seiner Beschreibung von dem Selbstbildnis des jungen Dürer, der Maler
halte das Blümlein Mannstreu +bedeutsam+ in der Hand. Das heißt so
viel wie +bedeutungsvoll+: der Maler habe damit sinnbildlich oder
symbolisch etwas andeuten wollen. Von dieser schönen ursprünglichen
Bedeutung des Wortes ist heute nicht der leiseste Hauch mehr zu spüren.
Kein zweites Wort ist binnen wenigen Jahren so heruntergebracht,
so scheußlich entwertet worden wie dieses schöne Wort. Für alles
mögliche muß es herhalten, für +groß+, +wichtig+, +bedeutend+,
+hervorragend+, +wertvoll+, +brauchbar+ usw. Wenn man über eine Sache
nichts, gar nichts zu sagen weiß, so nennt man sie +bedeutsam+.
Man schreibt: der Verfasser hat auch über Luther, Kant, Fichte und
Hegel +bedeutsame+ Bücher geschrieben -- diese Zusammenstellung ist
nicht bloß sprachgeschichtlich, sondern auch kulturgeschichtlich
+bedeutsam+ -- das Buch wird der Erkenntnis Bahn brechen, daß die
Bildhauerei des damaligen Deutschlands eine (!) +bedeutsame+ war --
für den Buchstaben G lagen schon aus Hildebrands Nachlaß +bedeutsame+
Ergänzungen vor -- auch in dem Holzschnittwerk des Meisters findet
sich eine +bedeutsame+ Nummer -- in Amerika sind für die deutsche
Sprache +bedeutsame+ Ereignisse zu verzeichnen -- die Thronrede mußte
um so +bedeutsamer+ wirken, als Österreich jetzt im Brennpunkt des
Interesses steht -- daß diese Gedanken von einer Frau ausgesprochen
wurden, schien dem Herausgeber +bedeutsam+ genug, um (!) sie hier
mitzuteilen. Man schwatzt von +bedeutsamen+ Bekanntschaften, Erfolgen,
Aufgaben, Funden, Kunstwerken, von einer für die Kulturgeschichte
+bedeutsamen+ Veröffentlichung, von einer +bedeutsamen+ Umgestaltung
des Schulwesens, von dem +bedeutsamsten+ Teil der Wettinischen Lande,
von einem +bedeutsamen+ Hinweis auf Pflanzenstudien, von +bedeutsamen+
Probeleistungen einer Kunstgewerbeschule, von +bedeutsamen+ politischen
Momenten (was mag das sein?), ja sogar von einem +bedeutsamen+
Mozartinterpreten (!), von kunstvollen, bzw. (!) durch (!) die
Namen ihrer einstigen Besitzer +bedeutsamen+ Armbrüsten und von
der +bedeutsamen+ Stellung, die in der Kundschaft der Fleischer
die Schänkwirte einnehmen. Jammerschade um das einst so sinnvolle,
gehaltvolle Wort!
+Belangreich+ und +belanglos+. Zwei herrliche Wörter, obgleich kein
Mensch sagen kann, was +Belang+ ist, und ob es +der+ Belang oder +das+
Belang heißt.
+Besser.+ Wird jetzt mit Vorliebe nicht mehr als positive Steigerung
von +gut+, sondern als negative Steigerung von +schlecht+ gebraucht,
also in dem Sinne von +weniger schlecht+. Herrschaften suchen
täglich in den Zeitungen +bessere+ Mädchen, und Mädchen natürlich
nun auch +bessere+ Herrschaften oder auch, wenn sie sich verheiraten
wollen, +bessere+ Herren. Ein Zeitungsverleger versichert, daß
seine Zeitung in allen +bessern+ Hotels und Cafés ausliege, und ein
Geheimmittelfabrikant, daß sein Fabrikat in allen +bessern+ Apotheken
und Drogengeschäften „erhältlich“ sei. Folglich ist +gut+ jetzt besser
als +besser+.
+Eigenartig.+ Äußerst beliebt als Ersatz für das Fremdwort +originell+
und zugleich für +eigentümlich+, worunter man jetzt nur noch so viel
wie +wunderlich+ oder +seltsam+ zu verstehen scheint. Oft auch bloßer
Schwulst für +eigen+ (vgl. S. 400): ein +eigenartiger+ Reiz, ein
+eigenartiger+ Zauber, eine +eigenartige+ Weihe usw.
