Die Bewegungen der „Weddigen“ werden lebhafter, höher hebt

sich das Vorschiff über die leichten Wellenberge der von Süden

heranrollenden Dünung des Indischen Ozeans. Bereits vor Tagesanbruch

ist Kapitänleutnant von Möller auf Westkurs gegangen. Kaum mehr

erkennbar verdämmern in der Ferne die bläulichverschwommenen Umrisse

der Insel Bali. Weit und breit ist kein Schiff, keine verdächtige

Rauchfahne zu sehen. Eine Verfolgung wäre auch hier nicht mehr zu

fürchten. Längst ist der Schoner aus dem holländischen Hoheitsbereich

heraus, kein Neutraler hat mehr das Recht, ihn hier anzuhalten. Ein

glücklich-wohliges Gefühl der endlich errungenen Freiheit stellt sich

ein. Weit zurück liegen die Gefahren der Internierung, freie See dehnt

sich vor ihnen. Freilich kann auf dem nahezu sechstausend Seemeilen

langen Wege bis zur arabischen Küste noch mancherlei geschehen; ist

das kleine Fahrzeug doch in hohem Maße von Wind und Wetter abhängig,

und der Zufall kann ihm, wenn die Wahrscheinlichkeit auch nicht dafür

spricht, einen feindlichen Kreuzer in den Weg führen.

Mit günstigem Wind und gleichlaufender Meeresströmung gleitet

„Weddigen“ weiter. Tagelang bleibt die langgestreckte Form der

Insel Java in Sicht. Für die Navigierung bedeutet es, obgleich auch

nautische Instrumente an Bord sind, eine große Erleichterung, stets

Landmarken zur Feststellung des Schiffsortes und zur Vermeidung

des Abtreibens zur Verfügung zu haben. Ein Tag verrinnt nach dem

andern, der Begriff „Zeit“ ist völlig geschwunden. Ein Ausruhen

von Körper und Geist ist die Fahrt, eine wohltuende Entspannung

nach den zermürbenden Aufregungen der erzwungenen Muße während der

Internierungszeit. Glühend heiß brennt die tropische Sonne an Deck,

die frische Brise aber, die ständig weht, mildert die Hitze und läßt

sie nicht als unangenehm empfunden werden. Fast regelmäßig stellt

sich anfangs in den Abendstunden ein Gewitter ein. Von allen Seiten

zischen die Blitze über die See, in schmetternden Schlägen kracht der

Donner hinterdrein. Schnell wie das Wetter kommt, verzieht es sich

wieder, und erfrischender Regen strömt herab. In allen erdenklichen

Gefäßen wird das Wasser aufgefangen; ist es doch eine der wichtigsten

Bedingungen, von der nicht zum geringsten das Gelingen der Fahrt

abhängt. Die Kleidung ist mehr als leicht. Breite Tropenhüte beschatten

die Gesichter, die trotzdem aber nach wenigen Tagen schon wie Hände

und Arme einen Ton annehmen, hinter dem niemand beim besten Willen

Europäer vermuten kann, wenn nicht die blauen Augen und das blonde

Haar in seltsamem Widerspruch zu der negerartigen Hautfarbe ständen.

Das ganze Leben spielt sich auf Deck ab. Ein Mann geht ohnedies stets

Wache. Er hat nie Ursache, über zu große Einsamkeit zu klagen, da es

niemand einfällt, nachtsüber unter Deck zu gehen. Die Nächte sind

kühl und durch die häufigen Niederschläge feucht, aber auch das wird

nicht als besonders störend empfunden. Nur ein paar Decken mehr werden

heraufgeholt, um Erkältungen vorzubeugen. Die Medizinkiste ist zwar an

Bord, die soll aber lieber nicht geöffnet werden. Eng beisammen liegt

die Besatzung -- viel Raum bietet das Deck ja nicht -- und die Gedanken

wandern vor dem Einschlafen weit voraus, dem Ziele zu, das jede Stunde

ihnen, wenn auch langsam, näherbringt.

In unwirklicher Pracht wölbt sich der dunkle Himmel. Ein Stern dicht

am andern, ein Flimmern und Funkeln, daß deutlich an Deck alles zu

erkennen ist. Nicht sonderlich hoch taucht im Süden dann um Mitternacht

über dem Horizont das Kreuz des Südens auf. Klar und hell hebt sich

das Bild vom nachtschwarzen Hintergrunde ab. Nur Wochen noch müssen

vergehen, und der viel vertrautere Orion zeigt sich. Kein Laut ringsum.

