an irgendeinem Orte, in einem bestimmten örtlichen Umkreis oder
sonstigen Bereich läßt sich wohl mit +haben+ ausdrücken, aber nicht
mit +besitzen+. In Leipzig +sind+ sechs Bahnhöfe, oder: in Leipzig
+gibt es+ sechs Bahnhöfe -- dafür kann man auch sagen: Leipzig +hat+
sechs Bahnhöfe. Aber zu schreiben: Leipzig +besitzt+ sechs +Bahnhöfe+
-- ist Unsinn. Leipzig besitzt eine Anzahl Waldungen, Rittergüter,
auch öffentliche Gebäude, aber seine sechs Bahnhöfe +hat+ es nur.
Auf die Spitze getrieben erscheint der Unsinn, wenn die Angabe des
Ortes wegfällt und nur gesagt werden soll, daß eine Sache überhaupt
da sei. Anstatt: es ist das die älteste +Nachricht+, die es hierüber
+gibt+ -- kann man auch sagen: es ist das die älteste +Nachricht+,
die wir hierüber +haben+, wir, nämlich alle, die sich mit der Sache
beschäftigen. Welch törichtes Gespreiz aber, dafür zu schreiben: es ist
das die älteste +Nachricht+, die wir darüber +besitzen+ -- Weltrichs
Buch ist die beste wissenschaftliche +Biographie+ Schillers, die wir
+besitzen+ -- Minors Kommentar bedeutet (!) das Beste, was wir bis
jetzt über den Faust +besitzen+.
Die Neigung, +besitzen+ zu schreiben, wo +haben+ gemeint ist, ist
freilich nicht von heute und gestern, sie findet sich schon im
achtzehnten Jahrhundert. Man denke nur an die Worte des Schülers im
Faust:
Denn was man schwarz auf weiß +besitzt+,
Kann man getrost nach Hause tragen,
oder an den Goethischen Spruch:
Wer Wissenschaft und Kunst +besitzt+,
+Hat+ auch Religion;
Wer jene beiden nicht +besitzt+,
Der +habe+ Religion.
Sieht man sich aber die Stellen, wo so geschrieben ist, näher an,
so sieht man, daß es meist mit Absicht geschehen ist, weil eben die
Sache, um die sichs handelt, als eine Art von Besitztum hingestellt
werden soll, oder es ist der Abwechslung, des Reims, des Rhythmus
wegen geschehen.[172] Zur gedankenlosen Mode ist es erst in unsrer
Zeit ausgeartet. Nun hat es aber auch so um sich gegriffen, daß man
auf alles gefaßt sein muß. Es ist gar nicht undenkbar, daß wir noch
dahin kommen, daß einer auch Recht oder Unrecht, Glück oder Unglück
+besitzt+, eine Pflicht oder Verpflichtung +besitzt+, Zeit zu einer
Arbeit, Lust zu einer Reise +besitzt+, Hunger oder Durst +besitzt+,
schlechte Laune +besitzt+, das Scharlachfieber +besitzt+, einen Floh
+besitzt+ usw.
Verbalsurrogate
Zum Sprachschwulst gehört auch die immer weiter fressende, kaum noch
irgendeinen Tätigkeitsbegriff verschonende Umschreibung einfacher
Zeitwörter durch +ziehen+ und +bringen+ im Aktiv, +gezogen+ oder
+gebracht werden+, +kommen+, +gelangen+ und +finden+ im Passiv.
