Ein vierter, sehr häufiger Fehler, aus dem das gerade Gegenteil eines

fließenden Stils entspringt, besteht darin, daß ein ~casus obliquus~

eines Hauptworts so im Satze gestellt wird, daß er beim ersten Lesen

entweder nicht erkannt wird oder falsch bezogen werden muß. Sehr

gewöhnlich ist es z. B., daß ein Satz mit einem Akkusativ angefangen

wird, der, weil er ein Femininum, ein Neutrum oder ein Plural ist oder

keinen Artikel hat, nicht eher als Akkusativ erkannt wird, als bis

-- oft ziemlich spät -- das Subjekt folgt[153]; bis dahin hält ihn

jeder Leser für den Nominativ, also für das Subjekt des Satzes, z. B.:

+die Pflege+ und die Wartung des jüngsten Kindes besorgt die Hausfrau

selbst -- +die Frage+, ob es richtig war, auch die schon seit längerer

Zeit ansässigen Einwandrer auszuweisen, untersuche ich hier nicht --

+seine Erziehung+ hatte bisher nach der allgemeinen Gewohnheit in

hochadligen Familien ein Priester geleitet -- die beste +Schilderung+

Corneliens, zugleich ein herrliches Denkmal dankbarer Liebe, haben

wir in Wahrheit und Dichtung -- die +harmlose Geselligkeit+ der

anständigen Restaurationen will der Ankläger nicht gemeint haben --

+die Einreihung+ der nicht teuern Bände in jede Familienbibliothek

befürworte ich aufs wärmste -- +das Orchester+ führte schneidig

und mit Umsicht Herr Kapellmeister P. -- +das große Pferd+, dessen

mythologische Bedeutung schon durch die Statue auf der Säule nahegelegt

wird, hat Thausing als Herkules gedeutet -- +das geistige Leben+

beherrscht auf der einen Seite die bald in scholastischer Erstarrung

erstickende lutherische Theologie, auf der andern der Jesuitismus --

+anerkannte Namen+ von bestem Klange wie aufstrebende neue Talente hat

unsre Mitarbeiterliste aufzuweisen -- des Kaisers +Sieg+ bei Mühlberg,

nach dem die Tage des Evangeliums gezählt schienen, feierte Agricola

durch einen Dankgottesdienst -- +die Herren+, die sich an unserm

Fortbildungskursus beteiligen wollen, ersuchen wir usw. Aber auch andre

Fälle solcher falscher Beziehungen kommen vor, wie folgende Beispiele

zeigen (das Mißverständnis, in das jeder Leser zunächst verfällt, soll

durch den Druck hervorgehoben werden): +diese volle Unabhängigkeit+

fordernde Stelle -- +in einem Ende+ November 1862 an das Ministerium

gerichteten Schreiben -- die Sozialdemokratie besteht noch +in dem

Staate+ gefahrdrohender Weise -- der Staatsbetrug der Armeelieferanten

ist mir lieber als +der der Staatsteile+ verschachernden Fürsten -- es

handelt sich um +eine sehr weite+ Kreise interessierende Angelegenheit

-- um sie +zu allen Anforderungen+ entsprechenden Soldaten zu machen --

die Absicht, den Platz +mit dem Festzweck+ entsprechenden Dauerbauten

zu versehen -- sie hat ihm +zu seinem Aufsehen+ erregenden Mädchenbilde

gesessen -- mit Rücksicht +auf die Befähigten+ zu erteilende Ausbildung

-- das nationale Gefühl ist +durch Jahrhunderte+ lange Trennung

geschwächt -- die beiden Täler werden +von Steinforellen+ enthaltenden

Bächen durchflossen -- diese Konglomerate von +kleinlichen,

detaillierten Spezialforderungen+ anzupassenden Verwaltungsräumen --

+es traten sich mühsam+ mit der Gitarre begleitende Sängerinnen auf usw.

In allen diesen Sätzen verbindet man im ersten Augenblicke falsch; im

nächsten Augenblicke sieht man natürlich die richtige Verbindung, aber

seinen Rippenstoß hat man weg.

