht lange verläutet, so

standen sie schon an der Tür, wo die Großmutter nach ihnen aussah.

Stineli mußte nun gleich ins Haus hinein, und die Großmutter sagte nur

schnell: »Geh du auch gleich hinein, Rico, und bleib nicht mehr stehen

vor der Tür.«

Das hatte die Großmutter noch nie zu ihm gesagt, obschon er es immer

tat, denn es gelüstete ihm nie, in das Haus hineinzugehen, und er stand

immer erst eine Zeitlang vor der Haustür, ehe er's tat. Er gehorchte

aber der Großmutter aufs Wort und ging gleich hinein.

Fünftes Kapitel.

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen.

Die Base war nicht in der Stube, so ging er wieder hinaus und machte die

Küchentür auf. Da stand sie; aber ehe er nur eintreten konnte, hob sie

den Finger in die Höh' und machte: »Bst! Bst! Mach nicht alle Türen auf

und zu und einen Lärm, als kämen ihrer vier. Geh in die Stube hinein und

halte dich still. Der Vater liegt oben in der Kammer; sie haben ihn auf

einem Wagen gebracht, er ist krank.«

Rico ging hinein und setzte sich auf die Bank an der Wand und bewegte

sich nicht. So saß er eine gute halbe Stunde lang; die Base fuhr noch

immer in der Küche herum. Da dachte Rico, er wolle ganz leise in die

Kammer hineinschauen, vielleicht wollte der Vater auch etwas zu Abend

essen, es war schon lange Zeit dazu.

Er schlich hinter dem Ofen die kleine Treppe hinauf und kroch in die

Kammer hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder und ging gleich in die

Küche hinaus und bis nahe zur Base heran. Dann sagte er leise: »Base,

kommt!«

Diese wollte ihn eben tüchtig anfahren, als ihre Blicke auf sein Gesicht

fielen: es war völlig ohne Farbe, Wangen und Lippen weiß wie ein Tuch,

und aus den Augen schaute er so schwarz, daß ihn die Base fast

fürchtete.

»Was hast du?« fragte sie hastig und folgte ihm unwillkürlich.

Er ging leise das Treppchen hinauf und in die Kammer hinein. Da lag der

Vater mit starren Augen auf seinem Bett; er war tot.

»Ach, du mein Gott«, schrie die Base und lief mit Lärm zur Tür hinaus,

die auf der anderen Seite auf den Gang führte, die Treppe hinunter und

gleich hinüber in die Stube hinein und rief, der Nachbar und die

Großmutter sollten herüberkommen, und von da lief sie zum Lehrer und zum

Gemeindevorsteher.

So kam eins ums andere und trat in die stille Kammer hinein, bis sie

voll von Menschen war, denn einer hörte draußen vom anderen, was

geschehen sei. Und mitten in dem Gewimmel und den vielen klaghaften

Worten von all' den Nachbarn stand Rico an dem Bette, lautlos und

unbeweglich, und schaute den Vater an. -- Die ganze Woche durch kamen

täglich noch Leute ins Haus, die den Vater ansehen und von der Base

hören wollten, wie alles zugegangen sei, so daß es Rico ein Mal über das

andere erzählen hörte: Sein Vater hatte drunten im St. Gallischen an

einer Eisenbahn Arbeit gehabt. Beim Steinsprengen hatte er eine tiefe

Wunde in den Kopf bekommen, und da er nun doch nicht mehr arbeiten

konnte, wollte er heimgehen, um sich zu pflegen, bis es besser würde.

