=Kluges Wörterbuch= ist im Jahre 1883 erstmals erschienen; es hat

also im Jahre 1908 sein 25jähriges Jubiläum feiern können. Der Erfolg

der bis jetzt erschienenen sieben Auflagen und die Anerkennung,

welche dem Buche zu Teil geworden, haben gezeigt, wie richtig der

Gedanke war, die Ergebnisse des anziehendsten und wertvollsten Teiles

der wissenschaftlichen Wortforschung, den über die Entstehung und

Geschichte der einzelnen Wörter unseres Sprachschatzes, in knapper

lexikalischer Darstellung zusammenzufassen.

Der Verfasser hat es sich zur Aufgabe gemacht, Form und Bedeutung

jedes Wortes bis zu seiner Quelle zu verfolgen, die Beziehungen

zu den klassischen Sprachen in gleichem Maße betonend wie das

Verwandtschaftsverhältnis zu den übrigen germanischen und den

romanischen Sprachen; auch die entfernteren orientalischen,

sowie die keltischen und die slavischen Sprachen sind in allen

Fällen herangezogen, wo die Forschung eine sichere Verwandtschaft

festzustellen vermag.

Die vorliegende neue Auflage, die auf jeder Seite Besserungen und

Zusätze aufweist, hält an dem früheren Programm des Werkes fest,

strebt aber wiederum nach einer Vertiefung und Erweiterung der

wortgeschichtlichen Probleme und ist auch diesmal bemüht, den

neuesten Fortschritten der etymologischen Wortforschung gebührende

Rechnung zu tragen. Am besten aber veranschaulichen einige Zahlen die

Vervollständigung des Werkes seit seinem ersten Erscheinen: die Zahl

der Stichworte hat sich von der ersten zur siebenten Auflage vermehrt

im Buchstaben A: von 130 auf 346 (6. Aufl. 280); B: von 378 auf 608 (6.

Aufl. 520); D: von 137 auf 238 (6. Aufl. 200); E: von 100 auf 202 (6.

Aufl. 160); F: von 236 auf 454 (6. Aufl. 329). Diese Vermehrung ist in

gleicher Weise auch bei den übrigen Buchstaben angestrebt worden.

Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.

Wörterbuch-Bibliothek.

=Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.= Von +Friedrich

Kluge+, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Siebente

verbesserte und vermehrte Auflage. Lex. 8°. XVI, 519 S. 1910. Geh. ℳ

9.--, in Leinw. geb. ℳ 10.20, in Halbfranz geb. ℳ 11.--

=Deutsches Fremdwörterbuch.= Von +Hans Schulz+, Privatdozent an

der Universität Freiburg i. Br. 1.-4. Lieferung: A-Kampagne.

Subskriptionspreis für die Lieferung ℳ 1.50. Das Werk wird etwa 10

Lieferungen von je 5 Bogen Lex. 8°. umfassen.

=Wörterbuch der deutschen Kaufmannssprache.= ~Auf geschichtlichen

Grundlagen. Mit einer systematischen Einleitung. Von _Alfred

Schirmer_. Lex. 8°. LI, 218 S. 1911.~

Geh. ℳ 6.50, geb. ℳ 7.50

=Die deutsche Druckersprache.= Von ~Dr.~ +Heinrich Klenz+. 8°. XV,

128 S. 1900. Geh. ℳ 2.50, geb. ℳ 3.50

=Schlagwörterbuch.= Von +Otto Ladendorf+. 8°. XXIV, 365 S. 1906. Geh.