Nichts wird mehr +erwogen+, +überlegt+, +erörtert+, +betrachtet+,
+berücksichtigt+, sondern alles wird +in Erwägung+, +in Überlegung+,
+in Erörterung+, +in Betracht+, +in Berücksichtigung gezogen+. Nichts
wird mehr +vorgelegt+, +vorgetragen+, +aufgeführt+, +dargestellt+,
+wiederhergestellt+, +ausgeführt+, +durchgeführt+, +angeregt+,
+angerechnet+, +vorgeschlagen+, +angezeigt+, +verkauft+, +verteilt+,
+versandt+, +ausgegeben+, +angewandt+, +erledigt+, +entschieden+,
+erfüllt+, sondern alles wird +zur Vorlage gebracht+, +zum Vortrag
gebracht+, +zur Aufführung+ oder +zur Darstellung gebracht+, +zur
Ausführung+ oder +zur Durchführung gebracht+, +in Anregung+, +in
Anrechnung+, +in Vorschlag gebracht+, +zur Anzeige+, +zum Verkauf+,
+zur Verteilung+, +zur Versendung gebracht+, +zur Ausgabe+,
+zur Anwendung+, +zur Erledigung+, +zur Entscheidung+, +zur
Erfüllung gebracht+, oder es +kommt+ oder +gelangt zum Vortrag+,
+zur Aufführung+, +zur Wiederherstellung+, +in Vorschlag+, +zur
Anzeige+, es +findet Anwendung+, +Erledigung+. Ein Personenzug
+kommt zur Ablassung+, ein Buch +gelangt zum Druck+, und dann
+gelangt es zur Ausgabe+, das Kommißbrot +gelangt zum Verzehr+ (!).
Eine Bürgermeisterstelle wird nicht +ausgeschrieben+, sondern zur
+Ausschreibung gebracht+; selbst von Häusern, die infolge einer
Überschwemmung +eingestürzt+ sind, heißt es, sie seien +zum Einsturz
gebracht+ worden. Die Train-Depot-Offiziere +fallen+ nicht +weg+,
sondern sie +gelangen zum Fortfall+ (!). Grund und Boden +gelangt zur
Aufforstung+, alte Schiffe +gelangen zur Außerdienststellung+, Rinder
und Schweine +gelangen zur Schlachtung+, eine Stadtkassenrechnung
+gelangt+ bei den Stadtverordneten zur +Richtigsprechung+, ja sogar
eine Ratsvorlage zur +Ablehnung+ (als ob es Ziel und Bestimmung
der Ratsvorlagen wäre, abgelehnt zu werden), und wenn die
Straßenbahndirektion ihren Fahrpreis herabsetzt, so macht sie bekannt:
Wir +bringen+ hiermit +zur Kenntnis+, daß der seither giltige Fahrpreis
von 15 Pfennigen +in Wegfall kommt+ und der neue Tarifsatz von 10
Pfennigen +zur Erhebung gelangt+.
Zum Schwulst gesellt sich aber hier noch etwas andres: die höchst
bedenkliche Neigung, den Verbalreichtum der Sprache gleichsam auf ein
paar Formeln abzuziehen, die alles Flektieren überflüssig machen.
Wer von diesen sechs oder sieben Verbalsurrogaten glücklich noch
ein Tempus und einen Modus bilden kann, der braucht sich nicht mehr
mit Ablautreihen und schwankenden Konjunktivformen zu plagen. Wie
sich das Französische für das Futurum ein Surrogat geschaffen hat in
seinem ~avoir~ mit dem Infinitiv, wie das Deutsche auf dem besten
Wege ist, sich für den Konjunktiv des Imperfekts ein Surrogat zu
schaffen in +würde+ mit dem Infinitiv, so ersetzen wir vielleicht in
hundert Jahren das Verbum überhaupt durch +bringen+ und +gelangen+ mit
einem Substantiv und sagen: ~propono~, ich +bringe+ in Vorschlag --
~proponor~, ich +komme+ in Vorschlag.