Aber die lange Reise, teils zu Fuß, teils auf offenen Fuhrwagen, hatte

er nicht ertragen können, war am Sonntag gegen Abend daheim angelangt

und hatte sich auf sein Bett gelegt, um nicht wieder aufzustehen; ohne

daß ihn jemand gesehen hatte, war er verschieden; denn Rico hatte ihn

schon starr ausgestreckt auf dem Bette gefunden. Am Sonntag darauf wurde

der Mann begraben. Rico war der einzige Leidtragende, der dem Sarge

folgte, einige gute Nachbarn hatten sich noch angeschlossen; so ging

der Zug hinüber nach Sils. Dort hörte Rico, wie der Herr Pfarrer in der

Kirche laut ablas: »Der Verstorbene hieß Enrico Trevillo und war

gebürtig aus Peschiera am Gardasee.«

Da war es Rico, als hörte er etwas, das er ganz gut gewußt, aber gar

nicht mehr hatte zusammenfinden können. Immer hatte er auch den See vor

sich gesehen, wenn er mit dem Vater gesungen hatte:

#»Una sera

In Peschiera.«#

Aber er hatte nicht gewußt, warum. Leise mußte er die Namen wiederholen,

eine Menge alter Lieder stiegen damit vor seinen Augen auf.

Als er allein zurückgewandert kam, sah er die Großmutter auf dem

Holzstumpf sitzen und neben ihr das Stineli. Sie winkte ihn zu sich.

Dann steckte sie ihm ein Stück Birnbrot in die Tasche, wie sie vorher

dem Stineli getan hatte, und sagte, nun sollten sie spazieren gehen, an

dem Tage müsse Rico nicht allein sein. Da wanderten die Kinder zusammen

in den hellen Abend hinaus. Die Großmutter blieb auf ihrem Holze sitzen

und schaute mitleidig dem schwarzen Büblein nach, bis sie nichts mehr

von den Kindern sehen konnte. Dann sagte sie leise für sich:

»Doch was Er tut und läßt geschehn,

Das nimmt ein gutes End'!«

Sechstes Kapitel.

Ricos Mutter.

Über den Weg von Sils her kam an einem Stab der Lehrer gegangen. Er

hatte an dem Begräbnis teilgenommen. Er hustete und keuchte, und als er

nun bei der Großmutter angekommen war und einen »Guten Abend« geboten

hatte, setzte er hinzu: »Wenn es Euch recht ist, Nachbarin, so sitze ich

einen Augenblick neben Euch, denn ich habe es stark in dem Hals und auf

der Brust; aber was kann unsereins sagen mit bald siebzig Jahren, wenn

man solche begräbt, wie den heute. Er war noch nicht fünfunddreißig und

ein Mann wie ein Baum.«

Der Lehrer hatte sich neben die Großmutter niedergesetzt.