ℳ 6.--, in Leinwand geb. ℳ 7.--

=Pennälersprache.= Entwicklung, Wortschatz und Wörterbuch. Von

+Rudolf Eilenberger+. 8°. VIII, 68 S. 1910. Geh. ℳ 1.80, in Leinwand

geb. ℳ 2.30

=Schelten-Wörterbuch.= Die Berufs-, besonders Handwerkerschelten und

Verwandtes. Von ~Dr.~ +Heinrich Klenz+. 8°. VIII, 159 S. 1910. Geh. ℳ

4.--, geb. ℳ 5.--

=Rotwelsch.= +Quellen und Wortschatz der Gaunersprache+ und der

verwandten Geheimsprachen. Von +Friedrich Kluge+. I. Rotwelsches

Quellenbuch. Gr. 8°. XVI, 495 S. 1901. ℳ 14.--

~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~

Allgemeine

Bücherkunde

zur neueren deutschen Literaturgeschichte

Von

Robert F. Arnold

a. o. Univ.-Prof., Kustos der k. k. Hofbibliothek in Wien.

8°. XIX, 354 S. 1910.

Geheftet ℳ 8.--, in Leinwand geb. ℳ 9.--.

„~Dieses Werk gehört zu den Büchern, die wirklich einmal eine

vorhandene Lücke ausfüllen und den Bestand unserer Hilfsmittel um

ein höchst nützliches Glied erweitern. Aus der Praxis erwachsen, ist

es auch in besonderem Sinne praktisch gestaltet worden, zumal der

Verfasser reiche bibliothekarische Erfahrung mit literarhistorischer

Kritik aufs glücklichste vereinigte ... Alles in allem erscheint der

Inhalt des Buches so wohlerwogen und so gewissenhaft überprüft, ist

die Anordnung und der Druck so klar und übersichtlich, daß es den

zu stellenden Anforderungen aufs beste entspricht ... Und wenn der

Verfasser die mühevolle Arbeit mit einem Seufzer der Erleichterung

beschließt, so mag in das Bewußtsein trösten, durch sein schönes Buch

den Nachstrebenden wie den Fachgenossen einen guten Dienst geleistet zu

haben.~“

_Dr. Otto Ladendorf in Zeitschr. f. d. dt. Unterricht, 24. Jahrg.,

Heft 11._

„~Für das Gebiet der deutschen Literatur, den bevorzugten Tummelplatz

unserer Bibliophilen, liefert der bekannte, als Bibliograph der neueren

Theatergeschichte bewährte Wiener Literaturhistoriker und Bibliothekar

Arnold eine überaus nützliche Einführung, indem er streng gegliedert

die gesamte eingeschlagene Literatur vorführt. Das System ist praktisch

und zumal durch das ausführliche Register auch für Laien leicht

benutzbar. Für jedes Gebiet wird eine Art historischer Entwicklung

an der Hand der älteren Bücher und Zeitschriften gegeben; knappe,

sichere Urteile, Anweisungen für den Gebrauch von Sammelwerken und

Nachschlagebüchern gewähren namentlich dem Anfänger die nützlichste

Unterstützung~ ...“

_Prof. Dr. G. Witkowski in der Zeitschr. f. Bücherfreunde,

Januar-Heft 1911._

~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~

Die Renaissance

Historische Szenen

vom

Grafen Gobineau

Deutsch von Ludwig Schemann

Ausgabe letzter Hand mit den aus der Handschrift erstmalig übertragenen

Originaleinleitungen Gobineaus.

8°. LXXXV, 387 S. 1912.

Preis: Geheftet ℳ 4.--, geb. in Leinwand ℳ 5.--, in Ganzlederband ℳ

6.--.

