Ein böser Reinfall! Das Verbot des Zampanverkehrs spricht eine nur zu

deutliche Sprache. Fort muß er noch heute nacht von hier. Ist doch

„Machew“ die letzte Hoffnung. Ist sie weg und England erklärt morgen

den Krieg, dann ist an ein Entkommen über See überhaupt nicht mehr

zu denken. Hier in Viktoria aber interniert werden, um untätig als

Gefangener den Krieg zu vertrauern, während es zu Hause hart auf hart

hergeht, das mag kein deutscher Soldat. Wie aber wegkommen? Vorsichtig

heißt es sein. Auch der Inder, der in einiger Entfernung steht und

anscheinend nicht die Absicht hat, sich so bald zu entfernen, darf

nicht merken, was auf dem Spiel steht. Der Kerl macht ohnedies schon

ein so merkwürdiges Gesicht, als wundere er sich, worauf der Offizier

denn hier in der Nacht warte. Eine Viertelstunde vergeht. Nichts

zeigt sich, kein Fortkommen gibt es von hier. Selbst wenn einer der

Zampanleute sich bereit erklärt, zu fahren, nützt das nicht viel.

Ist das Verbot erlassen, dann kreuzen sicherlich ununterbrochen die

Dampfboote der Polizei im Hafen, um auf Übertreter zu fahnden. In

buntem Wirbel jagen die Gedanken und Überlegungen durch den Kopf des

Wartenden, als plötzlich Laternen durch die Nacht blitzen; in schneller

Fahrt kommt ein Dampfboot heran und legt ganz nahe bei der Fähre an.

Ein Fahrzeug der Kaulunwerft, das Angestellte oder Offiziere eines der

dort in Reparatur befindlichen Schiffe nach Hongkong bringt. Jetzt

oder nie! Hier bietet sich eine Überfahrtsgelegenheit, vielleicht die

letzte. Noch klingt das Lachen der sich entfernenden Europäer durch

die Nacht herüber, als von Möller auch schon neben dem Boot steht, das

soeben nach Kaulun zurückzukehren sich anschickt.

Ein kurzes Unterhandeln mit dem Bootsführer, der den Fremden, den er

nicht kennt und von dem er nicht weiß, was er so spät noch in Kaulun

will, zuerst zurückweisen will, dann die Frage: „~You are an Officer,

Sir? Allright, jump in!~“ „Sie sind Offizier? Gut, springen Sie herein!

Schnell, schnell, wir haben keine Zeit, es ist spät!“ Im nächsten

Augenblick springt die Maschine an, Funken stieben aus dem Schornstein,

und in elegantem Bogen dreht das Boot auf die in der Ferne liegende

Werft zu. In schneller Fahrt geht es vorwärts, die Lichter von Hongkong

verschwinden allmählich in der Dunkelheit ...

Polternd gleitet ein Glied der Ankerkette nach dem anderen binnenbords

der „Machew“, an deren einer Signalleine der „blaue Peter“ im Winde

flattert. Kapitän und wachthabender Offizier stehen mit Kapitänleutnant

von Möller, der vor einer Stunde an Bord kam, auf der Brücke, der I.

O. (Erster Offizier) auf der Back, um das Einhieven der Ankerkette zu

beaufsichtigen. Jetzt hebt er die rechte Hand. Der Anker ist aus dem

Grund.

„Langsame Fahrt voraus!“

Am Heck quirlt das Schraubenwasser, langsam dreht „Machew“ auf

die Ausfahrt und verläßt mit voller Fahrt den englischen Hafen.

Die bewaldeten Hänge Hongkongs, das Tal mit dem Rennplatz und dem

Kirchhofe, Fabriken, Lagerhäuser, Speicher und Kasernen gleiten

vorbei. Auf der anderen Seite leuchten in der Morgensonne die braunen,

unbewaldeten Berge des chinesischen Festlandes herüber. Noch ist die

Gefahr nicht überwunden. Dem Hafenverkehr sind wahrscheinlich schon

Beschränkungen auferlegt, nicht mehr alle nach außen führenden Wege

sind frei.