Vermittelst, mit Zuhilfenahme von
Unrettbar dem Schwulst verfallen sind unsre Präpositionen. Als
Präpositionen gebrauchte man früher eine Menge kleiner Wörtchen, die
aus zwei, drei, vier Buchstaben bestanden. In unsern Grammatiken findet
man sie auch jetzt noch verzeichnet, dieses lustige kleine Gesindel:
+in+, +an+, +zu+, +aus+, +von+, +auf+, +mit+, +bei+, +vor+, +nach+,
+durch+ usw.; in unserm Amts- und Zeitungsdeutsch aber fristen sie
nur noch ein kümmerliches Dasein, da sind sie verdrängt und werden
immer mehr verdrängt durch schwerfällige, schleppende Ungetüme wie:
+betreffs+, +behufs+, +zwecks+, +seitens+, +angesichts+, +mittelst+,
+vermittelst+, +vermöge+, +bezüglich+, +hinsichtlich+, +rücksichtlich+,
+einschließlich+, +ausschließlich+, +anläßlich+, +gelegentlich+,
+inhaltlich+, +ausweislich+, +antwortlich+, +abzüglich+, +zuzüglich+,
+zusätzlich+, +vorbehältlich+ usw. Wie lange wird es dauern, so wird
in unsern Grammatiken auch der Abschnitt über die Präpositionen
vollständig umgestaltet werden müssen; alle diese Ungetüme werden als
unsre eigentlichen Präpositionen verzeichnet, die alten, wirklichen
Präpositionen in die Sprachgeschichte verwiesen werden müssen.
Früher wurde einer, der +mit+ einem Messer gestochen worden war, +mit+
einer Droschke ins Krankenhaus gebracht; so wird auch heute noch
-- gesagt. In der Zeitung geschieht es aber nur noch +vermittelst+
eines Messers und +vermittelst+ einer Droschke. Ein herrliches Wort,
dieses +vermittelst+! Dem Anschein nach eine Superlativbildung, aber
wovon? Ein Adjektivum +vermittel+ gibt es nicht, nur ein Zeitwort
+vermitteln+. Daran ist aber doch bei +vermittelst+ nicht zu
denken. Offenbar ist das Wort in schauderhafter Weise verdorben aus
+mittels+,[173] dem Genitiv von +Mittel+, der in ähnlicher Weise zur
Präposition gepreßt worden ist wie +behufs+ und +betreffs+, zu denen
sich neuerdings noch +zwecks+, +mangels+ und +namens+ gesellt haben
-- lauter herrliche Erfindungen.[174] Das Zwischenglied wäre dann
+mittelst+, das es ja auch gibt; fürstliche Personen reisen stets
+mittelst+ Sonderzugs, und ein „Etablissement“, das früher +mit+
oder +durch+ Gas erleuchtet wurde, wird jetzt natürlich +mittelst+
Elektrizität erleuchtet, Handelsartikel, die früher +mit+ der Hand
hergestellt wurden, werden jetzt +mittelst+ Maschinen gewonnen; ja es
kommt sogar vor, daß ausgediente Mannschaften +mittelst Musik+ auf den
Bahnhof gebracht werden!
Daß +zu+ unter anderm auch den Zweck bezeichnet, ist dem Beamten
und dem Zeitungschreiber gänzlich unbekannt. Früher verstand man
es sehr gut, wenn einer sagte: er ist der Polizeibehörde +zur+
Einsperrung überwiesen worden -- die Nummern sind +zur+ Registrierung
beigefügt; jetzt heißt es nur noch: +behufs+ oder noch lieber +zwecks+
Einsperrung, +zwecks+ (oder +zum Zwecke+) der Registrierung, +zwecks+
Feststellung der Krankenkassenbeiträge, +zwecks+ Stellungnahme usw.
+Behufs+ Bildung einer Berufsgenossenschaft -- +behufs+ Wahrung
des Prestiges der italienischen Flagge -- ein Bündnis Englands mit
Rußland +zwecks+ Niederhaltung Deutschlands -- die Leiche wurde
+zwecks+ Verbrennung nach Gotha überführt (!) -- die Bank hat +zwecks+
Erweiterung ihrer Räume das Nachbarhaus angekauft -- die Schülerinnen
sollen +zwecks+ Schonung ihrer Augen acht Tage vom Unterricht
dispensiert werden und dann +zwecks+ erneuter Untersuchung sich wieder
in der Schule einfinden -- so hufst und zweckeckeckst es durch die
Spalten unsrer Zeitungen.
