der runden Tische bei einem Glase „Fatbeer“ die beiden deutschen
Schiffsoffiziere Deike und Schwarting einander gegenüber. Die
Unterhaltung wird so leise geführt, daß kein Wort nach der Ecke
dringt, in der einige Holländer ziemlich geräuschvoll Zucker-
und Kaffeepreise erörtern. Trotzdem scheint der Gegenstand ihrer
Unterredung so interessant, daß sie darüber ihr Bier vergessen, das
in den Gläsern schal wird. Eine baumlange Gestalt erscheint in der
Tür. Kapitänleutnant von Möller. Mit wenigen Schritten ist er am Tisch
der beiden angelangt und nimmt neben ihnen Platz. Eine halbe Stunde
etwa verstreicht in gleichgültigen Gesprächen, als die Holländer sich
geräuschvoll erheben und den drei Deutschen das Lokal überlassen.
Der bezopfte chinesische Boy kommt heran, räumt die Tische ab und
verschwindet wieder. Sie sind allein.
„Haben Sie sich überlegt, worüber wir gestern sprachen?“ beginnt von
Möller. „Haben Sie einen Plan, der Aussicht auf Verwirklichung hat?“
„Jawohl, Herr Kapitänleutnant,“ erwidert der Vizesteuermann d. R.
Deike. „Pläne haben wir genug geschmiedet. Alles kommt aber darauf
hinaus, daß wir als Besatzung von fremden Schiffen oder als blinde
Passagiere von hier nicht wegkommen können, uns kann nur ein eigener
Untersatz nützen.“
„Eigener Untersatz? Wie wäre es,“ meint der Kapitänleutnant, „wenn
wir es mit der „Machew“ versuchten? Besatzung würden wir hier doch
mit leichter Mühe zusammenbekommen. Der einzige Weg, wohin wir kommen
könnten, ist Arabien. „Choi-sing“ hat ihn uns ja gezeigt, und da haben
wir wenigstens einigermaßen Gewißheit, die Heimat zu erreichen. Wenn
wir den ganzen Dampfer voll Kohlen und Vorräte packen, muß es doch
eine Kleinigkeit sein, bis zur arabischen Küste oder ins Rote Meer in
einer Tour durchzufahren. Andere Wege kommen für uns überhaupt nicht in
Betracht, da sie viel zu weit sind. Kein Neutraler gibt uns Kohlen, und
mit Gewalt nehmen, ist ausgeschlossen.“
„Tja, Herr Kapitänleutnant,“ meldete sich nun der Oldenburger
Schwarting, Bootsmannsmaat d. R., zum Worte. „Leute kriegen wir ja woll
genuch! Viel mehr, als wir nötig haben, und wir könnten mit ihnen auch
den Deuwel aus der Hölle holen, aber wir kommen mit dem Dampfer nie aus
dem Hafen raus!“
Einen Augenblick der Überlegung, dann stimmt ihm von Möller zu.
„Vorräte wären schon genug da, wenn wir alles zusammenpackten. Dazu
müßten aber die Schiffe beieinander längsseit gehen, die ganzen
Vorbereitungen wären viel zu umständlich, und glauben Sie mir, die
Engländer hätten Wind davon, sowie nur eines der Fahrzeuge Dampf
aufmacht. Bei ihrer wohlwollenden Neutralität würden die Mynheers es
wahrscheinlich überhaupt nicht zulassen, außerdem wimmelt es hier von
englischen und japanischen Spionen. Binnen vierundzwanzig Stunden
hätten wir einen Kreuzer auf dem Halse. Ist denn kein einigermaßen
anständiges Segelschiff im Hafen? Das wäre bedeutend einfacher, da
brauchten wir nur Proviant und Wasser.“
„Und vor allem auch nicht so viel Leute“, fällt Deike ein.
„Es liegen wohl schon ein paar Segler da, Herr Kapitänleutnant,“
erklärt Schwarting nach einigem Nachdenken, „das sind aber alles so
olle verrottete Kähne, daß sie bei einem Kuhsturm glatt in die Binsen
gehen.“
Kapitänleutnant von Möller hat sich inzwischen schon entschieden.
