daß gleichsam ein Riegel vor eine Sache geschoben ist, daß sie nicht
wieder rückgängig gemacht werden kann, und schließlich auch, da
man doch manche eben gern wieder rückgängig machen möchte, daß sie
falsch gemacht worden ist. Man denke an: +versichern+, +versprechen+,
+verbinden+, +verpflichten+, +verkaufen+, +verpfänden+, sich
+verlieben+, sich +verloben+, sich +verheiraten+, +verstellen+,
+verdrehen+, +verrücken+, +verlieren+, +verderben+, +vergiften+,
+verschwinden+, +verschlimmern+, +versauern+ (allerdings auch:
+verbessern+, +vergrößern+, +verfeinern+, +verschönern+, +veredeln+,
+versüßen+). Für +meinen+ also zu sagen +vermeinen+, wie es der
Amtsstil liebt, wäre eigentlich nur dann am Platze, wenn die Meinung
als irrig bezeichnet werden sollte (vgl. +vermeintlich+), und von
jemand, der einfach seine Wohnung oder seinen Aufenthalt gewechselt
hat, zu sagen: er ist nach Dresden +verzogen+, ist geradezu lächerlich,
denn es klingt das, als ob er damit verschwunden und gänzlich
unauffindbar geworden wäre. Ebenso unverständlich aber ist es, warum,
wie in Leipzig, Trottoirplatten, Straßenbahngleise und elektrische
Kabel immer +verlegt+ werden, oder, wie in Hamburg, Kaffee +verlesen+
wird, oder, wie in Magdeburg, Rüben +verzogen+ werden. Es genügt doch,
wenn sie +gelegt+, +gelesen+ und +gezogen+ werden.
Am meisten verblaßt ist die Bedeutung von +be+ und +ge+. +Be+ ist aus
+bei+ abgeschwächt; +ge+, in der ältern Sprache ~ga~ (wie noch in
+Gastein+), ist urverwandt mit dem lateinischen ~con~ und bedeutet
einen Zusammenhang, eine Vereinigung. Am deutlichsten ist sein Sinn
noch in Bildungen wie +gerinnen+, +gefrieren+, +Gedicht+, +Gebüsch+,
+Gehölz+, +Gewölk+, +Gebirge+, +Gerippe+, +Gefühl+, +Gehör+,
+Gewissen+ (vgl. ~scientia~ und ~conscientia~). Aber wenn sich auch
die ursprüngliche Bedeutung noch so sehr abgeschwächt hat, so kann
man doch immer noch durch umsichtige Vergleichung dahinterkommen,
weshalb es unnötig ist, zu sagen: einem die Möglichkeit +benehmen+,
Geld zu +beschaffen+, oder: ein Haus +beheizen+, wie unsre Techniker
jetzt sagen (sie meinen wohl: +beöfnen+, mit Öfen versehen), oder: die
bei Goslar +belegnen+ geistlichen Stiftungen, weshalb es lächerlich
ist, wenn Schmerzen, Krankheiten, Hindernisse immer +behoben+ werden
(statt +gehoben+). Auch für +gründen+ wird jetzt oft unnötigerweise
+begründen+ gesagt: die +Begründung+ des Deutschen Reiches. Nein,
+begründet+ werden nur Meinungen, Behauptungen, Urteile; aber Reiche,
Staaten, Städte, Anstalten, Schulen, Geschäfte, Zeitungen werden
+gegründet+. Befremdlich klingt es auch, wenn Juristen davon reden,
daß ein Zeuge +beeidigt+ werden müsse, oder wenn Berichterstatter über
Gerichtsverhandlungen einen +Beklagten+ auftreten lassen. Ein Zeuge
kann seine Aussage +beeidigen+ (vgl. +beschwören+), aber er selbst kann
nur +vereidigt+ werden (vgl. +verpflichten+). +Beklagen+ kann man aber
nur den, dem ein Unglück zugestoßen ist; vor Gericht kann einer nur
+verklagt+ oder +angeklagt+ werden. Wer +angeklagt+ wird, kommt vor den
Strafrichter, wer +verklagt+ wird, vor den Richter in bürgerlichen
Streitigkeiten. Und ebenso läßt sich endlich recht gut fühlen, weshalb
es unnötig ist, zu sagen, die 1883 gebornen haben sich heuer zu
+gestellen+.[160]
Groß in solchen Verschiebungen und Vertauschungen sind namentlich
die Kanzleimenschen und die Techniker. Sie suchen etwas darin, und
sie verblüffen auch wirklich die große Masse mit diesem wohlfeilen
Mittelchen.[161]
Der Unterricht kann sehr viel tun, das abgestorbne Sprachgefühl in
solchen Fällen wieder zu beleben. Wem die Bedeutung von +ent+ und +er+
einmal auseinandergesetzt worden ist, der wird nie wieder +entnüchtern+
statt +ernüchtern+ schreiben, er wird aber auch bald alle die Leute
auslachen, die sich immer mit +entfallen+ und +erbringen+ spreizen.