Von beiden Seiten tritt das Land näher heran, die Straße verengt sich

zur Ausfahrt. Weit hinten liegt der Hafen mit seinen zahlreichen

Schiffen, eine dunkle Wolke der qualmenden Schornsteine brütet über dem

Wasser. Dicht unter Land schiebt sich der helle Körper eines kleinen

englischen Zerstörers längs, aus dessen drei niedrigen Schornsteinen

dichter Rauch quillt. Mit großer Fahrt läuft er den gleichen Kurs

hinter „Machew“ her. Der Feind! Sicherlich gilt das dem deutschen

Schiff, von dessen Heck die schwarz-weiß-rote Flagge weht. In wenigen

Minuten ist er querab. Das Herz stockt den drei Männern auf der Brücke.

Jetzt ... jetzt muß drüben das Signal hochgehen: „Stoppen Sie sofort!“

... Bange Minuten ... eine Ewigkeit. Ohne sich um den Dampfer zu

bekümmern, jagt der Engländer weiter. Einige kleine Polizeiboote liegen

in der Einfahrt, auch sie scheinen nur Augen für die Kriegsfahrzeuge zu

haben, und unbehelligt gleitet das deutsche Schiff an ihnen vorbei.

Eine halbe Stunde später ist „Machew“ auf freier See und hält mit

Ostkurs auf Manila zu. An einen Kreuzerkrieg ist hier draußen jetzt

schon kaum zu denken. Der Feind vermutet sicher nicht, daß aus dem

englischen Hongkong eine gute Prise im letzten Augenblicke noch

auslaufen könnte.

Zum ersten Male seit zwei Jahren atmet Kapitänleutnant von Möller

wieder die Luft des freien Meeres. Tiefdunkelblau dehnen sich die

Fluten des Stillen Ozeans, glatt wie ein Spiegel liegt die Oberfläche.

Azurn spannt sich der wolkenlose Tropenhimmel über die See. Ein Strom

von Licht und blendendheißem Glanze ergießt sich über das Schiff,

erfüllt die Luft. Herrlich ist es hier! Und doch! Weit, tausende von

Seemeilen weit entfernt, brausen und schäumen die grünen Wasser der

Nordsee, reiten die Wellen mit kurzen Brechern heran. Und stählerne

Kiele furchen in großer Fahrt vielleicht gerade in diesem Augenblick

hindurch, zur Begegnung mit dem Feinde. Wer dort sein könnte! In der

Mitte der Kameraden, ein Großkampfschiff oder ein Torpedoboot unter

den Füßen! Eintönig rattern die Maschinen, einschläfernd ... ein Blitz

flammt auf, Pulverqualm, dumpfe Schläge rollen über die See ... wie

schön das ist ... ein Zusammenreißen, daß der starre in der Ferne

suchende Blick wieder Leben bekommt. Der Krieg wird ja nicht in vier

Wochen beendet sein. Ein wenig Glück nur, und auch er trifft zur Zeit

ein, um teilzunehmen an dem Tage, da die junge deutsche Flotte zum

Kampfe gegen den mächtigen Gegner antritt.

Drei Tage schon fährt „Machew“ nach Osten. Schattenhaft dämmern in

der Ferne dunkle Umrisse an der Kimm auf, verstärken sich, werden

deutlicher: Die Philippinen. Der Kapitän hält direkt auf Land

zu, um gegen Angriffe feindlicher Kreuzer möglichst geschützt zu

sein. Bewaldete Hänge und ragende Berge wachsen allmählich empor.

Hellgrünlich schimmern Korallenriffe, nur wenig überflutet. Leicht

brandet die See über die seichten Stellen. Die Einfahrt in die Bucht

von Manila öffnet sich. Die Befestigungen von Corregidor drohen

herüber, im Scheine der untergehenden Sonne blitzen die Panzerkuppeln

und Beobachtungsstände. Weiter südlich leuchtet aus dunklem Grün

Cavite, wo die spanische Flotte von den Amerikanern unter Admiral Dewey

erbarmungslos zusammengeschossen wurde. Mit Ostkurs steuert „Machew“

in die weite Bucht, in deren Hintergrund sich das weiße Häusermeer von

Manila mit seinen zahlreichen Türmen breitet. Weiter links ragen die

Schornsteine von Binando, dem Stadtteil der Geschäfte und Fabriken.

