Wollt die Moral erfragen von diesem Scherzgedicht?

Denkt nur in allen Lagen ganz einfach eurer Pflicht;

Denn wer die stets getan, ganz einsam, still und fern,

Dem hilft auf seiner Bahn gar mancher guter Stern.

Und wenn die Sterne fallen, wie’s abends oft geschieht,

So denkt, daß Gott euch allen tief in die Herzen sieht.

In die Wüste

„Land voraus!“

Dunkel hebt sich in der Ferne ein langgestreckter Streifen aus der See.

Höhenzüge wachsen aus ihm hervor, die dunkle Farbe wird heller und

geht allmählich in Gelb über. Der Wüstensand Arabiens. Zweiundachtzig

Tage Seefahrt liegen hinter den „Weddigen“-Leuten, an sechstausend

Seemeilen sind zurückgelegt. Alle Fährlichkeiten hat das morsche

Fahrzeug glücklich überstanden: Heiße Tropensonne, die das Pech in den

Decksnähten schmelzen ließ, den Mauritius-Orkan, die Windstillen. Wie

ein Traum ist es ihnen, daß da, in fast greifbarer Nähe das Land liegt,

nach dem sie strebten.

Näher kommt die Küste, deutlicher treten die Einzelheiten hervor.

Langgezogene Dünen, hie und da niedriges Buschwerk. Einsam, verlassen

scheint die Gegend. Unter Land brandet die See. Hier ist ein Anlegen

zu gefährlich. Parallel zur Küste läuft „Weddigen“ eine Stunde lang

westwärts. Überall glänzt drüben der gelbe Sand, über dem die heiße

Sonne brütet. Zwischen zwei riesigen Dünen springt die Küste zurück.

Gerade als das Schiff vor der Einbuchtung steht, hebt sich vom hellen

Hintergrunde eine Gestalt ab. Ein Beduine. Ruhig, unbeweglich hält er

auf seinem Hedschin (Reitkamel), nicht einen Augenblick läßt er das

Fahrzeug, auf dem in diesem Moment die rote Flagge mit dem Halbmond

hochgeht, aus dem Auge. Kapitänleutnant von Möller hält auf Land zu.

Vorsichtig nähert sich der Schoner der Küste an einer Stelle, wo das

Fehlen der Brandung günstige Gelegenheit zum Auflaufen bietet. Leise

knirscht der Sand unter dem Kiel, einige kleine Rucke, das Schiff

steht. Kaum hat der Kamelreiter bemerkt, daß die Fremden, deren Flagge

er sofort erkannt hat, ans Land laufen, als er sein Tier in Bewegung

setzt. In jagender Fahrt kommt er heran.

„~Ta’al labaun!~“ Schallt die Stimme des Said Achmad ihm entgegen.

„Komm her!“ Ein Stutzen drüben über den wohlverstandenen Zuruf, dann

wirft er die Hand hoch und kommt näher an den Strand heran. Bis auf

fünfzig Meter; dann hält er. Mißtrauische Blicke schweifen aus dunklen

Augen herüber, schußbereit liegt das Gewehr in der Hand. Said Achmad

ist inzwischen an Land gewatet und auf den Beduinen zugegangen. Eine

Viertelstunde dauert die Unterhaltung, dann kehrt er zurück, während

der Reiter sein Tier wendet und zwischen den Dünen verschwindet.

Die Nachrichten, die Said bringt, sind überaus erfreulich. Die

Stämme längs der Küste sind bis kurz vor Aden türkisch gesinnt. Gern

wollen sie die Deutschen nach Lahadsch, wo sich General Said-Pascha,

der Kommandeur der gegen Aden angesetzten türkischen Streitkräfte,

befindet, bringen. Eine Stunde vergeht, dann tauchen zwischen den

Dünen zahlreiche Reiter auf. Allen voran ein alter Beduine, der durch

sein Äußeres schon den höheren Rang verrät. Weiße Gewänder, hohe rote

Saffianstiefel: der Scheich. Bis dicht vor „Weddigen“ kommt er heran.

Einige rauhe Kehllaute, das Kamel sinkt auf die Knie. Elastisch springt

der Alte aus dem Sattel und nähert sich Said, der ihm entgegenkommt.