„Wenn wir uns so ein Schiff verschaffen können, dann wollen wir es
auf jeden Fall versuchen. Hauptsache ist ja, daß die Segel halten.
Freilich, wie bekommen wir es? Das beste wird wohl sein, ich wende mich
sofort an unsere Deutschen hier, die werden schon Rat wissen.“ --
Auf der Reede von Surabaja liegt ein kleiner Zweimastschoner von kaum
vierzig Tonnen. Die weiße Außenbordsfarbe muß an einigen Stellen schon
über die nicht mehr ganz einwandsfreie Schiffshaut hinwegtäuschen.
Die „Ayesha“ der „Emden“-Leute ist ihm gegenüber das, was ein
Großkampfschiff einem Kleinen Kreuzer bedeutet. Die Räume an Bord
bieten so viel Platz, wie etwa ein Finkenwärder Fischer-Ewer. Leise
gurgelt die Strömung zwischen Java und Maduro an ihm längs. Die Segel
sind unter Deck verstaut, kein Mensch ist an Bord zu sehen.
Aus der Mündung des Kallimas kommt eine kleine Dampfpinasse zum
Vorschein und hält auf den Schoner zu. Längsseit macht sie fest, drei
Europäer erheben sich aus den am Vordeck stehenden Korbstühlen und
steigen an Deck. Aufmerksam wird das Oberdeck gemustert, Stagen und
Taue und ihre Befestigungen geprüft, die Rudereinrichtung ausprobiert.
Dann geht’s in den Raum hinunter, von wo ein Segel hinaufgemannt und an
Deck ausgebreitet wird.
„Na, viel Staat ist mit dem Ding nicht mehr zu machen, das fliegt
sicher bei der ersten Bö aus den Lieken“, meint kopfschüttelnd
Kapitänleutnant von Möller.
„Mit dem Tauwerk ist auch nicht mehr viel los, Herr Kapitänleutnant.
Die Segel müssen auf jeden Fall erneuert werden,“ gibt Schwarting
sein sachkundiges Urteil zum besten. „Aber da wird auf den Dampfern
schon Rat sein. Es sind genug neue Sonnensegel vorhanden, mehr, als
wir brauchen. Wenn die Stagen und Wanten ordentlich überholt und
nachgesetzt werden, kriegen wir den Pott schon hin.“
Jetzt mischt sich auch Deike in das Gespräch. „Herr Kapitänleutnant,
ein Boot von der „Offenbach“ kommt herüber.“
„Nanu, was will denn der hier?“
„Das ist sicher der Mau“, erteilt Schwarting bereitwilligst Auskunft.
„Der ist Offizier auf der „Offenbach“ und möchte auch mit.“ Fünf
Minuten später ist das Boot längsseit, und zwei kräftige deutsche
Gestalten klettern an Deck. Mau und sein Freund Gründler, auch ein
Schiffsoffizier auf einem der deutschen Dampfer, Matrose des Landsturms.
„Na, allmählich bringe ich ja meine ganze Besatzung zusammen“, meint
schmunzelnd Kapitänleutnant von Möller. „Hoffentlich kommt es nun nicht
zu weit herum, daß wir wegwollen.“ Wie einstimmig erfolgt von allen die
Versicherung, daß keiner von ihnen daran denke, ein überflüssiges Wort
zu sprechen.
Großer Kriegsrat an Deck. Die Instandsetzung des Schiffes, dessen
kostenlose Überlassung von den guten Freunden in Surabaja veranlaßt
ist, besonders aber die Ausrüstung mit Proviant, Wasser, Karten,
nautischen Instrumenten und sonstigem Bedarf für die weite Reise --
über fünftausend Seemeilen ist die Strecke lang -- werden erörtert.
Die Dampferstraßen müssen vermieden werden. Durch die Malakkastraße
darf die Fahrt also nicht gehen; auch muß mit den dort herrschenden
Flauten und Windstillen gerechnet werden. Es heißt also, möglichst
bald in den Indischen Ozean hinein und vielleicht unter Ansteuerung
von Diego Garcia nach der arabischen Küste zuzuhalten. Unauffällig
wird der Schoner wieder verlassen, damit nicht die Aufmerksamkeit der
Hafenbehörden und des holländischen Kanonenbootes, das in der Nähe
liegt, erregt werden.