»Es gibt mir auch zu denken«, sagte diese, »daß ich, eine Alte,

Fünfundsiebzigjährige, übrig bleibe und da und dort ein Junges fort muß,

von dem man denkt, es wäre noch nötig gewesen.«

»Die Alten werden auch noch zu etwas gut sein. Wo wäre sonst ein

Beispiel für die Jungen?« bemerkte der Lehrer. »Aber was meint Ihr,

Nachbarin, was soll nun aus dem Büblein werden da drüben?«

»Ja, was soll aus dem Büblein werden?« wiederholte die Großmutter; »ich

frage auch so, und wenn ich nur auf die Menschen sehen wollte, so wüßte

ich keine Antwort. Aber es ist noch ein Vater im Himmel, der die

verlassenen Kinder sieht. Er wird auch einen Weg für das Büblein

finden.«

»Sagt mir einmal, Nachbarin: wie ging es zu, daß der Italiener die

Tochter von Eurer Nachbarin da drüben zur Frau bekam? Man weiß doch nie,

woher solche fremde Menschen kommen und was mit ihnen ist.«

»Es ging eben, wie es geht, Nachbar. Ihr wißt ja, meine alte Bekannte,

die Frau Anne-Dete, hatte alle ihre Kinder verloren und auch den Mann,

und lebte allein drüben im Häuschen mit dem Marie-Seppli, das ein

lustiges Töchterlein war. Es mögen jetzt elf oder zwölf Jahre sein, da

kam der Trevillo zuerst hierher. Er hatte Arbeit oben am Maloja und kam

etwa hier herunter mit den Burschen, und kaum hatten das Marie-Seppli

und er einander gesehen, so wurden sie einig, sie wollten einander

haben. Und das muß man dem Trevillo nachsagen, er war nicht nur ein

schöner Bursche, der jedem gefallen konnte, sondern auch ein anständiger

und rechtschaffener Mensch, die Anne-Dete hatte selber ihre Freude an

ihm. Sie hätte nun freilich gern gewollt, die beiden blieben bei ihr im

Häuschen, und der Trevillo hätte es gern getan, er konnte es gut mit der

Mutter, und dem Marie-Seppli tat er, was es nur wollte. Er war aber

manchmal mit ihm nach dem Maloja hinaufspaziert und hatte die Straße

hinuntergeschaut, die man so sieht, wie sie weit ins Tal hinabgeht, und

er hatte ihr erzählt, wie es unten sei, wo er daheim war. Da hatte sich

das Marie-Seppli in den Kopf gesetzt, es wolle dort hinunter, und es

half alles nichts, wie auch die Mutter anhielt und jammerte, sie könnten

nicht leben da unten. Da sagte aber der Trevillo, deswegen müsse sie

nicht Angst haben, er habe ein Gütlein und ein Häuschen unten; er sei

nur lieber ein wenig in die Welt hinausgezogen. -- Jetzt hatte er das

Marie-Seppli gewonnen, und nach der Hochzeit wollte es auf der Stelle

den Berg hinunter. Es schrieb dann etwa der Mutter, daß es ihm gut gehe

und der Trevillo der beste Mann sei.

»Aber nach etwa fünf oder sechs Jahren trat eines Tages der Trevillo

drüben in der Stube ein bei der Anne-Dete und hatte ein Büblein an der

Hand und sagte: 'Da, Mutter, das ist noch das einzige, was ich vom

Marie-Seppli habe; es liegt begraben dort unten mit seinen anderen

kleinen Kindern. Der war sein erstes und sein liebstes.'

»So hat sie's mir erzählt. Dann sei er auf die Bank niedergesessen, wo

er zuerst das Marie-Seppli gesehen hatte, und habe gesagt: da wolle er

bleiben mit seinem Büblein, wenn's der Mutter recht sei; denn dort unten

habe er's nicht mehr ausgehalten.

»Das war Freud' und Leid miteinander für die Anne-Dete. Der kleine Rico

war etwas zu vier Jahren und war ein zahmes, nachdenkliches Büblein,

ohne Lärm und Unart, es war ihre letzte Freude, ein Jahr nachher starb

sie schon, und man riet dem Trevillo, die Base der Anne-Dete zu sich zu

nehmen für den Haushalt und das Kind.«

»So, so«, machte der Lehrer, als die Großmutter schwieg; »das habe ich

alles nicht so gewußt. Es kann nun sein, daß sich etwa Verwandte von dem

Trevillo zeigen mit der Zeit, und man kann sie anhalten, etwas für den

Knaben zu tun.«

»Verwandte«, seufzte die Großmutter, »die Base ist auch eine Verwandte,

von ihr bekommt er wenig gute Worte im Jahr.«

Der Lehrer stand mühsam auf von seinem Sitz. »Mit mir geht's bergab,

Nachbarin«, sagte er kopfschüttelnd; »ich weiß nicht, wo meine Kräfte

hingekommen sind.«

Die Großmutter ermunterte ihn und sagte: er sei ja noch ein junger Mann

im Vergleich zu ihr. Sie mußte sich aber doch verwundern, wie langsam er

davonging.

Siebentes Kapitel.

Ein kostbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser.

Es kamen nun viele schöne Sommertage, und wo die Großmutter nur konnte,

richtete sie es ein, daß das Stineli einen freien Augenblick bekam; aber

es gab immer mehr zu tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf

seiner Schwelle und staunte und sah nach der Tür drüben, ob das Stineli

komme.