Abermals eine kurze Verhandlung, dann winkt der Scheich seine Begleiter

heran. Zwölf Männer sind es. Alles schlanke, sehnige Gestalten, die

braunen Gesichter mit den scharfen Zügen vom weißen Burnus malerisch

umrahmt. Auch die Deutschen verlassen jetzt das Schiff und v. Möller

tritt auf den Scheich zu; der streckt ihm die Hand entgegen, heißt ihn

Willkommen und erklärt sich gern bereit, ihn unter seinen Schutz zu

nehmen und für sicheres Weitergeleiten nach Lahadsch zu sorgen. Ein

Befehl an seine Leute, und sieben Hedschins werden herbeigeführt. Zum

Transport des Gepäcks sind vier Lastkamele vorgesehen.

Jetzt heißt es Abschied nehmen von dem kleinen Schiff, das sie wacker

bis hierher geführt hat. Schwer nur trennen sich die Blicke von dem

Fahrzeug, das ihnen durch drei Monate eine Heimat war. Vor ihnen aber

liegt das große Ziel. In einer Stunde ist alles, was mitgenommen werden

soll, an Land und auf die Tiere geladen, der Rest der Bestände und das

Schiff selbst wird dem Scheich als Geschenk überlassen.

Schwierig fällt zuerst die Einschiffung an Bord der Kamele. Es geht

nicht ganz ohne erheiternde Zwischenfälle ab. Schließlich aber setzt

sich die Karawane doch westwärts in Marsch in die Wüste. Ein letzter

Blick noch von der Höhe einer Düne gilt „Weddigen“, dessen weißer Rumpf

und dunkle Masten sich deutlich abheben, dann verschwindet er.

Die Sonne geht unter, plötzlich, ohne Übergang. Weiß schimmern die

Dünen im Lichte des Mondes, wie verschneite Landschaften. Bald auf

Hügel klettern die Tiere, sausen talwärts, dann wieder führt der

Weg durch das Geröll eines Wadi. Grünes Gestrüpp hebt sich ab,

spärliche Grasnarben, um wieder nacktem, gelbem Sande Platz zu machen.

Stundenlang. Der Scheich, der an der Spitze trabt, wirft den Arm in die

Höhe. Rast. Den deutschen Seeleuten, die des Kamelreitens so gänzlich

ungewohnt sind, bildet die Unterbrechung, wenn sie auch nur kurz währt,

eine wahre Erlösung. Kaum haben sie die müden Glieder ausgestreckt,

heißt es schon wieder in kühnem Schwunge auf die Kamele hinauf und

weiter, in den heranbrechenden Morgen. Furchtbar eintönig und dennoch

großartig in dieser grenzenlosen Einsamkeit wirkt die Landschaft.

Dünen, Sand, selten, äußerst selten nur um eine Wasserstelle Gesträuch

oder kleine arabische Niederlassungen. Armselige Hütten und Zelte,

vor denen Ziegen, Kamele und Hunde sich herumtreiben. In der ärgsten

Mittagshitze wird gerastet. Die Wüste dörrt aus. Viel Fett haben die

zweiundachtzig Tage Seefahrt den „Weddigen“-Leuten nicht gelassen, was

übrig blieb, zehrt nun die heiße arabische Sonne.

Lahadsch. Weit vor Kapitänleutnant von Möller und seiner Schar ist die

Kunde vom Nahen der Deutschen vor ihnen hergeeilt. Türkische Offiziere

kommen ihnen entgegen und geleiten sie zum Pascha, der sie auf das

herzlichste willkommen heißt und sie zu ihrer Fahrt beglückwünscht. Die

türkischen Kameraden können von den Erlebnissen der sechs Deutschen

nicht genug hören. Wieder und immer wieder müssen sie erzählen. Was

sie ihnen an den Augen ablesen können, tun sie, noch lange bevor der

Wunsch ausgesprochen ist. Wie ein Lauffeuer geht die Kunde durch die

ganze Gegend, auf den Straßen werden die Alemans angehalten, begrüßt,

bewundert.

Am nächsten Tage führt Said-Pascha sie mit hinaus an die Front. In

harten Kämpfen haben die Türken ihre Linien näher und näher an Aden

herangeschoben, den Engländern in blutigem Ringen den Küstenstreifen

Hadramaut entrissen. Einen Augenblick tritt die Versuchung heran,

hierzubleiben und an der Seite des Bundesgenossen zu kämpfen. Eine

Granate aus englischem Geschütz heult heran, bohrt sich in den Sand,

der sich in hoher Wolke erhebt und explodiert mit berstendem Krach.

