das doch eigentlich gar kein Kriegsschiff war, mit dem man wohl
chinesische Rebellen und Räuber verscheuchen, aber nimmer Krieg führen
konnte, ein Schiff, das sich nicht einmal aus der Dreimeilenzone
hinauswagen durfte, weil es nur für die Flußfahrt gebaut war und bei
leichtem Seegange schon dem Untergange geweiht sein mußte. Zu Hause
da waren sie jetzt wohl begeistert, da brauste das „Deutschland über
alles“, „Die Wacht am Rhein“ und „Haltet aus“ in die Lüfte. Hier
durfte man das nicht, hier im neutralen Lande mußte man ruhig scheinen
und seinen Grimm in sich hineinfressen. Zu Hause, da zogen sie jetzt
hinaus in Feindesland, da jubelten sie ihrem Kaiser zu! Hier durfte
man das nicht ... Die Brüder und Verwandten, die Kameraden bereiteten
sich jetzt wohl schon auf den langerwarteten Kampf gegen den Feind,
gegen das Volk, für das unsere Flotte nur „Willys Spielzeug“ war, vor:
gegen England! -- Gegen England? -- -- Da wären also die Männer, mit
denen man vor wenigen Wochen noch an einem Tisch saß, die so gern der
deutschen Kameraden Gastfreundschaft genossen -- -- Feinde? Gerade die,
mit denen man draußen so gern umging, weil man bei ihnen das meiste
Verständnis fand! -- -- Auf die soll man also jetzt schießen, sie
vernichten und töten? Die Kameraden von gestern. --
Das schöne Hongkong. -- Der Peak -- die Bowenroad, mit ihrem
wundervollen Blick auf den Hafen -- Happy Valley. Abends dann der
Klub, das nette Familienleben! Nicht nur bei den Deutschen. Da war in
Hongkong ein Mädel, ein liebes, süßes, kleines Mädel, gertenschlank,
mit blonden Haaren und blauen Augen, das noch kurz vor der Abfahrt
gesagt hatte, es dächte viel an das „~Little german boat~“, -- das war
ja nun auch wohl Feindin?
Der nächste Morgen sieht die „Tsingtau“-Leute bei harter Arbeit.
In aller Eile müssen die Vorräte des Schiffes aufgefüllt, Kohlen,
Proviant und sonstiges Material an Bord geschafft werden, um allen
Zufälligkeiten begegnen zu können. Der an Land wohnenden Europäer hat
sich seit mehreren Tagen schon eine gewisse Aufregung bemächtigt, alles
spricht vom Krieg, nicht offen, hinter allen Äußerungen aber birgt
sich die Befürchtung, daß er seine furchtbare Wirkung auch auf das
Wirtschaftsleben ausdehnen würde, daß zahllose alte Handelsbeziehungen,
die im Laufe der Jahre gute Freundschaften geworden waren, mit einem
Schlage zerschnitten würden. Es ist wohl ausgeschlossen, daß der Krieg
selbst hier nach China übergreift. Sein Ausgang wäre später vielleicht
von einer gewissen Bedeutung für das Land, da könnte die ~Pénétration
Pacifique~ vom Süden vordringen, oder der rassenverwandte Japaner würde
vielleicht versuchen, weitere Absatzgebiete an sich zu reißen, wenn
er nicht schon vorher in müheloser Arbeit -- sind die Europäer doch
mit sich selbst beschäftigt -- das tausendjährige Reich knechtet und
ausbeutet. Denn was vom Japs zu erwarten ist, das hat er während der
Revolution in Südchina in seiner ganzen brutalen Rücksichtslosigkeit
gezeigt und bewiesen: daß ihm die chinesische Staatshoheit nichts
weiter als ein leerer Begriff ist.
Das Leben auf dem Flusse zeigt das gewöhnliche Bild. Heiß strahlt
die Sonne vom Himmel herab auf die gelben Wellen. Schwer beladene,
rotgestrichene Petroleum-Dschunken, auf denen die Blechtinns sich
bis unter die Segel häufen, kommen stromaufwärts, andere mit Häuten,
Holz und Vieh ziehen nach See zu. Vom Westen tauchen Rauchwolken
auf, die sich in schneller Fahrt der Stadt nähern. -- Kriegsschiffe
-- Kanonenboote. Bald verrät die Form sie als die beiden Franzosen
„Vigilante“ und „Argos“. Wie werden sie sich verhalten, wenn sie hier
in der Nähe des deutschen Kriegsschiffes vor Anker liegen? -- Jetzt
sind sie querab. Schrille Pfiffe tönen auf allen drei Fahrzeugen.