Gegen den September, wenn die Leute oft noch vor den Häusern saßen, um

sich der letzten warmen Abende zu freuen, da saß auch der Lehrer noch

etwa vor seiner Tür; aber er sah ganz abgemagert aus und keuchte immer

mehr, und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die Kraft

nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zurück. Da lag er denn ganz

still und fing an, allerlei zu bedenken, und wie es kommen würde, wenn

er sterben müßte. Er hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange

gestorben, nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause. Er mußte

hauptsächlich nachdenken, wohin alle die Sachen kämen, die ihm

angehörten, wenn er nicht mehr da wäre, und da seine Geige ihm gerade

gegenüber an der Wand hing, so sagte er zu sich: »Die müßte ich auch

dalassen.« Und der Tag kam ihm in den Sinn, da der Rico hier vor ihm

gestanden und gegeigt hatte, und er hätte sie dem Büblein fast eher

gegönnt als einem fernen Vetter, der vom Geigen gar nichts verstand. So

dachte er bei sich, wenn er sie um ein billiges geben würde, so könnte

sie der Rico vielleicht erstehen; der Vater hatte ihm doch wohl ein

kleines hinterlassen. Da fiel ihm aber ein, daß, wenn er die Geige

verlassen müsse, er das Geld auch nicht mehr brauchen könne. Aber er

konnte doch ein Instrument, für das er sechs harte Gulden auf den Tisch

gelegt hatte, nicht nur so weggeben. So dachte er immer schärfer darüber

nach, wie es zu machen wäre, daß er die Geige nicht so für nichts

hergeben müßte, daß sie ihm doch irgend etwas eintrüge; aber immer

zuletzt kam ihm wieder klar vor Augen, daß dorthin, wohin er die Geige

nicht mitnehmen konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande

war, und daß all sein Gut da zurückbleiben würde.

Das Fieber nahm unterdessen mehr und mehr überhand bei ihm, und gegen

Abend und die ganze Nacht durch lag er in einem großen Kampf von vielen

Gedanken, und es stiegen alte Dinge vor seinen Augen auf, die er schon

lange vergessen hatte, und verfolgten ihn, so daß er am Morgen ganz

erschöpft dalag und nur noch einen Gedanken hatte: er wollte gern etwas

Gutes tun, gleich auf der Stelle ein gutes Werk verrichten.

Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte Magd hereinkam, und

diese schickte er zur Großmutter hinaus, sie solle zu ihm kommen, aber

bald.

Die Großmutter trat auch bald nachher in seine Stube, und eh' sie nur

recht fragen konnte, wie es ihm gehe, sagte er: »Seid so gut und nehmt

dort die Geige herunter und bringt sie dem Waisenbüblein; ich will sie

ihm schenken, er soll Sorg' dazu haben.«

Die Großmutter mußte sich aufs höchste verwundern und einmal über das

andere ausrufen: »Was wird der Rico machen! Was wird der Rico sagen!«

Dann bemerkte sie, daß der Lehrer ein wenig unruhig wurde, so, wie wenn

die Sache Eile hätte. So verließ sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie

konnte, mit ihrem Geschenk unter dem Arm übers Feld, denn sie konnte

selbst kaum erwarten, daß der Rico sein Glück erfahre.

Der stand unter der Haustür; auf den Wink der Großmutter kam er ihr

entgegengelaufen.

»Da, Rico«, sagte sie und hielt ihm die Geige hin, »die schickt dir der

Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.«

Rico stand da wie im Traume, aber es war so; die Großmutter streckte ihm

wirklich die Geige entgegen.

»Nimm sie, Rico, sie ist dein«, wiederholte sie.

Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico jetzt seine

Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie unverwandt an, so, als könne

sie ihm wieder wegkommen, wenn er einmal weggehen würde.

»Du sollst auch Sorg' dazu haben«, ergänzte die Großmutter ihren

Auftrag; sie mußte aber ein wenig lachen, es kam ihr nicht vor, daß die

Ermahnung nötig sei. »Und Rico, denk auch an den Lehrer und vergiß nie,

was er an dir getan hat; er ist sehr krank.«

Nun trat die Großmutter in ihr Haus ein, und Rico eilte mit seinem

Schatz in seine Kammer hinauf, dort war er immer ganz allein.