Leise, einschläfernd gurgelt das Bugwasser zu beiden Seiten dahin

und singt den „Weddigen“-Leuten allmählich ihr Schlummerlied. Ein

flüchtiges Wort noch flattert herüber, eine Frage, halb im Schlafe

schon die Antwort, dann träumen sie, Kommandant und Leute, dem neuen

Tage entgegen. Ruhig, leicht übergeneigt zieht das Schiff seine Bahn,

in phosphoreszierendem Glanze leuchtet weit noch das Kielwasser. -- Der

Mond kommt hoch. Geisterhaftes, bläulich-weißes Licht zittert über die

See, zeichnet leuchtende Flecke auf dem leicht gekräuselten Wasser.

Längst liegt Java zurück, auch die hohen Berge Sumatras, die

eine Zeitlang in Sicht waren, sind verschwunden. Zur Ausnutzung

des Äquatorialstromes hält von Möller weit von Land ab auf die

Tschagosinseln zu. Ein Tag nach dem andern kommt herauf und versinkt

wieder, bald zwei Wochen sind verstrichen. Weihnachten! -- Ein Fest,

wie es wenigen Sterblichen nur beschieden ist, das den sechs ihr Leben

hindurch unauslöschlich im Gedächtnis haften bleiben wird. Am späten

Nachmittag wird die Weihnachtskiste geöffnet, die Deutsche Surabajas

ihnen mitgegeben haben. Der Inhalt offenbart, welch liebende Sorgfalt

beim Packen am Werke war. Zigarren und Zigaretten gibt es, Äpfel,

Nüsse; sogar der säuberlich in einer Blechdose verwahrte Kuchen ist

da. Der Kommandant hält die Weihnachtspredigt. Es sind die Worte,

die sie alle so oft schon gehört haben. Diesmal wirken sie anders,

erschütternd. Sie sind allein. In der grenzenlosen Einsamkeit des

weiten Ozeans, auf einem kleinen morschen Schiffchen. In tiefem

Schweigen vergehen die nächsten Stunden. Ein jeder weilt in Gedanken

bei dem, was ihm das liebste ist, achtet die Ergriffenheit des

Kameraden, die er selbst auch fühlt, und scheut sich, die Stimmung

durch ein Wort zu zerreißen ....

Wieder vergeht eine Woche, ein neues Jahr mit all seinen Hoffnungen

und Wünschen steigt herauf. Es soll die Erfüllung bringen. Eine kurze

Spanne Zeit noch, dann geht es nach Hause, zu den Kameraden, auf die

Flotte.

Nicht weit ab liegen die Kokosinseln. Von der Brandung des Indischen

Ozeans umspült, ruht dort auf Korallenriffen das Wrack der

unsterblichen „Emden“. Von hier segelte „Ayesha“ mit dem Landungszuge

des deutschen Kreuzers in die Freiheit, und was die Kameraden zu

einer Zeit, als zwanzig feindliche Schiffe auf sie Jagd machten,

vollbrachten, das soll auch „Weddigen“ mit seiner kleinen Schar

gelingen.

Vierzehn Tage liegen hinter ihnen voll strahlenden Sonnenscheins,

herrliche, tropische Nächte. Eine kurze Spanne Zeit noch, und die

Küste Arabiens muß in Sicht kommen. Unter dem leichten Druck des

südwestlichen Windes hält „Weddigen“ auf Diego-Garcia zu. Prall spannt

die Brise die Segel, eine Fahrt, wie sie günstiger und besser nicht

gewünscht werden kann.

Heftige Windstöße sausen plötzlich kurz hintereinander von Süden

heran, werfen sich in die Segel, daß das Schiff stark überholt und die

Spritzer an Deck fegen. Besorgte Blicke spähen zum Horizont und nach

dem Himmel. Wie erloschen ist das strahlende Licht, bleierngrau brütet

es über ihnen. Blauschwarz wächst im Süden eine riesige Wand aus der

See empor, ein fahler Schein glänzt in ihrer Mitte. Mit unheimlicher

Schnelligkeit kommt sie herauf, Sekunden nur vergehen ... sie breitet

sich aus, wächst, erreicht den Zenit. Wie ein grauenhaftes Ungeheuer

kommt es herauf, das mit gierigem Rachen all das Licht verzehrt,

vertilgt.