Einen Brief fing man früher an: +auf+ dein Schreiben vom 17. teile
ich dir mit --; jetzt heißt es nur noch: +antwortlich+ (oder in
+Beantwortung+ oder +Erwiderung+) deines Schreibens (vgl. S.
173). Früher verstand es jedermann, wenn man sagte: +nach+ der
Betriebsordnung oder +nach+ den Bestimmungen der Bauordnung, +nach+
dem Standesamtsregister, +nach+ Paragraph 5; das Volk spricht auch
heute noch so. In den Bekanntmachungen der Behörden aber heißt es
nur: +auf Grund+ der Betriebsordnung, +inhaltlich+ der Bestimmungen
der Bauordnung, +ausweislich+ des Standesamtsregisters, und was das
Allerschönste ist: +in Gemäßheit von+ Paragraph 5, +in Gemäßheit+
des Beschlusses der Stadtverordneten. Also statt einer einsilbigen
Präposition ein so fürchterliches Wort wie +Gemäßheit+, flankiert von
zwei Präpositionen, +in+ und +von+! Früher sagte man: +nach+ seinen
Kräften, +bei+ der herrschenden Verwirrung, +durch+ den billigen
Zinsfuß -- jetzt heißt es: +nach Maßgabe+ seiner Kräfte, +angesichts+
der herrschenden Verwirrung, +vermöge+ des billigen Zinsfußes. Eine
Festschrift erschien früher +zum+ Geburtstag eines Gelehrten, +beim+
Jubiläum eines Rektors, +zur+ Enthüllung eines Denkmals, jetzt nur
noch +aus Anlaß+ oder +anläßlich+ des Geburtstags, +gelegentlich+ des
Jubiläums, +bei Gelegenheit+ der Enthüllung. +Bei+ dem Auftreten der
Influenza hat sich gezeigt -- +in+ den Verhandlungen +über+ den Entwurf
wurde bemerkt -- +auf+ der Weltausstellung in Sydney traten diese
Bestrebungen zuerst hervor -- versteht das niemand mehr? Es scheint
so, denn jetzt heißt es: +gelegentlich+ des Auftretens der Influenza
-- +gelegentlich+ der über den Entwurf gepflognen (!) Verhandlungen
-- +bei Gelegenheit+ der Weltausstellung in Sydney. Für +wegen+ wird
+aus Anlaß+ gesagt: der Botschafter X hat sich +aus Anlaß+ einer
ernsten Erkrankung seiner Gemahlin nach B. begeben. Für +über+ heißt es
+betreffs+ oder +bezüglich+: das letzte Wort +betreffs+ der Expedition
ist noch nicht gesprochen -- die Mitteilung der Theaterdirektion
+bezüglich+ der Neueinstudierung des Don Juan war verfrüht. Früher
verstand es jeder, wenn gesagt wurde: +mit+ der heutigen Versammlung
sind dieses Jahr zehn Versammlungen gewesen, +ohne+ die heutige
neun; jetzt heißt es: +einschließlich+ der heutigen Versammlung,
+ausschließlich+ der heutigen Versammlung. Unsre Kaufleute reden sogar
davon, was eine Ware zu stehen komme, +zuzüglich+ der Transportkosten,
+abzüglich+ der Fracht oder +zusätzlich+ der Differenz, statt: +mit+
den Transportkosten, +ohne+ die Fracht, +samt+ der Differenz, was
man doch auch verstehen würde, und ein Verein macht bekannt, daß er
den Jahresbeitrag +zuzüglich+ der dadurch entstehenden Kosten durch
Postauftrag erheben werde, statt +samt+ oder +nebst+ den Kosten. Ein
Betrüger ist +mit+ 10000 Mark entflohen -- ist das nicht deutlich? Der
Zeitungschreiber sagt: +unter Mitnahme von+ 10000 Mark! Endlich: +mit
Zuhilfenahme von+, +unter Zugrundelegung von+, +in der Richtung nach+,
