fühlbaren Unterschied macht, ob sie mit +weg+ oder mit +fort+
zusammengesetzt werden. Aber ebenso sicher gibt es eine Anzahl andrer,
bei denen bisher in der Anwendung von +weg+ und +fort+ nicht bloß ein
feiner, sondern ein ziemlich grober Unterschied gemacht worden ist,
den alle guten Schriftsteller beobachtet haben und noch beobachten.
+Fort+ nämlich (verwandt mit +vor+ und +vorn+) steht in dem Sinne von
+vorwärts+, wobei stets ein bestimmtes Ziel vorschwebt, wenn es auch
nicht genannt ist; es wird überdies nicht bloß vom Raume, sondern auch
von der Zeit gebraucht. +Weg+ dagegen (dasselbe wie +Weg+) wird nur
räumlich gebraucht und bedeutet: +aus dem Wege+, +auf die Seite+, wobei
man nicht an ein Ziel, sondern an ein Verschwinden denkt. Wer verreisen
will, kann sagen: mein Koffer ist glücklich +fort+, in einer Stunde
fahre ich; es kann aber auch vorkommen, daß er sagen muß: ich kann
nicht fahren, mein Koffer ist +weg+. In einer Volksmasse wird jemand
mit +fortgerissen+, d. h. in die Strömung hinein, auch von Begeisterung
wird jemand +fortgerissen+, z. B. dem hohen Ziele zu, zu dem uns
der Künstler führen will; aber eine Mauer, ein Haus, ein Damm wird
+weggerissen+. Wer aus der großen Stadt auf ein einsames Dorf zieht,
kommt sich anfangs wie +weggesetzt+ vor, aber nicht wie +fortgesetzt+.
Der Bruder sagt zur Schwester: +setze+ deine Malerei (das Malgerät)
jetzt +weg+, wir wollen Klavier spielen: nach einer Stunde aber: es
ist genug, +setze+ deine Malerei (das Malen) nun +fort+. Wenn ich ein
Bild abzeichne, auf dem auch ein Sperling dargestellt ist, so kann ich
den Sperling +weglassen+; wenn ich aber einen lebendigen Sperling in
der Hand habe, so kann ich ihn +fortlassen+. Auf sumpfiger Landstraße
kann man schlecht +fortkommen+, aber bei einem gewagten Geschäft kann
man schlecht +wegkommen+. Von zwei Hunden, die aus +einem+ Napfe
saufen sollten, kann ich sagen: der große hat dem kleinen alles
+weggesoffen+; ein bekannter § 11 aber lautet: es wird +fortgesoffen+.
Wie jemand das Bedürfnis nach diesen Unterscheidungen verlieren kann,
ist unbegreiflich. Aber die Zahl derer, die sich einbilden, +weg+ sei
gemein, +fort+ sei fein, wird immer größer; man sagt nur noch: die
beiden letzten Sätze der Symphonie wurden +fortgelassen+ -- wo wurden
sie denn hingelassen? die Mauern auf der Akropolis sind +fortgebrochen+
worden -- wo sind sie denn hingebrochen worden? Sie hatte das Bild
+fortgeschlossen+ -- der Damm wurde durch Überschwemmung +fortgerissen+
-- es ist eine nicht +fortzuleugnende+ (!) Tatsache -- ich habe darüber
+fortgelesen+ (!) -- meine Bleistifte +kommen+ mir immer +fort+ (!)
-- er hat mir meine Mütze +fortgenommen+ (!) -- so ist es richtig
Berlinisch, und wer ein feiner Mann sein will, der schwatzt es nach.
Vielleicht +setzt+ man +sich+ auch noch über einen schweren Verlust
+fort+ oder spricht sich +fortwerfend+ über jemand aus, und in den
Berliner Gymnasien singt man vielleicht nächstens in Uhlands Gutem
Kameraden: ihn hat es +fortjerissen+, er liegt mir vor den Füßen.