Der Sturm ist da. Rauschend stürzt er heran, heulend wirft er sich

auf den kleinen Schoner. Zum Platzen sind Stagen und Wanten gespannt.

In Minuten ist die leichtbewegte See aufgewühlt, höher heben sich die

Wellen. Es zischt und brodelt, Gischt erfüllt die ganze Atmosphäre. Wo

immer die weißen Schaumkronen auf den Kämmen auftauchen, faßt sie der

Sturm, reißt sie hoch, zerstiebt sie in Hunderttausende von Tropfen.

Beim ersten Stoße, der ohne jedes Anzeichen heranbraust, hat sich

„Weddigen“ schwer ächzend übergelegt. Noch hat er sich nicht wieder

aufgerichtet, und der zweite, noch stärkere ist da. Ein Krachen und

Splittern ... die Stange am Maste bricht. Flatternd schlägt das

Toppsegel einen Augenblick gegen die Gaffel, dann faßt es der Sturm,

wirbelt es wie Papier herum. Weit entfernt schlägt es in die See,

in fliegender Hast wird ein Segel nach dem andern geborgen. Bei den

wenigen Händen, die zur Verfügung stehen, ist es unmöglich, sie alle

gleichzeitig zu sichern. Schon droht das Großsegel dem Toppsegel zu

folgen, als es im letzten Augenblick noch gelingt, es, wenn auch

beschädigt, zu bergen. Ein Mann muß das Ruder bedienen und dafür

sorgen, daß nicht die See, die von Minute zu Minute gröber wird, Gewalt

über das Schiff gewinnt. Seine ganze Kraft und Geschicklichkeit ist

darauf gerichtet, das Bergen der Segel nach Möglichkeit zu erleichtern

und zu verhindern, daß „Weddigen“ unter den Wellenbergen verschwindet.

Furchtbar ist die Arbeit, immer höher noch heben sich die Wellen,

krachend stürzen sie in Brechern über. Das ganze Oberdeck steht fußhoch

unter Wasser. Mit der Lee-Reeling pflügt das Schiff minutenlang in der

See längs, als wollte es sich nicht wieder aufrichten. Kaum ist es mehr

möglich, sich an Deck vor dem „Überbordgerissenwerden“ zu sichern.

Mit Händen, Armen und Beinen heißt es sich festklammern, jeder sich

bietende Halt wird ausgenutzt. Kein trockener Faden ist mehr am ganzen

Körper. Längst schon klebt das nasse Zeug, und immer wieder bricht

klatschend ein neuer Schwall über sie herab. Durch den Niedergang

achtern unter Deck zu gelangen, ist ausgeschlossen. Die kurze Zeit des

Öffnens würde genügen, das Schiff vollzuschlagen und es dem sicheren

Untergange zu weihen.

Nur die leichten Sturmsegel stehen, um das Fahrzeug nicht gänzlich der

Gewalt von Wind und See auszuliefern. Längst schon hat es jegliche

Fahrt verloren, alle Bemühungen müssen sich darauf beschränken, das

gebrechliche Schiff durch den Sturm zu bringen.

Das ist längst keine vorübergehende Bö mehr. Der gefürchtete

Mauritius-Orkan, dem die größten Seeschiffe weit aus dem Wege gehen,

ist da. Düster, schwarz ist der Himmel, stärker und stärker rast es vom

Süden heran, die ganze Luft erfüllt der Gischt, nichts ist zu sehen.

Ein ungeheurer gläserner Wall nach dem andern brüllt heran, näher und

näher ... jetzt ... jetzt bricht er über das Schiff, begräbt es unter

seiner Masse ... eine Sekunde später steht „Weddigen“ hoch oben, saust

talwärts, um wieder hochgerissen zu werden.

Die Nacht. Mit unverminderter Heftigkeit tobt der Orkan weiter. Nichts

ist zu sehen, nur der fahlweiße Gischt schimmert gespenstisch auf.

Wie ein Ball wird das kleine Fahrzeug hin- und hergerissen, in allen

Spanten ächzt es. Ringsum das Heulen und Toben der Elemente. Stunden?