Von der Brücke geht die Lotsenflagge hoch. Minuten darauf schießt

aus dem Gewirr der im Hafen liegenden Schiffe in großer Fahrt der

Lotsendampfer heran. „Machew“ stoppt, das Seefallrepp gleitet über

die Reeling, und der Hafenlotse steigt an Deck, um das Schiff auf den

zugewiesenen Ankerplatz zu bringen.

„Sie haben ja noch Glück gehabt!“ wendet er sich, auf der Brücke

angelangt, an den Kapitän. „Es wird sicher keine vierundzwanzig Stunden

mehr dauern, und ein englischer Kreuzer liegt vor der Einfahrt. Wir

wundern uns, daß man Sie überhaupt noch aus Hongkong herausgelassen

hat.“

„Englischer Kreuzer? Also doch! Das war ja großer Dusel, daß „Machew“

noch im letzten Augenblick davongekommen ist.“

Unaufgefordert packt der Amerikaner all die Bären aus, die Reuter

der Welt seit mehreren Tagen aufbindet. Die furchtbaren Verluste der

Deutschen, den Selbstmord des Generals Emmich, die Vernichtung von

sechzehn deutschen Linienschiffen und ähnlichen Blödsinn.

Der wachthabende Offizier, der hinter dem Mann steht, ein waschechter

Hamburger, brummt leise, aber ingrimmig vor sich hin:

„Holt Mul, Quatschkopp, so wat glöwt uck bloß en Amerikaner!“

Ernster aber faßt Kapitänleutnant von Möller die Lage auf. Der erste

Vorgeschmack von dem, womit Reuter sicherlich während der ganzen Dauer

des Krieges die Welt vergiften und gegen die Mittelmächte aufhetzen

wird. Leider stehen ihm ja alle Kabel zur Verfügung.

Der Ankerplatz ist erreicht. Rasselnd gleitet der Steuerbordanker in

den Grund. Die Maschinen gehen rückwärts, dann stoppen sie. „Machew“

ist nicht der einzige deutsche Dampfer, der hier liegt. In nächster

Nähe flattert von verschiedenen Schiffen, bei denen ein Anlaufen von

Manila sicherlich nicht im Fahrplan gestanden hatte, die deutsche

Flagge im Abendwind. Auch ihnen ist es noch gelungen, sich rechtzeitig

vor feindlichen Kreuzern in Sicherheit zu bringen. Kapitänleutnant von

Möller benutzt die erste Gelegenheit, um an Land zum Konsul zu gehen.

Was er erfährt, ist für ihn nicht allzu tröstlich. England, Frankreich,

Rußland und Serbien stehen gegen Deutschland und Österreich. Feinde

ringsum, wie durchkommen? Nach Hause aber muß er. Der Konsul kann ihm

nicht viel Tröstliches sagen. Das Kreuzergeschwader des Admirals Grafen

von Spee liegt bei Ponape. Der Weg dahin ist zwar nicht sehr weit, hat

aber dafür den Fehler, daß von Manila keine einzige Verbindung dahin

geht und man eher nach Europa kommen kann als nach den Karolinen.

In Tsingtau liegt die „Emden“, wahrscheinlich aber nicht lange mehr.

Bald wird auch sie versuchen, zum Kreuzergeschwader zu stoßen, um nicht

bei der Belagerung von Tsingtau eingeschlossen zu werden. Damit ist es

also nichts. Es bleiben die Wege nach Europa: der von Manila über Japan

und Honolulu nach St. Francisco oder der über Holländisch-Indien.

Einige Tage vergehen. Nur zu bald bestätigt sich in Kapitänleutnant von

Möller die Überzeugung, daß er in Manila nicht lange verweilen darf.

Bald ist er durch seine Länge eine stadtbekannte Erscheinung, und die

englischen Spione brauchen nicht allzu lange, um herauszufinden, wer er

eigentlich ist. Auf Schritt und Tritt folgen und überwachen sie ihn.

Wenige Wochen nur, und ein Entweichen ist dann ganz ausgeschlossen.

Seine Lage wird durch den Hinzutritt Japans in die Reihe der Gegner

noch erschwert. Die gelbe Rasse, die hier zahlreich vertreten ist,

betrachtet Manila längst als ihnen zustehende Kolonie und vermehrt noch

die Zahl der Aufpasser.