Viele Druckseiten könnten hier mit Beispielen der verschiedensten

Art gefüllt werden, die alle darauf hinauslaufen, daß der Leser beim

ersten Lesen falsch versteht, an einer gewissen Stelle merkt, daß er

falsch verstanden hat, und deshalb umkehren und das Gelesene gleichsam

umdenken muß. Sehr häufig ist der Fall, daß dem Schreibenden bei

einem Fürwort, einem Partizip, einem Adverb ein erst später folgendes

Hauptwort oder Zeitwort vorschwebt, während es der Leser, der das nicht

wissen kann, auf ein schon dagewesenes bezieht. Welche Störung dann!

Da wird z. B. geschrieben: in Berlin gelang es +Bandel+ nicht, festen

Fuß zu fassen; mit der brutalen Deutlichkeit, die +ihm+ eigen war,

erklärte ihm +Schadow+ usw. (hier wird jeder Leser +ihm+ zunächst auf

Bandel beziehen, während es auf Schadow gehen soll) -- die Gedichte

wurden meine Einführungsbriefe bei den Dichtern Münchens, die ich fast

alle in diesen Jahren im Hause meines Vaters kennen lernte; als +Glied

des Leseausschusses+, als Regisseur, als Träger der Heldenrollen und

wahrlich nicht am wenigsten als einsichtsvoller und wohlwollender

Berater, als ein in allen Stücken prächtiger Mann war +er+ von den

Herren gar eifrig gesucht (hier bezieht der Leser alle die schönen

Prädikate des zweiten Satzes auf +ich+, bis er zuletzt merkt, daß sie

sich auf +er+ beziehen) -- wie sehr unsre Landsleute am Vaterlande

hängen, bewies die reiche +Spende+, die sie zum Bismarckdenkmal

herübersandten. In herrlichem Gartengrün +verborgen, umgeben+ von

tropischer Blumenpracht, hat der deutsche Verein in Honolulu sein

+eignes Heim+ (hier versucht man, die Partizipia +verborgen+ und

+umgeben+ zunächst auf +Spende+ zu beziehen, bis man endlich merkt,

daß sie zu +Heim+ gehören sollen) -- diese Idee +kam+ von außen, +aus+

der römisch gebildeten +Umgebung+ des Königs und aus den Bedürfnissen

des römischen Papsttums +erwuchs sie+ (hier merkt man erst, daß man

das zweite +aus+, und was darauf folgt, fälschlich mit +kam+ verbunden

hat) -- obgleich ich nicht wußte, ob ich sitzen bleiben dürfte oder

mich zurückziehen müßte, blieb ich doch +sitzen+. +So sehr+ hatte

mich die bewundernswerte Persönlichkeit des Grafen gefangen genommen,

daß ich selbst die gewöhnlichsten Gesellschaftsregeln +außer acht

ließ+ (hier bezieht man +so sehr+ zunächst auf das vorhergehende

+sitzen bleiben+, es soll aber den kommenden Folgesatz vorbereiten)

-- das ist zum erstenmal der volle, unvergleichliche +Beethoven+; und

angesichts dieser Stelle kann man es nur mit der Eile, mit der +er+

schrieb, entschuldigen, daß +Berlioz+ in dieser Sinfonie nur Haydnsche

Musik gesehen hat (hier bezieht jeder Leser das +er+, womit Berlioz

gemeint ist, zunächst auf Beethoven). Auch wenn geschrieben wird:

diese Urkunden +ändern+ das Bild, das man sich von jenen Sekten und

von der zu ihrer Vertilgung eingesetzten Inquisition gemacht hatte,

+nicht wesentlich+ -- die jetzige ritterschaftliche Vertretung besitzt

in ihrer Mehrheit das nötige Verständnis für die Aufgaben ihrer Zeit

+nicht+ -- Wien +hat den Ruhm+, unter allen deutschen Hauptstädten

zuerst eine Pflegstätte für das musikalische Lustspiel, die idyllische,

bürgerliche und lyrisch-romantische Oper zu besitzen, +nicht lange

genossen+ -- so liegt derselbe Fehler vor. Daß Wien den Ruhm nicht

lange genossen hat, erfährt der Leser zu spät; bis dahin hat er glauben

müssen, es hätte ihn überhaupt.