+in Höhe von+, +an der Hand von+ (jetzt sehr beliebt: +an der Hand+
der Statistik), was sind alle diese Wendungen anders als breitspurige
Umschreibungen einfacher Präpositionen, zu denen man greift, weil
man die Kraft und Wirkung der Präpositionen nicht mehr fühlt oder
nicht mehr fühlen will. +Ohne Zuhilfenahme von+ fremdem Material --
was heißt das anders als: +ohne+ fremdes Material? Der Staatsanwalt
machte +an der Hand+ einer Reihe von Straftaten (!) die Schuld des
Angeklagten wahrscheinlich -- was heißt das anders als: +mit+ oder
+an+ einer Reihe? Ist es nötig, daß in Bekanntmachungen einer Behörde
geschrieben wird, daß ein gewisser Unternehmer eine Kaution +in Höhe
von+ 1000 Mark zu erlegen habe, daß eine Straße neu gepflastert werden
solle +in ihrer Ausdehnung von+ der Straße A +bis zur+ Straße B? Sind
wir so schwachsinnig geworden, daß wir eine Kaution +von+ 1000 Mark
nicht mehr verstehen, uns bei dem einfachen +von -- bis+ keine Strecke
mehr vorstellen können? Muß das alles besonders ausgequetscht werden?
Rührend ist es, wenn der „Portier“ auf dem Bahnhof ausruft: Abfahrt
+in der Richtung nach+ Altenburg, Plauen, Hof, Bamberg, Nürnberg usw.
Der Bureaumensch, der +das+ ausgeheckt hat, verdiente zum Geheimen
Regierungsrat ernannt zu werden! Er wird es längst sein. Bei einem
bloßen +nach+ könnte sich ja ein Reisender beschweren und sagen: Ich
wollte nach Gaschwitz, das ist aber nicht mit ausgerufen worden, nun
bin ich sitzen geblieben. Aber +in der Richtung nach+ -- da kann sich
niemand beschweren.
Seitens
Der größte Greuel aber auf dem Gebiete unsers ganzen heutigen
Präpositionenschwulstes ist wohl das Wort +seitens+; es ist zu einer
wahren Krankheit am Leibe unsrer Sprache geworden.
Zunächst ist es schon eine garstige Bildung. In den vierziger und
fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieben die Beamten und
Zeitungschreiber beim passiven Verbum mit Vorliebe +von Seiten+
statt des einfachen +von+ (ebenso +auf Seiten+ statt +bei+). Das
war natürlich unnötiger Schwulst, aber es war doch wenigstens
richtig, ja man konnte sich sogar über den schwachen Dativ +Seiten+
freuen, den sich heute niemand mehr zu bilden getrauen würde. Mit
der Zeit wurde aber doch selbst den Kanzlei- und Zeitungsmenschen
dieses ewige +von Seiten+ zu viel. Statt nun das einzig vernünftige
zu tun und wieder zu dem einfachen +von+ zurückzukehren, ließ man
das +von+ weg und sagte nur noch +seiten+. Aber das dauerte auch
nicht lange. Kaum war die Neubildung fertig, so wurde sie einer
abermaligen Umbildung unterzogen, man hängte gedankenlos, verführt
durch Genitive wie +behufs+, +betreffs+, ein unorganisches s an den
schwachen Dativ,[175] und so entstand nun dieses Jammerbild einer
Präposition, das heute das Leib- und Lieblingswort unsrer Amts- und
Zeitungssprache ist. Sowie man eine Zeitung in die Hand nimmt, das
erste Wort, das einem in die Augen fällt, ist: +seitens+. Die kleinen
Pfennignotizen der Lokalreporter fangen gewöhnlich gleich damit an;
wenn nicht, dann stehts gewiß auf der zweiten oder dritten Zeile. Da
