Ein Kommando. Ein wildes Geknatter, das eine Salve darstelle

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1917 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;

fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. Wortvarianten,

insbesondere bei Ortsnamen, wurden nicht vereinheitlicht.

Die Umlaute Ä und Ü in Großbuchstaben werden im Original teilweise

als deren Umschreibung (Ae, Ue) dargestellt. In der vorliegenden

Bearbeitung wurde deren Schreibweise zu Ä und Ü vereinheitlicht.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere

Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

unterstrichen: _Unterstriche_

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Kapitänleutnant

v. Möllers letzte Fahrt

[Illustration]

Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten.

Copyright 1917 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.

Kapitänleutnant

v. Möllers letzte Fahrt

Von

+K. E. Selow-Serman+

+1. bis 100. Tausend+

Druck und Verlag von August Scherl G. m. b. H.

+Berlin+

Inhalt

Seite

Tsingtau-Lied 7

Auf dem Hsikiang 9

Hochwasser 20

Krieg 40

Nach Manila 50

Interniert 66

Weddigen 76

Wieder interniert 85

Im Mauritius-Orlan 94

In die Wüste 111

[Illustration: Kapitänleutnant v. Möllers letzte Fahrt]

Tsingtau-Lied

Verfaßt von Kapitänleutnant v. Möller

In Hongkong die Winde,

Sie wechseln geschwinde,

Mal lau und gelinde,

Mal heftig, mal rauh.

Umgeben von Riffen,

Von Bojen und Schiffen,

Ein bißchen bekniffen,

Da liegt die Tsingtau.

Der Pik, der schaut munter

Auf dies Kunterbunter

Von oben herunter,

Auf glitzerndes Blau.

Die Wolken, sie schweben

Am Pik, bleiben kleben

Und unten bleibt eben

Allein die Tsingtau.

Im Delta da fahren

Die Dschunken zu Paaren,

Die Zampans in Scharen

Und machen Radau,

Doch leis und bedächtig,

So grau und so prächtig,

Bewaffnet und mächtig

Erscheint die Tsingtau.

Im Westfluß, da fährt sie,

Viel Freude beschert sie,

Viel Wasser begehrt sie

Bis rauf nach Lungtschau.

Und jeder verehrt sie,

Den Handel vermehrt sie,

Doch Kohlen verzehrt sie,

Die kleine Tsingtau.

Man lebt auf dem Lande,

Man badet am Strande,

Man schwimmt auf dem Sande,

Man trinkt auch Kakau.

Man dreht die Maschinen,

Man spielt Mandolinen,

Das ganze heißt dienen

An Bord der Tsingtau.

Wo Deutsche auch wohnen,

Da zeigt man Kanonen,

Besucht die Missionen,

Die Zeiten sind mau,

Wenn bei den Chinesen

Ein Totschlag gewesen,

Dann schrei’n Kantonesen:

Wo bleibt die Tsingtau?

Die Zeit geht behende,

Sie ist bald zuende,

Adieu liebe Sände,

Adieu mein Tsingtau,

Zur Heimat geht’s wieder,

Zu Mutter und Brüder,

Wir kehren nicht wieder

Zurück zur Tsingtau.

[Illustration: Kapitänleutnant v. Möller †

Kommandant S. M. S. „Tsingtau“]

Auf dem Hsikiang

Ein leichtes Knirschen unter dem Schiffsboden ... einige kurze Stöße

... ein scharfer Ruck ... „S. M. S. Tsingtau“ sitzt auf einer Sandbank

fest.

„Beide Maschinen Stopp!“

Braunes Wasser quirlt zu beiden Seiten und am Heck auf, ganze Lehm- und

Schlickklumpen kommen hoch. Das Schiff ist festgekommen. Bisher war

die Reise, seit der Abfahrt von Kongmoon, wo Schießübungen abgehalten

wurden, glatt verlaufen.

„Eine verteufelte Geschichte!“ wendet sich der Kommandant,

Kapitänleutnant v. Möller, an seinen neben ihm auf der Brücke stehenden

Wachtoffizier, Leutnant z. D. v. Wenckstern. „Wenn das Wasser nicht

bald steigt, sehe ich schwarz für unsere Ankunft in Wutschau!“

Am Bug, am Heck und an den Seiten sind ein Dutzend Leute damit

beschäftigt, mit gemarkten Stangen die Wassertiefe zu messen und

festzustellen, wo das Schiff aufsitzt. Vorne weist das Wasser schon

wieder zwei Meter Tiefe auf. Die Sandbank, die nach Steuerbordseite

abfällt, beginnt in der Höhe der Brücke. Vom Schornstein bis fast zum

Heck muß „Tsingtau“ festsitzen: keine 90 Zentimeter Wasser! Während auf

der Brücke nach den Peilungen überlegt wird, wie das Schiff loskommen

kann, klingt’s von unten in unverfälschtem Hamburger Platt herauf:

„Du Koarl, willt wi beid’ mol öwer Board jumpen unn ein losschuwen?“

Prompt kommt die Antwort zurück: „Tja Hein, denn will ick öwer erst min

Boadeanzug antrekken!“

Ein leises Schmunzeln oben auf der Brücke.

„Steuerbord 10, beide Maschinen Äußerste!“

Wieder färbt sich der Strom unter dem dunkelbraunen Sand und Schlick,

den der Schraubenwirbel vom Grunde hochjagt; keine Bewegung aber kommt

in das Schiff. Schwer lastet „Tsingtau“ auf dem Sande, die Landmarken

bleiben unverändert.

„Stopp! Beide Maschinen große Fahrt rückwärts!“ Eine halbe, eine ganze

Minute peitschen die Schrauben das Wasser.

„Stopp! Beide Maschinen äußerste Kraft voraus!“ Da! Ein leises,

kaum merkbares Zittern. Das Schiff neigt sich nach Steuerbord über,

knirschend rutscht es von der Sandbank herunter, liegt grade, ist

frei! Mit halber Fahrt, äußerst vorsichtig, wird der Weg stromaufwärts

fortgesetzt.

Das in Südchina stationierte Flußkanonenboot „Tsingtau“ ist am 16. Mai

1914 von Kongmoon in der Mündung des Hsikiang (Westfluß) abgegangen,

um von Wutschau aus Erkundungsfahrten in unbekannte Flußgebiete der

Provinz Kwangsi vorzunehmen und die deutsche Kriegsflagge dort zu

zeigen. Eine für Offiziere und Mannschaften des kleinen Fahrzeugs

äußerst interessante, aber keineswegs leichte Aufgabe. Der älteste

Mann an Bord ist kaum Mitte der Dreißig, allen wohnt der Drang, der in

jedem Deutschen sitzt, inne, Fremdes zu schauen, Neues, Ungewohntes

zu erleben. Jeder freut sich der kommenden Tage, die sicherlich

Zwischenfälle der mannigfachsten Art bringen werden. Nur wenige größere

Städte weist die Karte auf, was dazwischenliegt, ist unbekanntes Land.

Die kühnsten Hoffnungen werden an die Fahrt geknüpft: Jagdabenteuer,

Fischerei, Zusammentreffen mit Piraten, Erwerb echt chinesischer

Raritäten; je nach Liebhaberei.

