anfing, erfand man als Übersetzung von +respektive+ das herrliche Wort
+beziehentlich+ oder +beziehungsweise+: +be-zieh-ungs-wei-se+! Das war
natürlich etwas zu lang, es immer zu schreiben und zu drucken, und so
wurde es denn zu +bez.+ „beziehungsweise“ +bezw.+ abgekürzt. Daß das
Wörtchen +oder+ auch nur vier Buchstaben hat und dabei ein wirkliches
Wort ist, kein bloßer Wortstummel wie +bezw.+, auf diesen naheliegenden
Gedanken verfiel merkwürdigerweise niemand. Und doch, was bedeutet in
folgenden Beispielen das +bezw.+ anders als +oder+: in einer Zeit,
wo man alles den einzelnen +Kreisen bezw. Staaten+ überließ -- alles
weitere ist +Spezialsache bezw. Aufgabe+ der spätern Jahre -- über den
+Mord bezw. Raubmord+ in R. ist noch immer nichts genaues festgestellt
-- Windschirme mit japanischer +Malerei bezw. Stickerei+ -- der
Zusammenschluß zu einem +genossenschaftlichen bezw. landschaftlichen+
Kreisverbande -- die +wieder bezw. neu+ gewählten Stadtverordneten --
ein +angebornes bezw.+ durch Überlieferung +geschultes+ Geschick --
die Bänder haben Wert als +geschichtliche bezw. kulturgeschichtliche+
Erinnerungsstücke -- +nicht benutzte bezw. nicht abgeholte+ Bücher
werden wieder eingestellt -- es wird mit dem +Kellergeschoß bezw.
Erdgeschoß+ angefangen -- zwei Dachstuben von je drei Meter Breite
und +drei bezw. vier+ Meter Länge -- jede Serie umfaßt +15 bezw. 12+
Hefte -- die Bemerkung befindet sich in dem +Vor- bezw. Nachwort+ der
Ausgabe -- W. A. Lippert, welcher +flüchtig ist bezw. sich verborgen
hält+ -- da die Anstalt nur solche Kinder +aufnimmt bezw. behält+,
die eine Besserung erwarten lassen -- wo Jahnsdorf +liegt bezw.
gelegen hat+, ist ungewiß -- viele Personen sind außerstande, selbst
bei langsamem Gange des Wagens +auf- bezw. abzuspringen+ -- jeder
Fachmann wird die Schrift +beiseite bezw. in den Papierkorb+ werfen
-- es ist anziehend, zu sehen, wie sich dieser Kreis im Laufe der
Sprachentwicklung +verengert bezw. erweitert+ -- die Weigerung der
Prinzessin ist +hauptsächlich bezw. ausschließlich+ auf diesen Umstand
zurückzuführen. Und in folgenden Beispielen, was bedeutet da +bezw.+
anders als +und+: ein Haus an der +Beethoven- bezw. Rhodestraße+ --
französische +Bonnen bezw. Gouvernanten+ haben seit Jahrhunderten in
Deutschland eine Rolle gespielt -- zwei Kinder im Alter von +fünf bezw.
drei+ Jahren -- K. und T. wurden zu +viermonatiger bezw. zweimonatiger+
Gefängnisstrafe verurteilt -- später verfaßte er +pädagogische bezw.
Schulbücher+ -- alle +Bestellzettel bezw. Quittungsformulare+ sind
mit Tinte auszufüllen -- +Anfragen bezw. Anmeldungen+ sind an den
Vorstand des Kunstvereins zu richten -- zur +Rechten bezw. Linken+ des
Kaisers saßen der Reichskanzler und der Staatssekretär -- die Zinsen
werden zu +Ostern bezw. zu Michaeli+ bezahlt -- großen Einfluß auf
die Zahl der +Dissertationen bezw. Promotionen+ über den pekuniären
Anforderungen, die die einzelnen +Universitäten bezw. Fakultäten+
stellen -- wann die noch übrigen Befestigungsreste der +Burg bezw.
Stadt+ entstanden sind, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben -- der
König tritt eine mehrwöchige Reise nach +München bezw. Stuttgart+ an
-- die Zehnpfennigmarken und die Fünfpfennigmarken sind von +roter
bezw. grüner+ Farbe -- in A. sind letzte Nacht zwei Personen, ein
Maler und ein Strumpfwirker, die in einem +Schuppen bezw. einem Stalle+
nächtigten, erfroren.