~Der Wert und die Bedeutung der neuen Auflage wird besonders

dadurch erhöht, daß in ihr =zum ersten Male= und =allein in ihr

die Einleitungen, die Gobineau selbst zur Renaissance= geschrieben

hat, veröffentlicht werden. „Diese Einleitungen, deren Charakter

und Bedeutung auf den ersten Blick erhellt, bringen einerseits

eine Art =Vorgeschichte der Renaissance=, eine knappe, lichtvolle

kulturgeschichtliche Übersicht über das Mittelalter, als die

eigentliche Grundlage und Voraussetzung jener großen Zeit; anderseits

aber Einzelcharakteristiken von Personen und Ereignissen, welche

die des Hauptwerkes zum Teil zusammenfassen, zum Teil ergänzen

und durch neue Züge bereichern; endlich noch einzelne besondere

geschichtsphilosophische Ausblicke und Erörterungen. =Das Ganze bildet

eine schwungvolle Parallele=, die der Kulturhistoriker dem Dichter

geliefert hat.“~

~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~

_DAS GESAMTE GEBIET DER NATURWISSENSCHAFTEN IN ZEHN BÄNDCHEN._

Chemie -- Physik -- Astronomie -- Physikalische Geographie -- Geologie

-- Tierkunde -- Botanik -- Mineralogie -- Physiologie -- Allgemeine

Einführung in die Naturwissenschaften

~vereinigt die bekannte von bedeutenden Gelehrten verfaßte

Sammlung~

Naturwissenschaftliche Elementarbücher.

~Ihren durchschlagenden Erfolg haben die Bändchen dieser Serie dem

Umstand zu danken, daß hier zum erstenmal die Wissenschaft durch ihre

allerersten Vertreter dem Elementar-Unterricht direkt dienstbar gemacht

ist; sie wollen „die Schuljugend zur Beobachtung, zum Nachdenken über

die alltäglichen Erscheinungen der Außenwelt anleiten und sie so mit

der Natur, in der wir wurzeln, vertraut machen. Nie zuvor sind unserer

Schule so gediegene Hilfsmittel dargeboten worden, in denen unter

der einfachsten und verständlichsten, zugleich das Gemüt erfreuenden

Einkleidung die Resultate der Wissenschaften durchblicken“. -- Die

schöne klare Sprache machen die Bändchen auch in hervorragendem Maße

zum Selbststudium und ersten Einführung gut geeignet.~

~+Gute Ausstattung+ (klarer Druck, weißes starkes Papier). --

+Zahlreiche gute Abbildungen.+~ --

~Preis pro Bändchen~: ~in Schulband~ ℳ --.80,

~in gediegenem Leinenband~ ℳ 1.--.

_Die ganze Serie zusammen_: _in Schulband_ ℳ 8.--,

_gebunden in Leinen in elegantem Karton_ ℳ 10.--.

~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~

~Kurzes Lehrbuch der~

~Physikalischen Geographie~

~von~

~A. Geikie~

~Professor an der Universität Edinburg.~

~Autorisierte Deutsche Ausgabe~

~von~

~Prof. Dr. Bruno Weigand.~

~Mit einer Einführung von Prof. Dr. Erich von Drygalski.~

~Zweite verbesserte und vermehrte Auflage.~

~Mit 77 Holzschnitten, 5 Vollbildern und 13 Karten.~

~8°. X, 386 S. 1908.~

~Geheftet ℳ 4.50, in Leinwand gebunden ℳ 5.20.~

~+Inhalt+: 1. Die Erde als Planet. -- 2. Die Luft. -- 3. Das

Meer. -- 4. Das Festland. -- 5. Das Leben.~

„... ~Wer die kleine „physikalische Geographie“ und „Geologie“

Geikies kennt, die als Nr. 4 und 5 der „Naturwissenschaftlichen

Elementarbücher“ (im selben Verlage) erschienen sind, der wird mit

großer Spannung an Geikies Lehrbuch herantreten. Und diese wächst mit

der Lektüre jeder Seite. Denn es spricht ein Meister und ein Künstler

der Sprache zu uns. Da ist alles knapp, einfach, klar und präzise

ausgedrückt ...~“

_Blätter für die Fortbildung des Lehrers und der Lehrerin 1908,

Heft 23._

„... ~In seiner Klarheit, Allseitigkeit, strengen Begründung und

doch leichten Faßlichkeit ist das Buch dem Lehrer das beste Werk zum

Selbststudium, dem Unterricht ein treffliches Hilfsmittel und der

reifen Jugend eine anregende Lektüre.~“

_Bayerische Lehrerzeitung 1908, Heft 41._

Fußnoten:

[1] Die Bezeichnungen starke und schwache Deklination sind ebenso wie

das Wort Umlaut von Jakob Grimm gebildet.

[2] Einige Wörter, wie +Auge+, +Bett+ u. a., werden in der Einzahl

stark, in der Mehrzahl schwach dekliniert. Diese faßt man als gemischte

Deklination zusammen.

