welche Verwirrung durch überflüssige und halbverstandne Neubildungen
angerichtet werden kann. +Erübrigen+ war bisher ein transitives
Zeitwort und bedeutete so viel wie +sparen+, +zurücklegen+: ich habe
mir schon ein hübsches Sümmchen +erübrigt+. Das hat man neuerdings
angefangen intransitiv zu gebrauchen in dem Sinne von +übrig
bleiben+: es +erübrigt+ noch, allen denen meinen Dank auszusprechen
-- es +erübrigt+ nur noch, besonders darauf hinzuweisen usw. Andre
aber, die das Wort wohl hatten klingen hören, aber nicht auf den
Zusammenhang geachtet hatten, fingen gleichzeitig an, es in dem Sinne
von +überflüssig sein+ zu gebrauchen: auf die ganze Tagesordnung
+erübrigt+ es heute einzugehen -- hier +erübrigt+ jedes weitere Wort
-- es +erübrigt+ für mich jede weitere Bemerkung -- ein ausdrücklicher
Verzicht +erübrigt+ von selbst. Noch andre endlich machten das Wort in
der zweiten Anwendung zum Reflexiv und schrieben: die Ratschläge, deren
Wiedergabe +sich erübrigt+ -- alle weitern Schritte +erübrigen sich+
hierdurch -- es +erübrigt sich+ wohl, noch besonders darauf hinzuweisen
-- es +erübrigt sich+, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. In
solchen Quatsch gerät man, wenn man vor lauter Modenarrheit zwei
guten, deutlichen Ausdrücken wie +übrig bleiben+ und +überflüssig sein+
aus dem Wege geht.
+Erzielen.+ Ausschließlicher Ersatz für +erreichen+. +Erreicht+ wird
nichts mehr; Nutzen, Gewinn, Vorteil, Ergebnisse, Erfolge, alles wird
+erzielt+.
+Führen.+ Statt +hervorragen+, +Bahn brechen+, +den Ton angeben+. Man
spricht nur noch von +führenden+ Geistern, Denkern, Persönlichkeiten,
Kunstschriftstellern, Chirurgen, von der +führenden+ Presse, von
Leuten, die eine +führende+ Stelle oder Stellung einnehmen, eine
+führende+ Rolle spielen, und Henckell Trocken ist die +führende+
Marke! Bei +hervorragen+ sah man gleichsam eine stillstehende
Reihe oder Gruppe vor sich; bei +führen+ sieht man die ganze Bande
marschieren, und zwar im Gänsemarsch.
+Im Gefolge haben.+ Modephrase für: +zur Folge haben+. Bisher hatte nur
ein Fürst ein Gefolge; jetzt heißt es: die Not +hat+ Unzufriedenheit
+im Gefolge+ -- Reformen, die die Schmälerung des Profits +im Gefolge
haben+ könnten -- anarchistische Bestrebungen, die reaktionäre
Maßregeln +im Gefolge haben+ -- der Fall +hatte+ eine fünfjährige
Freiheitsstrafe +im Gefolge+ -- es ist nicht zu verkennen, daß die
Preßfreiheit auch schwere Schäden +im Gefolge hatte+. Man überlege sich
nur, was für Unsinn man da hinschreibt!
+Gestatten.+ Feiner Ersatz für +erlauben+, das ganz ins alte Eisen
geworfen ist. Hat aber seine Laufbahn ziemlich rasch zurückgelegt.
Auch der Handlanger sagt schon, ehe er einem auf die Füße tritt:
+Gestatten!+ so gut wie er schon die Zigarette nachlässig zwischen den
Lippen hängen hat. Wo bleibt nun die Feinheit?
+Landen für ankommen.+ Anfangs als Scherz, jetzt aber in vollem Ernst
geschrieben: als Schiffbrüchiger +landete+ er in Rom -- 1842 war Wagner
nach langer Wanderung in Dresden +gelandet+ (wahrscheinlich kam er mit
dem Schandauer Dampfschiff).
