Studentensprache wimmelt von Modewörtern; sowie ein neues aufkommt,
wird es ihr sofort „einverleibt“. Aber der Student spricht sie fast
alle mit Gänsefüßchen, er macht sich lustig über sie, während er sie
gebraucht. Die Sache hat nur nicht bloß eine lustige, sie hat auch
eine sehr ernste Seite. Jedes neu aufkommende Modewort verdrängt eine
Anzahl sinnverwandter Wörter mit ihren fein abgetönten Unterschieden,
und schließlich wird es gedankenlos auch für Wörter gebraucht, die
einen ganz andern Sinn haben. So ist mit jedem neuen Modewort eine
zunehmende Verarmung der Sprache und eine zunehmende Oberflächlichkeit
und Unklarheit des Denkens verbunden.
Wie alle Modedummheiten haben aber auch die Sprachmoden ihre Zeit.
Sie verschwinden alle wieder, die einen früher, die andern später.
Darum ist ein Kampf gegen sie eigentlich überflüssig.[165] Verteidigt
werden sie immer nur von solchen, die darauf hineingefallen sind, ohne
es zu merken; die ärgern sich dann über den, der es gemerkt hat, und
bestreiten die Berechtigung seiner Angriffe. Jeder gute Schriftsteller
aber wird sich vor ihnen hüten. Denn jeder gute Schriftsteller hat doch
den Wunsch, nicht gar zu schnell zu veralten. Dazu gehört aber, daß
das, was er schreibt, nicht bloß einen dauerhaften Inhalt, sondern auch
eine dauerhafte Form habe.
Der Gesichtspunkt und der Standpunkt
Ein Modewort, mit dem ein ganz törichter Mißbrauch getrieben wird, der
zu einer Unmasse von Bildervermengungen führt, ist +Gesichtspunkt+.
Das Wort bedeutet den Punkt, von dem aus man etwas ansieht, wie
+Standpunkt+ den Punkt, auf den man sich gestellt hat, um etwas
anzusehen. Beides ist so ziemlich dasselbe. Man sollte doch nun
meinen, das Bild, das in diesen Ausdrücken liegt, wäre so klar und
deutlich, daß es gar nicht vergessen werden könnte: +Standpunkt+ und
+Gesichtspunkt+ bedeuten durchaus etwas räumliches, einen Punkt im
Raume. Da ist es nun schon verkehrt, wie es manche sehr lieben, von
+großen+ oder +allgemeinen Gesichtspunkten+ zu reden. Man kann sich
weder unter einem großen noch unter einem allgemeinen Punkt etwas
denken. Offenbar wird hier der Gesichts+punkt+ mit dem Gesichts+kreise+
verwechselt. Wenn ich mich hoch aufstelle und die Dinge von oben
betrachte, so überblicke ich mehr, als wenn ich unten mitten unter den
Dingen stehe. Es ändert sich dann auch der Maßstab der Betrachtung:
was mir unten groß, im übertragnen Sinne wichtig, bedeutend erschien,
schrumpft zusammen, ja verschwindet vielleicht ganz, wenn ich es
von oben betrachte. Man kann also wohl von +hohen+ und +niedrigen+
Gesichtspunkten reden, aber nicht von +großen+ und +kleinen+. Der Geist
ist klein, der sich nicht zu höhern Gesichtspunkten aufschwingen kann,
auch der Gesichtskreis eines solchen Geistes ist klein, aber ein Punkt
ist und bleibt -- ein Punkt, er kann weder klein noch groß sein.
Was muß sich aber der Gesichtspunkt sonst noch alles gefallen lassen!