es die Zeitungssprache immer mehr verlernt, ein Ereignis im Aktivum
mitzuteilen, da sie mit Vorliebe im Passivum erzählt, sodaß das Objekt
zum grammatischen Subjekt und das logische Subjekt zum äußerlichen
Agens wird, +von+ beim Passiv ihr aber gänzlich unbekannt geworden ist,
so kann sie tatsächlich nicht die kleinste Mitteilung mehr machen ohne
+seitens+. Die Regierung, der Bundesrat, das Ministerium, das Gericht,
der Magistrat, die Polizeidirektion, das Stadtverordnetenkollegium
-- sie alle +tun+ nichts mehr, sondern alles +wird+ getan, alles
geschieht, erfolgt, findet statt +seitens+ der Regierung, +seitens+
des Bundesrats, +seitens+ des Ministeriums, +seitens+ des Gerichts,
+seitens+ des Magistrats, +seitens+ der Polizeidirektion usw. Dem
fortschrittlichen Kandidaten konnte +seitens+ der Gegner nichts
nachgesagt werden -- die Maschinen können +seitens+ der Interessenten
jederzeit besichtigt werden -- gegen solche Unart muß endlich einmal
mit Ernst vorgegangen werden, +seitens+ der Schule, +seitens+ der
Polizei, aber auch +seitens+ des Publikums -- es liegt darin etwas
verletzendes, auch wenn dies weder +seitens+ des Dichters, noch
+seitens+ der Darsteller beabsichtigt sein sollte; das Stück wurde
+seitens+ des Publikums einstimmig abgelehnt -- anders wird nicht
geschrieben. Aber auch bei aktiven Verben heißt es: zahlreiche Klagen
sind +seitens+ (!) einflußreicher Personen eingelaufen -- +seitens+ des
Herrn Polizeipräsidenten ist uns nachstehende Bekanntmachung zugegangen
-- +seitens+ der Kurie hat man (!) sich noch nicht schlüssig gemacht
-- +seitens+ der Regierung gibt man (!) sich der bestimmten Hoffnung
hin. Und hier wird +seitens+ auch für +bei+ gebraucht: dabei stieß er
+seitens+ des Gouverneurs auf große Schwierigkeiten (statt: +bei+ dem
Gouverneur!) -- wie er denn auch vielfache Anerkennung +seitens+ der
wissenschaftlichen Welt (+bei+ der wissenschaftlichen Welt!) gefunden
hat -- er erfreute sich des größten Vertrauens +seitens+ seines Chefs
(+bei+ seinem Chef!) -- das Werk wird dadurch an Teilnahme und Gunst
+seitens+ der Berliner (+bei+ den Berlinern!) nichts einbüßen. Für
den garstigen Gleichklang, der entsteht, wenn hinter +seitens+ nun
immer wieder Genitive auf s kommen, für dieses unaufhörliche Gezisch
hat der Papiermensch kein Ohr. Will er ja einmal abwechseln, auf das
einfache, vernünftige +von+ oder gar auf das Aktivum verfällt er gewiß
nicht; dann schreibt er lieber: +englischerseits+, +staatlicherseits+,
+kirchlicherseits+, +päpstlicherseits+, +ministeriellerseits+,
+landwirtschaftlicherseits+, ja sogar +unterrichteterseits+
oder: +regierungsseitig+, +eisenbahnseitig+, +gerichtsseitig+,
+prinzipalseitig+: die Gehilfenschaft hatte die Frage in ein Gleis
gebracht, an dem sich +prinzipalseitig+ nichts aussetzen ließ! Ein
Tierarzt macht darauf aufmerksam -- die Judenfeinde behaupten -- wie
simpel! Der Zeitungschreiber sagt: +tierärztlicherseits+ wird darauf
aufmerksam gemacht -- +antisemitischerseits+ (–ᴗᴗ–ᴗᴗ–) wird behauptet.