+Rechnung tragen.+ Beliebte Phrase des Kanzleistils und bequemer Ersatz
für alle möglichen Zeitwörter und Redensarten: wir sind bemüht,
diesen Beschwerden +Rechnung zu tragen+ (+abzuhelfen+!) -- Ihrem
Wunsche, den Gebrauch der Fremdwörter einzuschränken, werden wir gern
+Rechnung tragen+ (+erfüllen+!) -- es finden sich Bearbeitungen von den
einfachsten bis zu den schwierigsten, sodaß allen Vereinen +Rechnung
getragen+ ist (+Rücksicht genommen+!) -- es war zu erwarten, daß das
Volk durch eine Landestrauer seinen Gefühlen +Rechnung tragen+ würde
(+Ausdruck geben+!) -- dieser Auffassung haben wir auch +Rechnung
getragen+ (+bestätigt+!) -- wie wenig die Verwaltung diesem Grundsatz
+Rechnung getragen+ hat (+gefolgt ist+!).
+Schreiten+, +beschreiten+, +verschreiten+. Für +gehen+ oder +sich
wenden+. Man +schreitet+, oder noch lieber: man +verschreitet+ zur
Wahl, zur Abstimmung, zur Veröffentlichung, zur Operation, ja sogar
zum Aufgießen des Tees. Fürsten +gehen+ nie, sie +schreiten+ immer:
der Kaiser +schritt+ zunächst durch die Sammlung der Musikinstrumente.
Aber auch: die Maori +schreiten+ unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen
-- immer mit gehobnen und gestreckten Beinen, wie die Rekruten auf dem
Drillplatze.
+Tragen.+ Feierlicher Ersatz für +bringen+: wir +tragen+ dem Kaiser
Liebe und Vertrauen +entgegen+. Nur schade, daß man einem nur etwas
in den Händen oder auf einem Präsentierteller +entgegentragen+ kann,
in seinem Innern aber doch nur +entgegenbringen+. Ganz besonders
aber ist +getragen sein+ jetzt beliebtes Spreizwort für +erfüllt
sein+: von künstlerischer Überzeugung +getragen+ -- von patriotischer
Wärme +getragen+ -- von religiöser Gläubigkeit +getragen+ -- von
wissenschaftlichem Ernst +getragen+ -- von düsterm Pessimismus
+getragen+ -- eine von hoher Begeisterung +getragene+ Rede -- eine
fesselnde, von staunenswerter Belesenheit +getragene+ Darstellung
-- eine von froher Geselligkeit +getragene+ Veranstaltung -- die
geräuschlose, von warmer Fürsorge für die Jugend +getragene+ Arbeit
-- der Kommers nahm einen von echt studentischem Geiste +getragenen+
Verlauf -- der Empfang des Kaisers war von herzlicher Begeisterung
+getragen+ usw. Man muß immer an einen Luftballon denken.
+Treten.+ Ebenso beliebt wie +schreiten+. Einer Frage wird näher
+getreten+, das Ministerium ist zu einer Beratung zusammen+getreten+,
und besonders gern wird in etwas +eingetreten+: Arbeiter +treten+
in einen Streik, sogar in einen Ausstand +ein+, eine Versammlung
+tritt+ in eine Verhandlung +ein+, der Reichskanzler ist in ernstliche
Erwägungen +eingetreten+, und der Gelehrte schreibt: ich will auf
dieses Gebiet hier nicht näher +eintreten+ -- ich mag hier nicht in
den Streit über die Bedeutung Hamerlings +eintreten+. Das schönste
aber ist: +in die Erscheinung treten+ (statt +erscheinen+ oder +zur
Erscheinung kommen+): es ist bei dieser Gelegenheit scharf (!) +in
die Erscheinung getreten+ (es hat sich deutlich gezeigt) -- dabei
+tritt+ das Gesetz +in die Erscheinung+ (dabei kann man beobachten)
-- es zeigten sich Krankheitssymptome, die immer intensiver +in die
Erscheinung traten+ -- der Zustand der Herzschwäche +trat+ vermindert
+in die Erscheinung+ -- es handelt sich um eine Krankheit des modernen
Lebens, die hier in besonders krasser Weise +in die Erscheinung tritt+
-- Unregelmäßigkeiten +treten+ um so mehr +in die Erscheinung+, je
kleiner das Beobachtungsfeld ist -- hier +tritt+ nie eine so starke
territoriale Zersplitterung +in die Erscheinung+ -- das Gesamtleben des
Reichs +tritt+ in der Hauptstadt konzentriert +in die Erscheinung+ --
das Nachtleben +tritt+ in Berlin weit auffälliger +in die Erscheinung+
-- ja sogar der neue Spielplan wird zu Neujahr +in die Erscheinung
treten+. Wie vornehm glauben sich die Leute mit diesem ewigen Getrete
auszudrücken, und -- wie albern ist es!