Er wird nicht nur +berührt+, +dargelegt+, +ausgeführt+, er wird auch
+beachtet+, +ins Auge gefaßt+, +betont+, +hervorgehoben+, +geltend
gemacht+, +aufgestellt+, +herausgestellt+, +in den Vordergrund
gestellt+, +zur Diskussion gestellt+, +verworfen+, er +wird eröffnet+,
+zugrunde gelegt+, +gewonnen+, er wird +in die Wagschale geworfen+,
und zwar so, daß er +ins Gewicht fällt+, er ist +maßgebend+, er
+berührt sich+ mit etwas, man tut etwas +unter+ ihm, es wird etwas von
ihm +abgeleitet+, es +entspringt+ ihm etwas usw. Der Leser schüttelt
den Kopf? Hier sind die Beispiele: zum Schluß möchte ich noch zwei
+Gesichtspunkte berühren+ -- er +legte die Gesichtspunkte dar+, die
den Ausschuß veranlaßt hätten, die Versammlung zu berufen -- es würde
mich zu weit führen, wenn ich den angedeuteten +Gesichtspunkt+ näher
+ausführen+ wollte -- die Prügelstrafe ist nicht nur brutal, sie ist
auch ehrenrührig, und diesen wichtigen +Gesichtspunkt+ muß man vor
allen Dingen +beachten+ -- diesen +Gesichtspunkt faßte+ Kurfürst
August jetzt +ins Auge+ -- als der Redner diesen +Gesichtspunkt+
scharf +betonte+ -- erfreulich ist es, daß der Herzog für das Gefühl
vaterländischer Ehre empfänglich ist und bei der Berücksichtigung
der Muttersprache diesen +Gesichtspunkt+ besonders +hervorhebt+ --
neue +Gesichtspunkte+ wurden in der Debatte nicht +geltend gemacht+
-- es sind hier +Gesichtspunkte aufgestellt+, die in der Tat +zur
Diskussion gestellt+ werden müssen -- er wußte immer sofort die höhern
+Gesichtspunkte herauszustellen+ -- man kann den Mittelstand sehr
verschieden abgrenzen, +je+ nach den +Gesichtspunkten+, die man +in
den Vordergrund stellt+ -- auch der +Gesichtspunkt+, daß (!) man mit
einer stattlichen Schrift dem Auslande imponieren müsse, ist nicht
+zu verwerfen+ -- diese Bestimmung +eröffnet+ für die Geschichte der
Innung einen neuen +Gesichtspunkt+ -- überhaupt möchten wir auf den
+Gesichtspunkt+ hinweisen, den alle Gerichte ihren Rechtsprechungen
auf diesem Gebiete +zugrunde zu legen+ haben -- ich hoffe, daß sich
aus meiner Darlegung gesunde (!) +Gesichtspunkte+ werden +gewinnen
lassen+ -- hier +fallen+ finanzielle (!) +Gesichtspunkte+ schwer
+ins Gewicht+ -- diese Frage bildet den +maßgebenden Gesichtspunkt+,
von dem aus wir dem Problem näher treten -- dieser +Gesichtspunkt+
der Theaterdirektion +berührt sich+ in mannigfacher Beziehung mit
dem Interesse des Publikums -- der Theologie wandte er nur +unter
dem Gesichtspunkte+, jederzeit brauchbare Kirchendiener zu haben,
seine Fürsorge zu -- die allgemeinen +Gesichtspunkte+, aus denen
sich der kritische Vorrang der Originaldrucke lutherischer Schriften
+ableiten läßt+, sind folgende -- eine innere Kolonisation, die den
oben gekennzeichneten +Gesichtspunkten entspringt+ usw. In allen
diesen Sätzen ist von dem Bilde, das in dem Worte +Gesichtspunkt+
liegt, keine Spur mehr zu finden. Es bedeutet etwas ganz andres, es
steht für +Umstand+, +Tatsache+, +Grund+, +Ansicht+, +Gedanke+, ja
bisweilen steht es für -- gar nichts, es wird als bloßes Klingklangwort
gebraucht. Oder bedeutet der Satz: neue +Gesichtspunkte+ wurden
nicht geltend gemacht -- irgend etwas andres als: neue +Gedanken+
wurden nicht vorgebracht? der Satz: zum Schluß möchte ich noch +zwei
Gesichtspunkte+ berühren -- irgend etwas andres als: zum Schluß möchte
ich noch +zweierlei+ berühren? Das völkerpsychologische +Moment+ (!)
ist für ihn der +maßgebende Gesichtspunkt+ -- kann man einen einfachen
und einfach auszudrückenden Gedanken in einen unsinnigern Wortschwall
einhüllen? Von solchen Sätzen wimmelt es aber jetzt in Büchern,
Broschüren und Aufsätzen; Tausende lesen darüber weg, haben das dumpfe
Gefühl, irgend etwas gelesen zu haben, aber denken können sie sich gar
nichts dabei.