Langsam gleitet „S. M. S. Tsingtau“ gegen die Strömung an. Vom Löß, dem

chinesischen Lehm gefärbt, wälzen sich die gelben Fluten in schnellem

Laufe dem Meere zu. Voraus kommt eine Dschunke in Sicht. Das riesige,

gezackte, braune Segel leuchtet im hellen Sonnenschein schon von weitem

herüber. Zwei ungeheure Glotzaugen sind in grellen Farben zu beiden

Seiten des Bugs aufgemalt. Fast unheimlich ist der Eindruck, als schöbe

sich irgendein phantastisches Seeungeheuer herauf. Bis unter das Segel

türmt sich die Ladung, die aus Ballen getrockneter Häute besteht.

Stumpfsinnig hockt die Mannschaft an Deck herum. Eine unheimliche

Gesellschaft, mit der man im Anfang so gar nichts anzufangen weiß, weil

sie sich gleichen, wie ein Ei dem andern. Alle scheinen die gleichen

starren Gesichter zu haben, auf denen nicht die geringste Regung

eines eigenen Innenlebens zu erkennen ist. Alle tragen sie das blaue,

billige Nankingzeug. Erst wenn man sie länger kennt, lernt man sie

unterscheiden.

Gleichgültig schweifen nüchterne Augen von drüben über das Kriegsschiff

hinweg ins Leere. Auf hohem achteren Aufbau steht der Mann am Steuer.

Schnell rauscht die Dschunke mit dem Strom vorbei, wie ein Bild aus

längst entschwundenen Jahrtausenden anmutend. Kein Laut, keine Bewegung

an Bord, als seien es nicht lebende Menschen.

Zu beiden Seiten gleitet das Ufer entlang. Bis zu fünfzehn Metern

hebt es sich stellenweise, kommt näher bald, um wieder weiter

zurückzutreten. Aus bläulichem Dunste leuchten in der Ferne Bergzüge

herüber, von deren Spitzen der kahle Fels im Sonnenglanze schimmert,

wie ewiger Schnee. Die Gegend ist ziemlich belebt, reger Verkehr

herrscht. Wie eine endlose Flut dehnen sich gelbe Reisfelder bis an den

Horizont, wo die Berge ragen. Zwischen schlankem, grünbelaubtem Bambus

glänzen helle Mauern einzelner Gehöfte, über denen sich Schilfdächer

wölben. Als Ansteuerungsmarken und gleichzeitig als Wahrzeichen der

Gegend dienen die eigentümlich geformten Pagoden, die sich auf kleinen

Anhöhen erheben. In strahlendem Sonnenschein liegt die Gegend. Auf

den Feldern arbeiten Leute, auf den Wegen ziehen ungefüge einräderige

Karren langsam dahin.

In einer stillen, schilfumstandenen Bucht sielen sich Wasserbüffel.

Bis an den Hals stecken sie in ihrem geliebten Schlamme, nur der wild

anmutende zottige Schädel mit den großen gutmütigen Augen sieht aus

dem Wasser hervor. Ruhig, gleichmäßig dösen sie, kaum daß der Kopf

sich dahin wendet, wo eben das deutsche Schiff vorbeizieht. Oben am

Ufer steht ein altes Tier, das erstaunt nach dem schnaubenden Ungetüm

herüberäugt. Ein kleiner, kaum vierjähriger Chinesenjunge, der mit

Wasser wohl kaum noch während seiner kurzen Erdenlaufbahn Bekanntschaft

gemacht hat, so dreckig ist er, sitzt auf seinem Rücken. Auch ihn

läßt das Schiff völlig kalt. Eine sture Gesellschaft! Fremd in ihren

Ansichten und der Auffassung vom Leben. Viele Jahrzehnte gehören wohl

dazu, sie aus ihrer unheimlichen Ruhe aufzustören!

Der Fluß verbreitert sich, die hier niedrigen Ufer treten zurück. Die

Strömung wird geringer, die Gefahr des Festkommens steigt durch die

Verflachung. Dauernd peilen die Leute von Deck aus die Wassertiefen.

Mit geringer Geschwindigkeit, äußerst vorsichtig setzt „Tsingtau“ ihren

Weg fort.

Weit voraus sind die Segel zweier Dschunken zu sehen, die quer zum

Strom fahren. Auf der oberhalb liegenden flammt ein Blitz, starker

Pulverqualm wälzt sich am niedrigen Bug auf, ein schwacher Knall kommt

herüber. Eine Kriegsdschunke, die soeben einen Piraten gefaßt hat. Daß

der Flußräuber selbst an der Arbeit ist, scheint ausgeschlossen, da ihm

das herankommende Kriegsschiff, dessen charakteristische Formen ihm

wohlbekannt sind, bei der Ausübung seines Handwerks etwas unheimlich

sein dürfte.

„Geschütze und Maschinengewehre klar!“ Ein eiliges Hasten an Deck,

Munition wird gemannt, die Geschütze werden geladen, Patronengurte in

die Maschinengewehre eingezogen.

Drüben geht die Jagd weiter. Vergebens versucht der Pirat das Ufer zu

erreichen, die schnellere Kriegsdschunke kneift ihm den Weg ab. Einen

Augenblick darauf scheint er seine Absicht geändert zu haben, will

stromabwärts entkommen. Einen Augenblick nur. Weiß er doch zu genau,

daß das ihm entgegenkommende Kriegsschiff ein viel gefährlicherer

Gegner ist als der bisherige Verfolger. Wieder blitzt es auf der

Kriegsdschunke auf, von der jetzt zwei bunte chinesische Flaggen

wehen. Ein Treffer. Die Vollkugel fährt aus dem uralten Vorderlader

und reißt einen erheblichen Fetzen aus dem Segel des Räubers, dessen

Geschwindigkeit sich mehr und mehr verlangsamt. Rasch nähern sich die

beiden Dschunken. Aufgeregt hetzt die Mannschaft an Deck des zuerst

herankommenden Piraten herum. Der Mann am Steuer wirft sich mit

voller Wucht gegen die Pinne, laute Kommandorufe, Schreien, Fluchen

tönt herüber. Weit mehr Leute scheinen an Bord, als zur Bedienung des

Fahrzeuges erforderlich sind. Alle in dem blauen Nankinganzug mit

nacktem Oberkörper. Geradezu verboten sehen sie aus. Einige versuchen,

auf dem achteren kleinen Mast ein Segel zu hissen, andere wieder

laufen mit Flinten eines anscheinend uralten Systems nach dem hohen

Aufbau und beginnen nach dem Verfolger hinüberzuschießen, der das Feuer

sofort erwidert. Ein wildes Geknalle hebt an, bald hier, bald da ein

Schuß, dann wieder eine ganze Salve. Schon jetzt ist zu sehen, daß die

Kriegsdschunke überlegen, ein Eingreifen der „Tsingtau“ also unnötig

ist.