Der große Logiker, der so schreibt, denkt natürlich wenn er +und+
gebrauche, so könnte ihn jemand auch so verstehen, als ob „sowohl“ die
Zehnpfennigmarken „als auch“ die Fünfpfennigmarken zweifarbig wären,
nämlich beide Arten rot und grün, als ob „sowohl“ der Maler „als
auch“ der Strumpfwirker in zwei Räumlichkeiten, nämlich gleichzeitig
in einem Schuppen und in einem Stalle genächtigt hätte. Solchen
Gefahren wird natürlich durch +bezw.+ vorgebeugt; nun weiß man genau,
daß die Zehnpfennigmarken rot und die Fünfpfennigmarken grün sind,
daß der Maler in einem Schuppen, der Strumpfwirker in einem Stalle
genächtigt hat. Maler: Schuppen = Strumpfwirker: Stall -- darin liegt
die tiefe Bedeutung von +bezw.+! Ein unübertreffliches Beispiel ist
folgender Zeitungssatz: alle +Musik- bezw. Trompeterkorps+ und alle
Spielmannszüge +bliesen bezw. schlugen+ den Präsentiermarsch +bezw.+
die Paradepost.
Aber damit ist der große Logiker noch nicht auf dem Gipfel seines
Scharfsinns angelangt. Sein schlauestes Gesicht steckt er auf, wenn
er schreibt: +und (!) bezw.+ +Die Besitzer und bezw. Pächter+ der
Grundstücke werden darauf aufmerksam gemacht -- die +Eltern und bezw.
Erzieher+ der schulpflichtigen Kinder werden hiermit aufgefordert --
ich bitte mir angeben zu wollen, ob diese Ausgabe +und beziehungsweise
oder+ (!) andre Ausgaben auf der Bibliothek vorhanden sind usw. Sogar
solche Dummheiten werden jetzt geschrieben „und bezw.“ gedruckt, und
die, die sie leisten, bilden sich dabei noch ein, sie hätten sich
wunder wie fein und scharf ausgedrückt! Leider ist das widerwärtige
Wort, das übrigens neuerdings oft mit +bezüglich+ vermengt wird,[176]
aus der Papiersprache bereits in die lebendige Sprache eingedrungen.
Nicht nur in Sitzungen und Verhandlungen muß man es hören, es ertönt
auch immer häufiger auf Kathedern, und da es der Professor gebraucht,
gebrauchts natürlich der Student mit, und selbst der Kaufmannsdiener
sagt schon am Biertische: Sie erhalten Sonnabend abend +beziehentlich+
(oder +bezüglich+!) Sonntag früh Nachricht. Schließlich wird noch der
Herr Assessor, der für seine Kinder zu Weihnachten Spielzeug eingekauft
hat, zur Frau Assessorin sagen: ich habe für Fritz und Mariechen +eine
Schachtel Soldaten beziehungsweise eine Puppe+ mitgebracht!
Provinzialismen
Für Provinzialismen ist in der guten Schriftsprache kein Raum,
mögen sie stammen, woher sie wollen. Man spricht jetzt viel davon,
daß unser Sprachvorrat aus den Mundarten aufgefrischt, verjüngt,
bereichert, befruchtet werden könnte. O ja, wenn es mit Maß und Takt
geschähe, warum nicht? Überzeugende Proben davon hat man aber noch
nicht viel gesehen. Ein böses Mißverständnis wäre es, wenn man jeden
beliebigen Provinzialismus für geeignet hielte, unsern Sprachvorrat
zu „bereichern“. Meist liegt kein Bedürfnis darnach vor, man legt
sich dergleichen aus Eitelkeit zu, um Aufmerksamkeit zu erregen, etwa
wie irgend ein Hansnarr zu einem gut bürgerlichen Anzug einen Tiroler
Lodenhut mit Hahnenfeder aufsetzt.
Namentlich sind es österreichische Ausdrücke und Wendungen
(Austriazismen), die jetzt durch wörtlichen Abdruck aus
österreichischen Zeitungen in unsre Schriftsprache hereingeschleppt,
dann aber auch nachgebraucht werden.