Infolge des fortwährenden Mißbrauchs ist es geradezu dahin gekommen,
daß dieses gute Wort, das ein so klares und deutliches Bild enthält,
und das bisweilen gar nicht zu entbehren ist, einen lächerlichen
Beigeschmack angenommen hat, sodaß man es in der Unterhaltung kaum
noch anders als spöttisch gebrauchen kann. Eine weitere Folge ist, daß
nun gewisse Leute, um das Wort zu vermeiden, es durch +Gesichtswinkel+
ersetzt haben, das freilich gleich von vornherein mit Recht dem Spott
verfallen ist.
Derselbe Unfug wie mit dem +Gesichtspunkt+ hat aber neuerdings nun
auch mit dem +Standpunkt+ begonnen. Niemand hat mehr eine +Ansicht+
oder eine +Meinung+, alle Welt hat nur noch einen +Standpunkt+.
Eine Meinung kann man ändern, eine Ansicht berichtigen -- das
ist nichts. Aber ein Standpunkt -- alle Hochachtung! -- das ist
etwas. Ein Standpunkt ist unverrückbar, der kommt gleich nach der
Weltanschauung. Man +steht+ auf einem +Standpunkt+, +stellt sich+
auf einen +Standpunkt+, +vertritt+ einen +Standpunkt+ usw., und das
schönste dabei ist, daß man von dem Worte +Standpunkt+ (ganz so wie
früher von +Meinung+) einen Objektsatz abhängig macht, ja sogar einen
Infinitiv, als ob es soviel bedeutete wie +Regel+ oder +Grundsatz+,
und schreibt: ich stehe auf dem +Standpunkte, daß+ man dieses Verbot
wieder aufheben sollte -- ich stehe auf dem +Standpunkte, daß+ man
zwischen Leipzig und Berlin ohne umzusteigen fahren können müßte --
die Gesellschaft steht auf dem +Standpunkte, daß+ die Stadtgemeinde
berechtigt sei, unentgeltliche Abtretung der Straßenfläche zu
verlangen -- der +Standpunkt, daß+ ein Reisender, der auf derselben
Linie zurückfährt, durch eine Preisermäßigung belohnt werden müsse,
ist ein (!) völlig antiquierter -- wir haben stets den +Standpunkt+
vertreten, +daß+ zwischen Deutschland und England kein vernünftiger
Grund zur Feindschaft vorliege -- man findet heute oft den +Standpunkt+
vertreten, +daß+ das Kleinbürgerhaus eine überwundne Form bedeute
(sei!) -- wir stellen uns auf den gewiß empfehlenswerten +Standpunkt+,
in schwankenden Fällen das überflüssige Binde-s zu vermeiden. Man
sieht: auch der +Standpunkt+ ist nahe daran, zum Gassenhauer zu
werden; in Vereinssitzungen wie in öffentlichen Versammlungen ergreift
niemand das Wort, der nicht sofort erklärte, daß er auf irgendeinem
+Standpunkt+ stehe.
Das Können und das Fühlen
Eine richtige Modenarrheit ist es, gewisse Hauptwörter immer durch
einen substantivierten Infinitiv zu umschreiben -- wenns nicht manchmal
bloßes Ungeschick ist! Und bloßes Ungeschick ist wohl anzunehmen, wenn
jemand statt +Ende+ schreibt: +das Aufhören+, oder statt +Mangel+:
+das Fehlen+. Eine Modenarrheit aber liegt ohne Zweifel in der Art,
wie jetzt +das Wissen+, +das Können+, +das Wollen+, +das Fühlen+ und
+das Empfinden+ gebraucht wird -- Wörter wie +Kenntnis+, +Fähigkeit+,
+Fertigkeit+, +Geschick+, +Absicht+, +Gefühl+, +Empfindung+ scheinen
ganz vergessen zu sein. Den Anfang hatte wohl +das Streben+
gemacht,[166] dann kam +das Wissen+: er hat ein ganz +hervorragendes
Wissen+. Jetzt spricht man aber auch von dichterischem +Wollen+:
anfangs ein Dorfgeschichtenerzähler, wurde Rosegger allmählich ein
Poet von +großem Wollen+ -- auch diese Kompositionen zeigen die
künstlerische Zielbewußtheit (!) seines +Wollens+. Und in höchster
Blüte steht +das Können+ und +das Fühlen+: folgendes Gedicht mag das
+Können+ des Dichters veranschaulichen -- das Konzert lieferte einen
glänzenden Beweis für das +künstlerische (!) Können+ des Vereins --
Beethoven widmete ihr die ~Cis-moll~-Sonate, kein geringes Zeugnis
für das +musikalische Können+ der Angebeteten -- die Dame hat sich
unter dieser vortrefflichen Leitung bereits ein +achtunggebietendes
