Die Wörter auf +ung+ bezeichnen zunächst eine Handlung, einen

Vorgang; +Bildung+, +Erziehung+, +Aufklärung+, +Einrichtung+ bedeuten

zunächst die Handlung, die Tätigkeit des Bildens, des Erziehens, des

Aufklärens, des Einrichtens. Aus dieser Bedeutung entwickelt sich

aber eine weitere, nämlich die des Ergebnisses, das die Handlung hat,

des Zustandes, der durch sie herbeigeführt worden ist; +Bildung+,

+Erziehung+, +Aufklärung+ bedeuten auch den Zustand des Gebildetseins,

des Erzogenseins, des Aufgeklärtseins, +Einrichtung+ auch das

Eingerichtete selbst. Vielfach hat nun die Sprache, um den Unterschied

zwischen der Handlung und ihrem Ergebnis zu bezeichnen, neben dem Wort

auf +ung+ noch ein kürzeres, meist mit Ablaut, unmittelbar aus dem

Stamme geschaffen, also eine starke Bildung neben der schwachen. So

haben wir +Anlage+ neben +Anlegung+, +Vorlage+ neben +Vorlegung+ und

können geradezu reden von der +Anlegung+ von Gas- und Wasser+anlagen+,

der +Vorlegung+ von Zeichen+vorlagen+. Da besteht nun schon seit

alter Zeit die Neigung, die Bildung auf +ung+ ganz zu beseitigen und

ihre Aufgabe der kürzern Form mit zu übertragen. So sind die Wörter

+Kaufung+ und +Verkaufung+ ganz verschwunden; heute bedeutet +Kauf+

und +Verkauf+ auch die Handlung des Kaufens und Verkaufens. Noch um

1800 sprach man von +Einführung+ und +Ausführung+ von Waren, und wenn

man mit etwas nicht einverstanden war, machte man eine +Einwendung+;

heute heißt es: +Einfuhr+, +Ausfuhr+, +Einwand+. Und diese Neigung

ist gegenwärtig sehr stark verbreitet: obwohl die Sprache eine

Unterscheidung an die Hand gibt, es ermöglicht, einen Unterschied zu

machen (wieder ein Beispiel: +Unterscheidung+ und +Unterschied+!),

verschmäht man ihn und redet von +Hingabe+, +Freigabe+, +Erwerb+

(in jedem Bande stand auf dem Titelblatte das Datum des +Erwerbs+!),

+Gewinn+, +Bezug+, +Vollzug+, +Entscheid+, +Entsatz+, +Ersatz+,

+Vergleich+, +Ausgleich+, +Aufgebot+, +Freispruch+ (des Angeklagten),

+Zusammenschluß+, wo +Hingebung+, +Freigebung+ (der Sonntagsarbeit),

+Erwerbung+ (eines Grundstücks oder der Staatsangehörigkeit),

+Gewinnung+ (Schlesiens), +Beziehung+, +Vollziehung+, +Entscheidung+,

+Entsetzung+ (Emin Paschas), +Ersetzung+, +Vergleichung+, +Aufbietung+

(aller Kräfte), +Zusammenschließung+ das Richtige wäre, weil eine

Handlung gemeint ist. Vor dem letzten Einzug des Königs in Leipzig

schilderte ein Zeitungschreiber, wieviel fleißige Hände mit dem

+Ausschmuck+ der Straßen beschäftigt wären. In den nächsten Tagen

plapperten das dumme Wort alle Leipziger Zeitungen nach![157]

