Ganz widerwärtig ist es, wie unsre Sprache neuerdings mit englischen

Sprachbrocken überschüttet wird. Da wird das kleine Kind +Baby+

genannt, und die Bedürfnisse für kleine Kinder kauft man im

+Babybasar+, ja im zoologischen Garten ist sogar ein Elefanten+baby+

zu sehen! Ein Frauenkleid, das der Schneider gemacht hat, wird als

~tailor-made~ bezeichnet, eine Schauspielerin oder Sängerin, die

Aufsehen erregt, wird als +Star+ gefeiert, Buchhändler reden von

+Standard+-Werken, unsre Schuhe werden aus +Boxcalf+ gemacht (wenn

nicht noch lieber aus +Chevreau+), an allen Mauern, Wänden und

Schaufenstern schreit uns das Wort +Sunlight-Seife+ entgegen, das die

Fabrikanten den deutschen Dienstmädchen zuliebe neuerdings sogar in

+Sunlicht-Seife+ (!) geändert haben, ein andrer Fabrikant preist seine

+Safety+-Füllfedern an, und an den Anschlagsäulen heißt es, daß in dem

oder jenem Tingeltangel ~fife sisters~ oder ~fife brothers~ auftreten

werden. Und dabei rühmt eine bekannte Fabrik von Teegebäck in Hannover,

daß ihr Fabrikat +der (!) beste Buttercakes+ sei! Eine deutsche Mutter

sollte sich schämen, ihr Kind +Baby+ zu nennen. Was würden unsre guten

Freunde, die Engländer, sagen, wenn ein englischer Fabrikant wagen

wollte, ~Sonnenlicht Soap~ anzupreisen!

Unsre Kanzleisprache hat sich im Laufe eines Jahrhunderts gewaltig

gereinigt. Noch 1810 konnte ein deutsches Stadtgericht an das andre

schreiben: „Ew. Wohlgeboren werden ~in subsidium juris et sub oblatione

ad reciproca~ ergebenst ersucht, die anliegende ~Edictalcitation~ in

Sachen des Kaufmanns R. daselbst ~loco consueto affigiren~ zu lassen

und selbige ~effluxo termino cum documentis aff- et refixionis~

gegen die Gebühr zu ~remittiren~.“ Heute hat sich, wenigstens unter

den höhergebildeten Beamten, doch fast allgemein die Einsicht Bahn

gebrochen, daß das beste und vornehmste Amtsdeutsch das sei, das die

wenigsten Fremdwörter enthält. Nur der kleine Unterbeamte, der +Folium+

und +Volumen+, +Repositorium+ und +Repertorium+ nicht unterscheiden

kann, der eine Empfangsbescheinigung eine +Rezepisse+ nennt und vom

+Makulatieren+ der Akten redet, weil er einmal von +Makulatur+ gehört

hat, tut sich noch etwas zugute auf ein ~sub~ oder ~ad~ (das gehört

+unter+ ~sub A~, sagt er), auf ein ~a. c.~ (~anni currentis~), ein

~eodem die~, ein ~s. p. r.~ (~sub petito remissonis~), ein ~cf. pg.~

(~confer paginam~) u. dgl.; er fühlt sich gehoben, wenn er solche

geheimnisvolle Zeichen in die Akten hineinmalen kann.

Wundern muß man sich, daß die Männer der Wissenschaft, bei denen man

doch die größte Einsicht voraussetzen sollte, fast alle noch in dem

Wahne befangen sind, daß sie durch Fremdwörter ihrer Sache Glanz und

Bedeutung geben könnten. Auf den Universitätskathedern und in der

fachwissenschaftlichen Literatur, da steht die Fremdwörterei noch in

voller Blüte. Der deutsche Professor glaubt immer noch, daß er sich

mit +~editio princeps~+, +~terra incognita~+, +~eo ipso~+, +~bona

fide~+, +Publikation+, +Argumentation+, +Modifikation+, +Akquisition+,

+Kontroverse+, +Resultat+, +Analogie+, +intellektuell+, +individuell+,

+identisch+, +irrelevant+, +adäquat+, +edieren+, +dokumentieren+,

+polemisieren+, +modifizieren+, +identifizieren+, +verifizieren+

vornehmer ausdrücke als mit den entsprechenden deutschen Wörtern.