Untätig vergehen die Tage. Endlich bietet sich doch Gelegenheit zum

Fortkommen. Ein deutscher Dampfer will die gefährliche Fahrt über See

nach Holländisch-Indien wagen. Doppelt gefährlich, da sich bereits

mehrfach englische und japanische Kreuzer vor dem Hafen gezeigt haben.

In aller Heimlichkeit macht er seeklar.

Noch liegt die Nacht über der weiten Bucht, als das Schiff der Ausfahrt

zustrebt und in See geht. Keiner der eingeborenen Dienerschaft seines

Gastgebers hat das Fehlen von Möllers bemerkt. Mit ruhigem Gewissen

versichern sie den Spähern, die sich am frühen Morgen bereits in

harmlosen Masken einfinden, daß der „lange Deutsche“ noch schliefe. Als

ihnen der Schlaf aber heute merkwürdig lange zu dauern scheint, ist es

zu spät. Kapitänleutnant von Möller schwimmt bereits auf der Höhe von

Palawan seinem neuen Ziele zu.

Interniert

„Sie sind der Kaiserlich Deutsche Kapitänleutnant von Möller?“

„Jawohl!“

„Sie waren Kommandant des Kanonenboots „Tsingtau“ und sind Anfang

September 1914 auf einem deutschen Schiff von Manila hierher nach

Batavia gekommen?“

„Stimmt!“

„Welche Absicht hat Sie nach Java geführt?“

„Darüber verweigere ich die Auskunft!“

„Wir wissen auch ohne Ihre Antwort ganz genau, welchen Zweck Sie

verfolgten, als Sie nach Batavia kamen. Sie beabsichtigten, auf diesem

allerdings etwas unbequemen Umwege nach Europa und nach Deutschland

zu gelangen, um dort am Kriege teilzunehmen. Zu diesem Zweck haben

Sie sich zunächst offen an die Kapitäne der holländischen Post- und

Frachtdampfer mit der Bitte gewandt, Sie nach Europa mitzunehmen.

Als diese Bemühungen fehlschlugen, haben Sie, Herr Kapitänleutnant,

versucht, Offiziere und Mannschaften des Dampfers zu bestechen, damit

sie Ihnen auf ihren Schiffen einen heimlichen Unterkunftsraum, in dem

Sie sich während der Fahrt unbehelligt aufhalten könnten, schaffen. Das

wäre Ihnen auch fast gelungen, wenn nicht im letzten Augenblick noch

ein Angestellter der Reederei durch einen Zufall dahintergekommen wäre.

Schon bei Ihren ersten diesbezüglichen Versuchen war Ihnen seitens der

Dampferagenturen eröffnet worden, daß die Mitnahme wehrpflichtiger

deutscher Untertanen den holländischen Schiffen auf Grund besonderer

Abmachungen der Königlich Niederländischen Regierung mit England streng

untersagt sei. Sie haben trotzdem Ihre Anstrengungen nicht aufgegeben,

sie vielmehr öfters noch wiederholt und damit eine Handlung begangen,

die durchaus geeignet war, die Neutralität der Königlichen Regierung

zu gefährden. Sie haben überdies holländische Staatsbürger zum Bruche

getroffener internationaler Abmachungen verleitet, die sehr leicht

schwere, politische Verwicklungen zur Folge haben konnten. Sind Sie,

Herr von Möller, bereit, derartige Versuche künftig zu unterlassen und

ruhig während der Kriegsdauer auf Java zu bleiben?“

„Nein!“

„Dann habe ich Ihnen zu eröffnen, daß Seine Exzellenz der Herr

Generalgouverneur im Namen der Königlich Niederländischen Regierung

Ihre Internierung unter Zuweisung von Batavia beziehungsweise von

Weltevreeden als Aufenthaltsort verfügt hat. Eine Berufung gegen diese

Maßnahme steht Ihnen nicht zu, Sie werden vom Neutralitätsoffizier

noch genaue Anweisungen erhalten, wie Sie sich zu verhalten haben!“

Am frühen Morgen, als Kapitänleutnant von Möller sorglos beim

Frühstück saß, war ihm durch einen holländischen Offizier die

Aufforderung überbracht worden, sich unverzüglich im Gebäude des

Generalgouvernements in Weltevreeden einzufinden. Die Nachricht kam

nicht ganz unerwartet. War es ihm doch schon seit mehreren Wochen

aufgefallen, daß ihm auf Schritt und Tritt einer der gelb- oder

braunhäutigen Kerle folgte, daß er den Argwohn der Regierung erweckt

haben mußte. Jetzt sollte also seinen Bemühungen, nach der Heimat zu

gelangen, die er mit zäher Beharrlichkeit trotz aller Fehlschläge

immer wieder fortgesetzt hatte, ein gewaltsames Ende bereitet werden.

