[111] Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig

sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten

und feierlichsten Sprache: selbst +die, die die+ wissenschaftliche

Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest

überzeugt, daß außer mir kein Mensch die drei +die+ gehört hat, obwohl

Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal,

weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht.

[112] In der Dichtersprache wird auch +rufen+ noch wie im alten Deutsch

bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruft +mir+?

Gellert: +Er ruft der Sonn’+, er schafft den Mond). Auch hier ist

aber dann ein Bedeutungsunterschied; +rufen+ steht hier im Sinne von

+zurufen+, +gebieten+.

[113] In der ältern Sprache hatte auch +berichten+ den Akkusativ der

Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich den

+Kurfürsten+ mit Lügen +berichteten+, die hohe Schule zu Wittenberg

wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte

Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze

verbunden werden kann, das verhältnismäßig junge +benachrichtigen+.

[114] Nur mit den Bildungen auf +bar+ nimmt man es nicht so genau, wie

+unentrinnbar+ zeigt.

[115] Eine ähnlich merkwürdige Bildung wie +voller+ ist +Maler+,

+Stücker+, +Tager+, +Jahrer+ in Verbindungen wie: +ein Maler drei+,

+ein Stücker drei+, +ein Jahrer fünf+, +ein Tager sechs+ u. ähnl. Hier

ist das +er+ der Rest eines rasch und nachlässig gesprochnen +oder+:

+ein Stück oder drei+. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der

guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der

Umgangssprache an.

[116] Nur in Verbindungen wie: ein Kaffee +erster Sorte+, ein Künstler

+zweiten Ranges+, ein Wagen +dritter Klasse+, ein Stern +vierter Größe+

bleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg.

[117] Hierher gehört auch der beliebte Fehler: +aus+ aller Herrn

+Länder+, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelte +ern+

schien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ

hinter +aus+, man schreibe nur, wie sichs gehört: +aus+ aller Herr+en+

Länd+ern+.

[118] Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche

Bedeutung niemand mehr denkt, wie: +im Stande+, +im Begriff+, +im

Interesse+, +im Sinne+, +im Lichte+, +im Spiegel+, +zum Besten+, ist im

Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die

Heimat der Indogermanen +in dem Lichte+ der urgeschichtlichen Forschung

-- Napoleons Tod +in dem Spiegel+ zeitgenössischer Dichtung -- wir sind

+in dem Begriff+, abzureisen -- ich bin nicht +in dem Stande+, einen

Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist

wieder +in Stand+ gesetzt worden, und: der Verfasser will uns +in den

Stand+ setzen, selbst an der Forschung +teilzunehmen+. Bei dem bloßen

+in Stand+ (d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl. +in

Händen+ haben, +in Kauf+ nehmen).

[119] An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender

Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des

Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber

woher? Büchmann gibt keine Auskunft.

[120] Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings

rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch von +hoch+ für +oben+ und

zugleich für +hinauf+, +herauf+, +empor+, +in die Höhe+, z. B. +hoch

kommen+, +hoch gehen+, +hoch holen+ (eine Flasche aus dem Keller); wenn

ich einmal +hoch bin+, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein

ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch von +oben+ für +hinauf+, z. B.

+oben gehen+. In anständigem Deutsch geht man weder +hoch+ noch +oben+,

sondern +hinauf+.

[121] Dieser dumme Strich hat es mit sich gebracht, daß nun auch

geschrieben wird: +zwischen 1670 bis 1710+. Offenbar hatte einer

geschrieben: +zwischen+ 1670-1710, ein andrer schrieb das ab und wollte

ein Wort aus dem Striche machen. Hier hätte er aber den Strich als

+und+ lesen sollen! Besser, man macht keine Striche, sondern schreibt

Wörter.

[122] Wenn Wolfgang Müller von der Wunderblume singt: Sie blüht nur

+einmal alle hundert Jahr+, so heißt das nur, daß sie im Verlaufe von

hundert Jahren +einmal+ blühe. Soll aber ausgedrückt werden, daß sie

in regelmäßigen Zwischenräumen von hundert Jahren blühe, so ist das

+einmal+ ganz überflüssig; dann genügt es, sagen: sie blüht +aller

hundert Jahr+.