... Jahre? ... So langsam und zähe verstreicht die Nacht, als wollte

sie kein Ende nehmen, kein Mensch kann an Schlaf oder an Schutz denken;

angeklammert oder festgelascht verharrt alles oben. Jeder Augenblick

kann der letzte sein. Immer schwerer wird das nasse Zeug, schneidend

kalt fegt der Wind. Seit sechzehn Stunden ist kein Bissen, kein Schluck

Wasser über die zersprungenen Lippen gekommen. Nach qualvoll langem

Warten endlich weicht die Dunkelheit, um einer fahlen Dämmerung Platz

zu machen. Auf allen Gesichtern sind die Spuren der durchwachten Nacht

und der unerhörten Anstrengungen zu sehen. Blasse Gesichter, aus denen

übernächtige gerötete Augen sehen. Und weiter rast der Sturm. Ein

Trost nur, daß es jetzt so weit hell ist, daß übersehen wird, welche

Schäden angerichtet sind, und versucht werden kann, etwas Genießbares

heraufzubekommen und die erstarrten Glieder durch wärmenden Trunk

etwas zu beleben. Es sieht böse aus. Die Wanten und Stagen sind

teilweise zerrissen oder haben sich losgearbeitet, die Reeling weist

zerschlagene Stellen auf, am Bug halten die Decksnähte nicht mehr ganz

dicht, es muß Wasser in den Raum gedrungen sein. Auch das Tauwerk

zeigt arge Beschädigungen auf. Mit unendlicher Mühe gelingt es, in

den Raum zu kommen. Die Ladung ist bis auf einige Kisten, die über

Stag gegangen sind und deren Inhalt sich verstreut und zerbrochen im

Raume herumtreibt, unversehrt. Bedenklich ist, daß anscheinend auch

die Nähte außenbords nicht mehr dicht halten: an zahlreichen Stellen

sickert langsam Wasser durch. Es ist ausgeschlossen, irgend etwas zur

Beseitigung des gefährlichen Schadens zu unternehmen, solange das

Schiff schwer arbeitet. Auch an Kochen ist gar nicht zu denken. Ein

Stück Hartbrot wird heruntergewürgt, eine Dose Büchsenfleisch macht die

Runde.

Unentwegt wettert es weiter, fast scheint der Orkan an Wut noch

zuzunehmen. Ein kurzes Krachen mischt sich in das brausende Tosen der

See: die Gaffel, an der das Sturmsegel sitzt, ist gebrochen. Sollte

„Weddigen“, was von Stunde zu Stunde unwahrscheinlicher wird, den Sturm

überstehen, dann muß seemännische Geschicklichkeit versuchen, aus dem

mitgenommenen Material Ersatz zu schaffen, sogut es eben geht. Für den

Augenblick ist nichts zu machen. Düster und grau, wie der Tag gekommen

ist, geht er zu Ende, und die Nacht bricht herein mit all ihren

Schrecken. Ohne Murren ergibt sich die Besatzung in ihr Schicksal,

wenn auch leise beim einen oder anderen sich der Gedanke an das Ende

einschleicht. Immer mehr Wasser dringt durch die Außenbordshaut, die

morschen Planken können nicht lange mehr halten. Nur der weiße Gischt

leuchtet wie gestern gespenstisch auf, der Himmel ist dicht bezogen,

und wieder verrinnt eine Stunde nach der anderen im harten Kampfe ums

Leben.

In die starre Wolkendecke kommt Bewegung. Ein schwarzer Wolkenfetzen

löst sich ab, ein zweiter, ein dritter folgt ... eine hellere Stelle

... ein Stern. Strahlend funkelt er auf die kochende See, auf das

kleine Fahrzeug, auf die sieben Männer ... Ein einzelner kleiner Stern

nur, der da oben in mattem Glanze leuchtet, und doch bringt er neue

Hoffnung, neuen Mut. Seit über vierzig Stunden wütet der Orkan, tobt

und braust die See. Wie ein Fingerzeig einer höheren Macht leuchtet

es von oben herab, tröstend, Besserung verheißend. Noch starren alle

wie gebannt zu dem leuchtenden Pünktchen hinauf, das sich so seltsam

in seiner Einsamkeit auf dem schwarzumzogenen Himmel abhebt, als

sich plötzlich der Stern löst. In feurigem Bogen schießt er herab,

verschwindet wie von der See verschlungen.