Für +brauchen+ z. B. sagt der Österreicher +benötigen+, für
+benachrichtigen+ +verständigen+ (+jemand verständigen+, während sich
in gutem Deutsch nur zwei oder mehr +untereinander verständigen+
können); beides kann man jetzt auch in deutschen Zeitungen lesen.
In der Studentensprache ist das schöne Wort +unterfertigen+ Mode
(statt +unterzeichnen+); das ist nichts als eine lächerliche,
halb(!)-österreichische Bastardbildung. Der Österreicher sagt: der
+Gefertigte+. Das ist dem deutschen Studenten, der sich zuerst
damit spreizen wollte, mit dem +Unterzeichneten+ in eine Mischform
zusammengeronnen, und seitdem erfüllt fast in allen akademischen
Vereinigungen beim „Ableben“ eines Mitgliedes der +unterfertigte+
Schriftführer „die traurige Pflicht, die geehrten a. H. a. H. und a.
o. M. a. o. M. geziemend (!) in Kenntnis zu setzen“.
Unerträglich in gutem Schriftdeutsch ist das süddeutsche +gestanden
sein+ und +gesessen sein+: die Personen, mit denen er in näherm
Verkehr +gestanden war+ -- es lebten noch Männer, die in der
Paulskirche +gesessen waren+ (vgl. S. 59); ganz unerträglich ferner
die österreichischen Verbindungen: +an etwas vergessen+, +auf etwas
vergessen+ und +auf etwas erinnern+: heute schien die Schar ihrer
Verehrer +auf sie vergessen+ zu haben -- +auf die Einzelheiten+ des
Stückes konnte ich nicht mehr +erinnern+ u. ähnl.
Eine ganze Reihe von Eigenheiten hat der Österreicher im Gebrauche der
Adverbia. Er sagt: +im vorhinein+ statt +von vornherein+, +rückwärts+
statt +hinten+, +beiläufig+ (bailaifig) statt +ungefähr+ (bis zur
höchsten Spitze ist es +beiläufig+ 6000 Fuß -- dies ist +beiläufig+
der Inhalt des hübschen Buches -- der zweite Band erscheint in
+beiläufig+ gleicher Stärke), während in gutem Deutsch +beiläufig+ nur
bedeutet: +nebenbei+, im +Vorbeigehen+ (+beiläufig+ will ich bemerken).
Für +nur noch+ heißt es in München wie in Wien: +nur mehr+: z. B.
leidenschaftliche Gedichte von +nur mehr+ geschichtlichem Wert -- ein
Ausspruch, der uns heute +nur mehr+ grotesk anmutet -- alle Bemühungen
sind jetzt +nur mehr+ darauf gerichtet -- auf die Christlich-Sozialen
fielen heute +nur mehr+ acht Stimmen usw. +Neuerdings+, das gut deutsch
nichts andres heißt als: +in neuerer Zeit+ (+neuerdings+ ist der
Apparat noch wesentlich vervollkommnet worden), wird in Österreich in
dem Sinne von +wiederum+, +nochmals+, +abermals+, +aufs neue+, +von
neuem+ gebraucht, z. B.: es kommt mir nicht darauf an, oft gesagtes
+neuerdings+ zu wiederholen -- er hat mich hierdurch +neuerdings+
zu Dank verpflichtet -- eine Reise führte ihn +neuerdings+ mit der
Künstlerin zusammen -- in diesem Vertrage wird +neuerdings+ die Frage
untersucht -- es kam eine Schrift zur Verlesung, worin B. +neuerdings+
für seine Überzeugung eintrat -- die Geneigtheit der Kurie muß bei
jedem Wahlgange +neuerdings+ erkauft werden.[177] Man möchte wirklich
annehmen, daß mancher deutsche Zeitungsredakteur von all diesen
Gebrauchsunterschieden gar keine Ahnung habe, denn sonst könnte er doch
solche Sätze nicht unverändert in seiner Zeitung nachdrucken, er müßte
doch jedesmal den Austriazismus erst ins Deutsche übersetzen, damit der
deutsche Leser nicht falsch verstehe!