Die Überlegungen, die an Bord begonnen waren, wurden die nächsten
Tage an Land weiter fortgesetzt. Alles muß genau berechnet werden, in
tagelangen Beratungen wird auch die kleinste Einzelheit festgelegt.
Bei einigermaßen günstigen Wind- und Wetterverhältnissen kann die
Strecke in zwei bis zweieinhalb Monaten zurückgelegt werden. Allerdings
muß bei dem kleinen Segelfahrzeug ebenso leicht mit sechs bis acht
Monaten Fahrtdauer gerechnet werden. Segelhandbücher und Karten werden
studiert, keiner von den Beteiligten, zu denen inzwischen noch der
Leutnant a. D. von Arnim getreten ist, ist je in diesen Gegenden
auf einem Segler gefahren. Sie alle kennen nur die Dampferstraße
Aden-Colombo-Singapore, die eben vermieden werden muß und nur
unmittelbar vor Ansteuern der arabischen Küste vorsichtig gekreuzt
werden darf. Es wird genau festgestellt, was von den einzelnen Dampfern
und was von Land an Bord geschafft werden soll. Lange Vorbereitungen
sind nötig, besonders der großen Heimlichkeit wegen, mit der alles zu
geschehen hat, müssen die Dampfer doch jederzeit darauf gefaßt sein,
daß die holländischen Behörden zu ihnen an Bord kommen. Sei es, daß
sie Wind von der beabsichtigten Flucht bekommen oder der Gegner wieder
einmal, wie so oft schon, das Gerücht in die Welt setzt, daß die
deutschen Schiffe auslaufen wollten. Neue Segel werden angefertigt,
unauffällig Stagen und Tauwerk neu versehen. Von Tag zu Tag schreitet
so das Seeklarwerden des Schoners fort. Ebenso eifrig sind zahlreiche
Hände für die Ausrüstung des Schiffes an der Arbeit. Kisten werden
gepackt und gezeichnet, alles muß so eingerichtet werden, daß der
Proviant ohne große Mühe und längeres Umstauen unschwer erreichbar ist.
In den Nächten kommen, sobald das Leben im Hafen verstummt, Boote von
Land und von den Schiffen mit Kisten und Säcken beladen längsseit. Ein
Stück nach dem anderen wandert durch das Luk in den Raum. Hartbrot,
Büchsenfleisch, Reis, Mehl, Gemüse, dann wieder Tauwerk, Reservesegel,
Holz für etwaige notwendige Reparaturen, Werg zum Dichten und ähnliches.
Allmählich füllt sich so das Innere. Als letztes kommt Frischwasser in
Fässern, Kombüsengeschirr, Seekarten, nautische Instrumente und die
Einrichtung für den Unterkunftsraum, die von fürsorglichen Landsleuten
gestiftet ist. Wissen die Eingeweihten doch ganz genau, welch
ungeheures Wagnis die fünf unternehmen wollen, wie oft ihr Leben nur an
einem dünnen Faden hängen wird, umdroht von Sturm und Wetter, umlauert
von Feinden, auf einer Nußschale im Ozean. Was in ihren Kräften steht,
tun sie gern und freudig.
So wird das Schiff seeklar. Die Besatzung besteht aus Kapitänleutnant
von Möller als Kommandant, dem Leutnant a. D. von Arnim aus Coblenz,
dem Vizesteuermann d. R. Deike aus Bremervörde, Bootsmannsmaat
d. R. Schwarting aus Elsfleth und den Matrosen des Landsturms
Gründler aus Berlin und Mau aus Steinberg-Holz. Alles Leute besserer
Lebensgewohnheiten, in Stellungen, die keinerlei Arbeiten von ihnen
forderten, wie sie ihnen in den nächsten Monaten bevorstehen. Das
große Ziel, das Vaterland zu erreichen und am Kriege noch teilnehmen
zu dürfen, findet sie zu jeder, auch der geringsten Arbeit bereit.