+Einwandfrei.+ Schöner neuer Ersatz für +tadellos+ und zugleich für
+unanfechtbar+: gesunde, frische, +einwandfreie+ Milch -- ein sittlich
+einwandfreier+ Priester -- eine absolut +einwandfreie+ Berliner
Familie. Daß man nur von Dingen +frei+ sein kann, die einem auch
anhaften können (vgl. +fehlerfrei+, +fieberfrei+), daran wird gar nicht
gedacht.
+Erheblich.+ Altes Kanzleiwort, das man schon für tot und begraben
gehalten hatte, das aber seit einiger Zeit wieder hervorgesucht und
nun, als Adjektiv wie als Adverb, zum Lieblingswort aller Juristen,
Beamten und Zeitungschreiber geworden ist (für +groß+, +wichtig+,
+bedeutend+, +wesentlich+). Es gibt nichts in der Welt, was nicht
entweder +erheblich+ oder +unerheblich+ oder -- +nicht unerheblich+
wäre: eine Wunde, ein Schadenfeuer, eine Gehaltsverbesserung,
eine Verkehrsstörung, alles ist +erheblich+. So heißt es auch vor
Komparativen nicht mehr +viel+, sondern nur noch +erheblich+:
+erheblich+ besser, +erheblich+ größer usw.
+Froh+ und viele Zusammensetzungen damit: +arbeitsfroh+,
+bildungsfroh+, +genußfroh+, +sangesfroh+, +kunstfroh+, +farbenfroh+,
+fleischfroh+ (der +fleischfrohe+ Rubens!), +wirklichkeitsfroh+,
namentlich in der Kunstschreiberei jetzt äußerst beliebt. Wir leben in
einer +kunstfrohen+ Zeit, in der es viele +novitätenfrohe+ Kunstfreunde
gibt.
+Glatt.+ Modewort von der mannigfachsten Bedeutung: +leicht+,
+schnell+, +sicher+, +offenbar+ usw.: der Verkehr wickelte sich +glatt+
ab -- er fiel mit seinem Antrage +glatt+ ab -- es steht zu hoffen,
daß die Heilung der Wunde +glatt+ erfolgen wird -- es liegt ein ganz
+glatter+ Betrug vor -- sogar: das liegt auf +glatter+ Hand (statt: auf
+flacher+)!
+Großzügig.+ Neues Glanzwort, das alle Welt berauscht oder wenigstens
berauschen soll. Wenn man sich früher bei einer Darstellung auf +große
Züge+ beschränkte, so wurde sie gewöhnlich oberflächlich. Nun kann
man ja in anderm Sinne auch von den +großen Zügen+ (Linien) einer
Gebirgslandschaft, also allenfalls auch von einer +großzügigen+
Gebirgslandschaft reden. Was soll man sich aber darunter denken, wenn
es heißt: ein +großzügiges+ Regierungsprogramm wird aufgerollt (!)
-- es fehlt dem Wahlkampf an einer +großzügigen+ Bewegung -- einen
Zufall gibt es für diesen Standpunkt (!) +großzügiger+ Auffassung
nicht -- die protestantischen Völker verfolgen +großzügig+ ihre Ziele
-- seiner +großzügigen+ Persönlichkeit entsprechend hat Begas sein
Lehramt ohne Pedanterie verwaltet -- das Denkmal ist eine +großzügige+
deutsche Tat, auf die Leipzig stolz sein kann -- G. verrät in seinen
Porträtköpfen eine +großzügige+ Eigenart -- zeichnerische Genialität
und malerische Kraft paaren sich mit +großzügigem+ Realismus? Was soll
man sich unter einer +großzügigen+ Stadtverwaltung, unter +großzügigen+
Straßennetzen, Bebauungsplänen und Bauschöpfungen, einem +großzügig+
redigierten Familienblatt, unter der +großzügigen+ Formensprache des
Barock und der imposanten +Großzügigkeit+ seiner Fassaden vorstellen?
Was sind das für „Züge“, an die man dabei denken soll? Gemeint ist
bald einfach +groß+ oder +großartig+, bald +reich+, +kräftig+ oder
+schwungvoll+, bald +geistreich+ oder +geistvoll+, bald +weitherzig+
oder +weitblickend+. Das alles soll jetzt das alberne +großzügig+
ausdrücken! Es ist ein ganz infames Klingklangwort, ohne allen Sinn und
Inhalt, so recht für die gedankenlose, groß--mäulige Schwätzerei unsrer
Tage ersonnen, namentlich für die Kunstschwätzerei, aus deren Kreisen
es höchstwahrscheinlich auch stammt.