Nichts als ein Provinzialismus, den man aber in neuern Erzählungen
oft lesen kann, ist es auch, bei dem reflexiven +sich finden+ mit
Angabe einer Richtung (sich nach Hause finden, sich hinfinden, sich
zurückfinden, sich zurechtfinden) das +sich+ wegzulassen und zu
schreiben: den sichern Boden, zu dem er +zurückfand+ -- er konnte nicht
+nach Hause finden+ u. dgl.
Eine Schrulle des niedrigen Geschäftsstils ist es, wenn jetzt angezeigt
wird, daß Kohlen +ab Zwickau+ oder +ab Werke+ (!) oder +ab Bahnhof+
oder +ab Lager+ zu haben seien, Heu +ab Wiese+ verkauft, Flaschenbier
+ab Brauerei+ oder +ab Kellerei+, Mineralwasser +ab Quelle+ geliefert
werde, daß eine Konzertgesellschaft +ab Sonntag+ den 7. Juni auftrete,
oder daß eine Wohnung +ab 1. Oktober+ zu vermieten sei. Ab als
selbständige Präposition vor Substantiven (vgl. +abhanden+, d. i. +ab
Handen+) ist schon seit dem siebzehnten Jahrhundert vollständig durch
+von+ verdrängt. Nur in Süddeutschland und namentlich in der Schweiz
wird es noch gebraucht, dort sagt man noch +ab dem Hause+, +ab dem
Lande+. Aber was soll uns dieser Provinzialismus? und noch dazu in
solcher Stammelform: +ab Werke+, von der man nicht weiß, ob es der
Dativ der Einzahl oder vielleicht gar der Akkusativ der Mehrzahl sein
soll? Es ist übrigens doch zweifelhaft, ob die Geschäftsleute, die sich
neuerdings damit spreizen, wirklich das alte deutsche +ab+ meinen,
und nicht vielmehr das lateinische +~ab~+. Zuzutrauen wäre es ihnen,
wenigstens wenn man +~pro~ Jahr+, +~pro~ Kopf+, +~per~ sofort+, +~per~
bald+, +~per~ Weihnachten+ und ähnlichen Unsinn damit vergleicht.[178]
Ein gemeiner Berolinismus, der aber immer mehr um sich greift und schon
in Lustspielen von der Bühne herab zu hören ist, ist die Anwendung von
+bloß+ für +nur+ in ungeduldigen Fragen und Aufforderungen: Was hat er
+bloß+? Was will er +bloß+? Komm doch +bloß+ mal her!
Fremdwörter
Auch unsre Fremdwörter sind zum großen Teil Modewörter. Bei dem Kampfe
gegen die Fremdwörter, der seit einiger Zeit wieder in Deutschland
entbrannt ist, handelt sichs natürlich nicht um die große Zahl zum
Teil internationaler technischer Ausdrücke, sondern vor allem um
die verhältnismäßig kleine Zahl ganz entbehrlicher Fremdwörter, die
namentlich unsre Umgangssprache und die Sprache der Gelehrten, der
Beamten, der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber entstellen.
Zwar haben sich die Bemühungen der Sprachreiniger auch auf die
technischen Ausdrücke einzelner Berufe und Tätigkeitsgebiete
erstreckt, wie des Militärs, des Post- und Eisenbahnwesens, des
Handels, der Küche, des Spiels, auch einzelner Wissenschaften und
Künste, wie der Grammatik, der Mathematik, der Baukunst, der Musik,
des Tanzes. Was aber vorgeschlagen worden ist, hat selten Beifall
gefunden. Schlimm und verdächtig ist es immer schon, wenn einfache
Fremdwörter durch Wortzusammensetzungen verdeutscht werden sollen:
einige Beispiele solcher Art sind schon früher angeführt worden
(S. 363). Gewöhnlich sind das gar keine Übersetzungen, sondern
Umschreibungen oder Begriffserklärungen. So hat man +Redakteur+ und
+Redaktion+ durch +Schriftleiter+ und +Schriftleitung+ „übersetzt“,
und einzelne Zeitungen und Zeitschriften haben das angenommen (dann
auch +Geschäftsstelle+ für +Expedition+). Diese Verdeutschungen geben
nicht entfernt den Begriff des Fremdworts wieder. Unter +Schrift+
kann dreierlei verstanden werden: die Handschrift, ein Schriftstück
und die Lettern der Druckerei. An die erste und die dritte Bedeutung
ist hier natürlich nicht zu denken, nur die zweite kann gemeint sein.