Der erste feindliche Gruß. Hier wird gekämpft wie im fernen Europa, im

Osten und Westen, gegen den gleichen Feind. Und weiter hinaus noch,

durch die grüne Nordsee pflügen die stählernen Kiele das Meer. Dort ist

ihr Platz, ihr endgültiges Ziel. Nur nicht zu spät kommen zur großen

Entscheidungsschlacht.

Ungern nur läßt Said-Pascha sie ziehen, nur zu gut versteht er aber,

welche Gefühle es sind, die die deutschen Seeleute vorwärtstreiben,

der Heimat zu. Alles, was in seinen Kräften steht, ihnen den Weg zu

erleichtern, geschieht, und sein Offizierkorps wetteifert mit ihm.

Nach wenigen Tagen ist alles bereit, Maultiere, Proviant, Führer

und Begleitmannschaften. Am 18. März setzt sich nach feierlicher

Verabschiedung der Zug in Bewegung. Das Ziel ist Sana, die Hauptstadt

des Jemen. Über das fast zweitausend Meter hohe Engrisgebirge windet

sich der Pfad. Kahl und öde ist das Gestein, verwittert und ausgedörrt.

Ein Flimmern und Flirren geht unter dem glühenden Sonnenbrande von ihm

aus, daß sich die Augen geblendet schließen. Selten nur zeigen sich

in geschützten Tälern spärlicher Pflanzenwuchs und armselige Hütten.

Wenige Städte nur werden berührt. Dala, Kataba, Djerim, Dhamar. Auch

hier hat sich die Nachricht von der Ankunft der Deutschen verbreitet.

Schneller als der Telegraph haben die arabischen Reiter die Kunde

durchs Land getragen. Überall ist die Aufnahme gleich begeistert,

liebevoll. Seit dem Einmarsch der „Ayesha“-Mannschaft in Sana sind

Deutsche keine Fremden mehr in diesen Gegenden. Noch heute sprechen

die Leute von den Tapferen, die weit über See herkamen und durch

die Wüste drangen, nur um am Kampfe gegen die Inglisi teilnehmen

zu dürfen. Siebzehn Tage dauert der Marsch. Sind hundert Kilometer

gemacht, das Doppelte, das Zehnfache? Keiner kümmert sich mehr darum.

Der eine Gedanke nur beseelt sie, wenn sie todmüde von den Kamelen

sinken: Vorwärts, vorwärts, weit noch ist das Ziel. Unerhört ist

die Anstrengung für die Leute. Immer wieder aber werden die Zähne

zusammengebissen. Nur kein Aufenthalt. Steil schießt der Pfad hinab,

mühsam windet er sich zum Passe empor und wieder ein Tal dahinter, eine

neue Höhe, die es zu nehmen gilt, kein Ende fast. Dann, als die Kräfte

zu versiegen drohen, liegt auf der Hochebene Sana vor ihnen. Weit dehnt

sich das fruchtbare Land. Dorf neben Dorf ragt aus Bäumen und Gärten

hervor, in der Mitte zieht sich die festungsartig von Mauern umgebene

Stadt.

Eine dichte Staubwolke wälzt sich auf der breiten Straße. Waffen

blitzen, Klänge von Musik flattern, zerrissen vom Winde, heran. In

feierlichem Aufzuge holen die türkischen Offiziere die deutschen

Kameraden ein. Eine halbe Stunde noch, dann sind sie angelangt. Die

Musik spielt „Deutschland, Deutschland über alles“, die Soldaten

präsentieren. Rührend ist die Liebe, die von Möller und seinen Leuten

entgegengebracht wird. Dicht gedrängt stehen die Einheimischen, rufen,

winken, jubeln.