Neue Wörter
Kein Tag vergeht, ohne daß einem in Büchern oder Zeitungen neue Wörter
entgegenträten. Nun wird niemand so töricht sein, ein neues Wort
deshalb anzufechten, weil es neu ist. Jedes Wort ist zu irgendeiner
Zeit einmal neu gewesen; von vielen Wörtern, die uns jetzt so geläufig
sind, daß wir sie uns gar nicht mehr aus der Sprache wegdenken können,
läßt sich nachweisen, wann und wie sie ältern Wörtern an die Seite
getreten sind, bis sie diese allmählich ganz verdrängten. Wohl aber
darf man neuen Wörtern gegenüber fragen: sind sie nötig? und sind sie
richtig gebildet?
Neue Gegenstände, neue Vorstellungen und Begriffe verlangen unbedingt
auch neue Wörter. Ein neu erfundnes Gerät, ein neu ersonnener
Kleiderstoff, eine neu entdeckte chemische Verbindung, eine neu
beobachtete Krankheit, eine neu entstandne politische Partei -- wie
sollte man sie mit den bisher üblichen Wörtern bezeichnen können?
Sie alle verlangen und erhalten auch alsbald ihre neuen Namen. Aber
auch alte Dinge fordern bisweilen neue Bezeichnungen. Wörter sind wie
Münzen im Verkehr: sie greifen sich mit der Zeit ab und verlieren
ihr scharfes Gepräge. Ist dieser Vorgang so weit fortgeschritten,
daß das Gepräge beinahe unkenntlich geworden ist, so entsteht von
selbst das Bedürfnis, die abgenutzten Wörter gegen neue umzutauschen.
Und wie bei abgegriffnen Münzen leicht Täuschungen entstehen, so
auch bei vielbenutzten Wörtern; sehr leicht verschiebt sich nämlich
ihre ursprüngliche Bedeutung. Hat sich aber eine solche Verschiebung
vollzogen, dann ist für den alten Begriff, der durch das alte Wort
nun nicht mehr völlig gedeckt wird, gleichfalls ein neues Wort nötig.
In vielen Fällen büßen die Wörter, ebenso wie die Münzen, durch den
fortwährenden Gebrauch geradezu an Wert ein, sie erhalten einen
niedrigen, gemeinen Nebensinn. Dieser „pessimistische“ Zug, wie man ihn
genannt hat, ist gerade im Deutschen weit verbreitet und hat mit der
Zeit eine große Masse von Wörtern ergriffen; man denke an +Pfaffe+,
+Schulmeister+, +Komödiant+, +Literat+, +Magd+, +Dirne+, +Mensch+
(+das+ Mensch, Küchenmensch, Kammermensch), +Elend+, +Schimpf+,
+Hoffart+, +Gift+, +List+, +gemein+, +schlecht+, +frech+, +erbärmlich+.
Ihnen allen ist ursprünglich der verächtliche Nebensinn fremd, der im
Laufe der Zeit hineingelegt worden ist. Sobald sie aber einmal damit
behaftet waren, mußten sie, wenn der frühere Sinn ohne Beigeschmack
wieder ausgedrückt werden sollte, durch andre Wörter ersetzt werden.
So wurden sie verdrängt durch +Geistlicher+, +Lehrer+, +Schauspieler+,
+Schriftsteller+, +Mädchen+, +Fremde+, +Scherz+, +Hochherzigkeit+,
+Gabe+, +Klugheit+, +allgemein+, +schlicht+, +kühn+, +barmherzig+.