Aufgabe eines Redakteurs ist es, die eingegangnen Schriftstücke auf
ihren Inhalt zu prüfen, sie in anständiges Deutsch zu bringen, eine
sorgfältige Druckkorrektur zu lesen und den Inhalt der einzelnen
Zeitungsnummern zu bestimmen und anzuordnen. Das alles stellen wir
uns wohl bei dem Worte +Redakteur+ vor, aber nicht bei dem mühselig
ausgeklügelten Worte +Schriftleiter+. Die Zeitung selbst wird
+geleitet+, aber nicht ihre Schriftstücke. Wenn es damals, als es im
Deutschen noch keine Fremdwörter gab, schon Zeitungen gegeben hätte,
ich weiß, wie man den Redakteur genannt hätte: +Zeitungmeister+! Im
Eisenbahnverkehr hat man uns die +Fahrkarte+ und das fürchterliche
+Abteil+ aufgenötigt (statt +Billett+ und +Coupé+). Das kurze, leichte
+Billett+ war -- man spreche es nur deutsch aus! -- fast schon zum
Lehnwort geworden. In Leipzig hieß schon im sechzehnten Jahrhundert
die Kupfermarke, die sich der Brauerbe auf dem Rathause holen mußte,
wenn er Bier brauen wollte, +Bollet+. Was für ein langstieliger Ersatz
dafür sind unsre +Fahrkarten+, +Eintrittskarten+, +Teilnehmerkarten+
usw.! Und ist etwa +Karte+ ein deutsches Wort? Eine wirkliche
Übersetzung von +Coupé+ wäre +Fach+ gewesen, das in dem ältern Deutsch
jede Abteilung eines Raums bedeutete, nicht bloß in einem Schrank
oder Kasten, sondern auch im Hause (vgl. +Dach und Fach+). Sogar eine
Straße, die in einen Fahrweg, einen Fußweg und einen Reitweg geteilt
war, hieß im achtzehnten Jahrhundert eine Straße in +drei Fachen+.
Das +Abteil+ und die +Fahrkarte+ werden sich schwerlich einbürgern.
Die Schaffner sind ja dazu verurteilt, die Wörter zu gebrauchen, aber
das Publikum gebraucht lachend die Fremdwörter weiter. Etwas ganz
komisches -- wenigstens nach meinem Gefühl -- ist bei der Übersetzung
der militärischen Fachausdrücke mit untergelaufen: die Wiedergabe von
+Terrain+ durch +Gelände+. +Gelände+ war früher ein poetisches Wort,
und zwar ein Wort der höchsten Poesie. Man denke nur an Schillers
Berglied: da tut sich ein +lachend Gelände+ hervor -- und vor allem
an Goethes herrlichen Spruch: Gottes ist der Orient, Gottes ist
der Occident, Nord- und +südliches Gelände+ ruht im Frieden seiner
Hände. Einem solchen Wort jetzt in den Manöverberichten der Zeitungen
zu begegnen ist doch gar zu komisch. In der Musik möchte man jetzt
die Wörter +komponieren+ und +Komposition+ abschaffen, und durch
+vertonen+ und +Vertonung+ ersetzen. Gräßliche Geschmacklosigkeit!
Von einem +vertonten+ (+ver+!) Liede kann man doch nur mit Bedauern
sprechen, denn das könnte doch nur eins sein, das ungeschickt, falsch,
fehlerhaft komponiert, durch die musikalische Zutat verdorben worden
wäre (vgl. S. 357). Die Architekten vermeiden jetzt erfreulicherweise
das überflüssige Fremdwort +Dimension+, nur sollten sie es nicht
immer durch +Abmessung+ übersetzen, was meist gar keinen Sinn gibt
(denn Abmessung bedeutet eine Handlung, keine Eigenschaft!), sondern
einfach durch +Maß+ oder -- es ganz weglassen. Denn ist ein Gebäude
von +riesigen Abmessungen+ etwas andres als ein +riesiges+ Gebäude?