Schwulst
Daß die Sprachmode wie die Kleidermode auch den Schwulst liebt, ist
kein Wunder. Schon die bisherigen Beispiele haben es zum Teil gezeigt,
aber es gibt noch viele andre. Auch die Sprache hat ihre Reifröcke,
ihre Schinkenärmel, ihre Schleppen; die Sucht, sich möglichst breit
auszudrücken, geht durch unsre ganze Schriftsprache. Wo für einen
Begriff zwei Wörter zur Verfügung stehen, ein kurzes und ein langes, da
wird gewiß das lange vorgezogen. Man schreibt nicht +sein+, +haben+,
+können+, +kommen+, +geben+, +sehen+, sondern +sich befinden+ (z. B.
in großer Verlegenheit), +besitzen+, +vermögen+ (die Hälfte der
Bevölkerung +vermag+ weder zu lesen noch zu schreiben), +gelangen+,
+verleihen+ (Ausdruck wird immer +verliehen+, nicht +gegeben+),
+erblicken+. Und doch, wie unpassend ist das oft! +Erblicken+ z. B.
bezeichnet ja den Augenblick, wo ich etwas zu sehen anfange (vgl. S.
355), wo mir etwas ins Auge fällt, mag ich es nun vorher gesucht haben
oder nicht: eine Stunde lang hatte ich mich in dem Menschengewühl
nach ihm umgesehen, endlich +erblickte+ ich ihn. Aber: ich +erblicke+
darin einen großen Fehler, oder: darin ist ein großer Fortschritt zu
+erblicken+ -- wie jetzt immer geschrieben wird --, oder: die meisten
haben sich verleiten lassen, in dem Märchen eine Verherrlichung des
Freimaurertums zu +erblicken+ -- ist doch sinnwidrig; denn hier
handelt sichs ja um eine dauernde Ansicht, und die kann nur durch das
schlichte, einfache +sehen+ ausgedrückt werden.
Zahllos sind die Fälle, wo ein einfaches Verbum ganz unnötigerweise
durch eine Redensart umschrieben wird, wie +Folge leisten+, +Verzicht
leisten+, +Abbitte leisten+ u. ähnl., oder durch eine schleppende
Weiterbildung verdrängt wird. Geld wird nicht mehr +eingenommen+ und
+ausgegeben+, sondern nur noch +vereinnahmt+ und +verausgabt+. Die
Kosten einer Sache werden nicht mehr so und so hoch +angeschlagen+,
sondern +veranschlagt+. Prozente werden nicht +abgezogen+, sondern
+verabzugt+, Porto wird nicht +ausgelegt+, sondern +verauslagt+, und
ein kluger, aufgeweckter Junge heißt nicht mehr glücklich +angelegt+,
sondern +beanlagt+ oder +veranlagt+. Lauter fürchterliche Wörter --
aus dem Zeitwort ist ein Hauptwort gebildet, und aus dem Hauptwort
dann wieder ein Zeitwort! Freilich sind sie nicht schlimmer als
+beauftragt+, +beaufsichtigt+ (vgl. +Aufseher+), +beansprucht+ (statt
+angesprochen+), +bevorzugt+ (statt +vorgezogen+), +beeinflußt+,
+bewerkstelligt+ (man überlege sich einmal, was +Werkstelle+ heißt!),
Wörter, an die wir uns längst gewöhnt haben, und die bei ihrem
ersten Auftauchen für feinfühligere Ohren gewiß ebenso fürchterlich
gewesen sind wie für uns heute +vereinnahmt+ und +verauslagt+; aber
es ist doch gut, sich des Schwulstes bewußt zu werden. Auch in der
Häufung der Präfixe und Präpositionen vor den Zeitwörtern können sich
manche nicht genug tun. Da wird ein Stipendium nicht +ausgezahlt+,
sondern +ausbezahlt+, da werden +anlangen+ und +betreffen+ beide
zu +anbelangen+ und +anbetreffen+ verlängert, man +lebt sich+ in
einen Gedanken +hinein+ (statt +ein+), man führt ein Musikwerk +mit
Hinweglassung+ des Chors auf (statt: +ohne+ Chor), vor allen Dingen
aber +bildet sich+ nichts mehr +aus+, sondern alles bildet sich
+heraus+: schon lange vor Einführung der Buchdruckerkunst hatte sich
bei der Kirche die Sitte +herausgebildet+ usw. Woherrraus denn?