Harte Männer sind es, die das Leben gelehrt hat, das, was sie fühlen,

in ihrem Innersten zu verschließen. Nie aber haben sie sich ihrem Gotte

näher gefühlt als in diesem kurzen Augenblick. Halb im Unterbewußtsein

dämmert in ihnen der uralte Kinderglaube auf von dem Wunsche, der in

Erfüllung geht, wenn er beim Fallen der Sternschnuppe gehegt ist. Von

dem Moment an, da sie sich zur Flucht entschlossen, beseelt sie alle

nur das eine Verlangen: Heim in den Krieg. Ein alter Kinderglaube nur,

und doch übt er seltsame Wirkung aus. Wie neu gestählt geht es an die

Arbeit, entschlossen, den Kampf mit Sturm und See siegreich zu bestehen.

Und tatsächlich ist es, als hätte der Fall des Sternes den Höhepunkt

des Orkans bedeutet. Von Stunde zu Stunde nimmt die Stärke des Windes

ab. Als der Tag anbricht, hebt sich strahlend die Sonne aus dem

aufgewühlten Ozean. Noch läuft die See hoch, der Gischt aber fegt nicht

mehr, von den Kämmen gerissen, durch die Luft. Allmählich lassen auch

die Brecher nach, einzeln nur lecken sie noch an Deck. Die Wellen, die

vorher wie gläserne Ungeheuer heranrasten, verflachen mehr und mehr,

der weiße Schaum verschwindet, und nur die Dünung noch verrät, welch

Sturm hier tobte.

In wohltuender Wärme strahlt die Sonne auf das Schiff, nimmt im Verein

mit dem Winde die Feuchtigkeit aus dem Zeug, aus den Segeln und den

Decksplanken, die bald in blendender Weiße leuchten. Schimmernde

Salzkristalle haften überall, wie Edelsteine glitzern und funkeln sie.

Ein Aufatmen geht durch die kleine Schar. Stunden erst sind vergangen,

in denen jede Sekunde das Ende zu bringen drohte. Keiner denkt mehr

daran, voraus fliegen die Gedanken dem Ziele zu.

Jetzt heißt es vor allem, die Schäden festzustellen. „Weddigen“

ist arg mitgenommen. Außer der zerbrochenen Gaffel ist das stehende

Gut teilweise gebrochen, fast ein Wunder ist es zu nennen, daß die

Masten sich nicht losgearbeitet haben und über Bord gegangen sind.

Weit bedenklicher aber noch zeigt sich nach längerer Untersuchung der

Zustand des Raumes. Vom Oberdeck und durch die Seiten ist eine Menge

Wasser durchgesickert. Mehr als fußhoch umspült es die unteren Kisten.

Es heißt schleunigst pumpen und die durchlässigen Stellen dichten. Zum

Glück ist vom Proviant so gut wie nichts verdorben, da beim Verstauen

schon mit einem leichten Leckwerden des morschen Fahrzeuges gerechnet

werden mußte.

Todmüde sind sie, noch aber ist nicht Zeit zur Ruhe. So schnell wie

möglich muß das Fahrzeug wieder seetüchtig gemacht werden. Während zwei

Mann stundenlang die Pumpe bedienen, und das Wasser unten sichtbar

abnimmt, gibt es an Oberdeck harte seemännische Arbeit. Es ist ein

Glück gewesen, daß Segel und Tauwerk so gut wie neu waren. Die Schäden

lassen sich von sachkundiger Hand in verhältnismäßig kurzer Zeit

beseitigen. Schwieriger ist schon das Dichten der lecken Nähte, aber

auch das gelingt gegen Abend, als die Dünung immer mehr nachläßt und

das Schiff ruhig liegt. Das schwerste Stück ist das Wiederinstandsetzen

der Gaffel. Auch hier wird mittels der mitgenommenen Reservehölzer

Rat geschafft. Im Laufe des nächsten Tages ist „Weddigen“ wieder

einigermaßen „hingetrimmt“. Seit fast neunzig Stunden zum erstenmal

wieder zieht der Schoner in flotter Brise seinen Weg, nur dem

fachmännischen Auge verrät die unmittelbare Nähe, was das kleine Schiff

erlebt hat.

Die Mittagshöhe wird genommen, das Besteck errechnet, auf der Karte

abgesetzt: eine freudige Überraschung. Nur verhältnismäßig wenige

Seemeilen ist „Weddigen“ nordwärts aus seinem Kurs gedrängt worden,

kaum der Rede wert ist der Zeitverlust. Jetzt erst macht sich die

tiefe Erschöpfung bemerkbar. Traumloser, tiefer Schlaf umfängt die

Wachfreien. Mühsam, unter Aufbietung der letzten Kräfte kämpft der

Mann am Ruder gegen die Müdigkeit, bis auch er, endlich abgelöst, die

wohlverdiente Ruhe findet.