Die andre Forderung, die man an ein neu aufkommendes Wort stellen darf,
ist die, daß es regelrecht, gesetzmäßig gebildet sei, und daß es mit
einleuchtender Deutlichkeit wirklich das ausdrücke, was es auszudrücken
vorgibt. Diese Forderung ist so wesentlich, daß man, wo sie erfüllt
ist, selbst davon absieht, die Bedürfnisfrage zu betonen. Verrät
sich in einem neu gebildeten Wort ein besonders geschickter Griff,
zeigt es etwas besonders schlagendes, überzeugendes, eine besondre
Anschaulichkeit, und das alles noch verbunden mit gefälligem Klang, so
heißt man es auch dann willkommen, wenn es überflüssig ist; man läßt es
sich als eine glückliche Bereicherung des Wortschatzes gefallen.
Aber wie wenige von den neuen Wörtern, mit denen unsre Sprache jetzt
überschwemmt wird, erfüllen diese Forderungen! Die meisten werden aus
Eitelkeit oder aus -- Langerweile gebildet. Schopenhauer hat einmal mit
schlagender Kürze ausgesprochen, was er von einem guten Schriftsteller
verlange: er gebrauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge!
Heute machen es die meisten umgekehrt und hoffen, der Leser werde
so dumm sein, zu glauben, sie hätten etwas neues gesagt. Wie quälen
sich unsre ästhetischen Schwätzer, ihren Trivialitäten den Schein des
Geistreichen zu geben, indem sie sich neue Wörter aussinnen! Eine Art
von „Jugendstil“ möchten sie auch in die Sprache einführen. Wie quälen
sich unsre Musik- und Theaterschreiber, den tausendmal gesagten Quark
einmal mit andern Worten zu sagen! Wie quälen sich die Geschäftsleute
in ihren Anzeigen, dem „Konkurrenten“ durch neue Wörter und Wendungen
den Rang abzulaufen!
Jahrzehntelang hat man von +Zeitungsnachrichten+ gesprochen; jetzt
heißt es: +Blättermeldungen+! Das eine verhält sich zum andern ungefähr
wie der +Essenkehrer+ zum +Schornsteinfeger+ oder der +Korkzieher+
zum +Pfropfenheber+. Verfallen sein kann auf +Blättermeldung+ nur
einer, dem +Zeitungsnachricht+ zu langweilig geworden war. Was soll
+Jetztzeit+? Es ist schlecht gebildet, denn unsre Sprache kennt keine
Zusammensetzungen aus einem Umstandswort und einem Hauptwort,[162]
es klingt auch schlecht mit seinem tztz und ist ganz überflüssig,
denn +Gegenwart+ hat weder etwas von seiner alten Kraft eingebüßt
noch seine Bedeutung verschoben. +Gepflogenheit+ hat man gebildet,
um eine Schattierung von +Gewohnheit+ zu haben; ist aber nicht
+Brauch+ so ziemlich dasselbe? Ein abscheuliches Wort ist +Einakter+
(für einaktiges Schauspiel). Freilich haben wir auch +Einhufer+,
+Dreimaster+ und +Vierpfünder+; würde aber wohl jemand ein Distichon
einen +Zweizeiler+ nennen? Um für +Lehrer+ und +Lehrerin+ ein
gemeinschaftliches Wort zu haben, hat man +Lehrperson+ gebildet --
eine gräßliche Geschmacklosigkeit. Den +Arbeiter+ nennt man jetzt
+Arbeitnehmer+ in plumpem Gegensatz zum +Arbeitgeber+! Statt +voriges
Jahr+ sagt man jetzt +Vorjahr+; alle Jahresberichte spreizen sich
damit. Man hat das aus dem Adjektivum +vorjährig+ gebildet, wie man
auch aus +alltäglich+ und +vormärzlich+ gedankenloserweise +Alltag+ und
+Vormärz+ (!) gemacht hat, aus +freisinnig+ eine Partei, die man +den
Freisinn+ nennt, und neuerdings gar aus +überseeisch+ +Übersee+: aus
Europa und +Übersee+ (+die+ Übersee oder +das+ Übersee?) -- die Briefe
gehen +nach Übersee+ (warum denn nicht einfach und vernünftig: +über
See+?). Vorjahr ist aber auch dem Sinne nach anstößig. Die mit +Vor+
zusammengesetzten Hauptwörter bedeuten (wenn es nicht Verbalsubstantiva
sind, wie +Vorsteher+, +Vorreiter+, +Vorsänger+, +Vorbeter+) ein Ding,
das einem andern Dinge als Vorbereitung vorhergeht, wie +Vorspiel+,
+Vorrede+, +Vorgeschichte+, +Vorfrühling+, +Voressen+, +Vorgeschmack+.
