(eigentlich: +sitzend+) -- ich +habe+ tausend Mark auf dem Hause
+stehen+ (eigentlich: +stehend+) -- hat keiner einen Bleistift
+einstecken+? (eigentlich: +einsteckend+). In der ältern Zeit schrieb
man sogar: ein Büchlein, das man in Kirchen +gebrauchen ist+ (statt
+gebrauchend+) -- wir +sind+ euch dafür +danken+ (statt +dankend+).
[43] +Apotheker+ und, was man im Volke auch hören kann, +Bibliotheker+
ist anders entstanden, es ist verstümmelt aus ~apothecarius~ und
~biliothecarius~. +Attentäter+ wurde anfangs nur als schlechter Witz
gebildet (es hätte auch +Täter+ genügt); aber törichte Zeitungschreiber
haben es dann in vollem Ernst nachgebraucht.
[44] +Kreidezeichnung+, +Höhepunkt+ und +Blütezeit+ haben wir ja
schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet:
+Kreidenstrich+, +Höhenpunkt+, +Blütenzeit+.
[45] Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetzt
+Liebfraumilch+ lesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür
schmuggelt man dann das +en+ in den +Niersteiner+ ein und nennt ihn --
höchst verdächtig! -- +Nierensteiner+ (Nierstein ist nach dem Kaiser
Nero genannt). +Visitekarte+, +Manschetteknopf+, +Toiletteseife+ soll
vielleicht +Visittkarte+, +Manschettknopf+, +Toilettseife+ gesprochen
werden -- gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur
gedruckt; aber wozu die französische Aussprache?
[46] Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh.
Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden die
+Parthenmühle+ als ~Pardemöl~ vor. Im Harz spricht man allgemein und
wohl schon lange vom +Bodetal+ und vom +Ilsetal+.
[47] Ähnlich verhält sichs mit dem neuen Modewort +Anhaltspunkt+.
Früher sagte man: ich finde keinen +Anhaltepunkt+, d. h. keinen Punkt,
wo ich mich anhalten könnte (vgl. +Siedepunkt+, +Gefrierpunkt+).
Daneben hatte man in demselben Sinne das Substantiv +Anhalt+; man
sagte: dafür fehlt es mir an jedem +Anhalt+. Aus beiden aber nun einen
+Anhaltspunkt+ zu bilden, war doch wirklich überflüssig. Wahrscheinlich
hat man geglaubt, damit einen feinen Unterschied zu schaffen zu den
+Anhaltepunkten+ auf den Eisenbahnen. Als ob +Anhaltepunkt+ nicht
ebensogut die Stelle bedeuten könnte, wo man +sich anhält+, wie die, wo
man +anhält+!
[48] In Leipzig hält man sich ein +Kindermädchen+, auch wenn man nur
ein Kind hat, in Wien eine +Kinds+magd, auch wenn man +sechs+ Kinder
hat.
[49] Wofür man in Süddeutschland auch +Wartsaal+, +Singstunde+ sagt,
wie neben +Bindemittel+ auch +Bindfaden+ steht. +Schreibpapier+ und
+Schreibpult+ spricht sich schwer aus, weil b und p zusammentreffen;
man hört immer nur: +Schreipapier+. Darum ist wohl +Schreibepapier+
vorzuziehen.
[50] Jean Paul hat schon 1817 einmal den Versuch gemacht, diese
s-Krätze, wie er es nannte, zu bekämpfen, merzte auch aus einer
neuen Auflage seines Siebenkäs alle falschen s aus. Es ist aber
vergeblich gewesen. Und ebenso vergeblich wird es sein, daß es jetzt
der Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Die Zukunft
wieder versucht. Die Mitarbeiter sollten sich das einfach verbitten.
[51] Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt die greulichen Zusammensetzungen
nicht.
[52] Unter den Hunderten mit Liebe gebildeten Zusammensetzungen haben
nur wenige das s nicht: +liebreich+, +liebevoll+, +liebeglühend+,
+liebetrunken+, +liebedienerisch+, +Liebedienerei+, einige wohl
deshalb, weil hier mehr ein dativisches Verhältnis gefühlt wird.
[53] Wie man auch das Haus eines Mannes, der +Plank+ hieß, das
+Plänkische Haus+ nannte, die Mühle in dem Dorfe +Wahren+ die
+Währische Mühle+.
[54] Daneben freilich auch schon vom +Manesse-Kodex+! Es wird immer
besser. Vielleicht wird nächstens auch noch der +Farnesische Herkules+
in einen +Farnese’schen+ verwandelt, und der +Borghesische+ Fechter in
einen +Borghese’schen+.