[123] Ich hatte einmal eine Zeit lang in regelmäßigen Zwischenräumen

in der Zeitung bekanntzumachen, daß +nächste Mittwoch Abend 8 Uhr+

eine gewisse Versammlung abgehalten werde (ich gehöre nämlich zu den

altmodischen Leuten, die +Mittwoch+ noch für ein Wort weiblichen

Geschlechts halten). Regelmäßig hatte mir der Zeitungsetzer, der es

natürlich besser wußte, +nächste Mittwoch Abends+ daraus gemacht, bis

ich mirs endlich verbat.

[124] Bei Handlungen, die noch bevorstehen, wird die erste Verbindung

vorgezogen, bei Handlungen, die vorüber sind, die zweite. Wann wird

er zurückkehren? (+Den+) Donnerstag. Wann ist er zurückgekehrt? +Am+

Donnerstag.

[125] Zu den nicht auszurottenden Scherzen der Geschäftssprache

gehört das sogenannte „Undzeichen“ &, das angeblich zur Abkürzung

des Wörtchens +und+ gebraucht wird. Es ist aber gar kein Undzeichen,

sondern es ist weiter nichts als das verschnörkelte lateinische

Wörtchen ~et~. Aber alle Geschäftsleute und Firmenschreiber sind

glückselig, wenn sie schreiben können: +Calw ~et~ Stuttgart+, +Max ~et~

Johann Schneider+, +Tricotagen ~et~ Strumpfwaren+, +Conditorei ~et~

Café+, Schnitzel mit +Schoten ~et~ Karotten+. Als ob nicht und eben so

kurz wäre!

[126] Durch falsche Stellung oder Beziehung der Negation kann der

Sinn eines Satzes vollständig verschoben werden. Es ist ein großer

Unterschied, ob ich sage: +Nicht alle+ Bücher dieses Verzeichnisses

sind eingebunden, oder: +Alle+ Bücher dieses Verzeichnisses sind +nicht

eingebunden+. Auf den Programmen der Leipziger Gewandhauskonzerte

steht: Für die Aufführung sämtlicher Nummern dieses Programms wird

keine Gewähr übernommen, d. h.: es ist möglich, daß das +ganze+

Programm +nicht aufgeführt+ wird -- eine schöne Aussicht! Die Direktion

will aber sagen: es ist möglich, daß +nicht das ganze+ Programm

+aufgeführt+ wird. Das hätte sie auf ihre Weise so ausdrücken müssen:

Dafür, daß sämtliche Nummern dieses Programms aufgeführt werden, wird

keine Gewähr übernommen.

[127] Freilich war +kein+ ursprünglich gar kein verneinendes, sondern

ein unbestimmtes Fürwort (+irgend ein+). Luther hat es sicherlich noch

so gefühlt.

[128] Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei nicht mehr

+traurig+ sagen, sondern +unfroh+.

[129] In der Schiffersprache geht man +in See+, +an Land+, +an Bord+,

+auf Deck+, und der Soldat zieht +auf Wache+. Neuerdings ist es aber

auch fein geworden, nicht mehr +auf die Jagd+ zu gehen, sondern +auf

Jagd+ (oder vielmehr +auf Jacht+, natürlich nachdem man vorher ein

Stück „mitm +Zuch+ jefahren is“), und der junge Leutnant wird +auf

Festung+ kommandiert oder geht +auf Kriegsschule+. Schließlich geht

man vielleicht auch noch +auf Universität+, setzt sich +auf Stuhl+ und

klettert +auf Baum+.

[130] Falsch ist es natürlich auch, das Hauptwort solcher Redensarten

in die Mehrzahl zu setzen: hierüber +sind+ neuerdings +Klagen geführt+

worden. Man führt nur +Klage+, aber nicht +Klagen+.

[131] Solche Zusammenziehungen stehen ungefähr auf derselben Stufe wie

die bekannten scherzhaften Wortverbindungen: +geo- und arithmetisch+ --

teils +aus Frömmig-+, teils +zum Zeitvertreib+ -- der heutige Tag wird

mir ewig +denk-+ und +gegenwärtig+ bleiben.

[132] Vollends arg sind Zusammenziehungen wie: +unsre+ Arbeit und

+Streben+. Über solche Sudelei ist natürlich kein Wort zu verlieren;

für sie gibt es auch keinen Schein von Entschuldigung.