Er fühlt sich wunderlicherweise auch gehoben (wie der kleine Rats-

und Gerichtsbeamte), wenn er +lexikalisches Material+ sagt statt

+Wortschatz+, wenn er von +heterogenen Elementen+, +intensiven

Impulsen+, +prägnanten Kontrasten+, +approximativen Fixierungen+ oder

einer +aggressiven Tendenz+, einem +intellektuellen+ oder +moralischen

Defekt+, einem +Produkt destruktiver Tendenzen+ redet, wenn er eine

+Idee ventiliert+, statt einen +Gedanken+ zu +erörtern+, wenn er von

einem +Produkt+ der +Textilkunst+ die +Provenienz konstatiert+, statt

von einem +Erzeugnis+ der +Weberei+ die +Herkunft nachzuweisen+,

wenn er schreibt: es kommt fast nie vor, daß gutartige Polypen

+recidivieren+ (statt: wiederkehren) -- die +Autopsie konstatierte+

die +Existenz+ eines +sanguinolent tingierten Serums+ im +Perikardium+

(statt: bei der Öffnung der Leiche zeigte sich, daß der Herzbeutel

blutig gefärbte Flüssigkeit enthielt).[179] Und der Student macht

es ihm leider meist gedankenlos nach; die wenigsten haben die

geistige Überlegenheit, sich darüber zu erheben. In der Sprache aller

Wissenschaften gibt es ja gewisse Freimaurerhändedrücke, an denen

sich die Leute von der Zunft erkennen. Wie stolz ist der Student der

Kunstgeschichte, wenn er zum erstenmale +Cinquecento+ sagen kann! Zwei

Semester lang tut er, als ob er +sechzehntes Jahrhundert+ gar nicht

mehr verstünde. Wie stolz ist er, wenn er das Wort +konventionell+

begriffen hat! Mit der größten Verachtung blickt er auf die gesamte

Kunst aller Zeiten und Völker herab, denn mit Ausnahme der Kunst der

letzten drei Jahre ist ja alles -- +konventionell+. Und wenn er dann

sein Dissertatiönchen baut, wie freut es ihn, wenn er alle die schönen

vom Katheder aufgeschnappten Wörter und Redensarten darin anbringen

kann! Man kennt den Rummel, man ist ja selber einmal so kindisch

gewesen. Dabei begegnet es aber auch sehr gelehrten Herren, daß sie die

Verneinung von +normal+ frischweg +anormal+ bilden, also das sogenannte

~Alpha privativum~ des Griechischen vor ein lateinisches Wort leimen,

statt +anomal+ (griechisch!) oder +abnorm+ (lateinisch!) zu sagen. Was

ist in der letzten Zeit von +anormalem+ Denken, +anormalem+ Empfinden,

+anormalen+ Trieben geschwafelt worden! Es begegnet auch sehr gelehrten

Herren, daß sie von +Prozent+ ein Eigenschaftswort +prozentuell+ bilden

(als ob ~centum~ „nach der vierten“ ginge, einen ~u~-Stamm hätte wie

~accentus~!), statt +prozentisch+ zu sagen, daß sie +indifferent+

schreiben, wo sie +undifferenziert+ meinen u. dgl.

Besonders stolz auf ihre Fremdwörterkenntnis sind gewöhnlich die Herren

„Pädagogen“, d. h. die Volksschullehrer, die sich nicht mit dem Seminar

begnügt, sondern nachträglich noch ein paar Semester an den Brüsten

der ~Alma mater~ gesogen haben. Schon daß sie sich immer +Pädagogen+

nennen, ist bezeichnend. +Lehrer+ klingt ihnen nicht wichtig genug.