[3] Mit Ausnahme von +Friede+ und +Gedanke+, die im Mittelhochdeutschen

(~vride~, ~gedanc~) zur starken Deklination gehörten.

[4] Auch der Nominativ +Felsen+ neben +Fels+ ist auf diese Weise

entstanden; das Wort gehört ursprünglich der starken Deklination an,

daher ist gegen die Dativ- und Akkusativform +Fels+ (+Vom Fels+ zum

Meer) nichts einzuwenden.

[5] Etwas andres ist es in Fällen, wo die falsche Form die alte,

richtige aus dem Sprachbewußtsein schon ganz verdrängt hat, wie bei

+Braten+, +Hopfen+, +Kuchen+, +Rücken+, +Schinken+ u. a., die im

Mittelhochdeutschen noch ~brate~, ~hopfe~ usw. hießen.

[6] Der Apostroph sollte nur da angewandt werden, wo er eine

Verwechslung verhüten kann, z. B. zwischen dem Präsens +rauscht+ und

dem Imperfektum +rauscht’+ (Das Wasser +rauscht’+, das Wasser schwoll),

oder zwischen der Einzahl +Berg+ und der Mehrzahl +Berg’+ (über +Berg’+

und Täler). Hier bedeutet er wirklich etwas, und hier kann man ihn bei

gutem Vorlesen sogar -- hören!

[7] Diese schwache oder aus schwacher und starker gemischte Deklination

der Eigennamen war früher noch viel weiter verbreitet. Nicht bloß

+Schwarz+ und +Schütz+ wurden dekliniert +Schwarzens+, +Schwarzen+,

+Schützens+, +Schützen+, weshalb man aus den ~casus obliqui~ nie

entnehmen kann, ob sich der Mann +Schwarz+ oder +Schwarze+ nannte;

auch von +Christ+, +Weck+, +Frank+, +Fritsch+ bildete man +Christens+,

+Christen+, +Weckens+, +Wecken+, +Frankens+, +Franken+, +Fritschens+,

+Fritschen+ (Leipzig, bei Thomas Fritschen). Daher findet man in

antiquarischen Katalogen Christs Buch „Anzeige und Auslegung der

~Monogrammatum~“ meist unter dem falschen Namen +Christen+, Wecks

Beschreibung von Dresden meist unter dem falschen Namen +Wecken+

aufgeführt; auf den Titelblättern steht wirklich: +von Christen+, +von

Wecken+. Die berühmte Leipziger Gelehrtenfamilie der +Mencke+, aus der

Bismarcks Mutter abstammte, war durch ihre ~casus obliqui~ so irre

geworden, daß sie schließlich selber nicht mehr wußte, wie sie hieß;

deutsch schrieben sie sich +Mencke+, aber latinisiert ~Menckenius~.

Aber auch bei solchen Genitiven auf +ens+ richtet der Apostroph oft

Unheil an. An +Stieglitzens+ Hof am Markt in Leipzig steht über dem

Eingang in goldner Schrift: +Stieglitzen’s+ Hof -- als ob der Erbauer

+Stieglitzen+ geheißen hätte. Und welche Überraschung, wenn einem

der Buchbinder auf einen schönen Halbfranzband gedruckt hat: Hans

+Sachsen’s+ Dichtungen!

[8] Wie lange soll übrigens noch in der deutschen Schrift der Zopf

der römischen Ziffern weitergeschleppt werden? Warum druckt man

nicht +Heinrichs 8.+, +Ludwigs XIV.+? Auch in andern Fällen werden

die römischen Ziffern ganz unnötigerweise verwandt. Warum nicht

das +12. Armeekorps+, warum immer das +XII. Armeekorps+? Fast alle

unsre Historiker scheinen zu glauben, es klinge gelehrter, wenn sie

schreiben: im +XVIII. Jahrhundert+. Eigentlich sollte man im Druck

überhaupt Ziffern nur für das Datum und für rechnungsmäßige, z. B.

statistische, finanzielle, astronomische Angaben verwenden, also nicht

drucken: Unser Leben währet 70 Jahre. Vornehme Druckereien haben sich

auch früher so etwas nie erlaubt. Von den Zifferblättern unsrer Uhren

verschwinden erfreulicherweise die römischen Ziffern immer mehr.