Die beste Unterkunft, die die Stadt überhaupt aufzuweisen hat, muß

herhalten. Zum erstenmal wieder schlafen die Deutschen in wirklichen,

bequemen Betten, empfängt sie eine festliche Tafel, und sie lassen sich

nicht lange nötigen. Zusehends verschwinden die Berge von Pilaw, mehr

und mehr büßt der halbe Hammel, der auf dem Tische steht, seine Form

ein. Dann kommt des Beste und Nötigste, sie schlafen. Tief, traumlos,

bis in den hellen Tag hinein. Zwar sind die Glieder noch immer etwas

steif von den Anstrengungen der letzten Tage, der Geist aber ist

erfrischt, rege, plant bereits für die Zukunft. Eine herbe Enttäuschung

bereitet von Möller der Bescheid, den er hier erhält, als er um Tiere

für den Weiterritt zur nächsten Bahnstation bittet. Kamele, Pferde und

Maultiere stehen ihm zur Verfügung, soviel er deren nur haben will.

Die Schwierigkeiten des Landmarsches sind aber so groß, daß er, will

er überhaupt heimkommen, sich entschließen muß, nach Hodeida zu gehen.

Dort wird sich für alles Rat schaffen lassen. Überall stößt er auf das

Andenken der „Ayesha“-Leute, die hier vierzehn Tage weilten; alles weiß

von ihnen zu erzählen und zu berichten. Freudig, stolz, als sei es eine

große Ehre, die ihnen widerfuhr, als Deutsche unter ihnen weilten.

Auch denen ist es ähnlich gegangen: sie kamen von der Küste, um über

Sana nach Hause zu gelangen, auch sie mußten zurück ans Meer. Zu ihrem

Glück! Auf dem Landwege hätten sie nie das Ziel erreicht. Gebirge,

Wüste, räuberische Beduinen waren Hindernisse, die sich kaum von einer

so kleinen Schar überwinden ließen, und ebenso ist es jetzt. Halb

getröstet befiehlt Kapitänleutnant von Möller also für den nächsten Tag

den Aufbruch nach Hodeida. War der Marsch durch das öde Gebirgsland

eine schwere Arbeit, so ähnelt er jetzt mehr einer Erholung. Eine

schöne, neu angelegte breite Straße führt über bewaldete Berge hinweg,

über fruchtbare Hochebenen. In den Tälern liegen Steinhäuser kleiner

arabischer Siedelungen, von den Gipfeln grüßen einsame Burgen. In

einem Han, einer kleinen Etappenstation am Wege, wird die erste und

zweite Nachtruhe gehalten, dann geht es weiter nach Menacha. Auch hier

holt die Garnison sie wieder ein, finden sie beste und liebevollste

Aufnahme. Zwei Tagesmärsche, dann senkt sich das Bergland, und in der

Ferne tauchen die langgestreckten Dünen des Wüstenstreifens auf, der

sich zwischen Meer und Gebirge hinzieht.

Bis hierher ist der Weg auf Maultieren zurückgelegt worden. Jetzt heißt

es auf die Kamele hinauf, die schon bereitstehen. Wieder breitet sich

im Mondschein weißschimmernd die Wüste mit ihren seltsamen Formen. Dort

scheint in tiefem Schnee ein Dörfchen zu liegen, hier erheben sich

ganze Städte .... bis ein Tier strauchelt oder durch ängstlichen Satz

zur Seite unsanft in die Wirklichkeit zurückruft. Kein Weg, nirgends

ein Anhalt. Dennoch leitet der Führer sie schnurgerade. In der Ferne

taucht in verschwommenen Umrissen eine Gestalt auf. Riesengroß und

phantastisch erscheint sie im unsicheren Lichte. Ein Beduine. Der

Soldat an der Spitze faßt nach seinem Gewehr, entsichert es, macht

sich, wie seine Kameraden, die den Deutschen als Geleitmannschaft

mitgegeben sind, schußfertig. Wie ein Phantom ist inzwischen der

Kamelreiter in der Ferne wieder verschwunden, und einsam und öde liegt

die Wüste.

Der Mond verschwindet, die Dämmerung lichtet sich. Deutlicher tritt der

helle Sand, über den die Tiere in langem Trabe hinwegjagen, hervor.