Daß ein Pädagog etwas ganz andres ist als ein Lehrer, daran denken

sie gar nicht. Wenn so ein Pädagog einen Vortrag hält oder einen

Aufsatz schreibt über die Aufgaben oder vielmehr die +Probleme+ (!)

des Unterrichts in der Klippschule, dann regnet es nur so von +exakt+,

+theoretisch+, +empirisch+, +empiristisch+, +didaktisch+, +psychisch+,

+psychologisch+, +ethisch+, +Lustrum+, +Dezennium+, +Koedukation+ usw.

Aus diesen Kreisen ist dann auch in andre Kreise der Unsinn verpflanzt

worden, von +Klavier-+ und +Gesangpädagogen+ zu reden. Wieck, der Vater

der Klara Schumann, der bekanntlich in Leipzig Klavierstunden gab, wird

stets „der hervorragende Klavierpädagog“ genannt. Vielleicht erleben

wir auch noch +Geigen-+, +Posaunen-+ und +Fagottpädagogen+.

Weniger zu verwundern ist der Massenverbrauch von Fremdwörtern bei den

Geschäftsleuten. Sie stecken infolge ihrer Halbbildung am tiefsten in

dem Wahne, daß ein Fremdwort stets vornehmer sei als das entsprechende

deutsche Wort. Weil auf sie selbst ein Fremdwort einen so gewaltigen

Eindruck macht, so meinen sie, es müsse diesen Eindruck auf alle

Menschen machen. Ein Kapitel, das von Jahr zu Jahr beschämender für

unser Volk wird, bilden die Warennamen, die, wohl meist von den

Fabrikanten der Waren oder von ebenso unfähigen Helfern ersonnen, uns

täglich in Zeitungen und Wochenblättern anschreien. Namentlich auf

dem Gebiete der Arznei- und Toilettenmittel, aber auch auf andern

Gebieten, wie dem der Beleuchtungsmittel, der Kraftfahrzeuge, der

Musikmaschinen, der photographischen Artikel, der „alkoholfreien“

Getränke usw., wimmelt es davon. Von vernünftigen Sprachgesetzen,

nach denen sich doch auch solche Namen bilden ließen, ist gar keine

Rede mehr. Die Zeiten, wo ein Chemiker oder ein Techniker, der einen

neuen Namen brauchte, einen Philologen zu Rate zog, sind längst

vorüber. Jeder Fabrikant hält sich heute für berechtigt und befähigt,

solche Namen zu bilden; er nimmt ein paar -- Stämme oder Wurzeln,

kann man gar nicht sagen, sondern Stammsplitter oder Wurzelfetzen --

von irgendwelchen griechischen oder lateinischen Wörtern und leimt

sie aneinander, klebt auch vielleicht noch eine der aus der Chemie

bekannten oder sonst beliebten Endungen daran (ol, il, it, in usw.),

und der Name ist fertig. Man denke nur an Wörter wie +Odol+, +Pektol+,

+Javol+, +Virisanol+, +Antirheumol+, +Pomeril+, +Frutil+, +Fortisin+,

+Antinervin+, +Bioferrin+, +Hämoglobin+, +Sanatogen+, +Kantophon+,

+Solvolith+, +Photonox+, +Humidophor+, +Pianola+, nicht zu reden von

solchen Albernheiten wie +Velotrab+, +Biomalz+, +Abrador+, +Waschifix+

u. a.[180] Die Verrücktheit geht so weit, daß man sogar die Namen der

Orte zu Hilfe nimmt, wo die Waren fabriziert werden, und Namen bildet

wie +Thürpil+ (Thüringer Pillen!), ja daß man die Anfangsbuchstaben

des in der Regel ja sehr breitspurigen Namens der Anstalt oder Fabrik,

aus der die Ware hervorgeht, oder anderer beliebiger Wörter zu einem

scheinbaren Wort aufreiht, das in Wahrheit nichts als ein bloßer

Lauthaufe ist, ja daß man sogar aus ganz beliebigen Lauten solche

Lauthaufen bildet! ~Tet roia aga simi dalli perco aok degea ohno

pilo agfi wuk afpi tita maggi oxo ciba pebeco densos~ -- klingt das

nicht wie Sprache der Herero oder der Wahehe? Das alles sind deutsche

Warennamen! Ein Glück, daß die meisten nur ein kurzes Dasein fristen.