Der Ausdruck hat etwas so gewaltsames, daß man die Sitte wie aus
einem Krater hervorbrodeln sieht. Am Ende werden noch Trinksprüche
+hinausgebracht+ und einem ein paar Hiebe +hinaufgezählt+. Und welcher
Schwulst, wenn jedes +auch+ durch +ebenfalls+ oder +gleichfalls+, jedes
+viel+ durch +zahlreich+, jedes +oft+ durch +häufig+, jedes +nur+ durch
+lediglich+, jedes +viel+ vor dem Komparativ (+viel+ weniger) durch
+bedeutend+, +unvergleichlich+, +unverhältnismäßig+ oder womöglich gar
+unendlich+ ersetzt, jedes +sehr+ und +mehr+ umschrieben wird durch:
+in hohem Grade+, +in ausgedehntem Maße+, +in höherm Grade+, +in
erhöhtem Maße+, jedes +so+ durch: +auf diese Art und Weise+, wenn für
+näher+, +weiter+, +länger+, +breiter+, +öfter+ immer geschrieben wird:
+des nähern+ (oder gar +näheren+), +des weitern+, +des längern+, +des
breitern+, +des öftern+, oder wenn jemand Bericht erstattet nicht +als+
Rektor oder Vorsitzender, sondern +in seiner Eigenschaft als+ Rektor,
+in seiner Eigenschaft als+ Vorsitzender, wenn +schwere+ Bedenken oder
Vorwürfe zu +schwerwiegenden+ Bedenken und Vorwürfen, eine +schwere+
Aufgabe zu einer +mit Schwierigkeiten verbundnen+, eine +erste+
Aufführung und eine +erste+ Einrichtung zu +erstmaligen+ gemacht werden
(die +erstmalige+ Zusammenkunft der deutschen Architekten fand 1842 in
Leipzig statt),[170] oder wenn immer von +Vorahnung+, +Voranschlag+,
+Vorbedingung+, +Rückerinnerung+, +Beihilfe+, +Herabminderung+ geredet
wird, als ob man Bedingungen auch hinterher stellen, sich an ein
Erlebnis auch voraus erinnern oder einen Aufwand hinaufmindern könnte!
Wie der Schwulst immer mehr zunimmt, mag folgendes Beispiel zeigen:
der Fall +ist+ sehr verwickelt -- der Fall +liegt+ sehr verwickelt
-- der Fall +ist+ sehr verwickelt +gelagert+ -- die +Lagerung+ des
Falls +ist+ sehr verwickelt -- die +Lagerung+ des Falls +ist eine+
sehr verwickelte. Weiter gehts nicht! In solchem Deutsch spricht man
aber jetzt mit Vorliebe in Vereinsversammlungen, schreibt man in
Jahresberichten, ja man unterhält sich darin schon am Biertisch, denn
so schreiben die Leitartikelschreiber und die Reporter des Lokalblatts,
und das sind ja die Lehrmeister des Volks auch in Sprachdingen.
Rücksichtnahme und Verzichtleistung
Erzeugnisse des Sprachschwulstes sind unter den Substantiven besonders
die Zusammensetzungen mit +nahme+, die in neuerer Zeit so beliebt
geworden sind: +Parteinahme+, +Stellungnahme+, +Rücksichtnahme+,
+Einsichtnahme+, +Anteilnahme+, +Abschriftnahme+, sogar +Einflußnahme+
und +Rachenahme+! Einige dieser Bildungen sind ganz überflüssig.