Abzuhelfen ist solchen Anstößen, wie man sieht, auf die verschiedenste

Weise, aber immer sehr leicht: ein denkender Schriftsteller wird

sich überall schnell zu helfen wissen, sobald er nur -- den Anstoß

bemerkt. Aber das ist eben das schlimme, daß der Schriftsteller selber

gewöhnlich solche Anstöße +nicht+ bemerkt, nur der Leser bemerkt

sie. Wie dem abzuhelfen sei? Vor allem dadurch, daß man sich beim

Lesen dessen, was andre geschrieben haben, überall da, wo man hängen

bleibt, darüber Rechenschaft gibt, warum man hängen bleibt, und dann

dergleichen vermeidet. Man kann es darin bei einigem guten Willen sehr

bald zu einer gewissen Fertigkeit bringen. Ein andres, sehr einfaches

Mittel ist, daß man nichts naß in die Druckerei gibt, sondern alles,

was man geschrieben hat, wenn auch nicht ~nonum in annum~, so doch

einige Tage lang beiseite legt und dann wieder vornimmt. In dieser

Zwischenzeit ist es einem gewöhnlich so fremd geworden, daß man von all

den Anstößen, die jeden andern Leser verletzen würden, selber verletzt

wird, sie also noch rechtzeitig beseitigen kann.

Auf jeden Fall sollten folgende stilistische Haus- und Lebensregeln

beobachtet werden: 1. schreibe Zeitwörter, nicht Hauptwörter! 2.

schreibe Hauptwörter, nicht Fürwörter! 3. schachtle nicht, sondern

schreibe Nebensätze! 4. schreibe laut! schreibe nicht immer bloß für

die Augen, sondern vor allem auch für die Ohren! Mit der Beobachtung

dieser Regeln und Ratschläge wird man freilich noch lange kein großer

Schriftsteller, aber ohne sie auch nicht. Die Schriftstellerei ist eine

Kunst, und jede Kunst hat ihre Technik, die gelehrt und gelernt werden

kann. Wie der Maler malen, so muß der Schriftsteller schreiben können,

und der geistvollste Schriftsteller kann sich um alle Wirkung bringen,

wenn er seine Leser aller Augenblicke durch Ungeschicklichkeiten und

lumpige technische Schnitzer stört und ärgert.

Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung

[Illustration]

[Illustration]

Die Stoffnamen

Zahllose Fehler und Geschmacklosigkeiten werden in der Wahl und der

Anwendung der Wörter begangen.

Alle Stoffnamen wie: +Wein+, +Bier+, +Blut+, +Eisen+, können von Rechts

wegen nur im Singular gebraucht werden, und so priesen denn auch früher

unsre Kaufleute nur ihren guten +Lack+ oder +Firnis+ an, auch wenn

sie noch so viel Sorten hatten. Von einigen solchen Wörtern hatte man

aber doch gewagt, den Plural zu bilden, um die Mehrzahl der Sorten

zu bezeichnen, und wir haben uns allmählich daran gewöhnt. Schon das

sechzehnte Jahrhundert kannte die Plurale: +die Bier+, +die Wein+, im

Faust heißt es: ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,

doch ihre +Weine+ trinkt er gern, und die Chemie und die Technologie

reden schon lange von +Ölen+ und +Fetten+. Neuerdings wird aber doch

diese Pluralbildung in unerträglicher Weise ausgedehnt; man empfiehlt

nicht nur +Lacke+, +Firnisse+, +Öle+ und +Seifen+, sondern auch

+Mehle+, +Grieße+, +Essige+, +Salate+, +Honige+, +Tabake+, +Zwirne+,

+Garne+, +Wollen+ (Strick- und Häkelwollen!), +Tuche+, +Seiden+,

+Flanelle+, +Plüsche+, +Tülle+, +Battiste+, +Kattune+, +Damaste+,

+Barchente+ -- +Tees+, +Kaffees+, +Kakaos+, +Buckskins+ usw. Diese

Formen, die die immer rücksichtsloser werdende Reklamesprache unsrer

Kaufleute geschaffen hat, haben etwas stammelndes, sie klingen wirklich

wie Kindergelall. Wenn auf diesem Wege weitergegangen würde, müßte man

in Zukunft auch +Wachse+, +Leime+, +Kalke+, +Porzellane+, ja sogar

+Fleische+, +Wurste+, +Korne+, +Glase+, +Stahle+ anpreisen können.