Die Sonne. Mit einem Schlage ändert sich das ganze Bild; Leben und

Bewegung kommen hinein. Ein Flimmern und Gleißen, daß die Augen sich

geblendet schließen. In rötlichem Glanze strahlt der gelbe Sand. An

einer Wasserstelle ragt ein einsamer Tamarindenbaum, mehrere Zelte

dicht daneben. Dunkle Uniformen tauchen auf, Gewehre funkeln in der

Sonne. Soldaten sind es, die der Oberst von Hodeida von Möller bis

hierher entgegengesandt hat. Der Kommandant, ein türkischer Hauptmann,

tritt auf den Kapitänleutnant, den er an der hohen Gestalt bereits

erkannt hat, zu und begrüßt ihn. Zusammen mit den Türken wird dann

der Weg fortgesetzt. Sonst wird um die Mittagsstunde gerastet, heute

denkt niemand mehr an eine Unterbrechung. Vier Stunden noch, dann liegt

Hodeida vor ihnen, die See, dann geht es weiter, wieder ein Stück der

Heimat näher.

Seit Kapitänleutnant von Möller und seine Begleiter bei Lahadsch

gelandet sind, jagen die Eindrücke einander. Fremdes Land, wenn auch

den Verbündeten gehörig, fremde Völker, fremde Sitten. In atemloser

Schnelligkeit gleitet das alles an ihnen vorüber, kaum erfaßt und

schon wieder in weiter Ferne zurückliegend. Anforderungen werden an

den Körper gestellt, wie sie kaum erdacht werden können. Und immer

schneller, hastiger wird die Jagd. Ganz im Unterbewußtsein, kaum

empfunden, steckt riesengroß die Sehnsucht, die Heimat zu erreichen.

Und mit jeder Meile noch wächst sie, peitscht, treibt vorwärts.

Nur kein unnützer Aufenthalt! Immer länger werden die Tage, immer

wahrscheinlicher wird es, daß bald, bald der Entscheidungstag in der

Nordsee anbricht. Und noch sind sechs Männer, auf die das Vaterland

rechnen kann, ferne, in der Wüste. Jeder Tag unnützer Muße ist

vielleicht unwiederbringlicher Verlust. Und so treibt von Möller,

treibt jeder einzelne seiner Begleiter.

Hodeida. Eine arabische Stadt, buntes Leben, Freunde, Bitten um ein

Boot, das sie weiterbringen kann, Wahl der Begleiter und endlich die

Stunde, in der es wieder weitergeht. Hat der Aufenthalt lange gedauert,

zwei Tage, zehn, vierzehn? Weiter, nur weiter! -- -- --

Vom niedrigen Sambuk aus sind die flachen Dächer Hodeidas noch eben

zu sehen, dann beim Runden der nächsten Huck verschwinden auch sie.

Nach kurzem Aufenthalt in Hodeida hat von Möller mit seinen Begleitern

einen Sambuk, eines der Segelfahrzeuge, die dem Verkehr der Anwohner

des Roten Meeres dienen, zur Verfügung gestellt erhalten. Der geringe

Tiefgang ermöglicht ein Fahren unmittelbar unter der Küste, zum Teil

zwischen den vorgelagerten Inseln und Riffen hindurch, wohin selbst

kleine Kanonenboote nicht zu folgen vermögen. Bis Djidda soll die Fahrt

gehen, dann quer durch die Wüste zur Hedschasbahn.

Die Seefahrt ist nicht ganz einfach. Dicht unter der Wasseroberfläche

verborgen liegen zahlreiche Riffe und Klippen. Noch gefährlicher aber

sind die feindlichen, im Roten Meer kreuzenden Kriegsschiffe, die die

Küste ständig unter scharfer Bewachung halten.

Ohne Zwischenfälle verläuft der Tag. Glühendheiß brennt die Sonne

herunter, ununterbrochen gleitet an Steuerbord die trostlose

Wüstenlandschaft vorbei. Einzelne kleine Inselchen und Korallenriffe

werden umfahren. Nichts zeigt sich auf dem Wasser. Ganz fern nur

verweht der Rauch eines auf die Insel Perim zusteuernden Dampfers.