+Vertrauen.+ Mit nachfolgendem Objektsatz (!), statt +hoffen+,
+glauben+, +überzeugt sein+: das Ministerium +vertraut, daß+ der
eingerissene Mißbrauch bald wieder abgestellt sein werde -- die Leser
können +vertrauen, daß+ wir bei der Feststellung des Textes die größte
Vorsicht haben walten lassen.
+Vorbestrafen.+ Lieblingswort aller Polizeireporter und aller
Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen: ein schon zehnmal
+vorbestrafter+ Kellner -- ein schon fünfzehnmal +vorbestrafter+
Riemergeselle -- ein schon vielfach, sogar mit Zuchthaus,
+vorbestraftes+ Subjekt. Als ob nicht +bestraft+ genügte! Müssen denn
nicht, wenn einer „schon oft“ bestraft worden ist, diese Strafen
+vor+ der liegen, die ihn jetzt erwartet! Der Unsinn ist aber nicht
auszurotten. Vielleicht schreibt man nächstens auch noch: eine bisher
noch +unvorbestrafte+ Verkäuferin.
+Vorsehen+, nicht als reflexives, sondern als transitives Zeitwort:
+etwas vorsehen.+ Binnen wenigen Jahren mit ungeheurer Schnelligkeit
in der Kanzlei- und Zeitungssprache verbreitet, für denkfaule Leute
wieder ein willkommner Ersatz für alle möglichen Zeitwörter. Auf dem
Gymnasium wird man im lateinischen Unterricht ermahnt, ~providere~
ja nicht mit +vorsehen+ zu übersetzen, es sei das ein gemeiner
Latinismus; gut übersetzt heiße es: für etwas +sorgen+, +Fürsorge+ oder
+Vorsorge treffen+, etwas +vorbereiten+. Dieser „gemeine Latinismus“
ist der neueste Stolz der Kanzlei- und Zeitungssprache: Sache der
Übungsbücher ist es, eine geordnete Folge von Übungen +vorzusehen+ --
zur Erhöhung der Beamtengehalte sind für das Jahr 1904 keine Mittel
+vorgesehen+ -- die Erstaufführung (!) ist für die Saison 1903 am
Leipziger Stadttheater +vorgesehen+ -- als Verbindung zwischen beiden
Straßen ist eine Allee +vorgesehen+ -- für die Rasenrabatten ist die
übliche niedrige Einfassung +vorgesehen+ -- für den Speisesaal ist
Rokoko +vorgesehen+ -- die Selbstregierung, die das Friedensinstrument
+vorsieht+ -- die zu einer Ferienreise +vorgesehenen+ Ersparnisse der
Schulkinder -- das Richtfest der hiesigen Kirche ist auf Sonnabend
den 5. November +vorgesehen+ -- für den Besuch Sr. Majestät in der
Handelsschule ist folgendes Programm +vorgesehen+ -- für den Abend
ist ein Fackelzug +vorgesehen+ usw. Also +sorgen+, +beabsichtigen+,
+planen+, +bestimmen+, +festsetzen+ -- alles wird mit diesem aus reiner
Dummheit dem Lateinischen nachgeäfften +vorsehen+ ausgedrückt!
+In die Wege leiten.+ Herrliche neue Modephrase der Amts- und
Zeitungssprache für -- ja, wofür? Eigentlich für gar nichts. Anstatt
einfach zu sagen: es wurde eine starke Seemacht +geschaffen+ -- er
hat mancherlei Technisches +unternommen+ -- die Veranstaltung wird
schon jetzt +vorbereitet+ -- es wäre zu wünschen, daß ein solches
Amt +eingerichtet+ würde -- heißt es: die Schaffung einer starken
Seemacht wurde +in die Wege geleitet+ -- er hat mancherlei technische
Unternehmungen +in die Wege geleitet+ -- die Vorbereitungen zu der
Anstalt werden bereits +in die Wege geleitet+ -- es wäre zu wünschen,
daß die Organisation eines solchen Amtes +in die Wege geleitet+ würde.
Und ein Unterbeamter schreibt an den andern: ich bitte, das Weitere
baldgefälligst (!) +in die Wege leiten+ zu wollen.