Denn +Würste+, +Körner+, +Gläser+, +Stähle+ (Plättstähle sagt man in

Leipzig) sind doch etwas andres, sie bezeichnen die einzelnen Stücke,

aber nicht die Sorten; ähnlich die +Kälke+, von denen die Gerber früher

sprachen. Die Geologen reden bereits von +Sanden+ und +Tonen+, statt

von Sand- und Tonarten. Wo ist die Grenze? Und wie will man überhaupt

eine Mehrzahl bilden von +Schiefer+, +Zucker+, +Obst+, +Milch+,

+Butter+, +Käse+, +Leinwand+, +Flachs+, +Spiritus+, +Petroleum+? Das

Bedürfnis, die verschiednen Sorten auszudrücken, ist doch bei diesen

Dingen gewiß ebenso stark wie bei andern. An der Firma einer Leipziger

Handlung steht: +Stahl aller Art+. Wie vornehm klingt das! Man freut

sich jedesmal, wenn man vorbeigeht. Wie dumm dagegen ist die Mehrzahl

+Abfallseifen+! Wenn es irgend etwas gibt, was man nicht in den Plural

setzen kann, so ist es doch das Sammelsurium, daß man als „Abfallseife“

bezeichnet.

Ein wunderliches Gegenstück zu diesen anstößigen Pluralen ist es, daß

von manchen Wörtern die Mehrzahl jetzt auffällig vermieden wird. Von

den schönen +Haaren+ einer Frau zu sprechen, gilt nicht für fein; nur

daß sie schönes +Haar+ habe, hört sie gern. Und beim Schneider bestellt

man sich nicht mehr neue +Hosen+ -- das wäre ja ganz plebejisch! --,

nein, eine neue +Hose+. Was will man denn aber mit +einer+ Hose?

Man hat doch zwei Beine, also wird man auch immer ein Paar +Hosen+

brauchen. +Hose+ bedeutet doch nur die zylinderförmige Hülse für +ein+

Bein. Vornehme Leute haben allerdings auch keine Beine mehr, sondern

nur noch Füße. Ich habe mich an den Fuß gestoßen, sagt die feine

Dame; wenn man sie aber nach der Stelle fragt, zeigt sie -- auf den

Oberschenkel.

Verwechselte Wörter

Nicht bloß Kindern, auch Erwachsenen, oft sogar recht „gebildeten“

Erwachsenen begegnet es, daß sie ein Wort in falschem Sinne gebrauchen

oder zwei Wörter oder Redensarten miteinander verwechseln oder

vermengen. Es fehlt ihnen dann an der nötigen Spracherfahrung. Sie

haben die Wörter noch nicht oft genug gehört, oder sie haben nicht

scharf genug auf den Zusammenhang geachtet, worin ihnen die Wörter

vorgekommen sind, und so verbinden sie nun einen falschen Sinn damit.

Es gibt Bücher über Shakespeares, Goethes, Schillers +Frauengestalten+.

Darunter hat wohl noch niemand etwas andres verstanden als die

Frauen in den Werken der drei Dichter. Vor kurzem ist aber ein Buch

erschienen: +Lenaus Frauengestalten+. Das behandelt „diejenigen (!)