Andrerseits: da, wo die Sprache wirklich beides, Handlung und Zustand,

mit demselben Worte, und zwar auf +ung+, ausgedrückt hat, schafft man

künstlich einen Unterschied durch häßliche Neubildungen auf +heit+

(sie schießen wie Pilze aus der Erde!) und läßt die Menschen aus

+Geneigtheit+ oder +Abgeneigtheit+, in der +Zerstreutheit+, in der

+Verzücktheit+, in der +Verstimmtheit+, in der +Aufgeregtheit+, in

der ersten +Überraschtheit+, mit +Gefaßtheit+, unter Merkmalen von

+Geistesgestörtheit+ oder gar +geistiger Gestörtheit+ tun, was sie

früher aus +Neigung+ oder +Abneigung+, in der +Zerstreuung+, in der

+Verzückung+, in der +Verstimmung+, in der +Aufregung+, in der ersten

+Überraschung+, mit +Fassung+, in einem Anfalle von +Geistesstörung+

taten. Ja man redet sogar von künstlerischer +Abgeklärtheit+, von

religiöser +Aufgeklärtheit+, von der +Isoliertheit+ eines Gebäudes, von

der +Vertiertheit+ des Proletariats und sieht mit +Gespanntheit+ den

kommenden Ereignissen entgegen. Hier überall gilt es, die Bildung auf

+ung+ vor der häßlichen Nebenbildung auf +heit+ zu schützen und das

einschlummernde Sprachgefühl wieder zu wecken. Der Straf+vollzug+,

von dem die Juristen immer reden, ist ein Greuel, der doch aus

unsrer Sprache wieder hinauszubringen sein müßte; ebenso die innige

+Hingabe+.[158] Wird jemand +Anziehung+ und +Anzug+ oder +Abtretung+

und +Abtritt+ oder +Eingebung+ und +Eingabe+ verwechseln und sagen:

er tat das aus göttlicher +Eingabe+? Das fürchterlichste ist wohl der

+Bezug+. Früher kannte man +Bezüge+ nur an Bettkissen, Stuhlpolstern

und Regenschirmen. Jetzt steht +Bezug+ überall für +Beziehung+, und

da nun die, die das Wort so gebrauchen, die Bedeutung der Handlung

dabei doch nicht recht fühlen, was haben sie gemacht? Sie haben das

herrliche Wort +Bezugnahme+ erfunden. Das kann man doch bequemer haben:

was mühselig durch das zusammengesetzte Wort +Bezugnahme+ ausgedrückt

werden soll, das liegt ja in dem einfachen Worte +Beziehung+!

Vertauschung der Hilfszeitwörter

Eine vollständige Verschiebung scheinen manche jetzt unter den

Hilfszeitwörtern (+können+, +mögen+, +wollen+, +dürfen+, +sollen+,

+müssen+) durchsetzen zu wollen. Und +warum+? Aus bloßer Ziererei, nur,

um es einmal anders zu machen, als es bisher gemacht worden ist. Da

schreibt einer: es +mag+ für ältere Mitglieder von Interesse sein die

Mitgliederliste kennen zu lernen. Nun denkt man, er werde fortfahren:

aber für die jüngern hat es kein Interesse, und darum teile ich sie

nicht mit. Nein, er teilt sie mit! Er hat also sagen wollen: die Liste

+kann+ oder +wird vielleicht+ von Interesse sein, darum will ich sie

mitteilen. Eine Zeitschrift macht bekannt: Abonnenten +wollen+ die

Fortsetzung bei der Expedition bestellen -- ein Realschuldirektor

schreibt: Neuphilologisch geschulte Bewerber +wollen+ ihre Gesuche

bis zum 1. Dezember einreichen. Das ist doch nichts als Nachäfferei

des Französischen (~veuillez~); deutsch kann es nur heißen: +mögen+

sie einreichen, oder wenn das nicht höflich genug scheint, +werden

gebeten+, +werden ersucht+, sie einzureichen. Noch alberner ist es, ein

solches +wollen+ mit dem Passivum zu verbinden: die Redaktion +wolle+

angewiesen werden (statt: es wird gebeten, die Redaktion anzuweisen)

-- das Testament +wolle+ in Verwahrung genommen werden -- das Öffnen

der Fenster +wolle+ den Schaffnern aufgetragen werden -- es +wolle+

sich gefälligst des Tabakrauchens enthalten werden. Sehr beliebt ist

es auch jetzt, zu schreiben: ich +darf+ endlich noch hinzufügen --

hier +darf+ zum Schluß noch angeführt werden usw. Darf? Wer erlaubt es

denn? Der Schreibende erlaubt es sich doch selber, er nimmt es sich

heraus. Er kann also doch nur sagen: hier +darf wohl+ zum Schluß noch

angeführt werden; mit dem +wohl+ sucht man sich höflich der Zustimmung

des Lesers zu versichern. Ganz abgeschmackt ist der Mißbrauch, der

jetzt mit +sollen+ getrieben wird. Da wird geschrieben: eines nähern

Eingehens auf diese Punkte glaube ich mich enthalten zu +sollen+ --

wir glauben, diesen Satz auf das ganze Werk ausdehnen zu +sollen+ --

der Heilige Vater glaubt dich ermuntern zu +sollen+, in der begonnenen

Arbeit fortzufahren -- wir glaubten die Eröffnung +nicht+ vornehmen zu

+sollen+, ohne die maßgebenden Persönlichkeiten dazu einzuladen -- im

Interesse des Publikums hat die Behörde geglaubt, den Betrieb +nicht+

in städtische Regie nehmen zu +sollen+. +Sollen+ bezeichnet einen

Befehl, einen Auftrag. In den angeführten Beispielen aber handelt sichs

entweder um eine Möglichkeit oder eine Notwendigkeit. Weshalb also

nicht +können+, +müssen+, +dürfen+? Es ist nichts als dumme Ziererei.