+Werten+ und +bewerten+. Neben +einschätzen+ (vgl. S. 377) seit
kurzem äußerst beliebte Spreizwörter für +schätzen+, +beurteilen+,
+für etwas ansehen+ oder +halten+. Bisher kannte man nur +verwerten+
und +entwerten+. Jetzt wird aber alles +gewertet+ oder +bewertet+:
in Schlesien weiß man die Kraft, die aus der Muttererde strömt, wohl
zu +werten+ -- diese Luxusausgaben werden im Handel bereits hoch
+bewertet+ -- seine Schriften verraten eine selten (!) hohe +Wertung+
der Ehe -- es drängt sich die Frage auf, wie ein sächsischer Offizier
einem preußischen gegenüber zu +bewerten+ sei -- wir können diese
Urteile nicht als Urteile eines ernsthaften Journalisten +bewerten+
-- diese Abweichung von der Regel dürfte als nicht ganz sachgemäß
+bewertet+ werden -- man muß die Ausdrucksweise einer Zeit kennen,
wenn man ihre Freundschaften und Liebschaften +bewerten+ will -- die
Monarchenzusammenkunft wird in der N. A. Z. mit folgenden Worten
+gewertet+ -- beide, er wie sie, wollen selbständig +gewertet+
werden -- bei der wissenschaftlichen +Wertung+ des Problems tut vor
allem Nüchternheit not -- man muß die juristische +Bewertung+ des
Falles abwarten -- ja sogar: die +Bewertung+ und +Beurteilung+ (!)
dieser Bilder wird neu festzustellen und zu modifizieren sein -- was
eine Südländerin von Temperament als Lebensforderung +einschätzt+
und +wertet+ (!) -- und das Neueste und Schönste von allem:
baugeschichtliche Feststellungen geben uns die Möglichkeit, die
Entstehungsbedingungen dieser Baukunst sicher +einzuwerten+ (also aus
+werten+ und +einschätzen+ ein drittes Wort zusammengeknetet!). Woher
stammen die herrlichen Wörter? Aus der Börsensprache, die von der
+Bewertung+ des umlaufenden Edelmetalls spricht? Oder von Nietzsche?
+Zeitigen.+ Für +hervorbringen+, +schaffen+: es ist eine armselige
Literatur, wie sie noch keine Periode der Musikgeschichte +gezeitigt+
hat.
+Zubilligen.+ Für +bewilligen+ oder +zugestehen+: den Arbeitern
wurde eine Unterredung +zugebilligt+ -- jeder höhern Lehranstalt
sind für Bibliothekzwecke jährlich tausend Mark +zugebilligt+ -- die
Hinterbliebenen haben mir das Recht der Veröffentlichung +zugebilligt+.
+Zukommen+, auf etwas. Beliebtes neues Ersatzwort des sächsischen
Kanzleistils für alles mögliche, für: an etwas +denken+, etwas +ins
Auge fassen+, etwas +beschließen+, +sich+ zu etwas +entschließen+,
+sich+ auf etwas +einlassen+: wenn man auf die Ausführung dieses
Gedankens +zukommen+ wollte, so wäre jetzt der geeignete Augenblick
-- es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auf einen Aufbau der
Türme +zuzukommen+ sei -- wann wird man an den höhern Schulen auf eine
Verminderung der Unterrichtszeiten +zukommen+.
+Bislang.+ Für +bisher+. Provinzialismus aus Hannover, nach 1866 stark
verbreitet, heute ziemlich vergessen.
+Da und dort.+ Modeverbindung für +hie und da+: unter den
technischen Schwierigkeiten klingt doch +da und dort+ ein tieferer
musikalischer Sinn heraus.
+Erstmals.+ Neues Spreizwort für +zuerst+ oder +zum erstenmal+: eine
Fülle von Material ist in diesem Buche +erstmals+ erschlossen. (Vgl.
+erstmalig+ S. 407)
+Hoch.+ Einzig gebräuchliches Adverb zur Begriffssteigerung folgender
Adjektiva: +fein+, +elegant+, +modern+, +herrschaftlich+, +gebildet+,
+gelehrt+, +verdient+, +bedeutend+, +bedeutsam+, +wichtig+, +ernst+,
+feierlich+, +tragisch+, +komisch+, +romantisch+, +poetisch+,
+interessant+, +erfreulich+, +befriedigend+, +willkommen+, +achtbar+,
+adlich+, +konservativ+, +kirchlich+, +offiziell+. Das wird genügen.