Sie flackern zu irgendeiner Zeit plötzlich auf, verlöschen aber bald

wieder wie Lämpchen, denen das nötige Öl fehlt. Leider drängen sich

aber an die Stelle jedes verschwindenden sofort wieder zwei oder drei

neue. Man kann nur hoffen, daß der ganze Blödsinn schließlich einmal an

sich selber zugrunde gehen werde.

Eine Menge Fremdwörter schleppen sich in der Zeitungssprache fort. In

der Zeit der Befreiungskriege redete man viel von +Monarchen+; bei

Leipzig erinnert noch der +Monarchenhügel+ daran. Heute dient der

+Monarch+ nur noch dem Zeitungschreiber zur Abwechselung und als Ersatz

für das persönliche Fürwort +er+, das er sich von einem gekrönten

Haupte nicht zu gebrauchen getraut: heute vormittag empfing der

Kaiser den Prinzen X; bald darauf stattete der +Monarch+ dem Prinzen

einen Gegenbesuch ab -- der Katarrh des Kaisers ist noch im Zunehmen

begriffen, doch ist das Befinden des +Monarchen+ befriedigend -- es

steht jetzt fest, daß die angedeutete Besprechung des Königs nicht

stattgefunden hat, der +Monarch+ also gar nicht in der Lage gewesen

ist, sich zu äußern -- der König nahm heute an der Familientafel teil,

nach der Tafel besuchte der +Monarch+ die Gartenbauausstellung -- der

König wurde aufs Rathaus geleitet, wo der Bürgermeister den +Monarchen+

erwartete -- Frl. R. überreichte dem König ein Bukett, wofür der

+Monarch+ freundlich dankte. Lieblingswörter der Zeitungssprache

sind: +Individuum+, +Panik+, +Affäre+, +Katastrophe+. Wenn ein Kerl

einen Mordversuch gemacht hat, heißt er stets ein +Individuum+. Ein

großer Schrecken in einer Volksmasse oder im Theater wird stets

als +Panik+ bezeichnet; ob der Zeitungschreiber wohl eine Ahnung

davon hat, woher das Wort stammt? Einen großen Unglücksfall nennt

er stets eine +Katastrophe+: da gibt es +Eisenbahn-+, +Schiffs-+

und +Bootskatastrophen+, +Erdbeben-+ oder +Vulkankatastrophen+,

+Brandkatastrophen+, +Überschwemmungskatastrophen+,

+Grubenkatastrophen+, sogar +Unglückskatastrophen+! Er redet auch stets

von einer +Duellaffäre+, einer +Säbelaffäre+, einer +Messeraffäre+,

einer +Giftmordaffäre+. Einen gemeinen Betrüger bezeichnet er vornehm

als +Defraudanten+. Wenn sich einer in einem Hotel erschießt, so gibt

das stets eine +Detonation+, dann findet man das +Projektil+, das

+Motiv+ der Tat ist aber gewöhnlich unbekannt. Gerade gegenwärtig

schwelgen die Zeitungschreiber wieder -- im Leitartikel wie im

Feuilleton -- ärger denn je in Fremdwörtern. Es ist, als ob es ihnen

förmlich Spaß machte, die Puristen zu ärgern und ihnen zu zeigen:

wir scheren uns den Kuckuck um eure Bestrebungen! Der Kohlen+konsum+

+figuriert+ bei der +Rentabilität+ als +Bagatelle+ -- von solchen

Sätzen sind die Zeitungen wieder voll. Es war schon einmal besser

geworden.