Oder könnte es wirklich mißverstanden werden, wenn jemand sagt: er
handelte ohne +Rücksicht+ auf seine Freunde -- lege mir die Papiere zur
+Einsicht+ vor -- ich erhielt von ihm die Tafeln zur +Abschrift+? Wozu
das -+nahme+? Offenbar soll es die Handlung ausdrücken. Aber die liegt
doch schon in +Rücksicht+, +Einsicht+ und +Abschrift+, fühlt man das
gar nicht mehr? Recht töricht ist +Einflußnahme+, denn Einfluß hat man
entweder, oder man gewinnt ihn, man kann ihn auch zu gewinnen suchen,
sich ihn sogar anmaßen, aber man „nimmt“ ihn nicht. +Anteilnahme+ (in
Leipzig +Ahnteilnahme+ ausgesprochen) ist nichts als eine häßliche
Verbreiterung von +Teilnahme+. Man scheint sich jetzt einzubilden,
+Teilnahme+ sei auf traurige Ereignisse, Unglücksfälle, Todesfälle
u. dgl. zu beschränken, in allen andern Fällen müsse es +Anteilnahme+
heißen. Ein vernünftiger Grund zu einer solchen Unterscheidung liegt
nicht vor. Es wäre doch lächerlich, wenn nicht auch bei einem freudigen
Ereignis meine +Teilnahme+ genügte; +Parteinahme+ und +Stellungnahme+
scheinen auf den ersten Blick unentbehrlich zu sein, aber doch nur
deshalb, weil man immer in ein Substantiv zusammenquetschen zu müssen
glaubt, was man mit dem Verbum sagen sollte.
Wie mit +Rücksichtnahme+ aber verhält sichs auch mit +Hilfeleistung+
und +Verzichtleistung+; +Hilfe+ und +Verzicht+ sagen genau dasselbe.
Anders, andersartig und anders geartet
Ein entsetzlicher Schwulst greift neuerdings unter gewissen
Eigenschaftswörtern um sich: man fühlt nicht mehr oder tut so, als
ob man nicht mehr fühlte, daß diese Eigenschaftswörter eben die Art,
die Eigenschaft eines Dinges bezeichnen, sondern glaubt, das noch
besonders ausdrücken zu müssen, indem man das Wort +Art+ zu Hilfe
nimmt. Bildungen wie +gutartig+, +bösartig+ und +großartig+ sind ja
schon alt und haben mit der Zeit einen Sinn angenommen, der sich
von dem einfachen +gut+, +böse+ und +groß+ unterscheidet, wiewohl
zwischen einem +bösen+ Hund und einem +bösartigen+ Hund, einer +großen+
Auffassung und einer +großartigen+ Auffassung ein recht geringer
Unterschied ist. Aber schon +fremdartig+ und +verschiedenartig+ ist
doch oft nichts als eine überflüssige Verbreiterung von +fremd+ und
+verschieden+. Oder wäre es wirklich nicht mehr deutlich, wenn man
sagt: es ist dem innersten Wesen des Deutschen +fremd+ -- oder wenn man
Gaslicht und elektrisches Licht +verschiednes+ Licht nennt? Vollends
unnötiger Schwulst aber ist in den meisten Fällen das neumodische
+andersartig+ für +anders+. Oder ist es etwa nicht mehr zu verstehen,
wenn jemand sagt: die Befriedigung, die wir aus der Kunst schöpfen, ist
eine ganz +andre+ als die, die uns die Natur gewährt? (Vgl., was S. 370
über +eigen+ und +eigenartig+ gesagt ist.)
Man begnügt sich aber schon nicht mehr mit den Zusammensetzungen von
+artig+ -- es scheint das noch nicht schwülstig genug zu sein --,
sondern hat das herrliche Partizip +geartet+ erfunden und schreibt nun
nicht bloß von einer +anders gearteten+ Zeit und +anders gearteten+
Verhältnissen, sondern auch von einer +so gearteten+ Begabung (statt
von einer +solchen+), von +ähnlich gearteten+ Unternehmungen (statt von
+ähnlichen+) usw. Ist der heutige Sextaner +anders geartet+ als der
frühere? -- man sah der Ausführung zwar mit +anders gearteter+, aber
nicht geringerer Spannung entgegen -- wären alle Deutschen Österreichs
+so geartet+ wie die Siebenbürger Sachsen -- das Schöffengericht hat in
einem ganz +ähnlich gearteten+ Falle auf Freisprechung erkannt (vgl. S.
408 den +gelagerten+ Fall!) -- mit der besondern Veranlassung war auch
eine +besonders geartete+ Zuhörerschaft gegeben -- so spreizt man sich,
und dabei ist man womöglich noch stolz auf seinen Scharfsinn, der den
Unterschied zwischen +ähnlich+ und +ähnlich geartet+ ausgediftelt hat.