Die Leipziger Messe hatte sonst eine +Vorwoche+, die der Hauptwoche
vorausging. Wie kann man also jedes beliebige Jahr das +Vorjahr+ des
folgenden Jahres nennen! Dann könnte auch der Lehrer im Unterricht
fragen: Was haben wir in der +Vorstunde+ behandelt? Mit dem +Vortag+
fängt man aber auch schon an: trotz des schlechten Wetters am +Vortage+
-- das Befinden des Monarchen war diese Woche besser als am +Vortage+.
Ebenso verfehlt wie das +Vorjahr+ ist natürlich der +Vorredner+
-- man vergleiche ihn nur mit dem +Vorsänger+ und dem +Vorbeter+.
Wenn ein Schiff eine Reise antritt, so nennt man das jetzt nicht
mehr +abreisen+, sondern +ausreisen+: der Tag der +Ausreise+ rückte
heran. War das Wort wirklich nötig, das so lächerlich an +ausreißen+
anklingt? Für die zeichnenden Künste hat neuerdings jemand das schöne
Wort +Griffelkunst+ erfunden, das die Kunstschreiber schon fleißig
nachgebrauchen. Nun verstand man ja unter den zeichnenden Künsten auch
den Kupferstich und die Radierung, die mit dem Griffel arbeiten. Unter
der +Griffelkunst+ aber soll man nun auch die Bleistift-, die Feder-
und die Tuschzeichnung verstehen, die nicht mit dem Griffel arbeiten.
Was ist also gewonnen? Und wollen wir die Malerei vielleicht nun
+Pinselkunst+ nennen?
Zu recht verunglückten Bildungen hat neuerdings öfter das Streben
geführt, einen Ersatz für Fremdwörter zu schaffen. Dazu gehören z. B.
der +Fehlbetrag+ (Defizit), die +Begleiterscheinung+ (Symptom), der
+Werdegang+ (Genesis) und die +Straftat+ (Delikt). Auch das +Lebewesen+
kann mit angereiht werden. Ein Verbalstamm als Bestimmungswort einer
Zusammensetzung bedeutet meist den Zweck des Dinges (vgl. +Leitfaden+,
+Trinkglas+, +Schießpulver+ und S. 73).[163] Ein +Fehlbetrag+ ist aber
doch nicht ein Betrag, der den Zweck hat, zu fehlen, sondern es soll
ein +fehlender+ Betrag sein (ganz anders gebildet sind +Fehlbitte+,
+Fehltritt+, +Fehlschuß+, +Fehlschluß+; hier ist fehl nicht der
Verbalstamm, sondern das Adverbium), ebenso soll +Lebewesen+ ein
+lebendes+ Wesen, +Begleiterscheinung+ eine +begleitende+ Erscheinung
bedeuten. In +Werdegang+ vollends soll der Verbalstamm den Genitiv
ersetzen (Gang +des Werdens+); es scheint nach +Lehrgang+ gebildet
zu sein, aber es scheint nur so, denn +Lehrgang+ ist mit +Lehre+
zusammengesetzt. Überdies wird es lächerlicherweise auch schon für
+Geschichte+ gebraucht; man redet nicht bloß von dem +Werdegang+ einer
Kellnerin, sondern auch von dem +Werdegang+ der mittelalterlichen
Pergamenthandschriften! Die verunglückteste Bildung ist wohl +Straftat+
-- wer mag die auf dem Gewissen haben! Das Wort ist gebildet, um
eine gemeinschaftliche Bezeichnung für +Vergehen+ und +Verbrechen+
zu haben. Was soll man sich aber dabei unter +Straf+- denken? das
Hauptwort oder den Verbalstamm? Eins ist so unmöglich wie das andre.