Die Mannschaften an Deck unterbrechen die Arbeit und machen Front,
Kommandanten und Offiziere berühren mit der rechten Hand leicht zum
Gruß die Mütze. Ein erneuter Pfiff hüben und drüben, und in schneller
Talfahrt, ohne Unterbrechung, sausen die Franzosen weiter. Sollte
die Unruhe in Europa etwa die Cantonesen angesteckt haben und das
südchinesische Pulverfaß wieder vor einer Explosion stehen?
Weitere Telegramme treffen im Laufe des Tages ein. Die Schicksalsstunde
Europas bricht herein, kurze Zeit nur noch kann es dauern, bis der
erste Schlag fällt.
S. M. S. „Tsingtau“ ist seeklar. Am 1. August gleitet sie beim
Morgengrauen in einer bisher unübertroffenen Geschwindigkeit
stromabwärts nach Canton. Die vierhundert Kilometer bis dahin sollen in
einem einzigen Tagesmarsch zurückgelegt werden.
Weiter und weiter treten die Berge zurück, bis sie schließlich in
blauer Ferne verdämmern. Gewaltig dehnt sich der Spiegel des Stromes,
wo früher Reisfelder sich breiteten. Wie Inseln ragen dunkelgrüne
Bambushaine, Tempelbauten und Pagoden aus dem Wasser hervor.
Zahlreiche Flüchtlinge haben sich mit ihrem Vieh hierher gerettet. Aus
kümmerlichen Schilfmatten haben sie sich notdürftige Unterkunftsstände,
die ihnen Schutz gegen die Unbilden der Witterung bieten, geschaffen.
Schwere Tage für die Armen. So unvermutet und plötzlich ist das Wasser
hereingebrochen, daß sie kaum das nackte Leben zu retten vermochten.
An Lebensmittel konnte keiner denken; nun dürfen sie hungern, bis das
Wasser abfließt. Von der Regierung kommt ihnen keine Hilfe.
Um einen vorspringenden Huck kommt einer der flachgehenden Flußdampfer
in Sicht. Von weitem schon kündet sich das Brausen an, mit dem
klatschend die riesigen Schaufelräder das Wasser hinter sich drücken.
Nur langsam kommt er gegen den Strom an. Eine ungeheure Rauchwolke
quillt aus dem Schornstein, zieht nach Land zu und scheint sich als
eine endlose schwarze Fahne zu verlieren. Als die beiden Schiffe noch
etwa anderthalb Seemeilen voneinander entfernt sind, gehen auf dem
vordersten Mast des Dampfers Signalflaggen hoch. Noch sind sie nicht
auszumachen, da der Westwind sie nach achtern auswehen läßt. Jedenfalls
aber ist das Signal für die „Tsingtau“ bestimmt, die nun etwas nach
Steuerbord ausschert, um das Signal ablesen zu können. Weithin leuchten
die riesigen chinesischen Schriftzeichen: Dampfer „Whampoa“ aus
Hongkong ... also ein Engländer. Am Heck flattert die rote Fahne mit
dem Union-Jack. Der Steuermannsmaat, der das internationale Signalbuch
eifrig wälzt, hat jetzt das Signal gefunden: „Habe wichtige Post für
Sie.“ Die Schiffe nähern sich, und „Tsingtau“ schlägt einen Bogen,
um sich auf der Höhe des „Whampoa“ zu halten. Beide Schiffe sind aus
der Strömung in ruhigeres Wasser gelaufen, um so das Anbordnehmen der
Post zu erleichtern. Gleich darauf stößt auch vom Engländer ein von
Chinesen bedientes Boot ab; am Heck hat ein Europäer Platz genommen.