Könnte man doch nur den Aberglauben loswerden, daß das Fremdwort

vornehmer sei als das deutsche Wort, das +momentan+ vornehmer klinge

als +augenblicklich+, +transpirieren+ vornehmer als +schwitzen+ (der

Hufschmied bei seiner Arbeit +schwitzt+ bekanntlich, aber der Herr im

Ballsaal +transpiriert+!), +professioneller Vagabund+ vornehmer als

+gewerbsmäßiger Landstreicher+, ein +elegant möbliertes Garçonlogis+

vornehmer als ein +fein ausgestattetes Herrenzimmer+, +konsequent

ignorieren+ vornehmer als +beharrlich unbeachtet lassen+, daß ein

+Eleve+ etwas vornehmeres sei als ein +Lehrling+ (Apotheker, Banken

usw. suchen stets Eleven!), ein +Collier+ etwas vornehmeres als ein

+Halsband+ oder eine +Halskette+![181] Schon der Umstand, daß wir für

niedrige, gemeine Dinge so oft zum Fremdwort greifen, sollte uns von

diesem Aberglauben befreien. Oder wäre +perfid+, +frivol+, +anonymer

Denunziant+ nicht zehnmal gemeiner als +treulos+, +leichtfertig+,

+ungenannter Ankläger+? Und stehen +noble Passionen+ nicht tief unter

+edeln Leidenschaften+? Um etwas niedriges zu bezeichnen, dazu sollte

uns das Fremdwort gerade gut genug sein.[182]

Aber auch unklar, verschwommen, vieldeutig sind oft die Fremdwörter.

Was wird nicht alles durch +konstatieren+ ausgedrückt! +Feststellen+,

+behaupten+, +erklären+, +wahrnehmen+, +beobachten+, +nachweisen+

-- alles legt man in dieses alberne Wort! Da ist wieder etwas

überraschendes zu +konstatieren+ -- was heißt das anders als: da macht

man wieder eine überraschende +Wahrnehmung+ oder +Beobachtung+?[183]

Was soll +intensiv+ nicht alles bedeuten: +groß+, +stark+, +lebhaft+,

+heftig+, +eifrig+, +kräftig+, +genau+, +scharf+, +straff+! Man nutzt

die Zeit +intensiv+ aus, lernt ein Volk +intensiv+ kennen, bespricht

eine Rechenaufgabe +intensiv+ usw. Was soll +direkt+ nicht alles

bedeuten! Bald +unmittelbar+ (die +direkte+ Umgebung von Leipzig,

eine Ware wird +direkt+ bezogen, einer ist der +direkte+ Schüler des

andern, ein Aufsatz wird unter +direkter+ Beteiligung des Kanzlers

geschrieben), bald +gleich+ (sie gingen +direkt+ von der Arbeit ins

Wirtshaus), bald +dicht+ oder +nahe+ (der Gasthof liegt +direkt+

am Bahnhof), bald +gerade+ (die Straße führt +direkt+ nach der

Ausstellung), bald +geradezu+ (die Verschiedenheit der Darstellung

wird als +direkt+ störend empfunden -- die Stelle wirkt in dieser

Fassung +direkt+ erschütternd -- die Dichtung ist in ihrer Art

+direkt+ klassisch -- die evangelische Kirche ist hier in +direkt+

falschem Licht dargestellt), bald +genau+ (soll ich denn +direkt+

um sieben kommen?), bald +wirklich+ (bist du in Berlin gewesen,

+direkt+ in Berlin?), bald +nur+ (Ihre Bibliothek hat also +direkt+

wissenschaftliche Werke?). Eine Berlinerin ist imstande, zu ihrem

ungezognen Bengel zu sagen: was hast du da gemacht? das ist +direkt+

ein Fettfleck! oder: wirst du +direkt+ folgen? wirst dus +direkt+

wieder aufheben? Was für ein unklares Wort ist +Konsequenz+! Bald

soll es +Folge+ heißen (die Konsequenzen tragen), bald +Folgerung+

(die Konsequenzen ziehen). Was für ein unklares Wort ist +Tendenz+!