Können+ angeeignet -- die Schüler sollen mit einem +solchen Können+
des Deutschen aus der Schule gehen -- Herr W. hat damit eine neue
Probe seines bedeutenden +gärtnerischen (!) Könnens+ gegeben (es
handelt sich um ein Teppichbeet) -- die Gedichte zeigen ein gesundes,
+ursprüngliches Fühlen+ -- in allen Briefen gibt er nur dem +einen
Fühlen+ Ausdruck -- Tilgner hat den Geist (!) des +österreichischen
Empfindens+ am besten zum Ausdruck gebracht -- zu der Verehrung für
das große +Wollen+ und +Können+ des Meisters gesellt sich das Mitleid
mit dem leidenden Menschen -- die Pyramiden der Ägypter erzählen uns
von dem +Fühlen+ und +Wollen+ ihrer Erbauer und deren Zeitepoche
(!). Das Neueste aber ist das +Erinnern+, das +Erleben+ und das
+Verstehen+: er bewahrte ihm ein +dankbares Erinnern+ -- für uns
moderne Menschen pflegt Italien das +größte Erleben+ unsers Daseins zu
sein -- ein Mann, in dessen +Erleben+ sich ein ganzes Stück deutscher
Geschichte spiegelt -- Böcklin konnte von dem +künstlerischen Erleben+
abstrahieren, bei Klinger erschließt erst die Persönlichkeit das
Geheimnis (!) seiner Werke -- das Buch ist von +tiefem Verstehen+ für
den geheimnisvollen (!) künstlerischen Trieb des Meisters durchtränkt
-- sie erfreute ihn durch +warmes+ geistiges +Verstehen+ -- nimm dieses
Buch in dein +treues und zartes Verstehen+ auf! Es kann einem ganz
schlimm und übel dabei werden.
Bedingen
Wie unter den Hauptwörtern das Wort +Gesichtspunkt+, so ist unter
den Zeitwörtern das am unsinnigsten mißbrauchte Modewort jetzt
+bedingen+.[167] Der erste Band von Grimms Wörterbuch (1854) erklärt
+bedingen+ durch +aushalten+, +bestimmen+, +ausnehmen+. Im Sandersschen
Wörterbuche (1860) sind folgende Bedeutungen aufgezählt und belegt:
+verpflichten+, +festsetzen+, +ausmachen+, +beschränken+, von etwas
+abhängig machen+, außerdem eine Anwendung, die bei Grimm noch fehlt:
eine Sache +bedingt+ die andre, oder passiv: eine Sache +ist+ oder
+wird+ durch die andre +bedingt+; das Aktivum erklärt Sanders hier
durch +notwendig machen+, +erheischen+, +erfordern+, das Passivum durch
+abhängig sein+ von etwas.
Nun vergleiche man damit den heutigen Sprachgebrauch (der Sinn,
in dem das Wort gebraucht ist, soll stets in Klammern hinzugefügt
werden). Da schreiben die einen: eine Laufbahn, die akademische
Vorbildung +bedingt+ (voraussetzt, verlangt, erfordert, erheischt,
notwendig macht) -- der große Aufwand, den die Aufführung dieser Oper
+bedingt+ (ebenso) -- die angegebnen Preise +bedingen+ die Abnahme
des ganzen Werkes (machen zur Pflicht) -- die Ausgaben für Saalmiete,
Beleuchtung und Annoncen +bedingen+ einen Berg von Kosten (verursachen)
-- unsre ganzen Zeitverhältnisse +bedingen+ den zurückgegangnen
Theaterbesuch (sind die Ursache, bringen mit sich, sind schuld an)
-- die Lage der Bergarbeiter zu studieren, ist es nötig, auch die
Verhältnisse zu berühren, die diese Lage +bedingen+ (schaffen,
hervorbringen, hervorrufen, erzeugen) -- der Sand- und Lehmboden
+bedingt+ eine besondre Flora (ebenso) -- dieses Korsett +bedingt+
eleganten Sitz (!) des Kleides (schafft, bewirkt) -- der humanistische
Charakter des akademischen Studiums +bedingt+ das ganze Wesen unsrer
Universitäten (ist von Einfluß auf) -- bei Lessing +bedingte+ stets
die kritische Einsicht das dichterische Schaffen (ebenso) -- Tatsache
ist, daß gewisse Affekte den Eintritt des Stotteranfalls +bedingen+
(herbeiführen) -- die Stellung der Türen in den Wänden +bedingt+
wesentlich die Nutzbarkeit der Räume (von ihr hängt ab) -- nur
körperliches Leiden (Laokoongruppe!) +bedingt+ eine so gewaltsame
Anspannung aller Muskeln (macht erklärlich, macht begreiflich) --
dieser Zweck +bedingt+ sowohl die Mängel als die Vorzüge des Werkes
(aus ihm erklären sich) usw.