Der Dritte und der Andre

Viele Menschen können jetzt tatsächlich nicht mehr „bis drei zählen“,

sondern lassen auf den Ersten gleich den Dritten folgen. Sie schreiben:

bei allem, was ich unternommen habe, hat mich nichts verleiten können,

das Recht eines +Dritten+ zu verletzen -- an einer neuen Entdeckung

ging er gleichgiltig vorbei; sobald sie aber durch einen +Dritten+

verballhornt war, erhob er den Kopf -- mein Bauplan würde ganz umsonst

gemacht sein, wenn dann ein +Dritter+ den Bauplatz bekäme -- bei

einer solchen Verpachtung würde die Stadtgemeinde das Eigentumsrecht

behalten und nur auf eine Reihe von Jahren einem +Dritten+ ein

Benutzungsrecht einräumen -- auch der Künstler, der aus innerm Drange

schafft, wird früher oder später erlahmen, wenn er fortwährend zusehen

muß, wie +Dritte+ den ihm zukommenden Ruhm genießen -- die juristische

Wissenschaft zeigt dem Verwaltungsbeamten die Schranken, die seinem

Handeln durch entgegenstehende Rechte +Dritter+ gesetzt sind -- ich

hätte die Aufgabe ohne die freundliche Hilfe +Dritter+ nicht bewältigen

können -- das Mißtrauen in (!) seine Begabung, unter dem er durch

+Dritte+ zu leiden hatte -- die Anerkennung, die sich als Ausbeutung

seines geistigen Eigentums seitens (!) +Dritter+ darstellt -- die

sekundäre Art der Komposition, über Themen +Dritter+ zu phantasieren

-- Akten über innere Verwaltungssachen und Verträge mit +Dritten+

werden nicht mitgeteilt -- da die Mitglieder entfernt wohnen, so

lag es nahe, ihre Befugnisse auf +dritte+ Personen zu übertragen

-- wegen des Zeitverlustes, den mir die Arbeit an +dritter+ Stelle

machen würde, bitte ich mir die Bücher in meine Wohnung zu senden. Ein

Lokalrichter macht bekannt, er habe Waren im Auftrage eines +Dritten+

zu versteigern -- eine Zeitung berichtet, daß ein Klempner von einem

Baugerüst gefallen, ein Verschulden +Dritter+ an dem Unglücksfall aber

ausgeschlossen sei -- eine andre erzählt: der junge Mann besuchte

darauf ein Restaurant, wo möglicherweise +dritte+ Personen von seinem

Gelde Kenntnis erlangten.

Der Unsinn stammt natürlich aus Juristenkreisen. Die Herren Juristen

sind so daran gewöhnt, mit zwei Parteien zu tun zu haben, zu denen

dann irgend ein „Dritter“ kommt, daß ihnen schließlich der Dritte auch

da in die Feder läuft, wo gar nicht von zweien die Rede gewesen ist;

er vertritt schon vollständig die Stelle des Andern. Und andre Leute

machen es gedankenlos nach.

Verwechslung von Präpositionen

Mancherlei Verwirrung herrscht auch auf dem Gebiete der Präpositionen.

So werden z. B. sehr oft +durch+ und +wegen+ verwechselt, obwohl

sie doch so leicht auseinanderzuhalten wären, denn +durch+ gibt das

Mittel, +wegen+ den Grund an. Da wird z. B. geschrieben: das Buch ist

+durch+ seine prachtvolle Ausstattung ein wertvolles Geschenk -- die

Marienkirche enthält viele +durch+ Kunst und Geschichte bemerkenswerte

Sehenswürdigkeiten -- der Streit ist +durch+ seine lange Dauer von

mehr als bloß örtlicher Bedeutung gewesen -- +durch+ die verkehrte

Methode seines Lehrers machte er lange Zeit keine Fortschritte --

Falb, der +durch+ seine kritischen Tage vielgenannte Wetterprophet

-- die Mißernten bleiben dann nur noch +durch+ Regen zu fürchten --

+durch+ körperliches Leiden ist als sicher anzunehmen, daß sie sich

ein Leid angetan hat -- +durch+ sein liebenswürdiges und aufrichtiges

Wesen werden wir stets seiner in Ehren gedenken. In allen diesen

Sätzen muß es +wegen+ heißen, denn man fragt hier nicht: wodurch?