So klingts vornehm!
Damit ist aber die Anwendung des garstigen Wortes noch nicht
erschöpft. +Seitens+ wird nicht nur mit Verben, es wird auch mit
Verbalsubstantiven verbunden. Da schreibt man: die Beiträge zur
Unfallversicherung +seitens+ der Arbeitsherren -- die Vorführung
eines Spritzenzugs +seitens+ des Branddirektors -- die Behandlung der
Frauen +seitens+ der Männer -- die Aufnahme des Gesandten +seitens+
des Königs -- die Abneigung gegen die Angestellten +seitens+ der
Einwohnerschaft -- der Übergang über die Parthe +seitens+ der Nordarmee
-- die allgemeine Benutzung der Lebensversicherung +seitens+ der
ärmern Klassen -- ein Opfer von 3000 Mark +seitens+ der Stadt --
die Besitznahme dieses Küstengebiets +seitens+ der Franzosen -- die
Unsitte des Trampelns im Theater +seitens+ der Studenten -- der
schädigende Einfluß der Verletzung der Glaubenspflichten +seitens+
eines Kirchenmitgliedes -- das Dementi der Nachricht von der Audienz
des Herrn H. beim Kaiser +seitens+ der Konservativen Korrespondenz --
Zeitungen wie Bücher sind voll von solchen Verbindungen! Wie soll man
sie aber vermeiden? in allen diesen Beispielen ist doch ohne +seitens+
gar nicht auszukommen. Nun, wie ist man denn früher ohne das Wort
ausgekommen? Entweder durch vernünftige Wortstellung: die Beiträge
+der+ Arbeitsherren zur Unfallversicherung -- der Übergang +der+
Nordarmee über die Parthe -- ein Opfer +der+ Stadt von 3000 Mark; oder
dadurch, daß man Sätze bildete, anstatt, wie es jetzt geschieht, ganze
Sätze immer in Substantiva zusammenzuquetschen. Zu einem Zeitwort kann
man ein halbes Dutzend näherer Bestimmungen setzen, da hat man immer
freie Bahn und kommt leicht vorwärts; sowie man aber das flüssige
Zeitwort in das starre Hauptwort verwandelt, verbaut man sich selbst
den Weg, und dann werden solche Angstverbindungen fertig wie: mit der
Beherrschung von Raum und Kraft +seitens+ der Menschen wäre es zu Ende
(statt: die Menschen würden Raum und Kraft nicht mehr beherrschen) --
der redliche Erwerb (!) der Kleidungsstücke +seitens+ des Angeklagten
ließ sich zum Glück nachweisen (statt: daß er sie redlich erworben
hatte).
Nun aber das Tollste: diese Angstverbindungen von Substantiven mit
+seitens+ sind den Leuten schon so geläufig geworden, und man ist
so vernarrt in das schöne Wort, daß man es auch da anwendet, wo
gar keine Nötigung dazu vorliegt, daß man geradezu -- den Genitiv
damit umschreibt! Man sagt nicht mehr: der Besuch des Publikums, die
Anregung des Vorstandes, eine Erklärung des Wirts, die freiwillige
Pflichterfüllung eines Einzelnen, sondern: der Besuch +seitens+ des
Publikums, die Anregung +seitens+ des Vorstandes, eine Erklärung
+seitens+ des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung +seitens+
eines Einzelnen. Überall laufen einem jetzt solche Genitive über den
Weg, man braucht nur zuzugreifen: ich wollte damit etwaigen Einreden
+seitens+ der Gegner vorbeugen -- der glänzende Erfolg, den der
Verfasser dem ausgezeichneten Vortrage +seitens+ des Rezitators zu
danken hat -- ein ähnliches Beispiel einer starken Willkür +seitens+
eines Herausgebers -- er wurde die Zielscheibe vieler Angriffe
+seitens+ der Klerikalen -- ein höherer Gehilfe kann nicht ohne