So ist eine Rollenverteilung nicht nötig. Jeder will Hand anlegen,
wie es die Stunde bringt. Eine glänzende Lösung findet zum Schluß
noch die Kombüsenfrage. Der türkische Untertan Said Achmad, den die
gleiche Begeisterung nach Hause treibt wie die Deutschen, erklärt sich
mit Freuden bereit, das Reich der Kombüse zu übernehmen. So ist die
Besatzung also vollzählig und reicht zur Bedienung des Schiffes, das
dann feierlich auf den Namen „Weddigen“ getauft wird, aus. Der Name
soll ein Vorbild sein, ein Leitstern für das kühne Unternehmen, das
deutsche Männer hier planen.
Dunkle Nacht liegt über der Reede. Ein schweres Gewitter zieht vom
Westen herauf. Unaufhörlich zucken die Blitze nach allen Richtungen,
krachend rollt der Donner. Prasselnd strömt der Tropenregen herunter
und verhindert auch auf kurze Entfernung die Sicht.
Leise, unhörbar wird der Anker eingeholt. Tauwerk gleitet durch
gutgeschmierte Blöcke, weiße Leinwand schwebt von Deck hoch, wird vom
Winde gefaßt, strafft sich.
Unmerklich taucht unter dem Druck der Bug ein, langsam zunächst, dann
schneller gleitet „Weddigen“ mit Ostkurs auf die Ausfahrt zu, vorbei an
den Dampfern und den holländischen Wachtschiffen, am Leuchtfeuer von
Maduro in die See hinaus.
Wieder interniert
Helle Strahlen schießen im Osten aus der See zum Zenith empor. Stärker
werden sie, leuchtender, bis plötzlich, wie mit einem Schlage der obere
Rand der Sonne aus dem Wasser auftaucht. Wie flüssiges Gold zieht sich
eine Bahn über die Oberfläche zur „Weddigen“, die in die flammende Lohe
hineinzuhalten scheint. Der neue Tag ist da.
Gegen Mitternacht hatte der Regen nachgelassen, die Wolken hatten sich
mehr und mehr verzogen, bis schließlich die ganze Pracht des tropischen
Sternenhimmels sich über der dunklen See wölbte. Kein Auge hatte sich
seit Verlassen der Reede von Surabaja geschlossen. Jeden Augenblick
konnte ein holländisches Schiff auftauchen und sie in der letzten
Minute noch zurückholen. Mit Anbruch des Tages wächst die Gefahr,
falls ihr Entweichen bereits bemerkt wurde. Hatte die Nacht mit ihrem
Dunkel dem kleinen Fahrzeug noch einigermaßen Schutz gewährt, so muß
die Helligkeit den Verfolger nur zu leicht auf die Spur bringen, da die
neuen weißen Segel weithin leuchten. Nichts aber ist zu sehen. In der
Ferne nur taucht in der Madurostraße ein Dampfer mit Kurs auf Surabaja
auf. Es ist kaum anzunehmen, daß die Flucht bereits bemerkt ist; wird
doch niemand es für möglich halten, daß von Möller es wagt, auf einem
so kleinen Fahrzeug eine große Seereise zu unternehmen. Und lang muß
die Fahrt sein, soll die Flucht überhaupt einen Zweck haben. Ringsherum
liegt holländisches Gebiet, weiterhin kommt englischer Besitz. Im
ärgsten Falle könnte den Holländern nur der Gedanke kommen, daß die
Deutschen versuchen werden, durch die Makkassarstraße die Philippinen
zu erreichen. Dort mögen sie nur nach Herzenslust suchen. Gefährlicher
wäre die Fahrt geworden, wenn das Schiff nicht ordnungsmäßig in ihren
Besitz übergegangen wäre. Da hätte der Eigentümer wohl sofort die
holländischen Behörden in Bewegung gesetzt; das aber ist, dank der
Fürsorge der Deutschen in Surabaja, nicht zu befürchten.