Anfang September war er nach glücklicher Überfahrt von Manila im

Hafen von Tanjong Priok angelangt. Vom ersten Tage an versuchte er

fortzukommen. Seine ursprüngliche Absicht war -- wovon der holländische

Offizier, der ihm die Internierung in fließendem Deutsch mitgeteilt

hatte, allerdings nichts wußte -- das Kreuzergeschwader zu erreichen.

Über den Aufenthalt der deutschen Schiffe fehlte aber jede Nachricht,

so daß die Suche nichts weiter als eine planlose Fahrt ins Ungewisse

geworden wäre. „Gneisenau“ und „Scharnhorst“ waren zuletzt -- darüber

war aber auch schon geraume Zeit verstrichen -- von Papete auf Tahiti

und Samoa gemeldet worden. Die beiden Plätze lagen auch so weit ab, daß

bei der schlechten Verbindung von Java aus gar nicht an ein Hinkommen

zu denken war. Wer mochte außerdem den Kurs wissen, den diese seither

eingeschlagen hatten! Ob sie nun versuchten, um Kap Horn herum die

Heimat zu erreichen? Vielleicht aber, und dafür sprach die größte

Wahrscheinlichkeit, hatten sie sich dem von allen Seiten nahenden

Gegner stellen müssen und waren nach hartem Kampfe unterlegen.

Die Nachricht von dem siegreichen Tage bei Coronel steigerte seine

Hoffnungen, bis dann der 8. Dezember kam und mit ihm die Kunde der

Seeschlacht bei den Falklandsinseln. Mit einem Schlage war es vorbei.

Wochenlang hatte er sich auch von der „Emden“ Befreiung erhofft. Der

Indische Ozean war nicht weit, nur wenige Tagereisen entfernt lag

Pulo-Penang. Auch damit war es nichts geworden. Nach ruhmreichem Wirken

unterlag der Kleine Kreuzer, bis zum letzten Augenblick gegen den

übermächtigen Gegner kämpfend, bei den Kokosinseln. Einen Augenblick

hatte er an „Ayesha“ gedacht. Die aber mußte längst am Ziele angelangt

sein.

Wie fieberhaft sein Hirn auch arbeitete, es gab keine andere

Möglichkeit, als sich, koste es, was es wolle, auf einem Schiffe

nach der Heimat durchzuschlagen. Es fuhren außer den holländischen

Postdampfern nur noch Frachtdampfer von javanischen Häfen nach Europa.

Alle Möglichkeiten hatte Kapitänleutnant von Möller sorgsam erwogen.

Er konnte als Neutraler oder selbst als Angehöriger einer feindlichen

Macht an Bord gehen, keine Arbeit wäre ihm zu gering gewesen, sein

Ziel zu erreichen. Als Matrose, als Kohlentrimmer, als Stewart. Immer

wieder war das Hindernis da, seine Länge von zwei Metern, das beste

Kennzeichen, ein Steckbrief, der stets vor ihm herlief.