Wieder saust eine Kugel heran, trifft auf Deck, mitten in den Knäuel

der zusammengedrängten Piraten, und schlägt ein halbes Dutzend Leute

zu Boden. Vierkant drehen sie auf Land zu, um wenigstens das nackte

Leben noch zu retten. Zu spät! Das zerfetzte Segel gibt dem Schiff

keine Geschwindigkeit mehr, näher und näher rauscht der Verfolger,

ununterbrochen feuernd, heran. In Todesangst -- wissen sie doch, was

ihrer harrt -- springt ein Teil der Leute über Bord. Die Strömung

faßt sie, wirbelt sie herum und entführt sie abwärts. Jetzt ist die

Kriegsdschunke heran, geht am Piraten längsseit und macht fest. Mit

Säbeln und Pistolen springen Soldaten herüber, bereit, jeden Widerstand

zu ersticken. Im Handumdrehen ist das Werk getan. Wer noch lebt,

wird gefesselt, daß er auch nicht ein Glied rühren kann, und wie

ein gefüllter Sack an Bord der Kriegsdschunke geworfen. Die meisten

freilich sind vorher schon unter den Kugeln gefallen oder ertrunken.

Dann wird das erbeutete Fahrzeug in Schlepp genommen und nach Wutschau

zugehalten, wohin auch S. M. S. „Tsingtau“ ihren Weg fortsetzt.

Eine riesige, zinnengekrönte Mauer umgibt die Stadt, aus deren

Mitte sich eine Anhöhe erhebt. Ein Gewimmel alter, halbverfallener

Häuser, schmaler, winkeliger Gassen und Gäßchen, aus denen nur selten

ansehnlichere Gebäude, die Sitze der Regierungsbehörden, ragen.

Besseren Eindruck macht des Geschäftsviertel zwischen der Mauer und dem

Fluß. Die Straßen sind reinlicher und breiter, die Häuser ansehnlich.

Längs des Ufers ist auf dem gelben Schlick die Kaimauer aufgeführt.

Einige Hulks europäischer Firmen, die Anlegeplätze der kleinen

Flußdampfer liegen dicht am Ufer vor mehreren Ankern am Bug und Heck.

Laufplanken führen an Land.

Eine Stunde nach dem Kampf der Kriegsdschunke mit den Piraten rasselt

der Anker des Kanonenbootes in den Grund. Kaum liegt „Tsingtau“, die

in Wutschau wohlbekannt ist, ruhig, als auch schon vom Ufer kleine

chinesische Zampans abstoßen. Geschäftstüchtige Schiffshändler kommen

längsseit. In fließendstem Pidgeon-Englisch preist der Bumboatsman

Wong-fa Eier und Hühner für einen lächerlich billigen Preis an, der

aber trotzdem den richtigen Marktpreis noch immer um ein Vielfaches

übersteigt. Einige der neu an Bord gekommenen Leute wollen sich das

gute Geschäft, ein Dutzend Eier für fünfundzwanzig Cents erwerben zu

können, nicht entgehen lassen, werden aber schleunigst von den alten,

erfahrenen Tsingtau-Leuten belehrt, daß sie die Preise nicht verderben

dürfen. Tatsächlich sehen sie sofort, daß Wong-fa, in schneller

Erkenntnis, daß es hier keinen übermäßigen Profit gibt, sich grinsend

ob der deutschen Geschäftstüchtigkeit mit zehn Pfennig für das Dutzend

begnügt.

Gegen Abend meldet sich der chinesische Lotse Ah-Koo mit seinen

beiden Gehilfen an Bord, eine für die Weiterfahrt sehr wichtige

Persönlichkeit, da es jetzt in unbekannte Flußgebiete geht, deren

dauernde Veränderung durch Hochwasser, Strömung usw. in Karten und

Büchern nicht festgelegt werden kann. Nur jahrelangen, ständigen

Befahrern offenbart der Fluß seine Geheimnisse und läßt sie aus

Strömungen und Wirbeln die richtige Fahrstraße erkennen.

Bei Tagesanbruch geht die Fahrt stromaufwärts los. Das Bett wird

enger, die Strömung reißender; höher, bis zu zweihundert Meter hebt

sich das Ufer, steiles, kahles Gestein schiebt sich heran, das in

jäher Wand zum Wasser abfällt. Die Durchbruchsstelle des Flusses

durch den Fels, von dem noch Riffe und Klippen im Bette selbst, um

die das Wasser in schäumenden Wirbeln hinwegschießt, zeugen: Die

Kau-Wei-Hau-tan-Schnelle, die sich fast zwei Kilometer weit dahinzieht

und wegen ihrer Gefährlichkeit berüchtigt ist. Jetzt heißt es aufpassen.

Ruder- und Maschinenkommandos jagen einander. Ununterbrochen wirbelt

der Rudergänger das Rad bald nach rechts, bald nach links herum; bald

stoppt die eine Maschine, während die andere mit äußerster Kraft

voraus arbeitet, dann wieder geht die eine zurück, um die Rudermanöver

zu unterstützen. Haarscharf geht es an Wirbeln vorbei. Jetzt liegt

„Tsingtau“ quer zum Strom, im nächsten Augenblick wirbelt sie herum

und jagt mit äußerster Kraft voraus. Langsam, unendlich langsam nur

verstreichen die Minuten, deren jede das Ende bringen, das deutsche

Schiff auf die Klippen werfen kann. Mit unheimlicher Wucht preßt sich

das Wasser durch das enge Felsentor, die Luft ist erfüllt von dem

Brausen und Singen der dahinschießenden Massen.

Ah-Koo trabt von einem Ende der Brücke zum anderen. Er ist Südchinese,

viel temperamentvoller als seine Landsleute aus dem Norden des Reiches.

Trotzdem bleibt er eingermaßen ruhig, führt das Schiff sicher durch das

gefährliche Fahrwasser. Wenige Minuten noch, dann treten die drohenden

Felsen weiter zurück, das Bett wird breiter und flacher. Die Schnellen

sind überwunden, gleichmäßig, ohne Wirbel fließt der Strom wieder dahin.

Dicht unter Land quält sich eine Dschunke durch die Schnellen. Vom

Oberteil des Mastes führen Leinen an Land, an denen ungefähr sechzig

Kerle, mühevoll auf schmalen Steigen kletternd, das Schiff vorwärts

treideln. Stundenlang arbeiten sie, um durch die Schnellen zu kommen,

die „Tsingtau“ soeben passierte. Plötzlich dringt ein wildes Rufen

und Schreien herüber: Die Hauptschleppleine ist gebrochen! In wirrem

Knäuel stürzen die Treidelmannschaften über- und durcheinander.

Einen Augenblick später schlägt die Dschunke quer zum Strom, die

Treidelmannschaften lassen die übrigen Leinen, die sie noch krampfhaft

umklammerten, los. Das Schiff ist nicht mehr zu halten. Sekunden

später stößt es auf eine Klippe auf, wird wie Papier herumgedreht.

Ein dröhnendes Krachen, wildes Geschrei .... Die Dschunke kentert,

verschwindet. Menschen und Schiffstrümmer treiben talabwärts. Jeder

Rettungsversuch ist ausgeschlossen. Weit unterhalb erst gibt der

Strudel die Leichen von sich.

Hochwasser

Das Flußbett wird immer seichter. Langsam windet sich „Tsingtau“ durch

die schmale Fahrrinne. Der Wasserstand ist außergewöhnlich niedrig, da

die Schneeschmelze in den birmanischen Grenzgebirgen in diesem Jahre

sehr spät eingesetzt hat und die heiße Sonne Südchinas das Wasser

schnell verdunsten läßt. Tage, vielleicht Stunden dauert es noch,

und ein weiteres Vordringen stromaufwärts bis an das gesetzte Ziel

wird überhaupt unmöglich. Allerdings muß die Schneeschmelze täglich

eintreten. Wenn nur das Wasser dann nicht zu plötzlich herunterkommt!