Und welcher Schwulst, zu schreiben: der Baumeister ist verpflichtet,
Irrtümer im Voranschlag in bescheidnen +Abmessungen+ auftreten zu
lassen! Wenn vollends allgemein angenommene und geläufige alte
Kunstausdrücke einzelner Wissenschaften „übersetzt“ werden, wie man
es den Kindern der Volksschule zuliebe in der Grammatik, auch in der
Arithmetik versucht hat, so ist das Ergebnis meist ganz unerfreulich.
Wenn man ein Buch oder einen Aufsatz mit solchen Verdeutschungen liest,
so hat man immer das unbehagliche Gefühl, als ginge man auf einem
Wege, wo aller zwanzig Schritt ein Loch gegraben und ein paar wacklige
Bretter darüber gelegt wären.
Am ehesten darf man vielleicht hoffen, daß die Fremdwörter aus der
Umgangssprache verschwinden werden, denn hier wirkt fast nur die Mode.
Die Fremdwörter unsrer Umgangssprache stammen zum Teil noch aus dem
siebzehnten Jahrhundert, andre sind im achtzehnten, noch andre erst in
der Franzosenzeit zu Anfange des neunzehnten Jahrhunderts eingedrungen.
Aber sie kommen eins nach dem andern wieder aus der Mode. Viele, die
vor fünfzig Jahren noch für fein galten, fristen heute nur noch in
den untersten Volksschichten ein kümmerliches Dasein! man denke an
+Madame+, +Logis+, +~vis-à-vis~+, +~peu-à-peu~+ (in Leipzig +beeabeeh+
gesprochen), +retour+, +charmant+, +mechant+, +inkommodieren+, +sich
revanchieren+ und viele andre. In den Befreiungskriegen gab es nur
+Blessierte+; wer hat 1870 noch von +Blessierten+ gesprochen? Wer
+amüsiert+ sich noch? anständige Leute nicht mehr; die haben längst
wieder angefangen, sich zu +vergnügen+. Auch +existieren+, +passieren+
(für +geschehen+ oder +begegnen+: es ist ein Unglück +passiert+,
mir ist etwas Unangenehmes +passiert+), +sich genieren+ sind so
heruntergekommen, daß man sie anständigerweise kaum noch gebrauchen
kann. Vor dreißig Jahren gab es noch vereinzelt Schneider+mamsellen+;
jetzt wird jedes Dienstmädchen in der Markthalle mit +Fräulein+
angeredet, wofür die Bürgerstochter freilich zum +gnädigen Fräulein+
aufgerückt ist. Und wo ist das +Parapluie+ geblieben, das doch auch
einmal fein war, und wie fein!
Leider tauchen nur an Stelle veraltender Fremdwörter immer auch wieder
neue auf. Wer hat vor dreißig Jahren etwas von +Milieu+ gewußt? Als
es aufkam, mußten auch gebildete Leute das Wörterbuch aufschlagen,
um sich zu belehren, was eigentlich damit gemeint sei. Und was war
es schließlich? Weiter nichts, als was man bis dahin als Hintergrund
(einer Handlung, einer Erzählung) bezeichnet hatte. Neue Schiffe werden
jetzt nicht mehr nach einem Muster gebaut, sondern nur noch nach
einem +Typ+, ebenso auch schon Automobile und Orgeln. Unsre Frauen
und Mädchen tragen keine Kleider oder Anzüge mehr, sondern nur noch
+Kostüme+, die es früher nur auf dem Theater oder auf Maskenbällen
gab. Wagen wurden bisher in eine +Remise+ gestellt; die Automobile
müssen natürlich etwas besondres haben, sie werden in die +Garage+
gebracht; aber auch das ist nichts weiter als ein Schuppen. Ein neues
Eigenschaftswort, das man seit kurzem täglich hört und liest, ist
+markant+: eine +markante+ Erscheinung, ein +markanter+ Unterschied,
eine +markante+ Persönlichkeit, die +markanteste+ Linie des Gesichts.
Eine feine, leicht auf der Zunge zergehende Schokolade heißt im
Französischen ~chocolat fondant~; ~fondre~ heißt +schmelzen+. Was
haben die deutschen Fabrikanten daraus gemacht? +Fondantschokolade+!