In wenigen Minuten ist das Boot geschickt längsseit gebracht, und
der Sekretär des deutschen Konsulats in Canton kommt mit Post für
den Kommandanten an Bord. Kaum ist das kleine Fahrzeug wieder drüben
aus dem Wasser geheißt, als auch schon die Räder mit voller Kraft zu
schlagen beginnen und der Dampfer seine Fahrt stromaufwärts fortsetzt,
während „Tsingtau“ nach Osten jagt. Während Kapitänleutnant von
Möller die Post öffnet, umringt die Mannschaft den an Deck stehenden
Konsulatsbeamten, um ihn nach neuesten Nachrichten, die aus Europa
eintreffen, auszuforschen. Was er erzählt, läßt kaum noch einen Zweifel
zu. Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit Serbien. Englands
Haltung ist heute wohl noch unbestimmt, aber ... Während in den sofort
sich bildenden Gruppen alle Möglichkeiten, was aus „Tsingtau“ und
ihnen selbst werden soll, erörtert werden, erscheint der Kommandant
auf der Brücke und läßt „Klar Schiff“ anschlagen. „Tsingtau“ macht
gefechtsklar. Also Krieg! -- Auch hier im fernen Osten! Nach einer
halben Stunde etwa sind die Vorbereitungen beendet, und „Tsingtau“ ist
bereit, einem Gegner, der sich ihr auf dem Strom stellt, die Zähne zu
zeigen. Ohne Zwischenfälle aber geht die Fahrt weiter. Die Dunkelheit
bricht herein, die Lichter von Canton tauchen auf, und gleich darauf
auch blitzen unter grünen Bäumen die erleuchteten Häuser von Shamien,
der Fremdenniederlassung auf der gleichnamigen Insel, im Süden der
Stadt herüber. Zahlreiche Dampfer liegen auf dem Strom vor Anker. An
ihnen vorbei gleitet „Tsingtau“. Scharfe Augen spähen durch die Nacht.
Richtig, drüben, kaum hundert Meter ab, liegen die beiden französischen
Kanonenboote. Deutlich sind alle Einzelheiten an Deck drüben zu
erkennen. Offiziere und Mannschaften tauchen aus dem Innern an Deck auf
und verfolgen aufmerksam das Schiff, das langsam an ihnen vorüberzieht.
Eisiges Schweigen hüben und drüben. Kein Pfiff ruft die Mannschaft
zur militärischen Ehrenbezeigung, keine Hand hebt sich zum Gruße. --
Feinde! In der Heimat, Tausende von Meilen entfernt, brüllen wohl
schon die Geschütze, dröhnt das Hurra der stürmenden Kameraden.
Wenige Minuten später liegt S. M. S. „Tsingtau“ vertäut an ihren Bojen.
Von Land stoßen Boote ab. Weitere Nachrichten kommen, die aber an den
Entschlüssen des Kommandanten nichts mehr ändern. Still und ruhig
liegt das Schiff. Nichts unterscheidet es äußerlich von dem Bilde, das
es von früheren Tagen bot. Aus den auf dem Oberdeck liegenden Messen
und Wohnräumen blitzt mitunter ein Lichtstrahl auf das dunkle Wasser
des Cantonflusses hinaus, eine Tür öffnet sich, schließt sich rasch
wieder; desto reger aber ist das Leben im Innern des Schiffes. Eifrig
kramen und suchen die Leute an ihren Kleiderspinden, schnüren Bündel,
packen ein und wieder aus. Eine schwere Arbeit, unter dem Vielen, das
sich trotz des beschränkten Raumes angesammelt hat, das Wertvollste
herauszufinden. Nur zu oft wandert so manches Stück aus dem Spinde
heraus, um schließlich doch mit einem Seufzer schweren Herzens wieder
zurückgelegt zu werden. Es geht nicht. Nur das Notwendigste darf
mitgenommen werden, lautet der Befehl.
Dunkel, in tiefer Stille brütet die Nacht über dem Strom. Aus weiter
Ferne nur klingt gedämpft das Rattern einer Winde, das dumpfe Tuten
einer Dampfpfeife herüber. Vier Glas, zwei Uhr morgens. Unter Deck
ist die Mannschaft angetreten. Der Kommandant will sich von ihnen
verabschieden. Wer weiß für wie lange? Für immer vielleicht? -- Schwere
Minuten, die jedem Einzelnen von ihnen unauslöschlich im Gedächtnis
bleiben werden.