Die Nacht kommt, erfrischende Brise setzt mit der Dunkelheit ein. Sie

verleiht dem Sambuk gute Fahrt, verlangt aber auch schärfsten Ausguck

nach der Brandung, um ein Auflaufen zu vermeiden. Mitternacht. Eben

wird die Wache übergeben: „Nichts in Sicht“, als plötzlich aus dem

Dunkel ein greller Lichtkegel über das Wasser schießt. Ein feindliches

Bewachungsschiff. Im Nu ist das Segel herunter, und regungslos, hinter

einem Riff verborgen, liegt der Sambuk. Näher flutet das Licht,

zittert bald hierhin, bald dorthin, gleitet heran. Entdeckt! Sekunden

höchster Spannung vergehen, dann sucht der Lichtkegel wieder weiter, um

schließlich ganz zu erlöschen. Gleichförmig vergehen die Tage. Hie und

da streifen an Land Beduinen bis an die Küste heran. Sie verschwinden

aber, als sie nur ein einheimisches Fahrzeug, das nicht weiter

verdächtig ist, erblicken.

Nur noch fünfzig Meilen trennen die kleine Schar von Konfuda, als

mehrere feindliche Wachschiffe in bedrohliche Nähe kommen. Mit

hoher Fahrt braust eines der niedrigen Kanonenboote bis auf etwa

drei Seemeilen heran, stoppt. Von der Brücke spähen mit Kiekern

und Doppelgläsern bewaffnete Augen nach dem Sambuk, der ruhig

weitergleitet, aber auf alle Fälle gerüstet, dicht unter Land fährt.

Drüben rührt sich nichts; wahrscheinlich ist ihnen das Fahrzeug nicht

verdächtig und daß Araber, für die man sie augenscheinlich hält, auf

ein Signal eingehen, kann nicht erwartet werden. Vielleicht auch

trösten sie sich damit, daß weiter nördlich andere Kanonenboote stehen.

Dort gibt es keine Riffe, die, wie hier, eine unmittelbare Durchsuchung

hindern.

Die gleichen Erwägungen aber sind es, die auf dem Sambuk angestellt

werden, als weit voraus Rauchwolken auftauchen. Die Sache wird

brenzlich. Jetzt heißt es an Land gehen. Südlich Konfuda landet

Kapitänleutnant von Möller am Nachmittag in der Nähe eines kleinen

Küstenplatzes. Dank seiner arabischen Begleitung sind bald Kamele zur

Stelle, auf denen der Weitermarsch angetreten wird. Drei Tage später,

am 28. April, reiten sie ungefährdet in die Stadt ein, und ebenso heil

kommen sie nach einem weiteren Kamelritt, der sie über vierhundert

Kilometer führt, am 16. Mai nach Djidda, dem Sitze eines türkischen

Oberkommandos.

Hier aber scheint die Reise ein Ende finden zu sollen. Schon in

Friedenszeiten sind die in der Umgebung hausenden Wüstenstämme ihres

religiösen Fanatismus wegen berüchtigt. Dazu kommt noch, daß sie

ganz im Solde der Engländer stehen, die sie mit modernen Handwaffen

ausgerüstet haben. Über fünfhundert Kilometer führt der Weg zur Bahn

durch ihr Gebiet. Ohne überaus starke Deckungsmannschaften, die gerade

jetzt nicht abkömmlich sind, ist das Unternehmen mehr als gefährlich.

In überzeugender Weise versucht der Oberkommandierende von Möller von

seinem Vorhaben abzubringen, hält ihm immer wieder das Tollkühne seiner

Absichten vor. Umsonst ......

Die Kamele stehen bereit, ein arabischer Soldat und ein Basch

Tschausch, die als Führer dienen sollen, warten auf den Befehl zum

Abmarsch. Noch einmal tritt der Kommandeur an von Möller heran.