Nun der passive Gebrauch. Da wird geschrieben: die hohen Ränder
des Sees und der dadurch +bedingte+ Reichtum malerischer Wirkungen
(geschaffne) -- diese durch die Lage Englands +bedingte+ Gunst
des Glückes (ebenso) -- durch die Verkehrserleichterungen ist ein
Rückgang des Kommissionsgeschäfts +bedingt+ worden (bewirkt worden,
herbeigeführt worden) -- die durch die Großstadt +bedingte+ Vermehrung
der Arbeitsgelegenheit (bewirkte, verursachte) -- rascher Fortschritt
wird durch zahlreiche Mitarbeiter +bedingt+ (entsteht) -- der Ausfall
der Wahlen ist durch unzählige nicht in der Macht der Regierung
liegende Verhältnisse +bedingt+ (hängt ab von) -- die Zulassung zur
Fakultät war durch den Nachweis des philosophischen Magistergrades
+bedingt+ (hing ab von) -- der Erfolg des Mittels war durch die
Zuverlässigkeit der Leute +bedingt+ (ebenso) -- die Überholung Leipzigs
durch Berlin ist durch die Macht der äußern Verhältnisse +bedingt+
(ist die Folge) -- diese Aussichtslosigkeit war durch die seit drei
Jahren gemachte Erfahrung +bedingt+ (war entstanden, war die Folge) --
Glück wird durch Leistungsfähigkeit +bedingt+ (entsteht) -- die Gefahr
für den innern Frieden ist durch den Gegensatz zwischen Besitz und
Besitzlosigkeit +bedingt+ (liegt in, beruht auf, entsteht aus) -- die
durch den Reichtum +bedingten+ Lebensgenüsse (ermöglichten) usw.
Überblicken wir die angeführten Beispiele, so ergibt sich folgendes.
Die einen gebrauchen +bedingen+ in dem Sinne von: +zur Voraussetzung
haben+. +A bedingt B+ -- das heißt: +A hat B zur Voraussetzung+, A
hängt von B ab, A ist undenkbar, wenn nicht B ist, A +verlangt+ also,
+erheischt+, +erfordert+ B. Das ist die vernünftige und berechtigte
Anwendung des Wortes: aus ihr erklärt sich das Wort +Bedingung+. Die
Aufführung der Oper +bedingt+ großen Aufwand -- das versteht jedermann;
es heißt: die Oper ist ohne großen Aufwand nicht aufführbar, der
Aufwand ist die Voraussetzung, die Bedingung einer guten Aufführung.
Nun gebrauchen aber andre das Wort in dem Sinne von +bewirken+ und
den zahlreichen sinnverwandten Wörtern (+schaffen+, +erzeugen+,
+hervorbringen+, +hervorrufen+, +verursachen+, +zur Folge haben+).
A +bedingt+ B -- das heißt dann: A +ist die Ursache+ von B. B
+wird+ durch A +bedingt+ heißt: B +ist die Folge+ von A. Wie dieser
Bedeutungswandel möglich sein soll, ist unverständlich, es ist
schlechterdings nicht einzusehen, wie der Begriff der Voraussetzung zu
dem der Hervorbringung soll werden können.