sondern weshalb oder warum? Ebenso werden +für+ und +vor+, +für+ und

+zu+, +für+ und +über+ oft vertauscht. Früher hatte man Liebe +zu+

jemand, faßte Neigung +zu+ jemand, hegte Achtung +vor+ etwas, hatte

Sinn, Gefühl, Interesse +für+ etwas; jetzt gilt es +für+ fein, das

alles durch +für+ zu erledigen: daher seine merkwürdige +Neigung für+

alle Verkommnen und Gescheiterten -- wir haben +Achtung für+ den

realistischen Geist -- der Sozialismus hat wenig +Achtung für+ rein

geistige Arbeit. Eine Stadtgemeinde gibt Verwaltungsberichte heraus

+für+ das abgelaufene Jahr. Nein, Kalender und Adreßbücher druckt man

+für+ ein Jahr, Berichte schreibt man +über+ ein Jahr. Früher sagte

man: +von+ heute +an+. Jetzt liest man nur noch: +von+ heute +ab+,

+von+ Montag +ab+, +vom+ 1. Januar +ab+. Warum denn +ab+? Man bildet

sich doch nicht etwa ein, +ab+ könne hier in dem Sinne stehen wie auf

den Eisenbahnfahrplänen, wo es den Ausgangspunkt bezeichnet? Nein, es

bedeutet die Richtung. +Von+ Kindesbeinen +an+ -- das will sagen, daß

der Weg von der Kindheit in die Höhe führe (vgl. +hinan+, +bergan+);

noch deutlicher sagt es: +von+ Jugend +auf+. Bei dem neumodischen

+von+ -- +ab+ hat man immer die Vorstellung, als ob alles, was jetzt

unternommen wird, von Anfang an dazu verurteilt wäre, bergab zu gehen.

Besonders anstößig ist es, wie oft sich -- offenbar unter dem Einflusse

des Lateinischen -- die Präposition +in+ an Stellen drängt, wo sie

nicht hingehört. In gutem Deutsch hat man Vertrauen +zu+ jemand,

Hoffnung +auf+ jemand und Mißtrauen +gegen+ jemand. Das wird jetzt

alles durch +in+ besorgt: man hat Vertrauen +in+ die Kriegsleitung

(scheußlich!), verliert die Zuversicht +in+ sich selbst, ist ohne jedes

persönliche Mißtrauen +in+ die Behörden und setzt seine Hoffnung +in+

die Zukunft. Ja die Juristen reden sogar von einer Vollstreckung +in+

verschuldeten Besitz, einer Zwangsvollstreckung +in+ Liegenschaften

und verurteilen einen Angeklagten +in+ die Kosten. Das alles ist

schlechterdings kein Deutsch, es ist das offenbarste Latein. Früher

ging man auch +auf+ einem Wege vorwärts, und nur wenn einen auf

diesem Wege jemand hinderte, sagte man: er tritt mir +in+ den Weg,

er steht mir +im+ Wege, er mag mir +aus+ dem Wege gehen. Unsre

Juristen aber möchten nur noch +im Wege+ vorwärtsgehen oder vielmehr

„vorschreiten“, sei es nun +im Wege+ der Gesetzgebung oder +im Wege+

der Polizeiverordnung oder +im Wege+ der einstweiligen Verfügung oder

+im Wege+ des Vergleichs oder +im Wege+ der Güte oder +im Wege+ der

Anregung. Man denkt sich die Herren unwillkürlich in einer Schlucht

oder einem Hohlwege stehen, „rings von Felsen eingeschlossen“, wenn

sie so „im Wege vorschreiten“. In der Juristensprache bedeutet aber

doch wenigstens das Wort den eingeschlagnen Weg, das Verfahren; der

Jurist beschreitet ja auch den +Klageweg+ oder verweist einen Klienten

auf den +Beschwerdeweg+. Wenn aber gar eine Bibliothek berichtet, daß

ihr Bücher zugegangen seien +im Wege+ der Schenkung, des Tauschs oder

des Kaufs, so ist das doch völlig abgeschmackt, denn da ist doch nur

von der Art und Weise die Rede: die Bücher sind ihr +durch+ Schenkung,

Tausch oder Kauf zugegangen.