„Achtung!“ Gedämpft klingt es diesmal, nicht scharf, schneidig, wie
sonst.
Der Kommandant.
„Zusammenschließen! Rührt euch!“
Der Abschied. Lange haftet der Blick Kapitänleutnants von Möller an
den Leuten, deren jeden einzelnen er genau kennt. Sie merken, wie
unendlich schwer ihm das wird, was er sagen will, wie es in seinem
Innern arbeitet, wie er nach Worten sucht, um sie fühlen zu lassen, wie
inhaltsvoll der Augenblick ist.
„Kameraden! Ihr wißt wohl Alle, zu welchem Zweck ich euch hierher
befohlen habe. Unser Allerhöchster Kriegsherr hat gestern die
Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet. Trotz aller seiner
Friedensliebe ist es ihm nicht gelungen, den Ausbruch des Krieges
zu verhindern. Vom Westen und Osten stürmen die Feinde auf uns und
unsern treuen Verbündeten Österreich-Ungarn ein. Noch hat England
sich nicht entschieden, jede Stunde aber kann es in die Reihe unserer
Gegner führen. Wir sind allein. Das Kreuzergeschwader steht in der
Südsee, wir sind nur auf uns angewiesen. Ihr wißt alle, daß wir mit
unserm Schiff keine Gelegenheit haben können, dem Feinde im Kampfe
gegenüberzutreten. Untätig zuzusehen, wie die Kameraden sich für
Deutschlands Ehre und Ruhm schlagen, ist aber nicht deutschen Seemanns
Art. Die Heimat ist unerreichbar, zu weit. Ein Stück deutscher Boden
aber liegt auch hier im fernen Osten. Ihr sollt versuchen, euch nach
Tsingtau durchzuschlagen. Sollte es auch dort zum Kampfe kommen, so
werdet ihr sicher bald Gelegenheit finden, zu beweisen, daß auch ihr
für die deutsche Flagge zu kämpfen und zu sterben wißt. Ihr seid von
der „Tsingtau“! -- Vergeßt das nicht. Haltet zusammen. Ich weiß, daß
ich nur Gutes von euch hören werde. Und nun geht mit Gott!“ -- -- --
Der Morgen graut, dichte Nebel liegen über dem Flusse, leise,
geräuschlos lösen sich mehrere Boote von dem Schiff und streben dem
nahen Lande zu ....
Am 19. August, bei Bekanntwerden des japanischen Ultimatums ist die
ganze Besatzung schon mehr als zweitausend Kilometer von ihrem Schiff
entfernt, um das Stück Heimat, das Stückchen Deutschland im fernen
Osten, das ihrem Schiffe seinen Namen gegeben hat, mit ihren Leibern
und mit ihrem Blute gegen weiße und gelbe Habgier und Raublust zu
verteidigen.
Nach Manila
Seit einer Viertelstunde schon schlendert ein baumlanger, schlanker
junger Mensch vor dem Bahnhof in Canton auf und ab. Die straffe Haltung
und das gebräunte Gesicht verraten schon von weitem den Offizier.
Ungeduldig spähen die scharfen Augen die breite Straße hinunter, die
von der Station nach der Stadt führt. Endlich erscheint dort, gerade
als die Ungeduld des Wartenden auf dem Höhepunkt angelangt ist, ein
Rikschamann mit seinem mit Gepäck beladenen Karren.
„Kwai, kwaiiii! Schnell, los, los! Mach’ doch endlich, daß du
herankommst, du langweiliger Kerl!“ Kaum hört der Chinese den Ruf und
wird des Europäers ansichtig, als er auch seine letzte Kraft anspannt.
In rasendem Laufe windet er sich durch das Gedränge, überquert den
Platz und setzt endlich mit einem erleichterten Seufzer die Gabel vor
dem Eingangstor der Station nieder. In hellen Strömen rinnt ihm der
Schweiß über das gelbe Gesicht und den nackten Oberkörper. Während er
noch grinsend das über Erwarten hohe „Teegeld“ einstreicht, springt ein
anderer Chinese herzu, faßt das Gepäck und schleppt es auf einen Wink
zur Zollabfertigungsstelle. Kapitänleutnant von Möller hat am frühen
Morgen sein nach dem Abzug der Mannschaft so still gewordenes Schiff
verlassen, um sich zunächst mit der Bahn nach Hongkong zu begeben.