Vielleicht erleben wirs noch, daß auch +anders geartet+ nicht mehr
genügt, daß man sagt: die Befriedigung, welche (!) wir aus der Kunst
schöpfen, ist eine ganz +andersartig geartete+ als diejenige, welche
(!) uns die Natur gewährt. Breiter könnte dann der Ausdruck beim besten
Willen nicht genudelt werden.
Haben und besitzen
Wohin es führt, wenn man ein kurzes Zeitwort immer gedankenlos und
aus bloßer Neigung zur Breite durch ein längeres ersetzt, zeigt am
besten der heutige Mißbrauch von +besitzen+ für +haben+. Auch er ist,
wie der Mißbrauch des Zeitworts +bedingen+ (vgl. S. 398), zu völliger
Verrücktheit ausgeartet.
Die Grundbedeutung von +haben+ ist +halten+, +in der Hand haben+.
Aus ihr hat sich dann leicht die des Eigentums, des Besitzes
entwickelt, wie sie deutlich in +Habe+ vorliegt. Aber damit ist die
Anwendung des Wortes nicht erschöpft: mit +haben+ läßt sich fast
jeder denkbare Zusammenhang, jedes denkbare Verhältnis zwischen zwei
Dingen ausdrücken. +Besitzen+ dagegen bedeutet ursprünglich +auf
etwas sitzen+. Das erste, was der Mensch „besaß“, war unzweifelhaft
der Grund und Boden, auf dem er saß. Noch im siebzehnten Jahrhundert
„besaß“ der Richter die Bank, der Reiter das Pferd, die brütende
Henne die Eier. Vom Grund und Boden ist das Wort dann auf andre Dinge
übertragen worden, die unser Eigentum sind, vor allem auf das Haus,
das auf dem Grund und Boden errichtet ist -- auch dieses „besitzt“ man
noch im eigentlichen Sinne des Wortes, man sitzt darin, man ist Insasse
des Hauses --, dann auch auf alle fahrende Habe, auf allen Hausrat und
endlich auf das liebe Geld. Damit ist aber die sinngemäße Anwendung des
Wortes erschöpft.
Bedenklich ist es schon, Kinder als Besitztum der Eltern zu bezeichnen:
er +besaß+ vier +Kinder+, zwei Söhne und zwei Töchter. Eltern
+haben+ Kinder, aber sie +besitzen+ sie nicht. Dasselbe gilt von dem
Verhältnis des Herrn zum Diener, des Herrschers zu den Untertanen,
des Freundes zum Freunde. Es ist abgeschmackt, zu schreiben: er hatte
viele sympathische Züge, und doch +besaß+ er keinen +Freund+. Wer die
Abgeschmacktheit nicht fühlen sollte, der kehre sich die Verhältnisse
um; wenn Eltern Kinder, ein Herrscher Untertanen „besitzt“, dann
„besitzen“ auch Kinder Eltern und Untertanen einen Herrscher. In der
Tat schrickt man auch vor solchem Unsinn schon nicht mehr zurück; man
schreibt: er +besaß Eltern+, die töricht genug gewesen waren, in seinen
Kinderjahren die Keime der Genußsucht in seinem Herzen zu pflegen --
Tycho Brahe +besaß+ auch entfernte +Verwandte+ in Schweden -- wir
+besitzen+ in unsrer Verwandtschaft einen berühmten +Astronomen+ --
Preußen +besitzt+ in den Hohenzollern ein +Herrschergeschlecht+, um
das es jedes andre Land beneiden kann. Ist das richtig, dann kann man
schließlich auch einen Onkel, einen Großvater, einen Gönner, einen
Widersacher „besitzen“, eine Stadt kann einen Bürgermeister, eine
Kompagnie einen Hauptmann „besitzen“.[171]
Ebenso bedenklich ist es, einen Teil unsers eignen Selbst, also
entweder den Körper oder den Geist oder einen Teil des Körpers als
unser Besitztum zu bezeichnen und zu schreiben: er +besaß+ einen
kräftigen, wohlgebauten +Körper+ -- sie +besaß+ eine feine, schmale,
wohlgepflegte +Hand+ (in Romanen sehr beliebt!) -- ein Kind, das
ganz normal entwickelt ist, aber leider keine +Augen besitzt+ -- ich
habe dir treu gedient, ohne daß du ein +Auge+ dafür +besaßest+ -- er
+besaß+ ein +Ohr+ für den Pulsschlag der Zeit -- die Soldaten möchten
bedenken, daß die Schwarzen auch ein +Herz besäßen+. Derselbe Fall ist
es, wenn Bestandteile einer Sache als Besitztum der Sache bezeichnet
werden, z. B.: die Peterskirche +besitzt+ eine Menge kleiner +Türmchen+
-- der Turm +besitzt+ auf jeder Seite eine +Uhr+ -- das Stück
+besitzt+ fünf +Akte+ -- das Werk +besitzt+ über 100 +Abbildungen+
-- die spanisch-maurischen Fayencen +besaßen+ eine +Zinnglasur+ --
das Buschweidenröschen +besitzt+ einen unterirdischen wurzelartigen
+Stengel+ -- diese Schaftstiefel +besitzen+ +Doppelsohlen+, oben von
Leder, unten von Blech -- wir reden von Fensterscheiben, die doch meist
vier +Ecken besitzen+.