Frauen, welche (!) bedeutsam (!) in das Leben und Werden (!) Lenaus

eingegriffen haben“. Wenn eine solche Begriffsverwechslung einem

Schriftsteller begegnet, dann kann man den Schenkwirten keinen Vorwurf

machen, wenn sie neuerdings mit Vorliebe auf die +kleinen Preise+

ihrer Speisekarte aufmerksam machen. Zwischen +Preis+ (~praemium~) und

+Preis+ (~pretium~) ist ein Unterschied. Große und +kleine Preise+

gibt es bei Preisausschreiben und Preisverteilungen; im Handel aber

gibt es nur hohe und +niedrige+ oder +billige+ oder +mäßige Preise+.

Man scheint zu glauben, daß man durch +niedrige+ Preise das Publikum

beleidige; Sängerinnen veranstalten schon Konzerte zu +volkstümlichen+,

sogar +populären+ Preisen.[154] In den Zeitungen kann man jeden Tag

lesen, daß ein Erkrankter oder ein Verunglückter in das oder jenes

Krankenhaus +eingeliefert+ worden sei. Welche Roheit! Ein Verbrecher

wird ins Gefängnis +eingeliefert+, nachdem er verhaftet worden ist,

aber doch nicht ein armer Kranker!

Oft verwechselt werden jetzt von Hauptwörtern: +Neuheit+ und

+Neuigkeit+, +Wirkung+ und +Wirksamkeit+, +Folge+ und +Erfolg+, von

Zeitwörtern: +zeigen+, +zeichnen+, +bezeichnen+ und +kennzeichnen+,

+verlauten+ und +verlautbaren+ u. a., von Adverbien: +regelmäßig+ und

+in der Regel+, +anscheinend+, +scheinbar+ und +augenscheinlich+,

+voran+ und +vorwärts+, +zumal+ und +besonders+.

+Neuheiten+ liegen in dem Schaufenster des Modewarenhändlers; in dem

des Buchhändlers liegen +Neuigkeiten+. Bis vor kurzem wenigstens ist

dieser Unterschied stets beobachtet und von literarischen Erzeugnissen

dasselbe Wort gebraucht worden wie von neuen Nachrichten: +Neuigkeit+.

Es hat einen geistigern Inhalt als +Neuheit+, und die Schriftsteller

sollten es sich verbitten, daß man ihre Erzeugnisse mit demselben Worte

bezeichnet wie die des Schneiders.

Von der +Wirksamkeit+ des Saxlehnerschen Bitterwassers zu reden ist

ebenso verkehrt, wie zu sagen: diese Maßregel verliert auf die Dauer

ihre +Wirksamkeit+. Der Pfarrer wirkt in seinem Amte, eine Maßregel

wirkt vielleicht im Verkehr, und das Bitterwasser wirkt in den

Gedärmen; aber nur der Pfarrer hat eine +Wirksamkeit+, die beiden

andern haben eine +Wirkung+.

Ebenso sinnwidrig ist es von dem +Erfolg+ zu knapper Mittel zu reden,

statt von den +Folgen+, denn ein +Erfolg+ ist etwas positives,

erfreuliches, zu knappe Mittel sind etwas negatives, unerfreuliches.

+Kennzeichnen+ ist sehr beliebt geworden, seitdem man es als Ersatz

für das Fremdwort +charakterisieren+ gebraucht. Es wird aber oft ganz

gedankenlos verwendet. Wenn geschrieben wird: welche Stellung er zur

Revolution einnahm, ist schon oben kurz +gekennzeichnet+ worden --

durch ihre Aussprüche +kennzeichnen+ sie ihre Zugehörigkeit zur stillen

Gemeinde -- wir haben das Buch als das +gekennzeichnet+, was es ist:

als eine Tendenzschrift -- der ungeheure Verbrauch von Offizieren muß

als ein Luxus +gekennzeichnet+ werden -- der Hauptraum, der als Halle

oder Kapelle +gekennzeichnet+ werden kann -- die ganze Kläglichkeit der

heutigen Handwerkspolitik hat Stieda trefflich +gekennzeichnet+ -- so

liegt auf der Hand, daß in den ersten drei Sätzen +zeigen+ (andeuten,

verraten, nachweisen), in den zwei nächsten +bezeichnen+, in dem

letzten einfach +zeichnen+ (schildern) gemeint ist.