+Indes+ oder +indessen+. Sehr beliebtes Spreizwort für +aber+, +doch+,
+jedoch+: heute wurden hier starke Erdstöße verspürt, die +indessen+
keinen Schaden anrichteten -- es kam zu Zwistigkeiten, die +indes+
einen günstigen Verlauf nahmen -- er hatte das Stück schon vor
Jahren verfaßt, +indessen+ unterblieb damals die Aufführung -- der
Graf wanderte in den Tower; lange dauerte +indes+ seine Haft nicht
-- bei näherer Prüfung +indessen+ stellt sich R. als interessante
Persönlichkeit dar.
+Nahezu.+ Modewort für +fast+ oder +beinahe+.
+Naturgemäß.+ Aus Berlin (+naturjemäß+). Hat sich mit
lächerlicher Schnelligkeit an die Stelle von +natürlich+ (d. h.
+selbstverständlich+) gedrängt, sodaß man sich, wo es einmal in seiner
wirklichen Bedeutung erscheint (die soziale Bewegung ist +naturgemäß+
erwachsen), erst förmlich besinnen muß, daß es ja diese Bedeutung auch
noch haben kann. Sonst heißt es nur noch: wir beginnen +naturgemäß+ mit
den preisgekrönten Entwürfen -- +naturgemäß+ ist die Studentenzeit zum
Lernen bestimmt -- die Wiedergabe durch Lichtdruck läßt +naturgemäß+
manches unklar -- die Sorge beginnt +naturgemäß+ gleich bei der
Aufnahme der Lehrlinge -- +naturgemäß+ konnte die Stadtbahn nicht durch
den glänzendsten Teil der Hauptstadt gelegt werden -- +naturgemäß+
ist der Grund der Unsicherheit nicht in allen Fällen der gleiche --
die Unbilligkeit verstärkt sich +naturgemäß+ mit jedem Jahre usw. Man
redet aber auch schon von einer +vernunftgemäßen+ (!) Auswahl der
Schreibfeder, statt von einer +vernünftigen+ -- und da nun einmal
+gemäß+ Mode ist, so führt auch der Kaufmann +wunschgemäß+ seine
Bestellungen aus, und der Unterbeamte erledigt alles mit großem Eifer
+auftraggemäß+.
+Rund.+ Dem Englischen nachgeäfft. Wird jetzt vor alle Zahlen gesetzt,
die, wie der Zusammenhang zeigt, selbstverständlich nur runde Zahlen
sein können und sollen: der Kandidat der Ordnungsparteien erhielt
+rund+ 3200 Stimmen gegen +rund+ 360 Stimmen der Sozialdemokraten --
der Ertrag der Sammlung bezifferte sich (!) auf +rund+ 5000 Mark. Ohne
+rund+ bekommt man eine Zahl mit Nullen am Ende kaum mehr zu lesen.
+Reichlich.+ Seit kurzem äußerst beliebt für +sehr+, aber immer nur
da, wo es nicht hinpaßt, nämlich in tadelnden Bemerkungen: du kommst
+reichlich spät+, der Kerl ist +reichlich dumm+. Es fehlt nur noch, daß
gesagt würde: er hat +reichlich wenig+ gegeben.
+Selten.+ Beliebtes Adverb zur Steigerung von Eigenschaftswörtern (in
dem Sinne von +ungewöhnlich+, +außerordentlich+, +in seltnem Grade+),
z. B.: ein Mädchen von +selten gutem+ Charakter -- eine +selten
frische+ Witwe -- ein +selten schönes+ Familienleben -- eine +selten
günstige+ Kapitalanlage -- wir haben +selten schönes+ Wetter gehabt
-- dieser Weizen gedeiht auf leichtem Boden und liefert +selten hohe+
Erträge -- besonders hebe ich die +selten naturgetreuen+ farbigen
Abbildungen hervor -- die Inhaber dieser Bauernhöfe sind +selten
fleißige+ und +tüchtige+ Wirte usw. Nur schade, daß +selten+ eben vor
allen Dingen +selten+ bedeutet, und nicht +in seltnem Grade+, und daß
infolgedessen stets das Gegenteil von dem herauskommt, was die Leute
meinen. Darüber ist denn auch schon viel gespottet worden, so viel, daß
endlich doch auch dem Harmlosesten ein Licht aufgehen müßte.