Im ersten Falle würde das Wort auf einer Stufe stehen mit +Freveltat+,
+Gewalttat+, +Greueltat+, +Schandtat+, +Wundertat+. Alle diese
Zusammensetzungen bezeichnen eine Eigenschaft der Tat und zugleich des
Täters; in +Straftat+ aber würde -- die Folge der Tat bezeichnet sein!
Im zweiten Falle würde es auf einer Stufe stehen mit +Trinkwasser+,
und das wäre der helle Unsinn, denn dann wäre es eine Tat, die den
Zweck hätte, bestraft zu werden! Freilich sind solche ungeschickte
Wörter auch früher schon als Übersetzung von Fremdwörtern „von plumpen
Puristenfäusten geknetet“ worden, man denke nur an +Beweggrund+ (für
Motiv), +Fahrgast+ (für Passagier) und ähnliche.
Unter den Eigenschaftswörtern sind ebenso geschmacklose wie
überflüssige Neubildungen: +erhältlich+ (in allen Apotheken
erhältlich), +erstklassig+ (ein erstklassiges Etablissement,
ein erstklassiges Restaurant, ein erstklassiges Pensionat, eine
erstklassige Firma, erstklassiges Personal, erstklassige Spezialitäten
usw.), +erststellig+ und +zweitstellig+ (eine erststellige Beleihung,
eine zweitstellige Hypothek), +innerpolitisch+ (die innerpolitische
Lage), +treffsicher+ (eine treffsichere Charakteristik), +parteilos+
(für unparteiisch), +lateinlos+ (die lateinlose Realschule!);
unter den Adverbien: +fraglos+, +debattelos+ (es wurde +debattelos+
genehmigt), +verdachtlos+ (ein Fahrrad wurde +verdachtlos+ gestohlen --
abgesehen davon, daß hier weder das grammatische Subjekt, das Fahrrad,
noch das logische Subjekt, der Dieb, einen Verdacht haben kann). Nach
+jahrein jahraus+ hat man +tagein tagaus+ gebildet -- ganz töricht! Das
Jahr ist ein großer Ring oder Kreis, in den tritt man ein und wieder
aus; die kurzen Tage aber gleichen einzelnen Schritten, darum sagt man
richtiger: +Tag für Tag+, wie +Schritt für Schritt+.
Besonders gern werfen die Techniker unnötige neue Wörter in die
Sprache. Wenn man auf einen Gegenstand Licht fallen läßt, so nannte
man das früher +beleuchten+. Das hat aber den Photographen nicht
genügt, sie haben sich das schöne Wort +belichten+ ausgedacht. Ein
Ding, womit man ein Zimmer heizt, nannte man früher einen +Ofen+,
und ein Ding, womit man ein Zimmer beleuchtet, einen +Leuchter+
(Armleuchter, Kronleuchter) oder eine +Lampe+. Jetzt nennt man das
eine +Heizkörper+, das andre +Beleuchtungskörper+. +Lehrperson+ und
+Heizkörper+ -- eins immer schöner als das andre! Denen, die sich
für Krematorien begeistern, will doch das Wort +Leichenverbrennung+
nicht gefallen, obwohl es die Sache schlicht und ehrlich bezeichnet.
Daher haben sie zur +Einäscherung+ ihre Zuflucht genommen, oder
gar zur +Feuerbestattung+, ja sie reden sogar davon, daß jemand
+feuerbestattet+ worden sei. Nur schade, daß bei der Leichenverbrennung
der Verstorbne eben nicht +bestattet+, d. h. mit einer +Grabstätte+
versehen wird, und daß man wohl von +Gasbeleuchtung+ und
+Wasserheizung+ sprechen, aber nicht sagen kann: ich +gasbeleuchte+, du
+wasserheizest+.