Es wird aber noch ein weiterer Schritt getan, namentlich in der
passivischen Anwendung des Wortes. B +wird+ durch A +bedingt+ -- das
heißt nicht bloß: B +wird+ durch A +bewirkt+, sondern B wird +nur+ (!)
durch A +bewirkt+, es kann durch nichts andres entstehen als durch A,
also mit andern Worten: B +hat+ A +zur Voraussetzung+. Und da wären
wir denn glücklich bei der vollständigen Verrücktheit angelangt.
Denn wenn es ganz gleichgiltig ist, ob jemand sagt: A hat B zur
Voraussetzung, oder B hat A zur Voraussetzung, B ist die Voraussetzung
von A, oder A ist die Voraussetzung von B, wenn das beides (!) mit
dem Satze ausgedrückt werden kann: A bedingt B (oder passiv: B wird
durch A bedingt), mit andern Worten: wenn es ganz gleichgiltig ist,
ob jemand sagt +bedingen+ oder +bedingt werden+, so ist das doch die
vollständige Verrücktheit. Auf diesem Punkte stehen wir aber jetzt.
Geschrieben wird: Glück +wird+ durch Leistungsfähigkeit +bedingt+ --
die Zulassung zur Fakultät +wurde+ durch den Magistergrad +bedingt+,
also aktiv ausgedrückt: Leistungsfähigkeit +bedingt+ Glück -- der
Magistergrad +bedingte+ die Zulassung zur Fakultät. Gemeint ist aber:
Glück +bedingt+ (d. h. ist nicht denkbar ohne) Leistungsfähigkeit --
die Zulassung zur Fakultät +bedingte+ (d. h. war nicht zu erlangen
ohne) den Magistergrad.
Man übertreibt nicht, wenn man den gegenwärtigen Gebrauch von
+bedingen+ etwa so bezeichnet: wenn der Deutsche eine dunkle Ahnung
davon hat, daß zwei Dinge in irgendeinem ursächlichen Zusammenhange
stehen, aber weder Neigung noch Fähigkeit, sich und andern diesen
Zusammenhang klarzumachen, so sagt er: das eine Ding +bedingt+
das andre. In welcher Reihenfolge er dabei die Dinge nennt, ober
sagt: Kraft +bedingt+ Wärme oder: Wärme +bedingt+ Kraft, ist ganz
gleichgiltig; der Leser wird sich schon irgend etwas dabei denken.
Soll man sich denn aber nicht darüber freuen, daß dieses Wort eine
so bewundernswürdige Verwandlungsfähigkeit erlangt hat? Wenn es
vor fünfzig Jahren, wie die Wörterbücher zeigen, nur einen kleinen
Bruchteil der zahlreichen Bedeutungen hatte, die es heute hat, so ist
das doch ein Beweis für die wunderbare Triebkraft, die noch in unsrer
Sprache lebt. Aus einem einzigen Wort entfaltet sie noch jetzt einen
solchen Reichtum! -- Die Sache ist doch wohl anders anzusehen. Wenn
zwanzig sinn- und lebensvolle Wörter und Wendungen, die zur Verfügung
stehen, und die die feinste Schattierung des Gedankens ermöglichen,
verschmäht werden einem hohlen, ausgeblasnen Wortbalg wie diesem
+bedingen+ zuliebe, so ist das weder Reichtum noch Triebkraft, sondern
nur eine alberne Mode und zugleich ein trauriges Zeichen von der
zunehmenden Verschwommenheit unsers Denkens.
Richtigstellen und klarlegen
Höchst merkwürdig ist es, daß man gleichzeitig mit +bedingen+,
diesem abstraktesten aller Zeitwörter, jetzt Ausdrücke mit möglichst
sinnlicher, handgreiflicher Bedeutung liebt. Die Fähigkeit, sich etwas
vorzustellen (die Phantasie), ist zurückgegangen; alles will man
sehen, alles betasten, alles mit Händen greifen. Nur so erklärt sich
die außerordentliche Vorliebe für die Zusammensetzungen mit +stellen+
und +legen+, die jetzt statt früherer Abstrakta Mode geworden sind.
Stellen und legen -- dazu braucht man keine geistige Anstrengung, das
macht man mit den Händen. So wird denn jetzt niemand mehr +befriedigt+,
sondern +zufriedengestellt+, nichts mehr +vollendet+, +berichtigt+,
+gesichert+, +geklärt+, sondern alles wird +fertiggestellt+,
+richtiggestellt+, +sichergestellt+, +klargestellt+, +klargelegt+,
+festgelegt+ usw. Der Nervenarzt spricht sogar von +Ruhigstellung+ des
Gehirns, statt von +Beruhigung+. Oder soll das Gehirn in dem Sinne
+ruhig gestellt+ werden, wie die Suppe +warm+ und der Wein +kalt
gestellt+ wird?