Im Buchdruck und Buchhandel, wo man sich gegenwärtig durch

Absonderlichkeiten aller Art zu überbieten sucht -- in der Wahl

der Schriften, in der Einrichtung der Kolumnen, in der Fassung und

Anordnung der Titel, in der Angabe des Verlags --, müssen auch die

Präpositionen mit herhalten: ein Buch wird nicht mehr +von+ jemand

herausgegeben und verlegt, sondern herausgegeben wird es +durch+ jemand

(herausgegeben +durch+ Hans Helmolt) und verlegt wird es +bei+ jemand

(verlegt +bei+ Eugen Diederichs). Gedruckt +bei+ -- das hat Sinn. Aber

verlegt +bei+ -- da fragt man doch: verlegt es denn der Herr nicht

selbst? wer sind denn die Hintermänner, die es +bei+ ihm verlegen?

Zu den neuesten Dummheiten gehört es auch, daß man die Präposition

+nach+ gebraucht in einem Falle, wo sie nicht hingehört, und sie nicht

gebraucht in einem Falle, wo sie hingehört. Man schreibt nicht mehr:

+nach+ der und der Zeitung oder dem und dem Telegramm ist das und das

geschehen, sondern: +zufolge+ (!) der Zeitung oder des Telegramms, als

ob die Zeitung oder das Telegramm die Ursache, die Veranlassung des

Ereignisses wäre. Da ist hier eine Ministerkrisis ausgebrochen, dort

ein Luftschiffer verunglückt, hier beim Rennen ein Pferd gestürzt, dort

ein Leprafall vorgekommen, alles +zufolge+ von Zeitungen! Es ist zu

dumm. Man kann es aber alle Tage lesen. Andrerseits geht man aber nicht

mehr +zu+ Schulze, sondern +nach Schulze+, ja man schreibt sogar +nach

Schulze+ und schickt einen Brief +nach Schulze+ (statt: +an Schulze+).

In meiner Kindheit ging man noch +zu Hause+, so gut wie man +zu Tische+

und +zu Bette+ ging, und wie der Krug so lange +zu Wasser+ geht, bis er

bricht. Dann hieß es auf einmal: +zu Hause+ auf die Frage wohin? sei

nicht fein, man müsse sagen: +nach Hause+. Vielleicht wird auch +nach

Schulze+ noch fein. Feine Leute schicken aber auch ihre Kinder nicht

mehr +in+ die Schule, sondern +zur+ Schule. Geht Ihre Kleine schon

+zur+ Schule? heißt es. Da wird sie nicht viel lernen, wenn sie bloß

+zur+ Schule geht; sie muß hineingehen!

Hin und her

Auch für den Unterschied von +hin+ und +her+ scheinen nur wenig

Menschen noch ein Gefühl zu haben; daß +hin+ die Richtung, die Bewegung

von mir weg nach einem andern Orte, +her+ die Richtung, die Bewegung

von einem andern Orte auf mich zu bedeutet -- man vergleiche +geh hin!+

mit +komm her!+ --, wie wenige wissen das noch! In ihrem Sprachgebrauch

wenigstens, dem mündlichen wie dem schriftlichen, wird +hinein+ und

+herein+, +hinaus+ und +heraus+, +hinan+ und +heran+, +hinauf+ und

+herauf+ fortwährend zusammengeworfen. Ein klassisches Beispiel dieser

Verwirrung ist die gemeine Redensart: er ist +reingefallen+. Daß jemand

in eine Grube +hereingefallen+ sei, kann man doch nur sagen, wenn man

selber schon drinliegt. Die aber, die mit Vorliebe diese Redensart im

Munde führen, fühlen sich doch stolz als draußen stehend, sie stehen

oben am Rande der Grube und blicken schadenfroh auf das Opfer, das

unten liegt. Das Opfer ist also +hinein+gefallen oder +nein+gefallen.