Das Unheil, das auf den weiten ebenen Uferlandschaften angerichtet

werden kann, ist gar nicht abzusehen.

Tenschien kommt in Sicht. Schon sind die Mauern und Häuser der Stadt

deutlich zu erkennen, da stellt sich das Schicksal in Gestalt der

Hwanghwa-Kiang-Barre hemmend in den Weg. Keine achtzig Zentimeter

Wasser mehr, und kaum eine halbe Seemeile entfernt springt grell

leuchtend weißer Sand aus dem Flusse. Es geht nicht weiter. Also Anker

in den Grund und abwarten, bis das Wasser steigt. An Bord herrscht

nicht gerade Trauer darüber, daß die Fahrt unterbrochen wird. Die Hitze

ist allmählich trotz des doppelten Sonnensegels drückend geworden,

ringsherum flirrt und flimmert die Luft, das warme Flußwasser spiegelt

die Sonne so grell wieder, daß die Augen schmerzhaft geblendet werden,

das Zeug, das doch wahrlich dünn genug ist, klebt bei der geringsten

Bewegung am feuchten Körper an. An Land ist es zwar nicht besser, dafür

aber gibt es wenigstens Abwechslung.

Die Feuer unter den Kesseln werden gelöscht. Was nur einigermaßen

entbehrlich ist, erhält Erlaubnis an Land zu gehen. Nicht allerdings,

ohne daß der Erste Offizier den „Gewehrträgern“ besorgt einschärft,

recht vorsichtig zu sein und nicht etwa zahmes, chinesisches Viehzeug,

das käuflich bedeutend billiger zu erwerben ist, anzuschießen. Das soll

nämlich, obwohl keiner es gewesen sein will, wiederholt vorgekommen

sein.

In Trupps ziehen die Leute los. Die einen wenden sich nach der Stadt,

um Raritäten und was es sonst Begehrenswertes gibt, zu erwerben, die

anderen streifen durch die Flußniederung, um dort zu jagen.

Die an Bord bleiben, trösten sich schließlich damit, daß morgen an

sie die Reihe kommt und die Kameraden dann zu Hause bleiben dürfen.

Aus weiter Ferne klingen vereinzelte Gewehrschüsse herüber: die Jäger

sind an der Arbeit. Spät nachmittags, als die Sonne zur Rüste zu gehen

beginnt, findet sich alles wieder ein und -- ein wahrer Tierpark mit

ihnen. Die Jäger sind zuerst zur Stelle. Sie haben einen Rehbock

erlegt und durch ein Kesseltreiben zwei Rehkälber erbeutet, die sie

jetzt mitbringen. Sorgfältig werden die hübschen Tierchen an Deck

gehoben. Während der Bootsmann noch über den ungebetenen Zuwachs

an Bord schimpft und in schwerer Sorge überlegt, wo er die Gäste

unterbringen kann, erstirbt ihm vor dem, was die nächsten Minuten

bringen, das Wort im Munde. Mehrere Zampans legen an Backbord an,

und die zweite Jagdkarawane entsteigt ihnen mit ihrer Beute. Voran

kommt ein Gürteltier, das der glückliche Besitzer liebevoll auf dem

Arm trägt, dahinter in einem Bastkorbe eine meterlange Schlange,

die recht harmlos ist, wenn sie auch gefährlich aussieht, und zwei

Uhus, die leise krächzend mit ihren großen gelblichen Augen ins Helle

starren. Zum Schlusse folgt noch ein bedeutend weniger harmloser Gast,

eine wilde junge Tigerkatze. Der Eigentümer, der auf seine Beute

sichtlich stolz ist, hat sie angeleint, hält sie aber durch eine lange

Bambusstange in sicherer Entfernung von seinem Körper; fauchend und

um sich schlagend wehrt sich das Tier gegen seine Einschiffung. Bis

hierher hat der Bootsmann, dessen Augen in ungläubigem Schreck immer

größer werden, seinen Zorn noch unterdrückt. Drei Hunde mit zwei Jungen

gehören ohnedies schon zur Besatzung. Eine Schlange, zwei Rehe, zwei

Uhus .... Grimmiger wird seine Miene, und als jetzt der letzte Gast,

die Tigerkatze, erscheint, bricht er in echtem Danziger Idiom los:

„Nu fehlt bloß noch, daß Ainer von Aich mit ’nem Elefonten kommt,

dann schmaiß ich Aich aber hailig mitsomt Airem Viehzaig über Bord,

wir sind doch hier in keiner Arche Noah nich!“

Nach einigem Hin und Her findet aber alles Unterkunft, und der Erzürnte

beruhigt sich. Lange freilich dauert die ganze Herrlichkeit nicht. Die

Tigerkatze hat am nächsten Tage schon, wahrscheinlich aus Gram über

den Verlust ihrer Freiheit, wie ihr Besitzer behauptet, Selbstmord

begangen, indem sie sich an ihrem Seil erhängt, ein Reh springt

über Bord und ersäuft, und das andere geht später elendiglich an

Überfütterung zugrunde.

Wie im Fluge ziehen die Wochen dahin. Zahlreiche Chinesen kommen

aus der Stadt, kauern am Ufer hin und sehen stundenlang dem Leben

und Betriebe an Bord des Kriegsschiffes zu. Mit echt chinesischer

Findigkeit ist auch sofort ein „fliegender Teehändler“ und ein

Garküchenmann zur Stelle. Eines Tages macht sich besondere Bewegung

an Land bemerkbar. Es wimmelt oben von blaugekleideten Leuten, und

immer mehr noch strömen zusammen. Dann naht aus einem der Stadttore

ein seltsamer Zug. Voran ein Mann mit einer hölzernen Tafel, auf der

chinesische Schriftzeichen prangen. Dahinter kommen zahlreiche Soldaten

mit Gewehren und Spießen. In ihrer Mitte führen sie eine schlotternde

Gestalt in blauem Nankingzeuge, einen anscheinend älteren Mann, dessen

Hände auf den Rücken gebunden sind. Im Geschwindschritt kommen sie,

gefolgt von einem Schwarm Neugieriger, das Ufer hinab. Auf einem

kleinen Platze wird Halt gemacht. Die Menge teilt sich, die Tafel wird

mit einem Pfahl in die Erde gestoßen und der Gefesselte darangelehnt.

Eine Exekution: Der Delinquent ist ein früherer Mandarin, den

erst jetzt, einige Jahre nach der Revolution, an der auch er sich

beteiligte, sein Schicksal ereilt. Mit Berücksichtigung seines früheren

Standes wird er gnadenhalber nicht geköpft, sondern erschossen.

Ein Kommando. Ein wildes Geknatter, das eine Salve darstellen soll,

folgt. Der Mann am Pfahl rührt sich nicht. Starr, mehr tot als

lebendig, blicken die glanzlosen Augen in die Mündungen der rauchenden

Gewehre. Ein zweiter Befehl, eine zweite „Salve.“ Dann erst knickt der

Gerichtete schwerfällig zusammen und stürzt nach vorne über. Er ist

tot. Die Verwandten erhalten den Leichnam zur Bestattung und dürfen ihn

am nächsten Tage wegbringen.