+Unentwegt.+ Lächerlicher schweizerischer Provinzialismus für +fest+,
+beharrlich+. Hat seine Rolle ziemlich ausgespielt.
+Vielmehr.+ Ausschließlicher Ersatz für +sondern+: diese Preisbewegung
ist nicht bloß dem Getreide eigentümlich, sie stimmt +vielmehr+ mit
den übrigen Ackerbauerzeugnissen überein -- der Leser wird nicht mit
einem Ballast von Erläuterungen überschüttet, +vielmehr+ halten die
Anmerkungen das rechte Maß ein.
+Voll und ganz.+ Modephrase ersten Ranges, die aber ihren Weg wohl
bald „voll und ganz“ zurückgelegt haben wird.[164] Sehr beliebt ist es
jetzt, +voll+ allein zu gebrauchen (für +ganz+ oder +vollständig+):
dieser Auffassung kann ich +voll+ beipflichten -- überall deckt der
Ausdruck +voll+ den Gedanken -- um die Tiefe seiner Auffassung +voll+
zu würdigen -- Künstler, die diese Bedingung +voll+ erfüllen können
-- die deutschen Gemälde hielten den Vergleich mit den französischen
+voll+ aus usw. Auch Zusammensetzungen mit +Voll+- als Bestimmungswort
schießen wie Pilze aus der Erde: +Vollbild+, +Vollmilch+,
+Vollgymnasium+, sogar +vollinhaltlich+: ich kann das +vollinhaltlich+
bestätigen -- er mußte das Leben der Gefangnen +vollinhaltlich+
mitleben.
+Vorab+ und +vornehmlich+. Beide gleich beliebter Ersatz für
+besonders+, +namentlich+ und +hauptsächlich+. Das sechzehnte, +vorab+
das siebzehnte Jahrhundert -- die Künstler +vorab+ hatten sein
herzliches Wohlwollen erfahren -- Briefe Wielands, +vornehmlich+ an
Sophie La Roche -- +vornehmlich+ habe ich die Syntax von Grund aus
umgestaltet. (Vgl. +vornehm+ S. 374).
+Weitaus.+ Modezusatz zum Superlativ: +weitaus+ der beste -- in
+weitaus+ den meisten Fällen.
Außer solchen allgemein gebräuchlichen Modewörtern und Modephrasen gibt
es aber noch eine Masse andrer, die auf einzelne Kreise beschränkt
sind. In der Sprache der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber, wohin
man blickt: Mode, nichts als Mode. Kaufleute reden nicht mehr von
+Preisen+, sondern nur noch von +Preislagen+, an die Stelle der
frühern +Sorten+ sind die +Qualitäten+, die +Marken+ und die --
+Genres+ getreten (bitte, probieren Sie meine +Spezialmarke+!). Wer
einen kleinen Laden gemietet und ein Geschäftchen darin eröffnet
hat, nennt das jetzt ein +Haus+; der eine hat ein +Schokoladenhaus+,
der andre ein +Porzellanhaus+, ein dritter ein +Havannahaus+, ein
+Seidenhaus+, ein +Leinwandhaus+, ein +Lodenhaus+. Vor etlichen Jahren
fiel es einem Schneider in Leipzig ein, über seine Ladentür statt
+Schneidermeister+ zu schreiben: +Herrenmoden+. Das war natürlich
fürchterlicher Unsinn, denn ein Schneider ist keine Mode und fertigt
auch keine Moden, sondern Kleider. Als das aber die andern Schneider
gesehen hatten, da kam für die Firmenschreiber gute Zeit. Sämtliche
Schneider ließen ihre Schilder ändern, und heute gibt es in ganz
Leipzig keinen Schneidermeister mehr. Der kleinste Flickschneider im
Hinterhause vier Treppen hoch hat vorn an der Haustür sein Schildchen
prangen: Wilhelm Benedix, +Herrenmoden+! Vor etlichen Jahren fiel es
auch einmal einem Bierwirt in Leipzig ein, von einem Militärkonzert
anzukündigen, daß es +unter persönlicher Leitung+ des Herrn
Musikdirektors X stattfinden würde -- als ob in andre Wirtschaften
der Herr Musikdirektor seinen Stiefelputzer schickte. Große Aufregung
unter den Bierwirten! Binnen vier Wochen fanden alle Konzerte +unter
persönlicher Leitung+ statt. Aus nichts als Modewörtern und Modephrasen
ist die Sprache der Reporter zusammengesetzt. Da ist eine Gesellschaft
stets +illustre+ (wenigstens in Leipzig), ein Kapellmeister stets
+genial+, ein Geschenk stets +sinnig+, Orgelspiel stets +weihevoll+.