+Hochgradig.+ Für +hoch+ oder +groß+; aus der Sprache der Ärzte:
+hochgradiges+ Fieber. Dann auch +hochgradige+ Erregung, +hochgradige+
Erbitterung usw.
+Jugendlich.+ Modeersatz für +jung+, das vollständig in Verruf gekommen
ist. Hat namentlich seit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers um
sich gegriffen. Den wagte man nicht +jung+ zu nennen -- wahrscheinlich
hielt man das für eine Majestätsbeleidigung --, man sagte immer:
unser +jugendlicher+ Kaiser, und genau so ging es dann wieder mit
dem +jugendlichen+ Kronprinzen. Welch großer Unterschied zwischen
+jung+ und +jugendlich+ ist, welch erfreuliche Erscheinung z. B. ein
+jugendlicher Greis+, welch klägliche ein +junger Greis+ ist, dafür hat
man gar kein Gefühl mehr, fort und fort redet man von +jugendlichen+
Arbeitern, +jugendlichen+ Übeltätern, Verbrechern, Dieben,
Brandstiftern, einer +jugendlichen+ Sängerschar, sogar +jugendlichen+,
unter sechzehn Jahren alten Mädchen; den siebenjährigen Knaben Mozart
nennt man den +jugendlichen+ Mozart und den sechzehnjährigen Studenten
Goethe den +jugendlichen+ Goethe und betont das +jugendliche Alter+,
in dem er die Universität bezog! Überall ist +jung+ gemeint, und
+jugendlich+ wird gesagt und geschrieben.
+Minderwertig.+ Verhüllender Ausdruck für +schlecht+, +wertlos+,
+unbrauchbar+. Irgendeinen Menschen oder eine Sache +schlecht+
zu nennen, hat man nicht mehr den Mut; man spricht nur noch von
+minderwertigem+ Fleisch, +minderwertigen+ Kartoffeln, +minderwertigen+
Existenzen, sogar von +minderwertigen+ Referendaren.
+Offensichtlich.+ Lieblingswort der Zeitungschreiber, zusammengebraut
aus +sichtlich+ und +offenbar+: die +offensichtliche+ Gefahr,
+offensichtliche+ Mängel, mit +offensichtlichem+ Stolz usw.
+Schneidig.+ Blühendes Modewort zur Bezeichnung der eigentümlichen
Verbindung von äußerlicher Schniepelei und innerlicher Roheit,
Fatzkentum und Landsknechtswesen, in der sich ein Teil unsrer jungen
Männerwelt jetzt gefällt. Zum Glück im Rückgange begriffen.
+Selbstlos.+ Kühne Bildung. Eine Zeit lang sehr beliebt zur Bezeichnung
des höchsten Grades von Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit. Hat aber
auch schon ziemlich abgewirtschaftet.
+Tiefgründig.+ Neues Modewort. Man spricht von +tiefgründiger+, das
soll heißen: in die Tiefe gehender Arbeit und Forschung, aber auch von
+tiefgründigen+, das soll heißen geheimnisvollen Kunstwerken: Klingers
Werke sind viel zu +tiefgründig+ (!), um dem unvorbereiteten Betrachter
schnell ihren Gehalt zu offenbaren -- endlich aber auch schon von
+tiefgründiger+ (statt +tiefer+!) Vaterlandsliebe.
+Tunlich+ und +angängig+. Lieblingswörter der Kanzleisprache für
+möglich+: mit +tunlichster+ Bälde.
+Uferlos+, für endlos: +uferlose+ Debatten, die Darstellung verliert
sich in +uferlose+ Breite. Ja ja, wir sind ein seefahrendes Volk
geworden.
+Unerfindlich.+ Für +unbegreiflich+ oder +unverständlich+. Verfehlt
gebildet, da +erfinden+ in dem Sinne, wie es in +unerfindlich+
verstanden werden soll, ungebräuchlich ist. Trotzdem eine Zeit lang
sehr beliebt, jetzt im Rückgange.