So hieß es also, die Internierung geduldig auf sich nehmen und

abwarten. Vielleicht bescherte gerade der blinde Zufall ihm die

Möglichkeit, wegzukommen. Schon zwei Stunden nach der Eröffnung der

Internierung erscheint ein holländischer Offizier, der ihn darüber

unterrichtet, wie er sich zu verhalten habe: zugewiesene Wohnung,

tägliche Meldung usw. Im übrigen kann er tun und lassen, was er

will. Mit den Fahrten nach Tanjong-Priok, wo die Dampfer innerhalb

der Molen oder direkt an den Bahnschuppen lagen und löschten oder

Ladung nahmen, war es jetzt freilich vorbei. Jedesmal, wenn ein

Schiff auslief, war er dagewesen, sehnsüchtig hatten seine Blicke

sich an die Fahrzeuge, die nach Europa gingen, geklammert, bis die

Schornsteine und Masten unter der Kimm verschwunden waren. Dann hieß

es eben, die Sehnsucht unterdrücken und zur Bahn wandern, die ihn

zurück nach Batavia brachte. Bis zum nächsten Mal. An den Kontoren der

Dampfergesellschaften stand er und sah, wie Mynheer van Deeken oder

Mevrouw van Roeren oder Angehörige der feindlichen Mächte hinter den

Glasfenstern verschwanden und anstandslos ihre Passage belegten. Die

durften es. Nur den Untertanen der Mittelmächte gegenüber galten die

Neutralitätsverpflichtungen Hollands, die ihm die Rückkehr abschnitten.

Viel war in Batavia nicht los, das ihn hätte ablenken können. Tagsüber

bummelte er durch die Straßen Weltevreedens, vorbei an den mitten aus

Wäldern von Palmen und Tamarinden lugenden Bungaloos und Landhäusern

der holländischen Handelsherren, besuchte die Läden der chinesischen,

javanischen, indischen und japanischen Kuriositätenhändler oder

schlenderte die Tamarindenallee entlang, die hinunter nach Batavia

führte. Abends gab es die übliche Abfütterung auf der Hotelterrasse mit

viel Licht und Musik. In den Zwischenpausen wurde dann von den Weißen

und den zahlreichen Mischlingen an den Tischen ringsum die Lage in

Europa und der Krieg besprochen und wiedergekaut. Als Grundlage dienten

natürlich immer wieder, trotz aller handgreiflichen deutschen Erfolge,

die Reutermeldungen. Oft und oft hieß es, die Zähne zusammenbeißen

und die Faust in der Tasche ballen, wenn Leute, die alles eher als

eigenes Urteilsvermögen hatten, die deutschen Soldaten beschimpften und

in den Schmutz zogen. Selbst Männer, die die Deutschen als Kaufleute

doch kennen müssen, beteiligen sich an dem Chor. Der Grund freilich

ist klar: Der Konkurrent, dessen Rührigkeit und weitschauender Blick

dem holländischen Phlegma über ist, wird unbequem. Wer garantiert

auch dafür, daß die Deutschen nicht eines schönen Tages Holland

überschlucken? Die englische Presse behauptet es, und die muß es doch

wissen!

Eine besondere Vergünstigung ist es, wenn von Möller nach Buitenzorg

fahren darf. Durch herrliche Tropenlandschaften führt die Bahn, durch

ganze Wälder von Palmen, Mangustinen, Bananen. Dann wieder dehnen

sich weite Ananas- und Reisfelder; Kokos- und Bambushaine wechseln

ab mit Sumpfland, aus dem seltsame, feurig tropische Blumen glühen.

Volle, satte Farben überall. Zwischen dem dunklen Grün das flammende

Rot, das Orange, das blendende Weiß. Bunte Schmetterlinge gaukeln,

farbenblitzende Vögel schwirren erschreckt über den Bahndamm. Polternd

und dröhnend jagt dann der Zug über eine Brücke. Tief unten wälzt sich

ein breiter Fluß. Ungefüge Baumstämme liegen auf einer Sandbank. Träge

Körper schieben sich vorwärts, heben die Köpfe ob des heranbrausenden

Ungetüms, das über ihnen hinwegschnaubt: Krokodile. Einzelne

schilfgedeckte Hütten, wie Pfahlbauten aus der Urväterzeit tauchen auf,

ganze Kampongs, Dörfer der Eingeborenen, Villen und Landhäuser, Gärten

und dahinter der ragende Salak, von dessen Kuppe leichte Rauchwolken in

die blaue Luft stoßen.

Trotz der Pracht der Natur ist das Leben eintönig. Besonders die

Nachrichten aus Europa sind es, die es immer unerträglicher machen.

Jeder Tag bringt neue Lügen von den Kriegsschauplätzen. Die Russen

stehen bereits in der Nähe von Berlin, die Franzosen weit über dem

Rhein, was von der deutschen Flotte noch schwimmt, ist kaum der Rede

wert. Dann wieder kommen Streiflichter: Die Taten eines Weddigen, der

zweimalige Vorstoß an die englische Küste, das Auftauchen der U-Boote

in der Irischen See. Die Kameraden sind rührig an der Arbeit. Und er

ferne, interniert! ...