Gleichmäßig und stetig treiben die Äquatorialwinde das Fahrzeug

westwärts auf die Tschagosinseln zu. Heiß brennt die Sonne auf Deck

und Segel, in tausend Reflexen spiegelt sie sich auf der glatten See.

Fliegende Fische steigen in Scharen vor dem Bug auf, gleiten hundert

Meter und mehr durch die Luft. Kaum zu fassen ist es, daß hier vor

kurzem noch der furchtbarste Orkan mit Windstärke zwölf einherraste.

Wie berechnet, kommen die Tschagosinseln in Sicht. Tausende von Meilen

liegen hinter dem Schiff, weit mehr als der halbe Weg ist zurückgelegt.

Freilich, das schwierigste Stück, das Kreuzen der Dampferstraße

Aden-Colombo und die Landung in Arabien können noch manches Unerwartete

bringen. Mit Nordwestkurs geht es von den Tschagosinseln, die nur in

weiter Ferne als dunkle Punkte auftauchen und verschwinden, weiter auf

Sokotra zu.

Der Wind schläft ein. Immer schlaffer werden die Segel, schlagen leicht

gegen die Masten, bis sie wie tot herunterhängen. Das Schiff verliert

jede Fahrt. Prall brennt die Sonne auf das bewegungslos daliegende

Fahrzeug. Die Nacht kommt, ein zweiter, ein dritter und vierter Tag.

Kein Wind, kein Luftzug: der Stillengürtel der Tschagosinseln! Die

Gesichter werden ernster, graue Sorge schleicht sich allmählich ein.

Zwar ist reichlich Proviant und Wasser mitgenommen, an die Ergänzung

des letzteren aber kann hier in der regenlosen Zeit nicht gedacht

werden. Noch liegen mehr als tausend Seemeilen vor ihnen und von Tag zu

Tag nimmt das Wasser mehr ab ....

Eine Woche vergeht.

Jeden Morgen spähen besorgte Blicke rundum auf die Oberfläche hin, ob

nicht leichtes Kräuseln das Nahen einer Brise künde. Vom wolkenlosen

Himmel strahlt die Sonne, spiegelglatt liegt die See, wie ein leises

Atmen nur geht es durch die tiefblau schimmernde Flut. In ungezählten

Mengen segeln kleine gelbe Seetierchen dahin, Quallen in den schönsten

Farben gleiten vorbei. Schwarz wölbt sich ein Rücken in einiger

Entfernung aus der See, zwei kleine Wassersäulen heben sich: ein

Walfisch.

Träge, schlaff hängen die Segel. Die Sonne geht unter, dunkel färbt

sich das Wasser. Leichtes Kräuseln schießt von Süden her über die

Oberfläche herab. Ein Luftzug. Die Segel bewegen sich, gleiten vom Mast

ab, wölben sich mehr und mehr, bis sie stehen. Die rettende Brise.

Minuten später ist „Weddigen“ in guter Fahrt.

In märchenhafter Pracht wölbt sich der tropische Himmel. Stern an Stern

erglänzt, wie ein weiß leuchtendes Feld schimmert die Milchstraße

herunter, so strahlend, daß in ihrem Scheine an Deck eine fast

unwirkliche Helle herrscht.

Dicht beisammen sitzt die Besatzung. Die überstandenen Sturmtage

und die Gefahren der Windstille bieten reichlichen Gesprächsstoff.

Manches erlebte Mißgeschick, mancher böse Zufall wirkt jetzt, in der

Erinnerung gemildert, erheiternd. Jeder weiß anders zu erzählen und

zu schildern. Der Kommandant schweigt. Das Gespräch wird karger,

ruhiger, setzt minutenlang aus .... Die Sternschnuppe ... wie aus

einem inneren Gedankengang heraus, halb unbewußt hat einer leise das

Wort gesprochen.... Die Sternschnuppe .... Deutlich hebt sich der so

unirdisch wirkende Vorgang vor ihren Augen ab .... Der einsame Stern

... die feurige Bahn ... der Wunsch ... ein leichtes Räuspern ...