[55] Auch die guten Pfefferkuchen, die +Aachner Printen+, sollen
früher in Aachen selbst +Aacher Printen+ geheißen haben. In vielen
ursprünglich undeutschen (lateinischen, slawischen) Ortsnamen gehört
das n zum Stamm; die bilden dann natürlich richtig Bozner, Dresdner,
Meißner, Posner usw. Aber die guten +Gießer+ hätten sich keine
+Gießener Neuesten Nachrichten+ aufnötigen zu lassen brauchen.
[56] Woraus die Kunsthistoriker „Hans Baldung, genannt Grien“, gemacht
haben.
[57] Freilich sind Formen wie +Jenaer+ und +Geraer+ auch nicht
besonders schön, so wenig wie die in Sachsen in der Schriftsprache
beliebten Adjektivbildungen auf +aisch+: +Grimmaisch+, +Tauchaisch+,
+Bornaisch+, +Pirnaisch+. In diesen Bildungen ist eine deutsche Endung
an eine ganz unvolkstümliche, künstlich gemachte lateinische Endung
gehängt. Der Volksmund kennt noch heutigestags nur die Städte +Grimme+,
+Tauche+, +Borne+, +Pirne+ und so auch nur die Adjektivbildungen
+Grimmisch+, +Tauchisch+, +Bornisch+, +Pirnisch+, und es wäre zu
wünschen, daß sich die amtliche Schreibung dem wieder anschlösse. So
gut wie sich zu irgendeiner Zeit das Falsche amtlich hat einführen
lassen, ließe sich doch auch das Richtige amtlich wieder einführen.
Man pflegt jetzt eifrig die „Volkskunde“, sucht überall die Reste
volkstümlicher alter Sitten und Gebräuche zu retten und zu erhalten.
Gehört dazu nicht vor allem die Sprache des Volks?
[58] Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte
Verbindungen, wie: eine +offne Frage+, ein +zweifelhaftes Lob+, ein
+frommer Wunsch+, +blinder Lärm+, auseinanderreißt, das Prädikat zum
Subjekt macht und schreibt: +die Frage+, ob das Werk fortgesetzt werden
sollte, war lange Zeit +eine offne+ -- +dieses Lob+ ist doch +ein sehr
zweifelhaftes+ -- +dieser Wunsch+ wird wohl ewig +ein frommer+ (!)
bleiben -- +der Lärm+ war zum Glück nur +ein blinder+ (!).
[59] Vgl. ein +Schock frische+ Eier -- ein +Dutzend neue+ Hemden --
eine +Flasche guter+ Wein -- mit +ein paar guten+ Freunden -- mit ein
+bißchen fremdländischem+ Sprachflitter.
[60] Den Inhalt eines Dramas kurz anzugeben, gehört zu den beliebtesten
Aufgaben für deutsche Aufsätze in den oberen Gymnasialklassen. Es ist
auch wirklich eine Aufgabe, bei der viel gelernt werden kann. Wie
viel ärgerliche Korrektur aber könnte sich der Lehrer ersparen, wenn
er bei der Vorbesprechung immer auch diese Tempusfrage mit den Jungen
gründlich erörterte!
[61] Nur in Süddeutschland und Österreich wird +welcher+ auch
gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken
möchten. In deren falschem, halbgebildetem Hochdeutsch -- da grassiert
es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren
in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie
zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“.
Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wien berufen
worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“ +welcher+. In Mittel- und
Norddeutschland aber spricht es niemand.
[62] Um +welcher+ zu verteidigen, hat man neuerdings ausgezählt, wie
oft es unsre klassischen Schriftsteller schreiben, und hat gefunden,
daß sie es -- sehr oft schreiben. Aber was wird damit bewiesen? Doch
weiter nichts, als daß auch unsre klassischen Schriftsteller von
Kindesbeinen an im Banne der Papiersprache gestanden haben. Das braucht
aber nicht erst bewiesen zu werden, das wissen wir längst.