Da saß er hin und strich und geigte fort und fort und vergaß Essen und

Trinken und alle Zeit. Erst als es schon fast dunkeln wollte, stand er

auf und ging die Treppe hinunter. Die Base kam aus der Küche und sagte:

»Du kannst denn morgen wieder essen, heut' hast du dich aufgeführt, daß

dir nichts gehört.«

Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frühen Morgen nichts

gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht ans Essen gedacht und ging

ganz getrost ins andere Haus hinüber und gleich in die Küche hinein, er

suchte die Großmutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an.

Wie es des Rico ansichtig wurde, mußte es ganz laut aufjauchzen, denn

schon den ganzen Tag durch, seit die Großmutter erzählt hatte, was

begegnet war, hatte ihm der Boden unter den Füßen gebrannt, daß es nicht

hinaus konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es durfte

keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie außer sich und rief

einmal ums andere: »Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!«

Auf den Lärm kam die Großmutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu

ihr heran und sagte: »Großmutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken,

wenn er schon krank ist?«

Die Großmutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer hatte schon am

Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann sagte sie: »Wart ein wenig,

Rico, ich will mit dir gehen«, und ging, die saubere Schürze anzuziehen.

Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Großmutter trat

zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im Arm, denn diese

hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehörte.

Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das Bett heran und schaute

dabei auf seine Geige, und er konnte fast nichts sagen, aber seine Augen

funkelten so, daß der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen

frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe. Dann winkte er die

Großmutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite und der Lehrer sagte

mit schwacher Stimme: »Großmutter, es wäre mir recht, wenn Ihr mir ein

Vaterunser beten wolltet; es wird mir so bang.«

Jetzt hörte man die Betglocke herüberläuten; Rico faltete schnell seine

Hände, und die Großmutter faltete die ihrigen und betete ihr Vaterunser.

Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Großmutter beugte sich ein

wenig und drückte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war

verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und ging leise hinaus

mit ihm.

Achtes Kapitel.

Am Silser See.

Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor Freude die ganze

Woche durch; aber es kam ihm auch vor, als habe diese Woche zehn Tage

mehr als jede andere, denn es wollte gar nicht Sonntag werden.

Als er aber doch endlich kam und eine goldene Sonne über die Herbsthöhen

leuchtete, und es mit dem Rico oben unter den Tannen ankam, und der

glitzernde See vor ihnen lag, da kam eine solche Freude über das

Stineli, daß es rings im Moos herumhüpfen und jauchzen mußte; und dann

setzte es sich auf den äußersten Rand am Abhang, daß es alles sehen

konnte, die sonnigen Höhen und den See und weit hinüber den blauen

Himmel.

Nun rief es: »Komm, Rico, da wollen wir singen, lang, lang!«

Da setzte sich der Rico neben das Stineli hin und machte seine Geige

zurecht, denn die war mitgekommen.

Nun fing er an und die Kinder sangen:

»Ihr Schäflein hinunter

Von sonniger Höh'« --

alle Verse durch, aber Stineli hatte noch lange nicht genug.

»Wir wollen immer weiter singen«, sagte es und sang weiter:

»Ihr Schäflein hinüber

Auf die lustige Höh',

Die Sonne steht drüber

Und der Wind geht am See.«

Und nun sang der Rico den Vers auch mit und freute sich und sagte:

»Sing noch weiter!«

Das Stineli war ganz begeistert vor Freude und schaute auf und ab und

sang wieder:

»Und die Schäflein, und die Schäflein,

Und der Himmel, so blau,

Und rot' und weiße Blumen

Auf der grasgrünen Au'.«

Und Rico geigte und sang mit und sagte:

»Sing noch weiter!«

Da schaute das Stineli den Rico lachend an und sang:

Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band · 第 1 / 14 段