Unzählig aber sind nun die Fälle, wo gar äußere oder innere
Eigenschaften einer Person oder Sache, Zustände, Empfindungen,
Geistestätigkeiten und ähnliches unsinnigerweise als Besitztum der
Person oder Sache hingestellt werden. Da schreibt man z. B: dieser
Orden wird auch an solche Leute verliehen, die keinen +Hofrang
besitzen+ -- er +besaß+ eine auskömmliche +Stellung+ -- Herr R. +besaß+
damals ein +Engagement+ in Leipzig -- so wenig wird man begriffen,
wenn man die +Eigenschaften+ des Künstlers +besitzt+ -- K. +besitzt+
dazu weder das reife, ruhige +Urteil+, noch die nötige +Sachlichkeit+,
ja auch die nötige +Wahrheitsliebe+ -- unsre Juden +besitzen+ nicht
die +Feinheit+ der Empfindung, vor dieser deutlichen Ablehnung
zurückzutreten -- einige Tanzweisen der nordischen Völker +besitzen+
mit denen der alten Deutschen große +Ähnlichkeit+ -- der hochgeehrte
Rat wolle die +Güte besitzen+, unser Gesuch wohlwollend in Erwägung
zu ziehen -- das moderne Theater +besitzt+ einen ganz bestimmten
+Charakter+ -- entscheidend ist die Frage, ob die bedeutendern
Künstler diese +Kennzeichen+ des Klassizismus +besitzen+ oder nicht
-- die +Bedeutung+, die in der Entwicklung Englands die normannische
Eroberung +besitzt+ -- die Reise des Kaisers nach London scheint eine
politische +Bedeutung+ zu +besitzen+ -- fast alle englischen Offiziere
+besitzen Spitznamen+ -- beide Bauten +besitzen+ einen langgestreckten,
rechteckigen +Grundriß+ -- diese epochemachende Camera +besitzt+
folgende +Einrichtung+ -- der Mann +besitzt+ die stattliche +Größe+ von
2,26 Metern -- die Passage +besitzt+ eine +Länge+ von dreiundvierzig
Metern -- die Zigarre +besitzt+ einen schönen, angenehmen +Brand+
-- dieser Fleischextrakt +besitzt+ den +Wohlgeschmack+ des frischen
Fleisches -- diese Sprachen +besaßen+ nur die +Stellung+ von Mundarten
-- man muß sich bewußt bleiben, daß diese Unterscheidung keinen
theoretischen, sondern nur einen praktischen +Wert besitzt+ -- der
Name dieses Künstlers +besitzt+ für uns alle einen vertrauten +Klang+
-- das Genie +besitzt+ eine +Verwandtschaft+ mit dem Wahnsinn --
priesterlicher Gesang kann nicht die +Töne besitzen+, aus denen
das leise Erzittern des frommen Herzens spricht -- für die moderne
Revolution +besitzen+ Dichter und Denker kaum eine geringere
+Bedeutung+ als die Männer der Tat -- man +besitzt+ in Preußen volles
+Verständnis+ für den sächsischen Standpunkt -- wir +besitzen+ an
einer Vermehrung der Streitkräfte unsrer Nachbarn nicht das geringste
+Interesse+ -- die Landstreicher zerfallen (!) in solche, deren Streben
darauf gerichtet ist, bald wieder Arbeit zu finden, und solche, die
dieses +Streben+ nicht +besitzen+ -- die meisten Menschen +besitzen+
den sehnlichen +Wunsch+, möglichst lange zu leben -- die Behörden
+besaßen+ keine +Ahnung+ von den ihnen obliegenden Pflichten -- wer mit