Der Dienst ist leicht geregelt. Ein einziger Mann am Ruder genügt
bei normalem Wind und Wetter zur Führung des Schiffes. Die Besatzung
wird in zwei Wachen eingeteilt, um die nötigen Segelmanöver bei
Kursänderung auszuführen. Alles ordnet sich gern und willig den
Anordnungen des Kommandanten unter, der ganze Betrieb wird dadurch noch
erleichtert, daß von den sieben Mann der Besatzung fünf alte befahrene
Seeleute sind, deren große Sachkenntnis die Sicherheit des Schiffes
gewährleistet.
An Backbord kommen im Laufe des Vormittags Maduro und die vorgelagerten
Inselchen allmählich aus Sicht, während an Steuerbordseite auch weiter
noch die hohen Berge Javas vorübergleiten. Weit über sie hinweg ragt
der Gipfel des Bromo, von dessen Spitze leise Rauchwolken in die klare
Luft wirbeln. Nach wenigen Stunden endlich tritt auch an Steuerbord das
Land zurück, und weit entfernt im Süden steigt in dunklen Umrissen die
Insel Bali aus der See.
Das erste Mittagessen an Bord. An Oberdeck wird „serviert“. Schon
längere Zeit vorher haben die aus der Küche strömenden Wohlgerüche
verraten, daß dieser Zweig des Unternehmens in guten Händen liegt. Die
Speisen sind noch ganz landmäßig, der mitgegebene Frischproviant muß
vor allem vertilgt werden. Er hält sich auch einigermaßen in der von
fürsorglicher Hand mitgegebenen Eiskiste. Es gibt Suppe, Braten und
Obst. Zwanglos sitzt alles beieinander, wie es auf einer Segeljacht,
die zum Vergnügen in der Ostsee kreuzt, nicht idyllischer sein könnte.
Im Vollgefühl der wiedergewonnenen Freiheit werden die Erlebnisse der
letzten Tage durchgesprochen. So mancher Kamerad hätte Jahre seines
Lebens gegeben, wenn er mitgedurft hätte. Mit leichter Mühe wäre das
Schiff voll Leute gepackt worden, der Kreis der Eingeweihten durfte
aber nicht allzuweit gezogen werden, sollte das Unternehmen nicht
scheitern.
Selbstverständlich gilt die Autorität des Kommandanten als unantastbar.
Kriegsartikel werden nicht verlesen, die Besatzung braucht auch nicht
achteraus gepfiffen zu werden, um dort zu hören, daß das Schiff
„alleinfahrend“ sei und damit die Strafgesetze besonders scharf
gehandhabt würden. Das ganze Leben spielt sich auf so engem Raume ab,
einer ist so sehr auf den anderen angewiesen, daß der Verkehr von
selbst viel leichter und zwangloser ist, als es sonst das militärische
Unterordnungsverhältnis zulassen würde. Sie alle treibt nur das eine
Verlangen, nach Hause zu kommen und an der Verteidigung des Vaterlandes
teilhaben zu dürfen.
Nach dem Mittagessen wird nach durchwachter Nacht ein ausgiebiger
Schlaf gehalten. Die Wache hat Gründler, alle anderen lagern sich
an Deck, und bald verraten ihre tiefen Atemzüge, wie groß die
Anstrengungen des letzten Tages waren und wie tief die Erschöpfung ist.