[63] Wenn man nicht +der der+ oder +die die+ schreiben dürfte, dann
dürfte man auch nicht schreiben: +an an+drer Stelle, +ein ein+zigesmal,
+bei bei+den Gelegenheiten, +mit mit+leidiger Miene. Sehr oft entsteht
übrigens die so gefürchtete Doppelung nur durch falsche Wortstellung:
ein persönliches oder reflexives Fürwort, das zwischen die beiden +der+
oder +die+ oder +das+ gehört, wird verschoben und erst beim Verbum
nachgebracht: +alle+ Änderungen, +die die+ Schule +sich+ hat gefallen
lassen -- die Grundsätze, an +die die+ Revision +sich+ gebunden hat --
die Aufgaben, +die die+ wirtschaftlichen Bedürfnisse der Zeit +uns+
stellen. Man bringe das persönliche Fürwort an die richtige Stelle, und
das Gespenst ist verschwunden: alle Änderungen, +die sich die+ Schule
hat gefallen lassen.
[64] Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen
müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist
ganz dem Lateinischen nachgeahmt.
[65] Nicht zu verwechseln hiermit ist natürlich ein Fall wie folgender:
+eine+ der größten +Schwierigkeiten+ für das Verständnis unsrer
Vorzeit, +die+ meist gar nicht gewürdigt +wird+. Hier muß es +wird+
heißen, denn hier bezieht sich der Relativsatz wirklich auf +eine+; der
Sinn ist: und zwar +eine+, +die+ meist gar nicht gewürdigt wird.
[66] +Habe+ wäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt
sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen
Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den
dialektischen Konjunktiv des Präsens haben: +ich häbe+, +wir häben+,
+sie häben+ und daher den Konjunktiv +ich habe+, +wir haben+, +sie
haben+, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich als +häbe+ verstehen
und vielleicht auch so -- aussprechen. Die mögen dann nichts davon
wissen, +habe+ durch +hätte+ zu ersetzen, und behaupten, sie könnten
+hätte+ nur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und
Norddeutschland fühlen eben anders.
[67] Im Konjunktiv Futuri von +werden+ zu +würden+ auszuweichen ist
freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dann
+würden+ als Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes
Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in
der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit
von Abgeordneten entsenden +werden+. In solchen Fällen kann man sich
aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die
Wählerschaft entsenden +werde+.
[68] Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der
Vergangenheit durch den -- Indikativ des Imperfekts auszudrücken:
wenn ich Geld +hatte+, +kam+ ich. Das klingt aber der Angabe einer
wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (+jedesmal+, +wenn+ ich Geld
+hatte+, +kam+ ich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache
besser vermeidet.
[69] Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ich +nicht wüßte+ --
+nicht+ daß es dem Vater an trefflichen Eigenschaften +gefehlt hätte+.
[70] In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das
H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn
dahin -- durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; -- mir ist,
+als ob+ ich längst gestorben +bin+ (!) -- und +ziehe+ (!) selig
mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die
Lippen. -- Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt
werden, z. B. hörten wir ein Geräusch, +wie wenn+ in regelmäßigen
Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brett +fällt+, d. h.
wie man es hört, +wenn+ ein Wassertropfen +fällt+ (Schiller im Taucher:
+wie wenn+ Wasser mit Feuer +sich mengt+). Hier ist selbstverständlich
der Indikativ am Platze.
[71] In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das
bloße +zu+ ausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mit +um zu+ ist die
jüngere.
[72] An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mit +um zu+ niemals
angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv.
Wenn auf Konzertprogrammen steht: +Das Belegen+ der Plätze, +um+ solche
Späterkommenden +zu sichern+, ist streng untersagt -- so ist das ein
Schnitzer.
[73] Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen: +zu hoffend+, +zu
fürchtend+, +anzuerkennend+, die durch Anhängen eines unorganischen d
aus dem Infinitiv mit +zu+ entstanden sind.
[74] Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart
bedeuten, z. B. das von mir +bewohnte+ Haus (d. i. das Haus, das von
mir +bewohnt wird+). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem
verstorbenen Rentier Sch. +bewohnte+ Wohnung ist zu Ostern anderweit zu
vermieten -- kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen:
die +bewohnt gewesene+.
[75] Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang
mit Vorliebe der Spruch gestickt:
+Geblüht+ im Sommerwinde,
+Gebleicht+ auf grüner Au,
Ruht still es nun im Spinde
Zum Stolz der deutschen Frau.
+Gebleicht+ ist richtig; aber daß das +geblüht+ den Stolz der deutschen
Frau nicht verletzte, war zu verwundern.
[76] In Bibliotheksbekanntmachungen liest man gelegentlich
sogar von demnächst +stattzufindenden+ Revisionen, und in
Kunstausstellungsprogrammen von einer aus sechs Mitgliedern +zu
bestehenden+ Jury!