Warum denn nicht +Schmelzschokolade+? Wer hat vor dreißig Jahren etwas
von +chic+ gewußt? Es ist nichts andres als unser +geschickt+, das
nach Frankreich gegangen und in der Form +chic+ zurückgekehrt ist und
nun für +fein+, +hübsch+, +nett+ gebraucht wird. Der Plural davon
wird von unsern Geschäftsleuten +chice+ geschrieben: +chice+ Hüte,
+chice+ Kleider, +chice+ Schuhe, was man wohl +schicke+ aussprechen
soll, aber doch nur +schitze+ aussprechen kann (vgl. +Vice+). Zum
Glück ist es neuerdings schon wieder aus der Mode gekommen. Zu einem
greulichen Modewort dagegen ist +eventuell+ geworden. Es bedeutet ja:
+vorkommendenfalls+, ferner +nötigenfalls+ oder +möglichenfalls+, je
nachdem, dann immer mehr verblassend: +möglicherweise+, +vielleicht+,
+etwa+, +wohl+ und endlich: gar nichts. Es gibt aber eine Menge
Leute, die heute kaum noch einen Satz sagen können, worin nicht
+eventuell+ vorkäme: wir könnens ja +eventuell+ auch so machen --
ich kann +eventuell+ schon um sieben kommen. Wenn man auf der Straße
aus der Unterhaltung Vorübergehender zehn Worte aufschnappt, das
Wort +eventuell+ ist sicher darunter. Aber auch der Musikschreiber
sagt: etwas mehr Fülle des Tons hätte +eventuell+ den Vortrag noch
mehr unterstützt; ein Buchhändler schreibt: umstehenden Bestellzettel
bitten wir +eventuell+ direkt an die Verlagsbuchhandlung gelangen zu
lassen, und Zeitungen schreiben: ein Mensch, der eine Volksschule und
+eventuell+ eine höhere Schule besucht hat -- der Kreuzer X erhielt
Befehl, sich +eventuell+ zur Ausreise (!) bereit zu halten -- die
Regierung hat alle Maßregeln getroffen, um für einen +eventuellen+
(!) Streik gerüstet zu sein -- es war Schutzmannschaft aufgestellt,
um einen +eventuellen+ Tumult zu verhüten -- der Platz soll zur
+eventuellen+ (!) Bebauung liegen bleiben. Fast überall kann man
+eventuell+ streichen, und der Sinn bleibt genau derselbe. Eine ganz
neue Aufgabe erfüllt das Zeitwort +interpretieren+. Aus der Sprache
der Philologie, wo es immer mehr zurückgegangen ist, ist es in die der
Musik- und Theaterschreiber eingedrungen. Eine Rolle auf der Bühne
wird nicht mehr gespielt, ein Musikstück nicht vorgetragen, ein Lied
nicht gesungen -- es wird alles +interpretiert+: Strauß wird die Lieder
selbst dirigieren, Frau B. wird +Interpretin+ sein -- der Künstler
hat durch die +Interpretation+ dieses Liedes einen Beweis seines
hervorragenden Könnens (!) erbracht(!) usw. An Stelle der +Sensationen+
sind neuerdings die +Attraktionen+ getreten, das Konzertprogramm
hat man zwar in +Vortragsordnung+ „übersetzt“, aber in dieser
„Vortragsordnung“ erscheint nun statt des ehemaligen +Potpourris+
die +Selektion+, und dafür hat man den guten Theater+zettel+ in
Theater+programm+ verwandelt, wenigstens in Leipzig, wo die Jungen
jetzt abends am Theater ausrufen: +Deeaderbroogramm+ gefällig? Kunst-
und Kunstgewerbemuseen veranstalten jetzt mit Vorliebe +retrospektive+
Ausstellungen. Wieviele Leute, die in solche Ausstellungen laufen,
mögen wissen, was +retrospektiv+ heißt? Ein Friedhof hat in
Sachsen seit einiger Zeit keine Leichenhalle mehr, sondern eine
+Parentationshalle+! Wieviel Leute, auch gelehrte Leute, mögen wissen,
was ~parentare~ und ~parentatio~ heißt, wissen, daß das heidnische
Begriffe sind, die auf unsre Friedhöfe gar nicht passen?