+Verlauten+ ist ein intransitives Zeitwort und bedeutet: +laut werden+.

Es +verlautet+ etwas -- heißt: man erzählt es, man spricht davon.

+Verlautbaren+ dagegen (ein entsetzliches Kanzleiwort!) ist transitiv

und bedeutet: +laut aussprechen+, bekanntmachen. Ganz verkehrt ist es

also, zu sagen: es +verlautbart+ etwas.[155]

Sehr gern verwechselt werden auch +erhalten+ und +empfangen+: er

+empfing+ die Nachricht, daß sein Freund bankrott sei -- wenige Stunden

später +empfing+ Delbrück abermals ein Telegramm Bismarcks. Wenn man

Besuch +erhält+, so kann man ihn natürlich auch +empfangen+, entweder

freundlich oder höflich oder feierlich; aber Nachrichten, Briefe,

Telegramme, Geld usw. +erhält+ man, wenn es auch üblich ist, hinterher

den richtigen +Empfang+ anzuzeigen.

Falsch ist es auch, aber trotzdem sehr beliebt, reflexive Zeitwörter,

wie: +sich erheben+, +sich anschließen+, ihres rückbezüglichen Fürworts

zu berauben, sie als Intransitiva zu behandeln und zu schreiben: ein

Festaktus in der Aula mit +anschließendem+ Rundgange durch das Gebäude

-- die Versammlung bezeugte ihre Teilnahme durch +Erheben+ von den

Plätzen. Man erhebt +sich+, oder einfach: man -- +steht auf+!

+Regelmäßig+ ist dasselbe wie +immer+; +in der Regel+ aber ist nicht

dasselbe wie +immer+. Wer regelmäßig früh um fünf Uhr aufsteht, leistet

mehr, als wer es bloß in der Regel tut. Die Regel leidet eine Ausnahme,

die Regelmäßigkeit leidet keine.

Wenn eine Zeitung schreibt: die Herren verlebten einen +scheinbar+

ganz köstlichen Abend -- so ist das etwas ganz andres, als was der

Zeitungschreiber sagen will. Mit +scheinbar+ wird ein Anschein gleich

für falsch erklärt, mit +augenscheinlich+ wird er gleich für richtig

erklärt, mit +anscheinend+ wird gar kein Urteil ausgesprochen. Er

verzichtet +scheinbar+ auf einen Gewinn -- heißt: in Wahrheit ist

er ganz gierig darnach; er verzichtet +anscheinend+ -- heißt: es

kann sein, daß er verzichtet, es kann auch nicht sein; er verzichtet

+augenscheinlich+ -- heißt: er verzichtet offenbar.

+Voran+ bezeichnet einen Platz, und zwar den ersten Platz, die Spitze,

+vorwärts+ dagegen eine Richtung. Es ist also Gedankenlosigkeit oder

Ziererei, wenn jemand schreibt: Max Müller hat die Forschung in der

Sprachwissenschaft in keinem Punkte +voran+ gebracht. Gemeint ist:

+vorwärts+gebracht oder +gefördert+.

Durch +zumal+ erfährt eine Behauptung eine in der Sache selbst

liegende, also selbstverständliche Steigerung z. B.: die Urkunden

sind schwer lesbar, +zumal+ im siebzehnten Jahrhundert (wo man

überhaupt schlecht schrieb -- ist der Sinn) -- du solltest dich doch

sehr in acht nehmen, +zumal+ im Winter. Ganz unangebracht ist es

dagegen in folgendem Satze: als ich die Quellen zur Geschichte des

Bistums durcharbeitete, stieß ich, +zumal+ in zwei Handschriften des

fünfzehnten Jahrhunderts, auf zahlreiche Aktenstücke. Hier kann es nur

+besonders+ oder +namentlich+ heißen.

Keine Verwechslung, sondern bloße Ziererei ist es, für +erstens+ zu

schreiben +einmal+: ich muß das aus verschiednen Gründen ablehnen,

+einmal+ weil, +sodann+ weil usw. Wer darauf aufmerksam gemacht worden

ist, unterläßt das; es ist wirklich eine Abgeschmacktheit.