„Herr Kapitänleutnant, ich habe leider nicht die Macht, Sie an Ihrem

Vorhaben zu hindern, aber bitten kann ich Sie wieder und wieder,

bleiben Sie hier. Sie wissen nicht, wie gefährlich der Weg ist, den

Sie gehen wollen, wie verhetzt die Beduinen, die seit langem schon

nur englisches Gold kennen. Denken Sie an die „Ayesha“-Leute!“

Eindringlich spricht der türkische Offizier auf den Deutschen ein,

dessen hohe Gestalt ihn weit überragt. Einen Augenblick scheint es

wie ein Zögern über das dunkelbraune, hager gewordene Gesicht von

Möllers zu gehen, dann lächelt er: „Wenn Sie nun wüßten, Ihr Vaterland

braucht Sie, über kurz oder lang kommt es zu einer großen, vielleicht

zur Entscheidungsschlacht, in der jedermann nötig ist, würden Sie

zögern, weil es gefährlich ist?“ Nicht einen Augenblick besinnt sich

der Angeredete. „Ich würde gehen. Trotzdem möchte ich Sie warnen und

bitten, bleiben Sie, tun Sie es nicht. Freilich, Sie sind ja fest

entschlossen! So wünsche ich Ihnen nur, Ihr Gott möge mit Ihnen sein

und Sie glücklich nach dem ersehnten Ziele geleiten.“

Ein fester Händedruck, dann wendet sich Kapitänleutnant von Möller an

seine Begleiter, die mit ihm so manche Gefahr bestanden haben und die

wie er bereit sind, neue aufzusuchen, um heim, in den Krieg zu kommen.

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. In gleichmäßigem Schritt

geht es durch die Straßen in die Wüste hinaus, die im Scheine der

untergehenden Sonne blutigrot leuchtet .... Jetzt winden sie sich

zwischen zwei Dünen hindurch, überschreiten den Wadi, sind draußen ....

Kleiner und kleiner werden die Gestalten ... bläuliche Nebel fallen ein

... ein weißer Burnus leuchtet ... der letzte Sonnenstrahl blitzt auf

einem Gewehrlauf .... Wie Pünktchen noch sind sie zu erkennen ... dann

verschwinden sie dort, wo der gelbe Sand in die violetten Abendschatten

übergeht .. fern ... in der Wüste ...........

Telegramm des syrischen Armeekorps vom 3. Juni 1916:

Wir haben zu unserem Bedauern erfahren, daß Kapitänleutnant von Möller

und seine Begleiter neun Stunden von Djidda entfernt von Arabern

ermordet wurden.

Verlag August Scherl G. m. b. H., Berlin

Deutsche Taten zur See

_Emden-Ayesha._

+Die beiden Bücher von Kapitänleutnant Hellmuth von Mücke.+

Selbsterlebtes von den sagenhaften Fahrten des ruhmreichen Schiffes,

die abenteuerliche Fahrt des Verfassers auf See und der gefahrvolle Zug

von Hodeida durch die arabische Wüste. -- Als Geschenkwerk in einem

geschmackvoll gebundenen Bande vereinigt. Preis 3 Mark. Jeder Band

einzeln: geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark.

_Oberheizer Zenne._

+Der letzte Mann der „Wiesbaden“. Nach Mitteilungen des Oberheizers

Zenne von Freiherrn Spiegel von und zu Peckelsheim, Kapitänleutnant.+

In der Seeschlacht am Skagerrak ging der Kleine Kreuzer „Wiesbaden“

verloren. Der einzig Überlebende erzählt durch die Feder des Verfassers

vom Kriegstagebuch „U 202“ seine Beobachtungen über die Schlacht bis

zum Untergang des Schiffes und seine Errettung nach 40stündigem Treiben

auf den tosenden Wogen. Die schlichte Schilderung ist in Wahrheit ein

Heldensang von deutschem Todesmute. -- Mit vier Abbildungen. -- Preis 1

Mark. Gebunden 2 Mark.

_Kriegstagebuch „U 202“._

+Kommandant: Kapitänleutnant Freiherr von Spiegel.+ Wahrheitsgetreue,

glänzende Schilderung unserer geheimnisvollen Unterseebootswaffe in

ihrer gefahrvollen Tätigkeit vor dem Feinde. -- Geheftet 1 Mark.

Elegant gebunden 2 Mark.

_U-Boote im Eismeer._

Unsere U-Boote ziehen auf Kreuzerkrieg! Weit über den Polarkreis

dringen sie vor, über das Nordkap, bis ins Weiße Meer. Schiff nach

Schiff wird versenkt. Fast übermenschlich ist der Dienst. Ein Sturm

nach dem anderen braust über die kleinen Fahrzeuge hinweg, tausende

von Meilen trennen sie von der Heimat, nirgends ein Stützpunkt. In

schwerster See, im Nebel gehen sie auf den Kreuzerkrieg. Gehetzt und

gejagt, zeigen sie sich trotzdem wieder, vernichten und versenken.

Ungezählte Millionen Schaden fügen sie dem Feinde zu. -- Preis 1 Mark.

Gebunden 2 Mark.

_„~V~ 188“._

Kapitänleutnant v. Möllers letzte Fahrt · 第 6 / 7 段