Wird irgendwo ein Vortrag gehalten, so wird er von musikalischen und
gesanglichen +Darbietungen umrahmt+; von einer Festlichkeit wird
stets versichert, sie habe +einen würdigen (!) Verlauf+ genommen. Ein
Revolverschuß wird stets +abgegeben+, und flieht der Täter, so wird
sofort +die Verfolgung aufgenommen+; sich selbst aber schießt man eine
Kugel niemals zum Vergnügen sondern immer +in selbstmörderischer
Absicht+ in den Kopf. Wenn es in einer Familie oder zwischen einem
Liebespaar zu Zank und Streit, Mord und Totschlag gekommen ist, so
heißt das ein +Familiendrama+ oder eine +Liebestragödie+. Wer ein
Jubiläum feiert, +kann+ stets +auf eine+ 25jährige oder 50jährige
+Tätigkeit zurückblicken+, und ist es ein Verein, so +blickt+ er +auf
ein+ 25jähriges +Bestehen zurück+; wer pensioniert wird, tritt in den
+wohlverdienten Ruhestand+, und stirbt er, so werden an seinem Sarge
Lorbeerkränze +niedergelegt+. Wenn einer von einem Dache herabstürzt,
so +bleibt+ er +tot+ (als ob er es schon vorher gewesen wäre!).
Leichen von Verunglückten werden nicht +gefunden+, sondern stets
+geborgen+ (hätte man die Lebenden besser „geborgen“, so wären sie
nicht verunglückt!), und wenn sie im Wasser gelegen haben, so werden
sie +geländet+; wird aber einer glücklich noch lebend aus dem Wasser
gezogen, so wird er +dem nassen Element entrissen+. Kommt ein Fürst zu
Besuch, so steigt er nicht aus dem Wagen, sondern er +ent(!)steigt+ dem
+Waggon+ und +schreitet+ dann, und zwar stets +elastischen Schrittes+,
die Front der Ehrenkompagnie +ab+. Man begreift nicht, warum nicht die
Zeitungen für gewisse besonders oft wiederkehrende wichtige Ereignisse,
wie die Ankunft eines Fürsten, die Eröffnung einer Ausstellung, die
Enthüllung eines Denkmals, das Jubiläum eines Geschäfts, das Begräbnis
eines Kommerzienrats und dergleichen, für ihre Berichterstatter
Formulare drucken lassen, worin sie dann bloß Tag, Stunde und Namen
auszufüllen hätten.
Aber auch die niedrige Umgangssprache ist voll von Modewörtern, die
immer wechseln. Man könnte sie die Gassenhauer der Sprache nennen.
Zu ihnen gehört das schöne +selbstredend+, das eine Reihe von Jahren
für +selbstverständlich+ gesagt wurde (übrigens stets falsch betont:
+selbstrédend+, wie auch +tats=ä=chlich+, +wunderbár+, +ekelháft+,
+tadellós+). Neuerdings ist wieder +selbstverständlich+ durchgedrungen
(aber auch das wieder falsch betont: +selbstverst=ä=ndlich+).
Augenblicklich ist der beliebteste Gassenhauer: +ausgeschlossen+,
+ganz ausgeschlossen+, +völlig ausgeschlossen+. +Unwahrscheinlich+,
+unmöglich+, +undenkbar+, sogar +unnötig+ -- das alles gibt es nicht
mehr. +Ausgeschlossen+ -- bums! fertig! In der Unterhaltung am
Biertisch hört man nichts weiter als: +selbstverständlich+ (für +ja+)
und: +ausgeschlossen+ (für +nein+). Andre neue Gassenhauer sind:
+totsicher+, +totschick+, +Ton+ (für +Wort+): er hat mir nicht einen
+Ton+ davon gesagt --, auf Wieder+schaun+, und +ausgerechnet+ (für
+gerade+, +genau+ oder dgl.): das muß +ausgerechnet+ Bebel begegnen!