+Ungezählt.+ Sehr beliebte neue Modedummheit für +unzählig+,
+zahllos+, ja sogar für +zahlreich+. Napoleon stand einer Streitmacht
+ungezählter+ Kosaken gegenüber -- die Stadtchronik berichtet von
+ungezählten+ Festen -- dieser Schrank birgt +ungezählte+ Zinnkannen
-- die Atmosphäre ist mit +ungezählten+ Kohlenteilchen erfüllt --
Messel hat im Wertheimpalast Normen geschaffen, die bestimmend für
+ungezählte+ Warenhäuser wurden -- eine +ungezählte+ Menge drängte
sich nach dem Unglücksplatz -- +ungezählte+ Deutsche feiern heute
den Geburtstag des großen Kanzlers -- der Roman erlebte +ungezählte+
Auflagen. Ob eine Menge gezählt worden ist, darauf kommt es doch gar
nicht an, sondern darauf, ob sie gezählt werden konnte! Die Auflagen
eines Buches aber werden wirklich gezählt.
+Verläßlich.+ Modewort für +zuverlässig+. Wunderliche Verirrung!
+Zuverlässig+ ist ein schönes, kräftiges Wort; wer +zuverlässig+ ist,
auf den kann man sich wirklich verlassen. Einem +Verläßlichen+ würde
ich nicht über den Weg trauen; das Wort hat gleich so etwas widerwärtig
weichliches.
+Vornehm.+ Im Superlativ ausschließlicher Ersatz für alle
Zusammensetzungen, die früher mit +Haupt+- gebildet wurden. Für
+Haupt+ursache, +Haupt+bedingung, +Haupt+zweck, +Haupt+aufgabe heißt
es nur noch: die +vornehmste+ Ursache, die +vornehmste+ Bedingung, der
+vornehmste+ Zweck, die +vornehmste+ Aufgabe. Je öfter man +vornehm+
schreibt, desto vornehmer kommt man sich selber vor.
+Zielbewußt.+ Von der sozialdemokratischen Presse in Umlauf gesetzt und
eine Zeit lang von ihr mit blutigem Ernst gebraucht. Heute nur noch mit
Gänsefüßchen möglich: ein „zielbewußter“ Autographensammler u. ähnl.
+Abstürzen.+ Für +herabstürzen+ oder +hinabstürzen+; namentlich von
den Alpenfexen verbreitet. In den Zeitungen +stürzen+ aber schon nicht
mehr bloß Bergkletterer +ab+, sondern auch Steinblöcke in Steinbrüchen,
Turner vom Reck, Kinder vom Straßenbahnwagen usw. Man setze +fallen+
für +stürzen+, und man wird die Lächerlichkeit fühlen! Ab mit
Zeitwörtern zusammengesetzt bedeutet ja die Trennung, die Entfernung;
vgl. +abfallen+, +abgehen+, +abfahren+, +absenden+, +abspringen+,
+abnehmen+, +abreißen+, +abhauen+, +abschneiden+ usw.
+Anschneiden+ und +aufrollen+. Eine Frage, ein Thema wird nicht
mehr +berührt+, +angeregt+ -- das ist viel zu fein --, sondern
entweder werden sie +angeschnitten+, wie eine Blutwurst, oder sie
werden +aufgerollt+, wie ein Treppenläufer oder eine Linoleumrolle.
Das ist die Bildersprache der Gegenwart! Und wenn eine Frage dann
+aufgerollt+ oder +angeschnitten+ ist, dann kommt es darauf an, sich
ein tüchtiges Stück +abzuschneiden+. Gelingt einem das, dann hat man
+gut abgeschnitten+, das soll heißen: man ist gut dabei weggekommen.
Wie wird Deutschland dabei +abschneiden+?
+Auslösen.+ Für +erregen+, +wecken+, +hervorrufen+, +veranlassen+.
Aus der Mechanik, wo es so viel bedeutet, wie durch Beseitigung einer
Hemmung irgend etwas in Bewegung oder Tätigkeit setzen: der Dichter
will uns nicht seine Gedanken aufnötigen, sondern unsre eignen
Gedanken +auslösen+ -- ein Wort, das gerade in diesem Zusammenhange
eigentümliche Empfindungen +auslösen+ mußte -- ob ein Unlustgefühl
eine Handlung +auszulösen+ imstande ist -- Eindrücke, die leicht
pathologische Reize +auslösen+ -- durch frische Luft wird körperliches
Wohlbefinden +ausgelöst+ -- allgemeine Heiterkeit +löste+ folgender
Vorfall +aus+. Aber auch: manche lyrische Gedichte Goethes lassen sich
in der Musik nicht voll (!) +auslösen+ -- in den ersten Monaten seiner
Universitätszeit +löste sich+ (!) bei ihm eine kräftige Fuchsenstimmung
+aus+. Schön gesagt!