Steuerbord voraus liegt die Sandbarre. Seit Tagen schon schimmert

ihr weißer Sand im grellen Sonnenlichte. Fast stündlich scheint sie

zu wachsen und sich zu vergrößern, wie eine Warnung für das harrende

Schiff: Bis hierher und nicht weiter! Schneeweiße Reiher und wilde

Enten hausen dort, tummeln sich umher. Kurz vor sechs Uhr morgens

kommt der neue Tag herauf. Dichte Nebel liegen über dem Flusse, decken

alles mit einem Schleier. Zwei Stunden vergehen, bis das Ufer sichtbar

wird. Auf der Brücke unter dem Sonnensegel hält der Signalgast Wache.

Ununterbrochen spähen seine Blicke über den Strom und suchen die weiße

Wand zu durchdringen. Jetzt lichtet sich der Nebel, wird dünner, und

strahlend bricht die Sonne durch. Ein Stutzen! Die Sandbank voraus ist

verschwunden, kein Wirbel zeigt, wo sie noch wenige Stunden vorher aus

dem Grunde hervorwuchs. Auch der unter den Ufern liegende Schlick ist

überflutet, gleichmäßig rauscht das Wasser über ihn hinweg. Der Strom

steigt, der Weg ist frei!

Dampf auf in allen Kesseln, so schnell als möglich. Schwerer Rauch

wälzt sich aus dem hohen Schornstein, bald drehen sich die Schrauben.

Langsam zuerst, als wenn sie aus langer Ruhe erwacht wären. Alles ist

klar zur Weiterfahrt.

„Anker lichten!“ Wenige Minuten später hängt der Anker vor der Klüse.

„Steuerbord 10, beide Maschinen halbe Fahrt voraus!“

Mitten im Strom strebt „S. M. S. Tsingtau“ den Hsikiang aufwärts. Es

geht an schilfbewachsenen Flußinseln vorbei, an Mündungen kleiner

Nebenflüsse, an Siedelungen, an Pagoden, die wie Wächter von den Höhen

ins Land ragen, an mauerumgebenen Städten. Scharf biegt der Fluß nach

Süden. An Steuerbordseite schimmern im Scheine der untergehenden

Sonne die hellen Gebäude von Sünschau herüber, der Präfekturstadt von

Schanscha-Schan. Wieder geht der Anker für eine Nacht in den Grund.

Am nächsten Tage heißt es den Hsikiang verlassen und im Roten Flusse,

dem Hungschui-Kiang, weiter vordringen. Das Bett ist bedeutend enger,

die Ufer treten näher heran, gefährliche Wirbel schaffen schwierige

Passagen; an besonders engen Stellen schießt die Strömung mit so

reißender Wucht entgegen, daß „Tsingtau“ nur mit äußerster Kraft

weiterkommt. Die Gegend wird interessanter als zuvor. Die Bergzüge, die

die letzten Tage noch aus blauer Ferne herüber zum Strome dämmerten,

schieben sich heran, kommen in greifbare Nähe. Spärlich zeigt sich

Wald, nur um die Tempel ziehen sich dunkelgrüne Bambushaine. Drei Tage

dauert die Fahrt auf dem Roten Flusse, dann geht es nach Norden in

den noch schmäleren Liu-Kiang. In scharfen Biegungen und Windungen,

die größte Aufmerksamkeit beim Manövrieren erfordern, zieht sich das

Bett dahin bis Lautschau-fu, dem Ziel der Fahrt. „Tsingtau“ ist das

erste Kriegsschiff, das so weit binnenlands seine Flagge zeigt. Ein

Engländer, die „Moorhen“, hat es vorher schon versucht, mußte das

Unternehmen aber aufgeben.

Plötzlich, ganz ohne Übergang, treten die Berge zurück und machen

einer fruchtbaren Ebene Platz. Mitten in weiten Reisfeldern und grünen

Bambuswäldern wird das Häusergewirr von Lautschau-fu sichtbar. Auch

hier windet sich eine zinnengekrönte Mauer um die Stadt, ziehen sich

leichtgebaute Häuser außerhalb der Mauern zum Fluß hinab. Das erste

europäische Kriegsschiff, der erste europäische Dampfer überhaupt,

der hier anlegt. Das Aufsehen, das das nach chinesischen Begriffen

ungeheure Schiff, das mit seinem hohen Gefechtsmast ja wirklich einem

mächtigen Kampfschiffe ähnelt, hervorruft, ist unbeschreiblich. Aus

der ganzen Stadt strömt die Menge durch die dem Wasser zugewendeten

Tore zum Flusse hinab, wie mit einem Schlage stockt das ganze

Geschäftsleben. Dumpfe Gongschläge, die überall hörbar werden,

verkünden allenthalben das Ereignis. Ein Gewimmel ist das in den engen

Gäßchen! Die Mauern sind von Neugierigen besetzt, kein Fleckchen, das

die Möglichkeit bietet, das fremde Ungeheuer zu sehen, ist frei, und

noch immer versiegt der Zustrom nicht. Viele, nein, die meisten von

denen, die da neugierig auf den Fluß hinabstarren, haben einen Dampfer

überhaupt noch nie gesehen. Die Menge wankt und weicht nicht; keine

Bewegung an Deck, wo jetzt eben Kapitänleutnant v. Möller mit dem

Dolmetscher erscheint, entgeht ihr. Ein Raunen und Flüstern erhebt

sich, als sie die riesenhafte Gestalt des deutschen Offiziers, die

unter den kleinen Südchinesen doppelt auffällt, gewahr werden.

Alles drängt zu der Stelle hin, wo das Boot der „Tsingtau“ anlegt.

Soldaten und Polizisten haben Mühe, das Volk zurückzudrängen.

Rücksichtslos schlagen sie auf die Leute ein, schaffen Raum bis zu

dem Platze, wo mehrere Sänften bereitstehen. Nervige Fäuste heben sie

vom Boden. Die Soldaten ordnen sich als Eskorte ringsherum, und im

Geschwindschritt geht es durch das Tor in die von Menschen erfüllte

Stadt. Ein Meer von Chinesen wogt rechts und links, öffnet sich, um

sich sofort wieder zu schließen und hinten nachzufluten. Mit einem

Ruck werden die Sänften niedergestellt. Der Yamen des Bürgermeisters,

dem der Besuch gilt, ist erreicht. Mehrere hohe Tore, geräumige

Höfe, rings von Amtsgebäuden umgeben, führen in das Innere, wo der

chinesische Würdenträger des Gastes harrt. Ein älterer, behäbiger

Herr, in prächtige Seidengewänder gekleidet, aus dessen faltigem

Antlitz die Augen klug in die Welt blitzen, nähert er sich, wie es das

chinesische Zeremoniell vorschreibt, unter vielen Verbeugungen und

geleitet seinen Gast in die Empfangshalle, wo auf kleinen Tischchen

Erfrischungen bereitgestellt sind. Sogar ein Stuhl ist zu Ehren des

Europäers vorhanden. Während in papierdünnen Schalen der grüne Tee

gereicht wird, entspinnt sich mit Hilfe des Dolmetschers eine rege

Unterhaltung. Der Bürgermeister erkundigt sich, wie es dem Kaiser

geht, spricht in begeisterten Ausdrücken über das schöne Schiff und

fragt, ob die deutsche Marine noch mehr so große, mächtige Fahrzeuge

hätte. Ein feines Lächeln zittert über seine faltigen Züge, als ihm

der Dolmetscher berichtet, die „Tsingtau“ sei nur eines der kleinsten

Boote, über die die deutsche Flotte verfüge. Er glaubt es nicht, ist

aber viel zu höflich, einen Zweifel laut werden zu lassen. Besonders

erfreut ist er, als Kapitänleutnant v. Möller ihn einladet, sein Schiff

zu besuchen.