[9] Daher schreibt man auch auf Büchertiteln: +Von Pfarrer+ Hansjakob,

+von Prof.+ A. Schneider (statt +von dem+ Professor), wo bloß der Titel

gemeint ist.

[10] Geschmacklos ist es, vor derartige Appositionen, wo sie wirklich

den Beruf, das Amt, die Tätigkeit bedeuten, noch das Wort +Herr+ zu

setzen: der +Herr Reichskanzler+, der +Herr Erste(!) Staatsanwalt+,

der +Herr Bürgermeister+, der +Herr Stadtverordnete+, der +Herr

Vorsitzende+, der +Herr Direktor+, der +Herr Lehrer+ (die +Herren

Lehrer+ sind während der Unterrichtsstunden nicht zu sprechen),

der +Herr Königliche Oberförster+, der +Herr Organist+, der +Herr

Hilfsgeistliche+, sogar der +Herr Aufseher+, der +Herr Expedient+,

die +Herren Beamten+ usw. Wenn das +Herr+ durchaus zur Erhöhung der

Würde dabeistehen soll, so gehört es unmittelbar vor den Namen:

der +Abgeordnete Herr Götz+, der +Organist Herr Schneider+, der

+Hilfsgeistliche Herr Richter+ usw. Fühlt man denn aber nicht, daß +der

Reichskanzler+, +der Bürgermeister+ und +der Direktor+ viel vornehmere

Leute sind als der +Herr Reichskanzler+, der +Herr Bürgermeister+

und der +Herr Direktor+? Wie vornehm klangen die Theaterzettel der

Meininger, wie lächerlich klingt eine Liste der Prediger des nächsten

Sonntags, wenn sie alle vom Superintendenten bis herab zum letzten

Kandidaten als +Herren+ aufgeführt sind! Das allerlächerlichste sind

wohl die +Herren Mitglieder+. Wie heißt denn davon die Einzahl? +der+

Herr Mitglied? oder +das+ Herr Mitglied?

[11] Obwohl sich schon im fünfzehnten Jahrhundert in Urkunden findet:

das Haus, das +Peter von Dubins+ (Peters von Düben) oder das +Nickel

von Pirnes+ (Nickels von Pirne) gewest, als das Gefühl für den

Ortsnamen noch viel lebendiger war als bei unsern heutigen Adelsnamen.

[12] In München und in Wien +fahrt+ man in +Wägen+! Die +Nägel+, die

+Gärten+ u. a. sind freilich schon längst durchgedrungen, während es im

sechzehnten Jahrhundert noch hieß: +die Nagel+, +die Garten+.

[13] Ausgenommen sind nur +Mutter+ und +Tochter+, die zur starken,

und +Bauer+, +Vetter+ und +Gevatter, die zur gemischten Deklination

gehören. In der Sprache der Technik aber, wo +Mutter+ mehrfach im

übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich die +Muttern+

(die +Schraubenmuttern+).

[14] Vereinzelt ist auch in Fachkreisen die alte Form lebendig

geblieben. Der Leipziger Zimmermann sagt noch heute: +die Bret+, +die

Fach+, nicht +die Bretter+, +die Fächer+.

[15] Als die +Schlösser+ aufkamen, müssen Menschen von feinerem

Sprachgefühl etwa dasselbe gefühlt haben, was man heute fühlen würde,

wenn jemand von +Rössern+ reden wollte.

[16] Faß e mal das Ding an den Dingern hier an, daß die Dinger drinne

nich gedrückt werden. D. h. fasse den Korb an den Henkeln hier an, daß

die Hüte drin nicht gedrückt werden.

[17] Auch bei +Lohn+ sind seit alter Zeit beide Geschlechter üblich:

aber auch hier hat das Neutrum jetzt einen niedrigen Beigeschmack.