[133] Das geschieht z. B. bei der Verdopplung einer Präposition

wie: an diese Jugendarbeit schlossen sich mehrere Dramen +an+ --

sie traten +aus+ der Landeskirche +aus+ -- man warf ihn +aus+ dem

Zimmer +hinaus+ -- das Gymnasium geriet +in+ einen innern Widerspruch

+hinein+ -- dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden +durch+

das Gesetz +hindurch+ -- wir können uns schlechterdings nicht +darum

herumdrücken+. Gegen solche Verdopplungen ist nichts einzuwenden.

[134] Von einem Leipziger Bankier erzählt man, daß er auf die Frage,

ob er eine gewisse ausländische Geldsorte beschaffen könne, mit der

Gegenfrage geantwortet habe: muß es denn +jetzt alleweile gleich in

demselben Momente+ sein? Ein Schaubudenbesitzer macht bekannt: „Morgen

Eintritt +ausschließlich nur allein+ für Damen.“

[135] Dabei hier noch der gemeine Provinzialismus, daß +brauchen+ mit

dem bloßen Infinitiv verbunden ist! (Vgl. S. 61.)

[136] Ein neutraler Begriff ist +Lage+. Ich bin +in der Lage+ -- kann

ebensogut heißen: ich habe die Möglichkeit, wie: ich bin genötigt. Hier

muß die besondre Art der Lage durch ein +können+ oder +müssen+ näher

bezeichnet werden. Dagegen ist es natürlich überflüssig, zu schreiben:

er wird in die +Zwangslage+ gebracht, sich mit einer Stellung zweiten

Ranges begnügen zu +müssen+. Vereinzelt wird übrigens auch der

umgekehrte Fehler gemacht, nämlich das Hilfszeitwort weggelassen, wo es

ganz notwendig ist, z. B.: wir erklärten, +dazubleiben+ -- wo es heißen

muß: dableiben zu +wollen+, denn in +erklären+ liegt noch nicht der

Begriff der Absicht.

[137] Alle diese Beispiele sind, wie ausdrücklich bemerkt werden mag,

nicht erfunden!

[138] Übrigens kann ein Bild auch ohne Vermengung mit andern

geschmacklos wirken, nämlich dann, wenn es zu sehr ausgetitscht wird;

so, wenn es von den Arbeiten, die ein Schriftsteller seinem Verleger

einsandte, heißt: jede +jährliche Ernte+ seines Fleißes und Talentes

hat er +in den Hof+ des befreundeten Hauses +eingefahren+.

[139] Mit dem Voranstellen des abhängigen Genitivs muß man überdies

vorsichtig sein. Vor kurzem ist ein Buch erschienen: +Lichtenbergs

Mädchen+. Da fragt doch der Leser sofort: +das+ oder +die+?

[140] +Das Mitglied Eugen Richter des Reichstags+ habe ich wirklich

gedruckt gelesen.

[141] Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nach +denn+

und +nämlich+; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich

schließt O. Erdmann einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion

mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs

soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit

des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich

werden.“

[142] Ein Meister des deutschen Stils, Otto Gildemeister, schrieb

einem jungen Neffen, als dieser in einem Brief an ihn eine Inversion

gebraucht hatte: So schreiben Kommis und schlechte Journalisten, aber

kein edler deutscher Jüngling. Diese Inversion ist so schlimm wie mit

dem Messer essen. Tu es nicht wieder!

[143] Tausendmal habe ich bei der Durcharbeitung von Manuskripten das

+sich+ heraufgeholt an die richtige Stelle, und niemals haben die

Verfasser, wenn sie die Druckkorrektur bekamen, etwas davon gemerkt;

alle haben darüber weggelesen, als ob sie selber so geschrieben hätten.

Und hundertmal ist mir in Manuskripten der Fall begegnet, daß der

Verfasser bei der ersten Niederschrift das +sich+ an die richtige

Stelle gesetzt, aber beim Wiederdurchlesen dort ausgestrichen und dann

hinten, unmittelbar vor dem Verbum, hineingeflickt hatte -- niemals das

umgekehrte! Damit ist schlagend bewiesen, daß die Voranstellung des

+sich+ das natürliche ist und das, was jedem, der unbefangen schreibt,

aus der lebendigen Sprache zunächst in die Feder läuft; erst wenn das

Drechseln und Feilen beginnt, entsteht die Unnatur.

[144] Nur wo ein Mißverständnis, eine Verwechslung von Subjekt

und Objekt möglich ist, hat es einen Sinn, das Subjekt in dieser

ängstlichen Weise vor das Fürwort zu stellen, z. B. Vater und Mutter

müssen sich darein finden, daß +die Kinder sie+ verlassen. Aber ist

etwa ein Mißverständnis möglich, wenn man sagt: Tatsachen machen sich

geltend, gleichviel ob +sie die Juristen+ definieren können oder nicht?