Ruhig, gelassen schreitet er jetzt hinter dem Kuli den Zollschranken
zu. Eine unangenehme Geschichte, diese Zolluntersuchung, bei der jeder
Koffer durchwühlt wird. Die Beamten hier brauchen nicht gerade alles zu
wissen, was sich in seinem Gepäck birgt. Na, so arg scheint es ja auch
nicht werden zu wollen. Der erste Koffer wird geöffnet. Einige Fragen
des chinesischen Beamten nach Opium und ähnlichen verbotenen Dingen
werden zufriedenstellend beantwortet, eben klappt der Deckel wieder
herunter, als aus dem Hintergrunde eine scharfe Stimme ertönt. Erregt
tritt ein europäischer Beamter heran und befiehlt dem Chinesen barsch,
die Sachen nochmals gründlich zu durchsuchen. Ein kleines, schmächtiges
Kerlchen mit kohlschwarzem Knebelbarte, dessen greuliche Aussprache
schon beim ersten Wort den Franzosen verrät. Längere Zeit hat er von
seiner dunklen Ecke, in der er sich vorher verborgen hielt, die alles
überragende Gestalt von Möllers beobachtet, in dem sein Argwohn einen
Deutschen vermutet, der im Begriff steht, nach Europa in den Krieg
zu gehen. Wie ein wildgewordener Truthahn schießt er an die Schranke
heran, schimpft über seinen nachlässigen Untergebenen: Was getan
werden kann, dem Deutschen Schwierigkeiten in den Weg zu legen, soll
geschehen. Auch das kleinste, harmloseste Stückchen soll hervorgekramt,
untersucht werden. Wenn der Passagier darüber den Zug versäumt und in
Hongkong das vielleicht letzte Schiff -- wer weiß, ob England nicht
morgen schon Farbe bekennt -- ohne ihn abgeht, ist wenigstens einer
unschädlich. Offen freilich wagt er sich an den Riesen nicht heran,
aber der gehässige Seitenblick, der den Deutschen streift, spricht
Bände. Die Sache kann böse werden. Daß der Halunke ganze Arbeit macht,
ist sicher. Noch aber ist nicht alles verloren.
„Was abben Sie in Ihre Bagage?“ In ganz leidlichem Deutsch stellt er
die Frage. Keine Antwort. Der Monsieur wiederholt bedeutend gereizter:
„Ick bitte mir su sagen, was Sie abben in die Bagage ier?“
Ein erstaunter, verwunderter Blick trifft den Kleinen.
In tadellosem Englisch kommt es aus dem Munde von Möllers:
„~What do you mean, Sir?~“ Der Franzose stutzt einen Augenblick, dann
zieht sich sein dunkles Gesicht in verbindliche Falten.
„~Oh, you are English, Sir, I see! You are going to Hongkong? It’s
all right, Sir!~“ Und diensteifrig schließt der Zollbeamte, der eitel
Sonnenschein geworden ist, die Koffer. Nicht eine Miene hat der
vermeintliche Engländer während der ganzen Szene verzogen. Als er aber
mit seinem Gepäck draußen auf dem Bahnsteig ist, kann er einen leisen
Seufzer der Erleichterung doch nicht unterdrücken. Na, das wäre ja
diesmal noch gegangen! -- --
Nur wenige europäische Passagiere sind am Zuge, so daß der Kommandant
der „Tsingtau“ ein Abteil für sich allein angewiesen erhält. Um so
toller und lärmender geht es vor der dritten Klasse zu, wo starker
Andrang von Chinesen herrscht. Mit ungeheurem Gepäck rücken sie an,
ganze Betten schleppen sie in den Wagen, aus dem laute Protestrufe
ertönen. Ein unaufhörliches Auf und Ab, ein Schnattern und Rufen, daß
die Ohren gellen. Der Gedanke, daß der Zug auch wirklich pünktlich
abfahren will, hat in ihren Köpfen keinen Raum. Erst das energische
Dazwischentreten des Stationsvorstehers schafft Ordnung. Endlich ist
es so weit. Ein Pfiff, ein Ruck, und der Zug setzt sich in Bewegung.