Modewörter
Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die
Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein
Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden
sie oft in kurzer Zeit zu Modewörtern. Daß es Sprachmoden gibt so gut
wie Kleidermoden, und Modewörter so gut wie Modekleider, Modefarben,
Modefrisuren und Modesitten, darüber kann gar kein Zweifel sein. In
meiner Kinderzeit fragte man, wenn man jemand nicht verstanden hatte:
+Was?+ Dazu war natürlich zu ergänzen: hast du gesagt? Dann hieß es
plötzlich: +Was+ sei grob, man müsse fragen: +Wie?+ Dazu sollte man
ergänzen: meinen Sie? In neuerer Zeit kamen dann dafür die schönen
Fragen auf: +Wie meinen?+ (vgl. S. 92) und +Wie beliebt?+ (was immer
wie +Bibeli+ klingt), und das Allerneueste ist, daß man den andern
zärtlich von der Seite anblickt, das Ohr hinhält und fragt: +Bötte?+
Nun kommt ja unleugbar auch bisweilen eine hübsche Kleidermode auf,
aber im allgemeinen wird doch die Mode gemacht von Leuten, die
nicht den besten Geschmack haben. Oft ist sie so dumm, daß man sich
ihre Entstehung kaum anders erklären kann, als daß man annimmt,
der Fabrikant habe absichtlich etwas recht dummes unter die Leute
geworfen, um zu sehen, ob sie darauf hineinfallen würden. Aber immer
fällt die ganze große Masse darauf hinein, denn Geschmack ist, wie
Verstand, „stets bei wenigen nur gewesen“. Ähnlich ist es mit den
Modesitten. Kann es etwas dümmeres, lächerlicheres geben, als den
Stock in die Rocktasche zu stecken oder ans Knopfloch zu hängen?
etwas unritterlicheres, ja roheres, als daß der Mann auf der Straße
die Frau nicht mehr führt, sondern sich bei ihr einhakt und sich von
ihr schleppen läßt oder sie vor sich herschiebt? Aber mindestens
neunzig von hundert Frauen sind darauf hineingefallen. Zuletzt, wenn
eine Mode so gemein (d. h. allgemein) geworden ist, daß sie auch dem
Beschränktesten als das erscheint, was sie für den Einsichtigen von
Anfang an gewesen ist, als gemein (d. h. niedrig), verschwindet sie
wieder, um einer andern Platz zu machen, die dann denselben Lauf nimmt.
Vornehme Menschen halten sich stets von der Mode fern. Es gibt Frauen
und Mädchen, die in ihrer Kleidung alles verschmähen, was an die
jeweilig herrschende Mode streift; und doch ist nichts in ihrem Äußern,
was man absonderlich oder gar altmodisch nennen könnte, sie erscheinen
so modern wie möglich und dabei so vornehm, daß alle Modegänschen sie
darum beneiden könnten.
Genau so geht es mit gewissen Wörtern und Redensarten. Man hört oder
liest ein Wort -- entweder ein neugebildetes oder, was noch öfter
geschieht, ein bereits vorhandnes in neuer Bedeutung! -- irgendwo zum
erstenmal, bald darauf zum zweiten, dann kommt es öfter und öfter,
und endlich führt es alle Welt im Munde, es wird so gemein, daß es
selbst denen, die es eine Zeit lang mit Vergnügen mitgebraucht haben,
widerwärtig wird, sie anfangen, sich darüber lustig zu machen, es
gleichsam nur noch mit Gänsefüßchen gebrauchen, bis sie es endlich
wieder fallen lassen. Aber es gibt immer auch eine kleine Anzahl von
Leuten, die, sowie ein solches Wort auftaucht, von einem unbesiegbaren
Widerwillen dagegen ergriffen werden, es nicht über die Lippen, nicht
aus der Feder bringen. Und da ist auch gar kein Zweifel möglich; wer
überhaupt die Fähigkeit hat, solche Wörter zu erkennen, erkennt sie
sofort und erkennt sie alle. Er sagt sich sofort: das Wort nimmst
du nie in den Mund, denn das wird Mode. Und wenn zwei oder drei
zusammenkommen, die den Modewörterabscheu teilen, und sie vergleichen
ihre Liste, so zeigt sich, daß sie genau dieselben Wörter darauf
haben -- ein Beweis, daß es an den Wörtern liegt und nicht an den
Menschen, wenn manche Menschen manche Wörter unausstehlich finden.