+Ausschalten.+ Für +beseitigen+, +fernhalten+, +vermeiden+, +unnötig
machen+, +aufgeben+ usw.: der Einfluß des Charakters kann natürlich
nicht +ausgeschaltet+ werden -- nachdem alle andern Projekte
+ausgeschaltet+ sind -- um sprachliche Erklärungen des Textes von
vornherein +auszuschalten+. Man muß doch zeigen, daß man mit dem
Telephon und dem elektrischen Licht Bescheid weiß.
+Bedeuten.+ Gespreizter Ersatz für +sein+, für die ganz einfache
„Kopula“: sein Tod +bedeutet+ für die gesamte Kunst einen schweren
Verlust -- eine dreiköpfige Leitung würde eine äußerst bedenkliche
Einrichtung +bedeuten+ -- die Schülerfahrt nach Weimar soll für
jeden Teilnehmer ein unvergeßliches Erlebnis +bedeuten+ -- welche
Ermäßigung das gegenüber dem jetzigen Tarif +bedeuten+ würde, mag
folgendes Beispiel zeigen -- diese Art der Einordnung +bedeutet+
einen willkürlichen Anachronismus -- Gobineaus letzte Lebensjahre
+bedeuten+ den Schlußakt eines erschütternden Trauerspiels -- der Tod
der Königin +bedeutete+ für Southampton das Ende der Kerkerhaft. (Vgl.
+darstellen+.)
+Begrüßen.+ Neuerdings sehr beliebt statt: +willkommen heißen+.
+Begrüßen+ ist aber ein neutraler Begriff; man kann etwas mit Freuden,
mit Jubel, dankbar, aber auch kühl, gleichgiltig, mit sauersüßer Miene
begrüßen. Es ist also nichtssagend, wenn geschrieben wird: es wäre zu
+begrüßen+, wenn solche Untersuchungen weiter angestellt würden --
daß Bach mit Chorälen vertreten ist, kann man nur +begrüßen+ -- wir
müssen es immer +begrüßen+, wenn ein Mann der Wissenschaft die Gabe
volkstümlicher Darstellung besitzt (!).
+Bekannt geben.+ Für +bekannt machen+, weil +machen+ nicht mehr für
fein gilt. Freilich wird ein bißchen viel +gemacht+: ein Mädchen
+macht+ sich erst die Haare, dann +macht+ sie die Betten, dann +macht+
sie Feuer usw. Sonntags +macht+ der Leipziger sogar nach Dresden.
Trotzdem ist +bekannt geben+ eine Abgeschmacktheit.
+Sich beziffern.+ Statt +betragen+, +sich belaufen+. Aus der
Statistik, die ja keine +Zahlen+ kennt, sondern nur +Ziffern+ (obwohl
sich Ziffer zu Zahl verhält wie Buchstabe zu Laut und Note zu Ton):
Bevölkerungs+ziffer+, Durchschnitts+ziffer+ -- ich kann Ihnen noch
einige +Ziffern+ vorlegen -- das Personal +beziffert sich+ auf hundert
Köpfe -- der Verlust +beziffert sich+ auf 30000 Mann usw.