Wer auf der Straße bleibt, kann nur sagen: +Geh hinauf+ und wirf mir

den Schlüssel +herunter+! Wer oben am Fenster steht, kann nur fragen:

Willst du +heraufkommen+, oder soll ich dir den Schlüssel +hinunter

werfen+? Aber der Volksmund, auch der der Gebildeten, drückt jetzt

beides durch +rauf+ und +runter+ aus, es gilt das jetzt offenbar für

feiner als +nauf+ und +nunter+. Wenn auch niemand drin ist, ich will

doch mal +rein+sehen -- so sagen auch gebildete Leute. Wenn zwei

an einem Graben stehen, der eine hüben, der andre drüben, so kann

jeder von beiden fragen: Willst du +herüber+springen, oder soll ich

+hinüber+springen? Heute springen beide nur noch +rüber+: Willst +du+

rüberspringen, oder soll +ich+ rüberspringen? Die Herren von der Feder

aber machens nicht besser, auch sie verwechseln +hin+ und +her+. Nicht

bloß der Zeitungschreiber schreibt: bis in die jüngste Zeit +hinein+,

auch der Historiker: auf die Sturm- und Drangzeit folgte die klassische

Periode, die in unser Jahrhundert +hinein+ragt. Jeder ist aber doch

drin in seinem Jahrhundert! In einem Raum oder Zeitraum, worin wir

uns befinden, kann doch etwas nur +hereinragen+. Etwas andres ist es,

wenn von einer Erscheinung des sechzehnten Jahrhunderts gesagt wird,

sie lasse sich bis ins siebzehnte Jahrhundert +hinein+ verfolgen; das

ist richtig, denn wir sind nicht drin im siebzehnten Jahrhundert.

Umgekehrt aber wird geschrieben: wir fragen nicht, was in das Bild

alles +herein+geheimnist ist (+hinein+!) -- über das Zellensystem kommt

der Architekt nun einmal nicht +heraus+ (+hinaus+!) usw.

Nun ist es freilich eine merkwürdige Erscheinung, daß bei allen

Zeitwörtern mit übertragner Bedeutung, bei denen man die Vorstellung

einer äußern Richtung nur noch undeutlich oder gar nicht mehr

hat, +hin+ vollständig durch +her+ verdrängt worden ist; man sagt

z. B.: sich +herab+lassen, mit Verachtung +herab+blicken, den Preis

+herab+setzen, ein Buch +heraus+geben, in seinen Vermögensverhältnissen

+herunter+kommen u. a. Die Neigung, +her+ dem +hin+ vorzuziehen,

ist also augenscheinlich in der Sprache vorhanden. Man sollte aber

doch meinen, daß überall da, wo noch deutlich eine äußere Richtung

ausgedrückt wird, eine Verwechslung unmöglich sei. Wie kann man also

sagen, daß die Steuern +herauf+geschraubt werden? Wir stehen doch

unten und möchten auch gern unten bleiben; also werden die Steuern

+hinauf+geschraubt. Wir erhielten Befehl, an den Feind +heran+zureiten

-- wer kann so schreiben? Der Feind kann wohl an uns +heran+reiten,

wir aber an den Feind doch nur +hinan+. Eine bittre Pille oder einen

Vorwurf -- schluckt man sie +herunter+ oder +hinunter+? Da man sein

Ich lieber im Kopfe denkt als im Magen, so kann man sie doch nur

+hinunter+schlucken. Er sah zu mir +hinauf+ -- Unsinn! Ich und mein

Kopf, wir sind doch oben.

Auch sonst, nicht bloß bei +hin+ und +her+, wird der örtliche Gegensatz

jetzt oft verwischt. +Hüben+ und +drüben+ wird allenfalls noch

unterschieden, aber +haußen+ und +hinnen+ getraut sich kaum noch jemand

zu schreiben; jetzt heißt es: sie holen von +draußen+, was +drinnen+

fehlt. Aber wo bin ich denn, der Schreibende? Irgendwo muß ich mich

doch denken!