dem Volksleben nicht die geringste persönliche +Fühlung besitzt+ -- er
+besaß+ die moralische +Überzeugung+ von ihrer Unschuld -- er hatte
die Kühnheit, eine eigne +Meinung+ zu +besitzen+ (warum nicht auch:
er +besaß+ die +Kühnheit+?) -- zu dem praktischen Blick seiner Mutter
+besaß+ er unbedingtes +Vertrauen+ -- die Neuberin +besaß+ jedenfalls
mehr +Begeisterung+ für die Kunst als Pollini -- jeder Preuße, der
die +Befähigung+ zu den Gemeindewahlen +besitzt+ -- die Erde +besitzt
Raum+ genug für den Wettkampf der zwei germanischen Völker (Schiller:
+Raum+ für alle +hat+ die Erde!) -- Leute, die gern Konjekturen machen,
+besitzen+ hier ein ergiebiges +Arbeitsfeld+ -- wir +besitzen+ hier
einen zuverlässigen +Ausgangspunkt+ -- nun erst +besaßen+ die Künstler
den +Malgrund+, auf dem sie bequem arbeiten konnten -- da er keine
Beweise vorgebracht hat, muß man annehmen, daß er keine +Beweise besaß+
-- gegen die Diphtheritis +besitzen+ die Naturärzte eine +Behandlung+
von ausgezeichnetem Heilerfolg -- der Entschlafne +besitzt+ ein volles
+Anrecht+ darauf, daß wir ihn durch Worte dankbarer Erinnerung ehren --
die Fortbildungsschüler müssen noch eine Menge Dinge lernen, in denen
sie schon +Übung besitzen+ sollten -- das Konsistorium wird hoffentlich
die +Konsequenz besitzen+ (so konsequent sein!), ebenfalls aus dem Amte
zu scheiden -- es traten Persönlichkeiten auf, die zum Klagen nicht den
geringsten +Grund besaßen+. In Leipzig kann man sogar schon auf der
Straße hören: Nee, so ’ne +Frechheet+ zu +besitzen+!
Ein Recht auf eine Sache kann gewiß unter Umständen als eine Art
wertvollen Besitztums aufgefaßt werden. Dasselbe gilt von Kenntnissen
und Fertigkeiten. Aber das meinen doch die gar nicht, die gedankenlos
so etwas hinschreiben, wie daß der Entschlafne (!) ein Anrecht auf
dankbare Erinnerung „besitze“. +Haben+ kann auch ein Entschlafner noch
alles mögliche, +besitzen+ kann er schlechterdings nichts mehr. Aber
auch der Lebende kann alle die andern schönen Dinge, wie Begeisterung,
Streben, Interesse, Verständnis, Vertrauen, Kühnheit, „Frechheet“, wohl
haben, aber nicht besitzen. +Güte haben+ ist ja nur eine verbreiternde
Umschreibung von +gut sein+, +Ähnlichkeit haben+ eine Umschreibung von
+ähnlich sein+. Das sind aber Eigenschaften, keine Besitztümer.
Vollends lächerlich ist es, wenn Eigenschaften oder Zustände, die
einen Schaden oder Mangel bilden, als Besitztümer bezeichnet werden.
Und doch wird auch geschrieben: das +Leiden+, das +er besaß+, war eine
Blasenfistel -- beim Verhör stellte sich heraus, daß er eine tiefe
+Wunde+ am Jochbein sowie eine +Schußwunde+ oberhalb der Herzgegend
+besaß+. Ja sogar Schulden werden als Besitztum hingestellt: das Reich
und die Einzelstaaten +besitzen+ gegenwärtig etwas über zehn Milliarden
+Staatsschulden+. Nettes Besitztum!