[77] Und auch in Mittel- und Norddeutschland spricht man von
+gestandnem Wasser+ (im Gegensatz zu frischem).
[78] Vor einiger Zeit hatte ich an mehrere hundert Personen eine
Zuschrift abzufassen, auf die ebenso viel hundert teils ablehnende,
teils zustimmende Antworten eingingen. Ich beauftragte einen Schreiber
mit der Durchsicht und Ordnung der eingelaufenen Antworten. Als er
fertig war, legte er mir zwei Mappen vor, und auf der einen stand:
+abgelehnte Schreiben+, auf der andern: +angenommene Schreiben+. Ich
fragte ihn, was das heißen solle. Nun, das hier sagte er, sind die
Schreiben, die angenommen haben, und das hier die, die abgelehnt haben.
[79] Daher hat es ja seinen Namen. Partizipium kommt her von
~particeps~, d. h. Anteil habend; es ist davon genannt, daß es zugleich
am Verbum und am Nomen Anteil hat, zwischen beiden ein Mittelding ist.
Darum hat man es ja auch in der Volksschulgrammatik durch Mittelwort
übersetzt.
[80] +In Ermanglung+ ist mir immer so vorgekommen, als ob sichs einer
als schlechten Witz ausgedacht hätte, um den Aktenstil zu verhöhnen, um
zu probieren, ob es ihm wohl einer nachmachen würde.
[81] Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das
Hauptwort auf +ung+ von einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ
regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen
kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetzt +in Entsprechung+ eines
Gesuchs (vgl. S. 243). Eine Behörde schreibt: +In Begegnung von+
(!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird
hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen: +um+ Vorgängen +zu begegnen+
(vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben.
[82] In Leipzig empfiehlt man freilich auch +echt Madeirahandarbeiten+,
+echt Gose+ und +echt Bütten+ (nämlich +-papier+)!
[83] Manche Leute sind in diese Formen auf +er+ so vernarrt, daß sie
sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen
sind. So redeten die Leipziger Förster früher vom +Rosentäler+, vom
+Kuhturmer+ und vom +Burgauer+ Revier, statt vom +Rosentalrevier+,
+Kuhturmrevier+, +Burgauenrevier+. Ob sies auch heute noch tun, weiß
ich nicht.
[84] Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht
ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie
nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter
den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt
sind, ist auch eine +Lützowstraße+, eine +Schenkendorfstraße+, eine
+Gneisenaustraße+. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die
großen Kinder? Eine +Lützower Straße+, eine +Schenkendorfer Straße+,
eine +Gneisenauer Straße+! Wir haben ferner eine +Senefelderstraße+.
Auch die wird im Volksmunde als +Senefelder Straße+ verstanden.
Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein
Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und
abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs
ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen
Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch die +Fichtestraße+,
als sie neu war, sofort als +Fichtenstraße+ verstanden, und ein
unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant
zur Fichte“!
[85] Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des
Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle
Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle
als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen: +Dresdnerstraße+,
+Grimmaischestraße+, +Hohestraße+ usw., obwohl in allen amtlichen
Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten
und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das
frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff
sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an
die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse
Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten
Zeitung befindet sich noch heute auf +der Reudnitzerstraße+!
[86] Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des
fünfzehnten Jahrhunderts: ~uf der nuwestrasse~ (auf der +Neuen Straße+).
[87] Auf der einen Seite schreiben sie: +Kaiser Park+, +Hôtel Eingang+,
hier werden +Kinder+ und +Damenschuhe+ gemacht, auf der andern Seite:
+Grüne-Waren+, +Täglich-frei-Konzert+ u. ähnl.
[88] Nachdem die +Sprachdummheiten+ erschienen waren, redeten auch
andre von +Sprachsünden+, +Sprachleben+, +Sprachgefühl+ usw. Wären
die +Sprachdummheiten+ nicht vorangegangen, so kann man sicher sein,
daß die andern von sprach+lichen+ Sünden, sprach+lichem+ Leben,
sprach+lichem+ Gefühl geredet hätten.
[89] Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde!
[90] Fühlt man denn gar nicht, daß bei der +silbernen+ und der +goldnen
Hochzeit+ das +silbern+ und +golden+ nur ein schönes Gleichnis ist,
wie beim +silbernen+ und +goldnen Zeitalter+? und daß dieses Gleichnis
durch +Silber+hochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper
Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von
Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft
auch von der +Goldhochzeit+ und vom +Goldzeitalter+ reden? Wir reden
von einem +Bronzezeitalter+, aber in wie anderm Sinne! Daß schon
Goethe einmal das Wort +Silberhochzeit+ gebraucht -- in einem Brief
an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters,
Produkte einer Silberhochzeit“ --, auch Rückert einmal (in trochäischen
Versen, wo +silberne Hochzeit+ gar nicht unterzubringen gewesen wäre),
will gar nichts sagen.