Ge, be, ver, ent, er

Wenn auf solche Weise Wörter mißverstanden und miteinander verwechselt

werden können, deren Sinn und Bedeutung man sich mit ein wenig

Nachdenken noch klarmachen kann, um wieviel mehr sind Wörter dem

Mißverständnis und dem Mißbrauch ausgesetzt, wie die kleinen Präfixe

+ge+, +be+, +ver+, +ent+, +er+, deren Bedeutung nicht mehr klar zutage

liegt, sondern nur noch mehr oder weniger dunkel gefühlt wird! Wie

oft wird +brauchen+ und +gebrauchen+ verwechselt! Und doch heißt das

eine +nötig haben+, das andre +anwenden+. Wie oft liest man das dumme

+belegen+ sein (ein Haus ist in der oder der Straße +belegen+), wie

oft das gespreizte +beheben+ (die Hindernisse werden sich hoffentlich

+beheben+ lassen), wie oft das widersinnige +beeidigen+ (die Zeugen

wurden +beeidigt+)! Man kann eine Aussage +beeidigen+, aber nicht

einen +Zeugen+. Im gewöhnlichen Leben sagt man: hier wird Trottoir

+gelegt+; sowie es aber eine Tiefbauverwaltung besorgt, dann wird es

+verlegt+. Warum denn +ver+? Was man +verlegt+ hat, das findet man

doch nicht wieder. Wie oft muß man das lächerliche +entnüchtern+ lesen

(statt +ernüchtern+), auch schon +entwehren+ (statt +erwehren+)! Wird

jemand +entledigen+ und +erledigen+ verwechseln? Wie abgeschmackt

ist der Gebrauch von +entfallen+ und +entlohnen+, mit dem sich jetzt

täglich die Zeitungen spreizen! Fabrikarbeiter werden ja nicht mehr

bezahlt, sie werden nur noch +entlohnt+, der deutsche Lehrerstand

hat stets die Ideale treu gepflegt trotz kärglicher +Entlohnung+,

und von der Fernsprechstelle Berlin-Wien, die 660 Kilometer beträgt,

+entfallen+ 430 auf österreichisches und 230 auf deutsches Gebiet.

Warum denn +ent+? Wem +entfallen+ sie denn? Es wird aber auch nichts

mehr +gehofft+, sondern alles nur +erhofft+ (der +erhoffte+ Erfolg

blieb aus.) Das allerschönste aber ist +erbringen+, das in keiner

Zeitungsnummer fehlt. Beweise und Nachweise, die früher +gebracht+ oder

+geliefert+ wurden und im Volksmunde noch jetzt +gebracht+ werden, in

der Zeitung werden sie nur noch +erbracht+. Ja selbst Tatsachen werden

schon +erbracht+ (die neue Verhandlung hat eine ganze Reihe neuer

Tatsachen +erbracht+), Beispiele (Koschat +erbringt+ dafür ein lebendes

Beispiel -- schreibt der Musikschwätzer), Erträge (die Staatsforsten

+erbringen+ einen Ertrag von einer Million Mark) und sogar Spuren

(von einem Sinken des Richterstandes ist bis jetzt noch keine Spur

+erbracht+). Warum denn +er+? was heißt denn +er+?

Er ist verwandt mit +ur+, wie +erlauben+ neben +Urlaub+ zeigt, und

beide bedeuteten +aus+. Diese ursprüngliche Bedeutung von +er+ ist

in vielen zusammengesetzten Zeitwörtern noch sehr gut zu fühlen:

gewöhnlich bedeuten sie den Anfang oder das Ende einer Handlung,

wie auch das Wort +ausgehen+ beides bedeutet (vgl. wir sind davon

+ausgegangen+, und: die Sache ist übel +ausgegangen+). Den Anfang einer

Handlung bezeichnet +er+ z. B. in +erblühen+, den Endpunkt dagegen

in +erlangen+, +erreichen+, +erfinden+, +erfüllen+, +ertrinken+,

+ersticken+. Weislingen im Götz sagt mit bewußter Unterscheidung:

ich +sterbe+ und kann nicht +ersterben+. Was da +erhoffen+ bedeuten

soll, ist unverständlich; es könnte doch nur heißen: so lange auf

etwas hoffen, bis es eintritt. Jedenfalls ist es ein Widerspruch, zu

sagen: der +erhoffte+ Erfolg blieb aus, es genügt der +gehoffte+.

Auch ein Brief kann nicht +eröffnet+ werden, wie die Post sagt

(amtlich +eröffnet+!), sondern einfach +geöffnet+; eine Aussicht wird

mir +eröffnet+, ein Beschluß der Behörde, auch ein neues Geschäft;

dann wird es aber jeden Morgen nur +geöffnet+. Auch weshalb die

Eisenbahndirektion Sonntags einen Sonderzug +erstellt+, ist nicht

einzusehen; man ist doch schon zufrieden, wenn sie ihn +stellt+. Das

törichtste aber sind die +erbrachten+ Beweise, Nachweise, Belege,

Beispiele, Erträge und Spuren. Einen Beweis oder Nachweis +erbringen+

könnte zur Not einen Sinn haben, wenn man damit den durchgeführten,

bis aufs letzte Tüpfelchen gelungnen Beweis im Gegensatz zu dem

bloß versuchten bezeichnen wollte. Aber daran ist in den seltensten

Fällen zu denken, +erbringen+ wird mit ganz gedankenlosem Gespreiz

für +bringen+ gesagt. In +bringen+ liegt ja schon der Begriff des

Vollendens, des Beendigens; +bringen+ verhält sich zu +tragen+ wie

+treffen+ zu +werfen+. Man könnte schließlich auch sagen: Kellner,

+erbringen+ Sie mir ein Glas Bier!