Nicht verwechselt, aber vermengt werden neuerdings fortwährend die

beiden Redensarten +einig sein+ und +sich klar sein+. +Einig sein+

über etwas können immer nur mehrere; +sich klar sein+ kann auch ein

einzelner. Ganz sinnlos aber ist das aus beiden zusammengeknetete

+sich einig sein+, das man jetzt täglich lesen muß: Protestanten und

Katholiken sind +sich+ in diesem Punkte +einig+ -- darin waren +sich+

zwei Männer von so verschiedner Art wie Freytag und Treitschke +einig+

-- die Völker andrer Zonen sind +sich+ darüber +einig+ -- die Ärzte

sind +sich+ schon lange darüber +einig+ -- in dieser Wahlparole sind

+sich+ heute alle völlig +einig+ -- die Reichsregierung ist +sich+

über die Höhe der Forderungen noch nicht +einig+ -- es handelt sich um

Maßnahmen, über die wohl die überwiegende Mehrheit +sich einig+ ist --

vor kurzem noch war man +sich+ in Kunstgelehrtenkreisen darüber +einig+

-- offenbar ist man +sich+ über gewisse Personenfragen noch nicht

+einig+ -- in der Forderung einer amtlichen, unanfechtbaren Darstellung

des Falles wird man +sich+ wohl überall +einig+ sein. Wenige

Sprachdummheiten haben sich in den letzten Jahren so seuchenartig

verbreitet wie dieses +sich einig sein+. Fort wieder mit dem törichten

+sich+![156]

Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit

Von manchen wird ein lebhafter Kampf gegen die Wörter auf +ung+

geführt. Sie klängen häßlich, heißt es, ja sie seien geradezu eine

Verunstaltung unsrer Sprache. Im Unterricht wird gelehrt, man solle

sie möglichst vermeiden. Irgend jemand hat sogar die witzige Bemerkung

gemacht, unsre Sprache mit ihren vielen +ung-ung-ung+ klinge wie lauter

Unkenrufe.

Das ist zunächst eine Übertreibung. Die Endung +ung+ ist tonlos

und fällt nicht so ins Gehör, daß sie, in kurzen Zwischenräumen

wiederholt, stören könnte. Wenn in dem heutigen Deutsch das Ohr

durch nicht schlimmeres verletzt würde als durch die Endung +ung+,

so wäre es gut. Ein Satz wie folgender: über die +Voraussetzungen+

zu einer +Schließung+ des Reichstags enthält die +Verfassung+ keine

ausdrückliche +Bestimmung+ -- hat gar nichts anstößiges. In lebendiger

Rede hört man es kaum, daß hier kurz hintereinander vier Wörter auf

+ung+ stehen. Hebt man freilich die Endung auffällig hervor, so kann es

wohl lächerlich klingen; aber auf diese Weise könnte man auch hundert

andre Spracherscheinungen lächerlich machen.

Nicht die Wörter auf +ung+ muß man bekämpfen, sondern eine immer mehr

um sich greifende garstige Gewohnheit, die dazu verleitet, eine Menge

wirklich häßlicher Wörter auf +ung+ zu bilden, darunter Ungetüme

wie: +Inbetriebsetzung+, +Außerachtlassung+, +Inwegfallbringung+,

+Zurdispositionstellung+, +Außerdienststellung+ u. a., die Gewohnheit,

eine Handlung oder einen Vorgang nicht durch ein Zeitwort auszudrücken,

sondern durch ein Substantiv in Verbindung mit irgendeinem farblosen

Zeitwort des Geschehens (mit Vorliebe +stattfinden+ oder +erfolgen+).

Da ist es aber nicht die Endung +ung+, die stört, sondern das

schleppende Wortungetüm, das damit gebildet ist, und der ganze

unlebendige Gedankenausdruck (vgl. S. 328). Wir haben vielmehr allen

Anlaß, die Endung +ung+ zu schützen, ja zu verteidigen gegen törichte

Neubildungen, die sich ihr an die Seite drängen wollen.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 27 / 41 段