Wird hier jemand +die Juristen+ für das Objekt halten?

[145] Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann gebildet.

[146] Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten

Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das ist +gar ein+

merkwürdiger Mensch, das ist +ganz was+ feines.

[147] Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche

Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie

ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer

haben sie ohne Anstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie

hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches

Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer

Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wiederherstellen müssen!

[148] Ein harmloses Menschenkind, dem die zwei Präpositionen

hintereinander doch wider den Strich gingen, schrieb: +mit

Zumherunterlassen+ eingerichteten Fenstern!

[149] Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze, +da wo+ wir

ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt

sich mit einer Skizze +da, wo+ wir usw.

[150] In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften,

Bd. 2).

[151] Bedingungssätze statt mit +wenn+ mit dem Verbum anzufangen ist

an sich nicht übel, nur darf das Verbum dann nicht unmittelbar hinter

dem des Hauptsatzes stehen, z. B. ich muß +eilen, will+ ich den Zug

nicht versäumen -- ein gewissenhafter Mann +darf, will+ er seinen Ruf

nicht gefährden -- es ist manches verschwiegen, was gesagt werden

+müßte, sollte+ die Veröffentlichung überhaupt Berechtigung haben. Wer

laut schreibt, wird so etwas nie schreiben. Die beiden Verba platzen

aufeinander wie ein paar Lokomotiven. Schreibt man +wenn+, so mündet

der Nebensatz leicht und natürlich ein wie ein Nebenflüßchen, das den

Fluß des Hauptsatzes beschleunigt. Hüten muß man sich vor der Häufung

einsilbiger Wörter. Doch kann auch eine lange Reihe einsilbiger

Wörter ganz fließend klingen, wenn sie durch den Akzent zu Gruppen

zusammengefaßt werden, z. B.: ein Umstand, wie es ihn | bis jetzt |

noch fast gar nicht | gegeben hat.

[152] Sehr komisch ist es, wenn unwillkürlich einmal die gesunde

Natur durch die Manier durchbricht, wo es zu spät ist. Dann entstehen

Sätze wie: es ist zu bedauern, was für ein +Aufwand+ von Zeit und

Mühe darauf +verwendet+ worden ist -- die Erfahrungen, die man in

Dresden mit dieser Einrichtung gemacht hat, dürften den +Beweis+

für die Notwendigkeit derselben genügend +bewiesen+ haben -- eine

telegraphische Nachricht, wonach die +Möglichkeit+ einer persönlichen

Begegnung für +möglich+ erachtet wurde.

[153] Schon als Knaben haben mich die Verse nachdenklich gemacht:

Ritter, +treue Schwesterliebe+ widmet euch dies Herz. Dann heißt es

weiter: +fordert+ keine andre Liebe -- wo mir wieder +fordert+ wie ein

zweites Prädikat zu +Schwesterliebe+ erschien.

[154] Wenn aber Sigismund Breslauer anzeigt, daß er für alte Kleider

+staunend hohe+ Preise bezahle, und Sigismund Cohn, daß er zu +staunend

niedrigen+ Preisen verkaufe, so ist das natürlich wieder eine

Verwechslung; sie meinen +erstaunlich hohe+ und +niedrige+ Preise.

[155] In Leipzig wird ein Hauskauf nicht ins Grundbuch geschrieben,

sondern +grundbücherlich+ (so!) +verlautbart+.

[156] Das niedrige Volk sagt jetzt auch: +da hört sich alles+

auf! offenbar, indem es die Redensart: +das gehört sich+ -- damit

zusammenwirft.

[157] Im Friseurladen redet man jetzt von amerikanischer Kopf+wäsche+.

Wenn jemand im Neuen Testament von Jesu Fuß+wäsche+ reden wollte!

[158] Im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von +Unterrichtung+.

Als dafür +Unterricht+ aufkam (anfangs gewiß auf der letzten Silbe

betont), muß sprachfühlenden Leuten ähnlich zumute gewesen sein wie uns

heute beim +Vollzug+ und beim +Entscheid+.

[159] Bei dem jetzt so beliebten +entfallen+ mag wohl das lateinische

~dis~ vorgeschwebt haben, das in ~distrahere~ die Trennung, in

~distribuere~ die Verteilung bedeutet.