[91] Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche
wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in
die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva --
gebildet sind sie ja richtig --, sondern in ihrer falschen Anwendung.
[92] Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor
lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein
Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber
das Wort +Damen+ wollte er als Fremdwort nicht gebrauchen, +Frauen+
auch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die
ers besonders abgesehen hatte, +Frauen und Mädchen+ aber auch nicht,
denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben
wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht für +erwachsene
Personen weiblichen Geschlechts+!
[93] Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten
Jahrhundert erteilte, wer mit seinem +halben Bruder+ im Streite lag,
einem Anwalt +volle Macht+, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf
der Leipziger Messe von +kurzen Waren+ gesprochen.
[94] Neuerdings hat man es durch +Uraufführung+ ersetzt, kein
glücklicher Ersatz.
[95] Daher Ortsnamen wie +Karlsruhe+, +Ludwigsburg+, +Wilhelmshaven+,
die ja nichts andres sind als +Karls Ruhe+ usw.
[96] Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden
ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen
entgegenschreien: +Henckell Trocken+, +Kupferberg Gold+ u. ähnl. Als
vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken
und fragt: Was sind denn das für Waren: +Trocken+ und +Gold+? Es sind
gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint
ist +Henckellscher Schaumwein+, +Kupferbergscher Schaumwein+. Aber
keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt
statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (~sec~, ~dry~), aber
mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für
die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der
Ausstattung, denn +Gold+ soll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel
beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und
fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.
[97] Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen,
mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn
und Bedeutung der beiden Glieder an. Bei +Gesellschaft+ und +Verein+
z. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so
nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute
eine +Aktiengesellschaft+ oder eine +Immobiliengesellschaft+, eine
Gesellschaft von Schlittschuhläufern einen +Eisverein+ und eine
Vereinigung von Förstern einen +Forstverein+ zu nennen. Noch gewagter
ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einem +Papierverein+
zusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack
könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einen
+Fleischverein+ nennen.
[98] +Schokolade+ und +Tee+ -- deutsch geschrieben! Manche
verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wie
+Atelier-Strauß+, +Tee-Meßmer+, was doch nur Männer bezeichnen kann
(der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich
Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch
selber lächerlich machen, wie: +Butter-Bader+, +Gold-Richter+,
+Fahrrad-Klarner+, +Zigarren-Krause+, +Schokoladen-Hering+.
[99] Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof
die +Abfahrtei+ nennen oder die Kopierstube im Amtsgericht die
+Abschriftei+.
[100] Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder
Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet: +die+.
[101] Die englische in einzelnen Fällen, wie: ~the now king~, ~the
then ministry~, ~the above rule~, die aber nicht von allen englischen
Grammatikern gebilligt werden.
[102] Wenn geschrieben wird: das Bild zeigt den Kaiser +in fast
Lebensgröße+, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (+in
fast+ statt +fast in+).
[103] Im Stephansdom in Wien ist etwas bei +sogleicher Wegweisung+
verboten.
[104] Heinrich von Treitschke, ein Meister in der Kunst, deutsch zu
schreiben, haßte sie aus tiefster Seele.
[105] Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die
Apposition voranstellt: +von Privatdozent+ ~Dr.~ Albert Schmidt, +von
ordentl. Professor+ E. Max, was doch unzweifelhaft +von ordentlicher+
(!) Professor gelesen werden soll.
[106] In Leipzig fängt man jetzt gar an, zwischen Vornamen und
Familiennamen einen Bindestrich zu setzen: +Horst-Schulze+,
+Hermann-Könnecke+.
[107] Der Deutsche sagt dafür +Renommage+, ein Wort, das es im
Französischen gar nicht gibt!
[108] O. Schroeder, Vom papiernen Stil. 7. Aufl. Leipzig, 1908.
[109] Beim Übersetzen aus dem Lateinischen z. B. sollte streng darauf
gehalten werden, daß kein ~ejus~ und ~eorum~ mit +desselben+ und
+derselben+ übersetzt werde.
[110] Es ist auch nicht nötig; spricht und betont doch jeder richtig
+der+artig, +der+maßen, +der+gestalt usw.