In eine Ecke zurückgelehnt, fast teilnahmlos sitzt Kapitänleutnant von
Möller mit geschlossenen Augen da. Draußen gleitet die chinesische
Landschaft vorbei, weite Felder, Flüsse, Städte, Pagoden, der Zug
hält, neue Passagiere steigen ein und aus. Ein amerikanisches Ehepaar,
anscheinend auf der Hochzeitsreise, nimmt ihm gegenüber Platz. Sie
haben keine Augen für den Mitreisenden, und dem ist das sehr recht.
Unablässig arbeiten die Gedanken in seinem Hirn: was werden die
nächsten Stunden bringen, wie sieht es in Hongkong aus? Ist England
noch neutral? Gerade Hongkong ist für ihn heißer Boden, doppelt
gefährlich. Oft schon hat er mit „Tsingtau“ dort geankert, eine ganze
Reihe von englischen Bekanntschaften gemacht. Und eine Verkleidung,
wie sie die Kameraden vorhaben, ist bei ihm schon seiner Größe wegen
ziemlich zwecklos. Irgendeiner der Hafenbeamten, dieser oder jener
englische Offizier würde ihn ja doch sofort erkennen. Da ist es mit
dem Trick, der dem kleinen Franzosen gegenüber seinen Zweck so schön
erfüllte, nicht abgetan. Ob die Engländer noch ein Schiff aus dem Hafen
lassen, ob es überhaupt noch ein Wegkommen gibt?
Glücklicherweise trifft der Zug am Bahnhof in Kaulun ein, als es
schon dämmert. Unangefochten kommt er aus dem Stationsgebäude
heraus. Draußen wimmeln ein paar Kerle herum. Zwei werden gegriffen,
erhalten das Gepäck aufgepackt und recht laut und deutlich das Ziel
angegeben, so daß die Umstehenden es auch hören können: „Nach dem
englischen Klub!“ Daß der Auftraggeber sich die Geschichte später
anders überlegt und zufällig den Weg nach dem deutschen Konsulat
einschlägt, ist den Kulis nur angenehm: kostet doppelte Taxe. Gar zu
groß ist die Wahrscheinlichkeit allerdings nicht, daß man ihn hier
vermutet. Die Engländer wissen genau Bescheid, wo die „Tsingtau“ in
diesem Augenblick liegt, denken gar nicht daran, daß die Besatzung
schon weit weg ist und ihr Kommandant soeben durch die dunklen Straßen
Kauluns eilt. An Speichern, Kasernen und Hotels geht es in schnellem
Schritt vorbei, dann liegt der Hafen vor ihm. Hunderte von Lichtern
schimmern auf dem ungeheuren Becken, dahinter blitzen und leuchten die
hellen Fensterreihen der Häuser Hongkongs, die sich terrassenförmig
die Berghänge hinaufziehen, durch die Nacht. Die feurige Schlange,
die drüben in schneller Fahrt zum Horizont zu klettern scheint, ist
die Drahtseilbahn, die Tram, wie das Volk sie hier nennt. Von der
Signalstation auf dem Peak flammen farbige Lichter, Zeichen über ein-
und auslaufende Schiffe. Gleich dahinter liegen riesige Kasernen in
tiefem Dunkel. Was mag die Garnison jetzt wohl tun? Treffen sie schon
die Vorbereitungen zum Abtransport nach Europa, oder denkt England noch
nicht an Feindseligkeiten?
Die Fähre legt an. Schnell ist von Möller mit seinen beiden
chinesischen Begleitern an Bord. Wenige Minuten später hat das Boot
den Hafen überquert und am Kai von Hongkong gelandet. Vorbei an Queens
Building und am Hongkonghotel führt der Weg jetzt in die Queens
Road, die Hauptverkehrsstraße Viktorias. Brausendes Leben strömt ihm
entgegen, eine wahre Flut von Licht. Geschäftsladen an Geschäftsladen,
hellerleuchtete Schaufenster, ein Gewimmel von Fußgängern aller
Farbenschattierungen: Gelb, braun, bis hinunter zum tiefsten Schwarz.