So vergeht der Tag, die Nacht kommt herauf, und wieder rötet sich im
Osten der Himmel zum neuen Tage. Leicht nach Steuerbord überlegend,
pflügt „Weddigen“ durch die tiefblaue See. Alle Segel stehen und sind
prall gefüllt, so daß das Schiff mit einer Fahrt von fünf Seemeilen
läuft. Am späten Nachmittag wird dicht unter Land gehalten. Durch
die Lombokstraße soll es zwischen den Inseln Bali und Lombok in den
Indischen Ozean gehen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit türmen sich tiefschwarze Wolken
von allen Seiten auf, fahler Schein erhellt für Sekunden die Nacht,
leiser Donner rollt dumpf in der Ferne. Das Feuer von Ambut kommt an
Steuerbord in Sicht. Der Kurs geht auf Südost, dann auf Süd in die
Lombokstraße. Der Wind schläft mehr und mehr ein, bis er schließlich
durch die Berge der Insel Bali gänzlich abgefangen wird. Fast ohne
Fahrt treibt „Weddigen“ auf der spiegelglatten See. Tagelang kann es
dauern, bis die Straße durchfahren ist. Selbst unter Lombok herrscht
völlige Windstille. Im Scheine des wieder wolkenlosen Himmels, auf
dem in tropischer Helligkeit die Sterne funkeln, heben sich die Höhen
ab. Dunkler Wald dehnt sich überall, nirgends ein Lichtschein, das
geringste Zeichen, daß Lebewesen dort hausen. Das Schiff rührt sich
kaum von der Stelle, die Nacht vergeht, und wieder bricht ein Tag an.
Drüben ziehen sich Palmen und Mangroven, unberührter Urwald drängt bis
ins Wasser herunter. Nirgends ist eine Siedelung zu sehen.
Hinter einer kleinen vorgelagerten Insel springt das Land in See vor,
eine Bucht öffnet sich. Dichtes Mangrovengebüsch, deren braune Stämme
jetzt bei der Ebbe aus dem Watt hinausragen, zieht sich binnenlands in
die Ebene. Vorgelagerte Schlammbänke, auf denen Reiher und Stelzvögel
den Grund nach Beute absuchen, deuten darauf hin, daß hier ein Fluß
mündet. Eine leichte, von Land her setzende Strömung bestätigt nach
einer Stunde die Mutmaßung. Hier gibt’s Süßwasser. Zwar ist allerlei
Vorrat an Bord, jede Gelegenheit zur Ergänzung aber muß wahrgenommen
werden. Versäumt wird wegen der herrschenden Flaute sowieso nur sehr
wenig. Unter vorsichtigem Peilen der Wassertiefe steuert „Weddigen“
in den Flußlauf hinein. Vorläufig ist das Wasser noch brackig, die
Rinne ist aber so tief, daß das Schiff noch einige hundert Meter
flußaufwärts fahren kann. Zu beiden Seiten ragt der tropische Wald.
Eine leichte Biegung, „Weddigen“ rundet den Vorsprung, das Bett
verbreitert sich zu einem kleinen See. Gerade voraus, unter dem Schutze
einer Palmenpflanzung liegt eine Niederlassung. Niedere, langgestreckte
Gebäude, etwas höher im Hintergrunde ein Bungalo. An einem Landungssteg
ist ein kleiner Dampfer festgemacht, von dessen Heck die holländischen
Farben blau weiß rot leuchten. Ein unbemerktes Wenden ist nicht mehr
möglich. Schon seit längerem muß „Weddigen“ bemerkt worden sein. Ein
Ruderboot stößt von drüben ab und kommt längsseit. Ein holländischer
Beamter klettert an Deck, und nun erfüllt sich nur zu schnell das
Verhängnis. Die Besatzung von sechs Weißen, von denen kein einziger
einwandfreies Holländisch spricht, das Schiff ohne Ausklarungspapiere
sind Umstände, die dem Residenten genügend Anlaß bieten, „Weddigen“
festzuhalten. Der Fall scheint ihm äußerst verdächtig, denn die schnell
erfundene Erzählung von einer Vergnügungsfahrt glaubt er nicht. Dazu
sind viel zu viel Vorräte an Bord, auch ist das Fehlen jeglicher
eingeborenen Mannschaft in diesen Gegenden sehr merkwürdig.
So muß „Weddigen“ also in der Nähe des Dampfers ankern. Dem
Kommandanten wird eröffnet, daß er hierzubleiben und weitere Befehle
abzuwarten hat. Die Stimmung an Bord ist nicht gerade rosig. Dazu also
die vielen Vorbereitungen und Aufregungen der Flucht, um jetzt, so
dicht vor dem freien Ozean so kläglich zu scheitern?