Unter dem gleichen Zeremoniell wie die Ankunft geht die Verabschiedung

vor sich. Es folgen noch kurze Besuche bei den anderen Würdenträgern

der Stadt, dann schlagen die Sänften den Weg nach dem Flusse ein.

Durch enge, winkelige Gassen, in denen oft ein Geruch herrscht, der

für europäische Nasen nicht gerade angenehm ist. Eine Stunde später

erscheinen mit feierlichem Pomp, umgeben von großem Gefolge, der

Bürgermeister und der Polizeipräsident an Bord. Die ganze Mannschaft

ist in tadellosen weißen Anzügen an Deck aufgestellt. Am Fallrepp

bewillkommt der Kommandant seine Gäste und führt ihnen sein Schiff vor.

Er zeigt ihnen die Geschütze, die Scheinwerfer, die Maschinengewehre.

Das Interesse ist groß. Vieles scheint den Chinesen ja unverständlich,

nie aber kommt eine Frage über ihre Lippen, immer bewahren sie ihre

würdevolle Haltung. Dann geht es in die Offiziermesse, wo die Gäste

bewirtet werden. Eine halbe Stunde dauert der Besuch. Kaum ist er

von Bord, als neuer eintrifft! Mister Pitt und andere Angehörige der

amerikanischen Mission, die hier wirkt. Der Ruf, daß der Kommandant

der „Tsingtau“ auf seinen zahlreichen Fahrten in das Innere besonders

gute Beziehungen zu den Missionen unterhält und großes Verständnis

für ihre Bestrebungen hat, ist bis hierher gedrungen. Die Begrüßung

ist außerordentlich herzlich, in kurzer Zeit ist eine sehr angeregte

Unterhaltung im Gang. Der Besuch erzählt über die interessante Gegend.

Über die Räuber, die in den Bergen hausen, und regelmäßige Streifzüge

in die Ebene, bis unter die Mauern der Stadt unternommen, berichten

die Amerikaner, über die Machtlosigkeit der Polizeigewalt und über die

seltsamen Ureinwohner der benachbarten Sön-miau-dse-Republiken, die,

von bräunlicher Gesichtsfarbe, arische Züge aufweisen, ihre eigenen

Gesetze und Religion haben und die chinesische Oberhoheit nicht

anerkennen. Lange bleiben die Gäste noch über das Essen hinaus und

werden erst entlassen, nachdem für den nächsten Tag Ausflüge verabredet

worden sind.

Der Himmel hat sich umzogen, es regnet. Unaufhörlich, in jähem Gusse

strömt das Wasser herunter und plätschert auf Deck und auf das

Sonnensegel. Tiefdunkel ist die Nacht, kein Stern am Himmel. Wie aus

weiter Ferne schimmern verschwommen die Lichter der kaum hundert Meter

ab liegenden Häuser vom Ufer herüber. Unheimlich gurgelt die Strömung

am Schiffe längs. Die Ankerketten -- längst sind zur Vorsorge beide

Anker ausgebracht -- rucken einigemale. „Tsingtau“ giert bald nach

Steuer-, bald nach Backbord. Lebhaftes Rufen, laute Schreie dringen von

den an Land vertauten Dschunken und Zampans durch die Nacht. Lichter

blitzen auf, huschen hierhin und dorthin. Das Wasser kommt! Immer mehr

nimmt die Bewegung an Land zu, stärker, dringlicher werden die Rufe.

„Dampf auf!“ Alle Leute werden gepurrt. Unheimlich schnell naht die

Gefahr. Mit furchtbarer Wucht kommt das Wasser von den Bergen herab,

brausend schießt es vorbei, höher und höher steigt es.

„Scheinwerfer anstellen!“ Blendend strahlt im nächsten Augenblick

eine Lichtflut auf, bricht durch das Dunkel. Das Ufer ist überflutet,

schon leckt das Wasser an die ersten Häuser heran. Überall hasten

die Gestalten herum. In wilder Eile werden die Häuser geräumt.

Einrichtungsgegenstände und Geräte werden nach der höhergelegenen Stadt

hinaufgeschafft. Kinder und Hunde waten im Wasser hinten nach.

Als die Lichtstrahlen hereinbrechen, stockt in jähem Schrecken an Land

jede Bewegung. Furchtbar, grauenhaft dünkt die Chinesen das Erscheinen

einer Sonne im nächtlichen Dunkel. Sind sie doch nur an Talg und

ärmliche Petroleumlampen gewöhnt. Bald aber verstehen sie, daß der gute

Lichtgeist ihnen beim Rettungswerke behilflich sein will und arbeiten

in verdoppelter Eile. Das Inventar ist geborgen, jetzt geht es an

das Einreißen der leichtgebauten Häuser selbst. Hier ein Pfahl, dort

Latten, Bretter und Bohlen werden abgerissen. Klatschend stürzen die

ihrer Stützen beraubten Lehmmauern zusammen, Strohdächer folgen ihnen

nach. Das Unglück ist nicht allzugroß. Jedes Jahr kehrt das Hochwasser

wieder, die Leute rechnen schon damit. Die Häuser werden abgerissen

und, wenn sich die Flut verlaufen hat, eben neu aufgebaut. Lehm gibt

es überall, nur das Holzwerk muß geborgen werden. So arbeiten sie also

hastig, atemlos, wie gehetzt, als wäre jede Sekunde unwiederbringlich.

Hohl braust die Strömung, scharfe Rucke gehen durch das Schiff. Die

Ankerketten werden gesteckt. Wieder dröhnt am Ufer lautes Geschrei auf:

Zwei Dschunken haben sich losgerissen und treiben in der reißenden

Strömung flußabwärts in die Nacht.

Bald nach oben, bald weiter unterhalb geistert die Lichtflut des

Scheinwerfers, wo sie gerade gebraucht wird. Eben hat sie einen neuen

Ausschnitt gefaßt, beleuchtet ihn taghell, als plötzlich, wie in einem

Kinematographen, Leben in das Bild, das sich klar abhebt, kommt. Die

beiden Häuser, die drüben abgetragen werden, verschwinden, andere, neue

treten an ihre Stelle, Stadtmauern, ein Tor, Bäume ziehen vorbei. --

„Tsingtau“ treibt! -- Grell schlägt der Maschinentelegraph an, schrillt

durch das Schiff.