Bald soll es +Bestrebung+ bedeuten, bald +Absicht+, bald +Richtung+,

bald +Neigung+. Was für ein unklares Wort ist +System+! Man spricht

von einem +philosophischen System+ und meint eine +Lehre+ oder ein

+Lehrgebäude+, von einem +Röhrensystem+ und meint ein +Röhrennetz+,

von einem +Festungssystem+ und meint einen +Festungsgürtel+, von einem

+Achsensystem+ und meint ein +Achsenkreuz+, von einem +Sternsystem+

und meint eine +Sterngruppe+, von einem +Verwaltungssystem+ und meint

die +Grundsätze+ der Verwaltung, von einem Sprengwagen +System Eckert+

und meint die +Bauweise+, ja man kann nicht ein Hemd auf den Leib

ziehen, ohne mit einem +System+ in Berührung zu kommen, entweder dem

+System Prof. ~Dr.~ Jäger+ (!) oder dem +System Lahmann+ oder dem

+System Kneipp+ -- was mag sich die Verkäuferin im Wolladen unter

all diesen Systemen denken? Man sagt: hier fehlt es an +System+,

und meint +Ordnung+ oder +Plan+, man spricht von +systematischem+

Vorgehen und meint +planmäßiges+. Dazu wird System fort und fort

verwechselt mit +Prinzip+ und mit +Methode+ (auf derselben Seite

spricht derselbe Schriftsteller bald von Germanisierungssystem, bald

von Germanisierungsmethode). Wie kann man den Reichtum des Deutschen

so gegen die Armut des Fremden vertauschen! Das Erstaunlichste von

Vieldeutigkeit und infolgedessen völliger Inhaltlosigkeit sind wohl

die Wörter +Interesse+, +interessant+ und +interessieren+. Vor kurzem

hat jemand in einer großen Tabelle alle möglichen Übersetzungen dieser

Wörter zusammengestellt. Da zeigte sich, daß es kaum ein deutsches

Adjektiv gibt, das nicht durch +interessant+ übersetzt werden könnte!

Ein so nichtssagendes „Bummelwort“ sollte doch anständigerweise in

keinem Buche und keinem Aufsatze mehr vorkommen.

Aus der Unklarheit, die durch die Fremdwörter großgezogen wird,

entspringen dann auch so alberne Verbindungen wie: +vorübergehende

Passanten+, +dekorativer Schmuck+, +neu renovierter Saal+,

+Grundprinzip+, +Einzelindividuum+, +Attentatsversuch+, +defensive

Abwehr+, +numerische Anzahl+, +gemeinsame Solidarität+,

+charakteristisches Gepräge+ (in der Kunst und Literaturschreiberei

äußerst beliebt!), +ausschlaggebendes Moment+ u. ähnl. Nicht einmal

richtig geschrieben werden manche Fremdwörter. Wir Deutschen lassen

uns keine Gelegenheit entgehen, über den Fremden zu spotten, der

ein deutsches Wort falsch schreibt. Aber machen wir es denn besser?

Nicht bloß der kleine Handwerker setzt uns eine +Vetterage+ oder eine

+Lamperie+ auf die Rechnung statt einer +Vitrage+ oder eines +Lambris+,

sondern auch der Zeitungschreiber schreibt beharrlich +Plebiscit+,

+Diaspora+, +Atmosphäre+ (sogar +Athmosphäre+), +Proſelyten+ statt

+Plebiſcit+, +Diaſpora+, +Atmoſphäre+, +Proselyten+. Wer Griechisch

versteht, dem kommt doch +Diaspora+ und +Proſelyten+ so vor, wie

wenn einer +Schnürstiefel+ und +Halſtuch+ schriebe! Auf Leipziger

Ladenschildern liest man in zehn Fällen kaum einmal richtig +Email+,

überall steht +Emaille+, ein Wort, das es gar nicht gibt! +Drogue+

und +Droguerie+ werden sogar amtlich in der „neuen Orthographie“

+Droge+ und +Drogerie+ geschrieben, als ob sie wie +Loge+ und +Eloge+

ausgesprochen werden sollten; man ließe sich noch +Drogerei+ gefallen,

aber -+erie+ ist doch eine französische Endung! Wie lange wird man noch

+posthum+ mit dem törichten h schreiben! Man kann darauf wetten, daß

die meisten dabei nicht an ~postumus~, sondern an ~humus~ denken. Ganz

glücklich sind die Leute, wenn sie in einem Fremdwort ein y anbringen

können; gewöhnlich tun sies aber gerade an der falschen Stelle, wie in

+Sphynx+, +Syphon+, +Logogryph+ usw.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 36 / 41 段