Auf den ersten Blick scheint es ja, als ob sich die Wörter durch eine
gewisse Anschaulichkeit empföhlen. Bei +richtigstellen+ soll man wohl
nicht an die Zeiger der Uhr denken, sondern eher an ein Bild, das
falsch beleuchtet gewesen ist und nun in die richtige Beleuchtung
gestellt wird, oder an Gerätschaften im Zimmer, die durcheinander
geraten sind und wieder auf ihren Platz gestellt werden; ähnlich,
kann man sagen, werden Tatsachen, die verschoben sind, zurechtgerückt
oder ins rechte Licht gestellt. Das läßt sich hören. Aber was soll
+fertigstellen+ sein? Das Wort kann doch vernünftigerweise nichts
andres bedeuten, als eine Sache so lange hin und her rücken, so
lange an ihr gleichsam herumstellen, bis sie -- steht. Das will man
aber doch gar nicht sagen, das Wort wird einfach für +fertigmachen+,
+beendigen+ oder +vollenden+ gebraucht; von einem Romanmanuskript,
einem Gemälde oder einem Antikenmuseum so gut wie von einem Denkmal
oder einem Straßenpflaster heißt es: es ist +fertiggestellt+.[168]
Ganz törichte Wörter sind +klarlegen+ und +klarstellen+. Klar kann in
sinnlicher Bedeutung nur von der Luft und von Flüssigkeiten gebraucht
werden.[169] Wie soll man die auf eine feste Unterlage +legen+ oder
+stellen+? Beide Wörter sind gedankenlos gebildet nach +freistellen+
und +bloßstellen+, +freilegen+, +bloßlegen+ und +lahmlegen+. Gerade
diese aber können den Unterschied zeigen: wie richtig sind +sie+
gebildet! Wie anschaulich wird gesagt: den Dom +freilegen+ (nämlich
durch Wegreißen der Nachbarhäuser), oder: einen Schaden +bloßlegen+ --
unwillkürlich denkt man an den Arzt, der Haut und Muskeln auf die Seite
legt, bis der verletzte Knochen +bloßliegt+, oder: einen in seiner
Tätigkeit +lahmlegen+ -- denn wer gelähmt ist, der ist ja zum +Liegen+
verurteilt! Besser ist +festlegen+ gebildet; man redet z. B. davon,
daß die Ostertage +festgelegt+ werden sollen. Bisher hatten wir nur
+feststellen+ und +festsetzen+, aber beides drückt doch das nicht recht
aus, was man sagen will: etwas bewegliches gleichsam aufschrauben, daß
es sich nicht mehr rühren kann, etwa wie die Pfote eines Hündchens
bei der Vivisektion. Gräßliches Bild! Aber man geht vielleicht
nicht fehl damit, wenn man nach der Herkunft von +festlegen+ sucht.
Das Neueste ist -- +leerstellen+ und +offenstellen+. Ein Leipziger
Baubeamter schreibt: den Bewohnern ist schon gekündigt; sowie die
Gebäude +leergestellt+ sein werden, sollen sie +zum Abbruch gebracht+
(!) werden. Und ein Zeitungschreiber berichtet: Fabrikbesitzer haben
Gärten für ihre Arbeiter geschaffen, aber auch für die übrigen Bewohner
+offen gestellt+. Natürlich, die guten Wörter +räumen+ und +öffnen+
sind den Leuten nicht eingefallen; aber sie haben einmal davon gehört,
daß ein Haus +leer steht+ und ein Garten +offen steht+, da muß man sie
doch auch +leer stellen+ und +offen stellen+ können. Und so wird die
Stellerei wohl fröhlich weitergehen.
Fort oder weg?
Nichts weiter als eine Modeziererei ist es auch, daß man das Adverbium
+weg+ zu verdrängen und überall +fort+ an seine Stelle zu setzen sucht.
Die Mode stammt aus dem Niederdeutschen, hat sich zunächst in das
Berliner Deutsch eingedrängt und dann von da aus weitergefressen.