+Darstellen.+ Schauderhaft gespreizter Ersatz für +bilden+ in dem
Sinne von +sein+ (vgl. +bedeuten+). Schon +bilden+ war überflüssige
Ziererei, wenn man an seine eigentliche Bedeutung denkt. Nun
vollends +darstellen+! Und doch wird jetzt nur noch geschrieben:
ein Staatspapier, wie es unsre Konsols bisher +darstellten+ -- der
Jahresbericht, den die zweite Lieferung des Buches +darstellt+ --
das Geschwader +stellt+ eine bedeutende Streitmacht +dar+ -- die
Zusammenkünfte sollen ein kollegiales Bindemittel +darstellen+ -- diese
Bahn +stellt+ den nächsten Landweg von Mitteleuropa nach Indien +dar+
-- diese Beschäftigung +stellt+ keine ausreichende Tätigkeit +dar+
-- die Menschheit, die trotz aller Mängel doch nicht bloß eine Schar
von armen Sündern +darstellt+ -- Bücherschätze, die ein herrliches
Zeugnis für die Freigebigkeit früherer Jahrhunderte +darstellen+ --
die Akademie +stellt+ einen zusammenhängenden Organismus +dar+ --
ein Gebiet, das an dem großen Baume des Kunstgewerbes nur einen Ast
+darstellt+ -- ein Unternehmen, bei dem die hochtönenden Namen offenbar
die Hauptsache +darstellen+ -- das Fleisch der Seefische +stellt+ auch
für den Arbeiter ein vollwertiges Nahrungsmittel +dar+ -- unterliegt
ein Volk seinem Gegner, so bleibt nur der Schluß, daß es einen weniger
lebensfähigen Typ (!) repräsentiert (!), als ihn der Sieger +darstellt+
(d. h. nicht so lebensfähig ist wie der Sieger!). Kann es einen
alberneren Sprachschwulst geben?
+Einschätzen.+ Es wird nichts mehr +geschätzt+, +beurteilt+, für etwas
+gehalten+, sondern alles wird +eingeschätzt+: ein Buch, das der
Kritiker dieses Blattes +hoch einschätzt+ -- ein Parteifreund, der die
ultramontane Gefahr minder hoch +einschätzt+ -- man muß sich selbst
beobachten und studieren, um seine Fähigkeiten richtig +einzuschätzen+
-- sie nahm zu einem Manne ihre Zuflucht, dessen Charakter sie falsch
+einschätzte+ -- auch die +Einschätzung+ der künstlerischen Tätigkeit
ist dem Wechsel der Zeiten unterworfen -- 1849 gab es nicht einen
Menschen, der Goethes Wert richtig +einschätzte+ -- das Buch ermöglicht
uns eine richtige +Einschätzung+ der Verhältnisse unsers Grenznachbars
-- ein Diplomat, der die Gewähr bietet, daß er Stimmungen und
Personen aus eigner Anschauung +einzuschätzen+ weiß -- sein Idealismus
+schätzte+ den Opfermut seiner Landsleute zu hoch, die Schwierigkeiten
zu niedrig +ein+ -- Zöllners Musik zur Versunknen Glocke ist höher
+einzuschätzen+ als seine Faustmusik. Warum denn +ein+-? +Eingeschätzt+
wird man bei der Steuer, sonst nirgends. Dort hat das +ein+- seinen
guten Sinn, denn man wird durch die Schätzung in eine bestimmte
Steuerklasse gesetzt, und daran hängt die Verpflichtung, eine bestimmte
Steuer zu bezahlen. Irgendein dummer Kerl hat das Wort für +schätzen+,
+beurteilen+ gebraucht, und die gescheitesten Leute sind darauf
hineingefallen. Hat man gar kein Gefühl mehr für die Bedeutung eines
Wortes, daß man solchen Unsinn sagt, wie hohe +Einschätzung+ der Kunst?
Muß man denn auf Schritt und Tritt an den Steuerzettel erinnert werden?
+Einsetzen.+ Seit einigen Jahren großartiges Modewort für +anfangen+
und +beginnen+, und gleichfalls eins der schlagendsten Beispiele von
der Gedankenlosigkeit, mit der solche Wörter nachgeplärrt werden.
Das Wort ist von den Musikschreibern in die Mode gebracht worden. In
einer Fuge +setzen+ die einzelnen Stimmen hintereinander +ein+, jede
Stimme nämlich in das, was die vorhergehende schon singt. Das hat
guten Sinn. Aber die erste Stimme -- +setzt+ die auch +ein+? Nein,
die +beginnt+ oder +fängt an+, denn sie ist eben die erste. Und das
ist nun der Blödsinn, und diesen Blödsinn haben die Musikschreiber
selbst aufgebracht, daß +einsetzen+ als Modewort ausschließlich für
das wirkliche +anfangen+ oder +beginnen+ gebraucht wird, außerdem aber
noch für viele andre Wörter, auf die man zu faul ist sich zu besinnen.