Ohne irgendwelche Ankündigung trifft von Möller eines Morgens die

Nachricht, daß er nach Surabaja im östlichen Teile der Insel abzureisen

habe, das ihm als neuer Internierungsort angewiesen sei. Ebenso wie

Batavia und Weltevreeden ist ihm auch Surabaja aus dem Jahre 1906

bekannt, in dem er auf dem Kleinen Kreuzer „Leipzig“ die Ausreise

über die Sundainseln machte. Die Veränderung stimmt ihn nicht gerade

traurig. Wenigstens gibt es Abwechslung, andere Menschen, neue

Gegenden. Vielleicht auch Bekannte aus der damaligen Zeit.

Einige Tage später geht es los. Stundenlang klettert der Zug, höher und

höher. Die ganze Wunderwelt der herrlichen Insel gleitet vorbei. An den

kleinen Stationen hält die Bevölkerung in ihrer malerischen Tracht, dem

schreiend bunten Sarong, ein Tuch oder den großen Schilfhut auf dem

Kopf. Ungeheure Kaffee- und Zuckerplantagen durchschneidet die Bahn,

gleitet über reißende Gebirgsflüsse, taucht in geschützte Täler, in

denen Ananas und Bananen blühen. Dann wieder drohen schroffe Gebirge

herunter. Regenschwer hängen graue Wolken um die Spitzen oder dampfende

Rauchsäulen entströmen den Kratern. -- Die Nacht bricht ein. Plötzlich,

ohne Übergang. Aus den Hütten leuchten die Herdfeuer, Signallaternen

blitzen auf der Strecke, Myriaden von Glühwürmchen von einer Pracht

und Leuchtkraft, wie sie nur die Tropen aufzuweisen vermögen, schweben

längs des Bahndammes wie Sterne am dunklen Himmel. Ein langer Pfiff,

die Fahrt verlangsamt sich; Maas, wo übernachtet werden soll, ist

erreicht; der Zug hält.

Frühmorgens geht die Fahrt weiter. Empfindlich kühl ist es hier

oben, bis endlich die Sonne zum Vorschein kommt und der heiße Tag

anbricht. Die gleichen wundervollen Naturbilder heute wie gestern.

Urwald tritt stellenweise an die Bahn heran. Ein Gewimmel mächtiger

Baumriesen, zwischen denen sich Gestrüpp breitet, Schlinggewächs in

den abenteuerlichsten Formen spannt. Kreischend flattern Papageien vor

der einherbrausenden Lokomotive ins Dickicht. Die Strecke senkt sich.

Das Gebirge tritt zurück, riesige Plantagen in der Ebene begleiten

stundenlang die Fahrt. Dann, als eben die Sonne untergeht, rollt der

Zug in den Bahnhof von Surabaja ein.

Mehrere Deutsche, die um von Möllers Ankunft wußten, begrüßen ihn.

Es regnet Einladungen. Nach wenigen Tagen schon sind wertvolle

Bekanntschaften geschlossen. Er wird in den Simpangklub und in die

„Witte Sozietät“ eingeführt, besucht die Erholungsheime, die deutsche,

in Surabaja ansässige Kaufleute den Mannschaften der hier vor Anker

liegenden deutschen Dampfer in den Bergen errichtet haben. Wie im Fluge

vergeht die Zeit. Zwar besteht auch hier Aufsicht, sie wird aber nicht

so schwer empfunden wie in Batavia, weil sich die Landsleute so rührend

um ihn sorgen. Das wichtigste aber ist: Auf der Reede liegen mehrere

deutsche Dampfer. Auch die gute „Machew“ ist darunter, der er sein

glückliches Entkommen aus Hongkong verdankt. Unbestimmt vorerst taucht

der Gedanke an Flucht, der nie geschlummert hat, in ihm auf. Von Tag

zu Tag nimmt er stärkere Formen an, verdichtet sich. Ist es einmal mit

Hongkong so gut geglückt, kann es wohl hier ein zweites Mal gelingen!

Weddigen

Kapitänleutnant v. Möllers letzte Fahrt · 第 3 / 7 段