Ihrer Ausdrucksweise merkt aber trotzdem niemand an, daß sie die Wörter
vermeiden, die klingt so modern wie möglich, niemand vermißt die
Modewörter darin. Gewiß gibt es auch unter den Modewörtern einzelne,
die an sich nicht übel sind. Aber das Widerwärtige daran ist, daß es
eben Modewörter sind, daß sie eine Menge andrer guter Wörter, die
bisher im Gebrauch waren, verdrängen, schließlich sogar in völlig
unpassendem Sinn angewandt werden und doch das bißchen Reiz, daß sie im
Anfange hatten, sehr schnell verlieren.
Im folgenden sollen einige Wörter zusammengestellt werden, die
entweder überhaupt oder doch in der Bedeutung, in der sie jetzt fast
ausschließlich angewandt werden, unzweifelhaft Modewörter sind. Die
meisten davon stehen jetzt in vollster Blüte; einige haben zwar ihre
Blütezeit schon hinter sich, sollen aber doch nicht übergegangen
werden, weil sie am besten zeigen können, wie schnell dergleichen
veraltet.
+Darbietung.+ Als solche wird jetzt alles bezeichnet, was in einem
Konzert oder an einem Vereinsabend geredet, gespielt oder gesungen
wird: die gelungenste +Darbietung+ des Abends -- die +Darbietungen+ des
diesjährigen Pensionsfondskonzerts -- das Programm enthielt auch einige
solistische +Darbietungen+ -- die literarischen +Darbietungen+ im Stil
der freien Bühne usw.
+Ehrung.+ Für +Ehrenbezeigung+ oder +Auszeichnung+. In +Ehrungen+ wird
jetzt ungemein viel geleistet.
+Note.+ Wofür? Ja, wer das sagen könnte! man schwatzt von einer
eignen, einer besondern, einer persönlichen, einer intimen +Note+:
das Leipziger Barock besitzt eine eigne +Note+ -- was dem Buche noch
eine besondre +Note+ gibt, ist, daß es ein späterer Papst geschrieben
hat -- ein Haus gibt seine intime +Note+ an ein andres Haus weiter --
wenn auch die Sammlung meist Kunstwerke enthält, so fehlt doch auch
die +Note+ des Absonderlichen nicht -- mit dem fußfreien Rock hat die
Modedame ihre Erscheinung auf die +Note+ des Mädchenhaften gestimmt.
Das letzte Beispiel ist völliger Unsinn, denn hier ist außerdem noch
+Note+ mit +Ton+ verwechselt.
+Prozent+ oder +Prozentsatz+. Für +Teil+. Aus der Sprache der
Statistik. Man sagt nicht mehr: über die +Hälfte+ aller Arbeiter,
sondern: über +fünfzig Prozent+ aller Arbeiter, nicht mehr: ein ganz
geringer +Teil+ der Künstler, sondern: ein ganz geringer +Prozentsatz+
der Künstler darf hoffen, als Bildhauer oder Maler vorwärts zu kommen.
Man sagt nicht: ein großer +Teil+ der Studenten ist faul, sondern
man klagt über den Unfleiß (!) eines großen +Prozentsatzes+ der
„Studierenden“.
+Rückschluß+, +Rückschlag+ und +Rückwirkung+. Für +Schluß+, +Einfluß+
und +Wirkung+. +Schlüsse+ und +Wirkungen+ gibt es nicht mehr, nur noch
+Rückschlüsse+ und +Rückwirkungen+. Von +Rück+- ist aber meist gar
nicht die Rede.
+Unstimmigkeit.+ Törichte Neubildung für +Widerspruch+,
+Meinungsverschiedenheit+, +Mißhelligkeit+. Es gibt +einstimmige+ und
+vierstimmige+ Lieder, es gibt auch +Einstimmigkeit+ bei Abstimmungen,
aber es gibt weder +Stimmigkeit+ noch +Unstimmigkeit+.
+Verfehlung.+ Mattherzig bemäntelndes Wort für +Verbrechen+,
+Vergehen+. Für Betrügereien, Unterschlagungen, Fälschungen,
Bilanzverschleierungen, betrügerische Bankerotte, Ehebrüche u. dgl.
sehr beliebt.