Vertrauen +seitens+ des Handelsherrn angestellt werden -- die Frau war
wegen fortgesetzter Roheiten +seitens+ ihres Mannes ins Elternhaus
zurückgekehrt -- der Gesandte hatte die Stirn, zu fragen, ob man denn
auch des Friedensbruchs +seitens+ Frankreichs gewiß sei -- es fehlt
ihm die Anerkennung +seitens+ der Großmächte -- das Urteil klingt hart,
beruht aber auf sorgfältiger Prüfung +seitens+ eines Unbefangnen --
es bedarf nur der Aufforderung +seitens+ eines geeigneten Mannes --
sie wählten diese Wohnungen, um sich gegen Überraschungen +seitens+
ihrer Feinde zu sichern -- ohne die freundliche Unterstützung +seitens+
zahlreicher Bibliotheksverwaltungen würde es nicht gelungen sein
-- es trifft ihn die Verachtung +seitens+ seiner Mitmenschen -- es
kostete große Anstrengungen +seitens+ der bekümmerten Verwandten
-- an der Tafel fehlte es nicht an herzlichen Reden und Gegenreden
+seitens+ der Arbeiter und Prinzipale -- der Straßenhandel hat zu
Beschwerden +seitens+ der Einwohnerschaft geführt -- eine Trauung,
bei der es an aufrichtig frommer Gesinnung +seitens+ der Brautleute
fehlte. Für einzelne dieser Beispiele scheint es ja einen Schimmer
von Entschuldigung zu geben. Das Hauptwort, von dem der Genitiv
abhängen würde, ist meist ein Verbalsubstantiv, und da kann der Zweifel
entstehen, ob man die Handlung, die es ausdrückt, als aktiv oder als
passiv auffassen soll. Der Besuch des Publikums -- das könnte ja
auch heißen, das Publikum sei besucht +worden+; der Besuch +seitens+
des Publikums -- das ist nicht mißzuverstehen, da +hat+ das Publikum
besucht. Angriffe der Klerikalen -- da könnte man auch denken,
die Klerikalen wären angegriffen +worden+; Angriffe +seitens+ der
Klerikalen -- da +haben+ sie natürlich angegriffen. Die Untersuchung
des Arztes -- da könnte man ja denken, der Arzt wäre untersucht
+worden+; die Untersuchung +seitens+ des Arztes -- nun +hat+ der Arzt
untersucht. Sollte es aber wirklich Leser geben, die so beschränkt
wären, dergleichen mißzuverstehen?
Bez. beziehungsweise bezw.
Ein Juwel unsrer Papiersprache endlich, der Stolz aller Kanzlisten
und Reporter, der höchste Triumph der Bildungsphilisterlogik ist das
Bindewort +bez.+ oder +bezw.+
Vor fünfzig Jahren gab es noch im Deutschen das schöne Wort
+respektive+, geschrieben: +resp.+; man sagte z. B.: der +Vater resp.
Vormund+ -- der +Rektor+ der Schule, +resp.+ dessen +Stellvertreter+
-- +nachlässige, resp. rohe+ Eltern. Was wollte man mit dem Worte?
Warum sagte man nicht: der +Vater oder Vormund+? Hätte man das nicht
verstanden? I nun, der gesunde Menschenverstand des Volks hätte es
schon verstanden; aber der große Logiker, der Kanzleimensch, sagte
sich: ein Kind kann doch nicht zugleich einen Vater und einen Vormund
haben, es kann doch nur entweder einen Vater oder (oder aber! sagte der
Kanzleimensch) einen Vormund haben. Dieses Verhältnis kann man nicht
mit dem bloßen +oder+ ausdrücken, für dieses feine, bedingte +oder+:
der +Vater oder+ (+wenn+ nämlich das Kind keinen Vater mehr haben
sollte!) +Vormund+ gibt es im Deutschen überhaupt kein Wort, das läßt
sich nur durch -- +respektive+ sagen, dadurch aber auch „voll und ganz“.