Weiße und farbige englische Soldaten und Matrosen schlendern lässig
dazwischen, elektrische Bahnen sausen vorbei, Sänftenträger, die ihre
Insassen nach den Klubs und Hotels bringen: Dinnerzeit. An einer
Ecke haben die Blumenhändler ihre Verkaufsstände. Die herrlichsten
Orchideen und Chrysanthemen, Rosen von märchenhafter Pracht halten
sie feil. Hier biegt von Möller in die stille Seitenstraße ein, die
bergaufwärts führt. Wenige Schritte noch bis dahin, wo sich die Straße
gabelt, dann hält er an. Das Ziel ist erreicht, hier liegt das deutsche
Konsulat. Kaum ein Lichtschein dringt aus den Fenstern. Freudig wird
der Ankömmling aufgenommen, die Kulis werden entlohnt. Die erste Frage
nach der Begrüßung lautet: „Wie steht’s mit England?“ Ein Achselzucken
antwortet ihm. „Heute noch nicht!“ Dann ein erleichtertes „Gott sei
Dank! Da komme ich noch weg.“ Freilich, Zeit ist nicht zu verlieren.
Wie im Fluge gleiten die Stunden. Viel gibt’s zu erzählen, zu fragen,
zu besprechen. Es ist schon spät, als von Möller nach herzlicher
Verabschiedung das Haus verläßt und mit langen Schritten dem Murray
Pier zueilt. Draußen auf der Reede liegt der deutsche Dampfer
„Machew“, der am nächsten Morgen nach Manila auslaufen will. Die
letzte Gelegenheit vielleicht, noch wegzukommen. Jede Stunde ist
kostbar. Stockfinster ist es am Ufer, die Laternen, die um das
Viktoriadenkmal stehen, werfen nur kümmerlichen Schein bis hierher.
Kaum zweihundert Meter von Land entfernt schimmern die Lichter der
„Tamar“, des alten englischen Dreideckers herüber, des Wahrzeichens
des Hafens von Hongkong. Eine Pinasse legt soeben bei ihr an, der
Fallreppspfiff ertönt. Offiziere steigen an Bord und verschwinden
unter Deck. Nach der Kaulunwerft zu liegt ein großer Passagierdampfer,
dessen hellerleuchtete Promenadendecks einladend zu winken scheinen.
Von der Nordeinfahrt her kommt in ruhiger Fahrt ein Frachtdampfer
vorbei. Nur die Laternen an den Masten brennen, und der rote Schein des
Backbordseitenlichts ist wahrzunehmen.
Vom Quai führen Steintreppen nach dem Wasser hinunter. Dort liegen
gewöhnlich die Zampans, die den Verkehr im Hafen vermitteln. Ein paar
Schritte nur, und die Stelle ist erreicht. Kein Boot! Weit und breit
dehnt sich nur das schwarze Hafenwasser. Halt! Dort in der Ecke liegen
dicht zusammengedrängt mehrere Dschunken und Boote.
Zampan! Zampaaaan! .... schallt es gedämpft in die Nacht hinaus. Nichts
rührt sich.
Zampaaaaan! ... Alles bleibt ruhig, nur die Wellen von einem
vorbeifahrenden Frachtdampfer glucksen und plätschern gegen die
Granitquadern des Kais.
Ein schwerer Schritt hallt in der Ferne, kommt heran. Eine hohe Gestalt
löst sich aus der Dunkelheit: Ein indischer Polizist. Ein baumlanger
Sikh, dessen spindeldürre Beine von Wickelgamaschen umschlossen sind,
ganz in Khaki gehüllt, stelzt herbei. Sobald er den Europäer sieht,
nimmt er militärische Haltung an.
„~No Zampan to-night, Sir!~“ Nanu, es gibt heute Nacht keine Zampans?
Der Inder, der das Staunen auf dem Gesicht von Möllers, den er wohl für
einen englischen Offizier hält, bemerkt wiederholt sein „~no Zampan
to-night!~“ und erklärt dann in gebrochenem Englisch, daß von heute ab
kein Zampan nachts fahren dürfe.