[160] Ein Fehler ist es übrigens, diese Präfixe abzutrennen und zu

betonen, wie +An-+ und +Ver+kauf, +be+- und +ent+laden, +Be+- und

+Ent+wässerung. Getrennt und betont werden können immer nur echte

Präpositionen: +auf+- und +ab+steigen, +Ab+- und +Zu+gang; dagegen

+An+kauf und +Verkauf+.

[161] Auch mit den Präpositionen springen sie in derselben Weise um

wie mit den Präfixen. In der Sprache des gewöhnlichen Lebens wird

ein neues Haus +gedeckt+, eine neue Kirche +gewölbt+, eine Straße

+gepflastert+, Sandsteinfiguren werden an einem Hause +angebracht+,

Bilder werden +eingerahmt+, und wenn man eine Stube tapezieren läßt,

so werden die Möbel vorher +zugedeckt+; sowie aber der Architekt davon

spricht, wird das Haus +eingedeckt+, die Kirche +eingewölbt+, die

Straße +abgepflastert+, die Figuren werden +aufgebracht+, die Bilder

+gerahmt+, und die Möbel -- +abgedeckt+! Gewöhnlich werden Farben

+gemischt+, und zu einer Lotterie werden auch die Lose +gemischt+.

Der Farbenfabrikant aber empfiehlt seine +Ausmischungen+ sämtlicher

Farbentöne, und die Lotteriedirektion spricht von der +Einmischung+

der Lose. Gewöhnlich wird ein Vogel von der Stange +abgeschossen+, und

unnütze Sperlinge werden +weggeschossen+; sowie aber der Herr Landrat

davon spricht, werden die Sperlinge +abgeschossen+. Der gewöhnliche

Mensch begnügt sich damit, etwas zu +liefern+. Im Bauwesen aber werden

Steine, Kalk, Ziegel +angeliefert+, und bei der Post werden Briefe,

Postkarten, Pakete, Zeitungen sogar +aufgeliefert+! Der gewöhnliche

Mensch +beschneidet+ in seinem Garten einen Trieb, der Gärtner aber

+kürzt+ ihn +ein+ usw.

[162] Höchstens +Wollust+ und +Jawort+ ließen sich vergleichen.

[163] Auch Wörter wie +Pflegemutter+, +Betschwester+, +Schreihals+,

+Singvogel+, +Stechapfel+, +Stinktier+ machen nur scheinbar eine

Ausnahme, auch +Beißkorb+ und +Klapperdeckchen+, denn sie bezeichnen

Dinge, die den Zweck haben, Beißen und Klappern zu verhüten. Nur

+Bratheringe+, +Röstkartoffeln+ und +Schlagsahne+ haben ihren Zweck

schon erfüllt, sie sind schon gebraten, geröstet und geschlagen.

[164] Die früheste Anwendung von +voll und ganz+, freilich in

gehaltvollerem Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch

schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von

Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3):

Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern Dienst

Für eine Weile; meines Herzens Summe

Bleibt dein hier +voll und ganz+.

(~The strong necessity of time commands

Our services a while; but my full heart

Remains in use with you.~)

Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht“, worin er

den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind,

Nein, groß und fertig, +voll und ganz+

Entsteig’ er unsern Dämmerungen --

schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner

Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der

Unterhaltung mit ihm jemand +voll und ganz+ gebraucht habe, ausgerufen:

„Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase,

nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es

gibt, trotz seiner Fülle!“

[165] Als der junge Goethe 1773 seine kecke Schrift „Von deutscher

Baukunst“ hatte drucken lassen, schrieb der wackere kurf. sächsische

Hofbaumeister Krubsacius eine Kritik darüber. Darin spricht er auch von

der „neumodischen Schreibart“, die schon so vielfältig ausgespottet

worden sei und trotzdem immer weiter um sich gegriffen habe. Daran

knüpft er die wahrhaft klassischen Worte: „Ein Mißbrauch wird nicht

anders als durch sich selbst ausgerottet, wenn er nämlich zu einer

solchen Höhe anwächst, daß ein jeder, der nicht zu stumpfe Sinne hat,

das Ungeheure davon gewahr werden kann.“

[166] Abgesehen natürlich von Infinitiven, die ganz zu Substantiven

geworden sind, wie +Leben+, +Essen+, +Vergnügen+, +Vermögen+,

+Wohlwollen+ u. a.