Dienstmädchen verlangen +hohes Lohn+, Gesellen +höheres Macherlohn+

oder +Arbeitslohn+; aber jede gute Tat hat +ihren+ schönsten +Lohn+ in

sich selbst.

[18] Wenn ein Hauptwort in seinem Geschlecht schwankt, so hat das

Neutrum nicht selten etwas gemeines. Es hängt das damit zusammen, daß

nicht bloß der ungebildete Fremde, der des Deutschen nicht mächtig

ist, alle deutschen Hauptwörter im Zweifelfalle sächlich behandelt

(+das Bruder+, +das Offizier+, +das Kutscher+), sondern auch der

ungebildete Deutsche ebenso mit Fremdwörtern verfährt. Man denke nur an

die unausstehlichen Neutra unsrer Handlungsreisenden, Ladendiener, und

Ladenmädchen: +das Firma+, +das Fasson+, +das Etikett+, +das Offert+,

+das Makulatur+! Das neueste ist +das Meter+, das die Handlungsdiener

und Ladenmädchen doch wahrhaftig nicht dem griechischen μέτρον zuliebe

plötzlich als Neutrum behandeln!

[19] Vielleicht ist es dort über die Niederlande aus dem Französischen

eingedrungen; dann würde es schließlich auch auf die romanische Quelle

zurückgehen.

[20] Von Wörtern weiblichen Geschlechts wird immer der Plural gebildet:

+zwei Mandeln+ Eier, +drei Ellen+ Band, +sechs Flaschen+ Wein, +zehn

Klaftern+ Holz, +vier Wochen+ alt.

[21] Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten

Druck sagt: +Sechs Blatt+ sind stockfleckig, so ist das natürlich

falsch.

[22] Genau genommen wird freilich auch nicht +vereiteln+, +verändern+

gesprochen, sondern +vereitln, verändrn+, l und r werden gleichsam

vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Aussprache +eln+, +ern+,

nicht +len+, +ren+. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme auf

+en+ hierher, wie +rechen+, +zeichen+, +orden+, +offen+, +eben+,

+eigen+, +regen+ (vgl. +Rechenschaft+, +Eigentum+, +Offenbarung+).

Die Infinitive können da natürlich nur +rechnen+, +ordnen+, +eignen+

lauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemein

+zeichnet+, +zeichnete+, +öffnete+, +gerechnet+, +geordnet+, +geeignet+

schreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch

überall schöner: +zeichent+, +gerechent+, +geordent+, +geeigent+.

Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt

-- er mag sich nur richtig beobachten --: +es regent+, es +regente+,

es hat +geregent+ (genau genommen freilich auch hier wieder +regnt+,

+geregnt+, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie

gedruckt“ redet, sagt: +ausgezeichnet+! +Net+, womöglich +nett+! Man

muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um das +net+

herauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften

brauchten nur einmal die vernünftigen Formen +zeichent+, +öffent+,

+zeichente+, +öffente+, +gezeichent+, +geöffent+ eine Reihe von Jahren

beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. In

+atmen+ (Stamm +atem+) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden

müssen, weil +atemn+ niemand sprechen kann; für +atmet+ hört man aber

im Volksmunde auch oft genug +atent+, wie denn auch schon in der ältern

Sprache +Aten+ neben +Atem+ erscheint, (und wie auch ~bodem~, ~gadem~,

~besem~, ~busem~ zu +Boden+, +Gaden+, +Besen+, +Busen+ geworden sind).

[23] Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden

Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die

garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus

gemacht, die gar niemand spricht (+anderen+, +unseren+). Die

Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem

Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes

Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm

das selbstverständliche.

[24] Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten

Jahrhundert: nach +gepflogner reifen+ Beratschlagung; Lessing: aus

+eigner sorgfältigen+ Lesung.

[25] Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und

sagte: +Verein der Berliner Künstler+. Es brauchten doch deshalb nicht

alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben.