Die Holländer sind zwar äußerst liebenswürdig und zuvorkommend,
sobald aber von Möller bittet, auslaufen zu dürfen, stößt er auf
starrköpfiges „Nein“, auf ständiges Mißtrauen. Der Resident will an die
Regierung in Batavia berichten, da er an ein Auslaufen der „Weddigen“
aus Surabaja mit Erlaubnis der dortigen Hafenbehörden nicht glauben
kann. Bis dahin hält er das Schiff fest. Ende der nächsten Woche wird
der fahrplanmäßige Küstendampfer erwartet, der nach Abklappern der
verschiedenen kleinen Küstenplätze in Pasuruan anlegt. Bis dann Antwort
von Batavia zurück ist, vergeht mindestens ein Monat.
In qualvoller Langeweile verfließt die Zeit. Ein gewaltsames Auslaufen
zu erzwingen, ist nicht ratsam, da an Land holländisches Militär ist
und unter Umständen alles aufs Spiel gesetzt wird. Es heißt also
abwarten und auf eine günstige Gelegenheit zur Flucht hoffen. Nach
einigen Tagen erscheint der Küstendampfer und nimmt den gewichtigen
Brief mit. Wie die Antwort lauten wird, darüber sind sich die Leute des
„Weddigen“ auch nicht eine Sekunde im Zweifel: Alles ist verloren. Es
heißt also, unbedingt vorher ausrücken und bis dahin tun, als ob man
das reinste Gewissen von der Welt hätte. Eine Woche nach der anderen
verstreicht, ohne daß sich die kleinste Gelegenheit bietet. Sorgfältig
werden die Lebensgewohnheiten der Holländer an Land und auf dem
Dampfer beobachtet, ebenso das Fahrwasser und die Strömung studiert.
Bei Tag ist ein Entkommen natürlich ausgeschlossen, der Posten an Land
würde die Flucht sofort bemerken. Es könnte im günstigsten Falle nur
Stunden dauern, bis sie vom Dampfer eingeholt wären. Während der Nacht
aber muß „Weddigen“ auf Befehl des Residenten das vorgeschriebene
Licht setzen, damit die Anwesenheit des Schiffes von Land aus jeden
Augenblick festgestellt werden kann. Gerade hierauf aber gründet sich
der Fluchtplan. Unauffällig sind von den Landgängen Bambusstangen an
Bord gebracht worden, um angeblich als Angelstöcke verwendet zu werden.
Die Zeit vergeht, Tage nur noch kann es dauern, bis die Antwort aus
Batavia eintrifft.
Der Neumond ist da. Tiefdunkel liegt die Nacht über dem Walde und der
Ansiedlung. Eine Weile noch strahlt heller Lichtschein aus den Fenstern
der Wohnung des Residenten, dann erlischt auch er, und nur die Laterne
vom Mast des „Weddigen“ leuchtet in die Nacht. Kein Laut, schweigend
liegt der Wald. Nur ein leichtes Knacken ab und zu verrät, daß der
Posten an Land seine Runde macht.
Die Bambusstangen werden hervorgeholt, aneinandergebunden und in den
Grund des Flußbettes gestoßen. Vorsichtig wird die Spitze dann zur
brennenden Laterne herübergezogen ... wenige Minuten später baumelt das
Licht auf gleicher Höhe an der Bambusstange, die nun wieder gerade über
das Wasser hinausragt. Mit unendlicher Vorsicht, völlig geräuschlos
... wird der Anker eingeholt ... langsam erfaßt die Strömung das Schiff
... es gleitet ... groß und größer wird der Zwischenraum, mehr und mehr
bleibt die Laterne zurück ... Die Huck ... das Licht ist verschwunden
... an Land rührt sich nichts ... Die Ufer treten zurück, stärkerer
Wellenschlag faßt „Weddigen“.
Die Segel werden gesetzt, eine kräftige Nordbrise füllt sie. Rauschend
teilt der Bug das Wasser, schneller und schneller wird die Fahrt.
Längst ist vom Land nichts mehr zu sehen. Von achterlichem Winde
getrieben, läuft „Weddigen“ am Morgen des 11. Dezember durch den
Südausgang der Lombokstraße in den Indischen Ozean. Frei!
Im Mauritius-Orkan