„Beide Maschinen halbe Fahrt voraus!“ .... Das Kommando kommt zurück

... „Große Fahrt!“ Immer reißender wird die Flut, ein Verbleiben auf

dem Platze ist unmöglich, soll der Strom nicht Gewalt über das Schiff

gewinnen. Eine Sekunde der Überlegung, eine kurze Besprechung mit

Ah-Koo.

„Anker lichten!“ Der gefährlichste Moment. Die Anker sind aus dem

Grund, alles hängt jetzt von der Leitung des Schiffes und der Kraft der

Maschinen ab.

„Steuerbordmaschine äußerste Kraft voraus! Backbordmaschine äußerste

Kraft rückwärts! Hart Backbord!“ ....

Im reißenden Strome treibend dreht „Tsingtau“ trotz der schmalen Stelle

glücklich mit dem Bug talabwärts. Mit rasender Geschwindigkeit saust

das Schiff dahin, gespenstisch, in unheimlicher Fahrt gleiten die Ufer

vorbei. Bald scheint es auf einen weiten See hinaus zu gehen, dann

wieder springen steile Berge heran, deren Häupter sich ins endlose

Dunkel verlieren. Noch schneller, atemberauschender wird die Fahrt an

den engen Stellen. Tiefschwarz ist die Nacht, unaufhörlich strömt der

Regen ....

Der Fluß wird breiter, die Ufer treten zurück, ruhiger gleitet

die Flut. In stillerem Wasser wird geankert. Die größte Gefahr ist

abgewendet; hier wird die Dämmerung abgewartet. Grau und trübe kommt

der Tag herauf und mit ihm die Erkenntnis, daß „S. M. S. Tsingtau“

außerhalb des Flusses mitten in einem chinesischen Dorfe vor Anker

liegt. Dicht vor dem Bug tauchen die grünen Wipfel eines Baumes noch

eben aus dem Wasser, ringsherum ragen die Dächer von Häusern. Fast

zwanzig Meter ist der Fluß in der Nacht gestiegen, hat das ganze Tal

mit seinen Fluten erfüllt und in einen See verwandelt. Dunkelbraun

wälzt sich das Wasser dahin, langsamer dort, wo es ins Land getreten

ist, schneller, in reißender Fahrt im eigentlichen Bette. Bootstrümmer

treiben vorbei, ganze Hausdächer, kümmerliche Einrichtungsgegenstände,

ertrunkenes Vieh. In bunter Abwechslung, stundenlang. Blaues Zeug

leuchtet matt herüber. Eine Leiche -- eine zweite, dritte, ein halbes

Dutzend. Im Schlaf von der Flut überrascht.

Es wird heller, der Ankerplatz ist deutlicher zu übersehen. Ganze

Familien sitzen da auf den Dächern um „Tsingtau“ herum, Männer, Frauen,

Kinder, einzelnes, besonders wertvoll scheinendes Getier. Unaufhörlich

leckt die Flut an den Lehmmauern, spült sie hinweg. Krachend stürzt

bald hier, bald dort ein Haus zusammen, verschwindet in der Flut, und

die Dächer treiben mit ihrer lebenden Last hinweg. Die Nachbarn, die

sich noch sicher auf ihrem Platze fühlen, lachen, rufen, scheinen alles

andere als Mitgefühl zu empfinden. Glücklich sind jetzt die Besitzer

von Booten. Sie können sich, wenn auch erst viele Meilen unterhalb, in

Sicherheit bringen.

Ein Rettungswerk ist unmöglich. Der Strom schwillt weiter, längeres

Verweilen kann gefährlich werden. Vor allem heißt es in den Fluß

zurückkommen, um nicht, falls das Wasser sich ebenso plötzlich, wie

es kam, verläuft, mitten in einem Reisfeld sitzen zu bleiben. Diesmal

ist es allerdings gar nicht so einfach, Anker auf zu gehen. Mächtige

Baumstämme haben sich zwischen die Ketten gesetzt und sie vertörnt. In

unendlich mühseliger Arbeit muß das Holz, bevor die Ketten eingehievt

werden können, mit Äxten und Sägen entfernt werden. Bis an die Hüften

müssen die Leute in das Wasser, der Schweiß rinnt trotz strömenden

Regens und kalten Windes, der von den Bergen niederbläst. Dann nach

stundenlangem Bemühen sind die Anker an Bord, die Fahrt kann talabwärts

fortgesetzt werden. Überall das gleiche, trostlose Bild: die braune

Flut, die zu kochen scheint in ihrem rasenden Dahinschießen, Trümmer,

totes Vieh, Leichen.

Das Bett wird enger, stärker, brausender der Strom, der von Strudeln

und Wirbeln erfüllt ist. Schneller und schneller, in unheimlicher

Fahrt saust „Tsingtau“ dahin. Da! -- Das Schiff gehorcht dem Steuer

nicht mehr, schießt, durch den Sog gezogen, in ein durch die

Unterwasserklippen gebildetes Loch ... hart legt es sich über, als

wollte es in der nächsten Sekunde kentern .... Wie instinktiv wirbelt

der Rudergänger das Steuerrad herum. „Tsingtau“ richtet sich auf und

rast in toller Fahrt weiter.

Furchtbar war die Gefahr, nicht einen Augenblick aber haben Kommandant

und Mannschaft die ruhige Überlegung verloren. Nicht so Ah-Koo, dem die

Geschichte doch recht sehr an die Nieren gegangen ist. Er läuft von

einem zum andern, reißt sein Hemd auf der Brust auf, deutet auf die

Stelle, wo sein chinesisches Herz klopft und meint, glücklich grinsend:

„Master, make looksee, make plenty bumbum; by -- by kaputtala!“ Womit

er ungefähr sagen will, er hätte solches Herzklopfen gehabt, daß er

darüber fast „kaputt“ gegangen wäre.

Aus dem Liukiang geht es zurück in den Hung-schuikiang und von da in

schnellster Fahrt in den Hsi-kiang, in dessen breitem und tiefem Bette

sich das Hochwasser nur im Wasserstande fühlbar macht.

Harte Tage liegen hinter den Tsingtauleuten. Das plötzlich in der Nacht

eintretende Hochwasser, die Vernichtung der Vorstadt von Lautschau-fu,

das Treiben der Dschunken und von „Tsingtau“ selbst, das Wenden des

Schiffes in der reißenden Strömung, die Talfahrt, die in wahnwitziger

Geschwindigkeit vor sich ging, die schrecklichen Eindrücke auf dem von

Strudeln und Wirbeln erfüllten Flusse, die von Tod und Vernichtung

sprachen, das gefahrvolle Passieren der Schnellen endlich, das jeden

Augenblick den Untergang bedeuten konnte. In tollem Durcheinander

gaukeln die Eindrücke noch in der erregten Phantasie, traumhaft,

wie unwirklich dünkt die Ruhe und Stille. Unerhörte Anforderungen

haben die letzten Tage an Kraft und Nerven gerichtet, ein ständiges

„Angespanntsein“ war es, währenddessen das Wort „Schlaf“ gänzlich

ausgeschaltet war. Jetzt ist das alles überwunden, scheint in

unendliche Ferne gerückt.