[26] Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute

in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wird

~on board~ mit dem Akkusativ verbunden (~to go on board a ship~ -- ~on

board Her Majesty’s ship Albert~). Aber was geht das uns an?

[27] Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai

gefällt, und freue sich der schönen Welt und +Gottes Vatergüte+ (statt

+der Vatergüte Gottes+).

[28] Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt kein +leicht

verdaulicheres+ Mehl als Rademanns Kindermehl.

[29] Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative

auffaßte (+mein+ wie +klein+) und nun aufs neue deklinierte, die

besitzanzeigenden Eigenschaftswörter +mein+, +dein+, +sein+, +unser+,

+euer+, +ihr+ entstanden. Früher nahm man an, daß auch in den

Anfangsworten des +Vaterunsers+ das +unser+ der nachgestellte Genitiv

von +wir+ sei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher

ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach

dem lateinischen ~Pater noster~), das in der ältern Sprache auch

nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung: ~atta

unsar~).

[30] Genitiv und Dativ von +Eure Majestät+, +Eure Exzellenz+ heißen

natürlich +Eurer Majestät+, +Eurer Exzellenz+. Völliger Unsinn aber

ist, was man darnach gebildet hat: +Eurer Hochwohlgeboren+!

[31] Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt.

Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in

Leipzig: der Gasthof +zum drei Schwanen+, der Riß +zum Schlachthöfen+.

Man meinte natürlich +zun+ d. i. +zu den+, getraute sich das aber nicht

zu schreiben.

[32] Leute, die altertümlich schreiben möchten, z. B. Verfasser

historischer Romane oder Schauspiele, greifen gern zu +zween+ und

+zwo+, haben aber gewöhnlich keine Ahnung von dem Unterschied der

Geschlechter und machen sich deshalb lächerlich. Darum wohl gemerkt:

+zween+ war männlich, +zwo+ weiblich, +zwei+ sächlich.

[33] Auch diese Ausdrücke stammen von Jakob Grimm.

[34] Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers,

zurückführen.

[35] Das Niederdeutsche hat auch +jug+ gebildet von +jagen+. Doch wird

ein Unterschied gemacht. Bismarcks Vater brauchte +jagte+ von der Jagd,

+jug+ von schneller Bewegung, z. B. schnellem Fahren. In Hannover sagt

der gemeine Mann: ehe der Polizist die Nummer merken konnte, +jug+ der

Bengel um die Ecke.

[36] Viel zu ihrer Verbreitung haben wohl Scheffel und Freytag

beigetragen, die sie beide sehr lieben.

[37] Die Grenzboten veröffentlichten 1882 ein hübsches Sonett aus

Süddeutschland, das sich über das Vordringen der falschen Formen lustig

machte. Es begann mit der Strophe:

Ich +frug+ mich manchmal in den letzten Tagen:

Woher stammt wohl die edle Form: er +frug+?

Wer war der Kühne, der zuerst sie +wug+?

So +frug+ ich mich, so hab ich mich +gefragen+.

Eine Anzahl von Zeitungen brachte dann elende Gegensonette, aus denen

nichts weiter hervorging, als daß die Verfasser keine Ahnung von den

Anfangsgründen der deutschen Grammatik hatten, und daß ihnen die

falschen Formen schon so in Fleisch und Blut übergegangen waren, daß

sie für das Richtige alles Gefühl verloren hatten.

[38] Wenn freilich Kindern, die im Elternhause noch richtig +fragt+ und

fragte gelernt haben, in der Schule das dumme +frug+ in die Arbeiten

hinein„korrigiert“ wird, dann ist nichts zu hoffen.

[39] Als eine Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß die Leipziger

Buchbinder sagen: das Buch wird bloß +geheftet+, dagegen die Leipziger

Schneider: der Ärmel ist erst +gehoften+.

[40] Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir

sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl

gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ich +hab

gehuppt+.

[41] Bei +brauchen+ darf natürlich +zu+ beim Infinitiv nicht fehlen.

Das hättest du ja nicht +sagen brauchen+ -- ist Gassendeutsch.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 38 / 41 段