[167] Seitdem dieses Kapitel veröffentlicht worden ist, ist der

Mißbrauch erfreulicherweise bedeutend zurückgegangen. Trotzdem mag es

unverändert hier wieder abgedruckt werden -- als sprachgeschichtliches

Zeugnis.

[168] Neuerdings wird das Wort sogar für +anfertigen+, +schaffen+

gebraucht: er hat sich ein Paar neue Stiefel +fertigstellen+ lassen --

eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühe +fertigzustellen+ als eine

Symphonie!

[169] Von festen Körpern nur in dem Sinne von +zerkleinert+; +klarer+

Zucker, +klares+ Holz.

[170] Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: die +zweitmalige+,

+drittmalige+ usw.?

[171] Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathaus +besitzt+

denselben Baumeister wie die Pleißenburg!

[172] Anders in „Künstlers Erdewallen“, wo es von dem Kunstschatz des

Reichen heißt: „Und er +besitzt+ dich nicht, er +hat+ dich nur.“

[173] Das t ist dasselbe unorganische Anhängsel wie in +jetzt+,

+selbst+ und +Obst+. In Leipzig sagt das Volk auch +anderst+, +Rußt+,

+Harzt+.

[174] Früher hieß es +im Namen+ des Königs, +aus Mangel+ an genügendem

Angebot, jetzt nur noch +namens+ des Königs -- +mangels+ genügenden

Angebots. Schon der häßliche Gleichklang, der ganz unnötigerweise

durch die Häufung der Genitiv-s entsteht, hätte von solchen Bildungen

abhalten sollen. Aber die Leute sind ganz vernarrt in solche Genitive;

man denke auch an: +anfangs+ (!) Oktober (vgl. S. 8).

[175] Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man

denke an +vollends+, +bereits+, +öfters+, +nirgends+, +zusehends+,

+durchgehends+, +allerdings+, +schlechterdings+ (um 1700 noch aller

+Dinge+, +schlechter Dinge+), „neuerdings“ auch +folgends+. Bei den

meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das Unorganische des s,

höchstens noch bei +öfters+. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir

das häßliche süddeutsche und österreichische +weiters+ und +durchwegs+

hören: ein selbständiges, +durchwegs+ auf Erfahrung begründetes Urteil

-- oder wenn wir +unversehens+ und +unbesehens+ lesen: der Zuhörer

steht +unversehens+ vor dem Dämonischen -- er hätte dieses Argument

nicht so +unbesehens+ hinnehmen sollen.

[176] +Bezüglich+ ist Präposition und bedeutet dasselbe wie

+hinsichtlich+, +rücksichtlich+.

[177] Auf einige häßliche Austriazismen ist schon in der Formenlehre

und in der Satzlehre hingewiesen worden. Vgl. S. 17 und 58.

[178] Manche Kaufleute behaupten, in dem +ab+ liege ein besondrer Sinn;

es solle ausdrücken, daß der Übergang einer Ware aus dem Besitz des

Kaufmanns in den des Käufers an der angegebnen Stelle (+ab Bahnhof+,

+ab Lager+) geschehe; der Bahnhof, das Lager sei der „Erfüllungsort“.

Davon hat aber doch der harmlose Käufer, der so etwas in der Zeitung

liest, keine Ahnung.

[179] Unsre Professoren lachen heute, wenn sie in einem Buche des

achtzehnten Jahrhunderts lesen: die ~iniquitaet~ ist ~manifest~ oder:

wir müssen diese ~difficultaeten superiren~. Mache sie es denn aber um

ein Haar besser?

[180] Freilich gehen Technik und Wissenschaft mit bösem Beispiel voran.

Vgl. +Taxameter+, +Automobil+, +homosexuell+ (dessen erste Hälfte auch

„gebildete“ Leute für das lateinische ~homo~ halten!), +Telefunken+

u. ähnl.

[181] Sehr bitter spottete einmal darüber ein junger französischer

Student in Leipzig. Die deutschen Mädchen, sagte er, glauben, sie

müßten +Colliers+ tragen, weil jeder Hund ein +Halsband+ trägt. In

Paris trägt aber doch jeder Hund ein +Collier+!

[182] Ein vortrefflicher deutscher Schriftsteller, August Apel, nennt

(1815) einen eingebildeten Kunstkenner einen +Connaisseur+ und fügt

hinzu: Ich liebe fremde Worte, um die affektierende Abart zu bezeichnen.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 40 / 41 段