+Ent+ (urverwandt mit dem lateinischen ~ante~ und dem griechischen

ἀντί, vgl. Antlitz, Antwort) bedeutet eigentlich +vor+, +gegen+,

+gegenüber+. Mit Zeitwörtern zusammengesetzt, drückt es daher zunächst

aus, daß sich von einem Ganzen ein Teil ablöst und ihm als ein

selbständiges Ganze gegenübertritt, so in +entstehen+, +entspringen+.

Daraus entwickelt sich dann überhaupt der Begriff der Trennung, Lösung,

Befreiung und auch Beraubung, wie in +entkommen+, +entfliehen+,

+entwenden+, +entlehnen+, +entkleiden+, +enthüllen+, +entblättern+,

+entkräften+, +entthronen+, +entfesseln+, +entlarven+, und endlich,

bei gänzlicher Verblassung der eigentlichen Bedeutung, eine bloße

Verstärkung des Verbalbegriffs, wie in +entlassen+, +enttäuschen+,

+entfremden+. Wenn man neuerdings +entrechten+ und +enthaften+ gebildet

hat, so ist dagegen nichts weiter einzuwenden, als daß das zweite Wort

recht überflüssig ist. +Entlohnen+ aber kann doch nur heißen: einem

seinen Lohn wegnehmen (wahrscheinlich hat der Schöpfer des Wortes

zugleich an +lohnen+ und +entlassen+ gedacht) und +entnüchtern+ nur:

einen betrunken machen, und was das +ent+ in einem Satze wie: auf den

Quadratkilometer +entfallen+ 200 Seelen -- bedeuten soll, ist gänzlich

unverständlich. Man könnte ebensogut sagen: auf den Quadratkilometer

+entkommen+ 200 Seelen.[159] Auch wenn Bibliotheken um gütige

+Entleihung+ oder +Entlehnung+ eines Buches gebeten werden, so ist

das sinnwidrig; die Bibliothek +verleiht+ ihre Bücher, der Leser aber

+leiht+ oder +entleiht+ sie.

Lebhafter Streit ist darüber geführt worden, ob es richtig sei,

zu sagen: er +entblödete sich nicht+. Das Grimmische Wörterbuch

erklärt die Verneinung bei +sich entblöden+ für falsch. In der Tat

liegt es auch am nächsten, +sich entblöden+ mit Zeitwörtern wie

+entbehren+, +enthüllen+, +entschuldigen+, +entführen+, +entwischen+

zu vergleichen, sodaß es bedeuten würde: +die Blödigkeit+ (d. h.

Schüchternheit) +ablegen+, +sich erdreisten+, +sich erfrechen+. Dann

wäre natürlich die Verneinung falsch, denn +sich erdreisten+ -- das

will man ja gerade mit +sich nicht entblöden+ sagen. Neuerdings

ist aber darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Vorsilbe +ent+

hier gar nicht verneinenden (privativen) Sinn habe, sondern wie in

+entschlafen+, +entbrennen+, +entzünden+, +entblößen+ das Eintreten in

einen Zustand bezeichne, sodaß sich +entblöden+ bedeuten würde: +sich

schämen+, +sich scheuen+, und die Verneinung davon: +sich erdreisten+.

Die Unsicherheit über die eigentliche Bedeutung des Wortes bestand

schon im achtzehnten Jahrhundert. Wieland schreibt bald: Verwegner,

darfst du +dich entblöden+ (d. h. dich erfrechen), bald: du solltest

+dich entblöden+ (d. h. dich schämen). Das Klügste wäre, man gebrauchte

eine Redensart überhaupt nicht mehr, die so veraltet und in ihrer

Bedeutung so verblichen ist, daß ihr niemand mehr unmittelbar anfühlt,

ob sie mit oder ohne Verneinung das ausdrückt, was man ausdrücken will.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 28 / 41 段