Kapitänleutnant von Möller spricht. Auch er kann den Gedanken an jene

Nacht nicht los werden, in schlaflosen Stunden haben die Vorgänge in

seinem Geiste feste Form angenommen. Einfach, schmucklos spricht er ..

kein Laut. Bewegungslos hängen sie alle an seinen Lippen.

Es war einmal ein Stern am hohen Himmelszelt,

Der schaute gar so gern auf diese Erdenwelt;

Er hatte viel erfahren, er hatte viel gesehen,

Schon seit viel tausend Jahren sah er die Erd’ sich drehen;

Er sah der Menschen Ringen um Geld und um Begehr,

Er sah vor allen Dingen den Seemann auf dem Meer.

Als er nun schon gealtert sein Ende fühlte nah’n,

Da hat er, halb erkaltet, noch einen Schwur getan:

Wenn je vom Firmament ein Seemann seinen Strahl

Mit Aug’ und Instrumenten herab zur Kimm’ befahl,

Dann wollte er gerne stürzen, quer durch die Atmosphär’,

Mit seinem Leichnam würzen das schaumbedeckte Meer;

Was dann in der Sekunde des Seemanns Herz geplagt,

Sei ihm zur selben Stunde erfüllt und zugesagt.

Es war einmal ein Kahn, gar morsch, doch gut bemannt,

Den hat in Heimatswahl man „Weddigen“ benannt.

Wohl neunzig Tag und Nächte fuhr er im Ozean,

Daß er zur Heimat brachte sechs deutsche Untertan.

Dies halbe Dutzend Mannen schaut stets zum Horizont,

Wünscht sich nach langem Warten noch endlich an die Front.

Weit westlich der Molukken, weit südlich vom Bengal,

Sah’n durch die Wolken gucken sie manchen Sternenstrahl;

Doch all das Glanzgeflimmer, es ließ sie gänzlich kalt,

Es zog sie immer schlimmer zur Heimat mit Gewalt.

Ihr Sinn war stets nach Haus, zur Heimat hin gelenkt,

Wo in so schweren Strauß das Vaterland gedrängt.

Schon wollt’ der Schoner hoffen, am Ziele bald zu sein:

Der Weg schien scheinbar offen, das Schiff dem Feind zu klein.

Da kam dahergebraust so ein Mauritz-Orkan,

Der hat das Schiff zerzaust, ihm schrecklich wehgetan;

Zerschunden sind die Wanten, die Gaffel geht entzwei,

Blutend in allen Spanten, drehte das Schifflein bei.

Die einz’ge deutsche Fahne auf weitem Weltenmeer,

Sie weht auf diesem Kahne für deutsche Seefahrt sehr!

Jetzt triefend tief im Tale, rauf auf den nächsten Kamm,

So nahm die kleine Schale die See, auf der sie schwamm;

und wie die Winde tosten, wie roh sie auch gerannt,

Das Heck blieb stets nach Osten, der Bug zur Front gewandt.

So ward er abgeritten, der wütende Orkan,

Bis in des Sturmes Mitten ein Stern sich brach die Bahn.

Wie einst ein Regenbogen sich wölbte auf Tsingtau,

So strahlte ob den Wogen der Stern zum Kampf der Prau;

Und wie der Mensch in Not wohl auch zum Strohhalm eilt,

So hat das kleine Boot zum Stern hinaufgepeilt.

Da fiel der Stern herab vom hohen Firmament

Und fand sein feuchtes Grab im wilden Element.

Die sechs an Bord, sie standen erschreckt im Schnuppenschein,

Doch tief im Herzen fanden sie einen Wunsch allein:

„Wenn wir auch unterliegen, wir sechs in dem Orkan,

Das deutsche Volk soll siegen, wie wenn wir mitgetan!“

Da war der Stern erstaunt, daß solcher Wunsch es sei,

Hat schnell noch zugeraunt dem Meer: „Ach, gib sie frei!“

Nach vierundzwanzig Stunden war der Orkan schon tot,

Es hat hindurchgefunden das kleine off’ne Boot.

Es fand hindurch zur Küste, eintausend Meilen fort,

Hindurch dann durch die Wüste, hindurch zum Heimatsort.

Die Mannen gingen fechten gar froh im Freiheitskrieg

Und halfen Zweige flechten zum großen deutschen Sieg.

Kapitänleutnant v. Möllers letzte Fahrt · 第 5 / 7 段