Nach vorsichtigem Loten gleitet „Tsingtau“ in einen stillen

Seitenarm des Hsikiang. Der Anker fällt, die Maschine steht. Die

wohlverdiente Sommerfrische kommt, die der Kommandant in Anbetracht

der ausgestandenen Strapazen hier zu verbringen gedenkt. Das plötzlich

eingetretene Hochwasser hat überdies die Fahrt stromaufwärts, die

bedeutend länger geplant war, erheblich abgekürzt, so daß Zeit im

Überfluß vorhanden ist. Klar und rein ist das Wasser des kleinen

Flusses, fast jedes Steinchen auf dem Grunde ist zu sehen. In mäßiger

Höhe streben auf beiden Seiten die steinigen Ufer hoch; vegetationsarm

sind sie, da der heftige Regen hier immer wieder den letzten Rest

kümmerlichen Bodens abwäscht, den nackten Fels zutage treten läßt.

Spärlicher Graswuchs zeigt sich stellenweise, einzelne Büsche

Farnkräuter, die nicht einmal die genügsamste chinesische Ziege füttern

könnten. Weit hinter den Anhöhen dehnt sich die Ebene bis dahin, wo in

blauer Ferne neue Hügel und Berge den Horizont abzuschließen scheinen.

Keine Ansiedelung, kein Mensch, kein Lebewesen weit und breit! Hoch

oben im klaren Blau nur zieht ein Bussard seine Kreise, Krähen segeln

krächzend vorbei. Doppelt wohlig ist die tiefe Stille nach der

Anspannung. Den ganzen Tag wird gebadet, die Leute klettern an Land

herum, versuchen Fische zu fangen, kurz, führen das sorgenlose Leben

von Sommerfrischlern, wie es nur selten den Schiffen der deutschen

Marine beschieden ist. Nicht einmal Moskitos gibt es hier, obwohl die

Sonne doch wieder mit tropischer Glut herunterbrennt und Wasser im

Überfluß vorhanden ist. Ein Paradies für die Leute. Nur der Kommandant

ist ernster und wortkarger als sonst. Wie ein schwerer Alp liegt die

Nachricht, die Ende Juni wie ein Blitz aus heiterem Himmel eintraf,

auf ihm, daß der österreichische Thronfolger und seine Gattin in

Serajewo ermordet worden seien. Zunächst nur ein Telegramm, das der

Draht und der Funke übermittelt hatten, eine jener vielen Nachrichten,

die aus dem in unendlich scheinender Ferne liegenden Europa kaum für

Minuten das gleichmäßige Leben Chinas zu unterbrechen geeignet waren.

Am gleichen Tage spricht man noch davon, spinnt abends im bequemen

Liegestuhl auf der Veranda der Klubs seine Gedanken darüber, und am

nächsten Tage ist der Vorfall, so furchtbar tragisch er an sich auch

sein mag, vergessen. Höchstens denkt man wieder daran, wenn nach

Wochen die Zeitungen aus der Heimat, die nähere Einzelheiten bringen,

eintreffen. Kapitänleutnant von Möller aber ist die grauenhafte

Tragweite dieses Ereignisses klar. Wie abgeschnitten ist „Tsingtau“

von der Welt, seit jenes Unglückstelegramm eintraf. Das Hochwasser

hat alle Postverbindungen unterbrochen, die Telegraphenleitungen

zerstört. Der Kommandant sieht, wie sorglos seine Offiziere und Leute

das Leben genießen. So behält er also seine Befürchtungen noch für

sich. Nur sein Gesicht wird ernster, sorgenschwer. Ein Tag vergeht

nach dem anderen. Prall und heiß glüht die Sonne vom wolkenlosen Himmel

herunter, bescheint das deutsche Schiff in dem stillen Flusse, das

fröhliche Leben und Treiben.

Unvermittelt kommt eine Regenbö, der Ausläufer eines fernen Gewitters,

herauf, heulend fegt der Sturm heran, zwängt sich durch das Tal

und stürzt sich auf die „Tsingtau“. Ein Krachen, Splittern -- die

Funkenstenge kommt, geknickt wie ein Streichholz, von oben auf Deck

herunter. Plötzlich, wie er gekommen, ist der Sturm auch weg, und

wolkenlos wölbt sich wieder der Horizont. Auf der Brücke steht neben

Leutnant zur See von Wenckstern der Kommandant und sieht den Leuten zu,

die geschäftig aufräumen.

„Na ja, da haben wir den Salat! Nun können wir hier abbauen und uns in

Wutschau eine neue Stenge kaufen,“ meint Kapitänleutnant von Möller.

„Eigentlich schade“, erwiderte der Angesprochene. „Es war so schön

hier, Herr Kapitänleutnant! Wollen wir nicht noch etwas hier bleiben?

Ist ja auch für die Leute eine verdiente Erholung nach den schweren

Tagen im Hochwasser.“ Der Kommandant nickt zustimmend.

„Ich hätte ihnen den Aufenthalt auch gern noch vergönnt, aber ich weiß

nicht, ich habe so eine merkwürdige Unruhe in mir, als ob draußen in

der Heimat irgend etwas los wäre.“

„Nanu, Herr Kapitänleutnant, die einzige wichtige Nachricht war doch

wohl nur der Mord von Sarajewo?“

„Über den mache ich mir ja gerade meine Gedanken, mein Bester. Welche

Folgen kann die unselige Tat nach sich ziehen, welche Genugtuung, was

für Garantien wird und muß Österreich von Serbien fordern? Denn daß die

serbische Regierung dahinter steckt, ist nur zu wahrscheinlich. Der

Weltbrand kann daraus entstehen, wenn ich auch im stillen hoffe, daß

Rußland vor unserm Eingreifen Respekt hat und England neutral bleiben

wird, um im Trüben zu fischen. Nein, wir wollen doch lieber morgen

mittag fahren. Vielleicht wissen die Leute in Wutschau schon Näheres!“

„Schade, Herr Kapitänleutnant! So schön ist’s hier gewesen, so ruhig,

so friedlich.“

Krieg

Vor Wutschau rasselt der Anker der „Tsingtau“ in den Grund. Auch

hier hat das Land infolge des Hochwassers ein gänzlich anderes

Aussehen angenommen. Die lästigen Sandbänke und seichten Ufer sind

verschwunden, in majestätischer Breite wälzt der Hsikiang seine

Wasser dem Stillen Ozean zu. Diesmal braucht es weder Loten noch

Peilen, in schlanker Fahrt geht es über die vielen Untiefen hinweg.

Noch ist das Schiff nicht herumgeschwoit, als von Land her ein Boot

absetzt. Post und Telegramme kommen an Bord, die schon tagelang hier

warten und nun mit beinahe gefährlicher Verspätung die Nachricht von

der politischen Spannung in Europa bringen. Die Zeitungen berichten

bereits von Österreichs Kriegserklärung an Serbien und von Deutschlands

Nibelungentreue, das seinen Entschluß kundgetan hat, an der Seite des

Freundes und Bundesgenossen zu fechten. Der Krieg ...

Der Schlaf floh in jener Nacht die wenigen deutschen Männer auf dem

winzigen Schiffchen mitten in China. Die Nachricht, die sonst jedes

Soldatenherz in freudige Aufregung gebracht hätte, hier wirkte sie

anders.

Kapitänleutnant v. Möllers letzte Fahrt · 第 1 / 7 段