Bücher und Zeitungen wimmeln von Beispielen: die Untersuchungen über
die Grenzen der Instrumentalmusik +setzen+ erst nach Beethoven +ein+
-- die Festspiele haben Mittwoch mit Don Juan unter sehr günstigem
Stern +eingesetzt+ -- ihre greifbarste Gestalt haben diese Bestrebungen
in dem +Einsetzen+ (Entstehung, Gründung) der deutschen Liedertafeln
-- die Verhandlungen +setzten+ sehr ruhig +ein+ -- überaus heftig
+setzte+ alsbald die Kritik +ein+ -- groß und vielversprechend
+setzt+ Klingers Schaffen +ein+ -- die Kampftage waren vorüber, das
Strafgericht +setzte+ mit alter Herzlosigkeit +ein+ -- die Romantik
+setzt+ in Dresden früh und mit Entschiedenheit +ein+ -- damit hat
Uhlfeldt sein Schicksal besiegelt, und die fallende Handlung +setzt
ein+ -- die Kunst kann erst +einsetzen+, wenn dem Schauspieler die
Seele der dargestellten Person in Fleisch und Blut übergegangen ist --
die Mode, bei Abendgesellschaften farbige Schuhe zu tragen, hat schon
+eingesetzt+ -- hier hört der Historiker auf, und der Theolog +setzt
ein+ -- Paul Krügers Memoiren +setzen+ mit seiner Jugend +ein+ -- die
aufbewahrten Schreiben von Freytags Hand +setzen+ mit dem Jahre 1854
+ein+ -- die heutige Verhandlung +setzte+ mit einem Briefe Schmidts
+ein+ -- dogmatische Spekulation +setzte+ schon zur Zeit der Entstehung
der Evangelien +ein+ -- in dieser Zeit scheinen seine Bemühungen
um eine Professur +einzusetzen+ -- die Scheidung der Mundarten hat
bereits im sechzehnten Jahrhundert +eingesetzt+ -- der wirtschaftliche
Niedergang +setzte+ im Jahre 1901 +ein+ -- im Frühjahr +setzt+
regelmäßig eine stärkere Bautätigkeit +ein+ -- das Erdbeben +setzte+
5 Uhr 30 Minuten +ein+ -- die schon früh +einsetzende+ Dunkelheit
erhöht die Gefahr -- als ob die Brauchbarkeit der Halle bewiesen
werden sollte, +setzte+ am Nachmittag ein gelinder Regen +ein+ -- ja
sogar: für die diesjährige Saison haben die Fabrikanten mit billigen
Preisen +eingesetzt+ (!) -- die Diskussion in der Presse +beginnt+
(!) bereits +einzusetzen+ -- es +beginnt+ (!) hier eine Entwicklung
+einzusetzen+, die möglicherweise zu irrigen Schlüssen führen könnte.
Wem diese Beispiele den Appetit noch nicht verdorben haben, der
sammle in den nächsten drei Tagen selber weiter, bis ihm der Appetit
vergeht. Vernünftigen Sinn hat es, wenn man schreibt: Hier muß die
Wissenschaft +einsetzen+, wenn sie zu einer befriedigenden Lösung der
Frage kommen will; denn hier schwebt ein ganz andres Bild vor, nämlich
das vom Einsetzen oder Ansetzen des Hebels. Aber Unsinn ist es wieder,
zu schreiben: Hier will mein Buch +einsetzen+ (für +eingreifen+,
+einspringen+, +in die Lücke treten+).
+Einstellen.+ Aus der Sprache des Photographen, der die Camera
einstellt: der Blick, die Aufmerksamkeit muß auf diesen Punkt
+eingestellt+ werden. Warum denn nicht: +gelenkt+, +gerichtet+,
+geleitet+?
+Entgegennehmen.+ Spreizwort für +annehmen+. Anfangs nahm bloß der
Kaiser das Beglaubigungsschreiben des Botschafters eines auswärtigen
Souveräns +entgegen+. Das +entgegen+ malte das Zeremoniell der
feierlichen Handlung. Jetzt werden auch Geldbeiträge für öffentliche
Sammlungen, Blumenspenden für Begräbnisse, Anmeldungen neuer Schüler,
Inserate für die nächste Nummer, Bestellungen auf das nächste Quartal
nur noch +entgegengenommen+ -- immer feierlich, herablassend. Sogar
die Kürschnergesellen nehmen ihren Jahresbericht +entgegen+, und der
Angeklagte +nimmt+ das Todesurteil gefaßt, das Publikum aber +nimmt+ es
mit tiefem Schweigen +entgegen+.